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 Teil 5     In memoriam  -  Zwei Freunde

    1 Jean     2 Böll    3 Döpfner 

299---325

Zwei Nachrufe und eine Laudatio. Keiner der beiden Nachrufe war als solcher gedacht; der Tod von Jean Amery wie der von Heinrich Böll hat zwei bereits konzipierte Aufsätze gewissermaßen eingeholt.

Die Laudatio vom April 1983 auf den Ehrenbürger Kölns stellt, mehr als der kleine Artikel aus der Zeitschrift L-80, eine Summe dessen dar, was uns verbunden hat und verbindet.

Ganz bewußt werden hier große Teile des Essays aus dem ersten Teil aufgenommen — des Essays über das Schicksal des deutschen Konservativismus. 

In dieser Rede (die mein Freund Heinrich für etwas zu pessimistisch hielt) habe ich zum letzten Mal versucht, ihn als den (vielleicht letzten) Autor aus der großen Reihe des europäisch-katholischen Renouveau zu preisen.

Der Zusammenhang, der mir zeitlebens so offensichtlich schien, wurde in all dieser Zeit kritisch kaum erörtert. 

Und so weckte diese Rede denn auch einen wahren Sturm des Desinteresses.

Interessant wäre zu wissen, wie die neuesten Denunzianten der Gesinnungs-Ästhetik mit dem Andenken Bölls verfahren. Davon wird man nächstens wohl einiges hören.

 

1. Der gefährliche Fortschritt   

Zu einem Aufsatz von Jean Amery            Jean Amery auf detopia 

Von Carl-Amery-1979 

300-306

In dem Sammelband <Die zornigen alten Männer>, herausgegeben von Axel Eggebrecht im Rowohlt-Verlag, hat uns Jean Amery eine Art von politischem Vermächtnis hinterlassen. Sein Denk- und Sprachstil ist auf der Höhe dessen, was wir immer von ihm erwarten konnten und erwartet haben: luzide, voll von einer Bitterkeit, die melancholisch zu nennen ihre Schärfe bagatellisieren hieße — aber einer Bitterkeit, die souveräne Selbstkritik, ja Selbstironie nicht ausschließt.

Jean Amery schreitet in diesem Aufsatz die Erfahrungen nochmals ab, die er seit 1945 gemacht hat: Erfahrungen, die er mit vielen teilte, welche wie er der freien Linken angehörten und noch angehören. Es sind die Ernüchterungen über die Restauration, die man damals, 1945, nicht erwartete; Ernüchterungen über den tatsächlichen Zustand des öffentlichen Bewußtseins, welches sich keineswegs in jene Klischees der Entfremdung bequemt, mit dem linkes Bewußtsein den Wohlstand zu diskreditieren versuchte und versucht. 

Es ist aber auch Ernüchterung über die Alliierten am Werk; die Alliierten des sogenannten realen Sozialismus, die Ernüchterungen, die man unter den Stichworten Prag und Budapest zusammenfassen kann. Es sind, natürlich, auch die Ernüchterungen über das Verhältnis von Arbeiterklasse und linker Intelligenz, wie es in Frankreich vor allem, bei den Mai-Ereignissen von 1968, klar, logisch und unbarmherzig zutage trat: das Verhältnis eines vielschichtigen, kaum auflösbaren Mißverständnisses. 

Er, Jean Amery, sieht im Augenblick keinen Faschismus im strikten Sinne hervortreten (er hat zu viel von den wirklichen Nazis erduldet, um mit den Adjektiven faschistisch und faschistoid so schnell zur Hand zu sein wie die ungeduldigen Jungen); was er am Werke sieht und fürchtet, ist eine Art von computergesteuertem Vormärz, eine »kerndeutsche Obrigkeitsstaatlichkeit«, gegen die man sich mit ganz anderen Mitteln zu wehren hat: 

»Wir werden ohne Heroismus und persönliches Heilsvorhaben auskommen müssen, was bedauerlich sein mag für ein paar unter uns, die man vielleicht aus den Medien auszusperren trachten wird, was aber der ganz großen Tragik ermangelt. Dann werden wir alte Linke, die wir Tatzeugen waren, jene Wahrscheinlichkeit wiedergewinnen, die wir verloren — und werden die Erfolgschancen neuerlich haben, die wir in trüben Stunden schon verspielt glaubten.«

Ein solcher Schluß, der jedes billigen Selbstmitleids bar ist, betrübt natürlich, wenn man an die trübste Stunde denkt, in der sich Jean Amery selbst uns genommen — und in der er die herkulische Anstrengung solchen Neuanfangs doch, wenn auch völlig verständlich, aufgegeben hat. Gerade diese Betrübnis ist es, die uns herausfordert — die mich herausfordert, um ganz ehrlich zu sein. 

Die Wahl des gleichen Pseudonyms hat uns lange verbunden, unsere persönlichen Beziehungen waren behutsam-herzlich; was uns trennte, war zweierlei: zehn Jahre Lebensalter und die Herkunft aus ganz anders gearteten Traditionen. Als Hitler an die Macht kam, war Jean Amery schon ein vom Leben gebeutelter, agnostischer Linker — ich war ein vorpubertärer, gut katholisch-bürgerlicher Gymnasiast. 

Antifaschistische Politik hat er aus dem Erbe linker Aufklärung gelernt — ich in der ganz konkreten, dennoch auch oft gefährlichen Terrorsituation des Kriegsgefangenenlagers. 

Dennoch - oder deshalb - haben wir uns durch Jahrzehnte auf der gleichen Seite der politischen Nachkriegsschlacht befunden — eben der Schlacht gegen die Restauration, in der wir beide den gleichen Fatalitäten ausgesetzt waren:

301


der Fatalität der willig und mehrheitlich vollzogenen Restauration, der Fatalität der zweifelhaften Verbündeten, der Fatalität der strategisch gelagerten Entrüstung, die den Einsatz für die Menschlichkeit und gegen die Folterer je nachdem dosierte und dosiert — nämlich nach der Nützlichkeit solcher Entrüstung (oder ihrer Schädlichkeit) für die jeweilige orthodox-linke Linie. (Jean Amery erwähnt ausdrücklich diese Fatalität in seiner Abrechnung.) 

Aber — und mit diesem Aber möchte ich bewußt an sein Vermächtnis anknüpfen, nicht als Konfrontation mit ihm, sondern als Ergänzung — aber die zehn Lebensjahre und die Verschiedenheit unserer Schicksale hat dazu geführt, daß Jean Amery in die bisher letzte, in die gegenwärtigste Phase des Kampfes gegen den gemeinsamen Feind nicht mehr eintreten konnte. Korrigieren wir uns sofort: so apodiktisch ist dieser Satz nicht richtig. In »Lefeu oder der Abbruch« nannte Jean Amery den neuen Namen des Feindes ausdrücklich, er nennt ihn den »Glanzverfall«. 

