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3  Die Kernstrahlung

 

1971 von Barry Commoner

 

 

 

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Von der Existenz einer »Umwelt« erfuhr ich eigentlich erst im Jahr 1953 durch die Atomenergiekommission der Vereinigten Staaten. Bis dahin hatte ich — wie die meisten Leute — Luft und Wasser, Erdboden und andere natürliche Umweltfaktoren für etwas mehr oder weniger Selbstverständliches gehalten.

Obwohl ich als Wissenschaftler die grundlegenden Eigenschaften der Lebewesen erforschte, war ich in jenem Spezialgebiet der Biologie, das sich mit den Umweltbeziehungen befaßt — also in Ökologie —, praktisch überhaupt nicht ausgebildet worden. Wie die Mehrzahl der Wissenschaftler, die während des Zweiten Weltkriegs für das Kriegsprogramm der Vereinigten Staaten gearbeitet hatten, war ich jedoch überaus besorgt wegen der neuen, so ungeheuer zerstörerischen Gewalt der Kernenergie, die noch während des Krieges aufgetaucht war.

1946 wurde die Atomenergiekommission (AEC) gegründet, deren Aufgabe es war, ein Schwerpunktprogramm für die Entwicklung der militärischen, wissen­schaftlichen und technischen Anwendungs­möglichkeiten von Kernenergie auszuarbeiten und durchzuführen. Bis 1951 hatten die Vereinigten Staaten 16 Atombomben in Testversuchen zur Explosion gebracht und die Sowjetunion 13; im darauffolgenden Jahr kam Großbritannien mit einem ersten Atom­waffen­test dazu.

Diese Explosionen fanden in abgelegenen, unbewohnten Gegenden der Welt statt, und ihre Ergebnisse wurden in das undurchdringliche Dunkel des militärischen Geheimnisses gehüllt. Die Atomenergiekommission gab normalerweise nur kurz und bündig bekannt, daß ein Test vorgenommen worden sei, daß sich die radioaktive Strahlung der Bombe auf den lokalen Bereich beschränke und jedenfalls für die Öffentlichkeit völlig »harmlos« sei. Die Hysterie des Kalten Krieges und der herrschende McCarthyismus erstickten jede öffentliche Diskussion über das nukleare Wettrüsten.

Aber die Natur sollte diese Barrieren durchbrechen.

Am 26. April 1953 ging ein plötzlicher Wolkenbruch über dem Stadtzentrum von Troy/New York nieder. Während der Regen herunterprasselte, beobachteten verschiedene Physiker, die in nahegelegenen Universitätsinstituten Experimente mit Radioaktivität vornahmen, einen plötzlichen Anstieg ihrer »Hintergrundstrahlung«. Sie entdeckten bald, daß der Regen stark radioaktiv war, und argwöhnten, radioaktive Spaltprodukte von Atombombentests in Nevada seien mit den Winden über das Land getragen worden und nun mit dem starken Regen auf den Erdboden gelangt. Einige von ihnen warnten sogar ihre Frauen, die Kinder nicht länger im Freien zu lassen, aber sie machten ihre Befürchtungen nicht öffentlich bekannt, weil sie damit gegen die Geheimhaltungsvorschriften verstoßen hätten.

Wissenschaftler neigen jedoch stark dazu, untereinander zu kommunizieren, und bald gab es überall in den Vereinigten Staaten Physiker, die heimlich die Radioaktivität der Niederschläge maßen. Es war überall dasselbe: Luft und Regen, Erdboden, Nahrungsmittel und Trinkwasser — alles war von der bei den Kernexplosionen entstandenen Radioaktivität verseucht. Allen Geheimhaltungsvorschriften zum Trotz hatte die Kernstrahlung ihr Umweltdebüt gegeben.

 

Jede Form von Kernstrahlung wirkt auf den Organismus zerstörerisch, und so sahen viele Biologen im Fallout eine potentielle Gefahr für alle Lebewesen. Die AEC wußte jedoch eiligst zu betonen, daß die Intensität der Strahlung, die aus der Luft, dem Staub oder dem Erdboden auf die Menschen einwirkte, verhältnismäßig gering war — das heißt, nicht viel stärker als die Intensität der natürlicherweise in der Umwelt auftretenden Radioaktivität, die von radiumhaltigem Gestein oder kosmischen Strahlen ausgeht. Und ein Großteil davon sollte ohnehin nicht besonders tief in den Körper eindringen können. Das Risiko, das von einer derartigen, außerhalb des Körpers auftretenden Strahlung ausgehen konnte, war also gering — so schien es wenigstens.

Dann tauchte ein neuer Begriff in den Fallout-Diskussionen der Wissenschaftler auf — Strontium-90. Meine eigene Erfahrung ist wahrscheinlich typisch für die damaligen Erlebnisse der meisten Nichtphysiker, deren berufliche Interessen kaum etwas mit Umwelt-Radioaktivität24 zu tun hatten.

 

Ich entsinne mich einiger dunkler Bemerkungen von befreundeten Physikern, wonach man radioaktives Strontium (Strontium-90) im Fallout entdeckt habe. Vielsagender war schon der besorgte Gesichtsausdruck, der diese Information begleitete; aus irgendeinem Grund, der freilich niemals genannt wurde, schien Strontium-90 eine ganz gefährliche Form von Radioaktivität auszustrahlen.

