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»Liquidierung« von Gesellschaft und Tradition   

 

   von E. Neubert 

 

 

 

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Die SED-Politik zielte auf die perfekte Kontrolle, auf die Aufhebung aller nichtkommunistischen Potentiale des sozialen, kulturellen und geistigen Lebens, wenn sich diese nicht für die kommunistische Macht instrumentalisieren ließen. Der Anspruch war total und lief auf die »Liquidierung« von Gesellschaft und Tradition hinaus. Das Endziel der kommunistischen Politik, die eine gerechte Welt, die Gesellschaft der Gleichen, die Überwindung der Entfremdung des Menschen von sich selbst, das Ende der Ausbeutung und des Krieges, das »Reich der Freiheit«, gab immer schon die Mittel der Politik vor. Die Kommunisten wollten die Bedingungen schaffen, die das ermöglichten. Die Utopie brauchte aber eine konkrete Fassung, die nur in der Negation des westlichen bürgerlichen Kapitalismus und seiner Traditionen Gestalt gewann. 

Da die Kommunisten nicht zaubern konnten, setzten sie auf revolutionäre Gewalt. Beides führte zur Zerstörung der sozialen und strukturellen Grundlagen der von ihnen beherrschten Gesellschaft. Die Annahme, eine neue, alternative Gesellschaft aufbauen zu können, hat bei den bürokratischen Parteieliten »die Illusion der >Allmächtigkeit<, der unbegrenzten Steuerungsmöglichkeiten«26 gesellschaftlicher Prozesse erzeugt. Diese Illusion wurde nicht durch die Tatsache erschüttert, daß der Totalanspruch zu keiner Zeit vollständig durchzusetzen war. Es hat nur die Energie der Kommunisten zu weiteren und nachhaltigeren Eingriffen gesteigert. Und dies hat sie zu Opfern der Theorie von einer dauernden Verschwörung des Westens werden lassen. »Feinde« im Inneren konnten nur von außen gesteuert sein.

Die Gesellschaft wurde durch die zentralistische und durchorganisierte Parteigesellschaft ersetzt. In ihr war die Partei der Politorden mit allen Vollmachten der Inquisition, nach dessen Ratschlüssen die Operationen durchgeführt wurden und der auch die geschichtliche Bedeutung dieser Operationen verkündete.


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Jede Zerstörung wurde als neue oder höhere Qualität ausgegeben. So konnten unentwegt Siege gefeiert werden, und gewaltsame Eingriffe bewahrheiteten stets die Ideologie. Die Auslöschung traditioneller Schichten, »Klassen« und Milieus, der bürgerlichen, der bäuerlichen und auch der proletarischen Traditionen sowie die kulturelle, soziale und ökonomische Gleichschaltung erzeugten nicht eine Gesellschaft der Gleichen, sondern lediglich eine entstrukturierte Gesellschaft, die ihre internen Steuerungsfunktionen verlor.

Die Liquidierung der Gesellschaft stand im Dienst des ökonomisch-sozialen Umbauprozesses und stellte einen Angriff auf die gesellschaftlichen Differenzierungen, Pluralität und Interessenvielfalt dar. Statt milieubedingter Solidaritäten und vielfältiger Normenkontrolle kam es zur organisierten Verantwortungs­losigkeit. Die Gesellschaft kam an den Rand ihrer Reproduktions­fähigkeit, als ihr Öffentlichkeit und Erinnerung genommen wurden. Je näher die Kommunisten dem Ziel der Liquidierung der Gesellschaft kamen, desto mehr mußten sie darauf achten, jede soziale Selbstorganisation oder geistige Unabhängigkeit zu verhindern. Sie mußten in der gleichgeschalteten Gesellschaft jedes Individuum kontrollieren, um Individualität in die Vorgaben der Parteigesellschaft zu zwingen. Die flächendeckende konspirative Überwachung und Beeinflussung war damit schon vorgegeben.

Die Liquidierung von Individualität konnte auch zur Liquidierung des Individuums führen. »Liquidierung« ist ein gängiger kommunistischer Begriff, der hundertfach in den operativen Akten des Repressionsapparates verwendet wird. Er fordert eine begriffliche Klärung heraus27. Gemeint ist immer die politische Vernichtung von Gegnern. Ihm ist aber auch die Bedeutung der physischen Vernichtung inhärent. Dem entsprechen auch Bedeutungs­zuschreibungen anderer Begriffe, wie dem der Säuberung. Gesäubert wurden Geschichtsbücher und Parteiprogramme. Gesäubert wurde auch immer wieder die Partei. Letzteres kostete dann auch Todesopfer.

 

In den ersten Jahren nach dem Kriegsende gab es besonders viele Todesopfer, aber keine systematische Massen­vernichtung. Die physische Vernichtung von Gegnern war nicht Selbstzweck, da der Kommunismus keine platte biologistische Ideologie hatte, wenn es auch semantisch auffällige Gemeinsamkeiten gab. So wurde vom »Ausmerzen« der »Schädlinge« geredet28. Das Gewicht lag auf der politischen Ausschaltung von Menschen oder Gruppen, die zu Feinden erklärt worden waren. Allerdings sahen sich auch die deutschen Kommunisten als Herren über Leben und Tod und zögerten nicht, aus politischer Willkür Menschen um ihr Leben zu bringen. Mehr noch, sie kalkulierten den Tod von Gegnern stets mit ein. Die Tötung war insofern eine Variante bei der Liquidation von Gegnern, die nach der Zweckmäßigkeit gewählt werden konnte.

 

Selbst in den Jahren als die internationale Entspannungspolitik, der KSZE-Prozeß und auch die schon spürbare wirtschaftliche Abhängigkeit vom Westen die SED zwang, formal internationale Normen einzuhalten, änderte sich das nicht. Die Liquidierung von Feinden blieb im Kalkül, sie wurde nun allerdings sorgfältiger konspiriert.


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Die Texte des Repressionsapparates zeigen bei der Verwendung des Begriffes Liquidierung eine semantische Unschärfe, die nachträglich irritiert. Nur politisch gemeint ist der Begriff, wenn er synonym mit der Auflösung einer sozialen Schicht, der Zerschlagung einer Oppositionsgruppe, einer Festnahme oder einer Einweisung in ein Lager gebraucht wird. Aber es kann eindeutig auf das Töten bezogen in einer Anleitung zum Kampf von Sondereinheiten in Westdeutschland heißen: »Das Liquidieren beinhaltet die physische Vernichtung von Einzelpersonen und Personengruppen. Erreichbar durch: Das Erschießen, Erstechen, Verbrennen, Zersprengen, Strangulieren, Erschlagen, Vergiften, Ersticken.«29

Mehrdeutig ist die Feststellung, die sich auf die innere Opposition bezieht: »Mit der Planung der spezifischen Vorbeuge­maßnahmen ist zu gewährleisten, daß [...] Feinde erkannt und so unter Kontrolle gebracht werden, daß ihre Liquidierung/Ausschaltung auf besonderen Befehl erfolgen kann, wenn es die Lage erfordert und wenn es politisch richtig und notwendig ist.«30

Die scheinbare Mehrdeutigkeit löst sich auf, wenn berücksichtigt wird, daß der Machtkampf der Kommunisten in die Ideologie vom unversöhnlichen Klassenkampf verkleidet als einheitliche und eindeutige politische Bewegungsform nach innen und außen verstanden wurde. Ob Revolution und gesellschaftliche Umwälzung oder militärischer Kampf, ob innere Stabilitätspolitik oder Entspannungs­politik nach außen, ob Verfolgung einzelner Kritiker oder Erziehungsmaßnahmen gegen Unbotmäßige, immer handelte es sich im kommunistischen Verständnis um den gleichen Klassenkampf.

