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11  Die globalen Umweltprobleme werden ignoriert

           Rieseberg 1988 

 

 

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Obwohl schon seit den sechziger Jahren zahlreiche Wissenschaftler auf die Grenzen des technischen Wachstums sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungs­ländern hingewiesen haben, stießen sie auf weitgehendes Unverständnis der Gesellschaft. Zu tief saß und sitzt immer noch das Vorurteil, Technik­kritiker seien Maschinenstürmer, und ihre Mahnungen hätten sich jedesmal als Irrtümer erwiesen.

Die Theorie von Robert Malthus, der im vorigen Jahrhundert behauptete, das Anwachsen der Weltbe­völk­erung halte mit dem Wachstum der Nahrungsmittel nicht Schritt, ist durch den Einsatz der Technik in unserem Jahrhundert anscheinend widerlegt worden. Auch der Überwachungs­staat, den Orwell in seinem Roman <1984< entwarf, ist bisher, offensichtlich nicht Wirklichkeit geworden. 

Schon immer wurden reale Ereignisse, die Hinweise auf die Katastrophen der Zukunft geben, verdrängt. So hat bereits der Untergang der Titanic deutlich gemacht, daß es eine absolut sichere Technik nicht gibt und nicht geben wird, sondern gerade im Zeitalter wachsender technischer Dimensionen mit immer größeren Katastrophen zu rechnen ist. Dabei ist entscheidend, daß die vom Menschen verursachten Katastrophen die bisherigen Naturkatastrophen inzwischen in verschiedener Hinsicht übertreffen. Dennoch erschien der Untergang der Titanic als eine Katastrophe, die von vielen zumindest teilweise auf ein Naturereignis zurückgeführt wurde.

Auch die durch den Einsatz der modernen Technik möglich gewordenen Massenvernichtungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurden in ihrer Bedeutsamkeit nicht erkannt bzw. verdrängt. Man lastete sie einigen wenigen an, die die an sich erstaunliche Technik mißbrauchten. So setzte der technische Fortschritt trotz zweier verheerender Weltkriege völlig ungebrochen seinen Siegeszug fort.

Er drohte erst ins Stocken zu geraten, als in den 60er Jahren die Umweltprobleme auch für den einzelnen Bürger erste erkennbare Nachteile in der Lebens­qualität brachten. Die Menschen bemerkten nun, daß sie nicht mehr in Flüssen und Bächen baden konnten und die Luft immer schlechter wurde.

Sie registrierten, daß jahrhundertealte Gebäude innerhalb kürzester Zeit verfielen und der schlechte Zustand der Umwelt ihre Gesundheit angriff. Die Industrie und die Regierungen der Industrieländer reagierten und entwickelten sogenannte Umwelttechniken. Technik und Produktion zerfielen nun in zwei Teilbereiche, einen, der die Güter produzierte, die verbraucht wurden und zerstörende Nebenwirkungen hatte, und einen anderen, durch den versucht wurde, die Zerstörungen des ersten zu beseitigen oder wenigstens zu mildern.

Dieses schizophrene Verfahren wurde 10 bis 15 Jahre von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert, weil man immer wieder damit argumentierte, daß es Sachzwänge gäbe, daß nämlich die entsprechende Produktion aufrechterhalten werden müsse und daß nach einer gewissen Zeit sämtliche daraus entstehende Schäden behoben würden. Dabei mutet es grotesk an, daß beispielsweise die chemische Industrie ihre Giftstoffe in die Flüsse und Ozeane abläßt und anschließend mit teuren Anlagen und viel Energie­aufwand wieder herausfiltert.

Nun begann ein Wettlauf mit der Zeit. Da alle glaubten, durch diese fragwürdige Art von Umweltschutz könne man die Produktion uneingeschränkt fortsetzen, nahm die Produktion von Konsumgütern laufend zu. Gleichzeitig wurde der Aufwand für umweltschützende Maßnahmen immer größer.

Die Erkenntnis, daß man an einer anderen Stelle der Umweltproblematik, nämlich an der Produktion selbst, ansetzen müsse, vermittelte wohl zum ersten Mal der Bericht des <Club of Rome>, <Die Grenzen des Wachstums> (1972). Die Warnungen waren immerhin so eindringlich, daß der damalige Bundeskanzler Willy Brandt erklärte, wir müßten künftig auf manches verzichten, was zwar ökonomisch rentabel, aber gesellschaftlich bedenklich sei, und dafür anderes, was ökonomisch unrentabel erscheine, gesellschaftlich durchsetzen. 

Diesem Bekenntnis folgten aber keine Taten. Brandts Nachfolger Helmut Schmidt zog aus der sogenannten Energiekrise von 1973 nicht etwa den Schluß, daß Energie gespart werden, sondern daß im Gegenteil mehr Energie bereitgestellt werden müsse. Er vollzog damit politisch den endgültigen Einstieg der Bundes­republik in die Kernenergie.

Heinz Haber, ein konservativer und fortschrittsgläubiger Fernsehautor und Wissenschaftler, veröffent­lichte im Jahre 1973 das nach einer Fernsehserie entstandene Buch <Stirbt unser blauer Planet?>. Darin stellt er schlicht fest: "Was die Physik, die Chemie und die Klimatologie der Erdatmosphäre anbetrifft, so sind wir dabei, sie heute schon oder spätestens in den nächsten Jahrzehnten ernsthaft zu gefährden".13

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1973 veröffentlichten einzelne Wissenschaftler in den USA besorgniserregende Studien über die Gefährdung der Erdatmosphäre durch zu hohen Energie­verbrauch. Obwohl wissenschaftliche Erkenntnisse zu diesem Thema noch sehr schwer zu erarbeiten waren, kann man die damaligen Theorien auch aus heutiger Sicht nicht kritisieren. Dennoch wurden die Erkenntnisse von allen führenden Industrieländern im Westen und im Osten als lächerliche Weltuntergangs­visionen von Außenseitern oder Spinnern abgetan. Es wurde sogar argumentiert, daß etwas mehr Energieverbrauch der Erdatmosphäre gar nicht schaden könne, da wir sowieso einer neuen Eiszeit entgegengingen. Diese absurde Vorstellung propagierte der amerikanische Geheimdienst CIA in einer Studie von 1974.

 

Ein weiteres Ereignis für den Zusammenhang zwischen Energieverbrauch und globaler Umwelt­beeinflussung war von entscheidender Bedeutung. Im Jahre 1971 planten die USA — als Antwort auf das europäische Überschallflugzeug Concorde —, eine noch weitaus größere Maschine bei der Firma Boeing in Auftrag zu geben. Dieses Flugzeug wäre in sehr viel größeren Höhen der Stratosphäre geflogen und hätte nach Ansicht vieler Wissenschaftler durch seine Verbrennungsgase das Ozon in den oberen Luftschichten wesentlich reduzieren können. Immerhin gelang es den Wissenschaftlern damals, eine Unter­suchung zu erzwingen, die für das Projekt eine aufschiebende Wirkung hatte.

Nach einem dreijährigen Moratorium und relativ intensiver Forschungsarbeit konnte jedoch kein Gutachten erstellt werden, das die Warnungen der Wissen­schaftler von 1971 widerlegt hätte, d.h., man hätte das SST (Super Sonic Transportation)-Programm der Firma Boeing mit dem vollen Risiko einer massiven Klimabeeinflussung in Gang setzen müssen. Deshalb lehnte der amerikanische Kongreß die Subventionierung dieses Boeing-Projekts ab, und das Flugzeug konnte nicht entwickelt werden. Dabei ist noch am Rande zu bemerken, daß die eifrigsten Befürworter des Projekts ausgerechnet von Gewerkschafts­seite kamen.

Durch diese Entscheidung hat der amerikanische Kongreß zum erstenmal in der Technikgeschichte zugunsten der Umwelt auf eine machbare und von vielen gewünschte Technik verzichtet. Erstaunlich ist, daß die europäische Öffentlichkeit von diesem Vorgang kaum Kenntnis nahm. Die Gründe dafür liegen wohl vor allem darin, daß zur gleichen Zeit die europäische Luftfahrtindustrie ihr Concorde-Programm, das glücklicherweise inzwischen auch als gescheitert angesehen werden muß, durchsetzen wollte.

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Die Diskussion über SST in den USA brachte zunächst einen weiteren Erfolg für den Umweltschutz. Eine steigende Zahl von Wissenschaftlern begann, sich für die Probleme unserer Atmosphäre zu interessieren, und immer mehr chemische Produkte wurden auf ihre Umweltverträglichkeit untersucht. Um so erschreckender ist, daß in Europa auch diese Diskussion nur von Außenseitern aufgegriffen wurde, die lange Zeit als Angsthasen, Technikfeinde oder Panikmacher beschimpft wurden. 