Was sein Lefeu angesichts der nächtlichen Abfackel-Illumination der südfranzösischen Gasfelder empfindet, ist genau die Empfindung, die mich vor wenigen Wochen auf dem riesigen Blachfeld von Brunsbüttel überkam, angesichts der menschenfeindlichen Fabrikgiganten, die da rechts und links vom Kernkraftwerk aus der schwermütigen, verletzlichen Landschaft der Marsch wachsen. Der »Glanzverfall«, das ist die letzte, die gröbste, aber auch die bezeichnendste Epiphanie des Barbarischen, gegen das er zeidebens anging — eine Epiphanie, in der er sich (wenn man von seinem Lefeu auf ihn zurückschließen darf) in letzter, fast totaler Einsamkeit fühlte. Genau dies aber war ihm verwehrt zu erleben; daß nämlich für eine ganz neue, eine starke und vitale Protestgeneration diese Einsamkeit bereits aufgehoben ist. Ja, ich wage die Behauptung, daß das neue Paradigma des Kampfes, nämlich das Paradigma des Kampfes gegen den gefährlichen Fortschritt, bereits jetzt stärkere und kräftigere Bataillone mobilisiert, als dies den älteren Generationen — zuletzt den 1968ern — möglich war.

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Wie selten ist es etwa der APO gelungen, über das akademische Milieu, und zwar über das geisteswissenschaftliche, hinauszugreifen, wie wenige Natur­wissenschaftler, wie wenige Grundschüler hat sie tatsächlich erreicht!

Die Technischen Universitäten schon (erinnern wir uns) waren ihr so gut wie verschlossen, ganz zu schweigen von den Fachschultechnikern, den Lehrlingen, den ratlosen Betroffenen im Lande! 

Erst die jüngste Epiphanie der Barbarei — nämlich die Barbarei dessen, was der schwedische Nobelpreisträger Alfven den »Omnizid«, den Mord an allem Lebendigen, genannt hat — hat als »Herausforderung« die response, die Antwort zunächst der Bürgerinitiativen, dann und fast gleichzeitig auch die Antwort, nämlich die Protest-Antwort auch der wissenschaftlichen, das heißt der naturwissenschaftlichen Dissidenten hervorgerufen. 

 Alfven bei detopia 

Es wäre, etwa um 1968, ganz unvorstellbar gewesen, daß sich junge Zahnärzte zu einem alternativen Kollektiv zusammenschließen, um die vernagelten Bewußtseins­kategorien ihrer Kollegen herauszufordern. Es wäre unvorstellbar gewesen, daß sich ganze Techniker- und Ingenieur-Teams zusammentun, um mit harten, quantifizierenden Rechnungen den irrationalen, da meta-ökonomischen Charakter der panökonomistischen Herrschafts­form zu entlarven. 

Die Frontlinien, die bis etwa 1970 noch auf ganz wenige, rein gesellschaftlich-ideelle Bewußtseinsabschnitte konzentriert waren, haben sich unendlich, und zwar gerade ins Materielle hinein, verlängert. Und es ist wohl kein Zufall, es ist vielmehr die unabweisbare Logik der Situation, daß heute Rudi Dutschke, den es ja (trotz des Todeswunsches so vieler spießbürgerlicher Verdränger in diesem Lande) immer noch als denkenden, und zwar als angestrengt denkenden Menschen in dieser Republik gibt, mit seinen Freunden die ökologische Bewegung unterstützt. Das soll nun nicht als ein selbstgefälliges Statement ausgelegt werden: wir haben es weiter gebracht als Jean Amery.  

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Nicht wir haben es ja zunächst weitergebracht, sondern die Barbarei; die Barbarei des Glanzverfalls nämlich, die sich hinter dem Schlagwort von den »Sachzwängen« versteckte — einem Schlagwort, das ein Jahrzehnt lang erfolgreich genug war, den Kampf des Humanismus auf lächerlichen Nebenkriegsschauplätzen festzuhalten. (Daß diese Sachzwänge etwa bei den sogenannten realen Sozialisten genau so operativ sind wie bei den bewußtlosesten Profit-Kapitalisten, sei nur nebenher festgestellt.) Diese Barbarei der Sachzwänge hat uns die neue Strategie aufgenötigt, die neue Protest-Antwort; sie hat aufs gründlichste für eine Bewußtseinserweiterung gesorgt, ohne die wir heute schon hoffnungslos in den mörderischen Fängen des Omnizid gelandet wären.

Solche Bewußtseinserweiterungen stellten uns aber vor neue Bedingungen; und mit »uns« meine ich die Klasse von Intellektuellen, der Jean Amery und ich angehören. Sie stellt uns, zum Beispiel, vor die Aufgabe, die Schranke zwischen zwei Bildungskulturen abzutragen, deren Trennung geradezu die Voraussetzung für den Aufstieg der Barbarei war: der Bildungskultur der Naturwissenschaft und Technik einerseits, des sogenannten humanistischen Bildungsideals andererseits. Die Totalität der Krise, die sich in unseren Tagen enthüllt, erlaubt keine Partialität des Bildungsguts mehr, mit dem wir uns bisher zufriedengegeben haben und wohl auch zufriedengeben konnten. Aufklärung geht, wie immer, auch heute um den Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen; aber die Werkzeuge des alten philosophisch-geisteswissenschaftlichen Arsenals genügen nicht mehr, um solche Verstandesverwendung wirksam zu machen. Sie, das stellt sich allerdings heraus, führt sicherer zur Mündigkeit, wenn sie sich der neuen Werkzeuge bedient, als die alten, verzweifelten und humanistischen Proteste es je vermochten.

Das ist das Eine. 

304/305

Das Andere ist das Problem und die Möglichkeit einer gänzlich neuen Sicht auf das europäische Erbe, die neue Allianzen ermöglicht. Es ist kein Geheimnis, daß der gegenwärtige Konservativismus tot oder nur scheinlebendig ist. Er starb in dem Augenblick, in dem er seinen Frieden mit dem Omnizid-System machte. Selbst diejenigen selbstbenannten Konservativen, die es besser wissen, schaffen es nicht mehr, sich von solcher Allianz wirksam zu lösen. Doch das Erbe des Konservativismus, ein höchst vielfältiges und scharfsinniges Erbe, ist nun für die Neu-Interpretation durch den humanistischen, den anti-restaurativen Kämpfer freigegeben. 

Jean Amery, dessen Lefeu sich gegen den Glanzverfall allein glaubte, blieb es verwehrt, die Solidarität etwa zu der großartigen 450-Jahre-Jubiläums-Dokumentation von HAP Grieshaber über den Bauernkrieg herzustellen, in der sich Bild und Text zur Deutung der Kontinuität zwischen dem alten Bundschuh und dem Wyhl der siebziger Jahre verwoben. Es blieb ihm, dem Veteranen der Konzentrationslager, existentiell durchaus nichts anderes übrig, als die so dokumentierte Frontverlängerung nicht mehr wahrzunehmen. 

