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Plädoyer für eine ökologische Zeitenwende     2010 von Marko Ferst  

Kurztext 2010 zum Buch 2002 von Marko Ferst: <Wege zur ökologischen Zeitenwende>
Original im Buch: <Havemann: Morgen> 2010
mit des Autors Genehmigung für Detopia 

  umweltdebatte zeitenwende pressetext  

 

Die Umwelt

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Rasant gewinnt der Klimawandel an Fahrt und bereitet den großen Klima-Umbruch vor. Ungewöhnlich starke Regenfälle prasseln in Deutschland heute doppelt so häufig nieder wie vor 100 Jahren. Waren die braunen Elbfluten im Sommer 2002, die viele Dörfer und Städte verwüsteten nur ein kleines Vorspiel? Zeigen der Rekordsommer 2003 und der nicht vorhandene Winter Anfang 2007 erst den harmlosen Beginn eines globalen Umschwungs im Klimagefüge an? Treten schwere Stürme wie Kyrill immer häufiger auf? 

Wenn weite Teile von Afrika verwüsten, hält niemand die Flüchtlingsströme auf. Ungebremste globale Klimaveränderungen würden große Teile der Bevölkerung ins soziale Nichts stürzen und zwischen Arm und Reich in ungekanntem Ausmaß polarisieren, mit entsprechendem Konfliktpotential. Im Klimawandel summieren sich Zersiedlung, Entwaldung und andere ökologische Schäden zu einer neuen Größenordnung.

Immerhin rechnen 62% der Menschen in Deutschland damit, daß die Probleme die durch den Klimaveränderungen auf uns zukommen, auch im eigenen Land nicht zu bewältigen sein werden, so die Studie <Umweltbewußtsein in Deutschland 2006>. Auf den internationalen Konferenzen, die eine Reduzierung der globalen Treibhausemissionen erreichen wollen, klaffen die erklärten Ziele und die real notwendigen Maßnahmen sehr weit auseinander. In Bali konnte kein rettender Pfad abgesteckt werden. 

Die Menschheit hat 20 Jahre weitgehend verschenkt. Weitere Jahre werden im Kampf um Minimalien verstreichen. Jedes verschenkte Jahr engt den Handlungs­spielraum weiter ein. 

Ein Dutzend Länder sind dabei zum verschwenderischen Lebensstil des Nordens schrittweise aufzuschließen. Das Europa der 15 wird die Ziele des Kyoto­protokolls nicht erreichen. 8% Minderung an CO2-Ausstoß sind bisher nicht mal im Ansatz erkennbar. In den USA gab es zwischen 1990 und 2006 mehr als 20% Zuwachs. 

Gnadenlos überrennen wir die ökologischen Demarkationslinien für die Freiheit einer Geldvermehrung ins schlicht Unendliche und einem Anspruchs­denken, das global nicht verallgemeinerbar ist. 

Jeder Deutsche entläßt im Schnitt rund 12 Tonnen der verschiedenen Klimagase pro Jahr. Wir sitzen mit den hochentwickelten Industrie­gesell­schaften in einer Wohl­standsfalle fest, der geschaffene Reichtum steht auf tönernen Füßen. Unser Beharren, an diesem erfolgsverwöhnten Weg festzuhalten, wird uns sehr wahrscheinlich Kopf und Kragen kosten. 

Wir sollten erkennen: Unsere Generation ist mit aller Konsequenz dafür verantwortlich, ob es eine lebenswerte Zukunft geben wird.  

Entwarnende Bestseller, die uns nahelegen, es wird schon alles nicht so schlimm — dort hat sich die Wissenschaft geirrt und hier sind Fakten die beweisen, die Ökologen spinnen: All das wird sich spätestens, wenn die biosphärische Gesamtabrechnung kommt, auf die Menge an bösartiger Schönfärberei hin überprüfen lassen müssen. 

Trotz vieler weißer Flecken — die Datenlage ist beängstigend dicht.


Das Klima

 

Mit täglich mehr als 100 Millionen* Tonnen CO2, die wir in die Atmosphäre schicken, revolutionieren wir das Klima. Mindestens ein Drittel davon nehmen derzeit die Ozeane auf. Steigt die Erdtemperatur — in Folge der Klimaerwärmung — sinkt ihre Aufnahmefähigkeit. Die Frage ist, ab wann die Ozeane sogar CO2 abgeben könnten. Einstweilen verzögern die Ozeane die Treibhauswirkung an Land um Jahrzehnte, weil sie große Mengen an Wärme und CO2 aufnehmen. Dieser Effekt täuscht uns über das bereits destabilisierte Potential hinweg.

*(d-2014) Das gilt bis heute. 2013: 36 Gigatonnen weltjährlich, wobei ich nicht zwischen CO2 und Äquivalente unterscheide. (90% der Treibhausgasemmissionen sind CO2 (glaube ich, an Hand einer Grafik des BuUmMi), so dass man die Kleinen noch vernachlässigen kann. Das wird anders werden, 'wenn das Methan kommt'.) 

In den Ozeanen selbst werden bei zuviel aufgenommenem Kohlendioxid die Nahrungsketten zerschnitten. Die Versauerung des Wassers könnte Korallen, bestimmte Planktonarten und andere Organismen mit kalkhaltigen Schalen am stärksten treffen. Am Ende der maritimen Nahrungskette steht nicht zuletzt der Mensch. Wird langfristig Grönland wieder Grünland und bricht das Westantarktische Schelfeis auf, stiege der Meeresspiegel um rund 13 Meter. Auch in der Eemwarmzeit vor 125.000 Jahren lag der Meeresspiegel um rund 6 Meter höher bei zwei Grad mehr gegenüber der jetzigen Warmzeit.