So erinnere ich mich noch an meine erste öffentliche Diskussion mit einem Vertreter der BEWAG im Jahre 1975 anläßlich des Kraftwerkneubaus am Oberjägerweg in Berlin-Spandau. In diesem Zusammenhang wurden auch Fragen globaler Luftverschmutzung behandelt. Als ich darauf hinwies, daß durch den hohen Ausstoß von Kohlendioxyd und Abwärme eine globale Aufheizung der Atmosphäre drohe, und forderte, statt neuer Großkraftwerke Energiespar­programme zu entwickeln, versuchte der Vertreter der BEWAG mich lächerlich zu machen, indem er mich als Nachfahren der Gebrüder Grimm bezeichnete. Der Neubau, um den es damals ging, das Kraftwerk "Reuter-West", wird zur Zeit fertiggestellt und — trotz Rauchgas­wäsche und Entstickungsanlagen — einen gehörigen Beitrag zur lokalen und globalen Umwelt­verschmutzung leisten.

Nicht zufällig drangen im selben Jahr (1975) die ersten Meldungen über das Waldsterben an die Öffentlich­keit. Einem Berliner Förster, der das Problem öffentlich darstellen wollte, wurde von seinem damaligen Vorgesetzten, dem Wirtschaftssenator Lüder, wegen angeblicher Panikmache Redeverbot erteilt und außerdem ein Disziplinarverfahren angedroht.

Je offenkundiger die Meldungen über einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Energieverbrauch und der globalen Veränderung unserer Atmosphäre wurden, desto stärker wurden die Stimmen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen, die das Problem zu verdrängen suchten. Zu ihnen gehörten Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Unternehmer, Verbände, die Regierungen der Länder und die Bundesregierung.

Weder der Bericht der amerikanischen Regierung <Global 2000> von 1980 noch das zurückhaltende und vorsichtige Buch von Wilfried Bach <Gefahr für unser Klima> (1982), ja noch nicht einmal der Unfall von Harrisburg 1983 brachten irgendeinen der Entscheidungsträger zur Vernunft. 

* (d-2015:) W.Bach bei detopia 

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Schließlich wurden wir vom Reaktorunfall in Tschernobyl überrascht und mehr und mehr mit dem Problem des sogenannten "Ozonlochs" konfrontiert. Der Super-GAU wurde nach anfänglichen Schwierigkeiten bürokratisch abgearbeitet und die Klima-Bedrohung überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Sie tauchte in der Presse meist unter der Rubrik "Kurioses" auf, und die Warnungen der Wissenschaftler, durch den Einfluß des Ozonlochs könne der Meeresspiegel um mehrere Meter steigen, wurden mit Sprüchen wie "nach uns die Sintflut" bagatellisiert.

1985 veröffentlichte Hoimar Ditfurth sein Buch <So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen>, das in Anlehnung an den Ausspruch Luthers von dem Motto geprägt ist: "und wenn ich wüßte, daß morgen die Welt unterginge, so würde ich doch heute mein Apfelbäumchen pflanzen; es ist soweit" (s. Ditfurth, S.367). 

 

An diesem Punkt wäre es nun eigentlich logisch — nachdem 10 Jahre überall vergebens gemahnt wurde —, sich zurückzuziehen und den unabwendbaren Untergang unserer Zivilisation abzuwarten.  

Mut, dennoch und erneut auf eine Umkehr zu hoffen, macht eine Studie, die die <Deutsche Physikalische Gesellschaft> im September 1986 veröffentlicht hat und in der sie in bisher nie gekannter Einmütigkeit vor einer Klimakatastrophe warnt. 

Die Bedeutung dieser Studie ist deshalb so hoch einzuschätzen, weil eine große Gruppe von Wissenschaftlern von beachtlicher Reputation auf das drohende Untergangs­szenarium unserer Atmosphäre hinweist und diesen Untergang nicht in fernen Zeiten, sondern in den nächsten 100 Jahren kommen sieht. 

Damit wird endlich zur Kenntnis genommen, daß in den Industrieländern entscheidende Veränderungen hinsichtlich der Energieverbrauchs stattfinden müssen. 

Obwohl das Problem, welches in der Öffentlichkeit unter dem Begriff <Ozonloch> diskutiert wird, zu den besorgniserregendsten Erkenntnissen des Jahres 1986 gehört, wird es im Energiebericht der Bundesregierung von 1986 an keiner Stelle auch nur angesprochen. Ganz im Gegenteil: Bundesminister Martin Bangemann stellt in seinem Vorwort fest, er werde alle Anstrengungen unternehmen, um in der Energiepolitik den gefährdeten Konsens zwischen den politischen Kräften wieder­herzustellen — vor allem in der Kohle- und Kernenergie-Politik. Richtiger hätte es doch wohl heißen müssen: "Der Konsens zwischen dem Energieverbrauch und der Natur muß wiederhergestellt werden". Aber dazu müßte ein Minister erst einmal aus seinem Auto aussteigen und Verständnis für die Situation eines Menschen in seiner natürlichen Umgebung entwickeln. Der Energiebericht liest sich so, als ob die Menschen losgelöst von ihrer Umwelt und ausschließlich durch Einsatz moderner Energien existieren könnten.

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Doch die Menschen heute benötigen — ebenso wie die Menschen im Jahre 2000 — zum Leben Luft, Wasser und Nahrungsmittel; und diese erhalten sie aus der Atmosphäre, aus den Flüssen, Seen und Meeren und aus der Humusschicht des Bodens. Die Lebenssphäre des Menschen ist eine dünne Schicht zwischen dem glühenden Erdinneren und der Lebensfeindlichkeit des Weltalls, welches bereits in 12 km Höhe beginnt.

Um sich ein Bild von der Sensibilität des menschlichen Lebensraums zu machen, sollte man sich den Durchmesser des Erdballs auf 30 cm verkleinert vorstellen. In diesem Modell wäre der Wassermantel der Erde, der in Wirklichkeit durchschnittlich 3 km stark ist, nur noch 0,1 mm dünn, die Lufthülle 0,3 mm, und die nutzbare Humusschicht (real 8 bis 30 cm stark) wäre nicht einmal mit den besten Meßgeräten erfaßbar. Das heißt, der gesamten belebten Natur steht eigentlich nur eine verschwindend kleine Menge der Erde zur Nutzung zur Verfügung. Diesen geringen Anteil müssen wir Menschen mit den Pflanzen und den Tieren teilen, von denen wir leben.

Darüber hinaus haben die bisherigen Ergebnisse der Weltraumforschung gezeigt, daß es für den Menschen vorläufig keine Ausweichmöglichkeiten "jenseits" der Erde geben wird. Die Wahrscheinlichkeit, im Weltraum einen Planeten anzutreffen, der ähnliche Lebensverhältnisse wie die Erde aufweist, ist vermutlich erst in einer Entfernung von Millionen Lichtjahren gegeben. Das heißt, selbst wenn die Menschheit weitere Millionen Jahre überleben würde, hätte sie noch nicht einmal die Chance, eine Botschaft aus dem All zu empfangen, geschweige denn, auch nur einen bewohnbaren Planeten zu betreten.

Wir haben also keine andere Wahl, als uns auf unserem winzigen Lebensraum einzurichten. Daher sind wir gezwungen, äußerst pflegsam mit Luft, Wasser und Boden umzugehen. Die Atmosphäre, die das Zusammen­wirken von Boden und Wasser zur Herstellung von Nahrung beeinflußt, ist unsere wichtigste Lebensressource.

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  Das Ozonloch — Hirngespinst übereifriger Wissenschaftler oder Gefahr für das Klima?   

 

Ozon ist chemisch gesehen eine Verbindung von drei Sauerstoffatomen und damit ein naher Verwandter des Sauerstoffs O2. Es ist ein Spurengas und kommt in der für den Menschen nutzbaren Erdatmosphäre nur in sehr geringen Mengen vor. Entgegen landläufiger Meinung, die dem Ozon lange Zeit eine nützliche Wirkung beimaß — es wird auch heute noch von der ozonreichen Waldluft gesprochen —, ist Ozon ein starkes Gift; es reizt die Atemorgane und wirkt schädlich auf Tiere und Menschen.

In der gesamten Erdatmosphäre kommt Ozon in verschwindend geringer Menge vor. Seine eigentliche Bedeutung für das Leben auf der Erde wurde erst erkannt, als man die höheren Luftschichten erforscht hatte, denn von entscheidender Bedeutung ist, daß Ozon in den höheren Luftschichten vorkommt und nicht in Bodennähe.

Die Erdatmosphäre ist folgendermaßen aufgebaut: Der Bereich zwischen Erdoberfläche und einer Höhe von 11 km ist die Troposphäre, von 11 bis 15 km die Tropopause, von 15 bis etwa 50 km die Stratosphäre und oberhalb von 50 km die Stratopause. Die Stratosphäre, also der Bereich zwischen 15 und 50 km, enthält etwa 90% des atmosphärischen Ozons. Der Rest von 10% befindet sich in den unteren Luftschichten, in der Tropopause und der Troposphäre.