Wir aber erwiesen seinem Andenken einen schlechten Dienst, wenn wir seinen Protest nicht in den gänzlich neuen, in den Protest gegen den Omnizid aufheben würden. Wir erwiesen ihm einen schlechten Dienst, wenn wir an den Frontstellungen der zornigen alten Männer festhielten; wenn wir nicht bereit und entschlossen wären, die Barbarei auf dem neuen, dem Schlachtfeld der eigentlichen Materialschlacht, genauso entschlossen zu bekämpfen, wie er dies zeitlebens auf seinem eigenen, seinem antifaschistischen und antirestaurativen Schlachtfeld getan hat. 

Wer heute noch nostalgisch an den alten Parolen und Kategorien festhält (und die Masse unserer Kulturproduzenten tut das leider), übersieht nicht nur die neuen Frontstellungen und die neuen Allianzen — er übersieht die aktuelle Verpflichtung, die sich eben aus diesen alten Kategorien und aus dem alten, aber ewigjungen Engagement ergibt: dem Engagement der Aufklärung; die Verpflichtung nämlich, sich in jeder neu enthüllten Gefahr aufs neue des eigenen Verstandes zu bedienen.

305-306


2. Laudatio für Heinrich Böll

(1983)

 

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Es gilt, den Ehrenbürger Heinrich Böll zu preisen. Das legt dem Laudator zunächst eine Möglichkeit nahe: über den Stadtbürger Böll zu sprechen — den Kölner, der seine Stadt wie vor ihm noch keiner einer weiten, sehr weiten Welt bekanntgemacht hat.

Nun, der Laudator wird sich hüten. In gewisser Weise hat diese Möglichkeit der Laureatus selbst verstellt, als er den Münchner zu diesem Amt akzeptierte. Der Münchner wird, wenn er nur halbwegs seinen Verstand beisammen hat, nicht spezifisch rheinisch, spezifisch kölnisch werden. Natürlich wäre es möglich, einige witzig-gegenreformatorische Worte über alte wittelsbachische Verknüpfungen zu verlieren — aber Imperialismus bleibt Imperialismus, auch wenn er weiß-blau und vierhundert Jahre alt ist. 

Es wäre natürlich auch möglich, genau davon, von diesem gegenreformatorischen Imperialismus, auszugehen; sich historischkritisch zu fragen, ob die Erstürmung des Godesbergs Anno 1583 durch katholisch-bayerische Truppen nicht eine Menge mit dem zu tun hat, was Heinrich Böll in seiner Comedie Rhenane oder auch Neo-Allemande, seiner enzyklopädischen belletristischen Zeitlandschaft beschreibt, beklagt und bekämpft. Aber auf sicherem Grund würde sich der Laudator auch dabei nicht fühlen — nicht in Gegenwart dieses lebenslangen, beredten eingeborenen Zeugen. Er ist also darauf verwiesen, von Gemeinsamkeiten zu sprechen; von gemeinsamer Geschichte in gemeinsamer Republik. Von einer Geschichte und einer Republik, die beide, Geehrter und Laudator, als Staatsbürger zusammen erlebt und mitgeformt haben.

Mitgeformt? Da stockt man. Wenn wir irgendeine Erfahrung teilen, Heinrich Böll und ich, dann ist es die Erfahrung staatsbürgerlicher Niederlagen. Was man den Erfolg von Schriftstellern nennt, ist etwas ungemein Trügerisches: Auflagenziffern steigen, die Häufigkeit der Erwähnungen steigt, das Bedürfnis von Oberen steigt, sich auf öffentlich-medialer Tribüne mit dem Sänger zu zeigen, und sei es in Form der Konfrontation. Man lädt ins Prytaneum ein zum Ehrenmahl, man reicht nicht mehr den Schierlingsbecher — und man schreibt sich dies als republikanischen Fortschritt zugute, für den zweitausend­vierhundert Jahre wie ein Tag sind. 

Sänger, Autor, Dichter gelten nun als erfolgreich; aber der Sänger, Autor, Dichter hat, genau wie jeder andere Bürger der Republik, der sich zu Angelegenheiten der res publica äußert, das ganz ordinäre Bedürfnis, wenigstens gelegentlich die Übernahme oder doch die teilweise Berücksichtigung seiner Meinungen und Warnungen durch eben diese Republik zu erleben. Eben das wird in der Regel verweigert; Böll hat dies gründlicher erlebt als die meisten von uns. 

Weder seine Wünsche noch seine Entwürfe; weder seine Mahnungen noch seine Freunde waren und sind maßgebend oder auch nur erheblich korrigierend an der sogenannten Realität, der politischen und gesellschaftlichen, beteiligt. Wem von uns Literaten, so ist erlaubt zu fragen, geht oder ging es anders? Und kann man, wenn es so und nicht anders ging, davon reden, daß wir die Geschicke und die Geschichte dieses Landes realiter mitgeformt haben? Wir (jedenfalls er und ich) neigen da zu selbstkritisch-einsichtiger Bescheidenheit. Nutzen wir den Anlaß dieses Tages, darüber nachzudenken, was die selbstverständliche Mitwirkung des Dichters, und vor allem des Dichters Heinrich Böll, an der bundesdeutschen Meinungs- und Willensbildung so schwierig machte und macht.

Die Gründe sind zahlreich, wenn auch nicht sonderlich kompliziert. Ich möchte den (meiner Meinung nach) wichtigsten herausgreifen, weil er der am wenigsten gesehene, der am wenigsten reflektierte, sozusagen der verschwiegenste ist — obwohl oder gerade weil er die letzten Jahrzehnte unseres politischen und gesellschaftlichen Schicksals entscheidend bestimmt hat.

308


Ich spreche vom Ende des christlichen Konservativismus und der alten christlichen Gesittung — einem verschwiegenen, kaum dokumentierten Ende. Und ich spreche damit zwangsläufig vom Los des Autors Böll, dieses Ende, dieses schwelende Erlöschen in immer neuen Schicksalen und Geschichten zu dokumentieren.

Von den frühesten Erzählungen an, in denen christkatholische Anhänglichkeit noch ohne großes Fragen ins konkrete Leid und Leben verflochten ist, bis zu den kämpferischen, ja bitteren Werken der sechziger und siebziger Jahre, besteht Böll auf dem »Brot der frühen Jahre«; auf einer Weltsicht, in der das Lebensnotwendige unveräußerlich ist, nicht eintauschbar in die Aktien und das Kleingeld des commercium, der Regelspiele zwischen Egoismen, wie gesellschaftlich dressiert, ideologisch verputzt und theologisch überpinselt sie auch daherkommen mögen. 

