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11  Die Frage nach dem Überleben         1971 von Barry Commoner

 

 

 

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In den letzten paar Jahren hat die Umweltkrise Einzug in die politische Arena gehalten — nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern ebenso in Schweden, England, Deutschland, Japan, Italien und der Sowjetunion. Im Zuge der Vorbereitungen für die Umwelt-Konferenz der UNO im Jahr 1972 ist sie auch zum Gegenstand internationaler Erörterungen geworden.

In den Vereinigten Staaten kommt den Umweltfragen ein so großes politisches Gewicht zu, daß an verschiedenen Stellen bereits der Verdacht aufgetaucht ist, viele davon seien in Wirklichkeit politische Streitfragen, die nur als ökologische Probleme getarnt würden. Infolgedessen leidet auch die Ökologie ein wenig unter jener »Glaubwürdigkeitslücke«, die während der letzten Jahre um das Weiße Haus herum aufklaffte.

Und wie manche der letzten Präsidenten der Vereinigten Staaten, so werden auch Ökologen ab und zu verdächtigt, eine zugegebenermaßen schlechte Situation zu einer katastrophalen hochzuschrauben — wenn sie etwa behaupten, daß die Zerrüttung der Umwelt nicht nur als Bedrohung der mehr oder weniger günstigen Lebensbedingungen auf der Erde, sondern des Lebens an sich anzusehen sei, daß also das schiere Überleben der Menschheit auf dem Spiel stehe.

Schon ist eine Art <Zählspiel> im Gange: »Wie lange«, wollen die Leute wissen, »werden wir noch zu leben haben?« Die Antworten der Umweltforscher reichen von etwa 100 bis hinab zu einigen wenigen Jahren.

Einer hat sogar versichert, er würde — wenn die Krise im Jahr 1972 noch nicht auf dem Weg zu ihrer Lösung sei — seine Bemühungen aufgeben, denn dann sei es zu spät.128

Was ist nun wirklich an der Gefährdung der Menschheit durch die Umweltzerrüttung dran? Wieviel Zeit bleibt uns tatsächlich?

Oder ist die Überlebensfrage nichts als ein taktischer Schreckschuß, eine Übertreibung, die in der wahrscheinlich guten Absicht begangen wurde, die Öffentlichkeit zum Handeln im Hinblick auf die sich ständig weiter verschlechternden Lebensbedingungen zu zwingen?

Die Frage, um die es hier geht, läßt sich präzise folgendermaßen formulieren:

Sind die gegenwärtigen Streßbelastungen, denen das Ökosystem ausgesetzt ist, so groß, daß sie — sollten sie nicht vermindert oder beseitigt werden — das Ökosystem derart entarten lassen, daß die Erde für den Menschen unbewohnbar wird?

Muß diese Frage mit Ja beantwortet werden, dann steht mit der Umweltkrise der Fortbestand der Menschheit tatsächlich auf dem Spiel. Es ist klar, daß keine ernsthafte Diskussion über die Umweltkrise sehr weit kommen kann, wenn sie dieser Frage ausweicht.

 

Gleich zu Anfang sollte freilich gesagt werden, daß die Frage selbst zwar präzise gestellt ist, eine Antwort darauf sich aber nur in Form eines Urteils, nicht aber in Form eines Faktums geben läßt. Nichtsdestoweniger wird es ein Urteil sein, das sich auf Tatsachen und wissenschaftliche Prinzipien stützen kann und stützen sollte.

Mein persönliches Urteil, das sich auf die heute verfügbaren Daten gründet, lautet dahin, daß der gegenwärtige Verlauf der Umweltzerrüttung — zumindest in den Industrieländern — eine derart starke Gefährdung grundlegender Ökosysteme darstellt, daß — bei weiterem Fortschreiten dieser Entwicklung — die Kapazität der Umwelt, eine einigermaßen zivilisierte menschliche Gesellschaft am Leben zu erhalten, vernichtet wird.

Eine gewisse Anzahl menschlicher Lebewesen könnte eine solche Katastrophe sehr wohl überleben, da der Zusammenbruch der Zivilisation die Geschwindigkeit, mit der der Umweltzerfall fortschreitet, verringern würde. Was dann jedoch noch übrig bliebe, wäre eine Art von Neobarbarei mit höchst ungewisser Zukunft. Die Überlegungen, die zu diesem Schluß geführt haben, werden im folgenden dargestellt.

Dabei ist zu berücksichtigen, daß jede kritische Erörterung des weiteren Verlaufs ökologischer Veränderungen bestimmten Einschränkungen unterworfen ist. Bei der Schlußfolgerung künftiger Trends aus vergangenen Daten — dem Prozeß der sogenannten »Extrapolation« — hat man etliche Fallstricke zu vermeiden. Die größte Schwierigkeit besteht darin, daß jede solche zahlenmäßige »Fortschreibung« notwendigerweise voraussetzt, daß die künftige Entwicklung von denselben Mechanismen bestimmt sein wird, die die Ereignisse in der Vergangenheit gelenkt haben. Hierher paßt folgende Bemerkung, die Mark Twain einmal über den Mississippi machte:129

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»Im Verlauf von hundertsechsundsiebzig Jahren hat sich der untere Mississippi um zweihundertzweiundvierzig Meilen verkürzt. Das ergibt einen Durchschnitt von etwas über eineindrittel Meile pro Jahr. Also kann selbst ein Blinder mit Krückstock sehen, daß der Unterlauf des Mississippi im alten Oolith-Silur, nächsten November vor genau einer Million Jahren, wenigstens eine Million dreihunderttausend Meilen lang war und wie eine Angelrute über den Golf von Mexiko hinausragte. Ebenso muß es jedem einleuchten, daß es in siebenhundertzweiundvierzig Jahren von Cairo bis New Orleans bloß noch eindreiviertel Meilen sein werden und beide Städte dann ihre Straßen zusammengelegt haben und sich unter nur einem Bürgermeister und nur einem Magistrat gemütlich weiter abrackern. Mit der Wissenschaft ist es irgendwie faszinierend. Aus der kleinsten Kapitalanlage in Fakten lassen sich da Riesenprofite in Mutmaßungen herausholen.«

Das ist eine recht nützliche Warnung — und zwar insbesondere dann, wenn man es mit ökologischen Prozessen zu tun hat, deren komplexe Natur, wie wir zeigen konnten, oft zu plötzlichen qualitativen Veränderungen als Reaktion auf allmähliche quantitative Veränderungen führt. Aus diesem Grund können Schätzungen über den künftigen Zustand eines Ökosystems leicht durch das Auftreten solcher qualitativer Veränderungen hinfällig werden, sobald die vorausgesagten quantitativen Effekte sich verstärken.

Mit einiger Genauigkeit lassen sich ohnehin nur wenige quantitative Extrapolationen in diesem Bereich anstellen.

Am sichersten ist wohl die Schätzung des Zeitpunkts, zu dem der Sauerstoffvorrat der Oberflächenwasser in den Vereinigten Staaten vollkommen erschöpft sein wird. Aus der jährlichen Zuwachsrate der in die Oberflächenwasser geleiteten Menge an organischen Abfallprodukten kann die Gesamtmenge an Sauerstoff errechnet werden, die in den kommenden Jahren erforderlich sein wird, um diese Stoffe abzubauen. Diesen Wert kann man dann mit dem Sauerstoffgehalt sämtlicher amerikanischer Oberflächenwasser vergleichen. Der Zeitpunkt, zu dem beide Werte gleich groß sind, signalisiert eine statistische Krise: daß der Gesamtgehalt an Sauerstoff nicht mehr ausreicht, um den ökologischen Reinigungsprozeß der Gesamtmenge an organischen Abfällen zu unterhalten. Nach einem Bericht der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften von 1966 wird dies — nach Maßgabe der gegenwärtigen Entwicklungstendenzen — etwa im Jahr 2000 der Fall sein130.

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Das soll natürlich nicht heißen, daß dann der Sauerstoffgehalt jedes einzelnen Flusses und Sees in den Vereinigten Staaten auf null abgesunken sein wird. Wenn der gegenwärtige Verlauf fortschreitet, dann würden manche Gewässer diesen Punkt bereits sehr viel früher erreichen. Bei anderen — wie etwa einem Fluß in den fernen Ausläufern der Rocky Mountains — brauchte sich der Sauerstoffgehalt überhaupt nicht zu verändern. Aber obwohl dies eine ziemlich grobe und rein statistische Berechnung ist, stellt sie doch eine nützliche — und unheilvolle — Voraussage dar. Sie besagt, daß wir in den nächsten 30 Jahren damit rechnen können, daß viele unserer Flüsse und Seen das Schicksal des Eriesees ereilen wird und sie nicht mehr imstande sein werden, den ökologischen Zyklus zu erhalten, der die Selbstreinigung des Oberflächenwassers bewirkt.

Man könnte nun einfach fragen: »Na und?«

Wenn die Mehrzahl unserer Flüsse und Seen nach verwesenden organischen Substanzen stinken werden, könnten wir uns dann nicht an den Geruch gewöhnen, das Wasser, welches für häusliche und industrielle Zwecke benötigt wird, mit Hilfe irgendwelcher technologischer Mittel reinigen (beispielsweise, indem wir uns des unerschöpflichen Energievorrats bedienen, den die AEC verheißt, und aus verschmutztem Wasser sauberes destillieren) und im übrigen in unseren Angelegenheiten fortfahren?

Die Antwort hierauf lautet, daß die vorausgesagte quantitative Veränderung in den Oberflächengewässern wahrscheinlich solche qualitativen Veränderungen im Ökosystem hervorrufen wird, daß dadurch das Überleben der Menschheit ernsthaft gefährdet würde. In natürlichen Wassersystemen ist der Gehalt an organischer Materie ziemlich gering. Dadurch wiederum wird die Anzahl und Mannigfaltigkeit der — zumeist auf organische Substanzen angewiesenen — Mikroorganismen (Bakterien und Schimmelpilze) begrenzt, die in diesen Systemen leben können.

