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3  Vom Sammler und Jäger zum Ackerbauern

        Rieseberg-1988  

 

 

 

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In den USA sind heute nur noch 2% der Arbeitnehmer in der Landwirtschaft beschäftigt. 98% der Bevölkerung brauchen für den Erwerb der täglichen Nahrung also nicht mehr selbst zu arbeiten, sondern gehen Beschäftigungen nach, die nicht unmittelbar der Versorgung mit Lebens­mitteln dienen. Gleichzeitig verbraucht jeder US-Amerikaner z.Z. pro Kopf und Jahr rund 10 Tonnen Steinkohle­einheiten Energie. In 94 Ent­wick­lungs­ländern mit einer Bevölkerungszahl von 3,4 Milliarden Menschen sind z.Z. 63 % der Menschen in der Landwirtschaft tätig. Der Pro-Kopf-Energie­verbrauch dieser Länder beträgt 0,76 Tonnen Steinkohle­einheiten pro Jahr.

Wenn sich alle Bewohner der Erde so verhielten wie die US-Amerikaner, läge der Gesamtenergie­verbrauch bei 45 Milliarden Tonnen Stein­kohle­einheiten. Zur Zeit beträgt er bereits 8,6 Milliarden. Würde sich hingegen die Erdbevölkerung heute an dem Durchschnitt der Entwick­lungs­länder orientieren, so betrüge der Welt­energie­verbrauch nur 3,4 Milliarden Tonnen; das heißt, wir verbrauchten nur ein Drittel unserer heutigen Energie.

Rechnet man diese Energieverbrauchsdaten hoch auf das Jahr 2050 und eine dann vorhandene Einwohner­zahl von 9 Milliarden Menschen, so erhält man entweder einen Verbrauch von 90 Milliarden Tonnen — also das Zehnfache des heutigen Energieverbrauchs — oder einen Verbrauch von 6,8 Milliarden Tonnen. Zwischen diesen Extremen bewegt sich der Weltenergie­verbrauch in den nächsten 70 Jahren, wenn man davon ausgeht — und das ist wohl unabänderlich —, daß bis zum Jahre 2050 das Bevölkerungs­wachstum nicht zu bremsen ist.

Diese beiden Zahlen bedeuten, daß die industrielle Intensivlandwirtschaft der westlichen Zivilisation mit ihrem Minimum an Arbeits­kräften auf keinen Fall zum Muster für die Weltland­wirtschaft oder das Welt­beschäft­igungs­system werden darf. Die Umweltfolgen jeglichen Energie­ver­brauchs aus künstlichen Wärme­quellen schränken diesen Verbrauch so radikal ein, daß selbst der heutige Verbrauch noch wesentlich gesenkt werden muß, um ein Überleben der Menschheit zu garantieren.

Diese Forderungen erzwingen ein neues Konzept für die Beschäftigung der Erdbevölkerung. Hierbei nimmt die Landwirtschaft die Schlüsselstellung ein. Denn noch heute besteht fast die Hälfte der Erdbevölkerung aus Bauern; in den Entwicklungsländern beträgt ihr Anteil sogar zwei Drittel. Würden sich dort die Verhältnisse während der nächsten 70 Jahre ähnlich entwickeln wie in den Industrieländern während der letzten 70 Jahre, so müßten in allen anderen Regionen weltweit die gleichen Umweltprobleme auftreten wie in den Industrieländern. Dies bedeutet, daß der Zwang zum Handeln nicht bei den Entwicklungsländern, sondern bei den Industrie­ländern liegt. Nur wenn diese ihr Energieverbrauchsverhalten, ihre Landwirtschaft und ihre Industrie, kurz, ihre gesamte Lebensweise ändern, könnten die Weltklima- und Versorgungs­probleme gelöst werden. Dabei geht es nicht um die Glaub­würdigkeit der Fortschrittsdenker, sondern ums nackte Überleben.

Bevor die Industrieländer eine Revision ihrer heutigen Lebensweise anstreben können, müssen sie sich erst einmal auf die Anfange unserer heutigen Zivilisation besinnen und — im Nachvollzug des permanenten Fortschritts bis zu unserer heutigen Energieverschwendungsgesellschaft — auch erkennen, welche Irrwege und Sackgassen diese im Laufe ihrer Geschichte beschritten hat.

Wir halten die Entwicklung des Ackerbaus für eine der größten Errungenschaften des Menschen, weil wir glauben, nur dadurch in der Lage zu sein, die heutige Erdbevölkerung ausreichend ernähren zu können. Darüber hinaus leiten wir alle grundlegenden technischen Errungenschaften — Rad, Pflug, Transport­systeme, Häuser, Kleidung, Heizung, Maschinen, Städte und vieles andere — von diesem Fortschritt ab. Dabei ist gerade dieser Schritt im zeitlichen Vergleich zur gesamten Menschheitsgeschichte jüngsten Datums. Menschen existieren bereits seit mindestens 2 Millionen Jahren, doch sie betreiben erst seit 10.000 Jahren Ackerbau. Die industrielle Revolution fand erst vor 200 Jahren statt.

Teilen wir — der Anschaulichkeit halber — die gesamte Menschheitsgeschichte in einen Tag von 24 Stunden auf, so haben wir genau um 23:53:00 Uhr mit dem Ackerbau begonnen und die Industrialisierung der Welt begann um 23:59:52 Uhr (= 23 Uhr, 59 Minuten, 52 Sekunden).