Areosole, Rußpartikel die durch die heutigen Industriegesellschaften ausgestoßen werden und die von dem Verbrennen des Regenwalds herrühren, verdunkeln die Lichteinstrahlung auf unserem Planeten. Die BBC-Dokumentation <Schwarze Sonne> zeigt auf, dieser Effekt wirkt viel stärker dem Treibhauseffekt entgegen als bisher angenommen. Da diese Partikel nur kurze Zeit in der Atmosphäre verbleiben, reicht eine Weltwirtschaftskrise aus, aber auch eine erfolgreiche Politik der Luftreinhaltung, diesen Schutzeffekt zu vermindern. 

2-3 Grad — so James Lovelock — werden bei der globalen Temperatur im Schnitt weggedimmt — Tendenz abnehmend. Das ist — nebenbei bemerkt — die Hälfte der Differenz in der Temperaturänderung zwischen der letzten Eiszeit und dem Niveau vor der Industrialisierung.

Für die nächste Jahrhundertwende würde sich eine Erhöhung der globalen Temperatur im Schnitt um 8-10 Grad ergeben, also deutlich mehr als bisher prognostiziert. Freilich muß man berücksichtigen, welche neuen Erkenntnisse gerade in diesem Segment hinzukommen und dementsprechend auch die Prognosen präzisieren.

 

Das Methan

Nicht weniger brisant ist die Freisetzung von Methaneis.* So befürchtet man für in der Barentssee gefrorene Hydrate eine Instabilität bereits bei einer Erhöhung der gemittelten Wassertemperatur von einem Grad. Wird Methan in immer größerem Umfang freigesetzt, kommt es zu einem "Supertreib­hauseffekt". 

Allein im Permafrostboden an Land schlummern 400 Mrd. Tonnen vom Treibhausgas. Schiefe Häuser und kaputte Straßen kündigen den langsamen Rückzug des Permafrost an. Immer mehr beunruhigende Untersuchungs­ergebnisse zeigen, in diesen Gebieten steigt die Temperatur überproportional. 

Die Vorräte, die an den Festlandsockeln der Ozeane eingefrostet sind, betragen im Minimum geschätzte 10 Billionen Tonnen, beim Maximum sind zwei Nullen dranzuhängen, also 1000 Billionen oder 1 Billiarde Tonnen. 

Endstation wäre ein Wüstenplanet.

 * (d-2014:)
Kilo = 10h3 = Tausend       Mega = 10h6  = Million        Giga = 10h9 =  Milliarde      Tera = 10h12 = Billion (BRD)      Peta = 10h15  =  Billiarde      Exa = 10h18 = Trillion      Zetta = 10h21 = Trilliarde  

Methaneis  wikipedia  Clathrate   wikipedia  Methanhydrat   "Das natürliche Vorkommen wird auf zwölf Billionen Tonnen Methanhydrat geschätzt, damit ist dort möglicherweise mehr als doppelt so viel Kohlenstoff gebunden wie in allen Erdöl-, Erdgas- und Kohlevorräten der Welt. Methanhydrat kommt gewöhnlich in Tiefen von 500 bis 1000 Metern vor." 

Welt-Vorkommen bzw. <Reserven>:     10 Billionen Tonnen  =  1013  Tonnen   =   10 Teratonnen   =   0,01 Petatonnen   (klingt nicht so furchterregend)  
Wenn aber das Maximum die Realität ist, dann gibt es 1 Petatonne Methan auf der Welt, und wenn diese (Petatonne) in die Luft kommt dann ist das Ergebnis bzw. 'die Endstation': die Ur(zeit)atmosphäre (aber nicht aus der menschlichen Urzeit, sondern aus der Planetenurzeit.)

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6 Grad plus 

 

Der IPCC erwartet für Ende dieses Jahrhunderts einen Anstieg der Durchschnittstemperatur von bis zu sechs Grad. Die Berichte des IPCC werden noch durch die politische Sphäre gefiltert. Man muß also damit rechnen, einiges entwickelt sich dramatischer wie dort dargestellt. 

Weiterhin ist zu berücksichtigen, die eben benannten Effekte dürften dabei noch gar nicht einkalkuliert sein. Sie sind nicht einfach hinzuzuaddieren, sie kulminieren sich, schaukeln sich auf.

Völlig unprognostizierbar ist, wie die verschiedenen nichtlinearen Effekte aufeinander einwirken. So ist es z.B. möglich, daß es in der zweiten Jahrhundert­hälfte auch zu einer drastischen Abkühlung begrenzt auf den nordatlantischen Raum um 5-10 Grad kommt, weil der warme Nordatlantikstrom durch Veränderungen im Klimasystem versiegen könnte.

Befürchtet wird auch das Auftreten extrem starker und häufigerer El Niños. Sie richten an der südamerikanischen Ostküste große Schäden durch massiven Regen an und führen in Australien zu extrem trockenem Wetter, Auswirkungen sind bis Indien und Ostafrika zu registrieren und fordern viele Opfer. 