Im terrestrischen Ökosystem liegen die Dinge ganz anders. Hier sind hohe Konzentrationen organischer Substanzen üblich, und eine große Vielfalt von Bakterien und Schimmelpilzen, die sich von ihnen ernähren, lebt im Erdboden. Normalerweise findet man unter diesen zahlreichen Bodenorganismen viele, die bei Tieren und Menschen Krankheiten hervorrufen. Das läßt sich an einem einfachen Laborexperiment zeigen. Man gibt ein wenig Erde in einen Kolben mit einem sterilen organischen Nährboden und läßt die Mikroorganismen eine Zeitlang wachsen. Die entstandene Mikrobenkultur injiziert man einer Maus: Fast mit Sicherheit wird das Tier an einer Infektion sterben. Wenn man derlei Bodenkulturen im einzelnen untersucht, kann man zahlreiche Bakterien- und Schimmelpilzarten identifizieren, von denen bekannt ist, daß sie viele verschiedene — und davon manche tödliche — Krankheiten von Mensch und Tier verursachen.

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Obwohl der Boden also ein Reservoir pathogener Mikroorganismen darstellt, lösen sie in Wirklichkeit nur selten Erkrankungen aus. Dies geschieht insbesondere dann, wenn Erde durch eine ungeschützte Stelle in den Körper eindringen kann. So kann beispielsweise das heftige Einatmen von staubförmigem Erdreich zu einer Erkrankung der Lunge führen. Normalerweise sind solche Kontaktmöglichkeiten jedoch stark begrenzt, weil das Erdreich von den Pflanzenwurzeln festgehalten wird. Wenn sich jedoch infolge ökologischer Verfallsprozesse ein Landstrich zum Sandsturm- und Dürregebiet entwickelt, dann können solche Lungenkrankheiten häufiger auftreten. Solange die natürliche Unversehrtheit des Ökosystems erhalten bleibt, sind Mensch und Tier weitgehend gegen Infektionen aus dieser Quelle geschützt.

Nun wollen wir auf die Oberflächenwasser zurückkommen.

Diese stehen selbstverständlich ständig in Berührung mit dem Erdboden und seinen Unmengen an pathogenen Mikroorganismen. Überdies kommen die Menschen in ebenso engen Kontakt mit dem Wasser — indem sie darin schwimmen, es trinken oder Gischt einatmen. Mithin erstreckt sich ein einfacher physikalischer Weg vom Erdboden und dessen Krankheitserregern über das Wasser zum Menschen. Und dennoch kommen die betreffenden Krankheiten normalerweise nur selten beim Menschen vor. Der Grund ist klar: Unter natürlichen Bedingungen stellt das Oberflächenwasser eine höchst wirksame biologische Schranke für die Bewegung der pathogenen Mikroorganismen dar, denn es enthält im allgemeinen zu wenig organische Materie, um eine Vermehrung der Krankheitserreger zu ermöglichen. Da sich die Organismen in dem nährstoffarmen Wasser nicht vermehren können, werden die wenigen, die aus dem Boden ins Wasser gelangen, stark verdünnt und gehen schließlich zugrunde; die statistische Wahrscheinlichkeit, daß sie in den Körper etwa eines Schwimmenden eindringen, ist völlig unbedeutend.

In den kommenden etwa 30 Jahren jedoch, wenn viele Flüsse und Seen auf widernatürliche Weise mit organischer Substanz überladen sein werden, wird die natürliche biologische Barriere zwischen Erde und Mensch zusammenbrechen. Zumindest einige Erreger könnten sich dann vermehren und Konzentrationen erreichen, die es sehr viel wahrscheinlicher machen, daß Menschen sich im Wasser infizieren.

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Aus diesem Grunde ist die voraussichtliche ökologische Veränderung des Oberflächenwassers eine sehr viel ernstere Angelegenheit als nur ein übelriechendes Ärgernis. Sie könnte die Menschen einem Heer von neuen und ungewohnten Krankheiten aussetzen, gegen die es vielleicht keine Immunität gäbe. Darin liegt die eigentliche Gefahr einer ausgedehnten Verschmutzung der Oberflächenwasser mit organischen Substanzen.

Unglücklicherweise gibt es nun zumindest einen Hinweis dafür, daß diese Entwicklung bereits eingesetzt hat.

Im Jahr 1965 wurde aus Florida von einer neuen, heute als Meningoencephalitis (Gehirnhautentzündung) bekannten Krankheit berichtet131. Charakteristisch für diese Erkrankung war, daß sie während der warmen Sommermonate bei Jugendlichen nach längerem Baden in einem Weiher oder Fluß auftrat. Bei dieser Krankheit kommt es zu starken Kopfschmerzen, anhaltender Bewußtlosigkeit, und relativ häufig führt sie zum Tode. Als Ursache hat man eine Amöbe, ein mikroskopisch kleines, einzelliges Lebewesen, nachgewiesen, das im Erdboden überaus verbreitet ist. Anscheinend gelangt die Amöbe beim Baden in verschmutztem Wasser durch die Nase in den Körper und greift die Hirnhäute des Infizierten an.

Die ökologische Grundlage der Krankheit scheint nun deutlich zu sein. Im Boden trifft man die Amöbe gewöhnlich in einer inaktiven Form, einer Zyste an. Wenn es in unmittelbarer Umgebung der Zyste zu einer hohen Bakterienkonzentration kommt, wird sie durch deren Absonderungen gereizt — eine aktive Amöbe entsteht, die dann von den Bakterien lebt. Es ist nun sehr wahrscheinlich, daß in den von organischen Stoffen verschmutzten Flüssen und Teichen genug Bakterien vorhanden sind, um die Zysten zu aktivieren, wenn sie aus dem Erdboden, wo sie reichlich vorkommen, ins Wasser gespült werden. Die Amöben können sich dann von den Bakterien ernähren und so stark vermehren, daß sie eine ausreichend hohe Konzentration erreichen, um das Gehirn des unglückseligen Opfers befallen zu können.

Ein Hinweis darauf, daß auch andere Bodenorganismen in verschmutztem Wasser vorzüglich gedeihen, kommt aus dem Hafen von New York. Dort hat man festgestellt, daß die Anzahl der Bakterien — trotz eines beträchtlichen Rückgangs der mit den Abwässern in den Hafen geleiteten Bakterien — in den letzten Jahren um mehrere 100 Prozent zugenommen hat. Es wäre möglich, daß dieser Anstieg die Folge einer Vermehrung der Bodenbakterien in den verschmutzten Gewässern rings um New York darstellt.

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Der Zusammenbruch der Wasserschranke zwischen Mensch und Erdboden hat noch andere, ebenso schwerwiegende Konsequenzen.

Unter den im Boden lebenden Schimmelpilzen gibt es bestimmte Arten, von denen bekannt ist, daß sie das hochaktive Karzinogen Aflotoxin herstellen. Auch sie ernähren sich von organischen Stoffen. Neuere Untersuchungen132 am Zentrum für die Biologie natürlicher Systeme an der Washington-Universität zeigten, daß viele Bodenpilze — darunter eben auch diejenigen, die Aflotoxin produzieren —, aus Wasserläufen isoliert werden können, die durch organische Substanzen stark verschmutzt sind. Sollten diese Organismen zu einer ganz alltäglichen Erscheinung werden, dann wären wir mit einer weiteren, ernsten Gesundheitsgefahr konfrontiert. Einige der normalerweise im Boden lebenden, nun aber auch in verschmutzten Gewässern nachgewiesenen Pilze können schwere Infektionen verursachen, wenn sie sich im Körper (beispielsweise in einer Wunde) festsetzen. Leider wird die Wahrscheinlichkeit, an einer solchen Infektion zu erkranken, durch einige gängige medizinische Verfahren vergrößert. Die Anfälligkeit für derlei Pilzinfektionen kann beispielsweise durch Veränderungen im Hormonspiegel erhöht werden, wie sie die Einnahme von Kortison oder Antibabypillen bewirkt.

Die schnelle Ausbreitung der Wasserverschmutzung veranschaulichen die Ergebnisse eines neueren Prüfungsberichts über europäische Strände133. Er zeigte, daß für einen Besucher der meisten Strände in Frankreich, Spanien, Belgien und Italien die Wahrscheinlichkeit, sich eine Infektionskrankheit zuzuziehen, doppelt so groß ist, wenn er baden geht, als wenn er nicht ins Wasser geht. Von der italienischen Riviera bis zur holländischen Küste fand man überwiegend stark verschmutztes Wasser vor — verseucht von organischen Stoffen aus kommunalen und industriellen Abwässern und den sie begleitenden Unmengen von Bakterien. Die Geschwindigkeit, mit der die Verschmutzung fortschreitet, scheint sich in den letzten Jahren erhöht zu haben; dies sollte, so meine ich, als ein Warnsignal vor den katastrophalen Gesundheitsproblemen angesehen werden, die in den nächsten Jahren auf uns zukommen könnten.

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Diese Alarmzeichen veranlassen mich zu der Schlußfolgerung, daß wir mit Ausbrüchen neuer, schwerer Krankheiten zu rechnen haben, die viel dazu beitragen könnten, größere Teile des Landes unbewohnbar zu machen, wenn wir es zulassen, daß die meisten unserer Oberflächengewässer mit organischen Stoffen verseucht werden.

Die zunehmende Verschmutzung des Oberflächenwassers mit organischer Materie reißt die natürliche ökologische Schranke zwischen Mensch und Tier und den im Boden lebenden Krankheitserregern nieder und schüttet möglicherweise eine wahre Büchse der Pandora voller Krankheiten und Gifte über uns aus. Wenn wir dem gegenwärtigen Fortschreiten der Wasserverschmutzung nicht Einhalt gebieten, dann werden, so glaube ich, die mannigfaltigen Auswirkungen dieser Gefahren sich in der Zukunft als unerträgliche Bedrohung der menschlichen Gesundheit erweisen. Und in diesem Fall heißt Zukunft etwa soviel wie die nächsten drei Jahrzehnte.

Ein wichtiger Grund dafür, daß ganz neue ökologische Gefahren häufig aus allmählichen quantitativen Veränderungen erwachsen, ist das Phänomen des sogenannten Synergismus (griechisch: »Zusammenwirken«).

