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  2.  Der ganze Mensch ist neurotisch  

 

 

 

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Wie jede neue Psychotherapiemethode, erschafft Janov mit seiner Primärtherapie den Menschen und die Welt noch einmal neu. Er strukturiert alles aus dem primärtherapeutischen Blickwinkel. Aber fangen wir am Anfang an. Was heißt psychische Krankheit im Sinne Janovs? Oder präziser: Was sind die Symptome und Ursachen neurotischer Störungen nach primärtherapeutischer Auffassung?

Zunächst: In der Lehre Janovs gelten Neurosen als wirkliche Erkrankungen. Er teilt nicht den Standpunkt vieler Vertreter der humanistischen Psychologie, die Neurosen mehr als Fehlverhalten, Störungen des psychischen Wachstums, sogenannte neurotische Spiele o.ä. ansehen.

Neurotische Störungen sind für Janov zum einen Neurosen im eigentlichen Sinn, zum anderen aber alle urschmerz­bedingten Krankheiten; dazu zählt er im Grunde alle psychischen und geistigen Störungen, also auch Psychosen (wie Schizophrenie, Manie oder sogenannte endogene Depression), Psychopathien u.a.

Aber auch körperliche Erkrankungen zählt Janov weitgehend hierzu. Dennoch kann man seinen Ansatz kaum als "psycho­somatisch" bezeichnen, in dem Sinn, daß seelische Belastungen Körperstörungen hervorrufen. Für ihn ist nämlich fast jede Krankheit eine durch psycho­physischen Urschmerz verursachte Störung der Leib-Seele-Ganzheit des Menschen. Der ganze Mensch ist seiner Ansicht nach neurotisch bzw. die Neurose ist eine Krankheit des ganzen Menschen, nicht nur seiner Seele.

Pointiert gibt es für Janov eigentlich nur eine einzige Krankheit, die Urschmerz-Krankheit, welche sich in den verschiedensten seelischen und körperlichen Symptomen äußert (als Oberbegriff für diese Krankheit benutzt er auch das Wort "Neurose").

Allgemein muß man Janov wohl vorwerfen, daß er — wie viele andere vor ihm — seine <Entdeckung>, den Urschmerz, überschätzt, ja verabsolutiert.

Was psychische Symptome betrifft, so vernachlässigt Janov sicher die Belastungen im Erwachsenenleben sowie den Einfluß von Erbanlagen. Er berücksichtigt auch zu wenig, daß körperliche Erkrankungen oder Verletzungen, insbesondere des Gehirns, direkt — nicht auf dem Umweg über Urschmerz — psychische Störungen hervorrufen können.

Fragwürdiger erscheint noch, wenn nahezu alle körperlichen Erkrankungen durch Urschmerz erklärt werden.

Zwar schreibt Janov (1981, 84): "Ich ignoriere nicht den Wert anderer Faktoren im Kampf gegen die Neurose, wie etwa angemessene Ernährung, Bewegung und ähnliches, und wünschte, jeder, der sich mit Urschmerz beschäftigt, würde auch begreifen, daß das Leben nicht aufhört und daß diese Dinge entscheidend sind. Wir richten unser Hauptaugenmerk auf Urschmerz, weil er für die Neurose ausschlaggebend ist." Aber das steht bezeichnenderweise in einer Fußnote, wird von ihm nur unter "ferner liefen" berücksichtigt.

 

Die Seele im Urschmerz  

Janov hat seine Theorie der Entstehung und Therapie von Neurosen (und Psychosen) zunächst vorwiegend psychologisch formuliert, später aber zunehmend physiologisch bzw. neurophysiologisch, d. h. Körper und Gehirn betreffend. Denn nach seiner Auffassung gibt es keine isolierten psychischen Erkrankungen, sondern eine Neurose oder Psychose betrifft ebenfalls Körper und Gehirn, ist somit immer eine gesamt-organismische Erkrankung.

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Vom Urschmerz zur Verdrängung 

Ausgangspunkt von Janovs Theorie ist, daß Menschen mit ganz bestimmten primären Bedürfnissen geboren werden; als Beispiele nennt er (1974, 17):

"Wir wollen gefüttert werden, wenn wir Hunger haben, wir brauchen Wärme, wir wollen Ruhe haben, angeregt und gehalten werden, und uns in Übereinstimmung mit unseren natürlichen Fähigkeiten entwickeln dürfen."

Das zentrale, zugrundeliegende Bedürfnis dabei ist für Janov <ganz man selbst zu sein>, wofür das Kind entscheidend auf die Liebe seiner Eltern angewiesen ist.

Werden die Grundbedürfnisse des Kindes nicht oder nur unzureichend befriedigt, wird es traumatisiert und erleidet Urschmerz. Der Urschmerz kann sowohl durch psychische Bedürfnisfrustrationen (z.B. alleine gelassen zu werden), als auch durch körper­liche Traumata entstehen, die insbesondere in der Embryonalzeit und bei der Geburt (z.B. Zangengeburt) von Bedeutung sind.

Janov verwendet den Begriff der Traumatisierung für jegliche Verletzung von Primärbedürfnissen: für die fundamentalen — die gesamte psychophysische Struktur prägenden — sog. prototypischen Traumata, aber auch für andere besonders erschütternde Erlebnisse, Mikro-Traumata oder alltägliche, subtile Unterdrückungen. 

Nach Ansicht der Primärtheorie gibt es keinen Zweifel daran, daß es in erster Linie die Eltern sind, die ein Kind traumatisieren. Das beginnt schon bei schädlichem Verhalten in der Schwangerschaft, z.B. wenn die Mutter raucht oder zuviel trinkt. Es umfaßt aber auch elterliche Traumatisierungen in jeder Form von Lieblosigkeit, Zurückweisung, Unterdrückung, Vernachlässigung, Überforderung etc. 

Eine eindringliche Schilderung, in welchem Ausmaß auch eine Mutter, die wirklich das Beste für ihr Kind will, es dennoch traumatisieren kann, bringt Jean Liedloff in ihrem Buch "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück":

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"Das Zuhause ist im wesentlichen von der Entbindungsstation nicht zu unterscheiden, bis auf das Wundsein. Die Stunden, in denen der Säugling wach ist, verbringt er in Sehnsucht, Verlangen und in unablässigem Warten darauf, daß 'Richtigkeit' im Sinne des Kontinuums die geräuschlose Leere ersetzen möge. Für wenige Minuten des Tages wird sein Verlangen aufgehoben und sein schreckliches auf der Haut kribbelndes Bedürfnis nach Berührung, Gehalten- und Herumgetragenwerden wird erfüllt.

Seine Mutter ist eine, die sich nach viel Überlegung dazu entschlossen hat, ihm Zugang zu ihrer Brust zu gewähren. Sie liebt ihn mit einer bis dahin nicht gekannten Zärtlichkeit. Anfangs fällt es ihr schwer, ihn nach dem Füttern wieder hinzulegen, besonders weil er so verzweifelt dabei schreit. Aber sie ist überzeugt davon, daß sie es tun muß, denn ihre Mutter hat ihr gesagt (und sie muß es ja wissen), daß er später einmal verzogen sein und Schwierigkeiten machen wird, wenn sie ihm jetzt nachgibt ...
Sie glättet dem Baby das Hemdchen und bedeckt es mit einem bestickten Laken und einer Decke, die seine Initialen trägt. Sie nimmt sie mit Befriedigung wahr. Nichts ist ausgelassen worden, um das Babyzimmer perfekt auszustatten ... Sie beugt sich über den Säugling und küßt ihn auf die seidige Wange; dann geht sie zur Tür, während der erste qualvolle Schrei seinen Körper durchschüttelt.
Sacht schließt sie die Tür. Sie hat ihm den Krieg erklärt. Ihr Wille muß über den seinen die Oberhand behalten. Durch die Tür hört sie Töne, als würde jemand gefoltert. Ihr Kontinuum erkennt sie als solche. Die Natur gibt kein eindeutiges Zeichen von sich, daß jemand gefoltert wird, wenn dies nicht wirklich der Fall ist. Es ist genau so ernst, wie es sich anhört.
Sie zögert. Ihr Herz wird zu ihm hingezogen, doch sie widersteht und geht weiter. Er ist soeben frisch gewickelt und gefüttert worden. Deshalb ist sie sicher, daß ihm in Wirklichkeit nichts fehlt; und sie läßt ihn weinen, bis er erschöpft ist ..." (Liedloff 1982, 83-84).