Vor der Entwicklung des Ackerbaus ernährte sich der Mensch als Sammler und Jäger von seiner natürlichen Umgebung. Wir verbinden diese Zeit mit der irrigen Vorstellung, die Menschen damals seien "primitive Steinzeit­bewohner" gewesen. Demnach müßte man von der 24stündigen Geschichte der Menschheit 23 Stunden und 53 Minuten für absolut vergebens, sinnlos, finster und archaisch halten. Und nur sieben Minuten wären für uns relevant. Dabei könnten wir — betrachten wir beispielsweise unseren heutigen horrenden Energieverbrauch — gerade von dem "langen Rest" der menschlichen Entwicklungs­geschichte so unendlich viel lernen.

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Unser Wissen über die Lebensweise der Sammler und Jäger ist heute viel umfangreicher als noch im vorigen Jahrhundert, in dem die systematische Erforschung des steinzeitlichen Lebens erst begann. Die Forschungs­ergebnisse geben uns ein sehr anschauliches Bild von der Lebensweise der Sammler und Jäger. Bevor man in seinem Auto einen Aufkleber "Steinzeit, nein danke!" anbringt, sollte man sich erst einmal mit der Lebensweise der Vorzeit-Menschen ausein­andersetzen. Der Besuch eines Völkerkundemuseums könnte dafür erste Informationen geben und Anschauungsmaterial bieten.

In seiner aufschlußreichen Schrift <Materielle Kultur der Gilbert-Inseln> beschreibt Gerd Koch die materiellen Lebens­bedingungen von Menschen, die denen im Neolithikum sehr ähnlich sind. Dabei fällt auf, daß bei der Bewertung dieser Lebensweisen immer wieder heutige Maßstäbe angelegt werden. 

Koch schreibt:

"Charakteristisch für dieses Land — das zu den unwirtlichsten Gebieten unserer Erde zählt — sind weite Sandflächen in den Uferregionen (besonders der Passagen zwischen den Eilanden), auf denen nur eine äußerst anspruchslose Vegetation (z.B. der Salzbusch Pemphis acidula Forst.) gedeiht. Die Pflanzenwelt dieser äquatorialen Atolle ist artenarm. Doch jenseits der Uferregionen sind die Inseln von dichten Kokospalmwäldern überzogen, die auch von Pandanuspalmen und anderen typischen Pflanzen der Atollvegetation durchsetzt sind.

In der Wirtschaftsweise dieses Volkes ist - jedenfalls auf den von uns untersuchten "trockenen" Atollen Nonouti, Tahitcuea und Onotoa — eine starke wildbeuterische Komponente unverkennbar. Hinsichtlich ihrer alltäglichen Ernährung sind die Gilbertesen überwiegend Nahrungssammler. Ihre Lebensfürsorge ist im wesentlichen das Erbeuten von wildlebendem Getier und das Abernten von Pflanzen, um deren Pflege man sich nicht sonderlich kümmert. Die pflanzerische Tätigkeit für die alltägliche Ernährung ist nur gering. Die übliche Kost besteht zumeist aus Meeresfauna und dem Fruchtfleisch der Kokosnüsse. Die Wirtschaftsweise wie die materielle Kultur mit ihrer z.T. unnötig schlichten Umwandlung von Naturprodukten in Verbrauchs- und Gebrauchsgüter zeigen eine sinnige, mühesparende und vom Gleichmut getragene Anpassung an eine höchst unwirtliche Umwelt.

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Im Gegensatz zu der z.T. recht primitiven Ausrüstung stehen indessen die großartigen Versammlungshäuser, die zu den umfangreichsten Bauten Ozeaniens zählen und beachtenswerte Leistungen auf diesen nutzholzarmen Eilanden repräsentieren, wie auch die innerhalb des mikronesischen Schemas entwickelten, perfekt konstruierten Segelboote (die zu den schnellsten motorlosen Wasserfahrzeugen der Völker unserer Erde gehören) Musterbeispiele bester Handwerkskunst sind, die infolge der augenscheinlichen Anspruchslosigkeit der Bevölkerung nicht auf allen Gebieten des täglichen Lebens Anwendung fand. Bemerkenswert sind auch die kunstvoll geflochtenen, oft mit unterschiedlichen Musterungen auf beiden Seiten versehenen Schlafmatten, die mit ihren Ornamentierungen z.B. alle vergleichbaren westpolynesischen Flechtarbeiten weit übertreffen." 1)

 

Die Beschreibung der frühen Sammler- und Jägerkulturen mit ihrer energiewirtschaftlich hoch entwickelten Technologie läßt sich beliebig fortsetzen. Die Bewohner der Gilbert-Inseln haben sehr wenig Nutzholz und entwickelten perfekt konstruierte Segelboote, die zu den schnellsten motorlosen Wasserfahrzeugen der Völker unserer Erde gehören.

An einer anderen Stelle wird dargestellt, daß die tägliche Nahrung immerhin eine Variationsbreite von 82 Alltagsspeisefolgen umfaßt. Zur Zubereitung der Nahrung benutzen die Gilbertesen bereits das Feuer, verwenden es aber sehr sparsam, so daß Brände in ihrem begrenzten Lebensraum keine Zerstörungen anrichten können. Interessant an der Schilderung ist die Bewertung, die der Forscher teilweise mit einfließen läßt. So wird von "unnötig" schlichter Umwandlung von Nahrungsprodukten und von einem "unwirtlichen" Lebensraum gesprochen.