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Nun trifft es sich, daß sowohl Strontium — ein natürliches, harmloses Element — als auch dessen radioaktives Isotop — Strontium-90 — in der Umwelt gern mit Kalzium, einem chemisch verwandten Element, zusammen auftauchen. Kalzium wird gierig von den Pflanzen aus dem Boden aufgesogen und gerät auf diesem Weg in die Nahrung und in den menschlichen Organismus. Als erst einmal radioaktive Niederschläge auf die Erde gefallen waren, war es daher unvermeidlich, daß Strontium-90 das Element Kalzium auf seinem Weg durch die Nahrungskette begleiten und schließlich zusammen mit Kalzium im Gemüse, in der Milch und in den Knochen angereichert werden mußte.

Die Strahlung, die von Strontium-90 ausgeht, kann lebendes Gewebe nur bis zu Bruchteilen eines Zentimeters durchdringen. Wenn das Isotop aber vom Körper aufgenommen worden ist, lagert es sich eng um die lebenden Knochenzellen an. Diese Zellen liegen dann in unmittelbarer Reichweite der Strontium-90-Strahlen, und das Risiko, dem sie nun ausgesetzt sind — nämlich beispielsweise zu Krebszellen zu entarten —, ist unvergleichlich größer als das Risiko, das von derselben Menge Strontium-90 außerhalb des Körpers ausgeht. Nun begannen sich plötzlich viele Wissenschaftler ernsthafte Sorgen zu machen, und gegen Ende des Jahres 1953 durchbrach diese Besorgnis das Dunkel militärischer Geheimhaltung: Das Fallout-Problem wurde öffentlich bekannt. Ein schweres Unglück, das sich während eines AEC-Tests im Pazifischen Ozean ereignet hatte, sollte im März 1954 zu einer Dramatisierung des Problems führen. Der radioaktive Niederschlag der Bombenexplosion traf unvorhergesehen die Besatzung des japanischen Fischerboots »The Lucky Dragon« (»Der Glücksdrache«)25. Fast alle Fischer erlitten schwere Strahlenschäden, und mehrere von ihnen starben später daran.

1953 hatte die Atomenergiekommission behauptet, Strontium-90 stelle nur dann ein Risiko dar, wenn es »mit der Nahrung in Form von Knochensplittern« aufgenommen würde, »die während des Schlachtens und Zerschneidens der Tiere unter das Muskelgewebe geraten sein könnten«. Ein Jahr später war die AEC im Zuge der öffentlichen wissenschaftlichen Diskussion über die biologische Bedeutung der Strontium-90-Absorption darauf aufmerksam gemacht worden, daß die meisten Menschen weit mehr Kalzium — und daher auch Strontium-90

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mit der Milch aufnehmen als mit Knochensplittern in ihren Bouletten. Im selben Jahr noch startete die AEC ein Dringlichkeitsprojekt zur Entdeckung von Methoden, die geeignet wären, Strontium-90 aus der verseuchten Milch zu entfernen.26.

Bald tauchten in den Fachzeitschriften Meßwerte für Strontium-90 aus allen Teilen der Welt auf, und es wurde deutlich, daß man mit den Atomwaffentests unabsichtlich das erste globale Umweltexperiment in der Geschichte der Menschheit gestartet hatte. Mit dem Fallout war Strontium-90 — zugleich mit einigen anderen radioaktiven Elementen — über das riesige planetarische Netzwerk der belebten Natur ausgestreut worden; vom Menschen erzeugte Radioaktivität hatte sich in jeder Pflanze, in jedem Tier und jedem Mikroorganismus auf der Erde angesammelt.

Vielen von uns wurde die Bedeutung der Umwelt für das menschliche Leben schlagartig klar. Die amerikanische Atomenergiekommission — und ihre sowjetischen und britischen Gegenspieler — hatten unter dem Einsatz enormer Beträge und außerordentlicher Sachkenntnis eine — in ihren Augen — ganz besondere technologische Großtat vollbracht, deren einziger Zweck es war, Explosionen von unermeßlicher Zerstörungskraft zu ermöglichen. Niemand hatte die Absicht gehabt, die Erde radioaktiv zu verseuchen oder die Gesundheit ihrer menschlichen Bewohner zu gefährden. Und dennoch wuchsen jetzt — zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit — Kinder heran, in deren Knochen Strontium-90 und in deren Schilddrüsen Jod-131 eingelagert war.

Was die geheimen, angeblich in aller Abgeschiedenheit ausgelösten Kernexplosionen mit diesen Kindern verband, war die Umwelt. Winde führten die an der Explosionsstelle freigesetzten Spaltprodukte über ganze Kontinente hinweg; mit Regen und Schnee gelangte das Material wieder auf die Erde; Gras und Getreide entzogen es dem Erdboden, und mit der Nahrung nahmen es die Kinder in ihren Körper auf; die natürlichen biologischen Prozesse in Knochen und Drüsen führten zu einer starken Konzentration der radioaktiven Elemente und erhöhten das Gesundheitsrisiko der Kinder um ein Vielfaches. Mit jeder Kernexplosion wurden erneut radioaktive Substanzen ausgestreut — hinein in das Kommunikationsnetz der Umwelt, das alle Lebewesen miteinander verbindet. Unwissentlich hatten die Waffentechniker ihre Bomben dort mit hineingeknüpft und Folgen bewirkt, die niemand gewollt hatte oder vorhersehen konnte.