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Janovs Ausführungen über den Einfluß der Eltern auf die Neurotisierung des Kindes haben ihm manche Kritik eingetragen. Dabei wird größtenteils übersehen, daß es Janov einfach darum geht, die Ursachen der Neurosen­entstehung aufzuzeigen, kaum darum, die Eltern anzuklagen. Denn er sieht diese in erster Linie als Opfer ihrer eigenen Neurose an, die sie — häufig unbewußt und zwangsläufig — zu einer falschen Behandlung der Kinder veranlaßt. Allerdings fordert Janov von den Eltern, sich über die Schädigungen durch falsche Erziehung zu informieren und diese — soweit sie dazu fähig sind — abzustellen.

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Zunächst versucht ein Kind, doch noch die Befriedigung seiner Primärbedürfnisse zu erreichen. Es bittet, bettelt, ruft, schreit, fordert etc. Wenn seine Bedürfnisse aber immer wieder zu wenig gestillt werden, wird es von Urschmerz überwältigt.

Nun ist ein Kind fähig durch sogenannte "natürliche Heilungsreaktionen" (Janov) ein gewisses Quantum von Urschmerz zu verarbeiten. Das Kind weint, schreit, tobt seinen Schmerz heraus — so verbraucht es dessen Energie, bringt sie zum Verschwinden, der Schmerz wird also nicht gespeichert, sondern löst sich auf.

Normalerweise gelingt es dem Kind aber nicht, seine Urschmerzen in dieser Weise aufzuarbeiten, aus zwei Gründen: Erstens werden seine Bedürfnisse so stark bzw. so häufig frustriert, daß ein Übermaß von Urschmerz entsteht. Und zweitens werden seine Schmerzreaktionen meistens zusätzlich von den Eltern unterdrückt; Janov schreibt hierzu:

"Wegen der unglaublichen Traumata, die die meisten Säuglinge erdulden, würden sie normaler­weise die meiste Zeit ihres ersten Lebensjahres weinen. Doch dies ist selten der Fall. Wenn sie zu Dauerweinern werden, hindern die Eltern sie gewöhnlich durch Gleichgültigkeit, rohe Behandlung, Schlagen, Prügel daran oder durch Beruhigungsmittel ..." (1981, 78)

Damit muß das Kind die Heilungsreaktionen blockieren, und so muß es den Urschmerz abspalten, verdrängen, der tatsächlich sein Überleben bedroht. Das Kind verdrängt aber auch die Szene, die Situation, in der es traumatisiert wurde, z.B. das Allein­gelassenwerden. Und es verbannt die verletzten Bedürfnisse aus dem Bewußtsein, die Bedürfnisse nach Körperkontakt, Liebe.

 

Walter, 31, Musiker, erzählt eine Kindheitserfahrung, die er in der Primärtherapie wiedererlebte und wie sie für viele Menschen typisch ist:

"Ich lag allein in meinem Zimmer. Ich fühlte mich einsam und spürte große Sehnsucht nach meiner Mutter. Aber obwohl ich immer wieder nach ihr rief, kam sie nicht. Voller Schmerz begann ich laut zu weinen. Schließlich kam mein Vater wütend herein und drohte mir, wenn ich nicht ruhig wäre, bekäme ich eine Tracht Prügel! So vergrub ich mich in meinem Kissen, tötete den Schmerz allmählich ab — ich schrie nicht mehr."

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Was man verdrängt, wird aber gespeichert und fixiert. Gerade indem der Urschmerz abgespalten wird, bleibt er erhalten. Und indem die traumatische Situation aus dem Bewußtsein verschwindet, hat man eben keine Chance, sich mit ihr auseinander­zusetzen, sie zu verarbeiten. Schließlich werden die unbefriedigten Bedürfnisse in kindlicher, unreifer Form fixiert, konserviert.

Die Verdrängungen führen nun zu Generalisierungen: Das Kind muß auch andere Gefühle und Bedürfnisse verdrängen, ja es muß ganz allgemein seine elementaren Gefühle und Bedürfnisse abspalten, da diese sonst die traumatisierten Bedürfnisse anregen und wieder bewußt machen könnten. Dies würde den Urschmerz freisetzen. Aber auch das Verhalten wird betroffen: Das Kind entwickelt ein Vermeidungs­verhalten, d.h. es versucht, Verhaltensweisen zu vermeiden, die den alten Schmerz reaktivieren bzw. zu neuem ähnlichen Schmerz führen könnten.

Später wird auch das Denken des Kindes in den Dienst der Abwehr gestellt: Es wird scheinbar rationale Gründe für seine Gefühlsunterdrückung und sein Vermeidungsverhalten finden.

Walter berichtet, was er erst in der Primärtherapie erkannte:

"Ich baute mir ein Weltbild zurecht, daß es besser ist, alles allein zu schaffen, ohne Hilfe von anderen. Und es war mir völlig unbewußt, daß diese Überzeugung nur dazu diente, mich den Schmerz meiner Einsamkeit nicht fühlen zu lassen."

Insgesamt wird die Identität des Kindes, sein reales (fühlendes) Selbst, immer mehr verdeckt und überlagert von einem System von Abwehrprozessen, die sich zu einer Pseudoperson formieren, dem irrealen Selbst, mit dem sich das Kind weitgehend identifiziert. Die kindliche Unschuld wird der sozial akzeptierten Rolle geopfert. Durch diese Abspaltung des realen Selbst wird das Kind neurotisch (oder u.U. auch psychotisch). Und was beim Kind beginnt, setzt sich beim Erwachsenen fort, denn die kindlichen Wunden werden nicht <durch die Zeit> geheilt, eine Neurose löst sich nicht von alleine auf. Normalerweise verfestigt sich die Selbst-Entfremdung beim Erwachsenen noch. 

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Er wird mehr und mehr zur <Fassaden-Person>. Und in dieser Fassaden-Person bildet sich langsam ein immer bedrohlicheres Museum des Schreckens, in dem sich ungewaschene Alpträume mit dem Aufblitzen chronischer Sehnsucht abwechseln. Das kommt einer langsamen "Entkernung" des Ich gleich, wo der Mensch dann nur noch zu gefühllosen Kopf­geburten in der Lage ist.

 

Widerstreit zwischen realem und irrealem Selbst  

Es gelingt niemanden, die Traumata, die verletzten Bedürfnisse, den Urschmerz etc. vollständig abzuspalten. Diese äußern sich ebenfalls in Form von Symptomen wie Depression, körperlichen Krankheiten etc., die den Neurotiker leiden lassen und sein irreales Selbst bedrohen. Und je mehr die primäre Abwehr, die Verdrängung, versagt, desto mehr müssen sekundäre Abwehr­mechanismen an ihre Seite treten.

Das irreale System bildet sich mit der Funktion bzw. dem Ziel, das reale System vor dem Urschmerz zu schützen. Es tut dies durch Verdrängung des Urschmerzes. Damit wird aber das ganze reale System unterdrückt. Doch die unterdrückten realen Gefühle, Bedürfnisse etc. drängen immer wieder in's Bewußtsein. Sie gefährden das irreale System, und so kommt es zu einem Widerstreit zwischen den beiden Systemen, zwischen Öffnung und Abwehr. Öffnung und Abwehr werden aber letztlich von demselben Überlebens­prinzip gesteuert, beide "versuchen", die Identität zu erhalten.

So können immer wieder Schmerz, Wut oder Angst hervorbrechen, insbesondere in Situationen, die kindlichen Traumata gleichen und diese damit reaktivieren.

Ein Beispiel aus Walters Leben:

"Vor etwa einem Jahr hatte ich einen komplizierten Bruch und mußte ziemlich lange im Bett liegen. Ich hatte keine besonderen Schmerzen oder so, aber ich fühlte mich immer gereizter. Irgendwann bekam ich einen totalen Gefühls­ausbruch, in dem ich Monika (seiner Frau) vorwarf, sie würde sich nicht um mich kümmern. Erst jetzt in der Therapie habe ich herausgefunden, daß dieses Im-Bett-bleiben-Müssen die alten Kindheitsgefühle wieder hochgepuscht hat. Ich war wieder der kleine Junge, der im Bett lag und auf seine Mama wartete."

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Diese Reaktion ist unangemessen, denn Monika hatte Walter keineswegs vernachlässigt, aber sie ist angemessen und verständlich, wenn man sie als kindliche Reaktion auf eine vergangene Situation ansieht. Janov spricht in diesem Falle von einer "Projektion" (von Gefühlen der Vergangenheit auf die Gegenwart).