Obwohl das Gebiet ideale klimatische Bedingungen sowohl für den Lebensunterhalt der Menschen als auch für ihren Energieverbrauch bietet, wird einerseits von mühesparender und andererseits von mit Gleichmut getragener Anpassung an eine höchst unwirtliche Lebenswelt gesprochen. Wenn man einmal davon ausgeht, daß es sich bei den dort existierenden Kulturen im Vergleich zu unserer hochzivilisierten Lebensweise um einen Extremfall handelt, und man andererseits einmal überlegt, daß unsere Speisenvarianten immer dürftiger, unser Lebensraum und unser Kreativitätshorizont immer beschränkter werden, so fragt man sich, warum wir zur Erhaltung unserer Existenz eine immense Naturzerstörung anrichten und wieviel mehr an Lebensqualität wir uns dadurch geschaffen haben.

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Nun könnte man einwenden, daß das Bevölkerungswachstum einfach eine solche Lebensweise erzwungen hat. Aus den vorliegenden Berichten über die Gilbert-Inseln geht aber hervor, daß die Bewohner in einem sehr dicht besiedelten Gebiet leben und ihre Lebensweise nur in der Anpassung an die sie umgebende Natur gefunden haben. Betrachtet man die Überlebenschancen der Menschheit, so bietet die Lebensweise der Gilbertesen und ihr Umgang mit Energie ein akzeptables Modell für eine künftige Entwicklung.

Dieses Beispiel zeigt, daß unser Überleben nicht dadurch zu sichern ist, daß wir mehr Energie und mehr Ressourcen verbrauchen, sondern uns an früheren Lebensformen orientieren und eine sinnvolle Anpassung älterer Lebensformen an unsere heutigen Bedingungen vornehmen müssen. Beim Gang durch die Geschichte der Entwicklung des Energieverbrauchs werden mehrere solcher Lebensformen aufgespürt werden.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Stammesangehörigen eines solchen "primitiven" Stamms wie dem der Gilbertesen etwa zwei Tage in der Woche mit dem Nahrungserwerb beschäftigt sind. Die übrige Zeit verbringen sie mit anderen Tätigkeiten, welche die Gesellschaft fordert, oder sie können sich ausruhen. Danach ist also für einen Ernährer auf altsteinzeitlicher Kulturstufe die Relation zwischen der aus der Nahrung gewonnenen Energie und der Energie, die er zur Nahrungserzeugung aufwendet, sehr gut.

Im Durchschnitt benötigte also der Sammler und Jäger für den Erwerb seiner Nahrung pro Woche zwei Tage zu jeweils acht Stunden. Er verbrauchte pro Stunde rund 100 Watt Körperkraft, woraus sich eine aufgewendete Gesamtenergie von 2x8x100 = 1,6 kWh ergibt. Mit diesem Energieaufwand ernährte er vier Personen sieben Tage lang, gewann damit also eine Gesamt­energie von 4x7x24x100 = 67,2 kWh. Das Verhältnis von Energiegewinn zu Energieaufwand betrug demnach 40:1, was heißt, daß aus jeder aufgewendeten Kalorie 40 Nahrungskalorien wurden. Dieses absolut sensationelle Wirkungsverhältnis ist seitdem — trotz aller technischen Neuerungen, die der Mensch erfand — nie wieder erreicht worden.

Unsere moderne Ernährungsweise ist in höchstem Maße ein Energieverlustbetrieb, was bedeutet (wie im folgenden noch nachgewiesen werden soll), daß seit der Zeit der Sammler und Jäger der sog. Fortschritt in der Produktion von Nahrungsmitteln eigentlich ein permanenter Rückschritt ist.

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Die energieintensivste und wirksamste Phase der Menschheit liegt also nicht am Ende der Fortschritts­entwicklung sondern an ihrem Anfang. Vor ca. 10.000 Jahren gaben zahlreiche Erdbewohner diese höchst effektive Energieverbrauchsform auf. Sie begannen Ackerbau zu betreiben und entwickelten eine Art Gartenbau. Dieser bestand darin, daß zahlreiche Pflanzen "kultiviert" wurden, und man versuchte, möglichst viele und unterschiedliche Pflanzen auf relativ engem Raum und zu verschiedenen Zeiten zum Reifen zu bringen. Auch damals war der Arbeitsaufwand für die Bestellung der Felder und das Ernten immer noch relativ gering. Das heißt, vom Standpunkt der Energieeffektivität gesehen war dieser erste Hackackerbau in Form einer Gartenkultur noch ziemlich günstig.

Problematisch wurde die Sache erst, als der Mensch begann, den Pflug zu entwickeln, größere Flächen zu bestellen und das Land intensiver zu bewirtschaften. Dies war die eigentliche Geburtsstunde des Ackerbaus. Von nun an mußten die Menschen immer mehr Energie aufwenden, um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern. Durchläuft man die verschiedenen Stufen der Entwicklung des Ackerbaus bis heute, so ergibt sich folgendes Effektivitätsmaß für die moderne industrielle Landwirtschaft: Wir benötigen heute, um 1 kcal Nahrung in Form von Getreide herzustellen, 1 kcal Fremdenergie oder — wollen wir denselben Anteil Nahrung als Mastgeflügel haben — einen Aufwand von 10 kcal, um 1 kcal zu gewinnen.

 

Die entscheidende Frage, die man angesichts dieses Mißverhältnisses stellen muß, ist: Was trieb den Menschen eigentlich dazu, das Sammeln und Jagen aufzugeben bzw. die immerhin noch relativ effektive Gartenbaukultur durch die uneffektive Ackerbaukultur abzulösen.