Wir sind dabei, daß in den letzten 10.000 Jahren ungewöhnlich stabile Wettergeschehen auf der Erde aus den Angeln zu reißen. Es könnte ein neues Klima­system einrasten, bei dem häufige extreme Veränderungen die Norm sind. Für die jetzige Zivilisation würden solche Umschwünge, schnell das endgültige Ende besiegeln.

95% der österreichischen Gletscher sind auf dem Rückzug, die Hälfte des Eises ist bereits abgeschmolzen. In der Arktis sind die Veränderungen der Eisflächen den Berechnungen der Forschung um 30 Jahre voraus. Lichtes Vorspiel. Anderswo auf dem Globus wird schon um die nackte Existenz gekämpft, etwa wenn der nächste überdimensionierte El Niño die Ernte völlig vernichtet und der Hunger Einzug hält. 

 

Das 21. Jahrhundert muß zu einer Epoche intelligenter, kulturvoller Selbstbegrenzung werden, eine Abkehr von unserer materialistischen Hochstapelei bringen, wenn wir die natürlichen Gleichgewichte unseres Planeten nicht völlig sprengen wollen.

Erforderlich ist eine international gerechte Nutzung des Umweltraums. Jeder Amerikaner benötigt 9,7 ha Umweltraum, der EU-Bürger kommt auf 4,7 ha und der Inder auf 0,7 ha. Wir dürfen nicht mehr Fläche in Beschlag nehmen, als uns über unsere eigenen Quadratkilometer hinaus zustehen. Es geht nicht an, daß für Viehfutter oder Tankfüllungen hierzulande, Regenwald im tropischen Gürtel vernichtet wird, bzw. Menschen durch ungerechte Landverteilung hungern müssen. 

Ein zukunftsfähiges Gesellschaftssystem erfordert nicht nur, den expansionistischen Schub der Zivilisation auszusetzen, sondern braucht auch eine ökologische Ethik, eine Wertewende, die zu einer Perspektive führt, die über den gesellschaftlich gebündelten individuellen Egoismus hinausreicht.

Die Wüsten dehnen sich jährlich um mehr als 20.000 Hektar aus. 86 Millionen Tonnen fruchtbarer Boden gehen durch Erosion verloren. In den letzten 15 Jahren verschwand eine Regenwaldfläche dreimal so groß wie Deutschland. Jeden Tag werden ca. 55.000 Hektar Tropenwald abgeholzt, rund 300 bis 400 Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Bald werden wir die Hälfte aller Arten ausgerottet haben.

In der Geschichte der Evolution gab es fünf große Massensterben. Im Falle der Permkatastrophe brauchte die Tier- und Pflanzenwelt 100 Millionen Jahre, um sich von diesem Einschlag zu erholen. Wir sind gerade dabei, die sechste kosmische Vernichtungsorgie zu veranstalten. 

In immer kürzeren Abständen verdoppelt sich die Bevölkerungszahl auf der Erde, trotzdem sich die Wachstumsraten inzwischen leicht verlangsamt haben. Vor der 10 Milliarden­marke wird das Bevölk­erungs­wachstum kaum zum Erliegen kommen.

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Dies sind nur die herausragenden Warnzeichen, wie wir die irdischen Belastungsgrenzen überrennen. Innerhalb weniger Generationen werden die nicht erneuerbaren Rohstoffe aufgebraucht, die in Jahrmillionen entstanden. Etwa beim Erdöl haben wir die Spitzenförderung an Ölmengen inzwischen erreicht. Danach sinkt das Angebot unter die ständig steigende Nachfrage. Das wird eine Dauer-Ölkrise mit immer neuen Preisgipfeln und großen sozialen Verwerfungen.

 

Zeiträume 

 

Zwischen Ursache und Wirkung sozialökologischer Destabilisierung liegen häufig lange Zeiträume. Ziehen sich die verschiedenen Konfliktpotentiale zu einem unlösbaren Knoten zusammen, läßt sich das zerstörerische Potential nicht mehr abwenden, auch wenn die auslösenden Gründe längst beseitigt sind. 

Ohne einen Quantensprung in der Politik ist eine globalökologische Rettung völlig aussichtslos. Sie wird schwieriger zu erreichen sein, als es einst die Verhinderung der Nazibarbarei in Deutschland gewesen wäre. Dabei könnten die ersten Schritte in wenigen Jahren getan sein. 

Ungefähr alle acht Minuten schickt uns die Sonne soviel Energie auf die Erde, wie wir in einem Jahr verbrauchen. Würden wir sämtliche Energie, die wir nicht einsparen können, dezentral über Solartechnik, Wasserkraft, Windkraft und aus Biomasse gewinnen, hätten wir schon ein gutes Stück Zukunft gesichert. 

Wir werden aber auch die Stoffströme, die wir durch unsere Industriegesellschaft pumpen, auf einen Bruchteil zu reduzieren haben. Schmidt-Bleek spricht von einem Faktor Zehn. 

Jeder Deutsche verbraucht rund 70 Tonnen Natur im Jahr, dabei ist Wasser und Luft noch nicht mal berücksichtigt. Aber es läßt sich nicht mit geringerem Wohlstandsniveau begründen, warum in Japan dagegen der Einzelne mit nur 40 Tonnen auskommt, gleichwohl auch dies weit von ökologischen Erfordernissen entfernt liegt.

In Deutschland werden 2008 bereits rund 14% des Stroms aus Wind, Wasserkraft, Biomasse, Photovoltaik etc. gewonnen. Über 30 Länder übernahmen modifiziert das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz, darunter auch China. Auf der Ebene der Vereinten Nationen sollte eine internationale Agentur für erneuerbare Energien aufgebaut werden. Nützlich wäre auch eine Bank für erneuerbare Energien einzurichten.

