Anmerk    Start   Weiter

8  Kernenergie — der Anfang vom Ende

  

      Hans Rieseberg 1988  

 

81

Angesichts des CO2- und des Rauchgasproblems der Kohle erscheint die Kernenergie trotz Harrisburg und Tschernobyl plötzlich für ihre Befür­worter eine neue, umwelt­freundliche Bedeutung zu erhalten. Sie belastet die Atmosphäre nicht mit CO2, sie gibt weniger Schadstoffe ab, und sie steht scheinbar in genügender Menge zur Verfügung. Eines der schwerwiegendsten Probleme der Kernenergie ist jedoch die Langzeitwirkung auch sehr geringer Strahlendosen auf die Menschen. 

Und gerade, weil wir darüber noch so wenig wissen, scheint mir darin die größte Gefahr zu liegen, denn wir treffen heute Entscheidungen über mögliche genetische Veränderungen künftiger Generationen — mit einer Technologie, die wir erst seit 50 Jahren kennen, deren Auswirkungen man aber frühestens in 100 Jahren sehen wird.

Darüber hinaus sprechen gegen die derzeitige Nutzung der Kernenergie weitere drei Argumente: 

1. das Entsorgungsproblem, 
2. die Belastung der Atmosphäre mit Abwärme und 
3. das Sicherheitsproblem.

Würde man künftig weltweit einen größeren Teil der heute verbrauchten Gesamtenergie durch die Kernenergie substituieren, so würde im Vergleich zu konvent­ionellen Kraftwerken die Abwärme verdoppelt, denn Kernkraftwerke haben konstruktionsbedingt einen niedrigen Wirkungsgrad und müssen wegen ihres Gefahren­potentials in größeren Entfernungen von Ballungsgebieten errichtet werden, so daß eine wirtschaft­liche Nutzung der Abwärme für Fernheiz­zwecke nicht möglich ist. 

Rechnet man den Weltstrombedarf hoch, so benötigte man mindestens 3000 bis 5000 Kernkraftwerke von je 1300 Megawatt, um ihn zu decken. Die Abwärme dieser Kraftwerke würde mit Sicherheit zu einer beträcht­lichen Erhöhung der Erddurch­schnitts­temperatur mit den bekannten Auswirkungen für das Klima führen. 

Allein dies reichte eigentlich als Begründung aus, um diese Technologie noch nicht einmal als Übergangs­technologie zu nutzen.

 

Bei der Betrachtung der Sicherheitsproblematik fällt zunächst einmal auf, daß die entsprechenden Vorkehrungen bei Kernkraftwerken nicht von den Betreibern getroffen wurden, sondern entweder von Bürgerinitiativen gerichtlich erzwungen, wie z.B. das "Containement", oder nach Unfällen entwickelt wurden. Das aktuellste Beispiel hierfür ist die Erfindung des sogenannten "Wallmann-Ventils", das es zwar in der Praxis noch gar nicht gibt, das aber jetzt schon als die sicherste Vorkehrung für die Beherrschung eines GAU oder Super-GAU angesehen wird. Die Art des Umgangs mit der Sicherheitsfrage wird erst dann verständlich, wenn man sich die Grundzüge der zeitlichen Entwicklung der Kernenergie klarmacht.

Nach der Entdeckung der Kernspaltung durch Otto Hahn und Fritz Straßmann (1938), wurde schon 1940 von S. Flügge in Berlin ein erstes Modell eines Reaktors entwickelt. Während des Nationalsozialismus sah man in der Kernenergie zunächst nur eine Quelle für die Stromerzeugung.

So beschreibt A. Friedrich bereits 1940 in seinem Buch <Die unsichtbare Armee> einen ersten Entwurf für einen Reaktortyp zur Stromerzeugung.

"Dr. Flügge vom Dahlemer Forschungsinstitut hat darauf hingewiesen, daß es zur Abschwächung dieser Lawine nötig ist, dem Uran andere Stoffe zuzusetzen. Diese Stoffe sollen gleichzeitig auch dafür sorgen, daß die Neutronen innerhalb der Substanz möglichst kurze Wege zurücklegen, damit man mit einer verhältnismäßig geringen Uranmenge auskommen kann. Aus diesen Überlegungen heraus schlägt er eine <Uranmaschine> vor, die er sich etwa folgendermaßen denke:

<Es werden 4,2 Tonnen Uranoxyd (1 Kubikmeter) mit 56 Gramm Kadmium gut vermischt und das Ganze mit 280 Liter Wasser aufge­schlemmt. Eine solche Anordnung sollte — vorbehaltlich der zur Zeit immer noch großen Unsicherheit, mit der alle Zahlenangaben behaftet sind — bei einer Temperatur von 330 Grad Celsius langsam verbrennen. Man könnte etwa daran denken, daß das bei dieser erhöhten Temperatur ständig verdampfende Wasser durch eine Berieselung fortlaufend ersetzt wird und der entweichende Wasserdampf zur Speisung einer Dampfmaschine benutzt wird. Die gesamte Energie, die bei dieser Anordnung nach und nach frei wird, reicht etwa aus, um den ganzen Elektrizitätsbedarf des Deutschen Reichs ein Jahr lang zu decken.>"9

An einer anderen Stelle erklärt Friedrich sehr deutlich die Vorstellungen, die die National­sozialisten mit der Nutzung der Elektrizität verbanden. Es waren Weltmacht­vorstellungen, die davon ausgingen, daß allein durch die Erzeugung sehr großer Elektrizitäts­mengen künftig die Waffen hergestellt werden könnten, die zur Erringung der Weltmacht durch die deutschen National­sozialisten notwendig waren.

82


Angewandt wurde diese Energieform aber zuerst in der Atombombe. Die Forschung war in militärähnlicher Form organisiert und unterlag strengster Geheim­haltung. Für das sog. Manhattan-Projekt in Los Alamos, New Mexico, wurde in den USA 1940 ein Forschungszentrum aufgebaut, nur um die Atombombe zu entwickeln. An Sicherheit war damals gar nicht zu denken. Sie widersprach geradezu dem militärischen Anwendungsbereich.

Die Aufträge, das Geld und die Verwaltung für die Forschung kamen unmittelbar von der amerikanischen Regierung — unter besonderer Berücksichtigung des Verteidigungs­ministeriums. Besonderer Wert wurde in diesem Zentrum auf die Zusammenarbeit mit der Rüstungsindustrie gelegt. Erst General Eisenhower versuchte 1955, die Kernenergie durch die Genfer Atomkonferenz vom Geruch des Militärischen zu befreien. Dabei blieb zunächst völlig unklar, welche Funktion der neuen Energieform zugedacht war, ob sie nur eine Zusatzenergie oder eine Grundlastenergie sein sollte oder ob sie nur in bestimmte Aggregate eingebaut werden sollte. In dieser ersten zivilen Phase gab es zahlreiche Pläne, nach denen die Kernenergie in Schiffen, Lokomotiven oder gar in Raketen genutzt werden sollte.

Die Entwicklung der Kernenergie in der BRD durchlief bisher vier Phasen: Die erste Phase nach der Gründung des Bundesministeriums für Atomfragen unter Minister Franz Josef Strauß —, war scheinbar gekennzeichnet von Ratlosigkeit und Technikeuphorie. Ratlosigkeit, weil die Funktion der Kernenergie unklar war, Euphorie, weil alle vom billigen Atomstrom träumten.

Heute dürfte allerdings klar sein, daß der erste Minister, Franz Josef Strauß, mit dieser Technik sehr dezidierte Pläne verband. Es hat sich dabei wohl nicht allein um Technikeuphorie gehandelt, die Strauß auch später in vielen anderen Fragen — Airbus, Weltraumfahrt u.a. — zeigte. Er erkannte hier von Anfang an die Chance für den Süden der Bundesrepublik Deutschland, die traditionellen Energiever­sorgungs­zentren Ruhrgebiet und Rheinisches Braunkohlenrevier langfristig zu schwächen und dem Süden eine neue Funktion zu geben.  

In diese Strategie paßt auch die Ölpolitik des damaligen Wirtschafts­ministers Erhard, der ebenfalls das Ruhrgebiet schwächte, indem er den deutschen Energiemarkt für die großen Ölimporte öffnete.

83


Die zweite Phase unter Siegfried Bahlke war durch dessen Aussage gekennzeichnet: "Wenn wir keine Kern­kraft­werke mehr bauen, werden wir eines Tages keine Staubsauger mehr verkaufen können" und "wenn es gegenwärtig irgendwo auf der Welt vielleicht doch schon geeignete Standorte für Kernkraftwerke gäbe, dann vielleicht in der Arktis und auf den ozeanischen Inseln". Kurz, unter Bahlke hatte die Kernenergie­forschung keine energie-politische, sondern ausschließlich eine wissenschaftlich-technolog­ische Bedeutung.