Die herrschende Meinung der Wissenschaftler geht davon aus, daß es sich bei dieser Entwicklung — vom Sammler und Jäger zum Ackerbauern — um einen Fortschritt gehandelt hat. Nach einer gewissen Zeit haben sich alle Menschen diesem Fortschritt angeschlossen, so daß die gesamte Menschheit in ihrer Entwicklung eine Stufe des Fortschritts nach der anderen erklommen hat. Mir scheint aber nachweisbar zu sein, daß verschiedene Gesellschafts- und Produktionsformen zu allen Zeiten gleichzeitig existierten. Das heißt, die historische Entwicklung, die wir aus der Entwicklung der Sammler und Jäger zum Ackerbauern ableiten und als Fortschritt bezeichnen, ist kein realer, wissenschaftlich nachweisbarer, durch die Entwicklung der Produktivkräfte notwendig bedingter Prozeß, sondern nur ein von uns erfundenes, theoretisches Modell.

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Dieses widerspricht im Grunde naturgegebenen, vernünftigen Verhaltensweisen des Menschen, wie an einem einfachen Beispiel erläutert werden soll: Der Landwirt der Jungsteinzeit hat erstmals systematisch Pflanzen angebaut, deren Früchte er ernten wollte. Dabei wählte er zweckmäßigerweise Pflanzenarten, die besonders viele Früchte trugen, ihm gut schmeckten und die seinem Wohlbefinden, seiner Gesundheit zu bekommen schienen. Dabei ging er sorgsam mit dem Boden um, griff möglichst wenig in den pflanzlichen Haushalt ein und versuchte — durch den Anbau mehrerer Arten nebeneinander — eine ökologisch sinnvolle Landwirtschaft zu betreiben.

Das Erstaunliche an diesem Vorgang ist, daß das Energieverhältnis, das heißt das Verhältnis von aufgewendeter zu gewonnener Energie, gleich blieb. Der Ackerbau war also vom energiewirtschaftlichen Standpunkt aus nicht effektiver als das Sammeln und Jagen. Bleibt die Frage, was den Menschen dazu veranlaßte, diese vernünftige Wirtschaftsform zu verlassen, um sich eine weniger effektive anzueignen.

Auch oder gerade weil die Arbeit heute im Mittelpunkt des menschlichen Lebens steht, gibt es viele Zeitgenossen, die sich wünschen, von der Notwendigkeit des täglichen Nahrungserwerbs befreit oder wenigstens partiell entlastet zu sein. Man sehnt sich danach, freier und "lustvoller" leben zu können, das heißt, den Lebensunterhalt zeitlich unabhängiger zusammentragen zu können, weniger abhängig zu sein von organisatorischen Fakten, die jede geregelte Tätigkeit mit sich bringt.

Dem Unterschied zwischen Sammler und Jäger (die zwar ab und zu Mühe hatten, das zu finden, was sie gerade begehrten, die aber viel weniger in zeitliche und jahreszeitliche Zwänge eingebunden waren) und dem Ackerbauern ist vergleichbar der Unterschied zwischen der Energieverbrauchsbilanz des Sammlers und Jägers und der des Ackerbauern.

Bis vor kurzem waren sich die meisten Wissenschaftler darüber einig, daß die Sammler und Jäger ein unsicheres Leben, immer am Rande des Hungertodes, geführt haben. Nichts drückt dies treffender aus als die Bemerkung des englischen Philosophen Thomas Hobbes aus dem 17. Jahrhundert, wonach das Leben der Naturmenschen "gefährlich, triebhaft und kurz gewesen" sei. Erst in jüngster Zeit erkannten einige Archäologen und Anthropologen — sowohl durch die Beobachtung zeitgenössischer, noch lebender Sammler- und Jägergesellschaften als auch durch die Erforschung historischer Lebensformen —, daß das Leben der Urzeit-Menschen durchaus angenehm gewesen ist. Diese lebten genügsam, manchmal bedroht von Tieren, doch ihr Dasein war voller Abwechslung.

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Der Aufwand für den täglichen Nahrungsunterhalt erforderte weit weniger Zeit als der des heutigen, ›zivilisierten‹ Menschen mit seinem 7- bis 8stündigen Arbeitstag. Darüber hinaus wächst bei allen Archäologen und Anthropologen die Erkenntnis, daß auch der Mensch der Frühzeit schon sehr hohe kulturelle Ansprüche entwickelte und erfüllte, ohne daß er dafür übermäßig hohe Arbeitsleistungen erbringen mußte.

Ältere Theorien zur menschlichen Entwicklungsgeschichte gehen davon aus, daß der Übergang zum Ackerbau durch Klimaveränderungen erzwungen wurde. Gestützt wurden diese Theorien vor allem durch die Untersuchungen des Briten Jordan Child in den dreißiger Jahren, der sich in diversen Studien mit den eiszeitlichen Lebensformen der Menschen beschäftigt und dargelegt hat, daß durch das Ende der Eiszeit fruchtbare Gebiete, die bis dahin von den Gletschern bewässert wurden, austrockneten, so daß die Menschen gezwungen waren, Bewässerungsanlagen zu bauen und sich in Gebiete zurückzuziehen, die noch ausreichend Wasser und Nahrung boten. Damit seien die Gebiete in den Flußtälern, wie Euphrat, Tigris, Nil u.a., zu Rückzugsbereichen der Menschheit geworden, und die Bevölkerung sei dort plötzlich angestiegen. Dies habe zur Entwicklung des Ackerbaus geführt, da die natürlichen Nahrungsreserven nicht mehr ausreichten.

