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Warner vor der Umweltbedrohung     

 

 

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Als derartige und andere Umweltprobleme namentlich am Ende der 60er Jahre der Öffentlichkeit bekannt wurden, gab es zunehmend Proteste, von Gruppen und einzelnen Personen. Am Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts begann die moderne Umwelt­bewegung, kam die Zeit der <Ökogruppen>, der <Grünen>, der Kämpfer für eine ökologisch bessere Welt.

Zum Terminus <Ökologie> wäre zu bemerken, daß er also zunächst als Bezeichnung einer exakten natur­wissen­schaftlichen, vor allem biologischen Wissenschafts­disziplin verwendet wurde. Eine solche Natur­wissenschaft sucht objektive, wertfreie Erkenntnisse. Was mit den Erkenntnissen geschieht, ob aus ihnen gesellschaftlich verbindliche Maßnahmen abgeleitet werden, etwa Schutz­maßnahmen, ist Angelegenheit der "Öko­politik". Vieles, was sich nunmehr als "ökologisch" bezeichnete, war "Ökopolitik". Der Ökologe kann gleichzeitig Ökopolitiker sein, wie etwa der frühere Umwelt­minister von Schleswig-Holstein Bernd Heydemann.

Viele der Warner vor der ökologischen Krise waren und sind keine Fachleute im engeren Sinn. Die begrenzte Probleme unter­suchenden Fachleute sind andererseits offenbar oft nicht jene, die einen Gesamtüberblick und eine Vorausschau wagen. Das erscheint dem Spezialisten oft "unwissenschaftlich". Gewiß können Prognosen ungenau sein, und Fehleinschätzungen schädigen den "wissenschaftlichen Ruf". Aber jemand muß auch auf Vernetzungen, auf das Zusammenwirken der Dinge hinweisen, auch wenn das oft nur mit provisorischem, hypothetischen Charakter geschehen kann.

Manche Äußerungen von Umweltwarnern gingen bis zum völligen Pessimismus. Der Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer (1916-1991) verkündete 1984, daß er nichts mehr schreiben wolle, da nach wenigen Generationen die Menschen die Erde verlassen hätten und keine Leser mehr übrigbleiben würden.  

detopia-2018: Vergleiche Video 1989 bei detopia. Schluß des Interviews für das ZDF Zeugen des Jahrhunderts

Andere sprachen später von der "letzten Party" der Menschheit, die jetzt in den Industrieländern und auch nur für manche gefeiert wird, von der Erde als einem untergehenden Riesendampfer wie die "Titanic", auf dem die Bordkapelle letzte fröhliche und vergessen machende Weisen spielt (Vorholz 1995b).

So wie die christliche Religion beschuldigt wurde, die Natur entgöttlicht und damit als Ausbeutungsobjekt freigegeben zu haben, wurde das von Autoren wie Theodore Roszak im späten 20. Jh. der ohne Mythos auskommenden Naturwissenschaft angelastet (Wade 1972). 

Gewiß waren Stickstoffdünger und Halogenkohlen­wasserstoffe Ergebnis naturwissenschaftlicher Forschung. Aber andererseits hat nur Forschung ermöglicht, Schäden wie das Ozonloch oder die Nitratbelastung des Grund­wassers festzustellen. 

Aber wer überhaupt noch über "Umwelt" schrieb, mußte wenigstens etwas Hoffnung auf eine Lösung mancher Probleme besitzen, auch wenn apokalypt­isches Denken in einigen Kreisen fast Mode wurde. 

Sicherlich hat — die Richtigkeit vieler Daten und Prognosen vorausgesetzt — Hans-Joachim Rieseberg in vielem mit der Meinung recht (1988, S. 9): 

"Mit kleinen Reformen, halbherzigen Gesetzen, ein bißchen Umweltschutz und etwas weniger Wirtschafts­wachstum ist die menschliche Existenz auf dieser Erde nicht zu retten. Entweder schaffen wir es, in den nächsten 30 Jahren unsere Zivilisation radikal zu verändern, oder wir werden gemeinsam untergehen." 

Das letztere wird sich womöglich nur auf einen Teil der bewohnten Erde beziehen, aber unangenehm wird es.

"Je länger", meinte H.-J. Rieseberg,

"wir diese Erkenntnis vor uns herschieben, vertagen und mit irrationalen Hoffnungen und kindlichem Glauben verdrängen, um so weniger Chancen haben wir, etwas zu verändern. Ab einem bestimmten Zeitpunkt sind globale Abläufe irreversibel, irreversibel für die Geschichte der Menschheit, wenn auch vermutlich nicht für die Geschichte der Erde." 

detopia-2018:  H.Rieseberg     W.Hildesheimer    T.Roszak 


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Und Jim Macneill, Generalsekretär der <World Commission on Environment and Development> der UNO, meinte 1989 angesichts so vieler alarmierender Fakten, "it is easy to envision the future as one of ever-increasing environmental degradation, poverty and hardship among ever-declining resources in an ever more polluted world".