In der Atmosphäre hat sich im Laufe der Entwicklung der Erdgeschichte eine Art Ozonauf- und -abbau­system gebildet, welches über Jahrmillionen die Verteilung des Ozons gleichhielt. Erst ab 1960 wurde von britischen Wissenschaftlern entdeckt, daß in den oberen Luftschichten mehr Ozon abgebaut als wieder aufgebaut wurde. Um dieses Naturphänomen zu verstehen, mußten zunächst eine Theorie und ein Modell entwickelt werden, die den Auf- und Abbau des Ozons erklären konnten. Dieser Vorgang ist inzwischen weitgehend geklärt. Er spielt sich folgendermaßen ab: Die energiereiche, harte UV-Strahlung der Sonne trifft auf die Atmosphäre und spaltet aus dem Sauerstoff O2 elementaren Sauerstoff O. Der Vorgang, bekannt als Photolyse, absorbiert einen großen Teil der UV-Strahlung der Sonne. Diese harte Strahlung kann also nicht auf die Erde treffen. Die freigewordenen Sauerstoffatome O verbinden sich unter Zuhilfenahme von Anstoßpartnern mit noch nicht gespalteten O2-Molekülen zu O3, also Ozon.

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Der Verfall von Ozon wird hauptsächlich durch die Reaktion mit Lachgas N2O gefördert. Dieser Zufall erzeugt — über mehrere Zwischenreaktionen — O2, also Sauerstoff. Beide Reaktionen ereignen sich in der Atmosphäre, absorbieren die harte UV-Strahlung und ermöglichen das Leben von Tieren, Menschen und Pflanzen. Bevor der Mensch mit seiner industriellen Technik in den natürlichen Kreislauf der Luft eingriff, tickte die atmosphärische Ozonuhr normal.

Erst ab 1960 gab es Anzeichen für eine Irritation der Erdatmosphäre. Über der Antarktis wurde das sogenannte Ozonloch entdeckt. Die Wissenschaftler blieben zunächst mißtrauisch und zweifelten an ihren Meßergebnissen. Allmählich stellten sie aber fest, daß dieses Ozonloch kontinuierlich größer wurde. Ab 1979 erlangte es dramatische Ausmaße, und 1986 umfaßte das Ozonloch — aus dem in einer Höhe zwischen 10 und 20 km das Ozon bereits völlig verschwunden war — die Größe der Fläche der Vereinigten Staaten. Inzwischen wächst auch über dem Nordpol ein Ozonloch.

Der Beginn der wissenschaftlichen Diskussion über die Bedeutung des Ozonlochs ist — weltweit — in der Anfangsphase wie üblich von Verharmlosung und Verdrängung bestimmt gewesen. Zunächst wurde wie immer nach natürlichen Ursachen gesucht. Hierfür boten sich zwei Haupterklärungen an: Großmaßstäbliche Schwankungen über mehrere Jahrzehnte, die sich wieder ausgleichen, oder Auswirkungen von großen Vulkaneruptionen. Diese Theorien halten sich bis heute und werden vor allem von industrienahen Wissenschaftlern gestützt. Die Zahl dieser Wissenschaftler nimmt aber immer mehr ab.

Andere Experten gingen von Anfang an künstlichen Verursacherquellen für den Ozonabbau nach. Schon sehr früh wurde die Spraydose als ein Hauptübel der Ozonlochbildung erkannt. Schwierig war die Beweisführung. Inzwischen gilt es als erwiesen, daß sich chemisch folgendes abspielt: Die Fluorchlor­kohlen­wasserstoffe, genannt FCKW, erst vor ca. 60 Jahren entdeckt, galten als ideale Treibgase für alle möglichen Anwendungsgebiete. 

Die FCKWs sind scheinbar völlig harmlos und umweltneutral. Sie sind farb- und geruchlos, nicht ätzend, nicht entflammbar, ungiftig und reagieren nicht mit anderen Stoffen. Kaum waren sie entdeckt, eröffnete sich diesen Treibgasen ein ungeheurer Markt. Sie wurden verwendet als Treibmittel in Milliarden von Sprayflaschen, als Kühlflüssigkeit in Kühlschränken und Klimaanlagen, als Reinigungsmittel, als Sterilisierungsmittel von medizinischen Geräten, als Schäumungsmittel für Matratzen, Sitzpolster, Verpackungsmaterial, Wärmedämmplatten und als Schutz- und Treibgas bei der Produktion von mikroelektronischen Bauteilen. Sind die FCKWs freigesetzt, d.h. ist der Sprayvorgang beendet, leben sie ohne Reaktion mit anderen Stoffen bis zu 10 Jahren.

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Sie steigen sehr langsam in die höheren Atmosphärenschichten auf und richten dort dann ihr zerstörer­isches Werk an, denn unter dem Einfluß der ultravioletten Sonnenstrahlen bauen sie chemisch das Ozon der oberen Luftschichten ab und eröffnen damit künftig der UV-Strahlung den Weg in die unteren Luftschichten und auf die Erde.

Parallel zum Abbau des Ozons in den oberen Luftschichten findet ein Aufbau von Ozon in den unteren Luftschichten statt; schon heute ist meßbar, daß sich der Ozonteil im unteren Luftschichtbereich seit der Mitte unseres Jahrhunderts verdoppelt bis verdreifacht hat. Dieser Vorgang spielt sich folgendermaßen ab: In den unteren Luftschichten haben wir das Gas Hydroxylradikal OH

Es wurde erst 1972 als Luftbestandteil erkannt und gilt inzwischen als "Waschmittel" der Atmosphäre. Es ist äußerst reaktionsfähig und bindet deshalb viele Schadgase, die von natürlichen und künstlichen Emissionsquellen erzeugt werden, baut sie ab und wandelt sie in wasserlösliche Bestandteile um. Diese Bestandteile werden dann durch Regen aus der Atmosphäre ausgewaschen. Durch die zunehmende Abgabe von Kohlenwasserstoffmolekülen und Stickoxyden in den Industrieländern werden immer größere Teile des Hydroxylradikals abgebaut. Als Hauptverursacher der Kohlenwasserstoffemissionen gelten der Straßenverkehr mit 39%, die Kleinverbraucher mit 32% und die Industrie mit 28%. Die Haupterzeuger der Stickoxydemissionen sind der Straßenverkehr mit 54%, die Energiewirtschaft mit 27% und die Industrie mit 14%.

Nun müßte man davon ausgehen, daß die größte Ozonkonzentration in den industriellen Ballungsgebieten und Städten anzutreffen wäre. Dies ist aber nicht der Fall, denn die NO-Moleküle haben die Eigenschaft, erst nach einiger Zeit zu reagieren. Sie überleben in der Regel 35 bis 40 Tage und werden durch die thermischen Wirkungen der Ballungsgebiete und der Industrie­anlagen in mittlere Luftschichten getragen. In diesem Zusammenhang interessiert ein neuer Prozeß des Wetter­geschehens, der verknüpft ist mit der Industrialisierung und dem Städtebau.

In den großen Industriegebieten der Erde bezeichnet man heute die untere Schicht der Atmosphäre als Mischungsschicht, die je nach Wetterlage, Breitengrad und Jahreszeit bei einer Höhe von 400 bis 1500 Metern endet. Über der Mischungsschicht liegt wie ein Deckel die Trennschicht, das heißt jene Luftschicht, die dafür sorgt, daß die Schadpartikel aus den unteren Bereichen nur äußerst schwer in die obere Atmosphäre aufsteigen können. Die Schadstoffe ziehen an der Trennungsschicht entlang und erreichen erst durch die thermodynamische Wirkung der Gebirge den Aufstieg in die oberen Schichten.

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Die Trennungsschicht ist hauptverantwortlich dafür, daß vor allem im Winter die verschmutzte Luft nicht abziehen kann und dadurch Smog entsteht. Je wärmer es ist, um so höher liegt die Trennungsschicht, je kälter es ist, um so niedriger liegt sie. Das bedeutet, daß die Atmosphäre im Winter weniger für Schadstoffe aufnahmefähig ist als im Sommer.

In dieses atmosphärische Geschehen fügt sich das industrielle System ein. Die Schadstoffe, die durch Autoabgase, Industrie und Energie­erzeugungs­einrichtungen freigesetzt werden, steigen relativ rasch bis zur Trennungsschicht hoch und reagieren nicht mit dem Sauerstoff; es bildet sich also kein Ozon. Erst in den Reinluftgebieten, die in der Regel in den Mittelgebirgen liegen — das heißt im Schwarzwald, im Voralpenland, im Bayerischen Wald usw. —, entstehen im photochemischen Zusammenwirken von Sonnenstrahlung und Kohlenwasserstoffmolekülen Ozonmoleküle.