Studien weisen darauf hin, die vielzitierte Zwei-Grad-Grenze, die man nicht überschreiten dürfe, wird mit Sicherheit gebrochen, weil die Klimasysteme mit starker Verzögerung reagieren und der Betrag faktisch längst gebucht ist. Der Punkt, von dem es keine Rückkehr mehr gibt, ist überschritten.

Kohlendioxid bleibt ca. 100 Jahre in der Stratosphäre klimaaktiv. Selbst wenn man innerhalb weniger Jahre den Ausstoß global halbieren könnte und nicht bis 2050 darauf wartet, baut sich die Klimagefahr weiter auf, weil jedes Jahr Milliarden Tonnen zur bereits angesammelten Menge dazu kommen. Wir packen also nach wie vor auf die schon vorhandenen Altlasten riesige CO2-Pakete zusätzlich oben auf. Das kann gar nicht gut gehen. 

Der Klimaforscher Mojib Latif spricht nicht umsonst in seinen Büchern immer wieder davon, wir müssen eine Wirtschaftsweise anstreben, die frei von Kohlen­dioxid­emissionen ist. Damit steht unsere gesamte technische Infrastruktur, unser bisheriges Wirtschaftsvolumen zur Debatte. Es reicht nicht aus, in die bisherige unökologische Industriestruktur ein Stockwerk Umwelttechnologie hineinzumontieren. Zu meinen, bis 2050 die Emissionen global zu halbieren reiche aus, ist ein fataler Irrtum. Schon dazu müßten freilich die Industrieländer fast 90% Reduktion beisteuern, wenn man den weniger industrialisierten Ländern Entwicklungs­spielraum geben möchte.

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Die Berliner Republik steckt in Bezug auf die ökologische Herausforderung schwerer in der Krise als die Weimarer Republik auf Grund der braunen Gefahr. Gegen den Naziaufstieg hätte eine gemeinsame Kraftanstrengung aller demokratisch-emanzipatorisch gesinnten Menschen eine Chance haben können. 

Die ökologische Weltkrise wird durch nichts zu stoppen sein, wenn nur lange genug abgewartet worden ist. Wenn es zu spät ist, dann wird es nicht mehr ausreichen, unsere Industriegrundlast um eine Zehnerpotenz zurückzunehmen. 

Nur wenn wir die Tragweite der historischen* Aufgabe begreifen und dement­sprechend konsequent politisch handeln, haben wir überhaupt eine geringe Chance, einen finalen erdumspannenden Totalitarismus abzu­wenden.

* (d-2014:)  Es ist wohl mehr als historische Aufgabe; man müsste wohl neue Begriffe erfinden, wie "über-historisch".

 

Warner 

 

Warnende Stimmen gab es aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Ecken in den vergangenen Jahren mehr als genug. Wortmeldungen von Carl Amery, Rudolf Bahro, Michael Succow, Herbert Gruhl, Friedrich Schmidt-Bleek, Saral Sakar u.v.a. wurden von der politischen Klasse gern überhört. Die Grünen fochten ihre ökologischen Ziele auf der verteilungspolitischen Ebene aus und versuchten nicht mehr eine Umkehr der Prioritäten zu erreichen. Damit sind sie weitgehend an die systemischen Trägheitskräfte verloren gegangen.

Egal ob der Bundeskanzler gerade von der SPD oder CDU gestellt wird: Die Unterschiede sind marginal. Sicher, die CDU/CSU braucht noch einen Atom-GAU mehr zum Umdenken. Aber unter dem herkömmlichen Politikbetrieb mit seinem tönenden Kampfgerassel, braut sich längst eine menschliche Tragödie zusammen. Im Staatstheater stellt sich organisierte Verantwortungslosigkeit zur Schau, Reformprozesse bleiben im Anziehungsbereich der alten Ordnung. Eine "grüne Perestroika" mit Erfolgsaussichten kommt nicht in Sicht. Vormals Schröder und jetzt Merkel stehen für das Weiter-So, für den Abstieg in eine totalitäre Perspektive, die durch ihre Politik langfristig mitverbürgt ist. 

Es sei unbestritten, daß die Kanzlerin Merkel dem Klimaschutz auf dem internationalen Parkett mehr Bedeutung verliehen hat. Doch innerhalb der eigenen Grenzen diktiert nach wie vor die Autolobby den Gesetzgebungsprozeß und Kohlkraftwerke scheinen der aktuellen CDU/SPD-Koalition klimapolitisch tolerierbar. Die Kluft zwischen Wort und Tat ist offensichtlich.

Die Ökologen verschiedener Richtungen, auch solche mit verschiedenen Parteibüchern in der Tasche, müssen in Deutschland, ebenso in anderen Ländern wie international sich gegenseitig die Bälle zuspielen. Wir brauchen eine Allianz gegen den Selbstmordkurs, einen Prozeß des Umdenkens und Umhandelns, bei dem die Protagonisten des Wirtschaftswachstums auf eine Position des passiven Widerstands zurückgedrängt werden. 

Der geistige Stahlbeton der Weiter-So-Fraktion in der Gesellschaft wird aufzubrechen sein. Das Volk und die Vordenker müssen mehr und tiefgründiger ins Gespräch kommen, es wird auszuloten sein, wo die verschiedenen Reformansätze ihre Stärken und Schwächen haben.