Gegen diese Theorie wandte sich in den fünfziger Jahren zum erstenmal Robert J. Braidwood von der Universität Chicago. Er entdeckte einen Widerspruch zwischen dem ersten Auftreten des Ackerbaus und dem Zustand der Gebiete, in denen er betrieben wurde. Schon damals war bekannt, daß die frühesten Ackerbaukulturen in Persien und im Irak lagen, in Gebieten also, die weder unfruchtbar noch übervölkert waren. Diese an sich einfache Erkenntnis veranlaßte Braidwood zu einer neuen Theorie über die Entwicklung des Ackerbaus. Um diese Theorie empirisch abzusichern, bereitete er sehr sorgfältig eine Expedition in den Irak vor, wo er seine Annahmen überprüfen wollte.

Ab 1948 grub Braidwood im Irak, 50 km östlich von Kirkuk und 220 km von Bagdad entfernt, eine prähistorische Siedlung aus, ca. 10.000 bis 12.000 Jahre alt, und fand den Beweis für seine These zur Entwicklung des Ackerbaus: Er fand — innerhalb von menschlichen Behausungen — Samen von Getreidesorten, die den Wildpflanzen sehr ähnlich waren. Darüber hinaus entdeckte er eine größere Zahl von Mörsern und Stößeln zum Zerkleinern des Getreides, Sichelklingen, Feuersteine, Hacken und andere Werkzeuge, die zum Anbau von pflanzlichen Nahrungsmitteln benutzt wurden.

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Nach langwierigen und sorgfältigen Grabungen und Forschungen konnte Braidwood genau erklären, wann, wo und wie Menschen zum erstenmal auf dieser Erde als Bauern seßhaft geworden sind und Ackerbau betrieben haben. Inzwischen haben auch andere Forscher parallel dazu Entdeckungen in verschiedenen Teilen Afrikas gemacht. Im Laufe seiner Untersuchungen wurde Braidwood klar, daß die Menschen damals ihre traditionelle Lebensweise, die ihnen viel Freiheit und Muße ermöglicht hatte, ohne daß sie Mangel litten, gegen eine neue Lebensweise eintauschten, die von ihnen Seßhaftigkeit und wesentlich mehr Arbeit verlangte und ihnen einen Teil ihres beschaulichen Daseins raubte.

Nach Abschluß seiner dreißigjährigen Tätigkeit konnte Braidwood die Fragen, wo, wann und wie der Mensch den Ackerbau entwickelt hatte, beantworten. Die Frage nach dem "Warum" blieb allerdings offen. Doch Braidwood ging immerhin so weit, zu konstatieren, daß es zwingende Gründe gegeben haben müsse, obwohl er diese weder in den natürlichen Bedingungen der Umgebung noch in Naturkatastrophen noch in Mangelerscheinungen oder in anderen physischen Ursachen entdecken konnte.

Die Schlußfolgerung Braidwoods und anderer Forscher, die behaupten, daß es zwingende Gründe für die Entwicklung des Ackerbaus gegeben haben müsse, ist nur aus dem einseitigen, ausschließlich naturwissen­schaftlich orientierten Denken erklärbar, das die westliche Zivilisation seit Descartes zum Maß aller Dinge erhebt. Das Ursache-Wirkung-Prinzip des französischen Philosophen Rene Descartes und dessen Diktum, "Ich denke, also bin ich", begründeten das streng rationalistische Denken des Abendlandes, das noch heute Grundlage naturwissenschaftlicher Forschung ist.

An diese Tradition anknüpfend, wird auch die Entwicklungsgeschichte des Menschen und die so epochale Frage wie die nach der Entstehung des Ackerbaus auf rein rationale Erklärungen zurückgeführt. In dieser rationalistischen Tradition des Denkens stehend, erscheint es uns unerträglich, zu akzeptieren, daß der Mensch den Ackerbau aus Spaß und Lust, das heißt aus rein irrationalen Motiven entwickelt haben soll.

Ich will dies durch ein weiteres Gedankenexperiment deutlich machen: Wenn spätere Generationen heraus­finden wollen, warum die Menschen im 20. Jahrhundert wider alle Vernunft Kernkraftwerke gebaut haben, so werden sie dafür keine vernünftige Erklärung finden können; denn wenn man es genau betrachtet, wird man feststellen, daß wir schon heute mit Energie weit überversorgt sind, nämlich so weit, daß wir 75 bis 95 % der Primärenergie verschwenden.

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Dennoch werden nachfolgende Generationen, falls auch sie so denken sollten wie die Mehrheit unserer Zeitgenossen, zu dem Schluß kommen, daß wir zwingende Gründe gehabt haben müssen, Kernkraftwerke zu errichten, obwohl wir alles über die damit zusammen­hängenden Risiken wußten. Und als "zwingender Grund" kann dann eigentlich nur ein bestehender oder drohender Energiemangel angenommen werden.

Am Anfang der Entwicklung unserer heutigen Zivilisation stand also bereits der erste Schritt in eine falsche Richtung, nämlich hin zur Entwicklung einer energieintensiven Technik. Wenn wir dies begriffen haben, werden wir auch erkennen, daß und wie der Mensch im Laufe der letzten 10.000 Jahre diesen Weg nach und nach verfolgt hat, wobei er sich nicht nur auf ein höheres Energie­verbrauchs­niveau, sondern auch in immer größere Abhängigkeiten begab, das heißt seine natürliche Umgebung immer mehr schädigen mußte, um das Niveau des Energieverbrauchs entweder zu halten oder zu erhöhen.