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Die Atombombentests offenbarten, wie wenig noch über die Umwelt bekannt war. Als das Testprogramm anlief, hatte man angenommen, die radioaktiven Spaltprodukte, die von der Gewalt der Kernexplosionen in die Stratosphäre geschleudert würden, blieben dort über Jahre hinaus, so daß ein Großteil der ursprünglichen Radioaktivität inzwischen zerfallen könnte, ohne daß irgendein Schaden angerichtet würde. Erst später entdeckte man Strömungen in der Stratosphäre, die dieses Material in einem Zeitraum von nur wenigen Monaten auf die Erde zurückbringen und keineswegs eine gleichmäßige Verteilung der radioaktiven Niederschläge über den gesamten Erdball ermöglichen konnten, sondern sie vorwiegend über der nördlichen gemäßigten Zone abladen würden. Hier leben aber ungefähr 80 Prozent der Weltbevölkerung.

Entgegen den Erwartungen der Atomenergiekommission wurden außerdem bei den arktischen Eskimos und Lappen weit höhere Radioaktivitätswerte gemessen als bei den Einwohnern der gemäßigten Zone, obwohl in der nördlichen gemäßigten Zone zehnmal soviel Fallout den Boden erreichte wie in der Arktis. Der Grund hierfür liegt in der charakteristischen biologischen Kette der Arktis, wo der radioaktive Niederschlag von den Flechten direkt aus der Luft aufgenommen wird und nicht — wie beim Gras — durch den Erdboden, in dem die Strahlungsintensität erst noch abgeschwächt wird. Auf diese Weise gelangt stark radioaktives Material in die Leiber von Karibus und Rentieren, die sich von den Flechten ernähren — und schließlich in die Körper der Eskimos und Lappen, die von diesen Tieren leben.

Eine Erklärung dafür, weshalb in den einzelnen Gebieten der nördlichen gemäßigten Zone ganz unterschiedliche Mengen an Fallout resorbiert werden, haben wir noch nicht. Wir wissen nicht, warum der Strontium-90-Gehalt der Milch in Mandan/Nord-Dakota oder in New Orleans/Louisiana höher ist als sonstwo in den Vereinigten Staaten oder warum ausgerechnet Mailand (Italien) mit seinem Strontium-90-Gehalt der Milch den Weltrekord hält.

Erst der Fallout machte auch deutlich, wie wenig über die Gefahren bekannt war, die großen Bevölkerungsteilen drohen, wenn sie Strahlen oder giftigen Substanzen ausgesetzt werden.

Vor der Entdeckung der Kernenergie besaß die Medizin nur eine äußerst begrenzte Erfahrung mit den Auswirkungen radioaktiver Strahlen im Innern des menschli-

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chen Körpers; man verdankte sie im wesentlichen dem Schicksal mehrerer hundert Fabrikarbeiterinnen, die während der zwanziger Jahre mit den Lippen die dünnen Pinsel angefeuchtet hatten, mit denen sie radiumhaltige Leuchtfarbe auf Zifferblätter aufzutragen hatten.

Sie erkrankten vor allem an Lippentumoren. Die vorhandenen Richtwerte über die tolerable Strahlenbelastung gingen davon aus, daß der Organismus bei einer Strahlendosis unterhalb einer gewissen Minimalgrenze überhaupt nicht geschädigt würde, und die AEC verwies auf diese Richtwerte, um damit ihre Behauptung zu stützen, daß der Fallout für die Bevölkerung insgesamt »harmlos« sei. Als man später einsah, daß die Allgemeinbevölkerung — anders als ein Industriearbeiter, der sich immerhin einen ungefährlicheren Arbeitsplatz suchen kann — der Strahlenbelastung nicht entgehen kann und gleichzeitig besonders empfindliche Personen wie Kinder und alte Menschen umfaßt, wurden die zulässigen Grenzwerte um etwa 95 Prozent herabgesetzt. Schließlich zeigten verschiedene Experimente, daß jede Strahlenbelastung, und sei sie noch so gering, ein gewisses Risiko darstellt, das sich in Form von Schädigungen des Erbguts oder Krebs manifestieren kann. Letzten Endes handelt es sich bei der Frage, welcher Strahlendosis ein Mensch ausgesetzt werden darf, also — trotz all ihrer schwierigen wissenschaftlichen Aspekte — gar nicht um ein wissenschaftliches Problem, sondern um ein Problem der öffentlichen Moral. Denn niemand kann wissenschaftlich erörtern oder gar begründen, wie viele Kinder dem durch radioaktive Niederschläge verursachten Risiko eines Schilddrüsenkrebses oder genetischer Schäden ausgesetzt werden sollten, um die Entwicklung neuer Kernwaffen zu ermöglichen, die selbst nichts anderes als einen weiteren Schritt auf dem Weg zu einer Weltkatastrophe darstellen. Dies ist keine Angelegenheit von »Experten«; sie ist nicht fachmännisch zu entscheiden, sondern vielmehr von jedem einzelnen Staatsbürger anhand seiner Wertmaßstäbe zu beurteilen — es ist eine politische und eine ethische Frage.27.