Wir brauchen heute an den verschiedensten Orten Menschen, die sich aus den vorgegebenen Strukturen lösen und eine universale Verantwortlichkeit für eine Politik der ökologischen Zeitenwende, für einen ethisch-geistigen Paradigmenwechsel befördern. 

Es kommt zunächst mal besonders auf die Minderheit von einem Prozent im Lande an, die mit aller Konsequenz den Weg hin zu einer ökologischen Ordnung vorbereiten. 

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Dazu gehört ein Netzwerk von Menschen, eine ökologische Emanzipationsbewegung, eine Volksbewegung wie sie sich Herbst 1989 in der DDR manifestierte. Jedoch diesmal geht es um das Ganze, viel mehr steht auf dem Spiel. Scheitern heißt, wir stürzen in ein dunkles barbarisches Jahrtausend ab. Weltum­spannende Bürgerkriege könnten uns erwarten, ebenso repressive Regime bzw. Notstandsjuntas.

Der erforderliche ökologisch-soziale Strukturwandel müßte umfassender sein als alle vorhergehenden Umwälzungen und Reformen in der Menschheits­geschichte. Der Wohlstand von drei, vier Generationen wird immer wahrscheinlicher mit Jahrhunderten Siechtum und Elend bezahlt werden. Am Ende könnten Opferzahlen stehen, die selbst das Quantum des Hitlersystems weit übersteigen, das Grauen der beiden Weltkriege in den Schatten stellen.

Angesichts dieser prekären Lage steht die Frage nach Alternativen dringender als je zuvor auf der Tagesordnung der Weltgeschichte

Wir alle müssen uns fragen, wie könnte eine bestandsfähige ökoplanetare Zukunftszivilisation in wenigen Jahrzehnten aussehen? 

Doch derzeit befassen sich ungefähr 1500 wissen­schaftliche Institute in unserem Land mit der Vergangenheit. Nur verschwindend wenige Institute erforschen Pfade in eine sozial-ökologische Zukunft. Warum sind wir so rückwärtsgewandt? 

Nötig wäre eine umfassende Zukunftsforschung, die Formen und Strukturen eines zukunftsfähigen Kultursystems aufzeigt und wie wir dort hin gelangen könnten, unter Verzicht von Vorstellungen, man bräuchte nur grünen Tapetenwechsel vornehmen.

 

Die Chance 

 

Die eigentliche Chance für eine ökologische Rettungspolitik erwächst aus dem geistigen Lebensniveau der Gesellschaften. Jede sozialpsychologische Erneuerung beginnt im Menschen, dort wird der Boden bereitet für eine Alternative, für einen neuen Kulturentwurf. Die ökologische Zeitenwende sollte eingebettet in einen seelisch-geistigen Wandel sein. 

Der Übergang vom fortschrittssüchtigen Wohlstandsstaat zur in sich ruhenden Wohl-Seins-Gesellschaft ist nötig. Wir brauchen ein ökologisches Kultursystem, das auf Herz und Geist gebaut ist. Die Werte des Mensch-Werdens sollten über denen der Habgier angesiedelt sein. Materieller Reichtum und Wohlstandssucht können nicht den Gipfel menschlichen Daseins begründen. Die Aufrichtigkeit sozialer Beziehungen, der Weg des Herzens ist die unmittelbarste Quelle für die Heilung unserer kranken Gesellschaft.

Mit einer globalisierten Wettbewerbsökonomie, die auf permanentem Wachstum fußt und einen Pol auf Kosten des anderen entwickelt, wird die Todesspirale nicht aufzuhalten sein. Die Wirtschaft der Industrieländer wird radikal schrumpfen müssen. Mit einer vollständigen solaren Energiewende und einem Faktor vier in der Energieeffizienz allein ist ökologische Rettung nicht zu erreichen. 

Wir werden uns verabschieden müssen von jenem Irrglauben, der totale Markt könne alle unsere Probleme lösen, die Menschen müßten nur noch richtig dafür fit gemacht werden. Die ökonomische Globalisierung bedeutet zumindest tendenziell eine rapide Beschleunigung unserer zerstörerischen Kapazitäten. Dies zeigt sich z.B. weltweit in der dramatischen Zunahme von Auto- und Flugverkehr, gleichwohl Wohlstandsverluste auch gegenteilige Wirkungen zeitigen.

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Ganz generell wird zu fragen sein, ob wir nicht eine Wirtschaftsverfassung bräuchten jenseits von pseudo-sozialistischem Staatsmonopolismus und gesellschaftlich institutionalisierter Habsucht. Wir sehen, es entwickelten sich seit dem Fall (dem Ende) der östlichen Systeme (überall) Ordnungen, die weit extremer als unter den Bedingungen der Systemkonkurrenz, sich gegen die vitalen Interessen der jeweiligen Bevölkerungen stellen. Die sozialen und ökologischen Güter werden durch die herrschenden Plutokratien offensiv ausgeplündert, soweit die Gesetzgebung in der Praxis dem nicht Schranken setzt.

Ökologisch wirtschaften heißt auf die Kompetenzen der Regionen zu setzten und nicht meine Produkte drei mal um den Erdball zu schicken, bevor ich sie nutze. Wozu brauchen wir Rindfleisch aus Argentinien oder Zwiebeln aus Neuseeland? Müssen Hemden zum Knöpfe annähen von Deutschland nach Portugal und zurück geschafft werden usw.? Mit dreistelligen Dollarbeträgen an Steuerbefreiungen für Flug- und Schiffsverkehr wird der globale Handel jedes Jahr weltweit subventioniert und damit der regionale und ökologisch verträglichere Handel ausgetrocknet.