Diese Unschärfe zeigt die Quelle der verbrecherischen Energie. Der Wert des Menschen, seine Rechte und seine Würde sind dem politischen Interesse vollständig unterworfen. Hinter diesem Machtinteresse verschwimmt die Person des einzelnen und sein Selbstwert. Darum gibt es in kommunistischer Sicht auch keinen eigentlichen Unterschied zwischen ideologischen Abweichlern, inneren politischen Gegnern und äußeren Feinden. Liquidiert werden mußte die politische Aktion von Gegnern und schon im Vorfeld seine soziale, kulturelle und individuelle Fähigkeit zur Selbstbehauptung und Gegenwehr. Vernichtet werden mußte die Fähigkeit zur Überwindung der inneren und äußeren Abgrenzung des geschlossenen kommunistischen Systems, das nur in dieser Abgrenzung Bestand hatte, da es sich aus sich selbst nicht reproduzieren konnte.

Das alles schlägt sich in der kommunistischen Gewaltsprache nieder, in der der Herrschaftsapparat seine Selbst­verständigung betrieb. Liquidieren, Vernichten, Ausmerzen, Ausschalten, Paralysieren, Zersetzen u.a. amtliche Begriffe waren unterlegt von affektgeladenen Äußerungen. Die Genossen verschriftlichten ihre Emotionen in den Äußerungen über unbotmäßige Bürger, die sie »Banditen«, »Drecksäcke«, »miese Schweine­hunde« nannten.


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Selbst in den Zeitungen haben sich die Kommunisten sexistischer und fäkalistischer Sprache bedient, wenn es darauf ankam, ihre Gegner, wie Wolf Biermann oder Oskar Brüsewitz, zu diskreditieren. In den konspirativen Diffamierungsaktionen gegen Oppositionelle konnten sie sich ganz ausleben. Wer die Akten der kommunistischen Repressionsorgane liest, hat nicht nur mit einer aufs äußerste reduzierten Sprache der politischen Bürokratie zu kämpfen, sondern hat auch schlichtweg ästhetische Probleme.

 

Dieser Semantik entsprachen auch die monströsen Dimensionen der Gewaltpotentiale, mit denen ein vielfach größeres Land hätte in Schach gehalten werden können. Die Vorstellung der Kommunisten von einem möglichen inneren Machtkampf hatte einen Apparat geschaffen, der für einen Bürgerkrieg von apokalyptischen Dimensionen gerüstet war. 

Abgesehen von der gewaltigen militärischen Aufrüstung, auch Teile der Armee konnten für die Bekämpfung innerer Feinde eingesetzt werden, unterhielt die SED für die Niederhaltung und Bekämpfung des inneren Feindes 50.000 Mann in den Grenztruppen mit Tausenden »Freiwilligen Helfern der Grenztruppen«, 200.000 Mann paramilitärische Kampfgruppen, FDJ-Ordnungsgruppen sowie paramilitärische GST-Einheiten. Auch SED-Funktionäre waren bewaffnet und konnten im Krisenfall eingesetzt werden. Über 80.000 Polizisten verfügte die »Deutsche Volkspolizei«, von denen ein Teil, wie die politischen Abteilungen der Kriminalpolizei und die Bereitschaftspolizei, speziell für die Niederhaltung innerer Feinde vorgesehen war. Der Polizei waren außerdem 8000 Transportpolizisten und 15.000 Betriebsschutzleute unterstellt. Die Polizei hatte neben inoffiziellen Mitarbeitern für die politische Kriminalpolizei über 177.500 »Polizeihelfer«, die ebenfalls auch politische Aufgaben hatten. Das Ministerium für Staatssicherheit war mit 90.000 hauptamtlichen und 175.000 inoffiziellen Mitarbeitern das wichtigste Organ zur Kontrolle der Bevölkerung. Innerhalb des MfS standen neben den einzelnen Funktionsabteilungen auch Antiterroreinheiten zur Verfügung, die spezielle Aufgaben bei der Bekämpfung der inneren Opposition hatten.* 

Diese Gewaltpotentiale konnten jahrzehntelang die gesellschaftspolitischen Eingriffe machtpolitisch sichern. Aber sie waren keine Mittel zur Steuerung der Gesellschaft und im Management einer politischen Krise eher hinderlich. Das wurde 1989 schlagartig deutlich. Daß die Sowjets in der Revolution militärischen Beistand versagten, hatte keine militärische, sondern eine politische Bedeutung. Wichtigster Grund für den Erfolg der Revolution war, daß die Kommunisten nicht mit der für sie verheerenden Wirkung des völligen Verfalls ihrer politischen Legitimität rechneten und auch nicht rechnen konnten. Den Feind, auf den sie sich eingestellt hatten, gab es nicht. Die Westdeutschen waren nicht einmarschiert, die der SED lange bekannten Oppositionellen unternahmen keine Terroranschläge und waren keine westlichen Geheimdienstagenten, das Volk war kein aufgeputschter, faschistischer Pöbel. Demonstranten und Oppositionelle unterliefen die Situationen, die es der SED ermöglicht hätten, den Bürgerkrieg zu erklären.

 

* OD: Hier noch mitdenken: 365.000 "Russen" und 210.000 (?) NVA-Angehörige. Von letzteren konnten auf jeden Fall die Berufssoldaten (50.000 ?) wie 'Stasi-Truppen' in Marsch gesetzt werden. ... Wenn man alle bewaffneten Männer auf dem DDR-Territorium zusammenaddiert und sich vorstellt, daß von 17 Millionen DDR-Bürger, mindestens 7 Millionen "Kinder und Greise" waren, dann ... 


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Die SED mußte gleichsam der Entwicklung in den Kirchen und auf den Straßen politisch hinterherlaufen. Sie war gezwungen, erst ihre Kampfgruppen und schließlich das MfS selbst aufzulösen, um politisch handlungsfähig zu werden. Der Machtapparat kam aus den Fugen, und das »letzte Gefecht« fiel aus, weil die stets von den Kommunisten befürchtete Konterrevolution nicht den Szenarien entsprach, für die sie geprobt hatten.

In den Wochen der Revolution begann sich die Gesellschaft wieder zu regen. »Auferstanden aus Ruinen«, allerdings anders, als es in der kommunistischen Nationalhymne der DDR gemeint war, meldeten sich die unterdrückten Interessen zurück. Die einsetzende Massenflucht widerlegte die Legende von der Interesseneinheit von Volk und Partei. Die Träger der Revolution kamen aus jenen gesellschaftlichen Bereichen, aus Kultur und Kirche, die ihre geistige Unabhängigkeit wenigstens teilweise hatten verteidigen können. Die Beschädigungen der ostdeutschen Gesellschaft und des Kulturraumes trugen unmittelbar zur Auslösung der Revolution bei. Die Nachhaltigkeit der Schäden war allerdings selbst 1989 noch nicht gleich erkennbar. Allein die materiellen Schäden mit unmittelbaren Folgen für die Menschen, die der Kommunismus in Ostdeutschland anrichtete, übersteigen alles, was vorhergehende Perioden auch ohne ökologische Rücksichtsnahmen bewirkten. Die Landwirtschafts-, Energie- und Industrialisierungspolitik richtete so gewaltige Schäden an, daß Generationen noch mit der Sanierung zu tun haben werden. Folge dieser Politik war schon zu DDR-Zeiten, daß die Lebenserwartung deutlich hinter der in westeuropäischen Ländern, besonders der Bundesrepublik, zurückblieb.