Das Brot und die Liebe der frühen Jahre: der Dichter besteht darauf, sie im Zeichen, ja im sakramentalen Zeichen (das immer höchste Konkretion ist) vor dem Entsetzlichen, nämlich der Vereinnahmung in den Tauschhandel zu retten. In einer letztbetrüblichen Zeit wie der unseren ist dies unmöglich ohne Umkehr: ohne die Wende, welche ihrerseits ohne existentielle Bußfertigkeit nicht vorstellbar ist. Vor der hochmütigen Verzweiflung, die dem Konservativismus nur zu leicht zur Versuchung wird, nämlich zur Versuchung esoterischer Handlungsunfähigkeit, steht der fast instinktive Demokratismus von Bölls Personen. In seiner Dramaturgie wird die Einsicht in menschliche Unvollkommenheit und Begrenztheit (Grundeinsicht jedes Konservativen) westlich-freiheitlich umgesetzt — nämlich ins Mißtrauen gegen Macht; jene Macht, die nach den Worten des konservativen Lord Uxell immer korrumpiert.

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Nicht die Macht gottgesandter Institutionen und Weisungen rettet den Untertanen vor sich selber, im Gegenteil: es sind die Mächtigen, die dringend der Umkehr bedürfen, konfrontiert mit dem Ärgernis der Kompetenz, des Rechtes der Kleinen und Demütigen.

Für den kontinentalen Konservativen (auch den französischen, wohlgemerkt) ist diese Umsetzung des konservativen Grundgefühls so fern und fremd, daß er Böll ohne Zögern der radikalen Linken zuordnet — eines der groteskesten Mißverständnisse unserer Szene. »Wo verbirgt der Weise ein Blatt? Im Walde.« Böll liebt es, diesen Aphorismus Gilbert Keith Chestertons zu zitieren — er kann sein Blatt verstecken, ohne sich anzustrengen, denn er kann sicher sein, daß die Aufspürer vor lauter Bäumen weder den Wald noch sein Blatt je identifizieren können... Verflochten mit dieser enzyklopädischen belletristischen Arbeit war und ist Bölls im engeren Sinne politische, geistespolitische Anstrengung. 

Ich muß hier ein wenig erinnertes Unternehmen Heinrich Bölls und einiger Mitstreiter erwähnen, weil es mir für unsere Überlegungen am bedeutsamsten erscheint: den Versuch, zu Beginn der sechziger Jahre ein radikales christlich-konservatives Organ zu gründen. Es war dies die Zeitschrift <Labyrinth>. An ihr arbeiteten Walter Warnach, sein Schüler HAP Grieshaber (beide eng mit Köln verbunden), Werner von Trott zu Solz und einige wenige andere, die so ihrer inneren Verpflichtung gerecht zu werden versuchten. 

Welcher Verpflichtung? Sie läßt sich eher umschreiben als definieren. LABYRINTH war meines Wissens die letzte große Anstrengung, die christlich-konservative Sache in Deutschland zu artikulieren; sie, wenn möglich, dadurch zu retten, daß man die historische Hypothek Deutschlands und seines Unheils in voller Höhe übernahm. 

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Zur Hypothek gehörte ebenso die verlorene Einheit des Vaterlandes (»Das verlorene Vaterland«, so lautete der Titel eines Buches von Werner von Trott zu Solz) wie die verlorenen Züge und Bezüge eines historisch-christlichen Europa. Daß alle Anstrengungen, solche Verluste sichtbar zu machen, den Blick in unermeßliche Abgründe öffnen, war und ist unvermeidlich. (Heinrich Böll hat sich erst vor kurzem ausdrücklich zu diesem Versuch bekannt — durch ein ausführliches Vorwort zu den gesammelten Aufsätzen Walter Warnachs, die letztes Jahr unter dem Titel »Wege im Labyrinth« im Neske-Verlag erschienen sind. Er betont darin, daß er »Ansichten eines Clowns« als unmittelbare belletristische Frucht seiner Mühen in und um LABYRINTH betrachtet.) 

Die Zeitschrift brachte es gerade auf sechs Nummern, was nicht verwundern kann. Das Unternehmen war tollkühn. Eben hatten wir (ich meine damit uns Bundesdeutsche insgesamt) mühsam gelernt, uns in der pragmatisch-progressiven, permissiven Atmosphäre dessen einzurichten, was wir als den »freien Westen« betrachteten. Wir hatten uns auf eine entlastete und gelassene, geschichtsentledigte staatliche Existenz nach Art gescheiterter oder resignierter alter Mächte wie etwa der Schweden oder der Portugiesen orientiert; wir hatten gelernt (vom listigen alten Lehrer Konrad Adenauer), uns von der allerdrückendsten Hypothek, nämlich der jüdischen, finanziell loszukaufen. Wir hatten gelernt, daß alles zu haben ist, wenn man am Lebensnotwendigsten bleibt — und was lebensnotwendig ist, bestimmt der Markt.

Dieser Lernprozeß wurde ermöglicht durch die Rolle des offiziellen katholischen Deutschland — seine neue Rolle. (Wir sprechen, wenn wir so machtvolle Bezeichnungen verwenden, immer nur in Annäherungen, die aber oft genauer sind als die Details.) In der ersten Republik war dieser Katholizismus nie glücklich gewesen, immer mißtraurisch gegen ihren Säkularismus, ihren industriell-modernistischen Geist, den man als Ungeist begriff und angriff.

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Aber nun, nach 1948, begab er sich ohne viel Federlesens, ohne jede flankierende Theorie, ja ohne Theorie-Versuch, wenn man von einem platten Antikommunismus absieht, ins neue Bündnis mit dem kapitalistischen Westen, ins Bündnis mit Großbanken, westlichem Parlamentarismus und modernster Produktion. Es war dieses Bündnis, das den christlichen Konservativismus erledigte — sozusagen nebenbei erledigte; dies und nichts anderes. Kein Feind von außen, kein Marxist und kein Faschist, konnte dies für uns erledigen: diesen schweigsamen, nüchternen, geschäftsmäßigen Gnadenstoß...