Die dritte Phase begann 1972 mit der sog. Energiekrise. Die Kernenergie erhielt nun eine Funktion als Substitut für das knapp werdende Erdöl. Die Kernenergie wurde die künftige Grundlastenergie. In dieser Phase entwickelte man die großen Ausbaupläne.

Zur Zeit befinden wir uns in der vierten Phase, denn nun wird die Kernenergie plötzlich zur umwelt­freundlichen Alternative für die fossilen Energien.

Betrachtet man die vier Phasen genauer, so wird man feststellen, daß je nach der Funktion der Kernenergie völlig andere Sicherheits­anforderungen an diese Technologie zu stellen gewesen wären. Weiterhin hätte man von vornherein als Schwerpunkt der Forschung nicht die Frage der Energieerzeugung stellen müssen, sondern die Frage der sicheren Handhabung. Dies wurde aber verhindert durch die Forschungsorganisation in den Kernforschungszentren Karlsruhe und Jülich. Diese übernahmen große Teile der Organisations­strukturen des Manhattan-Projekts, organisierten sich also in militärähnlicher Form. Weiterhin wurde die Forschung so organisiert, daß sie möglichst eng mit den Nutzem, d.h. den Energieerzeugern und den Kraftwerksbauern verbunden war. Sie wurde universitätsfern aufgebaut und dabei direkt von den Ministern kontrolliert. Sie entzog sich weitgehend demokratischen Überprüfungsprinzipien, wie sie für die Forschung in einem freiheitlichen Rechtsstaat entwickelt wurden.

Man muß also feststellen, daß für die Kernenergieforschung in diesen Zentren die Freiheit von Forschung und Lehre weitgehend durch sehr konkrete Aufträge ersetzt wurde. Im nachhinein erweist sich die Konstruktion dieser Großforschungseinrichtungen als einer der schwerwiegendsten Fehler in der Forschungspolitik der Nachkriegszeit, denn vor allem die monodisziplinäre Entwicklung in diesen Einrichtungen schuf energieplanerische Abhängigkeiten, die heute bewältigt werden müssen.

Der Unfall von Harrisburg zog kein neues Sicherheitsdenken nach sich, sondern demonstrierte scheinbar, daß die Kernenergie trotz eines GAU beherrschbar sei. So wurde auch bei den Konstrukteuren und Befürwortern der Kernenergie mehr Sicherheit als Unsicherheit erzeugt.

84


Erst der Unfall von Tschernobyl eröffnete einen neuen Ausblick auf die Sicherheitsproblematik der Kernkraftwerke. Danach wurde deutlicher, daß die Diskussion über die Sicherheit nicht beendet war, sondern erst begann. Die Kernenergie schuf eine neue Dimension eines Unfallrisikos, das mit bisherigen zivilen Risiken nicht vergleichbar ist. Auch heute noch unumstritten ist, daß ein Super-GAU in einem Ballungsgebiet wie Hamburg in kürzester Zeit Zehntausende von Toten verursachen würde. Die Katastrophe von Tschernobyl hat gezeigt, daß niemand auch nur im geringsten auf diese Situation vorbereitet war. Erst nach dem Unfall wurde ein Rattenschwanz von Gesetzen und Verordnungen erlassen.

Dieser Vorgang zeigt deutlich, daß wir auch im Rahmen der Kernenergiesicherheit noch im Zeitalter von "trial und error" leben, und dies ist eigentlich auch die einzige Methode, mit der Menschen bisher durch ihr Denken technische Systeme beherrschen lernten. Wir geraten mit der Kernenergie aber an die Grenzen unseres Denkens.

Die Kernenergie stellt uns mit ihren Risiken vor Aufgaben, die wir weder mit unseren Denkmethoden noch mit unserem Denkvermögen lösen können, denn wir müßten das Undenkbare denken. Dieser Satz, der scheinbar trivial ist, umfaßt das eigentliche Problem der Sicherheitstechnik, die schließlich keine nachsorgende Technik ist, die ihre Lehrsätze aus Unfällen herleitet, sondern vorausschauen soll. Die Sicherheit der Kernenergie fordert eigentlich eine exakte Zukunftswissenschaft. Analysiert man z. B. die Unfälle von Tschernobyl, Harrisburg oder die Beinahunfälle von Cattenom, Stade oder Hamm-Uentrop, so sind jedesmal Ereignisse eingetreten, die in den Szenarien für mögliche Unfälle nicht vorgesehen waren, weil sie eben undenkbar schienen.