Noch folgenreicher war die Liquidierungspolitik in immateriellen Bereichen, da sie die geistigen Lebens­grundlagen der Gesellschaft nachhaltig angriff. Ein Blick auf die Ergebnisse zeigt, daß es sich nicht um einzelne, zufällige Folgen ungünstiger Konstellationen oder ungewollte Nebenwirkungen einer an sich konstruktiven Gesellschaftspolitik handelt. Die Zerstörungen waren systematisch organisiert und einkalkuliert. Im systematischen Vorgehen hatte die Liquidation des genuin Politischen Priorität. Es folgten die Eigentumsverhältnisse, Wissenschaft, Kultur und Religion.

Zunächst wurde von den Kommunisten nach dem Kriege der Zugang zur Politik kanalisiert und der öffentliche Raum für die geregelte Konfliktaustragung geschlossen. Die relativ kleine Gruppe der von Moskau abhängigen kommunistischen Kader konzentrierte auf sich alle Machtfunktionen. Unter dem Deckmantel einer Scheindemokratie erfolgte 1946 die Einverleibung der SPD, die Gleichschaltung der bürgerlichen Parteien als »Blockparteien« und die Dominanz der kommunistischen Politik in allen öffentlichen Institutionen. Dieser Prozeß verlief stets unter Anwendung von Gewalt und kostete zahlreiche Opfer. Nachdem die Kommunisten den Staat erobert hatten, nutzten sie ihn selbst als Terrorinstrument, das die Unterordnung aller Interessen unter die der Partei durchzusetzen hatte. Formal blieb es bei einer institutionellen Trennung von Partei und Staat. Diese Maske fiel aber in einigen Kernbereichen der Machtsicherung. So war das Ministerium für Staatssicherheit auch offiziell »Schild und Schwert der Partei«, und der Führungsanspruch der SED wurde in der Verfassung festgeschrieben.


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Das Außerkraftsetzen politischer Verfahren mußte zur Zerstörung des politischen Denkens und Handelns führen. Die Monopolisierung der Politik durch die Kommunisten führte zu einer Entpolitisierung der Gesellschaft. Anfangs war der Rückzug aus der Politik aus Angst ein Nebeneffekt des Partei- und Staatsterrors. Später wurde diese Entpolitisierung von der SED selbst gefördert. Tatsächlich erreichte die SED auch einen eigentümlichen unpolitischen Konsens, ein Stillhalteabkommen zwischen Herrschern und Beherrschten. Die Bevölkerung nahm zu weit über 90 Prozent an den Einheitswahlen oder an der Jugendweihe teil. Die Leute kamen zu den Massen­demonstrationen, unterschrieben fast jede geforderte Übereinstimmungserklärung oder waren zu Millionen Mitglieder in Massenorganisationen. 

Die vielfach geschworene Treue war für die Herrschenden eine Vergewisserung der »sozialistischen Persönlichkeiten«. Für die Untertanen war die Teilnahme der Freikaufpreis zur Sicherung privater Spielräume. Jahrelang hatte etwa die SED gegen den Konsum westlicher Medien gekämpft. Als sie nichts ausrichtete und die Frustration derer beobachtete, die kein westdeutsches Fernsehen empfangen konnten, ließ sie in Dresden die technischen Möglichkeiten schaffen, damit dort ein unpolitisches unterhaltsames Fernsehprogramm aus dem Westen empfangen werden konnte.

Entpolitisierungsstrategien wurden in den achtziger Jahren auch in den SED-eigenen Unterhaltungskünsten gefahren. Die Kirchen sollten genötigt werden, die in ihnen operierenden kritischen Gruppen zu »theologisieren« und zu »verkirchlichen«. Wenn auch die DDR-Bürger nicht so dumm waren, daß sie auf die seltenen Bananenzuteilungen vor Feiertagen mit politischer Zufriedenheit reagierten, haben diese Entpolitisierungs­strategien doch bis 1989 der SED eine gewisse Stabilität beschert.

 

Besonders stolz waren die Kommunisten auf die Revolutionierung der Eigentumsverhältnisse. Fast alle Enteignungen waren Unrecht und wurden zumeist brutal durchgesetzt. Die erste große Enteignungsaktion nach dem Krieg war die Bodenreform im September 1945, die sich formal auf Beschlüsse der Siegermächte stützte. Neben dem Großgrundbesitz über 100 Hektar Land sollten Kriegsverbrecher und Naziaktivisten zugunsten von Neubauern, Umsiedlern aus dem Osten und Landarbeitern enteignet werden. Die Reform wurde damals auch von nichtkommunistischen Parteien unterstützt. Doch schon bei dieser Reform wurde häufig den selbst gewählten Verfahren nicht entsprochen, und es kam zu vielen Rechts- und Menschenrechtsverletzungen. Die Enteignung der Industrie begann ab Oktober 194531, wobei sich die sowjetische Besatzungsmacht einen kräftigen Anteil durch Demontage oder in Form der »Sowjetischen Aktiengesellschaften« sicherte. In Sachsen sprach sich 1946 eine Mehrheit in einem Volksentscheid für Enteignungen aus. In der SBZ erreichten 1948 die Privatbetriebe nur noch einen Anteil von 40 Prozent der Bruttoproduktion.


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Seit dieser Zeit setzte auf die Unternehmer, vorwiegend waren Kleinbetriebe übriggeblieben, ein ungeheurer Druck ein. Häufig wurden sie als »Wirtschaftsverbrecher« angeklagt und hart abgestraft.

Als im Juli 1952 die SED den »Aufbau des Sozialismus« in der DDR beschloß, wurde nach sowjetischem Vorbild die nahezu vollständige Sozialisierung der Wirtschaft angestrebt. Unter anderem sollte »die Justiz mit konstruierten Anklagen und Urteilen ihren Beitrag zur sozialen Liquidierung des gewerblichen Mittelstandes und einer selbständigen Bauernschaft leisten«. Diese Strafverfahren waren »schlecht versteckte Raubzüge des Staates«32. Bis zu dem von den Sowjets befohlenen sogenannten Neuen Kurs vom 9. Juni und zum Aufstand am 17. Juni 1953 setzte ein starker Druck auf die Bauern ein, um die Kollektivierung zu erreichen. Mit der Krise der SED 1953 kam dies zunächst zum Stillstand. In einer weiteren Kollektivierungswelle ab 1958 wurde schließlich die gesamte bäuerliche Landwirtschaft erreicht.

Ähnliches geschah auch mit der gewerblichen Wirtschaft und dem Handel. Meist wurden konstruierte Vorwände zur Kriminalisierung der Mittelständler benutzt. Dazu gehörte die berüchtigte »Aktion Rose«33 im Frühjahr 1953 an der Ostseeküste. In kürzester Zeit wurden bei diesem Raubzug über 600 Hotels, Pensionen, Gaststätten und andere Ferienbetriebe enteignet. Über 400 Eigentümer wurden verhaftet und später verurteilt. Hunderte flohen in den Westen. Als Vorwände dienten manchmal nur das Hören westlicher Radiosender oder geringfügige Bestände von Lebensmitteln, die die Betriebe für die Versorgung der Gäste brauchten. 1971 und 1972 kam es unter dem gerade zur Macht gekommenen Honecker zur letzten großen Verstaatlichungs­kampagne. An den Methoden hatte sich nichts geändert. Zwang und Erpressung zur »freiwilligen« Einwilligung in die Verstaatlichung waren die Regel. Vielfach wurden willkürlich Steuerlasten festgelegt, die die Inhaber kriminalisierten. Als besondere Demütigung mußten viele ehemalige Unternehmer ihren Betrieb noch eine Weile nach der Verstaatlichung leiten. Danach erzeugten die Staatsbetriebe 99 Prozent der Warenproduktion. 