Gelangt jedoch Ozon in verunreinigte Luft, so reagiert es dort mit dem reichlich vorhandenen Stickstoffmonoxyd zu Stickstoffdioxyd und wird auf diese Weise abgebaut. Dies ist der Grund dafür, daß die Stadt- und Industrieluft ozonärmer ist als die Luft in den Reinluftgebieten. Das Ozon in den Reinluftgebieten greift die Pflanzen an, indem es das Chlorophyll welches ursächlich verantwortlich für das Wachstum ist, zerstört. Dieser komplizierte Zusammenhang ist verantwortlich, daß der Wald in den Reinluftgebieten noch schneller stirbt als in den Industriegebieten.

In der Realität laufen die Vorgänge noch wesentlich komplexer ab, als sie durch die Modelle beschrieben werden können. Das bedeutet, die inzwischen seit zehn Jahren anhaltende Diskussion über die Ursachen des Ozonlochs bisher ohne konkretes Ergebnis! kann für uns eine verheerende Wirkung haben. Unzweifelhaft steht fest, daß wir in das komplexe System der chemischen Zusammensetzung der Atmosphäre mit offensichtlich relativ geringen Mitteln eingegriffen haben. Wir haben etwas hinzugefügt, dessen Wirkung wir nicht kannten, und wir haben geglaubt, weil es so neutral sei, hätte es keine Wirkung. In diesem Zusammenhang kommt es auf den Wortlaut an: "Am Anfang der Katastrophe stand Glaube und Nichtwissen".*

Der entscheidende qualitative Sprung des Problems liegt darin, daß wir erst etwas tun, wenn wir wissen, daß es schädlich ist. Das Ozonloch gibt uns aber entscheidende Hinweise dafür, daß wir solche, aus dem täglichen Leben gewonnene Erkenntnisse, nicht auf globale Probleme übertragen können. Das heißt, global gesehen dürfen wir nur dann Stoffe einsetzen, wenn wir genau wissen, daß deren Auswirkungen unschädlich sind.

* (d-2005:) Jetzt war ich geistesabwesend — wer hatte das gleich noch gesagt?

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Die Beweislast für die Schädlichkeit einer Substanz eines chemischen Produktes kehrt sich damit um. Das heißt, die gesamte Diskussion — ob Spraydosen schädlich oder unschädlich sind — ist völlig falsch gelaufen. Nicht der Staat muß der produzierenden Industrie nachweisen, daß ihr Produkt schädlich ist, sondern die produzierende Industrie muß nachweisen, daß ihr Produkt unschädlich ist.

Das Ozonloch ist der beste Ansatz für eine Umkehrung der Beweislast. Es ist aber auch gleichzeitig der beklemmendste Anlaß, denn schon heute wissen wir, daß die Menge der Treibgase, die in den letzten 20 Jahren in die Atmosphäre gejagt wurden, ihre Auswirkungen erst in 10 Jahren haben werden. Das bedeutet, die halbherzigen Produktions­einschränkungen und freiwilligen Verzichte der Industrie haben auf die Umweltqualität der nächsten 10 Jahre überhaupt keine Auswirkungen. Um so schlimmer ist es, daß im sogenannten Montrealer Abkommen eine wirksame Reduzierung des FCKW-Produkte nicht erreicht wurde, denn das Abkommen, das noch nicht einmal ratifiziert ist, sieht vor, daß erst bis 1990 der Verbrauch der FCKWs um 50% gesenkt wird. 

Von einer Herausnahme der Produkte aus dem Markt kann bisher überhaupt nicht gesprochen werden. Dies ist aber zur Rettung unserer Atmosphäre unabdingbar notwendig. Das Ozonloch wird in Verbindung mit anderen globalen Experimenten der Industriegesellschaften zum Menetekel dieser Zivilisation. Es könnte nur dann zu einem Sinnbild für Umkehr werden, wenn wir uns innerhalb der nächsten zwei Jahre entschlössen, vorsorglich jeglichen Verbrauch von FCK verbieten.

 

Daneben hat man jedoch bereits vor längerer Zeit einige andere globale Experimente in Angriff genommen — wie die Anreicherung der Atmosphäre mit Kohlendioxyd. Kohlendioxyd (CO2), das Anhydrid der Kohlensäure, ungenau auch Kohlensäure genannt, ist ein farb- und geruchloses, schwach säuerlich schmeckendes Gas, das Atmung und Verbrennung verhindert. "K. kommt in der Luft mit 0,03% vor", so der Brockhaus von 1955. Heute wissen wir, daß der Anteil von Kohlendioxyd im Jahre 1860 270 ppm betrug und heute 346 ppm beträgt. Die Wachstumskurve ist dabei exponential. Anfangs betrug die Wachstumsrate pro Jahr 0,2 ppm, heute 1,6 ppm.

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Inzwischen gibt es mehrere unabhängige Prognosen, die eine Zunahme des CO2 auf 600 ppm im Jahre 2040 vorhersagen, das hieße eine Verdoppelung des Wertes von 1860. Zu dieser übereinstimmenden Aussage kommen u.a. die Deutsche Physikalische Gesellschaft und das Volkswagenwerk in seinem Forschungsbericht von 1985. Dabei würde, selbst wenn der Energieverbrauch auf dem heutigen Niveau bliebe, mit einem Anstieg auf mindestens 400-500 ppm zu rechnen sein. Bedenkt man aber, daß alle Energieprognosen von einer weiteren Zunahme des gesamten Energieverbrauchs ausgehen — nämlich von 8,6 Milliarden Tonnen Steinkohleeinheiten heute auf mindestens 30 Milliarden Tonnen Steinkohleeinheiten im Jahre 2050 —, dann ist die Prognose von 600 ppm eher untertrieben, denn sie läßt einen weiteren Effekt der CO2-Anreicherung außer acht.

Der Anstieg des Kohlendioxydgehalts wird zu zwei Dritteln durch Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas verursacht und zu einem Drittel durch Brandrodung von tropischen Regenwäldern. Von der freigesetzten Menge Kohlendioxyd verbleiben ca. 30 bis 50 % in der Atmosphäre. Der Rest wird über die Oberfläche der Ozeane abgebaut. Da aber inzwischen mit einer Sättigung der Oberflächengewässer zu rechnen ist, wird zweifelsohne der verbleibende Rest zunehmen, d. h. auch hier ist eher mit einer Erhöhung zu rechnen. Weiter kommt hinzu, daß durch die rapide Abnahme des Waldes in den nächsten 50 Jahren der natürliche Kreislauf des Abbaus von CO2 über grüne Pflanzen und Umwandlung in Sauerstoff immer stärker reduziert wird.

All diese Faktoren führen zu einer weiteren prozentualen Erhöhung des CO2 in der Atmosphäre. Es ist also ohne weiteres denkbar, daß im Jahre 2050 mit einem CO2-Gehalt von 900 ppm zu rechnen ist. Man bedenke, welche Wirkung CO2 in dieser Größenordnung in der Atmosphäre auf das Wettergeschehen hat: Es wirkt wie die Glasscheiben eines Treibhauses. Es läßt Sonnenstrahlen durch, hält sie fest und verwandelt sie in Wärme, das bedeutet, je mehr CO2 in der Atmosphäre enthalten ist, desto stärker steigt die Durchschnittstemperatur. Wir machen aber mit dem CO2 noch ein weiteres globales Experiment, welches ich bereits zu Anfang dargelegt habe.

 

Ein weiteres globales Experiment ist die Zufuhr von Abwärme in die Atmosphäre. Als Abwärme wird diejenige Energiemenge bezeichnet, die beim Energie­verbrauch nicht benutzt werden kann und in Form von Kühlwärme, Reibungswärme oder warmen Abgasen an die Atmosphäre abgegeben wird. Ein modernes Großkraftwerk, das außerhalb von großen Ballungsgebieten liegt, gibt 60 bis 70 % seiner Energie über Kühltürme an die Luft oder an Flüsse ab.

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Der Rest der Energie wird als Strom an die Verbraucher weitergeleitet. Dabei gehen beim Transport ca. 5 % verloren; weitere 5 % werden bereits heute für Umweltschutzmaßnahmen verbraucht. Je nachdem, wie der Verbraucher den Strom einsetzt, gehen von dem Rest von 20 bis 30 % weitere 15 % verloren. Es bleiben also letztendlich nur ca. 5 bis 15 % Nutzenergie, dagegen rund 85 % Abwärme.

Die Kraftwerkindustrie geht zur Zeit von einem durchschnittlichen Anteil von 25 % Nutzenergie des Gesamt­energie­verbrauchs der Bundesrepublik aus. Diese Zahl ist meines Erachtens immer noch zu hoch gegriffen, weil auch für die Energiebeschaffung, den Kohleabbau, die Kohleaufbereitung und den vorsorgenden Umweltschutz beim Abbau und bei der Aufbereitung weitere Nutzenergie verlorengeht.