Das ging ohne Theorie und ohne Theorie-Versuch, sagen wir. Was an öffentlicher Debatte stattfand, das fand vordergründig-stellvertretend um Tagesfragen und um Persönlichkeiten statt. Um die Wiederbewaffnung etwa, um das Profil der CDU, um das Profil kirchlicher Formationen und Verbände und, natürlich, um Problem und Methode der deutschen Wiedervereinigung bzw. Nicht-Wiedervereinigung. Man stritt sich mit Reinhold Schneider, mit Gustav Heinemann, mit Peter Nellen, Walter Dirks, mit Martin Niemöller — und, sicher, mit Heinrich Böll und anderen Schriftstellern. Hier geht es nicht darum, was damals real möglich gewesen wäre und was nicht. Es geht um die schlichte Tatsache, daß die christliche Form des Konservativen, im Guten wie im Schlechten hundertfünfzig Jahre lang bestimmend für das Selbstgefühl des konservativchristlichen Europa und insbesondere des katholischen Europa, in der Bundesrepublik verschied und nicht einmal eines Staatsbegräbnisses gewürdigt wurde. Was seither als konservativ firmiert, ist selten mehr als die freudlos-heroische Glorifizierung des Sachzwangs, ist ein Status-quo-Korsett, in dem Stechuhr, Bruttosozialprodukt, die Schwerkraft der alten Institutionen gegen jede drohende Veränderung zu stehen haben; ist selten mehr als der nüchterne alte Handel des Thomas Hobbes: 

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Schutz gegen Gehorsam, Gehorsam gegenüber einem jedes jenseitigen Glanzes entkleideten Leviathan. Es ist dieser Konservativismus, der als Wirkkraft im gesellschaftlich-politischen Raum verblieben ist, sonst keiner. Bündnisse mit ihm, auch Bündnisse von Kirchen und Christen mit ihm, finden nie mehr unter den alten Kreuzfahnen statt. Ich sage dies ganz nüchtern, ohne jede Bewertung. Dieser Status-quo-Konservativismus ist ganz einfach die logische Folge des neuen Bündnisses, das in den unmittelbaren Nachkriegsjahren entstand. Und natürlich war dieses Bündnis auf gewisse Weise selber logisch. Es war deshalb logisch, weil es die schnellste und gründlichste Entlastung versprach; Entlastung von all den Hypotheken, die ein Deutschland, das die christlichen — sagen wir es allgemeiner: das die allgemeinsten religiösen Folgerungen aus den letzten hundert Jahren unserer Geschichte gezogen hätte, unweigerlich hätte übernehmen müssen.

Nun gibt es nichts umsonst, auch kein Konkursverfahren. Man bezahlt immer — und wenn der Preis nichts anderes als die vage, nicht lokalisierbare, ja kaum erfahrbare Seele ist. Freilich, das hat Zweit- und Drittfolgen. 

Mit Abholung in Pech- und Schwefeldunst rechnet ernstlich niemand mehr; aber was spürbar ist und spürbar bleibt, das ist das Schwinden der memoria, des persönlichen und kollektiven Gedächtnisses. Sie stirbt nicht, aber sie tritt dem neuen Bündnis, der neuen Handelschaft als objektiver Feind gegenüber. Diese objektive Feindschaft war und ist die Grundvoraussetzung literarischer Existenz in der bundesrepublikanischen Wirklichkeit — denn wozu lebt der Autor, was hat er zu tun, außer der memoria den Griffel zu führen? Literatur ist unter anderem, wie eine schöne alte englische Definition lautet, a record qf total experience, eine Dokumentation vollständiger menschlicher Erfahrung; und wenn allenthalben die Tendenz zu spüren ist, sich großer Teile dieser Erfahrung als einer drückenden Hypothek zu entledigen, muß es zur Gegnerschaft kommen.

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Wir bitten so manchen gutwilligen Staats- und Stadtbürger in diesem Lande diese unausweichliche Entwicklung zu berücksichtigen, wenn er die Autoren der Nation, insbesondere den Autor Heinrich Böll, der Negativität anklagt.

Er, Heinrich Böll, war als Literat wie als Staats- und Stadtbürger herausgefordert, die Hypothek nicht abtragen, das Gedächtnis nicht verschwinden zu lassen. Er hat sich der Herausforderung immer und jederzeit gestellt. Mit wenig konkretem Erfolg, wie wir bemerkten, in wechselnden Positionen, auf wechselnden Feldern der Auseinandersetzung. Immer bestand er auf Konkretheit. Mit dieser Konkretheit, mit dem Eingehen auf die Landschaft, die er vorfand und deren Veränderungen er schilderte, hat er, wie ich glaube, seine Zeitgenossenschaft bewahrt wie kaum einer sonst aus seiner Generation.

Das ist ihm nicht nur von einer Seite bestritten worden. Seit dem Ende der sechziger Jahre, mit dem neuen scharfen Wind, der in den Universitäten aufsprang, mit der Öffnung eines Vorfeldes, auf dem wieder unerschrocken »links« gefochten und argumentiert werden konnte, schien die Art Zeitgenossenschaft des Mitbürgers Böll unaktuell, das Bedürfnis nach ihr geringer zu werden. Es war damals, in dieser doktrinär-drängenden Zeit, als Böll von forschen jüngeren Interviewern gefragt wurde, was er zu dem Vorwurf meine, daß er nicht mehr Schritt halte. Nun, die Antwort war bei einem notorischen Nicht-Marschierer, jedenfalls notorischen Nicht-in-Reih-und-Glied-Marschierer wie Böll vorauszusehen. Er hatte sich wieder einmal von der Truppe entfernt; diesmal von der Truppe des oppositionellen Fortschritts. Er schien noch zu viel altes und altmodisches Gepäck mitzuschleppen, um den Gewaltmarsch in eine endgültig befreite Zukunft noch mitmachen zu können. 

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Wer heute auf diese Zeit zurückblickt; wer sich die Mühe macht, den reichen Bestand an Aufsätzen, Kritiken, Reden zum Tage durchzuarbeiten, den uns Böll in einigen Sammelbänden vorlegen ließ, der muß die Ökonomie bewundern, mit der er diese Epoche nicht nur durchgestanden, sondern bereichert hat. Er blieb er selbst, indem er sich auf das Neue einließ. Er fühlte sich zur Parteilichkeit gezwungen, weil nur die Parteilichkeit die Vollständigkeit der Erfahrung, der memoria, herstellen konnte, und weil er als Bürger ohnehin verpflichtet war, Partei zu nehmen. 

Damit entfernte er sich wieder von der Truppe — von jeder Truppe. Der Zorn, mit dem sich die Herolde des gesellschaftlich mächtigen Bündnisses auf ihn stürzten, ist verständlich und logisch. Für ihr Verständnis hätte dieser Mann, der schon auf eine höchst stattliche Lebensleistung zurückblicken konnte, das Rad der persönlichen Zeit dort anhalten sollen, wo es ihm allseitiges Prestige und allgemeinkulturelle Verbindlichkeit gesichert hätte. Die nicht ganz so laute, aber ebenso entschiedene Irritation der militanten Linken war ebenfalls völlig logisch. 

Der radikale Konservative der Labyrinth-Epoche trat ja mit den Kategorien und dem Vokabular eines längst vergessenen Welt- und Geisteszustandes für neue Versuche der Veränderung und Besinnung ein. Die beste Illustration für diese Entfernung von jeglicher Truppe ist wohl der wagemutige Appell Bölls, den Protagonisten der RAF die Garantien des Rechtsstaates zu erhalten. Mehr als diese Garantien des Rechtsstaates wollte er nicht, das läßt sich klar nachlesen. Aber Böll machte es weder sich noch der Republik leicht, ihn zu verstehen. Die Verständigungsschwierigkeit ging nicht zuletzt auf die (man muß sagen entschlossene) Insistenz Bölls auf christlich-konservative, ja mittelalterliche Kategorien zurück. Wer für Staatsfeinde Nummer Eins »Gnade« fordert, der kann heute nicht mehr damit rechnen, daß einerseits die Partisanen der Umwälzung, andererseits die gnadenlosen Verteidiger des gesichts- und geschichtslosen Status quo an mittelalterliche Kloster-Altäre und ihr Asylrecht denken. (Böll tat es — wie er in einer ergänzenden Äußerung zu diesem Appell hervorhob.)

