Teil 1

Altertum und 

frühes Mittelalter

 

  1. "Die Erde ist umgestürzt wie die Scheibe eines Töpfers ..." 
    — Vorderasien und Asien um 3000 v. Chr. bis 200 v. Chr.  (11) 

  2. "Jerusalem - voll unschuldigen Blutes von einer Ecke bis zur anderen" 
    — Das alte Israel um 1500 v. Chr. bis 135 n. Chr.  (27) 

  3. "Ihr, die ihr die Menschen wie Zugtiere gebraucht ..." 
    — Das antike Griechenland und Rom in der Zeit um 1000 v. Chr. bis etwa 300 n. Chr.  (41) 

  4. "Sie wurden des Hasses gegen das menschliche Geschlecht überführt" 
    — Im Römischen Weltreich von 64 bis 324  (59) 

  5. "Verehre, was du verfolgtest, verfolge, was du verehrt hast" 
     — Die Christianisierung Süd-, West- und Nordeuropas vom 4. bis zum 7. Jhd  (73) 

  6. "In Menschengestalt führen sie ein Leben von tierischer Wildheit" 
     — Europa während und nach der Völkerwanderung vom 4. bis zum 12. Jhd  (86) 

  7. "Entweder vertilgt oder das Christentum angenommen ..." 
    — Die Christianisierung Osteuropas vom 8. bis zum 12. Jhd  (117)  

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1. "Die Erde ist umgestürzt 
wie die Scheibe 
eines Töpfers ..."

Vorderasien und Asien
um 3000- bis 200- 

Das ewige Leben, das du suchst, wirst du nicht finden.
Als die Götter die Menschen schufen, da 
setzten sie den Tod ein 
für die Menschheit ...

Gilgamesch-Epos

Eifer für Gott
ist keine Grausamkeit.

H. v. Stricto 

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Zeittabelle der einzelnen Kulturen

 

 

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Die Geschichte der Menschheit begann um 3000 v. Chr. Damals ließen sich im Europa der Jungsteinzeit die ersten Großfamilien in größeren Siedlungen nieder und begannen mit Ackerbau und Viehzucht; zur selben Zeit entstanden die ersten Hochkulturen der Geschichte am Nil in Ägypten, an Euphrat und Tigris in Mesopotamien, am Indus in Indien und am Hoangho in China.

Die Menschen dieser ersten Hochkulturen bildeten sehr bald eine je nach Herkunft und Beruf streng gegliederte Gesellschaft. Ganz oben stand der Herrscher, der die Macht über alle und alles hatte, ein Priesterkönig und Stellvertreter des Gottes, dem die Stadt gehörte. Ganz unten befanden sich die am meisten Getretenen, die Sklaven. Dazwischen befahlen und arbeiteten, kämpften und litten die Priester, Krieger, Beamten, Handwerker, Händler und Bauern.

An dieser Ordnung des menschlichen Zusammenlebens vor 5000 Jahren hat sich bis heute nur wenig geändert.

Die Herrscher in Ägypten waren die Pharaonen, die sich als Söhne Gottes oder auch selbst als Gott verehren ließen. Für ihre Gräber ließen sie sich riesige und prunkvolle Totenhäuser errichten. Ganze Heere von Arbeitern und Handwerkern schufteten sich zu Tode, um etwa für die berühmte Cheops-Pyramide aus Steinbrüchen, die Hunderte von Kilometern entfernt lagen, rund zweieinhalb Millionen Steinblöcke, von denen manche 150 und alle im Durchschnitt zweieinhalb Tonnen wogen, heranzuschaffen. Der Grieche Herodot, der um 450 v. Chr. Ägypten bereist hat, schrieb über diese Pyramide, ihren Erbauer und die Ausbeutung der Arbeiter:

Bis auf den König Rampsinit nun, sagten sie, sei in Ägypten Recht und Gerechtigkeit gewesen, und das Land hätte sich in großem Wohlstande befunden; aber nach diesem sei Cheops König geworden, der es ganz schlecht getrieben habe. Denn zuerst hätte er alle Tempel geschlossen und sie vom Opfer abgehalten; sodann hätte er befohlen, daß alle Ägypter ihm Frondienste leisteten. Und einige hätte er angestellt, daß sie aus den Steinbrüchen im arabischen Gebirge Steine bis an den Nil zögen, und wenn die Steine auf Fahrzeugen über den Fluß gesetzt waren, stellte er andere an, die sie von da bis an das Libysche Gebirge ziehen mußten. Und es arbeiteten je zehnmal zehntausend Mann drei Monate hindurch. Und es dauerte, da das Volk so bedrückt war, zehn Jahre, daß sie den Weg bauten, auf dem sie die Steine zogen — ein nicht geringeres Stück Arbeit als die Pyramide selbst

Bei diesem unmenschlichen Übermaß aufgezwungener Frondienste, die Jahrhunderte hindurch alltäglich waren, kam es bei den ägyptischen Arbeitern immer wieder zu Aufständen gegen die Aufseher und Vorarbeiter. Immer wieder verlangten die Geschundenen erträglichere Arbeitsbedingungen, wie diese Aufzeichnungen an einen Vorarbeiter beweisen:

Hunger und Durst hat uns hierher gebracht, wir haben keine Kleider, wir haben kein Öl, wir haben kein Essen. Schreibe unserem Herrn dem Pharao darüber und schreibe dem Statthalter, der über uns gesetzt ist, damit man uns etwas für unseren Unterhalt gebe.