Insgesamt liegt der reale Nutzenergiefaktor also bei 5 % des Gesamtverbrauchs. Der Rest von 95 % ist direkt oder indirekt Abwärme, die zu 60 % über Naß- oder Trockenkühltürme an die Atmosphäre abgegeben wird. Der Rest von 35 % wird vom Kleinverbraucher über Automobile, Maschinen, Heizung usw. direkt an die Atmosphäre abgegeben.

Die Auswirkungen dieser Abwärme auf das Klima lassen sich unmittelbar am Wetterverhalten großer Städte und Ballungsgebiete sowie an den unterschied­lichen Luft- und Wassertemperaturen ablesen. So liegen bei einer Großstadt wie Berlin im Sommer wie im Winter die Innenstadttemperaturen ca. 2 bis 3 °C über den Temperaturen im Umland.

Amerikanische Wissenschaftler haben das Verhältnis von eingestrahlter Sonnenenergie und künstlich erzeugter Energie untersucht. Dabei haben sie zunächst festgestellt, wieviel Sonnenenergie von der Atmosphäre aufgenommen und wieviel wieder abgegeben wird. Dies nennt man die "natürliche Nettostrahlung". Außerdem wurde untersucht, wieviel Energie auf einer bestimmten Fläche pro m2 verbraucht wird. Diese Größe nennt man Energieverbrauchsdichte; sie wird in Watt pro m² gemessen. Ein Beispiel: Westberlin hat eine Energieverbrauchsdichte von 21,3 W/m² und eine natürliche Nettostrahlung von 57 W/m². Das heißt, die künstlich erzeugte Energie erreicht fast 50 % der natürlich eingestrahlten Sonnenenergie. Die Auswirkungen dieses hohen Anteils der Energieverbrauchsdichte an der Nettostrahlung kann man unmittelbar am Umweltatlas von Berlin erkennen. Für das Jahr 1982 betrug der Unterschied der Temperatur zwischen den Waldgebieten und dem bewohnten Kerngebiet — Kreuzberg, Neukölln, Charlottenburg und Wilmersdorf 4°C.

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 Für einige repräsentative Ballungsgebiete auf der Erde ergeben sich folgende Werte:

 

Dichte des Energieverbrauchs (EV)  + (in Watt pro m²)

Ort  Fläche (km2)  Bevölkerung (in Millionen) EV-Dichte (W/m2) 

Natürliche durchschnittliche Nettostrahlung (W/m2)

Manhattan        59 1.7 630 93
Moskau          878 6.42 127 42
Los Angeles:
Stadt 3500*    7.0  21  108
Bezirk 10000  7.0  7.5 108
Westberlin     234*  2.3  21.3  57
Fairbanks       37*  0.03  18.5   18
Bosnywash**  87000  33  4.4  90

* nur Wohnbaufläche
** 21 Großstadtgebiete zwischen Boston, New York und Washington, D. C.
+ Aus: Stephen H. Schneider, Klima in Gefahr, Frankf./Main 1978, S. 179

 

Etwas vereinfacht folgt aus diesen Daten und Berechnungen, daß es unmittelbare Zusammenhänge zwischen künstlichem Energieverbrauch und Umgebungstemperatur gibt. Aus dem vorliegenden empirischen Material läßt sich folgern, daß bei einer Energieverbrauchsdichte von 1 ein deutlicher Einfluß auf das Klima feststellbar ist. Die Weltenergieverbrauchsdichte beträgt zur Zeit 0,02 W/m2, d. h. wir könnten theoretisch den Weltenergiejahresverbrauch auf ca. 40 Millionen Tonnen Steinkohleeinheiten steigern, und erst dann würde eine Temperaturänderung von ca. 0,5° C eintreten. Diese Globalzahl geht jedoch von einer weltweiten Gleichverteilung des Energieverbrauchs aus. Tatsache ist aber, daß in Industrieballungsgebieten heute die Energieverbrauchs­dichte von 1 bereits erreicht oder sogar überschritten ist.

So hat Westdeutschland insgesamt eine Energie­verbrauchs­dichte von 1 W/m2, das Ruhrgebiet von 17 W/m2 und die Großregion Bosnywash — das ist die Region, die von Boston über New York, Philadelphia bis Washington reicht — eine Dichte von 4,4 W/m2. Darüber hinaus ist zu beachten, daß sämtliche großen Industrieballungsgebiete — Mitteleuropa, Osteuropa und Nordamerika — in der nördlichen Hemisphäre liegen. Dadurch schieben diese Gebiete eine riesige Wärmemenge in die Nordpolregion.

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Wir haben an anderer Stelle bereits gesehen, daß die Aufnahmefähigkeit der Atmosphäre für Schadstoffe und Wärme durch die Sperrschicht begrenzt wird. Auch dies führt zu einer weiteren Verengung der globalen Wärmemengenverteilung, was bedeutet, daß sich auf lange Sicht die Nordhemisphäre in eine große Wärmewüste zu verwandeln droht. Darüber hinaus werden die Abwärmemengen große Einflüsse auf Wind, Temperatur und Niederschlag haben.

Auch in diesem Wärmegesamthaushalt ist ein weiteres Grundsatzproblem für die Nutzung der Kernenergie verborgen. Kernkraft­anlagen müssen möglichst weit entfernt vom Verbraucher liegen — das Unglück von Tschernobyl hat diese Forderung noch dringlicher gemacht. Je größer aber die Entfernung zwischen Erzeugung und Verbrauch ist, um so mehr Abwärme wird erzeugt. Dabei liegt die kritische Entfernung bereits bei 25 km.

Die globalen und regionalen Zusammenhänge zwischen Abwärme und Klima werden auch durch einige andere Vorgänge evident: Über den großen Ballungsgebieten und Städten entladen sich relativ häufig heftige Gewitter und Unwetter. Diese Unwetter sind nicht mehr natürlichen Ursprungs, sondern entstehen durch die menschliche Beeinflussung des Klimas. Wie derlei Effekte global ablaufen, ist anhand eines natürlichen Klimabeeinflussungsinstrumentes darstellbar — des Golfstroms. Wir verdanken unser derzeitiges mildes Klima in Nordeuropa ausschließlich den Wirkungen des Golfstroms. Wenn wir durch globale Abwärme­beeinflussung die Wirkungen des Golfstroms verstärken, verwandeln wir unser jetziges Klima über kurz oder lang in ein Wüstenklima.

Schon jetzt wird deutlich, daß sich die Industrieländer seit 1800 eine wirkungsvolle Energiehexenküche aufgebaut haben, in der sie für jede Form der Zerstörung der Umwelt ein differenziertes Instrumentarium bereithalten. Vollständig wird es aber erst, wenn man die Situation von Wasser, Boden und Wald miteinbezieht. Sowohl was die Verschmutzung der Luft als auch die des Wassers betrifft, haben wir ein Erbe unserer Vorväter angetreten. Wir haben uns insofern als "würdige" Nachfolger erwiesen, als wir die Zerstörung mit großer Gründlichkeit fortgesetzt haben. Schon die Generation der Industriegründer mißbrauchte — etwa ab 1800 — die natürliche Ressource Wasser. Innerhalb von 50 Jahren wurden kleine, mittlere und große Flüsse in stinkende Kloaken verwandelt.

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Bekannte Beispiele in Berlin sind Panke und Spree. An der Panke wurde bereits im vorigen Jahrhundert durch Gerbereibetriebe das Luisenbad mit seiner Quelle zerstört. Die Spree verwandelten die vielen kleinen Industriebetriebe durch ihre aggressiven Abwässer sehr bald in einen offenen Abwasserkanal.

Niemand hat dies eindringlicher geschildert als Wilhelm Raabe in seinem Umweltroman <Pfisters Mühle>: 

 

Neuntes Blatt

Wie es eben bei dem Doktor Adam Asche noch viel übler roch

 

Lieblich düftevoll lag die Sommernacht vor den Fenstern über dem alten Garten, dem rauschenden Flüßchen und den Wiesen und Feldern. Ein leiser Hauch von Steinkohlengeruch war natürlich nicht zu rechnen; aber es genügte doch, um mich bei den gewesenen Bildern festzuhalten, wenn ich gleich am heutigen Abend nicht mehr meinem Weibe davon weitem Bericht gab. 

Es war eben ein Herbst- und Wintergeruch, den weder die dörflichen und städtischen Gäste noch die Mühlknappen und die Räder und mein armer fröhlicher Vater ihrerzeit länger zu ertragen vermochten. Und die Fische auch nicht — jedesmal, wenn der September ins Land kam. 