Auch wenn es dem Neurotiker gelingt, seine Urgefühle nahezu vollkommen aus dem Bewußtsein zu verbannen, steht er doch unter erhöhter Spannung, durch den Druck der verdrängten Gefühle bzw. durch den Gegendruck des Verdrängungsprozesses: ein ständiger innerer Kampf. Janov benutzt heute in diesem Zusammenhang meistens den Begriff "Energie" statt "Spannung":

"Wenn wir Urschmerzen blockieren, blockieren wir nicht ihre Auswirkungen. Wir blockieren nur das bewußte Erleben. Die Auswirkungen blockierter Schmerzen drücken sich in Form von Energie aus." (Janov 1981, 32)

Diese Energie oder Spannung muß abgeführt werden, und zwar kann dies durch Ausagieren oder Einagieren geschehen.

Unter Ausagieren versteht Janov, wenn die Urschmerzenergie auf der kognitiven, emotionalen oder Verhaltensebene ausgelebt wird, z.B. in Form von Zwangsvorstellungen, unechtem Gefühlsüberschwang oder kämpferischem Verhalten; dabei kann das Ausagieren in sozial anerkannter Form (z.B. 'Arbeitswut') geschehen oder in negativ sanktionierten Verhaltensweisen wie Gewalttätigkeit.

Dagegen ist mit Einagieren gemeint, daß die Energie in körperliche Symptome — wie psychosomatische Erkrankungen — geleitet wird.

Von entscheidender Bedeutung ist dabei, daß die Schmerzenergie durch Aus- oder Einagieren aber nicht endgültig vernichtet werden kann, sondern immer wieder neu entsteht, solange, bis die Traumata bzw. Urschmerzen fühlend aufgearbeitet sind. Durch den Abwehrkampf wird aber nicht nur ein Energieüberschuß erzeugt, sondern langfristig führt er zu einer Energieerschöpfung, weil eben im Übermaß Energie mobilisiert und verbraucht wird. So kann jemand einerseits nervös und unruhig sein, andererseits aber erschöpft und müde — ein quälender Zustand.

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Doch nicht nur die verdrängten Gefühle, sondern auch die verdrängten Bedürfnisse sind durch ihre Unbewußt­machung nicht wirkungslos geworden. Im Gegenteil veranlassen sie den Neurotiker zu einer ständig neuen Inszenierung seiner Kindheit. Denn unbewußt bleibt — wie Janov sagt — die irreale Hoffnung bestehen, doch noch die ursprünglichen Kindheitsbedürfnisse befriedigen zu können. So arrangiert sich der Neurotiker seine Lebensumstände immer wieder so, daß sie denen in seiner Kindheit ähneln, und versucht, sie dann zu korrigieren.

Vor allem sucht er sich Partner und Freunde, die ihn an seine Eltern erinnern, und bemüht sich diese in die liebevollen Eltern zu verwandeln, die er nie gehabt hat. Wohlgemerkt, all das geschieht unbewußt.

Kehren wir noch einmal zum Fall von Walter zurück, Walter, der als Kind immer alleine gelassen wurde, suchte sich in Monika gerade eine Partnerin, die gerne ihre eigenen Wege geht — um sich dann anzustrengen, sie so zu verändern, daß sie sich mehr um ihn kümmert. Die Freundin soll also seinen — von der Mutter zuwenig befriedigten — Kinderwunsch nach mütterlicher Zuwendung nachträglich noch erfüllen.

Janov nennt dies den "neurotischen Kampf", und er kennzeichnet ihn als symbolisch, weil der Partner als Symbol für Mutter (oder Vater) steht, der Neurotiker nicht primär die Zuwendung des Partners selbst sucht, sondern in der partnerschaftlichen Zuwendung im Grunde die Zuwendung von Vater oder Mutter finden möchte.

Dieser aktuelle Kampf führt leicht zu einer weiteren Verformung des realen Selbst, weil sich der Neurotiker an die — echten oder vermeintlichen — Wünsche des Partners anpaßt, um ihn dadurch für sich zu gewinnen.

Dabei ist dieser Kampf ganz aussichtslos, denn selbst wenn es dem Neurotiker gelänge, den Partner in gewünschter Weise zu verändern, könnte dies doch nicht mehr die kindlichen Bedürfnisse stillen, die nur in der Kindheit selbst befriedigt werden konnten. So wird der Neurotiker in jedem Falle in seinem Kampf scheitern. Er wird unbefriedigt bleiben und deshalb immer weiter kämpfen.

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Machen wir die Grundstruktur von Janovs Neurosentheorie anhand eines von ihm gegebenen Schemas noch einmal deutlich: (Janov 1976a, 182; von den Autoren übersetzt)

PSYCHOSE

NEUROSE
                      (ausagiert)
 SPANNUNG
                       (verdrängt) 
URSCHMERZ
                            (unbefriedigt) 
BEDÜRFNIS

Zur Erklärung: Wenn ein (elementares) Bedürfnis (in der Kindheit) unbefriedigt bleibt, entsteht Urschmerz. Wenn der Urschmerz verdrängt wird, bewirkt dies Spannung. Wenn die Spannung ausagiert wird, führt das zur Neurose oder Psychose (wenn das neurotische Ausagieren die Spannung nicht abzuleiten vermag).

Fragen wir abschließend hierzu: Was macht eigentlich die neurotische Störung aus? Wir können folgende Faktoren unterscheiden:

  1. Trauma und Urschmerz

  2. Öffnung und Heilungsreaktionen

  3. Verdrängung und Abwehr

Am Anfang der Störung steht zwar das Trauma (bzw. die Traumatisierungen), aber dazu kommen dann die "Antworten" des Organismus: einfach kausal verursachte sowie zielgerichtete, die den Organismus zu schützen bzw. zu heilen versuchen. Das Wechselspiel dieser Faktoren macht das Gesamt der komplizierten Krankheits­symptome aus.

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Der Körper unter Hochspannung 

"Ach, der Schmerz ist stumm geboren,
  ohne Zunge in dem Munde, hat nur Tränen,
hat nur Seufzer und nur Blut aus Herzenswunde."
Heinrich Heine

Für Janov ist eine Neurose immer eine seelisch-körperliche Erkrankung. Von daher verlaufen im Grunde alle beschriebenen psychischen Prozesse wie Verdrängung, Spannung etc. im Körper parallel. Allerdings gibt es Symptome, die sich primär seelisch oder primär körperlich zeigen. So geht Janov etwa davon aus, daß körperliche Verletzungen ,verdrängt' werden können und dann in der Therapie wieder aufgedeckt werden. Das sind für ihn Körpererinnerungen, eingeprägte (traumatische) Erfahrungen, die nicht nur im Gehirn, sondern auch im Gewebe, ja einzelnen Zellen gespeichert werden. Dafür gibt er u.a. folgendes Beispiel (1977, 497):

"Eine 56 Jahre alte Frau, die in Primals wiedererlebte, wie sie zwischen ihrem fünften und dreizehnten Lebensjahr regelmäßig mit einer Reitgerte geschlagen wurde, bekam Blutergüsse auf den Oberschenkeln. Jeder Bluterguß, der während eines Primals auf ihrer Haut wieder auftrat, ist spezifisch für die jeweiligen Schläge, die sie vor fast einem halben Jahrhundert erhielt".

Insbesondere Muskelverspannungen — Janov führt hier den Begriff "Körperpanzer" von Reich an — können als körperliches Äquivalent von Verdrängung gelten. Janov nennt als Beispiel:

"Das Versteifen der Magenmuskeln unterdrückt die Gefühle, was zu Spannung führt." (1973, 56)

In späteren Schriften stellt er den Muskelpanzer weniger als Ursache, sondern mehr als Folge von Spannung dar, nämlich als "Einagieren" der Urschmerzenergie. Die muskulären Verspannungen betreffen den ganzen Körper: steife Schultern, gespanntes Gesicht, vor allem chronisch angespannter Mund, verkrampfte Stimme und Atmung.

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Sandra, 20, Angestellte:

"Also vor der Therapie war das echt schlimm, ich fühlte mich am ganzen Körper so verkrampft, so steif. Und die Schultern waren oft richtig hart, die taten mir tierisch weh, auch das Kreuz und so. Und geatmet habe ich — das war'n Witz. Total flach, nur auf der Brust. Und wenn ich unter Druck stand, habe ich den Atem angehalten, ohne das zu merken — bis ich plötzlich keine Luft mehr hatte."