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Nun, Heinrich Böll hat diese Zeit nicht nur überlebt. Er hat uns damit überrascht, daß er zeitgemäßer geblieben ist als die meisten derjenigen, die damals zeitgemäßer zu sein glaubten als er. Heute gehört er zu den paar Menschen seines Alters, die von einer immer mißtrauischer werdenden Jugend als Vermittler kollektiven Gedächtnisses noch akzeptiert werden, daran besteht kein Zweifel. Der Belletrist, der in den wichtigsten seiner Romane und Erzählungen auf höchst listige und fruchtbare Weise mittelalterliche Legendenstoffe revitalisiert hat; dieser späte Zeuge des großen Renouveau catholique, der katholischen Erneuerung des beginnenden Jahrhunderts; dieser Aus- und Umgräber des historischen und zeitgenössischen Köln vermag ohne erkennbare Willenszwänge jenen Dialog herzustellen, der als »Dialog mit der Jugend« von einem Haufen nervöser Politiker zwar propagiert, aber nie in Gang gebracht werden kann.

Wie vermag er das? Ganz einfach: weil er selbst geblieben ist, was er war, und weil ihn in einer atemberaubenden Spirale die Weltgeschichte wieder einholte.

Diesmal die Weltgeschichte, nicht nur die Geschichte einer kleinen, dichtbevölkerten Republik. Außerhalb ihrer klimatisierten Verhältnisse wurde die neue Perspektive sichtbar, die von nun an auf absehbare Zeit unser Bewußtsein und unsere Diskussionen bestimmen wird — bestimmen muß, wenn wir überleben wollen. In Ländern, in denen weniger fixe Vorurteile herrschen als hierzulande, gingen alte Sorgen um die Welt, alte Bedenken gegen ihren Kurs (Bedenken, die in teilweise esoterischen Formen den alten konservativen Radikalismus christlicher Prägung mitformten) ein neues, höchst aktuelles Bündnis mit der Wissenschaft und mit den politisch-gesellschaftlichen Nöten der Nonkonformisten und der Jugend ein. Ich spreche natürlich über das, was man im weitesten Sinne die ökologische Bewegung nennen kann.

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Diese Bewegung setzte als Massen-Bewegung bezeichnenderweise unter den intellektuellen Linken der USA ein — dort also, wo man sich nicht so schwer tat, von doktrinären Formeln loszukommen. Hier tut man sich damit notorisch schwer — und so verloren wir einige kostbare Jahre in der Bundesrepublik, ehe die Jahrhundert-, vielleicht die Jahrtausendbedeutung dieser Fragestellungen dem oppositionellen Teil der Republik klar wurde. Dieser oppositionelle Teil war sich ja mit den Machthabenden und Maßgebenden in einem Punkt völlig einig: in den ökonomisch-technischen Sachzwängen nämlich, die uns und der Menschheit angeblich ins Haus stehen. Der Streit ging im Grunde lediglich um die widersprüchlichen Methoden, die es anzuwenden gelte, um an die naturbeherrschende Weltstadt von morgen heranzukommen.

Gegen diese gemeinsame Tiefen-Ideologie erhob und erhebt sich die neue Opposition. Daß zu ihr auch der Aufstand gegen die Sachzwänge der militärischen Rüstung, gegen die Formel von der Abschreckung durch ständige Steigerung des Schreckens gehört, bedarf wohl keiner Begründung. In der neuen Gegenwart der möglichen totalen Zerstörung, in der Gegenwart des Biozids auf breitester Grundlage enthüllt sich ein weiterer, ein Grundfehler des großen gesellschaftlichen Nachkriegs-Bündnisses. Man hatte übersehen, daß der Preis für die Entlastung von historischer Hypothek eben nicht nur die Seele, sondern die höchst konkrete, höchst materielle biologische Lebensgrundlage war und ist. Der hanebüchenste Tauschhandel, der Handel »Schutz gegen Gehorsam«, stellte sich als ein Taschenspielertrick des Leviathan heraus.

Schutz des individuellen und gemeinschaftlichen Lebens vor der Zerstörung — der Leviathan hat uns unter diesem Banner,

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unter diesem jahrhundertealten Werbe-Slogan dahin gebracht, daß nicht nur dieser Schutz eine Illusion ist, daß sogar seine Illusion nur mit dem Preis des »Zweiten Todes« erkauft werden kann.

Und was ist dieser Zweite Tod? Er ist, religiös gesprochen, der Tod der Seelen. Nur tote Seelen können, so stellt sich heraus, das commercium, den Tauschhandel abschließen: Illusion des Status quo gegen mögliche Totalvernichtung der Biosphäre wie der gesamten Menschheit. Nur tote Seelen können, um es ökologisch zu wenden, »Wachstum« als Sachzwang ausspielen gegen das Sterben von Wäldern und Meeren. Das Erschreckende an der Vitalität des Nachkriegs-Bündnisses ist es, mit welcher theologischen Verspätung die offiziellen Bewahrer des Heils, die Kirchen, auf diese einfache Tatsache aufmerksam werden.

Der Zweite Tod ist, anthropologisch gesprochen, der Tod der kollektiven Memorie, die Aufhebung des Gedächtnisses der Menschheit, ja des Gedächtnisses an die Menschheit. Ein solcher Tod war durch die Jahrhunderttausende seit den Jagdhorden auf der afrikanischen Steppe nicht vorstellbar und nicht herzustellen. Auch die fürchterlichste, die blutigste Anarchie würde es nicht vermögen, ihn herbeizuführen. Wir stehen vor der Ironie des Teufels: vor der Tatsache, daß die bisher äußersten Hervorbringungen der politischen Zivilisation, der bisher gewaltigste Leviathan für die Weiterexistenz der Menschheit gefährlicher ist als dies der komplette Zerfall der bestehenden Zivilisationen wäre. Dieser Dialektik gegenüber befindet sich die doktrinäre Linke immer noch in inkonsequenter Ratlosigkeit. Nicht so der konservative Radikalismus, dessen Wurzeln in die alte Zivilisationskritik hinabreichen. Die alten Dämonen, vor denen man warnte, enthüllten sich als höchst reale, geschichtsbestimmende Mächte, mit Reagenzgläsern und Geigerzählern aufspürbar. Die Kräfte der Hölle lassen sich in Megatonnen TNT quantifizieren. 