Damit begann nämlich in jeglichem neuen Herbst seit einigen Jahren das Phänomen, daß die Fische in unserem Mühlwasser ihr Mißbehagen an der Veränderung ihrer Lebensbedingungen kundzugeben anfingen. Da sie aber nichts sagten, sondern nur einzeln oder in Haufen, die silberschuppigen Bäuche aufwärts gekehrt, auf der Oberfläche des Flüßchens stumm sich herabtreiben ließen, so waren die Menschen auch in dieser Beziehung auf ihre eigenen Bemerkungen angewiesen. Und ich vor allem auf die eigenen Bemerkungen meines armen seligen Vaters, wenn ich während des Blätterfalls am Sonnabendnachmittag zum Sonntagsaufenthalt in der Mühle aus der Stadt kam und den Alten trübselig-verdrossen, die weiße Müllerkappe auf den feinen grauen Löckchen hin- und herschiebend, an seinem Wehr stehend fand: "Nun sieh dir das wieder an. Junge! Ist das nicht ein Anblick zum Erbarmen?" Erfreulich war's nicht anzusehen. Aus dem lebendigen, klaren Fluß, der wie der Inbegriff alles Frischen und Reinlichen durch meine Kinder- und ersten Jugendjahre rauschte und murmelte, war ein träge schleichendes, schleimiges, weißbläuliches Etwas geworden, das wahrhaftig niemand mehr als Bild des Lebens und des Reinen dienen konnte.

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Schleimige Fäden hingen um die von der Flut erreichbaren Stämme des Ufergebüsches und an den zu dem Wasserspiegel herabreichenden Zweigen der Weiden. Das Schilf war vor allem übel anzusehen, und selbst die Enten, die doch in dieser Beziehung vieles vertragen können, schienen um diese Jahreszeit immer meines Vaters Gefühle in betreff ihres beiderseitigen Haupt-Lebenselementes zu teilen. Sie standen angeekelt um ihn herum, blickten melancholisch von ihm auf das Mühlwasser und schienen leise gackelnd wie er zu seufzen: "Und es wird von Woche zu Woche schlimmer, und von Jahr zu Jahr natürlich auch!"

*

In seiner Novelle <Der Stopfkuchen> macht Raabe seine Kritik an der Umweltzerstörung bereits an der Intensiv­landwirtschaft fest. Auch dies kann man heute kaum besser beschreiben, und geändert hat sich daran nichts, im Gegenteil, es ist nur schlimmer geworden. Die Folgen dieser Zerstörung hat Raabe mit geradezu ökologischer Weitsicht — auch ohne unsere heutigen intensiven wissenschaftlichen Forschungs­methoden — vorausgeahnt und 1857 in seiner Erzählung <Ein Frühling> geschildert. Geradezu erschütternd ist, daß Raabe jahrzehntelang als weltfremder Romantiker angesehen wurde.

*

Geblieben vom Erbe des vorigen Jahrhunderts sind uns die Schäden der Oberflächengewässer. Die Menschen des 20. Jahrhunderts haben dieses Werk vollendet: Flüsse, Seen und Bäche wurden und werden als Abwasserkanäle benutzt, als Transportschienen für Industriegüter und als Kühlwasserreservoirs für Kraftwerke.

Es gibt heute längs der Weser neun konventionelle Kraftwerke — zwei weitere sind im Bau. Die Weser fließt einmal durch jedes dieser Kraftwerke und wird dabei mehr und mehr aufgeheizt. An manchen Tagen im Sommer werden unterhalb der Kraftwerke Flußtemperaturen von 29 °C gemessen. Der Sauerstoffgehalt des Flusses sinkt zunehmend, was zu einem immer größeren Fischsterben führt. Die Aufheizung läßt große Mengen an Wasser verdunsten, wodurch der Wasserstand sinkt. Dennoch duldet der Energiehunger keinen Aufschub; das Wasser der Weser wird zum Kühlwasser für unseren Energieverbrauch degeneriert.

Der gleiche Prozeß spielt sich — wenn auch in größeren Dimensionen — am Rhein ab. Von Basel bis Rotterdam stehen links und rechts des Rheins Hunderte von Kraftwerksblöcken, zehn Kernkraftwerke, der Großteil der chemischen Industrie und im weiteren Einzugsbereich auch ein großer Teil der Auto­mobil­industrie. Der Rhein ist heute in seinem Landschaftsbild zu einem energiegerechten Funktions­system geworden. 

* (d-2015:) W.Raabe bei detopia 

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Es wäre wahrscheinlich vernünftiger gewesen, ihn von Anfang an — wie die Nahe in Idar-Oberstein — total einzubetonieren, denn schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden endgültig alle Kloaken unterirdisch verlegt. Wer noch vor 40 Jahren im Rhein geschwommen ist, dem fällt es schwer, sich vorzustellen, wie man innerhalb von 40 Jahren eine so gigantische Naturzerstörung bewerkstelligen kann.

All dies geschieht nur, um am Ende des Energieverbrauchsprozesses 95 % Abwärme zu erzeugen, die einen Fluß — einst besungenen als Naturschauspiel — eine stinkende, dampfende Chemiekloake verwandelt. Was besonders betroffen macht, ist der Umstand, daß diejenigen, die für diese ganze Zerstörung mitverantwortlich sind, ihren Sitz, Bonn, mitten in diesem zerstörten Chaos haben und ununterbrochen darüber diskutieren, warum wir noch mehr Energie benötigen und verbrauchen.

Während die Binnengewässer bereits am Ende des 19. Jahrhunderts in weiten Teilen stark in Mitleiden­schaft gezogen waren, begann die Zerstörung der Ozeane erst durch die Nutzung des Erdöls. Die Massenmotorisierung in den mitteleuropäischen Industrieländern und die Umstellung der Raumheizung von Kohle auf Erdöl führte zu einem riesigen Bedarf an Erdölprodukten. Dieser Bedarf konnte nur noch durch Großtanker gedeckt werden, die in der Folge die oberen Schichten der Ozeane weitgehend durch Teer verschmutzten. Bereits heute kann festgestellt werden, daß ein wesentlicher Teil der Meeresbewohner und der angrenzenden Küstenbereiche dieser Verschmutzung zum Opfer gefallen ist. Global läßt sich sagen, daß in allen Industrieländern der Energieverbrauch innerhalb von 100 Jahren nicht nur den größten Teil der Binnengewässer, sondern auch die Meeres­oberflächen zerstört hat.

Neben dem Wasser wurde von Anfang an auch der Boden als Müllkippe für die Rückstände der Energie­erzeugung benutzt. Vor allem die frühen Gaswerke, Dampfmaschinen, Bergwerke, Kokereien und Elektrizitätswerke ließen ihre Altöle, ihren Kohlenstaub und alle anderen chemischen Rückstände rücksichtslos in den Boden ab — ohne Wiederaufbereitung oder halbwegs akzeptable Deponien. 1986 ist auf einem Kongreß in Berlin festgestellt worden, daß es in Westdeutschland und Berlin eine riesige Anzahl von Altdeponien gibt, für deren Beseitigung in den nächsten zehn Jahren mindestens 17 Milliarden DM aufgebracht werden müßten.

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Nach allen Erfahrungen mit solchen Schätzungen sind die realen Zahlen sicherlich wesentlich höher. Weiterhin kann man davon ausgehen, daß bisher nur ein Teil der wilden Deponien gefunden worden ist und viele andere Deponien, die unentdeckt bleiben werden, ihre giftigen Substanzen weiter an das Grundwasser abgeben können. Irgendwann werden wir nicht nur vor dem Problem stehen, daß wir unser Trinkwasser nicht mehr aus den Oberflächengewässern gewinnen können, sondern daß wir es mit viel Energieaufwand aus immer größeren Tiefen pumpen und aufbereiten müssen.

Neben der direkten Zerstörung des Bodens durch Deponien verursacht der hohe Energieverbrauch die chemische Zerstörung des Bodens durch Übersäuerung. Als sich in den sechziger Jahren die Luftverschmutzung, bedingt durch Abgase aus den Kraftwerken und der Schwerindustrie, immer mehr auf die Lebensqualität der Bewohner der großen Städte und vor allem der Industriegebiete auswirkte, wurde die Forderung nach dem "blauen Himmel über der Ruhr" zum Wahlkampf-Motto und Wahlversprechen. Die Lösung schien einfach: Man verteilte die Schadstoffe über größere Flächen.

Dies wurde erreicht, indem man die <Politik der hohen Schornsteine> betrieb. Fortan bliesen alle Kraftwerksbetreiber ihre giftigen Abgase durch 200 und 300 Meter hohe Schornsteine in die höheren Luftschichten und deponierten sie dort langfristiger. Zunächst brachte dies einen gewissen Verbesserungseffekt, vor allem die Luft in der näheren Umgebung wurde sauberer. Dafür traten aber in den weiter entfernt liegenden Gegenden — mit einer gewissen Zeitverzögerung — wesentlich größere Schäden auf. Das Waldsterben in den Industrieländern begann. Ich will hier darauf verzichten, die komplizierten Zusammenhänge und die einzelnen Verursacher aufzuzählen. Fest steht aber, daß sowohl die Kraftwerke durch ihre hohe Schadstoffemission als auch die Automobile und die chemische Industrie mit ihren vielen Kohlenstoffverbindungen gleichermaßen zur Versauerung der Böden und zur Zerstörung des Lufthaushaltes entscheidend beigetragen haben. Aber auch diese Betrachtungsweise ist vordergründig, denn letztlich sind wir als Massenverbraucher auch die Verursacher des Waldsterbens.