Hinter diesen Zahlen verbergen sich unzählige persönliche Tragödien, scharfe Verfolgung und Rechts­beugungen aller Art. Doch den ostdeutschen Kommunisten stand nicht nur der Sinn nach Enteignung der Wirtschaft. Sie scheuten keinen Rechtsbruch, um an das Eigentum ihrer Bürger heranzukommen. Für die Enteignung von Haus- und Grundbesitz gab es stets politische und ökonomische Vorwände. Besonders begehrlich war die SED auf private Kunst- und Antiquitätensammlungen. 

»Ein Besitzer von Antiquitäten wurde kurzerhand eingesperrt, er starb nach 14 Tagen in der Haft. In einem anderen Fall hat man den Eigentümer von wertvollen Antiquitäten sogar in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Als er nach zwei Jahren entlassen wurde, waren seine Antiquitäten verschwunden.«34


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Auch die vielen Flüchtlinge bis 1961 und die Ausreiseantragsteller seit den siebziger Jahren waren eine Reserve für Bereicherungen. Wer in den Westen ging, dem wurde Vermögen und Grundbesitz abgepreßt. Die herrschende Klasse der Kader bediente sich dabei kräftig. Das Regime war sich auch nicht zu schade, im Laufe der Jahre 30 Millionen DM aus Briefsendungen zu klauen. Und selbst die Pakete aus dem Westen für die Ostverwandten wurden gefleddert. In den Läden der MfS-Offiziere wurde dieses Diebesgut zum Kauf angeboten.

Nach dem Krieg hatten die Institutionen der Wissenschaft und Bildung, die durch Nationalsozialismus und Krieg ideell und personell beschädigt waren, eine kurze Atempause. Mit Billigung der SMAD entwickelten sich Ansätze eines bürgerlich-pluralistischen Geisteslebens an den Universitäten35. Eine Schulreform vereinheitlichte die Schulen zwar, ohne aber zunächst den Bildungsauftrag zu gefährden. Doch mit der allmählichen Machtübernahme der Kommunisten versuchten diese, auch Schulen und Hochschulen politisch in die Hand zu bekommen. Die Entnazifizierung trat in den Schatten der »Demokratisierung«, die auf die politische Ausschaltung der bürgerlichen Parteien und ihrer Vertreter hinauslief. Dieser Kampf wurde mit aller Schärfe betrieben. Zahlreiche Professoren und Studentenvertreter wurden verhaftet, in die UdSSR deportiert, und nicht wenige kamen dabei ums Leben. Die Hochschulreformen in den Jahren 1952 und 1958 sicherten nicht nur das politische Übergewicht der SED, sondern führten auch zu einer vollständigen Ideologisierung. Jetzt wurde jede ideologische Abweichung bekämpft und die Dominanz des Marxismus-Leninismus in Forschung und Lehre durchgesetzt. Die bürgerlichen Bildungseliten flohen zu Tausenden.

Mit der Ideologisierung war auch ein qualitativer Niedergang eingeleitet. Da sich ideologische Reinheit und wissenschaftliche Wahrheit an der unbedingten Treue zur Parteilinie bemaßen, schnitt sich die SED selbst ihre intelligentesten Köpfe ab, wie den Leipziger Marxisten Ernst Bloch. Es kam zum nachhaltigen Konflikt von Rationalität und sozialistischem Wissenschaftsbetrieb, der eine latente Innovationsunfähigkeit verursachte und den Wissenschaftler zum Parteisoldaten reduzierte. In den Naturwissenschaften reichten die Schatten von sowjetischen Wissenschafts­scharlatanen, wie den Biologen Mitschurin und Lyssenko, bis in die DDR der sechziger Jahre. Sie übertrugen die Stalinsche Erziehungstheorie auf die Biologie, besonders auf die Pflanzen- und Tierzucht, und fügten damit der Landwirtschaft schwere Verluste zu. Die Genetiker wurden in dieser Zeit verfolgt. Doch selbst als diese Auswüchse überwunden waren und ehemals verfemte Wissenschaftszweige wieder arbeiten konnten, blieb das Primat der Ideologie in den Wissenschaften bestehen. Die »wissenschaftliche Weltanschauung« wurde zur (Stief-)Mutter der Wissenschaft.


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So wurde der Naturwissenschaftler Robert Havemann über die Auseinandersetzung mit einer ideologie­geleiteten Wissenschaft zum politischen Dissidenten. Er hatte erstmals 1958/59 seine Bedenken angemeldet, übte aber zunächst noch einmal Selbstkritik. 1963 hielt er seine berühmte Berliner Vorlesung »Dialektik ohne Dogma«, in der er den Beitrag des Dialektischen Materialismus zur Wissen­schafts­entwicklung bestritt. Dies führte zu seiner Amtsenthebung an der Universität und zum Akademieausschluß. 

Die Technik- und Naturwissenschaften konnten wenigstens die Kluft noch wegen ihrer Nützlichkeit überbrücken, und Naturwissenschaftler, soweit sie sich als Marxisten gaben, lebten mit zwei Materiebegriffen, einem methodischen und einem hermeneutischen, einem für ihre wissenschaftliche Arbeit und einem für ihre politischen Äußerungen. So konnten Naturwissenschaftler auch beachtliche Einzelerfolge erzielen. Insgesamt aber organisierte der Sozialismus die Innovationsverluste und behinderte den denkenden und handelnden Menschen, indem er ihn mit politischen und ideologischen Vorgaben belastete. Als die SED mit Milliarden­investitionen und großer personeller Ausstattung ein anspruchsvolles Mikroelektronikprogramm in Gang setzte, scheiterte dies, weil sie nie begriff, »wie wichtig der >subjektive Faktor Mensch< für die auf Hochtechnologie orientierte Volkswirtschaft war. Der Sicherheitsdoktrin folgend war dieser Faktor lediglich ein ideologischer Topos der DDR-Propaganda; der >Kader< war... eine austauschbare >Beschäftigungseinheit«<36.

Die ideologisierten Geisteswissenschaften hatten das politische System zu legitimieren und übten besonders gegenüber dem Westen eine apologetische Funktion aus. Sie wurden ein »extrem artifizielles Gebilde« und »Simulationsraum der Ideologie«37 mit Berufsideologen als scholastischen Darstellern der kommunistischen Weltmission. Und diese Leistungen waren beträchtlich. Denn oft genug ist der Westen auf diese politische Zweckwissenschaft eingegangen, die auch auf internationalem Parkett agierte. Als etwa die DDR besonders in der Menschenrechtsfrage Ende der achtziger Jahre in die Defensive geraten war, brauchte sie ihre »intellektuellen Krummbuckel«38, um findig die Freiheitsrechte der Politik unterzuordnen und die internationale Kontrolle der Menschenrechtslage zu umgehen.

 

Die Kommunisten waren immer zwischen ideologiebedingter Blockade einerseits und Machbarkeitswahn und Wissenschaftsgläubigkeit andererseits eingeengt. Ende der fünfziger Jahre, als der Sputnik die Erde umkreiste, wurde die Wissenschaft zum Götzen des alternden Diktators Ulbricht, der nun meinte, der Sozialismus siege, wenn er wissenschaftlich geleitet würde. Die größten »Erfolge« hatte aber der Sozialismus nur dort, wo er zur rücksichtslosen und menschenverachtenden Instrumentalisierung der Humanwissenschaften überging. Dazu gehörte die »operative Psychologie« des MfS zur Bekämpfung der Opposition oder das ohne ethische Bremsen pragmatisch für politische Ziele eingesetzte Staatsdoping. Hier handelten nicht einzelne ehrgeizige Sportler oder Trainer. Die DDR-Athleten sollten die Überlegenheit des sozialistischen Sports demonstrieren, und tatsächlich staunte die Welt über den Medaillenregen, der zu einem Teil dem systematischen Doping zu verdanken war. 