Welcher Elektriker wird zum Beispiel heute mit einer Kerze nach einem Defekt an einem Kabel suchen? Welcher verant­wortungs­bewußte Techniker macht mit einem Kernkraftwerk einen so wahnwitzigen Versuch wie in Tschernobyl? Welcher Kernkraftwerkswärter würde vergessen, einen Schieber zu schließen, der zu einem Kühlwasserverlust von Millionen Litern führt — wie in Cattenom? Welcher Konstrukteur legt die Pumpen, bei der Konstruktion so aus, daß zur Beseitigung des Wasserschadens die Feuerwehr aus den umliegenden Orten gerufen werden muß? Die Undenkbarkeiten dieser Vorgänge wurden erst denkbar, als sie geschehen waren; sie haben den Nachteil, zufällig zu sein, und sie reihen sich ein in eine Kette von Unfällen, die in ihrer Anzahl unendlich sind.

85


Die möglichen Kausalverquickungen, die allein im technischen Bereich einer so komplizierten Anlage ablaufen, sind ebenfalls unendlich und können daher bisher nur mit mathematischer Annäherung erfaßt werden. Die dabei auftretenden rechnerischen Verluste sind im normalen technischen Bereich vernachlässigbar, weil das dabei auftretende Risiko begrenzt ist. Ihre Bedeutung wächst aber ins Totale, wenn die Gesamtbedrohung eines technischen Systems so groß ist, wie sie eben ein Kernkraftwerk darstellt. Die Bedeutung von Risiken kann nur im Zusammenhang mit dem größtmöglichen Personenschaden, der daraus entstehen kann, gesehen werden. Das Risiko das von dem Betrieb eines Großflugzeugs ausgeht, beträgt maximal 1000 Tote, wenn zwei solcher Flugzeuge im Extremfall zusammenstoßen. Obwohl die Wahrscheinlichkeit klein war, hat es solch einen Unfall gegeben. Das Unfallrisiko beim Betrieb eines Großschiffes wie der Titanic betraf ca. 3000 Menschen; auch diesen Unfall gab es. Das Risiko bei der extrem sicheren Weltraumfahrt betrug maximal 10 Personen; auch da geschah die Katastrophe. Obwohl dieser Unfall sehr unwahrscheinlich war, reichte er aus, diese Technik für mehrere Jahre außer Kraft zu setzen.

Nur das Risiko beim Betrieb eines Kernkraftwerkes wird bisher nicht direkt als ein solches bezeichnet, sondern heißt verharm­losend "Restrisiko". Darüber hinaus wurde durch mehrere Risikostudien mit wissen­schaftlichen Taschenspielertricks an der Risikoberechnung selbst herummanipuliert. So versuchte beispielsweise der berühmte Rasmussen-Bericht aus den USA vom Ende der siebziger Jahre, die Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines Super-GAUs in eine unendlich ferne Zeit zu rücken, indem behauptet wurde, die Möglichkeit, daß ein solcher Vorfall eintrete, sei nur einmal in 10.000 Jahren denkbar. Damit wurde erstens suggeriert, dieser Unfall trete erst in 10.000 Jahren ein, und zweitens, ein solcher Unfall sei extrem unwahrscheinlich.

Jeder, der sich in mathematischen Modellen auch nur ein wenig auskennt, weiß, daß die konkrete Angabe 10.000 Jahre nur den Zeitraum angibt, nicht aber den Zeitpunkt, an dem ein Ereignis stattfinden kann. Es ist also gleichzeitig wahrscheinlich und unwahrscheinlich, daß ein großer Unfall geschieht. Dabei gibt es keine Möglichkeit auszuschließen, daß der Unfall auch schon morgen eintritt.

Die beiden großen Unfälle von Harrisburg und Tschernobyl haben diese mathematische Trivialität in eindeutiger Weise belegt. Dabei umfaßt dieser Teil des "Restrisikos" nur die technischen Aggregate in ihrer Gesamtfunktion. Neben diesem Risiko gilt weiterhin der triviale Satz: Je mehr Sicherheit eingebaut wird, um so mehr Unsicherheit entsteht.