Der US-amerikanische Biologe E.O. Wilson sprach um 1990 (1995) vom Zustand einer "Make or Break Decade", einer Dekade des Gewinnens oder Verlierens, und meinte 1995 (S. 204), daß es gut möglich wäre, "daß wir den Krieg verlieren — gegen den Moloch der Ökonomie". Er warnte vor der "Einsamkeit", wenn mit uns auf der Erde nur sehr viel weniger Lebewesen als einstmals koexistieren.

 

Eine Wende in der Einstellung zur Umweltproblematik bewirkte in vielem der 1968 gegründete <Club of Rome>. Im Jahre 1991, um die gegenwärtige Situation vorwegzunehmen, gehören dem <Club of Rome> 100 unabhängige ordentliche Mitglieder aus 53 Ländern an. Sie "repräsentieren eine Vielfalt von Kulturen, Ideologien, Berufen und Wissenschaftszweigen und sind durch die gemeinsame Sorge um die Zukunft der Menschheit miteinander verbunden" (KING et al. 1991, S. 6). Um die Effektivität der Debatten zu wahren, mußte die Mitgliederzahl begrenzt gehalten werden und wurde bei einhundert festgeschrieben.

Der wohl bedeutendste Initiator des <Club of Rome> war der Italiener Aurelio Peccei (1908-1984) (s. u.a. Peccei 1977). Geboren im Jahre 1908 in Turin als Sohn eines Sozialisten, beschrieb Aurelio Peccei nicht ohne Stolz Turin als die "Wiege jenes kultivierten und menschlichen Kommunismus, der heute noch die Italienische Kommunistische Partei auszeichnet" (1977). Peccei wurde zum Freidenker erzogen und war später bemüht, möglichst viel von der Welt zu sehen. Er arbeitete als Manager für Fiat in China.

Während des Zweiten Weltkrieges wirkte er als Gegner des Faschismus in der Vereinigung <Glustizia e Libertá> (Gerechtigkeit und Freiheit), wurde aber 1944 verhaftet. Nach dem Kriegsende arbeitete er wieder für Fiat, diesmal in Argentinien (dort machte er die Bekanntschaft von S. ALLENDE und EVA PERRON), und war später noch bei anderen Firmen tätig. Ihm wurde bewußt, daß er "einer Generation" angehörte,

"die dank der Erfindungskraft und den Bemühungen der vorausgegangenen Generationen in der Geschichte der Menschheit eine wahrhaft glänzende Seite hätte schreiben können. In der Morgendämmerung des 20. Jahrhunderts erschienen die Voraussetzungen günstig wie nie, daß die Menschen ihre Fähigkeiten ausspielen könnten, daß ein Fortschritt ohnegleichen es ermöglichen würde, die Armut abzuschaffen und für alle ein würdevolles Leben zu gewährleisten". (1977, S.17)

Aber, "leider", so meinte Peccei, "wurde die Gelegenheit verpaßt ...". Es kam Krieg, aber es gab dennoch ungeheure Zunahme der Menschenzahl, Spekulation, Fehlprojekte, sichtbare Zeichen der Zerstörung. Peccei, erfahren in der Arbeit an vielen Projekten, "merkte, daß ich meinen inneren Frieden nicht finden könnte, wenn ich nicht wenigstens versuchte, zu sagen, daß einiges mehr oder auch etwas anderes zu geschehen hätte." (1977, S.30)

Am 6. und 7. April 1968 folgten zunächst 15 Wissenschaftler der Einladung von Peccei in die "Accademia dei Lincei" in Rom zum Gedankenaustausch "über die globalen Probleme unseres Planeten". Das war der Geburtstag des mit berühmtesten, sicherlich aber eines der wichtigsten "Clubs" der Menschheit.

Etwa in diese Zeit fällt auch das Buch <World Dynamics> von Jay Forrester, das in Deutsch als <Der teuflische Regelkreis: Das Globalmodell der Menschheitskrise> (1971) erschien und als einer der ersten Globalberichte gilt. Ein Resümee des Buches gipfelt in einer eher dirigistischen Schlußfolgerung: "Der Übergang vom Stadium des Wachstums in einen weltweiten Gleichgewichtszustand ist die größte Aufgabe, die wir zu bewältigen haben".