Solange man in Deutschland 70% der Steuern auf Arbeit und nur 5% auf Energie erhebt, werden Arbeitsplätze gestrichen und nicht Energie und Ressourcen gespart. Dazu braucht man einen ökologischen Umbau des gesamten Steuersystems. Damit bestraft sich jede Verschwendung von selbst auf allen Stufen der Herstellung, im Handel, dem Transport und dem Konsum. Abfälle werden zu echten Wertstoffen, Reparatur­dienst­leistungen rechnen sich wieder. Lohn- und Mehrwertsteuern und viele andere Steuerbestände könnten innerhalb eines Jahrzehnts durch Steuern auf Energie- und Rohstoff­verbrauch fast vollständig abgelöst werden. Um die soziale Balance deutlich zu verbessern, wäre sinnvoll, Lohnsteuern für besonders hohe Einkommen zu erhalten und Unternehmens­gewinne substantiell an das Gemeinwohl zu binden.

Durch Ressourcensteuern würde der einzelne Beschäftigte mehr in seiner Lohntüte behalten, der Faktor Arbeit preiswerter. Öffentlicher Verkehr könnte ebenso als Ausgleich verbilligt werden. Drastisch beschnitten werden müßten Subventionen für konventionelle Wirtschaftstätigkeit. Nur Unternehmen, die rundum ökologisch produzieren wollen, würden noch Förderungen erhalten können. Mitnahmeeffekte sind zu vermeiden. Sinnvoll wäre zudem eine modifizierte Mehrwertsteuer. Für die unbedingt notwendigen sozialen Grundbedürfnisse könnte sie völlig wegfallen. Für zahlreiche Produkte bliebe alles wie bisher, während für klimaschädliche Luxusprodukte um 30% zu entrichten wären. Konkret: Die Bahnfahrt zur Arbeit bliebe unbesteuert, während der Flugzeugtrip oder die Mercedes S-Klasse die hohe Last zu tragen hätten. 

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Die Demokratie 

 

Desweiteren haben wir über unsere demokratischen Fundamente nachzudenken. Bisher ist der Mensch kaum über oligarchische Strukturen hinausgekommen. Künftig müßte es regelmäßig zu vielen wichtigen Fragen gesellschaftlicher Entwicklung Volksabstimmungen geben, die in erster Linie durch die Bevölkerung selbst eingeleitet werden können bzw. exponierte Bürgerinitiativen. 

Notwendig ist eine auf die Erfordernisse ökologischer Selbstbegrenzung hin neu ausgearbeitete deutsche Verfassung. Ein einzelner Artikel 20a zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen im Grundgesetz wird den Erfordernissen für eine zukunftsfähige Staatstätigkeit kaum gerecht werden, wenn unzählige andere Bestimmungen eine expansionistische Wirtschaftstätigkeit für förderungswürdig anerkennen. Ein grundlegender Kurswechsel ist am Ende jedoch nur möglich, wenn es gelingt den spekulativen "Casino-Kapitalimus", der sich weitgehend von realwirtschaftlichen Prozessen abgekoppelt hat, durch eine gerechte Weltwirtschafts­ordnung zu überwinden.

Es gibt viele politische Instrumente vom Erneuerbaren Energiengesetz, über ordnungspolitische Vorgaben mit denen man die Gesellschaft in neue Bahnen lenken kann, bis hin zu einer antiplutokratischen Ordnung

Ob eine sozialökologische Volksbewegung 2025 — oder wann auch immer — einen neuen Kurs erzwingt, hängt davon ab, ob sich — im Laufe der Zeit — dafür die geistigen Potentiale herausbilden. 

Der Problemdruck wird sich — ganz zweifellos — mehr und mehr aufbauen.

Eingerichtet werden könnte ein <Ökologisches Oberhaus>,1)  demokratisch gewählt, das die langfristigen politischen Perspektiven festlegt und dem Bundestag und dem Bundesrat gegenüber weisungsbefugt bzw. übergeordnet ist. Es repräsentiert das Mensch-Natur-Verhältnis und wird gegenüber den anarchischen Partialinteressen der Gesellschaft die Maße ökologischer Begrenzung durchzusetzen haben. 

Es ist der institutionelle Ausdruck, daß die Ökonomie und die soziale Ausstattung ein Untersystem des Naturhaushalts ist und Marktgesetze sich nicht gegen Naturgesetze zum Schaden der zukünftigen Generationen durchsetzen dürfen. Ins Ökologische Oberhaus würden keine Parteien gewählt, sondern es sollte sich über eine Personenwahl konstituierten. Für die Bewerber/innen wird u.a. mit Hilfe einer eigenständigen Arbeit nachzuweisen sein — sie sind für das Amt qualifiziert. Eine Kommission entscheidet mit Beteiligung der Öffentlichkeit, ob der Kandidatur im Vorfeld der Wahl stattgegeben wird. Zum Beispiel könnte ein Umweltverband Einspruch gegen eine Person erheben, wenn anhand von Fakten nachweisbar wäre, hier will ein Industrielobbyist ins Parlament und die vorgelegte Arbeit ist nur schöner Schein. 