Ein alltägliches Beispiel dieses Effekts haben wir bereits einmal erwähnt: Verdoppelt sich der Gehalt verschmutzter Luftmassen an Schwefeldioxyd und irgendeinem Karzinogen, dann ist das daraus resultierende Gesundheitsrisiko weit mehr als nur doppelt so groß wie zuvor, denn das Schwefeldioxyd beeinträchtigt den Selbstschutzmechanismus der Lunge und macht dieses Organ gegenüber der krebserregenden Substanz anfälliger. Wo Synergismus auftritt, ist die Gesamtwirkung einer komplexen biologischen Beeinträchtigung stets größer als die Summe der Wirkungen der beteiligten Einzelfaktoren. Derlei synergistische Wechselwirkungen können innerhalb des Körpers erfolgen und damit die Auswirkungen schädlicher Umwelteinflüsse verstärken. Ein Beispiel hierfür ist die Wechselwirkung von NTA und Metallen wie etwa Quecksilber und Kadmium. Eine NTA-Exposition von Versuchstieren bei gleichzeitiger Quecksilber- und Kadmium-Exposition führt zu einer Steigerung der Mißbildungsrate um das Zehnfache134. Diese Beobachtung hat dann auch zu dem Verbot geführt, NTA in Detergentien zu verwenden. Der NTA-Quecksilber-Kadmium-Synergismus ist kennzeichnend für die Neigung von Metallen, mit bestimmten Arten organischer Verbindungen Komplexe zu bilden, die sich in ihren chemischen und biologischen Eigenschaften außerordentlich von jedem der in ihnen enthaltenen einzelnen Bestandteile unterscheiden können.

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Synergistische Wechselwirkungen können auch innerhalb des Ökosystems erfolgen. Ein Beispiel hierfür ist der Einfluß organischer Schmutzstoffe aus dem Wasser auf das Risiko, das von der Quecksilberverseuchung eines Gewässers ausgeht135.

In den Vereinigten Staaten, Kanada und anderen Ländern haben die Chloralkaliwerke ganz erhebliche Mengen an metallischem Quecksilber in Flüsse und Seen geleitet. Da diese Substanz auf dem Grund des jeweiligen Gewässers liegen bleibt, ist sie relativ harmlos. Wenn der Bodenschlamm jedoch — besonders bei geringem Sauerstoffgehalt — reich an Bakterien ist, dann wird das Metall durch die Aktivität der Bakterien in eine organische Form, in Methylquecksilber, umgewandelt. Dieses ist im Wasser sehr leicht löslich und kann von den Fischen aufgenommen werden, wodurch es zu der weitverbreiteten Erscheinung unannehmbarer Quecksilberkonzentrationen im Körper dieser Tiere kommt. Das bedeutet, daß die Verschmutzung der Oberflächenwasser mit organischen Substanzen das Risiko der Quecksilbervergiftung gefährlich verstärkt. Neuere Untersuchungen legen außerdem die Vermutung nahe, daß Arsen — welches mit unreinem Phosphat (aus Detergentien und anderen Quellen) ins Wasser gelangt — einen ähnlichen Weg nimmt. Bakterien sind anscheinend in der Lage, Arsen zu methylieren und in eine äußerst giftige organische Verbindung umzuwandeln. Wir müssen gewärtig sein, daß — als Folge solchen Zusammenwirkens — mit der allmählichen Anreicherung von organischer Substanz im Oberflächenwasser ganz plötzlich neue Arten von Umweltgefahren auftauchen können. Jahrelang kann Quecksilber auf dem Grund von Flüssen und Seen lagern, ohne irgendeinen Schaden anzurichten; wenn die Verschmutzung des Wassers mit organischen Substanzen zunimmt, kann der ökologische Zustand des Bodenschlamms jedoch jäh umschlagen und das Quecksilber als schwere Umweltgefahr freigesetzt werden.

Eine intensive Industrialisierung stößt immer größere Mengen giftiger Metalle in die Luft aus: zum Beispiel Quecksilber, Blei, Nickel und Kadmium. Regen und Schnee tragen sie auf den Erdboden, wo sie sich anhäufen. Das terrestrische Ökosystem ist für die toxischen Einflüsse dieser Metalle sehr anfällig, denn sie können das Wachstum der nötigen Bodenbakterien und der Pflanzen behindern. Darüber hinaus können sich neue, unnatürliche Komplexe dieser Metalle mit organischen Verbindungen herausbilden.

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Die Erfahrung mit NTA macht uns warnend darauf aufmerksam, daß einige davon sich als neue Umweltgefahren erweisen könnten. Meiner Ansicht nach bewegt man sich durchaus noch im Rahmen vernünftiger Extrapolation, wenn man annimmt, daß bei fortgesetzter Anreicherung des Bodens mit derlei Metallen seine Fähigkeit, pflanzliches Leben zu unterhalten — das heißt, Feldfrüchte und Bäume zu produzieren —, schließlich in katastrophalem Ausmaß eingeschränkt wird. Es ist aber auch möglich, daß neue, metallo-organische Verbindungen, die für das Getreide selbst unschädlich sind, mit der Nahrung in den menschlichen Körper gelangen, wo sie gar nicht mehr so unschädlich zu sein brauchen.

Die Luftverschmutzung durch Schwefeloxyde stellt eine ähnliche Gefahr dar.

Diese Tatsache ist in Nordeuropa sehr wohl bekannt, wo beispielsweise schwedische Daten eine fortlaufende Zunahme des Säuregrads von Schnee und Regen über die letzten Jahre erkennen lassen136. Dieser unnatürliche Säurezufluß in den Erdboden muß zwangsläufig ernsthafte Auswirkungen auf das Pflanzenwachstum haben und mag bereits heute die Geschwindigkeit des Baumwachstums senken. Aber auch hier könnte die größere Gefahr in qualitativen Wachstumsveränderungen der im Boden lebenden Mikroorganismen und in den chemischen Interaktionen zwischen verschiedenen Bestandteilen des Erdreichs unter diesen neuen, unnatürlichen Bedingungen liegen. Schmutzstoffe, die sich im Boden anreichern, könnten dessen grundlegendes ökologisches Gleichgewicht völlig in Unordnung bringen.

Diejenigen Schmutzstoffe, die nicht im Boden enden, werden schließlich in den Ozeanen abgelagert, in denen sich bereits die beständigen Pestizide und andere künstliche organische Schmutzstoffe anzuhäufen beginnen (unlängst wurde ausgerechnet137, daß sich heute etwa 25 Prozent des überhaupt jemals hergestellten DDT im Meer befinden). Bis jetzt ist noch verhältnismäßig wenig über die Folgen für die Ökosysteme im Meer bekannt, die eine solche Belastung hervorruft. Diese Systeme stellen auf dem Weg der Photosynthese den größten Teil des atmosphärischen Sauerstoffs her. Zwar sind keine Veränderungen im Sauerstoffgehalt der Luft feststellbar, aber es gibt einige Anzeichen dafür, daß die photosynthetische Aktivität von Meereskleinstlebewesen durch DDT und andere Schmutzstoffe gehemmt werden kann.

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Ein weiterer Grund, weshalb wir gerade bei der Umweltverschmutzung das Auftreten unerwarteter Ereignisse zu erwarten haben, ist der, daß bislang unbekannte Wirkungen nur allzu häufig in Gang gebracht worden sind, bevor wir uns klar darüber waren, daß das betreffende Problem überhaupt existieren könnte.

Man bedenke nur einmal folgende Ereigniskette:

In den fünfziger Jahren entwickelte die Kunststoffindustrie neue Arten flexibler, synthetischer Materialien mit guten Gebrauchseigenschaften — die Polyvinylkunststoffe138. Sie fanden schnellen Absatz als Polstermaterial für Kraftfahrzeuge, so daß innerhalb von zehn Jahren fast jedes amerikanische Auto meterweise mit diesem neuen Plastikmaterial ausgestattet war. Seitdem gibt es kaum noch jemanden, der damit nicht in Berührung gekommen ist.

Beim Einsteigen in ein Auto mit Plastikpolstern, dessen Fenster etwa einen Tag lang (insbesondere während der sommerlichen Hitzeperiode) nicht geöffnet worden waren, machten viele Leute die Beobachtung, daß das Lenkrad glitschig ist und die Fensterscheiben an der Innenseite mit einem ebenso glitschigen, durchsichtigen Film bedeckt sind. Die Autofahrer — so auch ich selbst — haben diese Erscheinung mehrere Jahre lang ohne irgendwelche Klagen hingenommen (was ich meinerseits heute schmerzlich bedaure). In einer Raumkapsel steht man freilich solchen Erscheinungen nicht mehr so gelassen gegenüber. Hier stellten die Techniker der NASA die gleichen Wirkungen fest, nahmen sie jedoch ernst, weil der Überzug die Leistungskraft der optischen Instrumente beeinträchtigte. Aus diesem Grund sah die NASA vor ungefähr fünf Jahren von der weiteren Verwendung von Polyvinylkunststoffen für die Raumfahrtausrüstung ab.

Nun wechselt der Schauplatz zu den krankenhauseigenen Blutbanken. Hier wurde vor ungefähr zehn Jahren das Glas, das bis dahin für die Lagerung und Übertragung von Blutkonserven und anderen Flüssigkeiten verwendet worden war, durch Polyvinylbehälter ersetzt. Das schien eine vorteilhafte Maßnahme zu sein, denn anders als die frühere Ausstattung war die neue unzerbrechlich.

Und wieder wechselt der Schauplatz, diesmal zu den Lazaretten in Vietnam, wo von den neuen Transfusionsbestecken aus Plastikmaterial intensiv Gebrauch gemacht wird. Hier konnte in den letzten paar Jahren ein neues medizinisches Phänomen, die sogenannte »Schocklunge« beobachtet werden — eine zuweilen tödlich verlaufende Erkrankung, die bei Verwundeten nach Transfusionen, insbesondere von länger gelagerten Blutkonserven, auftritt. In medizinischen Fachzeitschriften wurde über die Komplikation erstmals im Jahr 1959 berichtet, ohne daß sie jedoch mit der Blutübertragung in Zusammenhang gebracht worden wäre.