Diese Entwicklung ist nicht auf einen Mangel zurückzuführen, ihre Ursachen liegen nicht ausschließlich im Bereich des Rationalen — ebensowenig wie die Konstruktion eines Raumfahrzeuges nicht zwangsläufig das Produkt der rational begründeten Entscheidung eines Wissenschaftlers sein muß, sondern auch die Realisierung einer — im wahrsten Sinne des Wortes — verrückten Idee sein kann. Wenn diese später dazu beiträgt, Satelliten, Waffen oder Menschen in den Weltraum zu transportieren, so wird sie dadurch nicht vernünftiger, sondern schafft sich lediglich nachträglich eine Begründung.

Zahlreiche gängige Theorien haben also einen grundsätzlichen Mangel: Sie versuchen nicht, den jeweils wahren Ablauf eines Geschehens zu erklären, sondern dienen sehr oft als Rechtfertigung des menschlichen Handelns innerhalb der vergangenen 200 Jahre. Denn sämtliche der erwähnten Theorien stammen aus dieser Zeit und haben nur ein Ziel: zu beweisen, daß die Intensivlandwirtschaft im Industriezeitalter die einzige Möglichkeit ist, das Überleben der Menschheit zu garantieren. Die Vertreter dieser Lehre sagen, daß nur durch steigenden Energieeinsatz, durch mehr Kunstdünger, mehr Pflanzenschutzmittel eine Erhöhung der Erträge erreicht werden kann.

 

Bleibt zu erklären, warum die Menschen den entscheidenden Schritt zur Ackerbaukultur unternahmen. 

Würde man mit einem Menschen von damals darüber diskutieren können und ihn fragen, warum er eigentlich die schwere und mühevolle Arbeit des Ackerns, Pflanzens, Erntens und Lagerns auf sich nehme, wo er doch bisher mit dem Sammeln und Jagen so große Erfolge gehabt habe und alle Lebensmittel in genügender Menge ohne diesen großen Aufwand zur Verfügung stünden,

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so hätte man wahrscheinlich die Antwort bekommen, daß im Augenblick zwar noch alles zur Verfügung stehe, es aber sein könne, daß irgendeine Naturkatastrophe den größten Teil der Nahrungsmittel vernichte. Im Augenblick sei das Ganze noch ein sehr neues Verfahren, alles sei noch sehr mühsam, es müßten auch noch einige Maschinen dafür entwickelt und ein Zaun um das Feld errichtet werden. Außerdem müßten das Saatgut verbessert, die Pflanzen, die die Saat beeinflußten, vernichtet werden usw. usw. 

Wenn aber all diese Anfangsschwierigkeiten überwunden seien, werde er, der Ackerbauer, bald nur noch ernten und nur noch wenig Mühe für den Ackerbau aufwenden müssen. Aber, könnte man entgegnen, der Sammler und Jäger verfüge doch für seine Ernährung über eine Vielfalt von Früchten und Tieren, während der Ackerbauer nur ganz wenige Getreidesorten und noch dazu solche von schlechter Qualität habe.

Wahrscheinlich hätte der Ackerbauer irgendwann gesagt, ihm sei die ganze Diskussion zuviel, die Menschen seien eben dumm und würden sich gegen den Fortschritt wehren. Aller Anfang sei schwer. Würden die neuen Verfahren erst einmal funktionieren, brächten sie nachher so hohe Erträge, daß künftig die Sammler und Jäger bei ihm, dem Ackerbauern, Nahrung eintauschen würden. Damit hätte er sich wieder seinem Feld zugewandt und weitergearbeitet. 

So in etwa könnte es sich abgespielt haben. Die ganze Diskussion würde den Ackerbauern vermutlich sehr verärgern, denn man zweifelt ja an der Fortschrittlichkeit seines neuen Systems. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als diese Zweifel zu beseitigen, indem er durchhielt. Er konnte nicht einfach wieder zurückkehren zu den alten bewährten Systemen, da der Mensch ja ein fortschrittliches Wesen ist. Es ging nun nicht mehr darum, günstig Nahrung zu gewinnen oder zu erzeugen, sondern darum, ein System, das entwickelt worden war, durchzusetzen.

So nahm die neolithische Revolution ihren Lauf. Die ersten Ackerbauern hatten natürlich zunächst größere Schwierigkeiten mit ihren Feldern, weil die Pflanzen noch keine guten Ernten erbrachten. Sie mußten also die Anbaugebiete vergrößern und fielen daher zwangsläufig in die Jagd- und Sammelgebiete der Jäger ein, so wie die Siedler in Amerika später in die Gebiete der Indianer. Zum anderen wurde die Nahrung der Ackerbauern eintöniger, denn sie mußten sich auf eine begrenzte Zahl von Nutzpflanzen beschränken. Zu diesen gehörte das Getreide, das relativ schnell rentable Züchtungsergebnisse bringt. Getreide ist aber für die menschliche Ernährung nicht unmittelbar geeignet, sondern muß weiterverarbeitet werden.

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Der Ackerbauer mußte also ein neues Gerät entwickeln, zunächst einen Mörser, in dem man das Getreide zerstampfte, später eine Mühle, und schon hatte er eine neue Energieverbrauchsform entwickelt. Er brauchte Antriebsenergie. Um diese zu erhalten, mußte natürlich mehr Nahrung erzeugt werden. So entstand ein Prozeß, der eine eigene Dynamik entwickelte: Eine Energieverbrauchsform erzeugt immer eine neue Energieverbrauchsform, sobald man natürliche Beziehungssysteme verläßt. Daraus resultierte eine Kettenreaktion von Verarbeitungsweisen: Das Getreide mußte geerntet, gelagert und konserviert werden. Es mußte transportiert werden, also wurde Transportenergie benötigt Werkzeuge mußten entwickelt, Schutz- und Lagerräume erbaut, und der Mensch mußte seßhaft werden. 