1956, während des Präsidentschaftswahlkampfes zwischen Adlai E. Stevenson und Dwight D. Eisenhower, folgte das politische Debüt des Fallout-Problems. Dr. Evarts Graham von der Universität Washington, ein Wegbereiter der Lungenchirurgie und der Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen Rauchen und Lungenkrebs, hatte einige Mitglieder der naturwissenschaftlichen Fakultät — zu denen auch ich gehörte — gebeten, Tatsachenmaterial über radioaktive Niederschläge

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zusammenzustellen, das er einem Brief an Adlai Stevenson beifügen wollte. Als Stevenson das Schreiben während einer öffentlichen Rede verlas, war der Wahlkampf um eine Streitfrage reicher geworden.

Adlai Stevenson verlor die Wahl, aber gerade seine Niederlage überzeugte viele Wissenschaftler von der lebenswichtigen Notwendigkeit, die Öffentlichkeit mit Tatsachen über die Atombomben genauestens zu informieren.

1958 organisierten wir, das heißt einige Forscher an der Washington-Universität in St. Louis, zusammen mit einer Gruppe von Kommunalpolitikern das St.-Louis-Komitee für Nuklear-Information; mit der von uns herausgegebenen Zeitschrift und dem Auskunftsbüro hat es wohl bahnbrechende Arbeit geleistet für die sich dann langsam entwickelnde Aufklärungsbewegung unter den Wissenschaftlern, die sich heute vorwiegend der Aufgabe widmet, die Öffentlichkeit über alle Umweltprobleme zu informieren. Wir besuchten Treffen der PTA (amerikanische Eltern-Lehrer-Vereinigung), Gemeindeabende und Bürgerversammlungen und suchten zu erklären, worum es bei dem ganzen Fallout-Streit eigentlich gehe. Wir schilderten die Entstehung von Strontium-90 und Jod-131 bei Kernexplosionen und die Wanderung dieser Isotope durch die natürliche Umwelt bis in den menschlichen Körper. Wir diskutierten den Preis, den die Menschheit aller Voraussicht nach für den angeblichen Nutzen neuer Kernwaffen würde bezahlen müssen. Wir betonten, daß jeder einzelne Bürger die gesellschaftlichen Güter selbst gegeneinander abwägen müsse und die Entscheidung nicht irgendwelchen Experten überlassen dürfe. Ähnliche Anstrengungen wurden in vielen Teilen unseres Landes unternommen.

1963 stimmte der Senat — zur Überraschung der politischen Beobachter — mit großer Mehrheit dem »Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser« zwischen den USA und der UdSSR zu, der den Kernwaffentests der beiden atomaren Großmächte in der Atmosphäre ein Ende setzte. Dieses unerwartete Ereignis war eine Anerkennung der politischen Effektivität jener von den Wissenschaftlern initiierten und getragenen Aufklärungskampagne über die Gefahren des radioaktiven Niederschlags.

Der Atomwaffenteststoppvertrag sollte meiner Meinung nach als der erste Sieg im Kampf um die Rettung der Umwelt — und ihrer

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menschlichen Bewohner — vor den blindwütigen Angriffen der modernen Technologie angesehen werden. Es war nur ein kleiner Sieg, denn die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion setzen ihre Kernwaffentests ja fort — wenn auch tief unter der Erdoberfläche —, und China und Frankreich, die nicht durch den Vertrag gebunden sind, lassen ihre Versuchsbomben weiterhin über dem Erdboden explodieren. Aber wenn das Abkommen dem atomaren Wettrüsten auch nicht hat Einhalt gebieten können, so hat es doch zwei wichtige Ergebnisse gezeitigt. Das erste: Es hat Leben gerettet.

Welchen Preis der radioaktive Niederschlag die Menschheit kostet, wissen wir nicht genau. Was wir wissen, ist, daß eine Reihe schwerer Gesundheitsstörungen wie Krebserkrankungen, genetische Defekte und andere Schäden, die zu einem vorzeitigen Tod führen, durch radioaktive Bestrahlung ausgelöst werden. Ein Großteil der Krebserkrankungen und Erbschäden ist jedoch auf die »natürliche« Bestrahlung durch radioaktives Gestein und kosmische Strahlen zurückzuführen. Vergleicht man diesen natürlichen Anfall an strahlungsbedingten Erbschäden mit der Anzahl erbgeschädigter Individuen nach einer Periode zusätzlicher Strahlenbelastung durch Fallout, dann läßt sich errechnen, daß der radioaktive Niederschlag bis zum Jahr 1963 in den Vereinigten Staaten wahrscheinlich 5.000 und in der Weltbevölkerung ungefähr 86.000 angeborene Mißbildungen verursacht hat. Das Wissenschaftliche Komitee der Vereinten Nationen für die Auswirkungen der Kernstrahlung hat ähnliche Schätzwerte vorgelegt. In der Weltbevölkerung seien infolge der bis einschließlich 1958 vorgenommenen Atombombentests 2.500 bis 100.000 Fälle schwerer Mißbildungen aufgetreten. Andererseits nimmt Dr. Ernest Sternglass an, daß die radioaktiven Niederschläge allein in den Vereinigten Staaten zu 400.000 tödlichen Defekten unter Fötussen und Neugeborenen geführt hätten. Dr. Arthur R. Tamplin vom Livermore-Laboratorium der Atomenergiekommission in Kalifornien glaubt, daß eine Zahl von 4000 solcher Todesfälle richtiger geschätzt sei. Offensichtlich ist der genaue Preis, den die Fallout-Strahlung bislang an Menschenleben gefordert hat, heftig umstritten. Die entscheidende, wissenschaftlich erwiesene Tatsache, die auch von allen beteiligten Parteien anerkannt wird, ist jedoch, daß radioaktive Niederschläge infolge von Kernwaffenexplosionien auf jeden Fall gewisse Opfer an Menschenleben und menschlichen Gesundheitsschäden gefordert haben.