Wie Carl Friedrich von Weizsäcker (geb. 1912) im Jahre 1973 wies Forrester darauf hin, daß vielfach Symptome kuriert, nicht aber die Ursachen der Schäden angegangen würden. Eine verhängnisvolle Krise könne in der Gegenwart aus verschiedenen Ursachen entstehen, wenn nicht durch Bevölkerungs­vermehrung und Hunger dann durch die Abfallprobleme einer der Armut an sich entgegenwirkenden forcierten und unsauberen Industrialisierung.

detopia-2018:  A.Peccei   J.Forrester  


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Ein weithin aufschreckendes, dann wieder verdrängtes und auch viel kritisiertes, aber auch in der Rückschau als sehr wichtig eingeschätztes Buch war Dennis Meadows (geb. 1942) <The Limits of Growth>, erschienen 1972. In deutscher Sprache kam es bald darauf unter dem Titel "Die Grenzen des Wachstums" heraus. Es galt als der 1. Bericht an den "Club of Rome" zur Weltlage. Mindestens so deutlich wie in dem Buch von Forrester wurde das Anhalten des ungehemmten und unkontrollierten Wachstums in den verschiedenen Bereichen, ob bei der Bevölkerungs­zunahme, dem Energieverbrauch oder der Herstellung vieler industrieller Produkte verlangt. Aus dem Buch wurde die Notwendigkeit des "Nullwachstums" abgeleitet, obwohl, wie die Autoren auch später richtig anführten, das nicht im quantitativen Sinne für alle Bereiche so gefordert war. Schädliches Wachstum sollte begrenzt werden.

Proteste gab es bei Nationen, die ohnehin auf niedrigem Niveau standen und auf den viel größeren Verbrauch der hochentwickelten Staaten verwiesen. Forrester hatte darauf aufmerksam gemacht, daß eine einzelne Person in einem industrialisierten Land die Umwelt durch Schadstoffabgabe etwa 20- bis 50-mal so stark belastet wie eine Person in einem unterentwickelten Land. Aber die extensive Landwirtschaft unterentwickelter Länder sorgt in besonderem Maße für Bodenerosion, Versalzung und andere Schäden. Wie Meadows 1992 (1992b) mitteilte, war es um 1970 noch schwierig, an das die Umwelt­problematik verdeutlichende statistisches Material heranzukommen.

Der ebenfalls als Buch erschienene 2. Bericht an den <Club of Rome> war <Menschheit am Wendepunkt> von M.Mesarovic und E.Pestel 1974. Sie betonten unter anderem, daß die heutige Umweltkrise letztlich aus einer nach bisherigen Wertvorstellungen positiven Ursache kommt, nämlich dem Fortschritt in Wirtschaft und Technik, ja auch aus den humanen Bestrebungen der Krankheitsbekämpfung. Das Ende der Krise aber muß "gesetzt" werden. Die Komplexität der Dinge auf der Welt läßt eine Lösung immer schwerer werden. Utopien von riesigen Gewächshäusern könnten Lösungen vortäuschen, die nicht zu verwirklichen sind. Weitere Berichte an den "Club of Rome" und Analysen unter seiner Anregung folgten.

Im Jahre 1991 veröffentlichten der Ehrenpräsident des <Club of Rome> ALEXANDER KING und General­sekretär BERTRAND SCHNEIDER den Bericht des (nicht an!) "Club of Rome" mit dem Titel <Die Globale Revolution>.

Unabhängig vom "Club of Rome" verfaßte Meadows das 1992 erschienene Buch über <Die neuen Grenzen des Wachstums>.

Diese Bücher an den <Club of Rome> oder in der Nachfolge und Auseinandersetzung mit ihnen widerspiegeln in überschaubarer Weise den Wandel im Wissen um die Dinge, denn die um 1970 gefürchtete und <Grenzen des Wachstums> nahelegende Rohstoffkrise erschien nach einiger Zeit längst nicht mehr als die erstrangige Bedrohung. Die aus der Rohstoffnutzung entspringenden Abprodukte und namentlich die Atmosphären­verschmutzung wurden als die nächstliegenden Gefahren erkannt und sollten der Rohstoffnutzung Grenzen setzen.

Auch "Nullwachstum" bringt mit sich, daß begrenzte Rohstoffe eines Tages zu Ende gehen. "Nullwachstum" kann die begrenzten Rohstoff­vorkommen nur strecken, vielleicht bis in eine Zeit, da ganz neue Rohstoffquellen, sei es in größeren Erdtiefen oder gar außerhalb der Erde verfügbar werden — eine vielleicht zu naive und deshalb bedenkliche Utopie.

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detopia-2018:  D.Meadows   A.King

Gottfried Zirnstein 1994 Ökologie und Umwelt in der Geschichte

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