Wir können uns daher angesichts der Erkenntnis, daß großer und falscher Energieverbrauch zur Gesamtzerstörung unserer Umwelt führt, vor der Verantwortung nicht mehr drücken. Liest man heute den Waldschadensbericht von 1984 und vergleicht ihn mit dem von 1986, so fallen einem die optimistischen Untertöne von 1984 auf. Heute gibt es für Optimismus keinen Grund mehr. Nach den Veröffentlichungen einzelner Bundesländer hat die Zahl der erkrankten Bäume um 7 % zugenommen.

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Das war die Zuwachsrate, um die in den 70er Jahren der Stromverbrauch stieg, und darauf waren wir stolz. Überdies muß, was die Zuwachsrate des Waldsterbens betrifft, berücksichtigt werden, daß gefällte Bäume nicht mehr als "krank" gemeldet werden, was bedeutet, daß diese Verluste sich nicht in der Statistik niederschlagen. Das Waldsterben schreitet also wesentlich schneller voran, als statistische Daten verraten. Darüber hinaus sind inzwischen sämtliche Baumarten betroffen, auch die Laubbäume. In einzelnen Forstministerien dämmert langsam die Erkenntnis, daß in zwei Generationen kein Wald mehr vorhanden sein wird. Die größte Schreckensmeldung betrifft aber die Wiederaufforstung: Der überwiegende Teil der Jungpflanzen geht schon nach kürzester Zeit wieder ein (vgl. Der Spiegel, Nr. 38/1986, S. 79).

 

Trotz dieser katastrophalen Lage geht der Expertenstreit über die Ursache des Waldsterbens weiter und weiter. Ja, es gibt sogar heute noch Wissenschaftler, die das Phänomen an sich leugnen. Wir müssen davon ausgehen, daß es im Jahre 2020 keinen Wald mehr in Europa und auch in weiten Teilen Nordamerikas geben wird, wenn wir unseren Energieverbrauch nicht radikal senken — die Reduzierung der Abgase allein genügt nicht.

Doch nicht nur in den Industrieländern stirbt der Wald, auch die tropischen Regenwälder in Südamerika, Afrika und Asien sind betroffen. Diese Wälder werden bisher nicht chemisch, sondern durch Abholzung und Brandrodung vernichtet. Die Gründe dafür liegen auch wieder in den Industrieländern. Dort werden immer mehr tropische Edelhölzer verarbeitet und auf dem Markt angeboten. So haben z. B. Edelhölzer wie Bangossi und Teak die heimischen Buchen-, Eichen- und Lärchenhölzer verdrängt. Doch es geht dabei nicht nur um edle Furniermöbel. Durch ihre besondere Wetterbeständigkeit werden tropische Hölzer auch zunehmend als gewöhnliches Bauholz genutzt. 

Außerdem fordert der übermäßige Fleischkonsum in den Industrieländern eine immer größere Menge an Importkraftfutter und Rinderweiden in Südamerika, Asien und Afrika. Nicht zuletzt der Mehrbedarf an Nahrungsmitteln in den Entwicklungsländern erfordert scheinbar, immer mehr Wald in Weiden und Äcker umzuwandeln. Allein in den letzten 100 Jahren ging von 20 Mill. km2 Regenwald die Hälfte verloren. Geht diese Entwicklung so weiter wie bisher, wird Ende des nächsten Jahrhunderts der größte Teil der Regenwälder abgeholzt bzw. brandgerodet sein.

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Doch die Regenwälder sind für das ökologische Gleichgewicht nicht zuletzt deshalb von unschätzbarem Wert, weil sie einen Teil des großen Weltklima­geschehens beeinflussen und unser gesamtes Klima bisher in einem Gleichgewicht gehalten haben.

Für eine Bilanzierung des Weltklimageschehens fehlt eigentlich nur noch eine Einflußgröße, nämlich das Wachstum der Weltbevölkerung. Bei einer derzeitigen Weltbevölkerung von vier Milliarden Menschen beträgt der Energieverbrauch ca. 9-10 Milliarden Tonnen Steinkohleeinheiten. 

1950 betrug er noch 2,67 Tonnen, d.h., er hat sich in den letzten 30 Jahren mehr als verdreifacht. Analysiert man aber die Verbrauchsschwerpunkte nach Ländern, so verbrauchen heute wie damals 25 % der Erdbevölkerung 70 % der Energie. Damit wird deutlich, daß die Wachstumsraten des Energieverbrauchs nur in den Industrie­ländern der Nordhalbkugel — Nordamerika, EG, sozialistische Länder und Japan — relevante Größenordnungen haben.

Da aber in diesen Ländern in der fraglichen Zeit das Bevölkerungswachstum kaum noch eine Rolle gespielt hat, ist der Energieverbrauch als reiner Mehrverbrauch pro Kopf der Bevölkerung anzusehen. Die Länder mit großem Bevölkerungs­wachstum waren am Wachstum des Energieverbrauchs nicht beteiligt. Dort sind noch nicht einmal Geräte und Vorkehrungen geschaffen worden, die es ermöglichen, große Mengen von Energie zu verbrauchen, d.h., es gibt in diesen Ländern weder eine mechanisierte Landwirtschaft noch mechanisierte Haushalte, große Industrieanlagen oder eine nennenswerte Zahl von Automobilen.

Da es aber sehr unwahrscheinlich ist, daß all dies in den nächsten 30 Jahren geschaffen wird, spielt im Grunde das Wachstum der Bevölkerung in den Entwicklungsländern für den Energieverbrauch auch weiterhin keine Rolle. Ganz im Gegenteil, es ist vorherzusehen, daß die Industrieländer alles daran setzen, den Ländern der dritten Welt möglichst wenig vom großen Kuchen der Weltenergieerzeugung abzugeben. Deshalb müssen sie auch die Verantwortung für einen eventuellen Zusammenbruch des Weltklimas allein tragen. Das heißt, die Bedingung für eine Veränderung des Weltenergieszenariums hängt in erster Linie vom Verhalten der Industrieländer ab.

Die Erde funktionierte mit ihrem Energiehaushalt als großer, fast geschlossener Regelkreis, der nur von der Sonnenenergie beeinflußt wurde. Dieser Naturkreislauf funktionierte noch einige Millionen Jahre — nachdem der Mensch die Bühne des Weltgeschehens betreten hatte — mit einer globalen Durchschnitts­temperatur von 15°C. Das Erdklima ist insgesamt gemäßigt und bietet ideale Bedingungen für das pflanzliche und tierische Leben. Mit der Entwicklung des Ackerbaus griff der Mensch erstmalig in diesen Kreislauf ein.

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Die Waldvernichtung im Mittelmeerraum durch Griechen und Römer brachte ein vergleichsweise kleines, lokal begrenztes Gebiet aus dem klimatischen Gleichgewicht. Seit der Erfindung und Nutzung der Dampfmaschine — oder besser gesagt der Wärmekraftmaschine — ist das klimatische Gleichgewicht dann total ins Schwanken geraten. Es wurden Prozesse in Gang gesetzt, deren Auswirkungen schon nach 200 Jahren globale Ausmaße erreicht haben, da sie gleichzeitig wirken bzw. sich wechselseitig verstärken.

Der Abbau des Ozons in der Troposphäre führt zu einer Erhöhung der Sonneneinstrahlung auch in den unteren Luftschichten und damit zu einer Erhöhung der Durchschnittstemperatur. Der Anstieg des CO2-Gehalts dürfte selbst bei unverändertem Energieverbrauch bis Mitte des nächsten Jahrhunderts auf 600 ppm ansteigen. Dies wird unweigerlich zu einer Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur führen.

Das Abschmelzen der Eismassen an den Polen wird forciert, wodurch die Erde ihre "Kühlelemente" verliert, die die Durchschnittstemperatur auf einem Niveau von 15° C halten. Mit dem Abschmelzen gleiten die Eismassen in die Meere und erhöhen den Meeresspiegel. Die Luftverschmutzung durch den fossilen Energieverbrauch führt zu einer Erhöhung des Ozonanteils in den unteren Luftschichten. Folge davon ist das Waldsterben in der gesamten nördlichen Hemisphäre. Dadurch verringert sich die Möglichkeit der Pflanzen, Kohlendioxyd abzubauen: Der Kohlendioxydgehalt der Luft steigt erneut. Durch das Waldsterben wird die Bodenerosion gefördert, und zwar nicht nur im Flachland, sondern auch in den Mittelgebirgen. So sinkt beispielsweise die Wasseraufnahmefähigkeit der Alpen. Das bedeutet, daß eines der zentralen Trinkwasserreservoirs Mitteleuropas zerstört wird. Das Abholzen der tropischen Regenwälder vermindert den Abbau von Kohlendioxyd ebenfalls. Der Treibhauseffekt wird verstärkt.