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Und ebenso unumstritten ist der Effekt des Atomwaffenteststoppabkommens: Wären die Kernwaffentests bis 1970 im selben Ausmaß wie 1962 fortgeführt worden, wäre der Preis, den die Menschheit hätte entrichten müssen, sehr viel höher, als er nun tatsächlich ist — in bezug auf Strontium-90 allein etwa acht- bis zehnmal.28.

Das zweite wesentliche Ergebnis des Teststoppvertrags besteht in dem öffentlichen Eingeständnis der Tatsache, daß es sich bei der atomaren Rüstung um einen wissenschaftlichen Fehlschlag handelt. Man weiß heute, daß man mit Kernwaffen keine Nation verteidigen kann: Welche der beiden atomaren Großmächte auch immer einen Atomkrieg gewinnen würde — keines der beiden Gesellschaftssysteme könnte die Katastrophe überstehen. In diesem Sinn ist die Atombombe eine nutzlose Waffe — was die Regierung offensichtlich nicht bedacht hatte, als sie kurz nach 1945 die Entscheidung fällte, alles auf die »nukleare Karte« zu setzen. Diese Behauptung bedarf keines umständlichen Beweises. Es ist heute weithin bekannt, daß jede nukleare »Verteidigung« zwangsläufig ein Mißerfolg sein muß, weil sie katastrophale Folgen für das Ökosystem mit sich bringt. Und um zu zeigen, daß sich die amerikanischen Militärs dieser verhängnisvollen Eigenschaft der Kernwaffen nicht bewußt waren, genügt das folgende Zitat aus einem Bericht über die ökologischen Auswirkungen eines Atomkriegs, den die Rand Corporation29 1961 für die amerikanische Luftwaffe erstellte:

»Dies ist ein Gesichtspunkt, der seltsamerweise völlig vernachlässigt worden ist (obwohl viele ein unbestimmtes Gefühl der Besorgnis hegten); detaillierte Forschungsarbeiten liegen denn auch auffallenderweise nicht vor . . .Viele der ökologischen Gesetzmäßigkeiten, die den fraglichen Problemen zugrunde liegen, gehören nicht zu der intellektuellen Ausstattung jener Leute, deren Aufgabe es im allgemeinen ist, sich mit Fragen der Zivilverteidigung und des Wiederaufbaus nach einem Krieg zu befassen.«

Aber nicht nur das Kernwaffentestprogramm, das gesamte Konzept der atomaren Bewaffnung versagt, wenn man es einem »Umwelt-Test« unterzieht.

Daß die Atomenergiekommission aus ihrer Erfahrung mit Kernwaffen hinsichtlich der Umweltproblematik nichts hinzugelernt hatte, zeigte sich an ihren späteren Bemühungen, die friedliche Nutzung der Kernenergie voranzutreiben.

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Hier nur ein paar Beispiele der einschlägigen Bestrebungen Dr. Gerald W. Johnsons, eines der Direktoren des »Plowshare program« (»Pflugschar«-Projekt der AEC für die Anwendung von Kernexplosionen zur Bewegung riesiger Erdmassen): April 1964, Columbus/Mississippi-Vorschlag, nukleare Sprengsätze beim Bau eines 400 km langen Kanals vom Tennessee River zum Golf von Mexiko einzusetzen; Februar 1965, St. Louis/Missouri-Vorschlag, nukleare Sprengsätze »zur ökonomischen Beseitigung der natürlichen Schiffahrts-Hindernisse« im Mississippi zu verwenden; September 1965, Seattle/Washington-Vorschlag, mit Hilfe nuklearer Sprengsätze einen Kanal von Columbia River zum Puget Sound auszuheben30.

Bei der Bekanntgabe dieser Pläne kündigten AEC-Beamte der Öffentlichkeit stets an, daß dem in Aussicht gestellten Projekt noch einige Forschungsarbeiten vorangehen müßten, wobei es sich freilich nur noch um den einen oder anderen technischen Kniff für die nuklearen Ausschachtungen handeln sollte. Dazu gehörte allerdings eben auch der Versuch, das Strahlenrisiko auf ein Mindestmaß zu beschränken und irgendeine Möglichkeit zu finden, wie man die Vorschrift des Atomwaffenteststoppvertrags umgehen könne, die eine Verbreitung radioaktiven Materials über die Staatsgrenzen hinaus untersagt.

Die notwendigen Forschungen sind inzwischen abgeschlossen worden — im Zusammenhang mit dem Projekt, einen Kanal durch die Landenge von Panama zu graben, der so tief sein sollte, daß er den Meeresspiegel erreicht. Dabei handelte es sich um einen derart kolossalen Plan, daß eine vom Präsidenten der Vereinigten Staaten eingesetzte Kommission allein für die Vorstudien sechs Jahre benötigte. Der Bericht dieser Kommission, der im Dezember 1970 veröffentlicht wurde, ist allerdings recht erhellend31. Nachdem die Kommission 17 Millionen Dollar ausgegeben hat, um die Möglichkeit zu untersuchen, ob und wie man den Kanal mit Hilfe nuklearer Explosivstoffe anlegen könne, empfiehlt sie schließlich, ihn mit konventionellen Verfahren zu errichten. Die Ablehnung des nuklearen Vorgehens wurde unter anderem damit begründet, daß es noch »offene« Fragen über die Sicherheit der Kerntechnik gäbe und daß man bei der Ausführung »möglicherweise mit dem Atomwaffenteststoppabkommen in Konflikt geraten« würde.