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Folgerichtig ist diese neue oppositionelle Bewegung, die Bewegung Okopax oder wie immer man sie nennen mag, die erste oppositionelle Bewegung der Nachkriegszeit, die von Konvertiten lebt. (Die Gegenseite mag sie Renegaten nennen.) Sie ist nicht nur nicht wissenschaftsfeindlich, sie umfaßt so viele ernste Wissenschaftler wie bisher überhaupt noch keine oppositionelle Bewegung. Aber sie ist gleichzeitig die bisher konkreteste Chance für einen ernstzunehmenden Konservativismus.

Dieser Konservativismus freilich muß radikal sein. Er muß die Einsicht in menschliche Begrenztheit in Mißtrauen gegen die Macht umsetzen, nicht in Mißtrauen gegen die Untertanen. Er muß am Brot und an der Liebe der frühen Jahre festhalten — diesmal der frühen Jahre der Menschheit. Er muß die Entfernung von der Truppe fordern, denn die Truppe ist der Panzer Leviathans selbst. Es muß ein Konservativismus sein, der Autorität, wie sie sich heute gibt, im Namen all dessen in Frage stellt, was sie selbst an Lebensund Seelensubstanz gefährdet. Und die Stichworte für solchen Konservativismus sind nirgends reichlicher zu finden als in der großen rheinisch-humanistischen Enzyklopädie des Bürgers, den wir heute ehren.

Das ist natürlich ein höchst unerwünschter, ein »unanständiger« Konservativismus, um ein Adjektiv Heinrich Bölls aufzugreifen. Es ist ein Konservativismus, der ständig daran erinnert, wie herrlich weit, wie viel zu weit wir es gebracht haben, und daß wir gut daran täten, uns ein wenig an den Menschen und den Völkern zu orientieren, die es herrlich wenig weit gebracht haben. Es ist ein Konservativismus, der das Christentum daran erinnert, wie weit es an den Logien und Parabeln der Evangelien vorbeiredet. Ja, man könnte die Frage stellen, ob es überhaupt noch ein Konservativismus ist.

Heinrich Böll kann es gleich sein. Er war noch nie versessen darauf, definiert zu werden. 

Und auch seinem Laudator ging es nicht darum, ihn zu definieren. Es ging vielmehr darum, daraufhinzuweisen, wie intensiv sich durch alle die Jahrzehnte seit dem Krieg der Bürger Heinrich Böll um die Republik bemüht hat; wie kontinuierlich diese Bemühungen gewesen sind; und wie wenig sie zu dem Bild passen wollen, das immer noch von diesem Agitator und Nestbeschmutzer an die öffentlichen Wände geworfen wird. Es ging darum, festzustellen, daß Heinrich Böll einer der ganz weniger Fortsetzer einer zivilisationskritisch-konservativen, christlichen Tradition war und ist — und zwar, wie sichs für Liebhaber der Tradition gehört, auch in ihrer zeitgemäßen Umformung. Daß er dies oft in einer Weise tat, die man unter Intellektuellen gern als »unpolitisch« bezeichnet (oft gerade unter solchen Intellektuellen, die von effektiven politischen Strömungen keine Ahnung haben), macht es wahrscheinlich, daß diese seine politische Leistung dauerhafter bleiben wird als die der professionellen Zeitgemäßen.

Heinrich Böll hat sich im übrigen auch konkret (ich erinnere an seine Amtszeit als Präsident des Internationalen P.E.N.) für die Freiheit des Wortes eingesetzt — konkret und mit einer Wirksamkeit, die seinen Kritikern in der Regel nicht vergönnt ist. Und in nicht wenigen Fällen, berühmten Fällen, war er die Zuflucht der Entrechteten. Ich sehe, mit anderen Worten, keinen Grund, ihn nicht ins Prytaneum einzuladen. Ich sähe es vielmehr als ein kaum entschuldbares Versäumnis an, wäre es unterblieben. Und in Köln, um zuletzt noch in aller Eile auf den genius loci einzugehen, wird man es wohl auch römisch sagen dürfen: Made virtute esto Henrice. Wobei virtus »Bürgertugend« heißt. 

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    3. Der Dichter, der Kardinal und der Abgrund    

(1985) 

 

 

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Die erste (und einzige) Gelegenheit, mich mit Kardinal Julius Döpfner von München-Freising zu unterhalten, ergab sich 1967 — auf seinen Wunsch, in einer kirchenpolitischen und gleichzeitig deutsch-deutschen Angelegenheit, die hier nicht von Interesse ist. Unsere Unterhaltung wurde wesentlich umorientiert durch die Tatsache, daß im SPIEGEL der Berichtswoche eine Rezension meiner Aufsatzsammlung »Fragen an Welt und Kirche« von Heinrich Böll erschien. Sie war schon ziemlich hart — nicht für mich, aber für das deutsche katholische Establishment; Böll konnte ja, wenn er wollte und wenn es ihm der Anlaß zu diktieren schien, recht rüde Ausdrücke gebrauchen.

Der Kardinal, ein Mann aufrichtiger Emotionen, war reichlich erbost und meinte, sinngemäß, daß es so wohl doch nicht gehe. Man vergegenwärtige sich die damalige innerkatholische Stimmung: Alles, auch der Kardinal selber, rechnete noch auf eine große zusätzliche Entfaltung durch den Geist und die Anstöße des II. Vatikanischen Konzils, und Döpfner, wenn auch eher ein Mann der Grande tactique als der bahnbrechenden Neuerung, durfte ehrlich für sich beanspruchen, seinen Beitrag zum vorläufigen Gelingen des Konzils geleistet zu haben. 

Bölls Haltung in der genannten Rezension schien ihm von unerträglicher Verhärtung zu zeugen — eben in dieser historischen Stunde, wo es, nicht nur seiner Meinung nach, auf Verständigung und gemeinsame Anstrengung ankam.

Ich versuchte den Kardinal zu informieren und erwähnte nebenbei, er wisse doch, was Bölls Lieblingsland sei. Er wußte es nicht, und ich sagte es ihm. Die Reaktion des Kardinals war nicht nur Überraschung, sie war ein fast somatischer Schock. »Irland!«, rief er mehrmals und schlug sich, im Sitzen nach vorn schnellend, auf den Schenkel. »Ausgerechnet Irland!«

Es ist überflüssig, die Anekdote näher zu kommentieren. Mir machte sie in geradezu klassischer Konzentration klar, was in diesem unseren Lande und in dieser unserer Kirche alles schiefgelaufen war, spätestens seit 1945 — vor allem aber den Abgrund, der den Dichter Heinrich Böll und sein Glaubens­verständnis von dem des real existierenden deutschen Katholizismus trennte.