An immer mehr Orten in Deutschland testen Menschen Formen ökologisch-alternativen Lebens, freilich eine Minderheit. Wir sollten ökoalternative Lebensorte fördern und insbesondere darauf hinwirken, die Startbedingungen dafür zu verbessern. Menschen, die sich auf den Weg machen wollen zu einem ökologischen Lebensstil, schneller als dies die übrige Gesellschaft vermag, müßten dafür den erforderlichen Freiraum erhalten. Über einen öffentlichen Beschäftigungssektor könnte man alternativ-ökologische Methoden regionalen Wirtschaftens unterstützen, zumindest für einen begrenzten Zeitraum als Anschubfinanzierung, gleichwohl es hier nicht darum gehen kann, mit der bisherigen überdrehten Marktgeschwindigkeit mitzuhalten.

1)  Die ursprüngliche Idee stammt von Rudolf Bahro, der sie in "Logik der Rettung" erstmals vorstellte.

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Darüber hinaus ließen sich langfristige Kredite ohne Zinsen für den Start in ganzheitliche neue Lebenszusammenhänge zur Verfügung stellen. Solche ökologischen Lebensplätze vermögen aus sich selbst heraus viele Hinweise auf alternative Lebensstile und neue Formen des Zusammenlebens geben, die teilweise auch für die gesamte Gesellschaft bedenkenswert sind, in jedem Fall aber eine Bereicherung unseres Erfahrungsschatzes darstellen werden.

Überdies wird auch die Zeit für internationale Experimente kommen. Vorstellbar ist, daß eine ganze Region in weniger entwickelten Ländern, komplett vernetzt einen ökologische Kulturentwurf aufzubauen versucht, das als Lernprojekt global nutzbar ist. Das könnte in internationaler Kooperation geschehen. Nichts anderes steckt etwa hinter dem Ökotopia in der Südsee, das Dirk C. Fleck in seinem fiktiven Reiseroman <Das Tahiti-Projekt> vorstellt.

 

Welche Anpassung ?

 

Eine zentrale Aufgabe für die Zukunft wird sein, sich auf den bereits in Gang gesetzten Klimawandel einzustellen. Das bedeutet z.B., Wälder sind so anzulegen, daß sie extremem Klimastreß widerstehen können. In alpinen Regionen müssen wegen Gletscherseen, Murengänge etc. gefährdete Ortsteile umgesiedelt werden. An Nord- und Ostsee sind Schutzmaßnahmen dem steigenden Meeresspiegel anzupassen. Die Landwirtschaft sollte sich auf zunehmende Trockenperioden und Starkregen vorbereiten und ihre Anbaumethoden grundlegend umgestalten. 

Wir brauchen regenerierte Landschaften, die eine starke Kühlfunktion wahrnehmen können und zugleich Bodenerosion verhindern. Trinkwasser­reservoire sind zu schonen und für künftige Generationen zu bewahren. Sollten sich Szenarien für einen erheblich beschleunigten Klimawandel bestätigen, ist die gesamte Infrastruktur unserer Gesellschaften schnell und grundlegend zu verändern.

Zwischen 2000 und 2007 erhöhten sich die globalen CO2-Emmissionen um rund 20%.  ( wikipedia  Treibhausgas )

 

Setzt sich dieser Weg fort, wird vermutlich nur noch in Sibirien, Kanada und Alaska auf aufgetauten Arealen ein kleine Restzivilisation übrig bleiben. Wegen Übernutzung der Gebiete durch zu viele Menschen ist auch hier eine schwerwiegende Schädigung vorauszusehen, so daß die Übriggebliebenen in vorzivili­satorische Zeiten zurückfallen. Zuvor werden Flüchtlings­ströme über die Kontinente hinwegziehen, doch die Situation wird für sie oft aussichtslos sein. 

Ich teile James Lovelocks Einschätzung, von der heutigen Menschheit bleiben womöglich nur 0,5-1 Milliarde Menschen übrig. Diese Richtung wird das Ganze nehmen.

 

*detopia-2014:

Hier am Ende der acht Jahre späteren Zusammenfassung (2010) seines Buches (2002) entscheidet sich der inzwischen 40jährige Marko wiederum zu neuen Sätzen. War das richtig? War das falsch? Man kann argumentieren, dass für das Buch nur kleine Reichweite anzunehmen ist und dass ein Artikel breiter wirkt. Daher müssen die Herzensbotschaften auch im Artikel ungemildert vertreten sein, denn nur einer unter Tausend wird nun das Buch lesen. Weiterhin schätze ich, dass Marko mir ähnlich ist; er will auch mal zum Schluss kommen, und alles gesagt haben, was zu sagen ist bzw. er zu sagen hat. Das hängt auch wohl mit dem jeweiligen Lebensalter zusammen; ich bin ja ein Dutzend Jahre älter; und 'ihm voraus', falls meine Theorie stimmt. Er müsste sich also in den Jahren der 'Linie Horstmann' annähern, wie eine Exponentialfunktion. Andererseits sollten wir froh sein, dass Marko 'noch was macht', also praktisch bei PDS. Und nicht - oder noch nicht - so wie wir Schlaffis im 'Cafe Endzeit', um einen blöden Spruch der Ökooptimisten positiv auf mich anzuwenden; denn da will ich ja hin

Nach meinem Bewertmaßstab ist es egal, ob und wie lange Menschen 'irgendwie' überleben. Solche Sachen (bei einem selbst) muss man sich klar machen, wenn man alle möglichen Bücher über die Zukunft liest. Maxeiner 1996 sinngemäß: 'Man kann auch todkrank 100 Jahre alt werden, und das ist gut so.' Dieser Meinung bin ich nicht. Ich will lieber reich und gesund nur 80 werden. Ich habe diese (meist nicht mit-gesagten) Einstellungen zum Menschenbild hier anfechtbar vereinfacht. Aber ohne sie verstehen wir die ganze Optimismus-Pessimismus-Diskussion nicht; und schon gar nicht die Randpositionen, etwa von Büso/LaRouche oder J.Ditfurth. 