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Im April 1964 wurde Dr. Johnson auf einer Veranstaltung in Columbus/Mississippi von einem Zuhörer die Frage gestellt32: »Haben wir jemals irgendeinen praktischen Nutzen aus dem Plowshare-Projekt ziehen können?« Dr. Johnsons Erwiderung: »Die Antwort lautet <nein>.« Heute lautet die Antwort immer noch <nein>. Seitdem es im Jahr 1957 gestartet wurde, hat das Plowshare-Projekt Stapel von Berichten, Dutzende wissenschaftlicher Symposien, unzählige Pressemitteilungen und — zwei Bohrlöcher gezeitigt, aus denen man Erdgas fördert, das für die kommerzielle Nutzung aber wahrscheinlich allzu radioaktiv ist33. Die Gesamtkosten belaufen sich heute auf etwa 138 Millionen Dollar. Seit 1970 stellt der Bund kein Geld mehr für Plowshare zur Verfügung, und es besteht kaum Aussicht, daß diese Entscheidung noch einmal widerrufen wird. Das Plowshare-Projekt war eine 138-Millionen-Dollar-Übung in Sinnlosigkeit. Es ist an der Umwelt gescheitert.

Die einzige Form der einsatzfähigen friedlichen Nutzung von Kernenergie ist zur Zeit die Gewinnung von Elektrizität. Wie alle anderen nuklearen Unternehmungen, steht auch diese unter der Ägide der Atomenergiekommission. Das Gesetz, das die AEC ins Leben rief, verpflichtet sie, die zivile Nutzung der Kernenergie voranzutreiben. Außerdem enthält es bestimmte Sicherheitsrichtlinien für den Bau und Betrieb von Atomkraftwerken, stattet die AEC mit den notwendigen Vollmachten aus und setzt sie gleichzeitig als Kontrollorgan für eventuelle Übertretungen ein. Aufgrund dieser beispiellosen Anhäufung von administrativen Machtbefugnissen in einer einzigen Behörde, ihres überragenden Einflusses auf das nationale Verteidigungsprogramm und ihres praktisch uneingeschränkten Zugangs zu öffentlichen Geldern mußte die Atomindustrie sehr schnell anwachsen.

Das erste mit voller Leistung arbeitende Atomkraftwerk in den Vereinigten Staaten wurde 1957 in Betrieb genommen. 1965 gab es elf solcher Anlagen. 1970 waren 14 Atomkraftwerke in Betrieb und 78 weitere im Bau oder in Vorbereitung befindlich. Man erwartet, daß 1975 84 Anlagen arbeiten werden. Zwar liefern die Kernkraftwerke bislang nur ungefähr ein Prozent der gesamten Elektrizität, die in den Vereinigten Staaten hergestellt wird, aber man nimmt an, daß sich diese Zahl bis 1980 auf 37 und bis zum Jahr 2000 auf mehr als 50 Prozent erhöhen wird.34.

Im Licht dieser Statistiken nimmt sich die amerikanische Atomindustrie überaus erfolgreich aus. Jeder Besucher des »Atomic Industrial Forum 1970«, des alljährlichen Treffens der maßgeblichen Leute aus diesem Industriezweig, mußte freilich einen ganz anderen Eindruck bekommen.

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In den vergangenen Jahren waren diese Veranstaltungen ausschließlich Reden gewidmet, die die makellosen Vorzüge der Kernenergie rühmten oder technische Ausführungen zur Konstruktion von Kernreaktoren brachten. In diesem Jahr beherrschte ein neues Thema die Vorträge: Ökologie. Zum erstenmal sah sich die Industrie gezwungen, den ökologischen Folgen ihrer Betriebsamkeit öffentlich ins Auge zu blicken. Und der Anblick, der sich da bot, war nicht gerade erfreulich.

Im Gegensatz zu den konventionellen Stromversorgungsanlagen, die mit fossilen Brennstoffen arbeiten, produzieren Atomkraftwerke keine chemischen Verunreinigungen wie etwa Schwefeldioxyd oder Staub. Was sie jedoch produzieren, sind radioaktive Abfallstoffe.35. Die Atomenergiekommission behauptet nun, daß dies kein Anlaß zu öffentlicher Besorgnis sei, lägen doch die Mengen an radioaktivem Material, die von den Atomkraftwerken in die Umwelt abgegeben würden, weit unter den Sicherheitsrichtlinien der AEC. Nichtsdestoweniger ist die öffentliche Besorgnis in den letzten Jahren so stark gewesen, daß sie die Errichtung mehrerer Kernkraftwerke verzögert und in einigen Fällen sogar verhindert hat.36. Um mit Glenn T. Seaborg,37 dem damaligen Vorsitzenden der AEC, zu sprechen: »Die Öffentlichkeit ist überaus empfindlich geworden, was die Umwelt angeht.«