Als Sammler und Jäger konnte er je nach Jahreszeit und Nahrungsanfall die Gebiete wechseln, in denen er sich aufhielt; das konnte der Ackerbauer nicht mehr. Dieser mußte für seine Wirtschaftsform ein sehr differenziertes System von Werkzeugen und Einrichtungen entwickeln, die ihn zwangsläufig dort festhielten, wo er seinen Ackerbau betrieb. Er war gezwungen, Häuser zu bauen und zu heizen. Bisher hatte der Ackerbauer aber nichts anderes gewonnen als Nahrung, und die hatte eigentlich der Sammler und Jäger auch. Aber er hatte nun etwas erreicht, was ihn über den Sammler und Jäger hinaushob: Er hatte Vorräte gewonnen, die er für etwas anderes verwerten konnte als nur zum Essen; er hatte Tauschgegenstände, mit denen er für seine erzwungene Seßhaftigkeit Äquivalente schaffen konnte. Die Erlebniswelt des Sammlers und Jägers war jedoch ungleich größer als die des Ackerbauern, der dieses Manko durch materielle Güter kompensieren mußte.

Für all diese Aufwendungen brauchte er Energie. Diese Energie bezog er noch aus dem Naturhaushalt, d.h. als Sonnenenergie. Er begann aber schon, in seiner näheren Umgebung erste Formen des Raubbaus zu entwickeln, und er entwickelte unbewußt die Ideologie des Fortschritts, wobei Fortschritt das ist, was man noch nicht hat, was man aber zu erreichen hofft.

Um Fortschritt zu erreichen, mußte man jedoch arbeiten, d.h. Energie verbrauchen. Und weil die Arbeit immer schwerer und mühsamer wurde — denn man mußte ja erst einmal die Maschinen und Geräte entwickeln und bauen, um das ganze komplizierte System in Gang zu bringen —, suchte man schon bald nach neuen Energiequellen, um sich die selbstauferlegte Arbeit zu erleichtern. Eine weitere Energieform wurde benötigt: Zug- und Transportenergie. Gleichzeitig entwickelte sich die Vorstellung, daß der Ertrag des Bodens durch dessen Bearbeitung steige.

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Durch die Entwicklung des monokulturellen Ackerbaus wurde jedoch die ursprüngliche Vielfalt der verschiedenen, miteinander lebenden Pflanzen vernichtet und der Nährstoffhaushalt des Bodens entscheidend gestört. Um diesen Mangel auszugleichen, wurde die Bodenbearbeitung durch Hacken und Pflügen und später durch immer stärkere Düngung und Schädlingsbekämpfung intensiviert. Doch je mehr der Boden durch Pflügen aufgerissen wird, desto schwerer wird auch die Arbeit und um so mehr Energie muß pro Jahr aufgewendet werden, um einen gleichmäßigen Ertrag zu erhalten. 

Durch das Ackern wird die Erdkrume den zersetzenden Wirkungen von Wind und Wasser preisgegeben. Die Erde wird weggeweht und ausgewaschen, und die Nährstoffe gehen verloren. Andererseits kann man große Mengen von Getreide und anderen Monokultur-Früchten nur in geschlossenen Feldeinheiten und durch intensive Bearbeitung ernten. Die Entwicklung des Pfluges ist also eine der verhängnisvollsten Errungenschaften der menschlichen Zivilisation; sie dezimiert den möglichen Ertrag auf allen landwirtschaftlichen Flächen der Erde.

"Die große wirtschaftliche Besonderheit der Indogermanen und der germanischen Völker im besonderen ist das überaus starke Übergewicht der Pflugkultur. Nirgends erscheint so einseitig wie hier das ganze wirtschaftliche Dasein auf den Pflug und die damit unzertrennlich verbundene Viehzucht gestellt. 

Auch jetzt, nachdem der Bestand an Kulturpflanzen aller Art mächtig erweitert worden ist, besteht dieses Übergewicht noch immer fort. Es unterscheidet die Landwirtschaft Europas und seiner Ackerbaukolonien aufs schärfste von anderen Systemen, die zwar den Pflug ebenfalls in sich aufgenommen haben, aber ihm bei weitem nicht dieselbe Vorherrschaft einräumen, vielmehr wie in China zu einer entschieden intensiveren Bodenbenutzung, zur Gartenkultur, fortgeschritten sind

Auch im Volks­empfinden lebt, wenigstens beim deutschen Bauernstand, die innige Vorliebe für die Pflugwirtschaft offenbar noch weiter. Alle damit zusammenhängenden Verrichtungen sind mit einer besonderen, zum Teil fast religiösen Weihe umgeben; das Pflügen selbst und namentlich das Säen gehören zu den vornehmsten landwirtschaft­lichen Beschäftigungen, an denen sich der Herr des Hofes mit Stolz beteiligt. Am Pflugland hängt das Herz des Bauern, und keine andere landschaftliche Schönheit findet Gnade vor seinen Augen, als die des weiten, ebenen, dem Pflug sich fügenden Ackerlands. 

Mit obrigkeitlichen Strafen mußten die Bauern im 18. und am Anfang des 19. Jahrhunderts zum Obstbau, der doch so lohnend ist, angehalten werden: Die Bäume waren der regelrechten Pflugfahrt hinderlich. Die feineren Verrichtungen der Obstzucht, wie Pfropfen u. dergl., sind heute noch nicht Gemeingut der bäuerlichen Bevölkerung; sie bleiben besonderer Liebhaberei oder besonderer Gewerbetätigkeit überlassen.