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Die Risiken dieser Versuche am Menschen hatten die Sportler zu tragen. Oft wurden schon Kinder mit Anabolika, Hormonen und anderen leistungsfördernden Mitteln vollgepumpt. Männern wuchsen Brüste, und Frauen wurden zu Männern. Sie standen kurz auf den Siegerpodesten und haben nun oft lebenslang Selbstzweifel und Probleme, die ihnen das Leben mit ihren getrimmten Körpern und gequälten Seelen bereitet39.

Die Kommunisten glaubten sich auf der Seite des wissenschaftlichen Fortschrittes und blieben in einem anthro­pologischen Funktionalismus stecken. Dabei liquidierten sie die elementaren Voraussetzungen, die die Wissenschaft und diejenigen, die sie betreiben, brauchen — die Freiheit des Denkens und den freien Lauf der Ideen.

 

Die SED-Kulturpolitik hatte von Anfang an die Aufgabe, den »gesellschaftlichen Überbau«, damit auch die Kunst, unter die Verfügungsgewalt der Partei und ihrer Ideologie zu bringen, um eine sozialistische Kultur bzw. Nationalkultur zu schaffen. Damit war ein unlösbarer zivilisatorischer Dauerkonflikt programmiert. Das von den Sowjets besetzte Gebiet Mitteldeutschlands konnte keine nationale Identität entwickeln, die sich historisch oder kulturell von der ohnehin nicht eindeutig abgrenzbaren gesamtdeutschen Kultur hätte abspalten können. Die behauptete Nationalkultur der DDR konnte nur die Erfindung einer Tradition sein, die angeblich auf den DDR-Sozialismus zulief.

Die großen Gestalten der deutschen Kultur, wie nach langen Wirrungen auch Luther, wurden darum derart interpretiert, daß sich die DDR, wie es schon das Kaiserreich und der NS-Staat getan hatten, eine Tradition schuf, die das Staatswesen in der deutschen Tradition verankern und das »Geschichts- und National­bewußtsein«40 stärken sollte. Diese Art Erbepflege blieb eine gekünstelte und irreale Inszenierung, da die vielstimmige deutsche Kultur mit europäischem Kontext nur dann in die kommunistischen Raster gepreßt werden konnte, wenn sie geistig beschnitten, verkürzt und in weiten Teilen einfach unterschlagen wurde.

Alle in der DDR entstandenen künstlerischen Produkte der »Kulturschaffenden« sollten Äußerungen der sozialistischen Kultur sein, die sich in ästhetischer Hinsicht als »sozialistischer Realismus« auszuweisen hatten. Als Maßstab der Bewertung konnte nur die jeweils herrschende Parteilinie gelten. Da sich aber schon die Vielfalt des von subjektiven Faktoren abhängigen künstlerischen Schaffens überhaupt nicht zu einem monolithischen Ideologiegebilde zusammenbacken ließ, mußte sich die SED unentwegt mit den Abweichungen in Form und Inhalt auseinandersetzen. Die Geschichte der Kulturpolitik ist darum eine wechselvolle Geschichte des Kampfes um Vereinnahmung und Abgrenzung. Wer und was nicht auf die Parteilinie festgelegt werden konnte, nicht instrumentalisierbar war, nicht wenigstens politisch neutralisiert werden konnte, wurde ausgeschieden. Im Panoptikum des kulturellen Klassenkampfes findet sich darum die Abwehr des Kosmopolitismus, Formalismus, der Dekadenz und jeder Form der »bürgerlichen« Unkultur. 

Als den Kulturpolitikern in späteren Jahren nichts mehr einfiel, galt es einfach nur noch, die Kritik an der DDR zu verhindern.


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Das kulturpolitische Instrumentarium reichte von der großzügigen Förderung bis zur aufwendigen Kontrolle der Künstler und ihrer Institutionen. An der Spitze der für die Kultur zuständigen Machthierarchie stand die Parteiführung. Ulbricht und Honecker haben sich selbst als Kunstkritiker betätigt und wenn die Gefahr der Ausuferung und Verselbständigung der Kunst drohte, den Parteiknüppel geschwungen.

Grotesk war etwa der von Ulbricht befohlene Bitterfelder Weg seit 1959, auf dem mit Hilfe »schreibender Arbeiter« die »Höhen der Kultur« erstürmt werden sollten. Erreicht wurde aber nur der Gipfel der Primitivität. Ulbricht und Honecker leisteten sich auf dem 11. Plenum des ZK der SED im Jahr 1965 den berüchtigten »Kahlschlag«. Es hagelte Verbote und Verdammungen. Die Partei schuf sich damit ihre Dissidenten, u.a. Wolf Biermann. 1976 veranlaßte Honecker persönlich die Ausbürgerung von Biermann und löste damit den Exodus einer großen Anzahl von Künstlern aus. Unter Honecker versuchte die Partei alles, um sich der Künstler zu vergewissern. Mit kurzen Phasen der Lockerung, mit Privilegierung und Bestrafung, mit der Gewährung von Sonderrollen und Sonderrechten sowie der Verhängung von Zensur und Verboten sollten die Künstler auf der Parteilinie gehalten werden. Je stärker aber die Künstlerschaft vom sozialistischen Wege abzuweichen drohte, desto mehr kam es zur konspirativen Durchsetzung der Kulturbereiche mit vielen Künstler-IM des MfS41.

 

Daß es eine sozialistische Nationalkultur der DDR nie gegeben hat, kann auch der einfältigste Ideologe im nachhinein nicht bestreiten. Sie ist ein »propagandistischer Hokuspokus«42. Beste Einzelleistungen hat es aber immer trotz vieler Rücksichtnahme auf Zensur und trotz verinnerlichter Unterdrückung gegeben. Doch selbst der Begriff für das Flaggschiff der DDR-Kunst, die »DDR-Literatur«, sagt nicht mehr, als daß es einen Bezug der Literaten zur DDR gegeben hat. Selbst diejenigen »DDR-Künstler«, die der SED Förderung und Aufstieg zu verdanken hatten, wurden unversehens zu Ost-West-Existenzen. Sie schrieben in der DDR und veröffentlichten in der DDR und im Westen oder, wenn es besonders kritisch war, auch nur im Westen. 

Ehemals geförderte Schriftsteller und Künstler flohen in hellen Scharen, viele wurden ausgewiesen oder wurden verdrängt. Die kommunistische Kulturpolitik liquidierte die künstlerische Pluralität und die Freiheit des Künstlers und löste damit einen dauernden Abfall vom politischen Anspruch und der Ideologie aus. Zum Torso des DDR-Kunstbetriebes im Jahr 1989 gehörten dann diejenigen, die am längsten in der DDR geblieben waren. Das waren Künstler, die einfach »noch« in der DDR lebten. Dazu gehörten nicht wenige, die in irgendeiner Form sich arrangiert hatten und die schon deswegen Lieblinge des Publikums waren, weil Lesen und Schauen mit dem Reiz verbunden waren, die kryptische Kritik zu dechiffrieren. Und es gab auch diejenigen, die im Auftrag der Partei den öffentlichen Kunstbetrieb bedienten und für das MfS heimlich über ihre Kollegen schrieben. Letztere repräsentierten wohl mit ihrer künstlerischen Mittelmäßigkeit und menschlichen Schäbigkeit das, was der kulturrevolutionäre Elan der Kommunisten hervorzubringen vermochte, eine tiefe Verarmung.