Beschwerden der Bevölkerung waren allerdings nicht das einzige, womit die Atomenergiekommission ununterbrochen belästigt wurde. Unter dem Aspekt des Umweltschutzes knüpfte die Kontrollbehörde für Wasserverschmutzung im Bundesstaat Minnesota Bedingungen an den Betrieb eines geplanten Atomreaktors, die merklich strenger waren als die der AEC. Die AEC stritt dem Staat das Recht ab, solche Auflagen zu erteilen, und die Elektrizitätsgesellschaft ging vor Gericht. Dann tauchten neue Bedenken wegen der Auswirkungen radioaktiver Strahlung auf die Umwelt auf — diesmal im eigenen Labor der AEC in Livermore. Dort hatte die AEC 1963, im Jahr des Kernwaffenteststoppabkommens, ein Forscherteam mit der »Planung und Durchführung von Untersuchungen über die Umweltverseuchung, die auf die Freisetzung von Radioaktivität bei Kernexplosionen zurückzuführen ist«, beauftragt. Dr. John W. Gofman, Professor für medizinische Physik an der Universität von Kalifornien (die das Livermore-Labor für die AEC betreibt), leitete das Programm.

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Seit 1963 veröffentlichte Dr. Gofman dann in Zusammenarbeit mit Dr. Tamplin eine ganze Reihe von Berichten über die radioaktive Verseuchung der Umwelt38. Eine der wichtigsten Schlußfolgerungen aus ihren Studien war der Vorschlag, die heute noch erlaubte Strahlendosis auf ein Zehntel zu reduzieren — ein Vorschlag, dem sich die AEC und die Atomindustrie damals heftig widersetzten.

Einen Eindruck von der Tragweite dieser Kontroverse vermittelt vielleicht das Folgende:

Wenn die Strahlendosis, die die AEC als »tolerabel« bezeichnet, tatsächlich von der Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten aufgenommen würde, dann — so errechneten Dr. Gofman und Dr. Tamplin — habe man jährlich mit 32000 zusätzlichen Sterbefällen an Krebs und Leukämie zu rechnen. Dr. Theos J. Thompson39 versuchte, als Bevollmächtigter der AEC, dieses Argument damit zu widerlegen, daß er erklärte, die Strahlenbelastung der Allgemeinbevölkerung aufgrund der derzeitigen Arbeitsleistung der Kernkraftindustrie betrage weniger als ein Siebzehntausendstel der nach den AEC-Richtlinien zulässigen Belastung.

Andererseits hat Dr. K.Morgan vom Oak Ridge National Laboratory der AEC ausgerechnet, daß die zusätzlichen jährlichen Sterbefälle an sämtlichen Krankheiten, die durch den radioaktiven Ausstoß der derzeit betriebenen atomaren Industrieanlagen ausgelöst werden, etwa ein halbes Prozent der Todesfälle ausmachen, mit denen man bei einer tatsächlichen Belastung der Allgemeinbevölkerung mit der »zulässigen« Strahlendosis rechnen muß. Demnach besteht nicht der geringste Anlaß für Selbstzufriedenheit und Gleichgültigkeit, denn schließlich könnte die erwartete Expansion der Atomindustrie sehr leicht dazu führen, daß die Strahlenbelastung den gegenwärtig für »akzeptabel« erachteten Richtwert um das Jahr 2000 sogar noch übersteigt — wobei dieser Zeitpunkt selbst vielleicht ebenfalls allzu »hoch« angesetzt ist.

1971, nachdem die AEC allen Empfehlungen, strengere Richtlinien für die Strahlenemission von Atomreaktoren einzuführen, jahrelang heftigsten Widerstand entgegengesetzt hatte, gab sie bis zu einem gewissen Grad nach und schlug vor, die zulässige Menge der Strahlungsemission merklich zu reduzieren. Als die AEC auf diese Haltung umschwenkte, gab sie jedoch weder eine Erklärung für ihren früheren Widerstand gegen strengere Richtlinien noch für ihren fortgesetzten Widerstand gegen die Gofman-Tamplin-Empfehlung. Solange diese Diskrepanzen nicht geklärt sind, wird die Kontroverse über die Umweltfolgen atomarer Kraftwerke weitergehen.

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Vom Ausgang dieser Kontroverse hängt aber die Zukunft der Kernkraftindustrie ab. Radioaktive Emissionen können bereits von winzigen undichten Stellen in der Metallschicht ausgehen, die die Brennstoffzellen des Reaktors umkleidet. Die Fertigung solcher Metallumkleidungen stellt daher höchste Anforderungen; das Material der langen und dünnen Metallröhren muß nicht nur die mechanische Beanspruchung aushalten, sondern auch den zerstörerischen Kräften radioaktiver Strahlung gegenüber widerstandsfähig gemacht werden.

Will man die Menge der gegenwärtig emittierten radioaktiven Strahlung verringern, dann muß man entweder die heute schon hochentwickelte und diffizile Fertigungstechnik weiter verbessern oder aber zusätzliche Vorrichtungen anbringen, die die radioaktiven Stoffe sehr viel effektiver aus den Abflüssen und Abgasen des Reaktors entfernen, als dies zur Zeit der Fall ist. Beide Entwicklungen würden genügend kosten, um die gegenwärtige Stellung der Kernkraft im Wettbewerb mit den konventionellen Formen der Stromerzeugung erheblich zu schwächen. Würde die stromerzeugende Industrie gezwungen, diese notwendigen Veränderungen über private Investitionen vorzunehmen, müßte sie sich aufgrund wirtschaftlicher Erwägungen dazu entschließen, konventionellen Generatoren den Vorzug vor den Kernreaktoren zu geben. Wenn die anfallenden Kosten aber andererseits aus öffentlichen Mitteln gedeckt würden, ergäbe sich für die Industrie die unangenehme Aussicht, staatlichen Stellen einen tieferen Einblick in ihre wirtschaftlichen Verhältnisse gewähren zu müssen.