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Nun haben wir das Jahr 1970. Im Institut für Embryologie der Carnegie-Stiftung in Baltimore steht Dr. Robert De Haan vor einem Problem. Er stellt fest, daß seine Gewebskulturen embryonaler Kükenherzen, die er bereits einige Zeit erfolgreich untersuchen konnte, auf unerklärliche Weise zugrunde gehen. Nach einigen Anstrengungen entdeckt er schließlich doch noch die Ursache: Irgendeine giftige Substanz sickert aus den Polyvinylbehältern in die künstlichen Nährböden und läßt dadurch seine Zellen absterben. Unverzüglich informiert er einen Kollegen, Dr. Robert J. Rubin vom Johns Hopkins Hospital, über seine Entdeckung. Dr. Rubin ist besorgt, denn die gleiche Substanz könnte ja aus den Polyvinylbestecken für die Bluttransfusion austreten. Seine Untersuchungen bestätigen diese Vermutung. Ein bestimmtes Material, das während des Herstellungsverfahrens in den Polyvinylkunststoff eingearbeitet wird und diesen elastisch machen soll, tritt prompt in das konservierte Blut über. Dr. Rubin kann das Plastifiziermittel und seine Abbauprodukte im Blut, im Urin und in den Geweben von Patienten nachweisen, denen Blut übertragen wurde, das in Polyvinylbeuteln gelagert worden war. Er stellt außerdem fest, daß das Plastifiziermittel die Blutplättchen klebrig werden und verklumpen läßt — ein Umstand, der wahrscheinlich die »Schocklunge« erklärt.

Das alles wird im Oktober 1970 in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht. Die Autoren weisen darauf hin, daß ihre Ergebnisse auch eine Erklärung für die früher gemachte Beobachtung von Weichmachern in manchen Lebensmitteln bieten könnten, die ja häufig in polyvinylbeschichteten Behältern verpackt würden. Einer der Artikel erregt die Aufmerksamkeit von Mr. F. C. Gross, heute bei der NASA, früher aber Chemiker bei der amerikanischen Nahrungs- und Arzneimittelprüfstelle (Food and Drug Administration, FDA). Er hatte über das Problem der Plastifiziermittel im Raumschiff gearbeitet. Er ruft Dr. Rubin an und sagt, daß sich die Weichmacher-Exposition von Menschen nicht auf Blutkonserven oder in Plastik verpackte Lebensmittel beschränkt, sondern auch die Luft einschließt, die viele Autofahrer einatmen.

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Inzwischen kann man — jetzt, wo die Streitfrage aufgekommen ist — in den wissenschaftlichen Zeitschriften Berichte von älteren Untersuchungen finden, die zeigen, daß Kunststoffe nicht nur Plastifiziermittel mit toxischen Wirkungen, sondern auch andere Zusätze — sogenannte Stabilisierungsmittel — enthalten, die in der Regel sogar noch gefährlicher sind. Und in einem wissenschaftlichen Bericht von 1968 steht zu lesen139: »Zu den in der Kunststoffindustrie erfolgreichsten Stabilisierungsmitteln für PVC (Polyvinylchlorid) gehören die zinnorganischen, das heißt zinnhaltigen organischen Verbindungen. Leider gehören sie auch zu den giftigsten. Obwohl ihre Toxizität weithin bekannt ist, werden zinnorganische Stabilisierungsmittel noch immer bei bestimmten Kunststoffen für den medizinischen Gebrauch verwendet.«

Jetzt, wo das Alarmsignal ausgelöst worden ist, sind die Forscher eifrigst dabei, die toxischen Wirkungen zahlreicher Abarten von Stabilisierungs- und Plastifiziermitteln in den modernen Plastikmaterialien zu untersuchen. Ihre Ergebnisse werden zeigen, so ist zu hoffen, welche Gefahren wir im letzten Jahrzehnt erduldet haben — ausgehend von Autopolstern, Lebensmittelverpackungen und Wasserschläuchen, medizinischen und zahnärztlichen Gerätschaften, Plastikspielzeug und Plastikkleidung. Die derzeit vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen bereits, daß die Auswirkungen subtiler Art sind und nur langsam in Erscheinung treten können. So sind beispielsweise einige Materialien von erheblichem Einfluß auf das Zellwachstum. Und im Hintergrund lauert die möglicherweise verhängnisvolle Tatsache, daß der Ausgangsstoff vieler dieser Kunststoffzusätze, Phthalsäureanhydrid, auch ein wesentlicher Bestandteil des Moleküls einer heute berüchtigten Substanz ist, des Thalidomids.

Ihre Besorgnis aufgrund dieses chemischen Bindeglieds zwischen einer Substanz, von der man weiß, daß sie schwere Mißbildungen verursacht, und den Phthalsäureabkömmlingen, die als Weichmacher Anwendung finden, hat mehrere Wissenschaftler an der Baylor-Universität in Texas veranlaßt, die Wirkungen letzterer auf die Entwicklung von Kükenembryos zu untersuchen.

Hier die Zusammenfassung140 ihrer Ergebnisse: »Mit Dibutoxy-äthyl-Phthalat war es möglich, teratogene Schäden [fötale Mißbildungen] an diesen Embryos hervorzurufen. Angeborene Mißbildungen wie Crania bifida [Spalt in den Wirbelbögen] und Anophthalmie

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[Mißbildung des Auges] wurden an frisch geschlüpften Küken beobachtet, denen diese Phthalsäureester vor dem dritten Tag ihres fötalen Lebens in den Dottersack eingeführt worden waren. Ausgeprägte Exophthalmie [Hervortreten des Augapfels] infolge fehlenden, zur Bildung der Augenhöhle erforderlichen Knochengewebes sowie Blindheit infolge des Ausbleibens der Cornea-Entwicklung [Hornhaut des Auges] waren weitere Mißbildungen, die an den mit dem Phthalsäureester behandelten Tieren auftraten. Die Befunde lassen darauf schließen, daß Dibutoxyäthyl-Phthalat, Di-2-Methoxyäthyl-Phthalat und Octyl-Isodecyl-Phthalat geeignet sind, das zentrale Nervensystem des Kükenembryos zu schädigen. Dies zeigte sich nach dem Schlüpfen ganz handgreiflich an dem höchst anormalen Verhalten der Küken, unter anderem in Form von Tremor [Zittern], unabsichtlichen Körperbewegungen und einer vollkommenen Unfähigkeit, normal zu stehen oder zu laufen.«

Welchen Zweck will ich mit dieser Geschichte verfolgen? Sie wurde hier nicht erzählt, um anzudeuten, daß wir allesamt im Begriff sind, an unseren Kontakten mit Plastikpolstern zugrunde zu gehen. Alles, was heute über dieses Gesundheitsrisiko gesagt werden kann, ist, daß ein solches vielleicht existiert. Was unsere Kenntnisse des Weichmacher-Problems offenbaren, ist etwas sehr viel schwerwiegenderes als der körperliche Schaden, den diese Stoffe hervorrufen könnten: nämlich unsere Unwissenheit — die Tatsache, daß wir uns kaum der möglichen Gefahren bewußt sind, die von Hunderten ähnlicher und nach so kurzer Zeit bereits allgegenwärtiger Substanzen ausgehen könnten. Das könnte uns eine Warnung sein, daß der blinde, um ökologische Aspekte gänzlich unbekümmerte Fortschritt der Technologie unsere Alltagswelt auf eine Art und Weise verändert hat, die sich vielleicht, sehr viel später, als eine schwere Bedrohung unserer Gesundheit erweisen wird. Unwissentlich haben wir uns eine unbekannte und gefahrenreiche Welt geschaffen. Wir wären nur klug, wenn wir uns darin so bewegten, als sei unser Leben aufs Spiel gesetzt.

 

Und schließlich ist die ökologische Überlebenschance der Menschheit noch auf jene unwiderrufliche Weise gefährdet, die hier wohl kaum im einzelnen belegt zu werden braucht — durch die Möglichkeit eines Atomkriegs.

Noch vor einem Jahrzehnt konnten Militärs und ihre Anhänger vorgeben, daß es in einem Atomkrieg einen Sieg geben könne.

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Trotz wiederholter Gegenbeweise, die von unabhängigen Wissenschaftlern — angeführt von Linus Pauling und anderen — erbracht wurden, hielt man an dieser Vortäuschung noch eine Zeitlang fest. Heute, wo die atomare Gefährdung unserer Überlebenschance allgemein anerkannt ist, befinden sich die Vereinigten Staaten und vermutlich auch andere Atommächte noch immer in einem dauernden Zustand der Kriegs- und das heißt der Selbstmordbereitschaft. Immerhin scheint jedoch kein politischer Führer mehr willens zu sein, weiterhin öffentlich zu behaupten, daß die Zivilisation einen Atomkrieg überdauern könne.

Dieser Art sind die Überlegungen, die mich zu der Schlußfolgerung veranlassen, daß der gegenwärtige Verlauf der Umweltzerrüttung den Fortbestand einer zivilisierten Menschheit gefährdet, wenn ihm nicht Einhalt geboten wird. Obwohl es vielleicht bequem wäre, wenn der Umweltforscher — wie ein okkulter Seher, der das Ende der Welt voraussagt — einen Zeitpunkt für diese Katastrophe angeben könnte, wäre eine solche Anstrengung doch vergeblich und jedenfalls vollkommen unnötig.

Vergeblich deswegen, weil es viel zu viele und schwerwiegende unsichere Faktoren gibt, als daß man mehr als vage Vermutungen vorbringen könnte. Man kann versuchen, den Zeitpunkt abzuschätzen, von dem aus keine Rückkehr mehr möglich ist, an dem die Zerrüttung der Umwelt vielleicht nicht mehr wiedergutzumachen wäre.

Meines Erachtens wäre es eine vernünftige Schätzung, diesen Zeitpunkt — was die Industriegebiete auf der Erde angeht — innerhalb der kommenden zwanzig bis fünfzig Jahre anzusiedeln, aber das ist eben nur eine Vermutung.

In jedem Fall sind derlei Mutmaßungen unnötig. Ich habe nämlich den Eindruck, als sei die Welt nicht einmal mehr gewillt, das gegenwärtige Ausmaß der Umweltzerstörung hinzunehmen — geschweige denn ein noch größeres. Man hat heute weithin erkannt, so glaube ich, daß wir bereits allzu sehr unter den Auswirkungen der Umweltkrise zu leiden haben, daß es mit jedem Jahr schwerer wird umzukehren und daß es nicht darum geht, wie weit wir uns noch bis zum Rand der Katastrophe vorwärtstreiben lassen können, sondern darum, wie wir eingreifen sollen — und zwar jetzt.

Wenn die Frage des Überlebens angeschnitten wird, prophezeien stets einige Ökologen, daß wir einer Umweltkatastrophe aufgrund des gegenwärtigen Bevölkerungs­wachstums gar nicht entgehen können.