Der Abgrund war nicht breit, sondern lang, endlos lang. Gerade das, was man dem Dichter verziehen hätte, was man heutzutage jedem katholischen »Intellektuellen« verzeiht, brachte Heinrich nicht ins Spiel ein: Glaubenszweifel, dogmatische Schwierigkeiten, Vorwürfe der mangelnden Zeitbezogenheit, der mangelnden Modernität. Dergleichen kennt man, für dergleichen gibt es moderne Theologie und jene Art von aggiomamento, die man mit »Überholung des Managements« übersetzen könnte. Aber Böll war auf eine schon ärgerniserregende Weise frei etwa vom sogenannten Theodizee-Problem, dogmatische Feinheiten interessierten ihn nicht, er war »gläubig« in einem fast mittelalterlichen Sinn. 

Seine kühnste, über alles Definitorische und Buchhalterische hinausgreifende theologische Formel, die er einer seiner Figuren in den Mund legt: »Gott wegen seiner Schöpfung trösten.« Um eine solche Gläubigkeit im bekannt trostlosen »modernen« Sinn auch nur beraten zu können, fehlen dem real existierenden Katholizismus alle Voraussetzungen — jedenfalls hierzulande. (Heinrich Böll selbst hat sie immer anderswo vermutet, oft mit höchst generöser Vorgabe: eben in Irland, auch im Osten.) Das Anrennen gegen alte Autoritäten ist ihm fremd, er mag die Väter, er mag Thomas von Aquin, er mag, vor allem, die Saaten, die an den Wegrand gefallen sind und unerwartet und wundersam von selbst aufgehen.

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Was ihn unversöhnlich, ja unversöhnbar machte, was ihn in die literarischen Wutanfälle trieb, deren einer den Kardinal so störte, war etwas ganz Anderes — etwas, was den fixen theologischen Sachverstand in keiner Weise belästigt, weil es sich um »menschliche Schwächen« handelt, oder doch in diesem Sinne abgehandelt wird: das Unmenschliche der Praxis, ihre Affinität zum »Sakrament des Büffels« (deutsch könnte man auch sagen: zum inneren Schweinehund). Dabei wird er nie historisch, braucht es nicht zu werden, braucht nicht von Inquisition, nicht von Hexenprozessen, nicht von Albigenserkriegs-Greueln zu reden. 

Ihm genügt die Unbußfertigkeit des verfaßten, real existierenden Katholizismus nach 1945; ihm genügt die Polit-Pornographie (sein Ausdruck) der kirchlichen Massenpresse; die kontrastierende elegante Oberflächlichkeit des elitären kirchlichen Kulturbetriebs; die Verdruckstheit in Fragen der Ehe; die Gefühllosigkeit, mit der, nach Aufhebung des Nüchternheitsgebots vor der Kommunion, die generationenlangen Gewissensqualen der Kleinen Leute in der Vergangenheit übergangen werden eine Gefühllosigkeit, der es nicht einmal zum fahlen Bedauern reicht.

Ihm genügt die Rigorosität und Massivität, die der politische Katholizismus in Fragen wie Antikommunismus und Militärseelsorge aufbringt, während er Dogmatisches mit letzten Endes zynischen Formeln umkreist; ihm genügt, aufs Ganze gesehen, die Leichtigkeit, mit der er in die Große Allianz der Plastik-Zivilisation hineinsteuert, damit eine große, durchaus ambivalente kulturkritische Position verlassend, ohne ihr auch nur ein ehrendes Angedenken zu widmen.

Und spätestens hier taucht ein Wort auf, ein bleiches Wort, das er selbst in dieser Form niemals ausdrücklich gebraucht: das Wort Verrat.

Da wirds, aus naheliegenden Gründen, eben doch wieder theologisch, doch wieder sehr prinzipiell. Es geht, kurz und brutal gesprochen, um den Heiligen Geist. Ist er wirksam oder nicht?

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Daß diese Frage ein Frommer stellt, sie nicht abstrakt-theologisierend, sondern anhand des real existierenden Katholizismus stellt, macht die Sache doppelt skandalös; und daß er sie als Anwalt der Kleinen und Schwachen (einschließlich der kleinen und schwachen Priester) stellt, macht sie doppelt gefährlich. Bisher hat der verfaßte Katholizismus, hat die verfaßte Kirche mit Hilfe der Kleinen und Schwachen noch immer alles ausgestanden, den kompletten Riesenskandal des 19. Jahrhunderts nicht ausgenommen. Voltaires, Darwins, ungläubige Theologie-Professoren können und konnten noch allemal in Kauf genommen werden. Es ist die Rebellion der Kleinen und die Rebellion um scheinbar »kleiner« Ursachen willen (etwa um der Ablaßpraxis willen), welche die tödlichen Gefahren birgt. 

So ist, einerseits, der Groll und die Überraschung von Kardinal Döpfner doch nicht so verfehlt gewesen — und Bölls Position, sein Groll und seine Parteilichkeit, doch nicht so deutsch-provinziell, wie man (und der Verfasser nimmt sich nicht aus) das oft zu sehen versucht war. Bölls Groll nimmt gerade im Licht der letzten kirchlichen Entwicklungen prophetische Züge an: Döpfners Nachfolger, der kleine sanfte gefährliche Joseph Ratzinger, einst den Brokat progressiver Theologie tragend, ist oberster Glaubenshüter in Rom geworden, und wenn nicht alles trügt, überträgt er den sanften gefährlichen Stil der deutsch-katholischen Intoleranz ins Globale. 

Die Hoffnungen, die sein Münchener Amtsvorgänger in den konziliaren und nach-konziliaren Geist setzte, hat er ausdrücklich abgeschrieben. Er hat damit, indirekt, der Unversöhnlichkeit und Unversöhnbarkeit seines Landsmannes Böll rechtgegeben. Bölls Indikatoren, die Instrumente, mit denen er den Zustand des real existierenden Katholizismus maß, erweisen sich leider als sehr präzise — präziser jedenfalls als die der sogenannten Insider.

Einer von ihnen, der Vorsitzende des Zentralkomitees deutscher Katholiken und bayerischer Kultusminister, hat den Abgrund gerade auch beim Tod Heinrich Bölls sichtbar gemacht, als er einen Nachruf in <bild> veröffentlichte — oder jedenfalls seine Zustimmung dazu erteilte. (Diese Kombination hätte dem Autor der »Katharina Blum« Grund zu höchst passenden Bemerkungen gegeben — hier wurde in voller Scheußlichkeit jene Allianz sichtbar, von der wir sprachen, und die er zeitlebens bekämpfte.) 

In diesem Nachruf erzählt Hans Maier, er habe bei einem persönlichen Treffen über Kaffeetassen versucht, Böll zu einem hoffnungsreicheren Blick auf die Bundesrepublik zu überreden. Der Dichter sei aber hartnäckig pessimistisch geblieben.

Dieser Ansicht Bölls kann man sich, gerade aufgrund dieses Nachrufs, nur anschließen. Auch was den von Hans Maier betreuten Real-Katholizismus betrifft.

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