Die sonstige Gartenpflege ist Sache der Frauen und Mägde; dem Kornbauern und meist auch seinen Knechten ist solche Arbeit zu gering. Beim Orientalen, der von alters her seinen Ölbaum und seinen Feigenbaum pflanzt, ist das alles ganz anders, und auch in den westlichen Mittelmeerländern ist jetzt der gartenmäßige Betrieb in einem Grade volkstümlich geworden, wie dies nördlich der Alpen höchstens beim Weingärtnerstand der Fall ist."2

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Diese Erkenntnis ist nicht neu: Sie wurde bereits 1909 von R. Gradmann formuliert. Hätte Gradmann gewußt, daß uns der intensivste Teil der Pflugfahrt noch bevorstand, hätte er wahrscheinlich seine Aussagen noch drast­ischer formuliert. Schon Gradmann deutet an, welche Alternative es zu Ackerbau und Intensivland­wirt­schaft gibt, was im folgenden noch näher erläutert werden wird.

Der Übergang vom Sammler und Jäger zum Ackerbauern ist für die Entwicklungsgeschichte des Energie­verbrauchs der entscheidende Knotenpunkt, an dem sich zwei menschliche Archetypen bildeten. Diese Typen unterscheiden sich grundsätzlich in ihren Energieverbrauchs­gewohnheiten, und sie prägen die Zivilisation auch heute noch. Der Ackerbauer, von einer großen Intoleranz beseelt, duldet in der Regel keine "Sammler" und "Jäger" in seiner Umgebung. Deshalb verfolgt er die Sintis, die Stadt- und Landstreicher, er verfolgte die Indianer in Nord- und Südamerika, die Eskimos in Grönland; als Industriearbeiter verfolgt er sogar die Kleinbauern.

Der Sammler und Jäger ist der Typ Mensch, der wenig Energie verbraucht, weil er sie direkt verbraucht, während der Acker­bauer zunächst sehr viel Energie verbraucht, um letztlich Energie zu sparen. In unserer heutigen zivilisierten Gesellschaft ist der "Sammler" und "Jäger" der, der in den Laden an der Ecke geht, dort seine Butter, sein Brot oder seine Glühbirne kauft. Der "Ackerbauertyp" fährt mit seinem Auto in den Supermarkt, kauft dort 10 Pfund Butter, 1 Dutzend Glühbirnen und 4 Brote; Butter und Brot friert er ein. Er zahlt für alles 10,- DM weniger, aber er verbraucht Benzin, Strom und Energie.

An einer weiteren Legende hält man sich verbissen fest, nämlich daß Not und Unterversorgung der Antrieb für technischen Fortschritt seien. Sehen wir uns aber die wahren Gründe für diese Entwicklung an, so ist nicht die Unter-, sondern die Überversorgung das Antriebsmoment für die Entwicklung neuer Techniken. 

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Diese These kann für keinen Bereich so gut nachgewiesen werden wie für den der Landwirtschaft, denn wären Hunger und Not Triebfedern für neue technische Entwicklungen, so müßten sämtliche modernen landwirtschaftlichen Methoden heute in den Entwicklungs­ländern entstehen. Sie kommen aber aus den total überversorgten Industrieländern. Wenn dies nun aber auch nachweislich für andere Bereiche gilt, dann bricht das ganze Begründungssystem für unsere moderne westliche Zivilisation zusammen.

Doch noch einmal zurück zu unserem ersten Ackerbauern der neolithischen Revolution. Wir finden bereits in dieser frühen Phase folgende Energie­verbrauchs­formen: Antriebsenergie, Transportenergie, Zugenergie, Heizenergie, indirekte Energie zur Herstellung der Werkzeuge, Kühl-, Lager- und Konservierungsenergie, Energie zur Erzeugung der Kleidung und der ersten Luxusartikel, wie z.B. Schmuck. All diese Energie wurde noch durch direkte oder indirekte Sonneneinstrahlung erbracht. Es wurde bereits damals in kleinerem und größerem Ausmaß in den Naturhaushalt eingegriffen, und der Naturhaushalt wurde zum erstenmal durch den Energie­verbrauch geschädigt. Das Gleichgewicht wurde regional verletzt, die Bodenerosion in Gang gebracht. Der Mensch wurde dadurch vermutlich erstmals zum Gegner der Natur, über die er sich zu erheben versuchte, indem er sich die Erde untertan machen wollte.

 

Wenn wir an dieser Stelle noch einmal verharren und zurückschauen, so müssen wir feststellen, daß wir uns den "dummen" Neandertaler, den "primitiven" Peking-Menschen und den "barbarischen" Australopiktus sowie viele andere Urmenschen selbst geschaffen haben, um unsere eigene Unfähigkeit, mit der Natur im Einklang zu leben, zu kaschieren. Wir haben uns den Satz <Steinzeit — nein danke> nicht erst in diesem Jahr­zehnt als Autoaufkleber geschaffen, sondern wir hängen an dieser Vorstellung bereits seit 200 Jahren, um den Raubbau der westlichen Industrie­gesellschaft an den eigenen Ressourcen zu verdrängen.

Nachdem man sich in verschiedenen Kulturen für das schwierige, mühsame und eintönige Leben des Acker­bauern entschieden hatte, entwickelten diese ziemlich schnell größere Organisations­einheiten als die Sammler und Jäger. Diese begnügten sich in der Regel mit Stammesgrößen von 30 Mitgliedern — mit losen, aber sehr differenzierten Organisations- und Lebensformen. Sie bildeten aber nie einen Staat in unserem heutigen Sinne.

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