Wenn ich formuliere: Menschenfreiheit (bzw. Homofutsch) am 1.1.2100, dann können auch danach noch lange Menschen 'überleben'. Aber was ist 'lange'? Und was ist 'überleben'? - Also muss ich das (alles) bewerten. Das heißt: 'Leben' bedeutet, dass die Menschen einigermaßen glücklich sind und eine normal-lange Zukunft haben. Was ist das? Sagen wir: Uns stehen noch eine Million Jahre zu! Punkt. (Ich ringe mich zum Konkreten durch, auch wenn auf einen Internetnutzer zwei 'trollige' Besserwisser kommen. Aber wir müssen mal zum Schluß kommen.) - Also: Ich bin ein Fan der demokratischen Zivilisation (ergo nicht der kapitalistischen), weil hier (wie dort) Bücher gedruckt werden (zwecks Veredelung des Menschen). Marko unterscheidet hier oben richtig zwischen "Restzivilisation" und "vorzivilisatorische Zeiten". Kürzer kann man es nicht sagen! 

Also: Eine Zukunft ohne Zivilisation (und damit ohne Kultur, bzw. Hochkultur) bewerte ich als 'null und nichtig'. Auch deshalb, weil die technische Infrastruktur nicht gepflegt werden kann und nicht rückgebaut, so dass die Erdoberfläche grottenhässlich werden wird. 'Nachzivilisation' ist also niemals so wie 'Vorzivilisation'. Alle Endzeitfilme leugnen dies. (Und im Nachgang auch die 'Endzeit-User', wie man es im Internet in den Foren lesen kann.) 

Ergo: Am 1.1.2050 gibt es keine Zivi mehr ("Zivifutsch") und am 1.1.2100 ist "Homofutsch" (bzw. Menschenfreiheit). Und zwar auch dann, wenn es 2200 noch 'Restzivilisation' gibt und 2300 noch 'Nachzivilisation'. Das ist nach meiner Bewertung 'null und nichts'. (Weil die Menschen unglücklich sein werden und weil man Goethe nicht liest und Gott nicht hört.) Sicher ist nur, es wird (immer nur) schlechter und nie (mehr) besser; es wird sich keine 'Neuzivilisation' wie Phoenix aus der Asche emporheben. 

Ich nehme von meinem 100%igen Pesimismus 2% zurück, weil ich eben 'sah', dass es theoretisch doch noch eine 'glückliche Wendung' geben könnte: Falls das Überleben bis zum Jahre 3000 gelingt, dann könnte 'Neuzivilisation' entstehen: Zum Beispiel Dschinghis Khan war ja bevorzugt durch seine (anspruchslosen) Wunderpferde und Wunderwaffen (Reflexbogen, Panzerung). In einem Zeitalter ohne Ressourcen und Energiesklaven könnten 'die Guten' bevorzugt sein. Bei 'ewiger Waffengleichheit' entscheidet immer mehr 'der subjektive Faktor', also das Gemeinschaftgefühl, die positiven Werte, um die es sich zu kämpfen lohnt. (Wie in der deutschen Ritterzeit.) Wobei ich auch für die ferne Zukunft ausschließe, dass der Mensch an sich 'klug und gut' wird, also prinzipiell alle (Menschen) Krieg und Kampf ablehnen, und 'immer die Vernunft siegt'. (Und zwar wegen Stress bzw. Dauerstress. Eine Gesellschaft muss einigermaßen satt sein (befriedet, zufrieden), damit sich viele Menschen zu Buddhas, Laotses und Ghandis entwickeln können. Gleichzeitig müssen sie wehrbereit bleiben. Das ist widersprüchlich; aber es wurde noch nie ernsthaft versucht, es zu vereinen; ich glaube, dass es geht.)

 

Vielleicht wird es zu einem Nachfolgeabkommen des ersten Kyoto-Protokolls kommen, daß über die bisherigen Reduktions­absichten hinausweist. Die jetzigen Koordinaten dieser Verhandlungen sind nicht geeignet, uns aus der Todesspirale herauszusteuern. Es wäre wichtiger eine Allianz der Vorreiter zu etablieren, die viel schneller die Klimalast ihrer Länder abrüsten

Wir können noch unzählige weitere kraftlose Umwelt- und Klimakonferenzen abhalten, wenn die Absichten das Papier nicht wert sind auf dem sie stehen, bleiben sie wertlos. Die wirkliche Dimension der ökologischen Weltkrise steht noch gar nicht auf der Tagesordnung! Es muß erst noch begonnen werden sie abzumessen. Noch ist sie nicht mal begriffen! 

Wir sind dabei, diese ganze Zivilisation zu verlieren. Einstweilen rasen wir auf ein "Auschwitz global" zu, lassen unsere Kinder und Kindeskinder ins offene Messer laufen ...

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