Wie die Verdrängung die psychische Entwicklung blockiert, so kann sie auch körperliche Reifungs­prozesse behindern. Janov beschreibt, daß bei Frauen Brüste klein bleiben, bei Männern Bartwuchs nicht einsetzt und sogar manches Mal das Körper­wachstum stagniert. Das läßt sich deshalb verifizieren, weil während und nach der Therapie solche — normalerweise längst abgeschlossene Körper­entwicklungen — plötzlich weitergehen können, also Frauen größere Brüste bekommen, bei Männern (verstärkter) Bartwuchs einsetzt etc. 

Das widerspricht der modernen Ausdruckspsychologie, die weitgehend davon ausgeht, nur in den Bewegungen von Gesicht und Körper, in Mimik und Gestik (oder Bewegungsspuren wie Falten) komme Psychisches zum Ausdruck. Von dem radikal psycho-physischen Ansatz der Primärtheorie aus sind aber solche Körper­wachs­tums­störungen durchaus plausibel. Und von Janov (1981, 224-225) berichtete Reduzierungen der Wachstums­hormone bei Neurosen (bzw. der Steigerung in der Therapie) stützen seine These.

Körpersymptome können aber auch durch ihren Symbolgehalt begründet sein. Janov (1973, 131) nennt als Beispiele Kurzsichtigkeit (jemand wagt nicht, in die Ferne zu sehen bzw. in die Zukunft), Asthma (einem Kind wird die Luft zum Atmen genommen), Kopfschmerzen (als Ausdruck des gespaltenen 'Kopfes', des gespaltenen Selbst). 

Bei solchen Störungen kann man auch von einer <Botschaft des Gefühls> sprechen. Genauso, wie die Seele durch den Urschmerz bzw. seine Unterdrückung in Spannung versetzt wird, so auch der Körper; auch er wird energetisch aufgeladen.

"Jedes Trauma ist dem ,Urknall' sehr ähnlich, dessen Energie der ursprünglichen Explosion noch durch den Kosmos strahlt. Die Energie ursprünglicher Traumata — und das sind elektrische Stürme — kreist ebenso permanent durch den menschlichen Organismus." (Janov 1981, 32)

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Janov beschreibt diese neurotische Energetisierung unter verschiedenen Aspekten: Stoffwechsel­beschleunigung, Vital­werteerhöhung, Streß, gesteigerte Hormonausschüttungen, Sympathikotonie. Dies soll im einzelnen erklärt werden.

a) Beschleunigter Stoffwechsel
Janov bestimmt die Neurose als hypermetaboles Geschehen, d.h. daß der gesamte Stoffwechsel schneller abläuft. Und zwar, weil der Körper zur Unterdrückung des Urschmerzes ständig mit erhöhter Geschwindigkeit arbeiten muß bzw. weil der Urschmerz den Körper ständig aktiviert.

b) Vitalwerteerhöhungen
Diese Überaktivierung des Organismus zeigt sich vor allem in Erhöhungen von Vitalwerten wie Blutdruck, Körpertemperatur und Pulsfrequenz. Janov schreibt, nach den bisherigen Untersuchungen an Primärtherapiepatienten gelte,

"daß ein gesunder Mensch einen Blutdruck zwischen 90/55 und 115/70, eine Körpertemperatur zwischen 36,1 und 36,7 Grad Celsius (mittags rektal gemessen) und einen Puls von 60 bis 64 Schläge pro Minute haben sollte." (1981, 220)

Diese Werte sind schon deutlich niedriger als die medizinischen Normwerte. Als Normwert für den Blutdruck gilt etwa 120/80 (je nach Erwachsenenalter von 110/75 bis 150/90).
Als Normbereich für den Puls gilt etwa 60 bis 80, durchschnittlich ca. 70 bis 75 (bei Sportlern z. T. aber unter 60). Ähnliche Differenzen ergeben sich bei der Körpertemperatur.

c) Streß
Man kann den körperlichen Status des Neurotikers auch unter dem Aspekt ,Streß' beschreiben. So ist bei Görres (1976, 82) zu lesen, der Urschmerz sei zu verstehen als
"ein innerer Dauerstressor, der das Gesamterleben und -verhalten ständig störend beeinflußt und zudem den Organismus dazu disponiert, alltägliche, sonst harmlose Stressoren in mächtige Dauerstressoren zu verwandeln."

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d) Gesteigerte Hormonausschüttungen
 In einer Untersuchung von Goodman und Sobel, Biochemiker vom New Port Neuroscience Center, wurden Hormonausschüttungen bei Primärpatienten untersucht, und zwar vor allem solcher Hormone, die stark auf Streß reagieren: das Nebennierenrindenhormon Kortisol, die Nebennierenmarkhormone Adrenalin und Noradrenalin, das Geschlechtshormon Testosteron u.a. Aus dem Absinken dieser Hormonabsonderungen unter Primärtherapie schließt Janov, daß sie beim Neurotiker erhöht sind.

e) Sympathikotonie
Zur Erklärung müssen wir etwas ausholen. Der Begriff "Sympathikotonie" nimmt Bezug auf das vegetative Nervensystem, welches — im Gegensatz zum Zentralnervensystem — die dem Willen und Bewußtsein weitgehend entzogenen Lebensfunktionen regelt, vor allem Stoffwechsel, Verdauung, Sekretion, Blutdruck, Herzschlag, Körpertemperatur u.a.

 

Das vegetative Nervensystem wird im wesentlichen von zwei Nervensträngen gesteuert, dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Der Sympathikus wirkt vorwiegend anregend, er zielt auf Verbrauch und Abbau (Energieentladung). Dagegen wirkt der Parasympathikus vorwiegend hemmend, seine Funktion ist Erholung und Aufbau (Energiespeicherung).

Normalerweise besteht ein Gleichgewicht bzw. ein Wechsel von Sympathikus- und Parasympathikusaktivität. Beim Neurotiker ist diese Harmonie aber gestört, es besteht eine Sympathikotonie, d.h. eine (anhaltende) Dominanz des sympathischen Nervensystems. Dies ist z. B. verbunden mit erhöhtem Blutdruck, beschleunigtem Puls u.ä. — einer Streßreaktion.

Daß eine permanente Erregung des Organismus, ein Dauerstreß (der andererseits die Kräfte und Energie­reserven erschöpft), bei einer Vielzahl von körperlichen Erkrankungen ursächlich eine Rolle spielt, ist sicherlich plausibel und wird auch von der Schulmedizin heute so gesehen.

Gerade die weit verbreiteten Herz-Kreislauf-Krankheiten sowie Magengeschwüre u. v. m. sind deutlich streßabhängig. Aber auch das Immun­system wird durch zu starken Streß geschädigt; von daher argumentiert Janov, der Urschmerzstreß könne Krebs begünstigen.

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2.3  Das rasende Gehirn  

 

Janovs Ausführungen über das neurotisch gestörte Gehirn, seine neurophysiologische Neurosentheorie, sind nur mit Schwierig­keiten allgemeinverständlich darzustellen.

Dennoch muß der neurologische Ansatz hier vorgestellt werden, denn er ist für die heutige Primärtheorie und -therapie ganz wesentlich. Und Janovs Ausführungen über Gehirn und Neurose sind offensichtlich von den meisten Janov-Kritikern überlesen oder nicht verstanden worden. Nicht zuletzt dadurch konnten sie der Primärtherapie nicht wirklich gerecht werden.

Auch beim Gehirn zeigt sich nach Janov die Neurose vor allem durch Verdrängung, Spaltung sowie Energetisierung, Spannung. Das Gehirn des Neurotikers ist — genauso wie Psyche und Körper — überaktiv, nämlich um im Abwehrkampf den Urschmerz unbewußt zu halten bzw. weil es ständig durch die Urschmerzenergie aktiviert wird. Als Beleg für die neurotische Über­aktivierung des Gehirns führt Janov EEG-Untersuchungen an.

Das EEG (Elektroenzephalogramm) ist die elektrische Aufzeichnung der Gehirnströme; man unterscheidet bei den Gehirnströmen bzw. Gehirnwellen zwischen Frequenz (Schwingungs­häufigkeit) und Amplitude (Schwingungsweite oder -höhe). Untersuchungen an Primär­therapie­patienten haben nun ergeben, daß bei ihnen während und nach der Therapie die Frequenz und Amplitude der Hirnwellen abnimmt. Janov interpretiert das so, daß ihr Gehirn weniger aktiviert ist, weil sie durch die Therapie Urschmerz aufgearbeitet haben.