Das Verschwinden der Wälder reduziert die Abbaufähigkeit der eingestrahlten Sonnenenergie und führt unmittelbar zu einer weiteren Aufheizung der Atmosphäre. Die Abwärme kann — auch wenn der Energie­verbrauch konstant bliebe — von der Atmosphäre und den übrigen Kühlelementen, Wasser und Boden, immer weniger aufgenommen werden und trägt ebenfalls zur Erhöhung der Durchschnittstemperatur bei. Doch je höher die Durchschnitts­temperatur auf der Erde ist, um so mehr Energie wird verbraucht. Diesen scheinbaren Widerspruch kann man unmittelbar am Energieverbrauch der großen nordamerikanischen Städte ablesen. Obwohl sie höhere Durchschnittstemperaturen als das übrige Land aufweisen, steigt der Energieverbrauch, bedingt durch die Klimaanlagen.

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Durch die Bodenerosion — verursacht durch Waldsterben und Intensivlandwirtschaft — sinken die Erträge; dem muß mit erhöhtem Kunstdüngerverbrauch und mit mehr Mechanisierung begegnet werden. Das Waldsterben und die gleichzeitige Gesamtzerstörung der natürlichen Umwelt hat tiefgreifende Veränderungen im Freizeit- und Erholungsverhalten der Menschen in den Industrieländern zur Folge. Um noch "natürliche Erholungsgebiete" aufsuchen zu können, müssen immer größere Entfernungen zurückgelegt werden, d.h., für den Verkehr wird immer mehr Energie verbraucht.

 

Als Ersatz für die zerstörten Naherholungsgebiete werden mehr und mehr Freizeitparks und Sportstätten geschaffen. Diese benötigen zwangsläufig mehr Energie. Der Waldverlust führt weiterhin dazu, daß immer mehr Produkte des täglichen Lebens nicht mehr aus natürlichen, d.h. sonnenenergetisch gewonnenen Rohstoffen hergestellt werden, sondern — sehr energieaufwendig — aus Kunststoffen. Die Natur­zerstörung und die Umgestaltung der Landwirtschaft zur Industrieagrikultur verschlechtern die Arbeits­bedingungen auf dem Land, senken die Lebensqualität und führen zu einer immer größeren Verstädterung, wodurch der Energieverbrauch wiederum steigt.

Durch unseren derzeitigen Energieverbrauch und die Abhängigkeit von der Elektrizität haben wir uns in die Zwangslage gebracht, uns für fossile Energie oder Kernenergie entscheiden zu müssen. Durch den teuren Umweg über die Kernenergie, der uns nicht nur 30 Jahre Zeit, sondern auch immense Summen gekostet hat, fehlt uns die Möglichkeit, schnell von der fossilen Energie auf Nutzung der Sonnenenergie umzusteigen. Selbst die Deutsche Physikalische Gesellschaft erliegt der Versuchung, die Kernenergie — aufgrund der großen Probleme mit fossiler Energie — zu favorisieren.

Die Unfälle von Harrisburg, der Super-GAU von Tschernobyl und viele "Beinah-Unfälle" müßten eigentlich jeden davon überzeugt haben, daß durch den Weg in die Kernenergie weitere Katastrophen geradezu programmiert werden. Je später sich diese ereignen, um so weniger Zeit bleibt für den Umstieg auf die Sonnenenergie! Falls wir die Kernkraftwerke, die wider alle Vernunft betrieben werden, nicht schon jetzt abschalten, steigt bis zum nächsten Super-GAU der Zwang zum Handeln immer mehr, so daß dann in noch umfangreicherem Maße fossile Energie eingesetzt werden muß — eine fatale Folge für die Gesamtsituation unserer Erde.

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Wir haben aber noch einen weiteren Teufelskreis erzeugt: Je mehr Energie wir verbrauchen, um so mehr technische Schutzmaßnahmen müssen ergriffen werden, die wiederum Energie verschleißen, vor allem Strom. Die Umweltschutzmaßnahmen erfordern weitere Schutzmaßnahmen, die wiederum Energie verbrauchen. Das bedeutet, je mehr Energie für den Umweltschutz verbraucht wird, um so größer muß schließlich die Energieerzeugung sein.

Genau in diese Kerbe haut auch die Aussage der Bundesregierung im Energiebericht 1986: Erzeugung und Nutzung von Energie beanspruchen die Umwelt. Die Verfügbarkeit von Energie ermöglicht aber auch den Betrieb vielfältiger Umweltschutz­einrichtungen. Bilanziert man nun die globalen Auswirkungen — Ozonabbau, CO2-Anreicherung, Abwärme, Waldsterben und Erhöhung des Energieverbrauchs — als Folge der Luftverschmutzung, so kann man feststellen, daß das "Luftsterben" etwa ab 1860 begann. Beschleunigt wurde die Luftverschmutzung ab 1950, ihre Endphase setzte Mitte der siebziger Jahre ein. Quantitativ erhält man, selbst wenn man jeweils von den unteren Grenzwerten der Einzelphänomene ausgeht, innerhalb der nächsten 60 Jahre eine globale Erhöhung der Erddurchschnittstemperatur von mindestens 4°. Dabei ist zu befürchten, daß — selbst bei stagnierendem Energieverbrauch — heute so viel an Luftschadstoffen freigesetzt wird, daß diese Entwicklung nicht mehr aufzuhalten ist.

Die meisten Politiker und viele Wissenschaftler wollen für diese Prognose konkrete Beweise haben. Wenn wir aber den Beweis erbracht haben, daß die Durchschnittstemperatur der Erde um 1°C gestiegen ist, wird es zu spät sein. Das bedeutet, wir können uns nur an den alarmierenden Vorzeichen dieser Entwicklung orientieren, die bedrohlich genug sein sollten: Ozonloch, Waldsterben, Ansteigen des CO2-Gehaltes, Boden- und Wassersterben, Ansteigen der Meeresspiegel, Dürrekatastrophen in der Sahelzone oder in den USA. Welche Beweise brauchen wir noch, um zu verstehen, daß wir auf eine globale Katastrophe zusteuern?

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Faßt man das Ganze in einem Bild zusammen, so befinden wir uns in einer ähnlichen Situation wie die Reisenden auf der Titanic: Der Wachhabende meldet: "Eisberg voraus!" Der Kapitän, im Bewußtsein, das sicherste Schiff der Welt zu lenken, und gleichzeitig von dem Ehrgeiz befallen, die schnellste Atlantik-Überquerung durchzuführen, wehrt sich gegen jede Unterbrechung der Reise. Der Fortschritt sollte sich an diesem Schiff behaupten. Die schlechteste Entscheidung von drei möglichen. Die erste und vermutlich beste wäre gewesen, die Maschinen mit voller Kraft rückwärts laufen und das Schiff auf den Eisberg auflaufen zu lassen.

Dann wäre zwar das Vorderschiff gestaucht worden, auf Grund seiner sicheren Konstruktion hätte es aber die Kollision mit dem Eisberg überstanden, und es wären Tausende von Menschen gerettet worden. Eine zweite Möglichkeit wäre gewesen, das Schiff durch eine radikale Kehrtwendung mit dem Heck zum Eisberg zu bringen. Ob dies gelungen wäre, ist unsicher, doch wäre dabei dem Schiff der geringste Schaden zugefügt worden. Statt dessen befiehlt der Kapitän, dem Eisberg auszuweichen und reißt damit fast die gesamte Flanke des Schiffsrumpfes auf.

 

Die Entscheidung, vor der wir heute in der Energiefrage stehen, sieht ähnlich aus: Wir können nichts anderes machen, als das Rad mit voller Kraft zurück­drehen und erkennen, daß uns die derzeitige Technik in fast allen Bereichen in den Untergang führt. Wir müssen etwas riskieren und auf einen Teil der Technik verzichten. Anders dargestellt: Wir befinden uns in der Situation von Kindern, die in ihren Zimmern eine riesige Menge von Spielzeug angehäuft haben — wobei ihnen eigentlich gar kein Platz mehr zum Spielen bleibt. In einem solchen Falle muß aussortiert werden. Wir müssen entscheiden, von welchen unserer vielen technischen Spielzeuge, die alle sehr viel Energie verbrauchen, wir uns trennen wollen. Diese Entscheidung kann uns niemand abnehmen, aber jeder einzelne muß sie mittragen und mitvollziehen.

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