86


Auch dies ist eigentlich einfach zu verstehen, denn je mehr technische Elemente ein Gesamtsystem ausmachen, um so mehr technische Elemente können potentiell ausfallen. Darüber hinaus gibt es hierarchische Unterschiede zwischen den einzelnen Funktions­bereichen, die in den unterschiedlichen Sicherheits­stufen verschiedene Wahrscheinlichkeiten für Sicherheit und Unsicherheit haben.

Aus diesem komplexen Zusammenwirken mit einer unendlich großen Zahl von Verknüpfungen können Teilzusammen­brüche und Gesamt­zusammen­brüche entstehen. Man kann also den Schluß ziehen: Je mehr Unfälle entstehen, desto mehr Sicherheit wird eingebaut und desto mehr Unsicherheit entsteht für die Gesamtanlage. Darüber hinaus enthält jedes neukonzipierte Element, wie zum Beispiel das neue Überdruckventil, die psychologische Wirkung auf die Bedienungsmannschaft, das Kraftwerk werde immer sicherer. Das bedeutet, daß die einzelnen Sicherheitsstufen durch die suggerierte Sicherheit immer weiter ausgereizt werden. Auch dies führt insgesamt nicht zu mehr, sondern zu weniger Sicherheit.

Einer der wesentlichen Gesichtspunkte der Sicherheit von Kernkraftwerken ist der Einsatz der Bedienungs­mannschaften, d.h. der Mensch in seinem Zusammenwirken mit dem System, mit anderen Menschen bzw. ganzen Gruppen und mit seinen Handlungs­spielräumen, Entscheidungsstrukturen und seinem Denken. Er unterscheidet sich grundsätzlich von allen mechanischen, elektronischen und kybernetischen Systemen. Sein Denken ist grundsätzlich rational, emotional und irrational zugleich. 

Bei der Analyse der Unfälle von Harrisburg, Tschernobyl, Seveso (Hoffmann la Roche) und Basel (Sandoz) erkennt man folgende Gesetzmäßigkeit: Wenn eine bestimmte Eskalationsstufe im Unfall­geschehen erreicht ist, versuchen die leitenden Ingenieure und Bedienungsmannschaften immer eifriger, den Unfallablauf mit eigenen Mitteln zu stoppen. Dies führt zu immer größeren Verstrickungen in schwerwiegende Folgeprobleme. Die nächste Eskalationsstufe ist der fast krankhafte Versuch, der Öffentlichkeit die Probleme so lange wie möglich zu verschweigen. Diese Stufe hat sehr oft eine höchst kriminelle Komponente, wie zum Beispiel der Versuch von Hoffmann la Roche, die Rückstände des Seveso-Giftes durch den Transport quer durch Europa verschwinden zu lassen. Ist die erste Stufe der Kriminalität erreicht — und auch das war in jedem der aufgezeigten Unfälle so —, dann ist die Katastrophe vorprogrammiert.

87


Das Risiko, sein Ansehen zu verlieren, treibt den Handelnden in immer risikoreichere Entscheidungen. Die Abfolgeanalyse ist eigentlich bekannt, wird aber z.B. beim Betrieb von Kernkraftwerken nicht angewandt, weil sie nicht durch ein noch so gutes Verhaltens­training lösbar ist, sondern nur durch die Verringerung des Endrisikos im Falle einer Katastrophe. Das bedeutet, die Entscheidung über Leben oder Tod von 10.000 oder 100.000 Menschen kann keinem Einzelmenschen oder auch keiner kleinen Gruppe übertragen werden, ohne daß es zu Katastrophen kommt. Solche Entscheidungen sind nur mit Kriegsereignissen vergleichbar und von vornherein irrational zu nennen.

 

Zu diesem Faktor des unlösbaren Entscheidungsdrucks gesellt sich ein weiterer wesentlicher Faktor menschlichen Handelns: die Routine. Durch Routine werden Funktionsabläufe in der Regel stabilisiert, d.h., je länger Menschen eine Funktion ausüben, um so besser können sie sie ausüben. In dieser Routine liegt aber die größte Unfallgefahr. 

Jeder, der große Organisationen analysiert hat, weiß, daß beim Zusammenwirken von Menschengruppen und Maschinensystemen auch durch beste Organisationsformen Teilzusammenbrüche oder Gesamt­zusammen­brüche nicht verhindert werden können. Die Routine ist der Feind des krisenhaften Handelns, sie verhindert das Erkennen der Krise und führt zur Eskalation. 