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Eine katastrophale Hungersnot infolge des schnellen Bevölkerungsanstiegs in den Entwicklungsländern wurde schon für 1975 vorausgesagt. Eine andere Voraussage lautete141: »Der Kampf um die Ernährung der gesamten Menschheit ist vorüber ... Zu diesem späten Zeitpunkt [das heißt 1971] kann ein beträchtlicher Anstieg der Weltsterbeziffer durch nichts mehr verhindert werden.«

Als Ergebnis solcher stark propagierten Behauptungen herrscht heutzutage weithin die Ansicht, der Fortbestand der Menschheit sei schon allein durch ihre Zunahme gefährdet.

Welchen Beweis gibt es für derlei Voraussagen?

Die Frage des Bevölkerungswachstums ist überaus komplex und kann hier nur kurz beleuchtet werden. Die Rolle, die die Bevölkerungszunahme in einem hochindustrialisierten Land wie den Vereinigten Staaten für die Umweltkrise spielt, ist bereits ausführlich in Kapitel 9 analysiert worden. Aus dieser Untersuchung scheint doch klar hervorzugehen, daß der Bevölkerungsanstieg in den Vereinigten Staaten nur einen geringfügigen Einfluß auf die Zunahme der Umweltverschmutzung hat. Wenn Industrie und Landwirtschaft ökologisch vernünftig arbeiten würden, könnte das Land sehr viel mehr Menschen, als es jetzt der Fall ist, unterhalten und dies bei einer sehr viel geringeren Belastung der Umwelt.

Obwohl ich der Überzeugung bin, daß es keinerlei ökologische Gründe gibt, von den Vereinigten Staaten als einem »überbevölkerten« Land zu sprechen, schließt eine solche wissenschaftliche Beurteilung sicher nicht aus, daß man aus anderen Gründen zu dieser Schlußfolgerung kommt. So weiß ich zum Beispiel von einem Ökologen, der die Vereinigten Staaten deshalb für überbevölkert hält, weil er auf seinem Lieblings-Gebirgspfad in der Regel irgend jemand begegnet. Hier noch einige andere Gründe, die manche Menschen darauf schließen lassen, daß das Land überbevölkert sei; sie entstammen Zeitungsannoncen eines Kreises, der sich <Kampagne für den Stopp der Bevölkerungsexplosion>142 nennt:

»Eine hungrige, überfüllte Erde wird eine Welt voller Furcht, Chaos, Armut, Aufruhr, Verbrechen und Krieg sein. Kein Land wird sicher sein, nicht einmal unser eigenes ... Was können wir dagegen tun? Ein Sofortprogramm ist nötig, um das Bevölkerungswachstum im In- und Ausland zu kontrollieren.

Die Slums in unseren Städten sind vollgestopft von Jugendlichen — Tausende von ihnen arbeitslos, Opfer ihrer eigenen Unzufriedenheit

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und Rauschgiftsucht. Und weitere Millionen werden bei dem gegenwärtigen Geburtenüberschuß in den nächsten paar Jahren die Straßen überfluten. Nach Einbruch der Dunkelheit kann man nur noch auf eigene Gefahr aus dem Hause gehen. Im letzten Jahr wurde jeweils einer von vierhundert Amerikanern ermordet, vergewaltigt oder beraubt. Geburtenkontrolle ist ein Gegenmittel.»

 

In diesen Annoncen drückt sich ein starker Widerwille gegen Raub, Vergewaltigung und Mord aus; gegen Unzufriedenheit und Rauschgiftsucht unter jugendlichen Slumbewohnern; und gegen Armut, Aufruhr und Krieg. Vorgeschlagen wird, diesen unerwünschten Verhaltensweisen dadurch Einhalt zu gebieten, daß man die Anzahl der daran beteiligten Menschen verringert — entweder direkt oder indirekt, in der Erwartung, daß diese Verhaltensweisen in einer weniger überfüllten Gesellschaft auf irgendeine Weise schon seltener werden würden.

Es gibt natürlich auch andere Methoden, um diesen sozialen Übeln abzuhelfen; die Sozialwissenschaft und unsere simple menschliche Erfahrung können sie uns nennen: wirtschaftliche Sicherheit, angemessene Wohnverhältnisse und Sozialeinrichtungen, Abrüstung und ein effektives Erziehungswesen. Diese Alternativen werden jedoch nicht erwähnt; meiner Ansicht nach wird hier keine gesellschaftliche oder ökologische Analyse, sondern ein politisches Programm vorgelegt. Kriminalität, jugendliche Unzufriedenheit und Drogenmißbrauch sind in den Vereinigten Staaten ernste soziale Probleme. Geburtenkontrolle ist jedoch weniger eine wissenschaftliche als eine politische Antwort darauf.

 

An dieser Stelle sollte betont werden, daß es in der Tat meines Erachtens sehr gute Gründe dafür gibt, sowohl die Kenntnis als auch die Mittel, die erforderlich sind, um eine Empfängnisverhütung erfolgreich zu praktizieren, so weit wie möglich zu verbreiten. Darin spiegelt sich meine Überzeugung, daß jedes Paar über das Recht — und freiverkäufliche Mittel — verfügen sollte, die Zahl der von ihnen erzeugten Kinder selbst zu bestimmen, auf welche Weise es auch immer will. Was hier angefochten wird, ist nicht die Nützlichkeit der Geburtenkontrolle, sondern vielmehr die meiner Ansicht nach unmoralischen, irreführenden und politisch rückschrittlichen Gründe, aus denen sie gefordert wird.

Es besteht, wie schon gesagt, genug Anlaß zum Streit über die Rolle, die den Bemühungen, das Bevölkerungswachstum zu steuern, im

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Rahmen einer Strategie zur Behebung der Umweltkrise zukommt. Wir haben aber auch schon gezeigt, daß diese Entscheidung, das Hauptgewicht entweder auf technologische Reformen oder auf Geburtenkontrolle zu legen, politischer Natur ist und die Meinung widerspiegelt, die der einzelne über die relative Bedeutung einer gesellschaftlichen Kontrolle individueller Handlungen und gesellschaftlicher Prozesse hat.

Bevölkerungspolitisch orientierte Ökologen betonen ferner, daß das wirkliche Problem in der weltweiten Bevölkerungszunahme zu sehen sei und in den Vereinigten Staaten daher starker Wert auf die Geburtenkontrolle gelegt werden solle, um der Welt »ein Beispiel zu geben«. Um diese Ansicht beurteilen zu können, muß man zunächst die möglicherweise katastrophalen ökologischen Veränderungen betrachten, die ein fortgesetzter Bevölkerungszuwachs in den Entwicklungsländern heraufbeschwören könnte.

Die Entwicklungsländer sind arm; ihre immer größer werdenden Bevölkerungen üben einen starken Druck auf ihre knappen Ressourcen aus; der Hunger ist weit verbreitet und ein Wirtschaftswachstum schwer zu erzielen. In den armen Nationen scheint — im Gegensatz zu Ländern wie den Vereinigten Staaten — eine direkte Beziehung zwischen dem Bevölkerungszuwachs und dem Wohlstand der Bevölkerung'zu bestehen.

Das Weltbevölkerungsproblem ist Gegenstand einer breiten und mannigfaltigen Literatur. Es berührt eine Vielzahl unterschiedlichster Disziplinen: die Physiologie der Fortpflanzung, die Biologie der Geschlechter und Rassen, die Soziologie der Familie und größerer Gruppen, die Ökonomie von Agrar- und Industrieproduktion, den Welthandel und die internationale Politik.

Bevölkerungsstatistiker haben ein kompliziertes Geflecht von Wechselwirkungen zwischen all diesen Faktoren beschrieben143. Während beispielsweise der Bevölkerungszuwachs (wie jedermann weiß) das Resultat der Geburtenziffer abzüglich der Sterbeziffer ist, so daß die Bevölkerungsgröße mit der Geburtenziffer zu- und mit der Sterbeziffer abzunehmen tendiert, gibt es auch eine entgegengesetzte Wirkung, die von sozialen Faktoren, insbesondere der gewünschten Familiengröße abhängig ist. Wenn die Sterbeziffer, das heißt insbesondere die Kinder- und Säuglingssterblichkeit, hoch ist, werden unter Umständen mehr Kinder gezeugt, um den erwarteten Verlust auszu-

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gleichen und damit doch noch die gewünschte Zahl von lebenden Nachkommen zu erreichen. Aufgrund dieses Zusammenhangs kann eine Verringerung der Kindersterblichkeit — über eine Senkung der Geburtenziffer — zu einer Verringerung des Bevölkerungszuwachses führen. Andererseits ist bei hoher Geburtenziffer auch die Anzahl der von jeder einzelnen Frau geborenen Kinder hoch — eine Bedingung, unter der die Kindersterblichkeit anzusteigen tendiert.

Auch wirtschaftliche Faktoren spielen hier eine Rolle. Wenn in einem Land nur beschränkte wirtschaftliche Mittel vorhanden sind, dann sinkt bei wachsender Bevölkerungszahl der Umfang der pro Kopf zur Verfügung stehenden Mittel, wodurch der Lebensstandard sinkt und infolgedessen wiederum leicht die Sterbeziffer ansteigen kann. Andererseits kann ein hoher Lebensstandard das Heiratsalter herabsetzen, wodurch wiederum die Geburtenziffer ansteigt. Wenn jedoch ausreichende Ressourcen zur Verfügung stehen, kann eine Bevölkerungszunahme — indem sie das Arbeitskräftepotential vergrößert — zu einer verstärkten wirtschaftlichen Aktivität führen, welche den Lebensstandard erneut ansteigen läßt und seinen Einfluß sowohl auf die Geburten- wie auf die Sterbeziffer vergrößert.

Darüber hinaus kann bei zunehmender wirtschaftlicher Aktivität das Bildungsniveau der Bevölkerung verbessert werden, wodurch wiederum das Heiratsalter heraufgesetzt wird, mehr Frauen berufstätig und die modernen empfängnisverhütenden Methoden in stärkerem Umfang angewendet werden — und die Geburtenziffer sinkt. Zu alldem kommt noch der Einfluß einer ganz bewußt betriebenen Regierungspolitik, die die Geburtenziffer auf dem Weg der Propaganda oder mit Hilfe wirtschaftlicher Prämien erhöhen oder durch entsprechende Maßnahmen senken kann.