Die Frequenz der Hirnwellen wird in Wellen pro Sekunde angegeben; man kann dafür das Maß "Hz" ("Hertz") verwenden. Im EEG eines gesunden Erwachsenen können folgende Wellen auftreten:

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1. Beta-Wellen:    14-30 Hz    (durchschnittlich 20 Hz)
2. Alpha-Wellen:    8-13 Hz    (durchschnittlich 10 Hz)
3. Theta-Wellen:     4-7 Hz    (durchschnittlich 6 Hz)
4. Delta-Wellen:   0,5-3 Hz    (durchschnittlich 3 Hz)

 

Als Grundrhythmus — bei geschlossenen Augen — findet man Alpha-Wellen. Öffnet der Untersuchte die Augen, erfolgt eine sog. "Blockierung der Alpha-Wellen"; stattdessen treten die schnelleren Beta-Wellen auf. Die Alpha-Wellen gehen aber auch durch allmögliche Sinnesreize, durch geistige Aufmerksamkeit und Konzentration oder durch Gefühle wie Angst in Beta-Wellen über. Delta-Wellen zeigen sich beim Erwachsenen fast nur im Schlaf, Theta-Wellen außerdem bei Müdigkeit und als Zwischenwellen.

Daraus läßt sich erkennen, daß eine geistige Aktivität oder eine emotionale Erregung wirklich mit einer höheren Frequenz im EEG und so auch mit einer Aktivierung des Gehirns verbunden sind. Von daher ist Janovs Aussage plausibel, daß Urschmerz und Verdrängung zu vermehrter Hirnaktivität und schnelleren Hirnwellen führen.

Allerdings behauptet Janov, daß der Alpha-Rhythmus — jedenfalls mit einer Frequenz von 10 Hz oder höher — bereits Ausdruck eines neurotisch überaktiven Gehirns sei. Damit steht er im Widerspruch zu den anerkannten Auffassungen in der Neurologie.

Viel problematischer ist aber Janovs Interpretation der Amplitude der Hirnwellen. Die Amplitude (Schwingungsweite) wird in "µV" ("Mikrovolt") gemessen, d.h. man gibt damit die Spannungshöhe der Potentialschwingungen an; diese schwankt etwa zwischen 10 und 150 u, V (1 Mikrovolt ist 1 millionstel Volt).

Nach Janov steht nun eine hohe Amplitude — genauso wie eine hohe Frequenz — für ein (neurotisch) aktiviertes Gehirn. Das widerspricht aber der Lehrmeinung in der Medizin, wonach normalerweise Hirnwellen mit hoher Frequenz eine niedrige Amplitude besitzen und Wellen mit niedriger Frequenz eine hohe Amplitude (vgl. Scheid 1983,92; Cooper 1984,113).

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Demzufolge müßten entspannte Menschen mit einem "entspannten Gehirn" Hirnwellen mit niedriger Frequenz und hoher Amplitude haben (wie diese z.B. bei Meditation auftreten) — und nicht Wellen mit geringer Frequenz und geringer Amplitude, wie Janov behauptet.

In der Primärtherapie ist man sich allerdings dieses Problems bewußt und versucht, es folgendermaßen zu lösen. Man hätte zwar bei Menschen, die entspannt wirkten, Wellen mit hoher Amplitude festgestellt. Aber diese würde zu Unrecht als Ausdruck niedriger Aktivität des Bewußtseins bzw. des Gehirns interpretiert.

Solche Menschen seien nicht wirklich entspannt, sondern fühlten sich nur so. Und zwar fühlten sie sich gerade deswegen entspannt, weil sie so stark verdrängten, daß selbst Spannungswahrnehmungen unterdrückt würden. Die starke Verdrängung sei aber mit gesteigerter Hirnaktivität verbunden, die sich eben in der hohen Amplitude ausdrücke (wir werden diese Streitfrage später noch einmal aufgreifen).

Eine grundsätzliche Kritik des Janovschen Konzeptes einer energetischen Aktivierung des Gehirns durch Urschmerz findet sich bei Hemminger (1980, 213):

"Janov denkt in allen seinen Veröffentlichungen über das Gehirn energieanalog, nicht in Begriffen der Steuerung, Informationsverarbeitung usw., wie es sich in den letzten zwanzig Jahren biologischer Forschung als unbedingt nötig erwiesen hat. Er stellt sich neuronale Erregung im Zentralnervensystem, also auch ,Schmerz', als eine Art Energie vor, die nicht vernichtet werden kann und die sich, wird sie blockiert und umgelenkt, irgendwo anders entladen muß ... Das Gehirn verarbeitet Informationen, und natürlich kann Information vernichtet werden, was das Zentralnervensystem auch ständig tut."

Es kann hier nicht im einzelnen auf diese Kritik eingegangen werden, soviel sei aber doch gesagt. Schon einige Jahre vor Hemmingers Buch hat Janov sein (neurophysiologisches) Energie-Modell des Schmerzes durch einen informationstheoretischen Ansatz ergänzt (vgl. "The Nature of Pain and Defenses", JPI, HI/2, 176-192, 1976). Dieser Ansatz ist in "Gefangen im Schmerz" folgendermaßen zusammengefaßt:

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"Schmerz ist eine elektrochemische Information, die sich, wie jeder andere Input, in sensorischen Kanälen bewegt. Urschmerz ist eine Überlastung - mehr Information, als das Nervensystem integrieren kann." (Janov 1981, 24)

Auch Görres wendet sich gegen Hemmingers Kritik und unterstützt den Gedanken einer Integration von energietheoretischer und informations­theoretischer Betrachtung:

"Ich sehe vorläufig nicht ein, warum ,Energie' und Information nicht auch in der Psychologie wie in der Physik vereinbare und vereinigungsbedürftige Gesichtspunkte sein sollten." (1980, 22)

Kurz angesprochen werden sollen hier noch die Endorphine. In jüngster Zeit hat Janov mehr und mehr auch die Biochemie der Gehirnprozesse in sein Neurosenmodell integriert, wobei er besonders auf die Endorphine Bezug nimmt.

Endorphine sind morphin-verwandte schmerzstillende Stoffe, die der Körper selbst produziert, als eine Art körpereigener Schmerzmittel. Nach Janov haben die Endorphine seit den primitivsten Lebensformen die Funktion, schmerzvolle Empfindungen aus dem Bewußtsein auszuschließen. Sie haben entscheidenden Anteil an der Spaltung der Psyche beim Neurotiker. Insgesamt sind sie für die Existenz des Unbewußten verantwortlich. Von daher kommt Janov zu der brisanten Feststellung:

"Das beste Beruhigungsmittel der Welt ist eine Glaubensvorstellung. Glaubensvorstellungen sind nicht wie Opiate — sie sind Opiate. Wenn jemand sagt: ,Du bist wirklich gut', ,Wir kümmern uns um dich' oder ,Wir stehen hinter dir', ist das eine beruhigende Vorstellung. Sie gelangt ins Gehirn, wird in einen biochemischen Prozeß umgewandelt (zweifelsohne der Endorphin-Morphium-Art) und unterdrückt schließlich den Urschmerz." (Janov 1981, 146)

 

Wir können hier nicht näher auf die komplizierten und z.T. auch noch spekulativen Endorphin-Theorien und ihre primärtherapeutische Interpretation eingehen; es sei nur soviel gesagt, daß Menschen unter Urschmerz anscheinend verstärkt Endorphine produzieren, wobei dann aber eine Erschöpfung der Endorphin-Produktion mit entsprechender Schmerzüberlastung droht.

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Die Endorphin-Forschung ist derzeit eins der Hauptthemen der Primärtherapie. Der Grund dafür ist einleuchtend: Denn wenn Janov vielleicht auch die Endorphin-Resultate überschätzt oder in seinem Sinne überinterpretiert, so ist doch andererseits unzweifelhaft die Entdeckung der Endorphine und ihrer großen Bedeutung in Gehirn und Nervensystem eine gute Stütze für die Primärtheorie; sie untermauert Janovs These, daß die menschliche .Biologie' wesentlich und großenteils im Dienste der Urschmerz-Bekämpfung steht.