Die Bedienungsmannschaften von Kernkraftwerken sind heute solchen psychologischen Belastungen ausgesetzt, weil die Kraftwerke selbst in der Regel völlig automatisch laufen. Die Mannschalten sind zur totalen Untätigkeit verurteilt und sollen nur im Falle unvorhergesehener Zwischenfälle Funktionen ausüben. Man stelle sich vor, ein Mensch müsse 30 Jahre eine Funktion ausüben, die darin besteht, nichts zu tun, aber im 31. Jahr tritt der Fall ein, auf den er vor 30 Jahren vorbereitet wurde und den er in Zwischen­trainings immer wieder vor sich gesehen hat. Er wird zunächst gar nicht glauben, daß der Fall eingetreten sei, und dann wird er alles, was er tut, zu spät tun.

Ein weiteres Element der totalen Unsicherheit kommt hinzu. Man stelle sich vor, ein Kernkraftwerk wird in die Nähe einer Zweimillionen­stadt wie Hamburg gebaut. Aus den genannten Gründen muß unbedingt damit gerechnet werden, daß mit großer Wahrscheinlichkeit der größtmögliche Unfall, der Super-GAU, eintritt. Daher gibt es grundsätzlich nur zwei Möglichkeiten, um die Bevölkerung zu schützen: Entweder man erprobt alle Vorkehrungen, die mit dem Betrieb zusammenhängen, also auch die Evakuierung einer Zweimillionenstadt, oder man kann Anlagen dieser Art nicht bauen. Jeder vernünftige Mensch weiß, daß eine Evakuierung in den Zeiträumen, die auch bei den heutigen sicheren deutschen Kernkraftwerken zur Verfügung stehen, nicht möglich sein wird.

88


Darüber hinaus hat das neueste TÜV-Gutachten über die Kraftwerke Stade und Brokdorf ergeben, daß im Ernstfall für eine Evakuierung nur drei Stunden Zeit bliebe! Allein der Stadtverkehr würde verhindern, daß auch nur ein kleiner Teil der Gesamtbevölkerung Hamburgs evakuiert werden könnte. Wenn man das nicht so genau wüßte, dann hätte man es schon längst probiert. Das bedeutet, daß es auch hier keine Sicherheit gibt.

Zu welchen Auswirkungen auch nur kleine Unfälle führen können, zeigte sich bei der Vergiftung des Rheins. Ein unabsichtlich ausgelöstes Sirenengeheul in den Städten Düsseldorf und Köln legte für 1 1/2 Stunden sämtliche Telefonleitungen der Polizei lahm, und es gab noch nicht einmal die technische Möglichkeit, die Telefonleitungen trotz des offenkundigen Fehlalarms funktions­fähig zu halten.

Ich will hier ganz außer acht lassen, wie absolut unfähig die deutschen Behörden auf den Kernkraftunfall im fernen Tschernobyl reagiert haben. Die Behauptung, sie würden im Falle eines solchen Unfalls in Deutschland anders reagieren, ist durch den Giftunfall im Rhein eindeutig widerlegt. Auch nach fünf Tagen war es diesen Behörden nicht möglich, für die gefährdeten Gemeinden am Rhein ein Trinkwasserreservoir anzulegen. Was wird eigentlich passieren, wenn das Kernkraftwerk Biblis doch in einem Super-GAU durchgeht?

Faßt man diesen Erkenntnisstand zusammen und wendet ihn auf das Kernkraftwerksszenarium des 21. Jahr­hunderts an, so ergibt sich folgende Situation: Sollte zu diesem Zeitpunkt zur Deckung des Weltenergie­bedarfs die Kernenergie nur zu einem Teil genutzt werden, so müßte mit einem Bestand von weltweit mindestens 3.000 Anlagen gerechnet werden. Rechnet man die jetzige Unfallhäufigkeit hoch, und sie wird wegen des Alters der Anlagen und der Routine der Betreiber eher zu- als abnehmen, so ist in diesem Falle mit einem GAU pro Jahr und regelmäßigen Super-GAUs zu rechnen.

Der Bundesminister für Umweltschutz erklärte nach der Katastrophe von Tschernobyl in einem Zeitungs­interview, daß nach einem größten Kernkraftunfall in der Bundesrepublik Deutschland selbstverständlich die friedliche Nutzung der Kernenergie beendet sei. Es klingt beinah makaber, denn eigentlich sagt er ja: Es muß erst einen Super-GAU geben, bevor wir uns von der Kernenergie verabschieden.

 89

#

  ^^^^

www.detopia.de