In Anbetracht dieser komplexen Zusammenhänge ist es nicht überraschend, daß die Bevölkerungsstatistiker häufig verschiedener Meinung über den künftigen Verlauf der Bevölkerungskurve oder über die effektivsten Maßnahmen zu ihrer Steuerung sind. Und in der Tat mag sich jenes Geflecht von Wechselbeziehungen in verschiedenen Nationen und kulturellen oder wirtschaftlichen Gruppen ganz unterschiedlich auswirken. Dennoch gewinnt man den Eindruck, die meisten Demographen seien sich darüber einig, daß gewisse Tendenzen zur Selbstregulierung auch für menschliche Populationen charakteristisch sind.

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Allgemeine Übereinstimmung besteht weiterhin darüber, daß die Weltbevölkerung nicht unbegrenzt wachsen kann, weil das globale Ökosystem entscheidende Hilfsmittel — wie etwa Nahrung — nur in begrenztem Umfang zur Verfügung stellt. Wie groß diese Gesamtkapazität zur Nahrungsmittelproduktion aber nun wirklich ist, ist wiederum umstritten und kann heute noch gar nicht exakt abgeschätzt werden. Da man hieraus schließen kann, daß es irgendeine letzte Grenze für das Bevölkerungswachstum gibt, ist die Frage, wo diese Grenze genau liegen mag, nur eine Angelegenheit mehr oder weniger vernünftiger Hypothesen.

Die Bevölkerungswissenschaft hat eine Menge Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und wirtschaftlichen sowie sozialen Faktoren in den Industrieländern gesammelt. Ein typisches Beispiel hierfür ist der »Bevölkerungswandel«, ein Phänomen, das wir in Kapitel 7 beschrieben haben. Im allgemeinen herrscht in den Industrieländern die Tendenz, das Bevölkerungswachstum zu bremsen — offenbar eine natürliche gesellschaftliche Reaktion auf den Wohlstand. Das scheint die Antwort dieser Gesellschaften auf ihren neuerworbenen Reichtum zu sein, unter der Voraussetzung freilich, daß dieser Reichtum in einer Form zur Verfügung steht, die dem Wohl des einzelnen dient und sein Vertrauen in die Zukunft stärkt.

Besonders aufschlußreich ist der genaue historische Verlauf des Bevölkerungswandels in den Industrieländern. Über Jahre hinweg sinken Gesamtsterblichkeit und Kindersterblichkeit konstant mit den verbesserten Lebensbedingungen. Die Geburtenrate bleibt zunächst hoch, so daß die Bevölkerung schnell zunimmt. Später sinken Geburten- und Sterbeziffer mehr oder weniger gleichmäßig, so daß die Bevölkerung weiter zunimmt, aber nicht mehr so schnell wie vorher. In den letzten, erst in jüngster Zeit eingetretenen Phasen des Bevölkerungswandels sinkt die Geburtenziffer besonders schnell und fällt nahezu unter die Sterbeziffer ab, so daß die Bevölkerung relativ langsam wächst. In fast jedem industrialisierten Staat erfolgt dieser rasche Abfall der Geburtenziffer, wenn die Sterbeziffer zwischen 10 und 12 auf 1000 und die Kindersterblichkeit etwa 20 auf 1000 beträgt.

In den Industrieländern haben sich die Geburtenziffern den Sterbeziffern also nur aufgrund eines sich über einen Zeitraum von 50 bis 100 Jahren erstreckenden Prozesses, in dessen Verlauf als Folge verbesserter

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Lebensbedingungen eine minimale Sterbeziffer erreicht werden konnte, derart weitgehend angeglichen. Mit anderen Worten: das annähernde Bevölkerungsgleichgewicht (Gleichgewicht zwischen Bevölkerungszu- und Bevölkerungsabgang) ist durch den materiellen Fortschritt der Gesellschaft zustande gekommen.

Vergleicht man diesen Verlauf mit den Bevölkerungstrends in den Entwicklungsländern144, dann ergeben sich bedeutsame Ähnlichkeiten, aber auch wichtige Unterschiede. Insgesamt stellt sich die Situation etwa folgendermaßen dar:

Überall auf der Erde, wo die Sterbeziffern für die Gesamtbevölkerung und die Kindersterblichkeit noch nicht auf das »biologische Minimum« gefallen sind, das für die Industrienationen kennzeichnend ist, sind sie doch Jahr um Jahr gesunken. Wie in den Industrieländern scheint die Geburtenziffer auch hier besonders schnell zu sinken, wenn sich die Sterblichkeit auf das biologische Minimum von etwa 10 bis 12 auf 1000 zubewegt. Dies ist der Fall in Taiwan, auf den Pazifischen Inseln, in Japan, Zypern, Israel und auf der Insel Singapur.

In einigen Ländern Lateinamerikas, wie Venezuela und Costa Rica, haben die Sterbeziffern diese Mindesthöhe erreicht, die Geburtenziffern sind aber nicht gesunken. In allen Ländern, in denen die Kindersterblichkeit — die erhebliche Auswirkungen auf die gewünschte Familiengröße hat — sich dem Mindestwert annähert, der für die Industrieländer charakteristisch ist (ungefähr 20 auf 1000 oder weniger), beginnen jedoch auch die Geburtenziffern auf die niedrigen Werte zu sinken, die heute in den Industrienationen anzutreffen sind (zwischen etwa 14 und 18 auf 1000 Neugeborene). Überall dort, wo die Kindersterblichkeit — trotz abnehmender Tendenz — noch immer hoch ist, ist auch die Geburtenrate hoch. So hatte Indien in der Zehnjahresperiode von 1951 bis 1961 eine Kindersterblichkeit von 135 auf 1000 und eine Geburtenziffer von 42 auf 1 000; die lateinamerikanischen Länder mit gleichbleibend hohen Geburtenziffern (zwischen 45 und 50 auf 1000) haben eine Kindersterblichkeit in der Größenordnung von 50 bis 90 auf 1000. In den meisten Entwicklungsländern übersteigen die Geburtenziffern noch erheblich die Sterbeziffern, und die Bevölkerung nimmt schnell zu.

Die Aussagen der Wissenschaft über die künftige Entwicklung der Weltbevölkerung sind demgegenüber keineswegs eindeutig oder endgültig. Jede Schlußfolgerung im Hinblick auf die Zukunft stellt eine

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Extrapolation vergangener Entwicklungstendenzen dar. Je nachdem, welche Daten aus der Vergangenheit als Grundlage einer solchen Extrapolation herangezogen werden, ergeben sich völlig unterschiedliche Schlußfolgerungen.

Einerseits kann man die gegenwärtigen Tendenzen der Geburten- und Sterbeziffern extrapolieren und daraus folgern, daß in vielen unterentwickelten Ländern der Welt so lange ein hoher Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen sein wird, bis es zu einer katastrophalen Diskrepanz zwischen der Bevölkerungszahl und den verfügbaren Hilfsmitteln kommt. In diesem Fall bestünde die einzige Möglichkeit, die betreffenden Nationen einem Bevölkerungsgleichgewicht näherzubringen, in einem Feldzug zugunsten der Geburtenkontrolle, wobei Sterbeziffer und Kindersterblichkeit hoch bleiben würden.

Berücksichtigt man andererseits einige der subtileren sozialen und wirtschaftlichen Faktoren, die die Geburtenhäufigkeit beeinflussen, und schenkt man der Tatsache Glauben, daß sich die Geburtenziffer nur in solchen Gesellschaften, in denen Sterbeziffer und Kindersterblichkeit auf die Mindesthöhe gefallen sind, mit der Sterbeziffer ungefähr die Waage hält, dann ergibt sich ein optimistischerer Ausblick auf die Zukunft. In diesem Fall müßte sich nämlich alle Anstrengung darauf konzentrieren, den offenkundigen und verdeckteren Hunger zu beseitigen, unter dem die Entwicklungsländer leiden und der von dem brasilianischen Ernährungswissenschaftler Josue de Castro145 so eindrucksvoll beschrieben worden ist.

Es bestünde somit Grund zu der Annahme, daß diejenigen Nationen, die jetzt ein starkes Bevölkerungswachstum zu verzeichnen haben, ihre Geburtenziffer sehr viel schneller verringern werden als in der Vergangenheit, wenn Sterbeziffer und Kindersterblichkeit auch hier den kritischen Mindestwert erreicht haben werden. In diesem Fall könnte man sich dem Bevölkerungsgleichgewicht also auf dem Weg der Verbesserung des Lebensstandards und, vor allem, einer Senkung der Kindersterblichkeit nähern.

Eine vorsichtige Beurteilung der verfügbaren demographischen Daten müßte lauten, daß sie bislang keine der beiden alternativen Deutungen allein gerechtfertigt erscheinen lassen. Die beiden Ansätze schließen einander nicht aus; offensichtlich können beide Maßnahmen, sowohl die Senkung der Geburtenziffer als auch die Verbesserung des Lebensstandards und die Verminderung der Kindersterblichkeit zu einer Abnahme des Bevölkerungszuwachses beitragen.

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Diesen doppelten Ansatz veranschaulicht ein Vorschlag aus jüngster Zeit, wonach — in der ganzen Welt — Kliniken eingerichtet werden sollen, die gleichzeitig eine perinatale und kinderärztliche Versorgung sowie einen speziellen Dienst für empfängnisverhütende Maßnahmen anbieten.