 

2.4   Bewußtsein ist nicht gleich Bewußtsein  

 

Wie anderen Begriffen, so gibt Janov auch dem Bewußtseinsbegriff eine besondere Bedeutung. Das Bewußtsein umfaßt für ihn körperliche, gefühlshafte und geistige Komponenten bzw. deren Verbindung:

"Bewußtsein ist nicht ein Phänomen nur des Gehirns, in dem das Cerebrum wie in einem Glaskasten sitzt, losgelöst von seinen entsprechenden Gegenstücken im Körper. Bewußtsein ist ein Zustand des Gesamtorganismus. Es ist nicht gleichbedeutend mit Denken, das wie Bewußtheit oder Wahrnehmung ein augenblicksgebundener Prozeß ist, der immer einen Inhalt hat." (Janov/Holden 1977, 15)

Ebenfalls ausgehend vom Gehirn, und zwar von seiner Entwicklung und seinem Aufbau, aber weit über die Neurophysio-logie hinausgehend, unterscheidet Janov drei Bewußtseinsebenen; wir werden diese im folgenden kurz beschreiben:

Die erste Ebene ("1st-line") ist die sogenannte >somato-sensorische< Ebene. Sie entspricht dem >inneren Gehirn<, dem spinalen Reflexsystem und der Medianzone des Vorderhirns, vereinfacht kann man sagen dem Hirnstamm.

Dieser Hirnteil ist der stammesgeschichtlich älteste (er tritt schon bei primitiven Wirbeltieren, z.B. Fischen, auf), und er entwickelt sich auch ontogenetisch beim Menschen als erstes ; bereits bei der Geburt eines Kindes ist er voll funktionsfähig und bleibt etwa bis zum sechsten Lebensmonat dominant.

Das 1st-line-Gehirn regelt die viszeralen Prozesse, d.h. die Prozesse im Körperinneren wie Herztätigkeit, Atmung, Blase, Magen- und Darmfunktion, aber auch sensorische Wahrnehmung, zeitliche Rhythmik, Gleichgewicht u.ä. - Ihm entspricht ein Körperbewußtsein ('viszerales Bewußtsein'), das selbstverständlich präverbal (vorsprachlich) ist.

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Es ist nicht leicht zu verstehen, was mit körperlichem Bewußtsein gemeint ist. Es geht dabei nicht um die bewußte Wahrnehmung z.B. einer Körperbewegung, sondern um den körperlichen Ausdruck einer Erfahrung bzw. um eine körperliche Wiederholung (wie in dem Beispiel der Frau, bei der in der Therapie Blutergüsse von früheren Schlägen wieder auftreten).

Die zweite Ebene ("2nd-line") ist die emotionale oder affektive Ebene. Neurologisch ist sie mit dem 'mittleren Gehirn', d.h. dem limbischen System zu identifizieren.

Stammesgeschichtlich geht dieser Hirnteil auf primitive Säugetiere zurück; er ist bei der Geburt eines Menschen erst teilweise entwickelt, reift aber bis ungefähr zum sechsten Monat so weit, daß er das Verhalten des Kindes dann entscheidend prägt, und zwar bis etwa zum sechsten Lebensjahr.

Das 2nd-line-Gehirn ist zuständig für Gefühle, Phantasie, Kreativität u.a.; Janov nennt das 2nd-line-Bewußtsein daher Gefühlsbewußtsein (oder auch >limbisches Bewußtsein<).

Die zweite Ebene steuert aber auch Prozesse der 'Körperwand', besonders muskulärer Art wie Mimik, Ausdruck und Haltung.

Auch hier gilt wieder: Gefühlsbewußtsein bedeutet mehr, als sich nur seiner Gefühle in irgendeiner Weise, z.B. in distanzierter Selbstbeobachtung, bewußt zu sein. Sondern man muß die Gefühle gefühlshaft wahrnehmen, gewissermaßen ,im Bauch' wahrnehmen, nicht nur ,im Kopf'.

Die dritte Ebene ("3rd-line") ist die kognitive Ebene. Ihr entspricht das 'äußere Gehirn', der Neokortex (Großhirnrinde).

Dieser — auch stammesgeschichtlich jüngste (sonst nur bei höheren Primaten vorhandene) — Hirnteil ist beim Neugeborenen erst in rudimentärer Form vorhanden; etwa an dem siebenten Lebensjahr ist er voll funktionsfähig, die endgültige Entwicklung dauert aber ca. zwanzig Jahre.

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Das 3rd-line-Gehirn integriert die erste und zweite Ebene; es ist zuständig für Funktionen wie Rationalisieren, Intellektualisieren. Symbolisieren usw., aber auch für Kontaktherstellung zur Außen- und Umwelt.

Entsprechend ist das Bewußtsein der 3. Ebene das verbale (sprachliche) intellektuelle Bewußtsein, das Hier-und-Jetzt-Bewußtsein.

 

Janovs Konzept der drei Bewußtseinsebenen ist nicht ohne Kritik geblieben. So wendet Hemminger (1980, 217) ein:

"Aus neurologischer Sicht ist die Dreiteilung nicht nur willkürlich, sondern falsch, da sie sich in Anatomie und Funktion des Zentralnervensystems nicht wiederfinden läßt. In der Tat ist die Hierarchie des Zentralnervensystems nicht nur nicht dreistufig, sondern auch für jede Sinnesmodalität etwas verschieden organisiert, und wiederum verschieden für die Motorik ... Das Zentralnervensystem bequemt sich leider nicht dazu, einem einfachen Block­schaltbild zu folgen."

Hemmingers Kritik ist aber selbst nicht unangreifbar. Zwar ist die Dreiteilung des Gehirns keine zwingende Einteilung, aber doch eine begründete und sinnvolle. Und sie wurde auch nicht erst durch Janov (in Zusammenarbeit mit dem Neurologen Michael Holden) entwickelt, sondern wurde schon früher und wird bis heute — in ähnlicher Form — von anderen Medizinern vertreten: so dem bekannten Neurologen Yakoviev, dem berühmten Schmerzforscher Melzack und vor allem dem Gehirnspezialisten MacLean.

Wendet man das Modell der drei Ebenen auf die Neurose an, so kann man diese bestimmen als einen Zustand, bei dem der Kontakt zwischen den Bewußtseinsebenen bzw. den ihnen korrespondierenden Gehirnteilen mehr oder weniger blockiert ist; Janov spricht hier — vergleichbar der psychischen Spaltung — vom gespaltenen Gehirn. Und zwar wird diese Spaltung durch drei Schleusen unterhalten, auf deren noch nicht genau geklärte neurologische Lokalisierung hier nicht eingegangen werden kann. Janov bezieht sich dabei auf die "Schleusentheorie" ("Gate-Control-Theory") des kanadischen Schmerzforschers Prof. Ronald Melzack.

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Die Schleusen verhindern vor allem die Weiterleitung von Schmerz. Exakt verhindern sie zum einen, daß der Primärschmerz auf der Traumatisierungsebene bewußt wird (Spaltung der Ebene selbst) oder auf eine höhere Ebene vordringt und dort bewußt wird (Spaltung zwischen den Ebenen); also daß Schmerz der 1. Ebene zur 2. oder 3. Ebene aufsteigt bzw. daß Schmerz der 2. Ebene zur 3. Ebene aufsteigt. Zum ändern verhindern die Schleusen aber auch umgekehrt, daß ein Einfluß von höheren Ebenen auf tiefere stattfindet; Janov veranschaulicht das folgendermaßen:

"Zum Beispiel hat jeder von uns Vorsätze (Ich höre auf, soviel zu essen, zu rauchen, zu trinken ...), die er nie ausführt. Vorsätze auf der dritten Ebene scheinen dort zu bleiben und unser emotionales Selbst nicht zu beeinflussen." "Mit anderen Worten, die dritte Ebene hat Schwierigkeiten, mit der zweiten und ersten zu kommunizieren. Es scheint eine Art Barriere zu geben, die Entscheidungen des Intellekts daran hindert, reale Auswirkungen zu haben." (Janov 1981, 170)

Eine Schleusung — jedenfalls von 'unten' nach ,oben' — bedeutet aber keine totale Blockierung. Die Schleuse kann zwar oft verhindern, daß ein Trauma bzw. der Urschmerz bewußt wird, aber sie kann nicht die Energie des Schmerzes vernichten, sondern sie steigert gerade durch das Blockieren den Gegendruck der Schmerzenergie. Diese Energie wird zwar immer wieder umgelenkt, aber sie muß sich letztlich entladen, auf einer der drei Ebenen. Wird sie auf der dritten Ebene (etwa in Zwangsgedanken) oder auf der zweiten Ebene (z.B. in hysterischem Verhalten) entladen, spricht Janov von "Ausagieren". Wird sie auf der ersten Ebene (in Form körperlicher Störungen) abgeführt, ist das "Einagieren".