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Das gilt auch für die städtischen und ländlichen Lebens-, Traditions- und Kulturräume der DDR. Wenn sich auch 1990 mit der Wiedervereinigung keine Utopie verwirklichte und verwirklichen konnte und manche privilegierten Utopisten enttäuscht wurden, brachte die Revolution allein für die historische Substanz der Architektur gerade noch rechtzeitig die Rettung. Die von den Kommunisten angerichteten oder hingenommenen Zerstörungen werden möglicherweise nur noch von den Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg übertroffen. Diese Zerstörungen folgten einerseits aus der wirtschaftlichen Schwäche und waren andererseits auch ideologisch verursacht. Nach Kriegsende begann es mit dem Einreißen von Schlössern. Später verrotteten Kirchen, Baudenkmäler aller Art und ganze Innenstädte. Die Kommunisten ließen sprengen, um ihre Überlegenheit in öden Symbolbauten zu demonstrieren.

 

Die deutschen Kommunisten mußten auf sowjetische Weisung zunächst den Kirchen nach 1945 einen gewissen Spielraum einräumen. Diese taktische Duldung wurde eingeschränkt, als die Sowjets ihre deutsche Provinz dauerhaft sicherten. Es begann 1948 nach sowjetischem Vorbild eine atheistische Propaganda in den Schulen, im Wissenschaftsbereich und in den Medien, in der Religion als Ideologie des Kapitalismus und Imperialismus denunziert wurde. Bald folgten administrative Maßnahmen. Seit Dezember 1952 bereitete die SED-Führung unter Leitung des FDJ-Vorsitzenden Honecker den systematischen Kampf gegen die Jugendarbeit der Kirchen vor, weil diese der kommunistischen Jugendorganisation als Konkurrenz erschien. Die Junge Gemeinde sollte als westliche Tarnorganisation entlarvt werden. Die SED entfesselte eine Verfolgungskampagne gegen junge Christen und Jugendpfarrer. In einer großen Verhaftungswelle wurden zahlreiche Jugendliche und über 70 Theologen und Jugendleiter verhaftet und manche zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt. Im Laufe der Exzesse organisierten die Kommunisten in Schulen und in Betrieben Austrittskampagnen unter Einsatz massivsten Druckes. Wer sich nicht von der Jungen Gemeinde lossagte, dem drohte die Entfernung aus den Oberschulen und Universitäten. In kurzer Zeit wurden so etwa 3000 Schüler und knapp 2000 Studenten relegiert.

Nach dem Aufstand 1953 vollzogen die Kommunisten einen Strategiewechsel, da sie die Bevölkerung nicht wieder bis zum Äußersten reizen wollten. Nun wurden die bis 1989 gültigen Prinzipien einer Kirchenpolitik eingeführt, die überaus wirksam waren. Offen und verdeckt wurden die Claqueure der Kommunisten gefördert, die materielle Korrumpierung einzelner Kirchenleute organisiert, die konspirative Unterwanderung und Zersetzung der Kirchen eingeleitet und die antireligiöse Propaganda verstärkt. Kernstück war die Kompensation von Religion durch die Angebote einer sozialistischen Ersatzreligion. 


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So wurde seit 1955 die Jugendweihe unter erheblichem Druck eingeführt. Die Jugendweihe bildete in wesent­lichen Teilen die kirchliche Konfirmation bzw. Firmung nach. Die Teilnehmer sollten durch ein Gelöbnis auf Staatstreue und Sozialismus festgelegt werden. Durch tatsächliche und angedrohte Benach­teiligungen wurde die Jugendweihe praktisch zur Zwangsveranstaltung. Die Kirchen verloren dadurch einen großen Teil der jungen Generation. Auch andere Rituale wurden den kirchlichen nachgebildet, wie die sozialistische Namensweihe der Taufe oder die sozialistische Eheschließung der Trauung. Dazu kamen die kultische Verehrung von Personen, ein sozialistischer Festkalender, ein ausgeprägter Staatskult sowie die Ritualisierung des Militärischen.

Trotz innerer Abwehr gegenüber der Ideologie und der Kritik von propagandistischen Überzeichnungen haben große Teile der Bevölkerung den sozialistischen Religionsersatz angenommen und die Zwangslagen bei ihrer Durchsetzung verdrängt, da lebensbegleitende Riten stets auch einen sozialen Anteil haben, der von den Menschen privat genutzt wurde. Daß auch Intellektuelle und die jüngere Intelligenz dem Sog der marxistischen Weltanschauung erlagen, rührte teils aus den schweren Bildungsdefiziten, die die kommunistische Erziehung hinterließ, und teils aus der Einbildung, daß die marxistischen Deutungsmuster von Geschichte und Gesellschaft eine Wahrnehmung der Realität seien. Das metaphysische Geschichtsbild, in dem praktisch handelnde und eigenverantwortliche Individuen keinen Platz hatten, tröstete über die politische Entmündigung hinweg, indem die Angehörigen des Staatskollektivs zu »Siegern der Geschichte« erklärt wurden. Daß ein solches Konstrukt überhaupt Religion ersetzen konnte, lag auch an seiner emotionalen Stützung. Hier war es vor allem die Erziehung zum Haß und ein Feindbilddenken, das dem Glauben an die kommunistische Vision Erlösungsqualität gab. Den Kindern wurde erzählt: »Lenin hat gesagt, diese Zeit, in der die Tränen nicht mehr gebraucht werden, hat einen Namen. Sie heißt nicht Weihnachtszeit und nicht Frühlingszeit. Merkt euch das schwere Wort. Sie heißt: Kommunismus!«43

Das Projekt der SED, eine sozialistische und atheistische Kultur durchzusetzen, fußte auf einer Zerstörung wesentlicher traditioneller Grundlagen der Gesellschaft. Das reichte von Sprachregelungen, die Christliches aus dem Alltag verbannen sollten, bis hin zur gezielten Vernichtung des christlichen Erbes. Wenn Widerstand aufkam, wurde Gewalt angewendet. Eines der markantesten Beispiele dafür war der fast zehnjährige Widerstand gegen den Abriß der Leipziger Universitätskirche, die am 30.5.1968 in einem Akt von Kulturvandalismus gesprengt wurde44. Die Kommunisten haben ihren Machtvorteil und ihre Erfolge im Kampf gegen die Religion stets als Bewahrheitung ihrer Weltanschauung ausgegeben. Als sie durch ihre Kirchenpolitik einen Teil der Kirche bewegen konnten, um der Selbsterhaltung willen zu schweigen oder gar zu akklamieren, galt ihnen dies auch noch als Bestätigung ihrer Humanität und Toleranz.

 


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Zu allen Zeiten waren die Kommunisten in der offenen geistigen Auseinandersetzung auch feige. Es gab nie einen echten christlich-marxistischen Dialog, da sich der Staatsmarxismus einer wirklichen geistigen Debatte nicht stellte. Kirchliche Versuche, der ideologischen Herausforderung zu begegnen, führten zu Verfolgungen. Der Studentenpfarrer Siegfried Schmutzler in Leipzig wurde 1958 zu einer hohen Strafe verurteilt, weil er den offenen Dialog mit Studenten um den marxistischen Philosophen Ernst Bloch organisierte. In späteren Jahren wurde dies schon vorbeugend verhindert. Denn es galt immer der dialektische Zynismus: 

»Den Kampf gegen die Religion muß man als Kampf für die Befreiung der Gläubigen vom Joch der religiösen Irrtümer betrachten. Dabei haben die Kommunisten es niemals für zulässig gehalten, den Gläubigen das Recht zu nehmen, solche falschen Ansichten zu haben.«45

Die in die Enge getriebene, ihrer unabhängigen sozialen Organisation und ihrer Interessenvertretungen beraubte Gesellschaft befand sich stets im Zustand einer Dauerflucht, auf der Flucht vor dem totalen Zugriff und der Suche nach einem wenigstens minimal selbstbestimmten Leben. Wolf Biermann plädierte 1976 bei seinem letzten Auftritt in der DDR für das Standhalten und warnte vor der Flucht in die »private Idylle oder die Karriere«46. Doch die Flucht war allemal leichter. In die privaten Nischen flüchteten fast alle. Millionen haben die Flucht in den Apparat angetreten. Über zwei Millionen Mitglieder hatte allein die SED. Die Motive waren oft unpolitischer Natur, etwa Karrierewünsche und einfach auch Teilhabeverhalten, um Konflikten zu entgehen. Das konnte die SED noch ertragen, denn auf diese Weise blieb ihr wenigstens noch die Verfügungsgewalt.