Gleichzeitig sieht sich die Energiewirtschaft einer Verknappung der Elektrizität gegenüber. Totale und teilweise Stromausfälle sind in bestimmten Gegenden der Vereinigten Staaten an der Tagesordnung. So steht die Industrie also einerseits unter dem Druck, neue Kraftwerke so schnell wie möglich zu bauen, und andererseits unter dem Zwang, zwischen konventionellen und Kernkraftwerken wählen zu müssen. Die Hoffnung, durch die Goldgrube der Kernenergie sei es der Nation möglich geworden, auf unabsehbare Zeit immer mehr Elektrizität zu gewinnen, hat sich plötzlich zerschlagen — an derselben Schranke, die sich bislang auf Schritt und Tritt vor der Kerntechnik aufrichten sollte: der Umwelt.

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Als die Welt an jenem verhängnisvollen Tag des Jahres 1945 von der erfolgreichen Konstruktion der Atombombe erfuhr, war deutlich zu erkennen, daß eine neue Epoche in der Geschichte der Menschheit angebrochen war. Diejenigen, denen sich dieser Tag als Tag der Toten von Hiroshima unauslöschlich ins Gedächtnis graben sollte, sahen eine Epoche tödlicher Bedrohung für die Menschheit voraus und befürchteten, daß die Welt nun unerbittlich auf die Katastrophe eines Dritten und letzten Weltkriegs zusteuere. Diejenigen aber, die im blitzenden Feuer der Bombe ein Zeichen sahen, daß der Mensch sich endlich »die Macht der Sterne nutzbar zu machen« wisse, träumten von einer Epoche, in der die Menschheit — oder doch ein kleinerer Teil von ihr — alle Ziele erreichen würde, die eben nur solch grenzenlose Macht zu erreichen vermag.

Seit dem Beginn des Atomzeitalters im Jahr 1945 hat sich der Gegensatz dieser beiden Anschauungsweisen immer mehr verschärft und die Kluft zwischen ihren Anhängern nur vertieft. Auf der einen Seite stehen jene, die befürchten, daß die Menschheit von der unbändigen Gewalt der Kerntechnik erdrückt werden könnte; zu ihnen gehören vor allem die jüngeren Leute, die mit der Bombe auf die Welt gekommen sind und also stets ein Leben lebten, in dem der morgige Tag auch immer schon der letzte hätte sein können. Auf der anderen Seite steht ein Großteil ihrer Eltern, die an der neuen Macht teilhaben oder sie doch teilweise mitzubesitzen hoffen — wenn nötig um den Preis von Menschenleben.

Trotz dieses Gegensatzes ist man weithin unangefochten der Überzeugung, die neuen Erkenntnisse seien solide, die neue Technik daher verläßlich und gegen die neue Kraft somit nichts einzuwenden. Die ersten 25 Jahre des Atomzeitalters haben gezeigt, daß dieser Glaube ein tragischer Fehlschluß und zutiefst falsch ist. Könnte man die Kernenergie auf einer Insel im Pazifischen Ozean oder im Untergrund eines Kernreaktors isolieren, wäre sie ein großartiger Erfolg.

Aber weder die Insel noch das Kraftwerk — noch irgend etwas anderes auf der Erde — existiert für sich, abgesondert von dem hauchdünnen dynamischen Gewebe, das unseren Planeten umhüllt: der Umwelt, der Ökosphäre.

Greift die Gewalt eines gespaltenen Atoms nur ein einziges Mal auf die Umwelt über — was aber unvermeidlich ist —, dann müssen wir entdecken, daß unsere Erkenntnisse unvollständig, daß die neue Technik daher unzuverlässig und die neue Kraft somit etwas ist, dem wir unbedingt steuern müssen, wenn wir überleben wollen.

Unsere bisherigen Erfahrungen mit der Kernenergie müßten uns klargemacht haben, daß die moderne Technik einen Umfang und ein Gewicht erreicht hat, die denen des uns umgebenden natürlichen Weltalls bald Konkurrenz zu machen beginnen. Sie müßten uns gelehrt haben, daß wir uns dieser neuen Kraft nicht bedienen können, ohne auf das empfindliche Netzwerk lebenserhaltender Umweltbedingungen tief einzuwirken. Sie müßten uns warnend verdeutlicht haben, daß diese Einflußmöglichkeiten unsere Kenntnis von den Folgen solcher Einwirkung weit übersteigen.

Kurzum — sie müßten uns längst haben erkennen lassen, daß jeder Eingriff in die Umwelt — was immer er für Vorteile bringen mag — seinen Preis hat: Die Kernwaffen sind die (glücklicherweise noch) stummen Zeugen dafür, daß solche Eingriffe uns das Leben kosten können.

Aber dieselben Erfahrungen der ersten 25 Jahre des Atomzeitalters halten auch noch eine andere, zu Hoffnung berechtigende Einsicht für uns bereit: daß nämlich die Gewalt der Kerntechnik, betrachtet man sie nur in ihrem wesentlichen Zusammenhang mit der Umwelt, weniger der Kontrolle durch die Technologen als vielmehr der Kontrolle durch die öffentliche Meinung unterworfen ist.

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