Neben dieser <vertikalen> Spaltung des Gehirns zwischen den drei Ebenen gibt es beim Neurotiker auch eine .horizontale' Gehirnspaltung — zwischen den beiden Hemisphären des Gehirns: dem Rechtshirn und dem Linkshirn. Dabei hat die rechte Hirnhälfte vorwiegend eine emotionale und intuitive Funktion, sie entspricht also der 2. Bewußtseinsebene. Die linke Hirnhälfte ist mehr für Analyse und Rationalität zuständig, sie entspricht somit der 3. Bewußtseinsebene.

Insofern kann nach Janov nur ein realer, psychisch gesunder Mensch ein voll entwickeltes Bewußtsein besitzen, nur bei ihm fließt der körperliche, gefühlshafte und geistige Bewußtseinsstrom ungehindert. Von daher bezeichnet Janov Neurosen auch als veränderte Bewußtseinszustände, denn bei ihnen ist der fließende Zugang zwischen den 3 Ebenen blockiert.

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Das Unbewußte ist für Janov nur das Sammelbecken des Verdrängten — wobei manche Inhalte in der Kindheit schon abgespalten wurden, ehe sie überhaupt je ganz bewußt wurden.

"Eine Neurose unterbricht die organische Integrität des Bewußtseins und erzeugt das >Unbewußte<. Im primär­theoretischen Kontext gibt es das Unbewußte nicht in dem Sinn, wie wir es uns vorzustellen gewohnt waren. Es gibt nur blockiertes Bewußtsein." (Janov/Holden 1977, 299-300)

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick:

 

1. Ebene (first-line)

2. Ebene (second-line)

3. Ebene (third-line)

Bewußtsein

körperliches (präverbales) Bewußtsein

fühlendes Bewußtsein

geistiges (verbales) Bewußtsein

Gehirn

Stammhirn

Limbisches System

Neokortex

EEG (Hirnwellen)

Delta-Wellen

Theta-Wellen, Alpha-Wellen

Beta-Wellen, Alpha-Wellen

Entwicklung /
Lebensalter

bis zu 6 Monaten

6 Monate bis 6 Jahre

über 6 Jahre

Funktionssystem

Körperinneres (Viszera)

Körperwand / Emotion

Kognition (Intellekt)

Funktionen

Stoffwechsel, Kreislauf, Verdauung, Atmung usw.

Haltung, Ausdruck / Phantasie, Kreativität usw.

Denken, Planen, Symbolisieren, Rationalisieren usw.

Menschentyp

körperbestimmter Mensch

gefühlsbestimmter, impulsiver Mensch

geistbestimmter, intellektueller Mensch

Störungen

Darmstörungen, Asthma u.ä / Psychosen / Süchte

Haut-, Muskelerkrankungen / Hysterie u.ä./ Perversionen

Zwänge, Phobien, Irrationalismus, Dogmatismus, u.ä.

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2.5  Sag mir, welchen Schmerz du hast ...  

Die Träne ist die Sprache der Seele 
und die Stimme des Gefühls.
Pananti

Sag mir welchen Schmerz du hast, und ich sage dir, was für ein Mensch du bist. Wie viele andere psycho­therapeutische Schulen hat auch die Primärtherapie eine Typologie entwickelt, d.h. eine Einteilung von Menschen in Typen — und zwar nach der Art ihrer Verletzungen bzw. ihrer Abwehr dagegen. Der erste Ansatz ergibt sich aus dem Konzept der drei Bewußtseinsebenen; Janov führt ihn folgendermaßen ein:

"Ich gehe von der These aus, daß es Menschen erster, zweiter und dritter Ebene gibt, Menschen deren dominierender Modus Operandi jeweils auf der einen oder der anderen Bewußtseinsebene liegt." (Janov/Holden 1977, 214)

"Menschen erster Ebene" ("first-liner") sind vorwiegend auf der ersten Ebene traumatisiert und/oder verwenden vorwiegend Abwehrformen der ersten Ebene. Traumen erster Ebene sind die Verletzungen von der pränatalen Zeit bis zu etwa 6 Monaten. Heute mißt man ihnen in der Primärtherapie die entscheidende Bedeutung zu, so daß Janov sein letztes Buch "Die frühen Prägungen" nur diesen Traumata gewidmet hat.

Pränatale Traumen sind z.B. gegeben, wenn die Mutter unter Streß steht, raucht oder trinkt, in einer unglücklichen Beziehung lebt, das Kind ablehnt usw. Am häufigsten äußern sie sich in Anoxie, mangelnder Versorgung des Fötus mit Sauerstoff. Das häufigste und wichtigste Trauma dieser Ebene ist aber das Geburtstrauma. Zwar ist nach Janov die Geburt nicht notwendig traumatisierend, aber unter den Bedingungen der medizinischen Geburtshilfe wird sie fast immer zu einem prototypischen Trauma, d. h. einem Urtrauma, das sich dem Kind einprägt und seine Abwehrstruktur (gegenüber späteren Verletzungen) festlegt. Besonders schädlich für das Neugeborene sind dabei Narkotisierung, grelles Licht und Lärm, Trennung von der Mutter u.a..

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First-line-Traumata sind deswegen besonders schädigend, weil es dabei meistens um Leben oder Tod geht (z. B. wenn der Embryo die Nabelschnur um den Hals gewickelt hat und zu ersticken droht). Außerdem besitzt das kleine Kind noch kaum Abwehrmöglichkeiten:

"Der Säugling kann schreien, schlafen oder sich winden, aber das ist bereits so gut wie alles."
 (Janov/Holden 1977, 214)

Der 1st-line-Schmerz kann also ziemlich ungehindert seine verhängnisvolle Wirkung entfalten. Deswegen sind 1st-liner i. allg. die am schwersten gestörten Menschen.

Zum einen neigen die 1st-liner zu ernsten psychosomatischen Erkrankungen, wobei dann in erster Linie die inneren Organe (Viszera) betroffen sind, z.B. Darmstörungen, Magengeschwür, Asthma, aber auch Herz-/Kreislauferkrankungen, hormonelle Störungen u. ä. Es soll aber auch eine Krebsdisposition bestehen. Zum ändern sind first-liner häufig präpsychotisch oder psychotisch. Denn sie werden so früh von schwerstem Schmerz überflutet, daß es ihnen gar nicht gelingt, später ein funktionsfähiges Abwehrsystem auf der 2., vor allem aber auf der 3. Ebene aufzubauen. Es entstehen deshalb Symptome einer 'Geisteskrankheit' wie Denkstörungen, Wahnideen, Halluzinationen usw., da sich die 3. Ebene nicht anders des katastrophalen Schmerzes der 1. Ebene erwehren kann. 1st-liner können aber auch leicht zu Süchtigen werden, wenn sie nur noch mit Drogen ihren Urschmerz abwehren können.

Kommen wir nun zu den "Menschen zweiter Ebene", ("second-liner"). Sie sind vorwiegend auf der 2. Ebene traumatisiert und/oder wehren vorwiegend auf der 2. Ebene ab; ihre Haupttraumata stammen also aus der Zeit von etwa 6 Monaten bis 6 Jahren. Janov gibt folgende Beschreibung:

"Der klassische Freudsche Hysteriker, der nichts als Emotion ohne Brennpunkt ist, kann als Mensch zweiter Ebene verstanden werden. Auch auf dieser Ebene gibt es Variationen; zum Beispiel kann ein Mensch ständig in Wutanfälle geraten ..., während ein anderer vielleicht ständig über irgendwelche Trivialitäten weint ... Charakteristisch für Menschen der zweiten Ebene ist der impulsive Neurotiker; derjenige, der unkontrolliert agiert. Beispiele dafür sind der Alkoholiker, der Sittenverbrecher, die Nymphomanin." (Janov/Holden 1977, 214, 215)

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Dieses Ausagieren von Gefühlen beim second-liner wird übrigens oft als besondere Gefühlstiefe verkannt, während es ein echtes Fühlen gerade verhindert.

Psychosomatisch treten beim second-liner Beschwerden in der 'Körperwand' auf, d.h. vor allem muskuläre Verkrampfungen, Spannungs-Kopfschmerzen (wogegen die Migräne als 1st-line-Symptom gilt), Rückenschmerzen, Tics wie nervöse Zuckungen u.ä.