Jedes Entwicklungsland unterstützt Bemühungen, die darauf gerichtet sind, die Lebensbedingungen und die Gesundheit seiner Bevölkerung zu verbessern. Einige bejahen auch Bemühungen, die auf die Verbreitung antikonzeptioneller Mittel abzielen. Ein Beispiel hierfür ist eine neuere Erklärung der Regierung von Ghana146: »Die gegenwärtige Größe unserer Bevölkerung stellt uns augenblicklich vor keinerlei Probleme. Die Zuwachsrate der Bevölkerung jedoch wird zweifellos noch vor der Jahrhundertwende ernste soziale, wirtschaftliche und politische Schwierigkeiten aufkommen lassen . . . Die Regierung wird geeignete Programme durchführen ... Es wird kein Zwang angewendet werden. Diese Maßnahmen werden freiwillig sein, aber . . . wenn sich eine Person dafür entscheidet, die Größe ihrer Familie zu planen, ist die Regierung bereit, ihr die nötigen Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen.«

Diejenigen Amerikaner, die in der Zunahme der Weltbevölkerung die stärkste Einzelgefahr für den Fortbestand der Menschheit sehen, sind jedoch nicht bereit, jede Nation selbst entscheiden zu lassen, welches Gewicht sie der Verbesserung von Gesundheit und Lebensbedingungen und welches sie der Geburtenkontrolle beimessen will147. Sie dringen darauf, den Einfluß der Vereinigten Staaten geltend zu machen, um diese Entscheidung von außen zu bestimmen: »Wir [die Vereinigten Staaten] sollten jegliche Hilfe für Länder mit hohem Bevölkerungszuwachs einstellen, es sei denn, das betreffende Land überzeugt uns, daß es alles unternimmt, um seine Einwohnerzahl zu begrenzen . . . Starker politischer und wirtschaftlicher Druck sollte auf jedes Land oder jede internationale Organisation ausgeübt werden, die eine Lösung des bedrückendsten Problems unserer Welt erschweren. Wem manches hiervon als repressive Maßnahme erscheinen mag, der sollte die Alternative bedenken.«

Die Entscheidung, eine Kampagne zur Einführung direkter Maßnahmen für die Geburtenkontrolle in den Entwicklungsländern zu unternehmen, schließt meiner Ansicht nach die Überzeugung ein, daß es moralisch richtig und politisch vernünftig sei, wenn eine Gesellschaft eine andere dazu überredet oder dazu zwingt, ein solches Programm durchzuführen.

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Dann aber muß man auch einer politischen Reaktion dieser Länder gewärtig sein. Es wäre ihrerseits gerechtfertigt, darauf hinzuweisen, daß eine solche direkte Senkung der Geburtenziffer — ohne Vorhandensein jener kritischen Mindesthöhe von Sterbeziffer und Kindersterblichkeit (und dem dazu notwendigen hohen Lebensstandard) — nicht dem Gang der Ereignisse in den industrialisierten Ländern entspricht und auch in der ganzen Menschheitsgeschichte ohne Beispiel ist. Man darf annehmen, daß sie daran zweifeln werden, ob es moralisch zu rechtfertigen sei, sie für ein derart gigantisches und fragwürdiges Experiment auszuwählen.

Wenn man dagegen aufgrund der eigenen moralischen Überzeugungen und politischen Ansichten zu dem Schluß kommt, daß das eben geschilderte Vorgehen diktatorisch sei und grundlegende menschliche Werte angreife, dann kann man sich der Meinung anschließen, daß das Bevölkerungswachstum in den unterentwickelten Ländern der Welt auf demselben Weg einem Gleichgewicht angenähert werden sollte, der schon anderswo zum Ziel geführt hat — mit Hilfe einer Verbesserung der Lebensbedingungen, intensiver Bemühungen zur Senkung der Kindersterblichkeit, einer Erhöhung der sozialen Sicherheit und den sich daraus ergebenden Auswirkungen auf die gewünschte Familiengröße, begleitet von einer individuellen, freiwilligen Anwendung empfängnisverhütender Maßnahmen.

Dies ist die Auffassung, der ich persönlich mich anschließen möchte.

Daß die politische Einstellung in der Tat die Deutung des Bevölkerungsproblems in den Entwicklungsländern bestimmt, läßt sich in verblüffender Deutlichkeit aus zwei Berichten ersehen, die von ein und derselben Organisation, dem Committee for Economic Development (CED; Ausschuß für wirtschaftliche Entwicklung), gleichzeitig im September 1966 herausgegeben worden sind. Der eine, den ich der Einfachheit halber als Bericht A148 bezeichnen will, schloß mit der Feststellung: »Die Erfahrung des letzten Jahrzehnts hat den überzeugenden Beweis dafür geliefert, daß Länder mit niedrigem Bruttosozialprodukt sich nur dann schnell entwickeln können, wenn es ihnen gelingt, der >Bevölkerungsfalle< aus dem Weg zu gehen bzw. sich wieder aus ihr zu befreien; wir verstehen darunter Zuwachsraten der Bevölkerung, die so hoch sind, daß sie die möglichen Zuwachsraten der Produktion annähernd erreichen, wodurch eine wesentliche Steigerung des Pro-Kopf-Ertrags verhindert wird ... Will man dem Bevölkerungsproblem erfolgreich begegnen, kommt man nicht ohne Programme zur Familienplanung aus.«

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Dagegen erklärt der Bericht B (der sich mit Problemen Lateinamerikas befaßt): »In Lateinamerika wächst die Bevölkerung schneller als irgendwo sonst auf der Erde. Natürlich wird dadurch der Anstieg des Bruttosozialprodukts pro Kopf der Bevölkerung verlangsamt. Dennoch sollte diese Tatsache nicht als entscheidend angesehen werden. Noch viel weniger aber kann sie dazu benutzt werden, die Geburtenkontrolle oder, euphemistisch ausgedrückt, die Familienplanung als geeignete Lösung vorzuschlagen . . . Die Erfahrung in Lateinamerika zeigt, daß dies nicht der Hauptfaktor ist. . . die Lösung heißt nicht Geburtenkontrolle, sondern gesteigerte Lebensmittelproduktion und eine wirtschaftliche Entwicklung, die höhere Produktivität und damit einen höheren Lebensstandard mit sich bringt.«

 

Obwohl sie aus derselben Quelle stammen, also zu gleicher Zeit in ein und derselben Organisation verfaßt wurden, enthalten diese Berichte entgegengesetzte Stellungnahmen zur Frage der Geburtenkontrolle. Aber was an ihnen so bedeutsam ist, ist nicht nur die Gegensätzlichkeit der in ihnen vertretenen Anschauungen, sondern auch ihre jeweilige Autorschaft. Bericht A, der den Entwicklungsländern einschärft, »Familienplanung« zu betreiben, wurde vom Resource and Policy Committee der CED ausgearbeitet. Dieses Komitee setzt sich aus 44 nordamerikanischen Mitgliedern, und zwar hauptsächlich prominenten Geschäftsleuten, zusammen. Bericht B, der sehr viel weniger Gewicht auf die Geburtenkontrolle als auf eine verbesserte Ernährungslage und eine Senkung der Kindersterblichkeit legt, wurde vom Inter-American Council for Commerce and Production der CED verfaßt, dem jeweils ein Repräsentant der folgenden Länder angehört: Peru, Chile, Brasilien, Argentinien, Uruguay, Mexiko, Ekuador, Kolumbien, Venezuela und den Vereinigten Staaten.

Und um vollends deutlich zu machen, wie es um die Sache in Wirklichkeit steht, hielt es der Vertreter der Vereinigten Staaten für notwendig, dem Bericht einen Zusatz hinzuzufügen, worin er seiner von der aller übrigen Komiteemitglieder abweichenden Meinung Ausdruck verlieh, daß »das Papier in seiner Stellungnahme gegen eine Geburtenkontrolle oder Familienplanung zu weit gegangen sei.«

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Die Lateinamerikaner ihrerseits wünschen dem Weg zu einem Bevölkerungsgleichgewicht zu folgen, dem auch die Industrienationen gefolgt sind — über einen höheren Lebensstandard und eine geringere Sterblichkeitsziffer, die dann, wie die allgemeine Erfahrung gezeigt hat, zu einer Senkung der Geburtenziffer führen. Dagegen wollen die Nordamerikaner die ärmeren Nationen auf einen Weg bringen, dem noch keine Gesellschaft in der Geschichte der Menschheit, und ganz gewiß nicht ihre eigene, gefolgt ist — der bewußten Begrenzung der Bevölkerungszahl auf eine Größe, die den »erreichbaren« Ressourcen angemessen ist — zu einem Zeitpunkt, wo die Lebensbedingungen, wie die hohe Gesamt- und Kindersterblichkeit zeigen, noch weit unter dem Niveau liegen, das in den Industrienationen erzielt worden ist. Das Problem einer Kontrolle des Weltbevölkerungswachstums ist offensichtlich Teil einer übergeordneten, umfassenderen politischen Frage — der Frage nach dem Verhältnis der reichen, technologisch fortgeschritteneren zu den ärmeren Nationen, die — gegen eine enorme Übermacht — um eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen kämpfen. Um dieses Kernproblem zu verstehen, müssen wir einen Blick auf die historischen Verbindungen der beiden Nationengruppen werfen.

Eines der wichtigsten Bindeglieder besteht zwischen den beiden Problemkreisen, die wir hier behandelt haben — der Einwirkung der modernen Technologie auf die Umwelt in den Industrieländern und den Auswirkungen von Armut und raschem Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern. Der Reichtum der Industriestaaten ist weitgehend das Ergebnis der Anwendung moderner Wissenschaft und Technologie auf die Ausbeutung der natürlichen Hilfsquellen. Wie wir gesehen haben, beruhte dieser Reichtum vor dem Zweiten Weltkrieg in entscheidendem Maß auf dem Gebrauch von Naturprodukten. Der Vorrat an Materialien wie Kautschuk, Fetten und ölen oder Baumwolle in den unterentwickelten Ländern der Welt führte während des Kolonialismus zur Ausbeutung dieser Länder durch die Industrienationen. Es gibt Belege dafür, daß der Kolonialismus sehr viel mit dem Aufkommen jenes schnellen Bevölkerungswachstums zu tun hat, das heute für einen so großen Teil der Welt charakteristisch ist.

Dies ist der Schluß, zu dem Nathan Keyfitz149 von der Universität von Kalifornien aufgrund einer Analyse der Auswirkungen des Kolonialismus auf die gegenwärtige Bevölkerungsexplosion in den Entwicklungsländern gelangt. Er zeigt, daß die Entwicklung des industriellen Kapitalismus in der westlichen Welt zwischen 1800 und 1950 zu einem Überschuß der Weltbevölkerung von etwa einer Milliarde

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Menschen, vorwiegend in den tropischen Ländern, geführt hat, und zwar infolge der Ausbeutung der Rohstoffvorräte in diesen Gebieten (also des dadurch entstandenen Bedarfs an Arbeitskräften) während des Kolonialismus. Weiterhin argumentiert er, daß die Rohstoffe aus den tropischen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg durch die moderne Technologie zunehmend von synthetischen Materialien abgelöst worden seien; damit »nahmen die technologisch hochentwickelten Nationen, wiederum ohne daß es in irgend jemandes Absicht gelegen hätte, fast der gesamten Bevölkerung der Tropen jede Funktion in bezug auf ihre weitere Selbstbereicherung«.