Diese Verfügung verlor sie aber, wenn die Menschen in den Westen flüchteten. Es gibt kaum ein Land in Europa nach dem Weltkrieg, dem ein so großer Anteil der Bevölkerung davongelaufen ist wie der SBZ/DDR47. Die Kommunisten haben die von ihnen beherrschte Bevölkerung regelrecht in die Flucht geschlagen. 1990 hatte die DDR noch gut 16 Millionen Einwohner. Bis dahin hatten etwa 4,6 Millionen Menschen, etwa ein Viertel der Bevölkerung, ihre Heimat verlassen. Über die Motive der Flüchtlinge bestehen im Grunde keine Zweifel. In den Wirren der Nachkriegszeit gab es Wanderungen, die durch Familien- und Heimatbindungen begründet waren. Aus dem Westen kam aber weniger als ein Prozent der Einwohner in den Osten, von denen einige politisch motiviert waren.

Insgesamt handelte es sich bei der Flucht aus dem Osten weit überwiegend um eine politische »Abstimmung mit den Füßen«, eine radikale Absage an das soziale, wirtschaftliche und politische System. Vor dem Mauerbau stehen die Flüchtlingszahlen mit den Repressionen in einem unmittelbaren Verhältnis. So flohen allein 1953, dem Jahr des Aufstandes, über 330.000 Menschen. Spürbar war auch die Massen­flucht von besonders bedrückten Gruppen. So flohen viele Bauern trotz ihrer traditionellen Boden­ständigkeit Anfang der fünfziger Jahre und verstärkt 1960 nach der Zwangskollektivierung. Bürgerliche, Wissenschaftler, Mediziner, Künstler, Christen gingen gehäuft, wenn in ihren Lebensbereichen starker Druck ausgeübt wurde.


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Die Sowjets und die SED hatten schon früh versucht, die Grenzen undurchlässig zu machen, und verfolgten jeden Fluchtversuch. 1957 führte die SED den schon sprachlich entlarvenden Straftatbestand »Republikflucht« ein. Seitdem füllten schon vor dem Mauerbau Flüchtlinge die Gefängnisse. Der Mauerbau am 13. August 1961 schloß das verbliebene Schlupfloch Berlin. Bis dahin waren schon 3,5 Millionen gegangen. Trotz Strafandrohung, Stacheldraht, Minen und Schießbefehl setzte sich bis zum Ende der DDR eine weitere Million ab. 461.000 Menschen gelang eine Flucht. Die Mehrheit setzte sich bei privaten und dienstlichen Reisen ab. 

Über die schwer bewachten Grenzen flohen mehr als 30.000. Weiteren 70.000 gelangen solche Unternehmungen nicht, und sie landeten in Gefängnissen. Über 900 kamen ums Leben und mehr noch wurden teilweise schwer verletzt. Die Energie der Flüchtlinge zeigte sich an der Art der Fluchtversuche, der hohen Risikobereitschaft und auch dem Erfindungsgeist im Einsatz der Fluchtmittel: durch Tunnel und mit Ballons, mit umgebauten Fahrzeugen für gewaltsame Grenzdurchbrüche, auf Luftmatratzen und selbstgebauten Wasserfahrzeugen, mit Leitern und Seilbahnen, in den ausgefallensten Verstecken in Zügen und LKW, mit gefälschten Dokumenten oder über Fluchthelferorganisationen.

Auch Antragsteller für die sogenannte »legale« Ausreise gingen in der Regel ein hohes Risiko ein. Nur ein kleiner Teil konnte relativ leicht die Ausreise erlangen. Dazu gehörten Alte, Invalide, Pflegebedürftige, Fälle der Familienzusammenführung und solche, die der DDR keinen ökonomischen Nutzen mehr brachten. Es entspann sich ein regelrechter kalter Bürgerkrieg zwischen der SED und den Antragstellern. Diese sollten von ihrem Vorhaben abgebracht werden, und die Anträge wurden von den Behörden meist überhaupt nicht entgegengenommen. Sie wurden beruflich ausgegrenzt, um ihren Besitz gebracht, aus Bildungsanstalten vertrieben, vielfach kriminalisiert, wo immer es ging erpreßt, verfolgt, mit Geldstrafen belegt und inhaftiert. Das alles geschah entgegen internationalen Verträgen, die die DDR eingegangen war. Im Gegenzug unternahmen die Antragsteller Demonstrationen, Botschaftsbesetzungen, richteten Hilfsersuchen an westliche Politiker oder internationale Gremien, organisierten sich in Gruppen und leisteten durch politische und soziale Verweigerungen aller Art passiven und aktiven Widerstand.

Die SED versuchte alles, um Flucht und Ausreisebegehren einzudämmen. Der Staatsapparat, das MfS, die Betriebe richteten eigene Arbeitsbereiche ein. 1984 wurde eine Art Befreiungsschlag durchgeführt. Über 20.000 Menschen wurden in den Westen entlassen, um die hartnäckigen Antragsteller loszuwerden. Doch danach vervielfachten sich sofort die Anträge. Es wurde ideologisch und propagandistisch alles versucht, die Antragsteller »zurückzugewinnen«. Die Legende von der Abwerbung von DDR-Bürgern durch den Westen wurde in vielen oft absurden Versionen bis 1989 verbreitet.


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Hinzu kam die Verdächtigung der Flüchtlinge als Faschisten, Spione, Kriminelle, Arbeitsscheue, Irregeleitete u.a.m. Trotz allem stieg die Zahl der Anträge. Ende 1988 gab es trotz vorhergehender Massen­entlassungen aus der DDR-Staatsbürgerschaft 113.000 Anträge. Mehr als eine halbe Million Menschen haben ihre Ausreise »legal« erreicht.

Die Massenflucht hat den ostdeutschen Kommunisten schwer geschadet, ihre Herrschaft delegitimiert und war schließlich ein wichtiger Faktor der Revolution 1989. Aber der Aderlaß von Menschen, unter ihnen oft die wirtschaftlich hochmotivierten und intellektuell potenten Eliten, hat die ostdeutsche Gesellschaft auch beschädigt und geistig verarmen lassen.

 

Zu den traurigsten Kapiteln der SED-Gesellschaftspolitik gehören die vielen politisch motivierten Selbstmorde, die Flucht in den Tod. Die DDR hatte neben Ungarn die höchste Selbstmordrate in Europa48. Noch ist nicht umfassend geklärt, ob und wie viele dieser Selbstmorde einen politischen Hintergrund hatten. Aber es gibt auch kein Land in Europa, in dem so viele Selbstmorde im Zusammenhang mit der Politik der Kommunisten stehen. 

Die SED hat seit Mitte der siebziger Jahre keine Statistiken mehr veröffentlicht. Sie hatte Gründe. Solche Selbstmorde signalisierten die Ausweglosigkeit von Individuen in Situationen, die für sie unerträglich waren, weil sie in der geforderten Unterwerfung um ihre Würde gebracht und im Kem ihres Wesens getroffen wurden. Das aber geschah mit vielen Menschen, die in die Mühlen kommunistischer Behandlung gerieten. Der Tod aus Überforderung und Selbstmorde waren häufig Gegenstand der Literatur in der DDR, die oft als Seismograph der psychosozialen Situation fungierte. Christa Wolf hat sich in mehreren Texten mit diesem Problem auseinandergesetzt. Ulrich Plenzdorf hat in seiner Erzählung »Die neuen Leiden des jungen W.« einen jungen Arbeiter an einem Explosionstod sterben lassen, den dieser nach Verweigerung sozialistischer Kollektivzwänge bei einem Experiment herbeiführte, das eine eigene individuelle Leistung darstellen sollte. Reiner Kunze dokumentierte in »Die wunderbaren Jahre« einen Schülerselbstmord.