 

Bleibt noch der "Mensch dritter Ebene" ("third-liner"). Er operiert entsprechend vorwiegend auf der 3., der kognitiven Ebene, und zwar durch Rationalisierungen, Glaubenssysteme, Ideologien, Zwangsgedanken, Phobien u.a. Allerdings kann man nicht parallel zu first-linern und second-linern sagen, daß third-liner vorwiegend auf der dritten Ebene traumatisiert seien; denn Traumata der 3. Ebene — also etwa nach dem 6. Lebensjahr — führen normalerweise bei einem gesunden Menschen alleine nicht zu einer Neurotisierung, sondern nur im Verbund mit früheren Traumata, die sie reaktivieren. Als Beispiele für 3rd-liner nennt Janov:

"Hochintellektualisierte Individuen sind für mich Menschen dritter Ebene. Sie ... können nur zu Vorstellungen oder Zahlen Beziehungen herstellen und sind weniger fähig, emotionale Beziehungen zu anderen Menschen zu unterhalten. Viele Ingenieure, Buchhalter, Programmierer und Neurologen ... sind typische Menschen der dritten Ebene ..." (Janov/Holden 1977, 215)

Meistens haben 3rd-liner ein recht stabiles Abwehrsystem und unterziehen sich keiner Therapie (und wenn doch, dann einer, die ihre Abwehr wieder stabilisiert).

Nach der Typologie der drei Bewußtseinsebenen wollen wir jetzt den zweiten Ansatz vorstellen. Dieser bezieht sich auf das vegetative Nervensystem. Es geht dabei um den Sympathikus und den Parasympathikus. Menschen mit einer Überfunktion des Sympathikus nennt Janov "Sympathen", solche mit einer Überfunktion des Parasympathikus "Parasympathen".

Für den Sympathen ist bestimmend, daß er auf Bedrohung oder Schmerz mit Aktivität reagiert, und zwar mit Kampf oder Flucht ("fight or flight"): "Du darfst nicht weinen, du mußt kämpfen" ist sein Lebensmotto.

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Kampf und Flucht können zwar u.U. normale, angemessene Reaktionen sein; beim Sympathen treten sie aber verstärkt bzw. gehäuft auf. Vor allem in Situationen, wo sie ganz sinnlos sind — eben auch als chronische Abwehrhaltung gegenüber dem Urschmerz.

Körperlich ist die Sympathikus-Dominanz gekennzeichnet durch einen erhöhten Stoffwechsel (Hypermetabolie), verbunden mit einer Schilddrüsenstimulation; durch schnelleren Puls, Gefäßverengungen und Blutdrucksteigerung, durch Anspannung der Skelettmuskulatur u.v.m.

Von daher neigt der Sympath besonders zu Herz-/Kreislauferkrankungen, aber auch — durch die Muskelanspannungen — zu rheumatischen Beschwerden, Kopfschmerzen u. ä. Psychologisch beschreibt Janov den Sympathen folgendermaßen:

"Der Sympath ist optimistisch. Er ist sich seiner guten Zukunft gewiß, wenn er sich nur genug bemüht ... Der sympathisch dominierte Mensch verzweifelt selten und kommt sich selten leer vor, er ist voller Aggressivität und Antrieb." (Janov 1981, 251, 250)

Z.B. Hans: Er ist morgens nach dem Aufwachen direkt da, steht sofort auf. Hans ist ein 'Tempo-Mann', alles muß bei ihm schnell gehen - wenn er warten muß, wird er nervös. Überhaupt fühlt er sich oft so unruhig, daß er einfach etwas tun muß. Hans ist ehrgeizig, er setzt sich voll ein, um in seinem Beruf als Versicherungsvertreter vorwärts zu kommen. Zwar hat ihm der Arzt letztes Mal gesagt, er solle mal etwas mehr ausspannen ... zu hoher Blutdruck. Aber man weiß ja, wie diese Ärzte sind. Er kann sich keine Schonung leisten. Schließlich will er endlich seinen BMW kriegen.

Genauer kann man unterscheiden zwischen "reinen Sympathen" und "Kampf-und-Aufgeben-Sympathen" (vgl. Holden 1981). Der erste hält seine (Über-)Aktivität bis zum Erfolg durch; der zweite gerät in seinem Kampf (oder seiner Flucht) an einen Punkt, wo er aufgibt, wo er nicht mehr kann und will - aber häufig nur solange, wie er durch die Überanstrengung erschöpft ist, dann hetzt er weiter.

Nach Holden ist der Kampf-und-Aufgeben-Sympath der weitaus häufigste Typ (unter Primärpatienten, aber auch generell); er macht ca. 80-85% aus. Reine Sympathen bilden eine Minderheit und Parasympathen gibt es nur sehr wenige.

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Dieses starke Überwiegen des sympathischen Typs (in seinen beiden Varianten) macht es verständlich, daß Janov seine Neurosentheorie sehr stark am Sympathen orientiert hat. Denn er charakterisiert die Neurose ja allgemein durch gesteigerte Aktivität, Energie und Spannung, wie dies aber nur für Sympathen gilt.

Beschreiben wir nun den Parasympathen näher: Für ihn ist es kennzeichnend, daß er auf Bedrohung oder Schmerz mit Passivität, Erstarrung oder Lähmung reagiert; entsprechend ist auch seine Reaktion gegenüber dem Urschmerz, er versucht nicht zu kämpfen oder zu fliehen, sondern verharrt in einer Art 'Schreckstarre'.

"Die charakteristische Reaktion einer parasympathisch dominierten Person ... ist das Aufgeben, wenn ihr das Leben zuviel wird, nachgeben, sich abfinden, zurückweichen und resignieren ... Im Gegensatz ... (zum Sympathen) ist der Parasympath pessimistisch. Er hat ein nahezu ständiges Gefühl von Bedrohung und Verderben ... Die Vorstellung von Tod oder Selbstmord ist für den Parasympathen häufig ein Trost, weil sie wenigstens einen Ausweg bietet." (Janov 1981, 250, 251-252,253)

Körperlich zeichnet sich die Parasympathikus-Dominanz aus durch erniedrigten Stoffwechsel (Hypometabolie), niedrige Vitalwerte wie Blutdruck, Pulsfrequenz und Körpertemperatur, schwächere Atmung bei verengten Bronchien, dagegen gesteigerte Verdauungsprozesse.

Typische psychosomatische Erkrankungen des Parasympathen sind von daher zu niedriger Blutdruck, Bronchitis und Asthma sowie Magen-Darm-Störungen, etwa durch Übersäuerung.

Z.B. Rita: Sie ist morgens richtig tranig, ohne ihren Tee läuft gar nichts — wenn sie sich überhaupt erst mal "Stück für Stück" aus dem Bett erhoben hat. Der Blutdruck ist eben zu niedrig ... Rita arbeitet in einer Bibliothek, sie ist viel mit ihren Büchern allein — irgendwie schon langweilig, aber sie braucht auch ihre Ruhe. Vor allem, wenn sie mal wieder "ihren Moralischen" hat, wenn die Welt mal wieder nur grau zu sein scheint. Der Hausarzt hat ihr Antidepressiva verschrieben, aber gerne nimmt sie die nicht. Aber gibt es eine andere Lösung? Manchmal ist sie ganz verzweifelt.

In den meisten Fällen wird der 'vegetative Typ' (Sympath oder Parasympath) durch das prototypische Geburtstrauma festgelegt bzw. die prototypische Reaktion darauf (die mit dem Trauma eingeprägt wird). Janov nennt diesbezüglich folgende diagnostische Frage:

"Hat er gekämpft und verloren, gekämpft und gesiegt, überhaupt nicht gekämpft?" (Janov 1981, 251)

Reine Sympathen kämpften bei ihrer Geburt, und während des Kampfes bzw. durch den Kampf hatten sie Erfolg, sie wurden geboren.

Kampf-und-Aufgeben-Sympathen dagegen kämpften so lange sie konnten, aber ohne in dieser Phase geboren zu werden, bis sie schließlich aufgaben und die Geburt dann nur noch passiv über sich ergehen ließen; dies kann z.B. bei verzögerter Geburt geschehen. Die Parasympathen haben meist eine Geburtserfahrung totaler Hilflosigkeit, sei es, daß sie sich in einer Situation befanden, in der jeder Kampf nur zu einer Verschlimmerung führte (z.B. die Nabelschnur um den Hals gewickelt), sei es, daß sie — bei starker Betäubung der Mutter — durch in die Plazenta gelangte Narkotika zu völliger Passivität verurteilt waren.

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