So brachten die Holländer moderne Techniken in ihre indonesischen Kolonien mit, die die Lebensbedingungen verbessern halfen und die Sterblichkeit der eingeborenen Bevölkerung reduzierten. Gleichzeitig begünstigten sie — wie der Anthropologe Clifford Geertz150 in einer sorgfältigen demographischen Untersuchung der Kolonialzeit Indonesiens gezeigt hat — das Wachstum der indonesischen Bevölkerung, um mehr Arbeitskräfte für die Ausbeutung der Bodenschätze des Landes zur Verfügung zu haben. Ein Großteil des aufgrund der erhöhten Produktivität geschaffenen Reichtums verblieb jedoch nicht den Indonesiern, sondern wurde nach den Niederlanden verbracht, wo er den Holländern selbst während eines Stadiums ihres Bevölkerungswandels zugute kam.

Tatsächlich wurde so die erste, das Bevölkerungswachstum anregende Phase des Bevölkerungswandels in Indonesien mit der zweiten, das Bevölkerungswachstum bremsenden Phase des Bevölkerungswandels in den Niederlanden gekoppelt — eine Art demographisches Schmarotzertum. Und als schließlich noch der indonesische Handel mit natürlichem Kautschuk infolge der Entwicklung synthetischer Chemikalien während der Nachkriegszeit zurückging, wurden die Möglichkeiten zu einem Wirtschaftswachstum, das die eigene Motivation zur Geburtenkontrolle hätte unterstützen können, weiter verringert.

Auf diese Weise wurde die moderne Technologie zu einem entscheidenden Bindeglied zwischen der Umweltkrise in den Industriestaaten und dem Bevölkerungsproblem in den Entwicklungsländern. Die Nachkriegstendenz der Ablösung der Natur- durch synthetische Produkte hat die ökologischen Belastungen in den Industriestaaten verschlimmert und die Anstrengungen der Entwicklungsländer, die Bedürfnisse ihrer wachsenden Bevölkerung zu befriedigen, behindert.

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Wir, die wir den Industrienationen angehören, stellen uns gern vor, die übrige Welt sei auf unsere technologischen Wohltaten angewiesen, aber es könnte sich bald erweisen, daß Hilfe in der anderen Richtung geleistet werden muß. Wenn die Welt ihr ökologisches Gleichgewicht wiederfinden soll, dann werden die Industrienationen weniger auf ökologisch kostspielige Kunststoffe und mehr auf solche Güter bauen müssen, die aus Naturprodukten gefertigt wurden — wobei die Herstellung sowohl aus ökologischen wie aus wirtschaftlichen Gründen in den noch unterentwickelten Gebieten der Welt konzentriert werden sollte.

Inzwischen werden aber schon viele der von einer fortgeschrittenen Technologie heraufbeschworenen Umweltmiseren in die Entwicklungsländer exportiert. Auf einer Konferenz, die vom Zentrum für die Biologie natürlicher Systeme an der Washington-Universität und der Stiftung für Umweltschutz veranstaltet wurde, berichteten die Redner von überaus zahlreichen Fällen151, in denen neue Technologien, die in die Entwicklungsländer eingeführt worden waren, zu unerwarteten ökologischen Rückschlägen geführt hatten.

Das bekannteste Beispiel, den Assuan-Staudamm, erwähnten wir bereits; hier muß die Energie- und Bewässerungsleistung des Damms gegen die Verbreitung einer schweren Krankheit, der Bilharziose, abgewogen werden, die von den in den Berieselungskanälen lebenden Schnecken weitergetragen wird. Durch den Kariba-Staudamm des Sambesi wurde eine von Fliegen verursachte Krankheit weit verbreitet und die Existenz der am Flußufer wohnenden und von der Landwirtschaft lebenden Menschen vernichtet.

In Lateinamerika und Asien hat die Einführung von DDT und anderen künstlichen Pestiziden häufig neue Ausbrüche von Insektenplagen verursacht, weil die Chemikalien die natürlichen Feinde der Schädlinge ausrotteten, während diese selbst resistent wurden. In Guatemala sind etwa 12 Jahre nach dem Start eines Malaria-»Ausrottungsprogramms«, das eine intensive Anwendung von Schädlingsbekämpfungsmitteln vorsah, die Malaria-Moskitos resistent geworden; die Krankheit tritt jetzt häufiger auf als vor der Kampagne. Der DDT-Gehalt der Muttermilch ist in Guatemala der weitaus höchste, der bislang auf der Welt gemessen wurde.

In diesem Zusammenhang sollten wir auch nicht vergessen, daß die Entlaubungsaktionen der USA in Vietnam zu Konzentrationen verschiedener Herbizide geführt haben — deren Toxizität für den Menschen noch gar nicht bekannt ist —,

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wie sie in dieser Größenordnung noch nirgendwo auf der Welt erreicht worden sind. So haben die Entwicklungsländer, die die Wohltaten der Technologie so dringend nötig hätten, einen größeren Anteil an deren Unheil zu tragen, als ihnen eigentlich zukäme.

Umwelt- wie Bevölkerungskrise sind die weitgehend unbeabsichtigten Folgen der Ausnutzung technologischer, wirtschaftlicher und politischer Macht. Die Lösung beider Probleme muß auf demselben schwer zu überblickenden Schauplatz gefunden werden. Dies ist eine Aufgabe, die in der menschlichen Geschichte, was ihre Größe, Komplexität und Dringlichkeit anbelangt, ohne Beispiel ist.

Es ist dabei nur natürlich, wenn nach einfacheren Lösungen gesucht wird. Da die Grundprobleme biologischer Art sind — Begrenzung des Bevölkerungswachstums und Erhaltung des Umweltgleichgewichts —, ist man versucht, das komplexe Netzwerk ökonomischer, sozialer und politischer Fragen kurzzuschließen und auf direkte biologische Abhilfe zu sinnen, insbesondere, was die Bevölkerungskrise angeht. Ich bin davon überzeugt, daß derlei reduktionistische Bemühungen fehlschlagen müssen.

 

Nehmen wir beispielsweise einmal an, wir akzeptierten die Lösung des Bevölkerungsproblems, die uns von den Agrarwissenschaftlern William und Paul Paddock152 so eindringlich nahegelegt wird.

Sie schlagen vor, an die von Hungersnot bedrohten Nationen jenes Schema anzulegen, das die Militärmedizin bei Verwundeten anzuwenden pflegt: Die Verwundeten werden in drei Gruppen aufgeteilt, in solche, die zu schwer verwundet sind, um noch gerettet zu werden, solche, die bei sofortiger Behandlung gerettet werden können, und solche, die ungeachtet ihres Leidens ohne Behandlung überleben können. Die Vereinigten Staaten etwa würden dann entscheiden, welche Nationen auf dem Weg zum Hungertod schon zu weit fortgeschritten sind, um noch gerettet zu werden, und welche auf eine Rettungsaktion mit amerikanischen Hilfsmitteln noch ansprechen würden.

Abgesehen von seinen verabscheuungswürdigen moralischen und politischen Aspekten, stellt dieser Plan einen sicheren Weg in die biologische Katastrophe dar. Hungersnot bringt Krankheit mit sich, und in unserer modernen Welt werden Seuchen selten von Ländergrenzen in Schranken gehalten; der Paddock-Plan würde die Erde zu einer neuen Art biologischer Kriegführung verdammen. Aber wir dürfen auch die politischen Konsequenzen nicht außer acht lassen.

Welches Land, das von derselben Nation zum Tode verurteilt wurde, die es — wenn auch unbeabsichtigt — in seine tragische Lage gebracht hat, würde bereitwillig von einer Vergeltung absehen?

Der Paddock-Plan würde nicht nur »hoffnungslose« Nationen, sondern die ganze Welt zu politischem Chaos und Krieg verdammen. Und das erste Opfer dieser politischen Zerrüttung könnten sehr wohl die Vereinigten Staaten selbst sein, denn, um die Verfasser jenes Plans zu zitieren: Seine »Schwäche liegt in seiner Ausführung durch eine demokratische Regierung wie die der Vereinigten Staaten«. Wie lange bliebe diese »Schwäche« noch bestehen, würde man den Plan akzeptieren?

Zwischen der Tragweite einer übertriebenen Meinung von der Macht der Technologie und der Auffassung vom unausweichlichen Druck des Bevölkerungswachstums gibt es eine auffallende Parallele. Sowohl Technologie wie Bevölkerungszuwachs erscheinen unversehens als autonome, unkontrollierbare Ungeheuer, unter deren Gewicht die Menschheit zermalmt zu werden droht. Angst und Panik sind verständlicherweise die Reaktion; Selbsterhaltung wird zur alles überragenden Motivation; die Humanität bleibt bald auf der Strecke. Von einem »Kampf gegen das Verbrechen« und einem »Kampf gegen die Armut« läßt sich leicht zu einem Kampf der Menschen gegen Menschen fortschreiten.

Während ihrer ganzen überlieferten Geschichte hat die Menschheit darum gekämpft, mit Konflikten fertig zu werden, die in ihrer Mitte entstanden sind. Eine Errungenschaft der Zivilisation ist es, daß wir in zunehmendem Maß gelernt haben, diese Konflikte eher durch die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse zu lösen als dadurch, daß die stärkere Partei die schwächere vernichtet. In diesem Sinn ist der Krieg ein Mittel, soziale Streitfragen nicht auf sozialem, sondern auf biologischem Weg zu lösen — durch den Tod. Dasselbe gilt, so glaube ich, für eine aufgezwungene Geburtenkontrolle.

 

Mir scheint, daß dies die wichtigste Lehre ist, die wir aus der Umweltkrise und dem Bevölkerungsproblem ziehen können — daß wir, wenn wir überleben und uns sowohl unser natürliches Erbe als auch unsere eigene Humanität bewahren wollen, endlich herausfinden müssen, wie wir — mit Hilfe sozialer Maßnahmen — die sozialen Mißstände bewältigen können, die beides bedrohen.

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