Bauern, Handwerker oder kleine Unternehmer, die um Hab, Gut und Tradition gebracht wurden, flüchteten in den Tod. Der Druck, um den Preis der Karriere sich von Tradition, Religion und manchmal auch von den »reaktionären« Familienmitgliedern zu trennen, führte auch bei Funktionären der SED oder bei Wissenschaftlern zum Selbstmord. Als sich in einer solchen Lage 1958 der Rostocker Historiker Johannes Nichtweiß das Leben nahm, meinte die dortige SED-Führung, der Wissenschaftler hätte »unmarxistische Schlußfolgerungen«49 gezogen. In jeder der zahlreichen kommunistischen Repressionswellen gab es gehäuft Selbstmorde. Während der Zwangsaussiedlungen aus den Grenzgebieten 1952 unternahmen eine größere Anzahl Deportierter Selbstmordversuche. Mehrere wurden vollendet. In Sonneberg/Thür. ging ein Ehepaar mit zwei Kindern in den Freitod50.


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Eine große Anzahl politischer Gefangener nahm sich das Leben51. Suizide kamen häufig schon in den Untersuchungshaftanstalten vor. So wurden 1959 18 und von Januar bis September 1960 17 Suizide allein von Untersuchungshäftlingen registriert. Noch im Zeitraum zwischen dem 1.1.1977 und dem 15.10.1978 ereigneten sich 21 Suizide und 46 Versuche im Strafvollzug. 

Auch in der Armee, besonders bei den Grenztruppen, kam es häufig zu Selbstmorden. Von Dezember 1987 bis November 1988 gab es bei den Grenztruppen 22 Suizidversuche, bei denen acht Soldaten starben. Nur fünf hatten private Ursachen. Durch Bespitzelung, politische Indoktrination und erfahrene Sinnlosigkeit des Dienstes wurden junge Soldaten in die Isolierung und zur »Selbstaufgabe«52 getrieben.

Die zahlreichen hochriskanten und häufig mißglückten Fluchtversuche über die waffenstarrenden und mit Tötungsmaschinen bewehrten Grenzen tragen in sich eine Komponente des letzten Risikos, das den Tod einkalkuliert hatte. Die Chancen, die Grenze überwinden zu können, standen häufig in keinem Verhältnis zu den eingegangenen Risiken und waren oft die letzte Möglichkeit, die erfahrenen Demütigungen zu kompensieren. Auch Ausreiseantragsteller haben die Strapazen langjähriger Ausgrenzungen und Verfolgungen in der Wartezeit nicht durchgestanden und nahmen sich das Leben53

Der politisch motivierte Selbstmord bekam bisweilen größere Öffentlichkeit, wenn prominente Politiker betroffen waren. 1965 hatte schon der Selbstmord des Politbüromitgliedes und wirtschaftspolitischen Aufsteigers Erich Apel nach Auseinandersetzungen mit Honecker und Günter Mittag Aufsehen erregt. 1974 nahm sich der Wirtschaftswissenschaftler Arne Benary das Leben. Prominente Selbstmörder hatten sich nach der Propaganda in einem »Anfall von Depressionen« das Leben genommen.

Zu den politisch induzierten Selbsttötungen gehören auch zahlreiche Selbstmorde von Jugendlichen. Darunter waren immer wieder Oppositionelle und viele in kirchlichen Gruppen Engagierte, die dem seelischen Druck nicht standhielten. Manchmal waren sie in Haftanstalten zur Zusammenarbeit mit dem MfS genötigt worden und konnten dies nicht verkraften. Hierher gehört möglicherweise auch der Tod des Jenaer Oppositionellen Matthias Domaschk, der 1981 nach nächtlichen Verhören unter einen derartigen psychischen Druck gesetzt wurde, daß er sich selbst erhängte. Ob die Staatssicherheit auch auf andere Weise nachgeholfen hat, ist bis heute ungeklärt54. Das MfS notierte Anfang der achtziger Jahre bei der Bearbeitung oppositioneller Kreise: 

»Die im Berichtszeitraum weiter angestiegene Zahl der Suizidversuche und -absichten ist als Ausdruck einer Tendenz der Ausweglosigkeit, Labilität, Resignation sowie nicht bewältigter persönlicher, beruflicher und gesellschaftlicher Konflikte unter einem Teil des operativ interessierenden Personenkreises zu werten.«55

 

Erschütternd sind auch die Berichte von Selbsttötungen von Kindern. Diese kamen häufig in den staatlichen Zwangserziehungseinrichtungen vor. Andere nahmen sich das Leben, weil sie und ihre Familien politischen Willkürmaßnahmen ausgesetzt waren. Ein 15jähriger Junge war mit seinen Eltern im Grenzgebiet im Kreis Ludwigslust ausgebürgert worden.

Sein Vater war beschuldigt worden, in der NS-Zeit Ortsbauernführer gewesen zu sein, was schon nicht stimmte, da der Mann erst 1927 geboren war. Der Junge kehrte heimlich mehrfach zurück und erhängte sich im Haus seiner zurückgebliebenen Großeltern56

Die Pastorin Ursula Meckel aus Thale wagte es, 1980 eine Traueranzeige auszuhängen: 

»Unsere Gemeinden trauern um den Konfirmanden, das Kind Volker M(xxx), geboren am 14.12.1964 in Thale. Er hat sich am 24. 5. 1980 in Halle in einer Strafvollzugseinrichtung erhängt! Vom Kreisgericht Quedlinburg war er am 25.4.1980 zu 12 Monaten Freiheitsentzug verurteilt worden, weil er versucht hatte, die DDR zu verlassen. Matth.18.«57

Selbstmorde sind Zeichen für die Umwelt und ihre Ankündigungen oft flehende Bitten um Gehör. Gehör wollte sich auch der Pfarrer Oskar Brüsewitz verschaffen, der nach dem Vorbild des tschechischen Studenten Jan Palach, der sich aus Protest gegen die Vergewaltigung seines Landes 1969 in Prag selbst verbrannte, im August 1976 in Zeitz mit Benzin übergoß und anzündete. Er führte das Plakat mit: »Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen, an Kindern und Jugendlichen.«58 Als diese Selbstverbrennung die Menschen beschäftigte, sprach Wolf Biermann in der Kirche von Prenzlau von einer »Flucht in den Tod«59. Er wollte damals junge Menschen für ein Standhalten im Leiden und ein Bleiben in der DDR aus der Hoffnung auf Veränderungen ermutigen. Doch der Freitod von Brüsewitz war mehr als nur eine Flucht aus Resignation. Er war die letzte Möglichkeit seiner Gegenwehr.

Die Kommunisten und ihre Helfershelfer haben damals nur zynisch reagiert und Brüsewitz als krank, sexuell abnorm und eben religiös anormal diskreditiert. Zynisch reagieren die kommunistischen Altkader und ihre ideellen und juristischen Verteidiger noch heute. Für sie sind etwa riskante Fluchtunternehmen bis heute lediglich Angelegenheit von Psychopathen. Die Flüchtlinge hätten schließlich gewußt, daß geschossen wird. In dieser Logik ist der Mensch, nicht der Kommunismus, das Risiko.

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