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  Abb.: Gemälde von Gustav Richter

 

Ägypten, 3. Jahrtausend v. Chr.: Aus Hunderten von Kilometern entfernten Steinbrüchen mußten für die Pyramiden der Pharaonen Tausende von Steinblöcken mit durchschnittlich zweieinhalb Tonnen Gewicht herangeschleppt werden. Herodot: "Und es arbeiteten je zehnmal zehntausend Mann drei Monate hindurch ..." 

 

Wenn auch im romantisierenden Stil des 19. Jahrhunderts, gibt das Gemälde "Pyramidenbau" von Gustav Richter eine eindrucksvolle Totalsicht über diese "Baustellen" im alten Ägypten, wo unzählige Menschen rücksichtslos zu Tode geschunden wurden. 

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Unterdrückung und Ausbeutung waren seit Beginn der Weltgeschichte das Los der Masse der Menschen in den unteren Klassen.  

Hinter den gewaltigen kulturellen Leistungen der Ägypter, Sumerer und Babylonier, die wir in ihren ausgegrabenen Kult- und Kunstzeugnissen bewundern, steckt die Arbeit ungezählter Namenloser, deren Blut, Schweiß und Tränen. 

Über ihren wenig glanzvollen Alltag blieben wenige Zeugnisse. Ein Stoßseufzer ist uns aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. überliefert, er ist erstaunlich modern und doch uralt: "Die Herzen sind raubgierig. Jedermann nimmt, was seinem Nächsten gehört!"

Auch aus dem alten Mesopotamien, wo einst der Garten Eden, das Paradies, gewesen sein soll, in dem Mensch und Tier friedlich miteinander lebten und in dem der Mensch den Menschen nur als Freund und Bruder kannte, erreicht uns aus dem Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. im Gilgamesch-Epos der Sumerer eine ganz andere Botschaft. Dort ist über die Errichtung der Mauern um Uruk zu hören:

"Held Gilgamesch erbaute Uruks Mauer,
die mächtige, die da steht wie erzgegossen,
so lotrecht sind die Ziegel aufgetürmt . . .
Ersteiget Uruks Mauer, geht auf ihr,
bewundert ihren allgewaltigen Bau!
Die Männer Uruks zürnten sehr und schalten,
die Mütter und die Töchter klagten weinend,
denn schwer lag ihres Königs Hand auf ihnen,
und seine Herrschaft dünkte Uruk hart.
Die Mauer, rühmenswert in späten Tagen -
in harter Fron ließ er sie auferbauen.
Es werkten hier die Männer Tag und Nacht.
Es durfte nicht der Sohn den Vater suchen,
das Mädchen konnte seinen Freund nicht sehn,
der Mann die Gattin in den Arm nicht nehmen:
was lebte, diente einzig nur dem Bau ..."

 

Abb.: Uruk, 3. Jahrtausend v. Chr.: 
Dem Priesterfürsten des sumerischen Stadtstaates (rechts) werden Gefangene zur Blendung vorgeführt. Die Zeichnung wurde nach einem Zylindersiegel aus Uruk angefertigt.

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Unter den Stadtfürsten der ersten Hochkulturen gab es gelegentlich auch den Einäugigen unter den Blinden, einen Reformer und Humanisten seiner Zeit, der das Los der Menschen zu verbessern suchte. Bei den Sumerern war dies Urukagina, der Fürst von Lagasch. Die Inschriften, die aus seiner Zeit unvollständig erhalten blieben, dokumentieren erstmals den Willen eines Herrschenden zu sozialen Veränderungen:

"Er sprach, und die Kinder von Lagasch befreite er von Dürre, von Diebstahl, von Mord ... Er setzte ein die Freiheit. Der Waise und der Witwe tat der Mächtige kein Unrecht an ..."

Aber dann berief sich einer der zahllosen Blinden in der Weltgeschichte auf seinen göttlichen Auftrag, hinter dem er eigene Macht­ansprüche und Eroberungsgier verbarg, und befahl in diesem göttlichen Auftrag Grausamkeit, Verwüstung, Schändung und Schlächterei unter den Nachbarn. Zur Zeit von Urukagina von Lagasch hieß der Blinde Lugalzaggisi, der Herrscher des benach­barten Umma. Er überfiel etwa um die Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. die Stadt Lagasch und zerstörte sie. Die Klage der Geschlagenen um ihren König und über ihr Elend gehört zu den bewegendsten Dokumenten der Weltgeschichte:

"Die Männer Ummas haben Brand gelegt,
das Antasurra setzten sie in Flammen,
sie raubten Silber, raubten Edelstein,
vergossen Blut in Tirasch, dem Palast!
Ja, Blut vergossen sie im Enliltempel
und wieder Blut in Babas Heiligtum ..."

 

Dokumente über Zerstörungen von Städten, Ausplünderungen der Feinde und Versklavungen der Gefangenen kennt die Welt­geschichte mehr als Erlasse und Urkunden wie die eines Urukagina. Die sumerischen Königsgräber in Ur beweisen uns außerdem, daß die Stadtkönige jener Zeit ihren göttlichen Auftrag auch im Jenseits fortführen wollten und deshalb viele Soldaten, Tänzerinnen, Musikanten, Zofen, Beischläferinnen, Fahrer und andere Diener und Dienerinnen mittels Gift mit in den Tod nahmen oder beim Tod der Königinnen mit in den Tod schickten. 

Der Fluch der Eroberungen des Stadtfürsten Lugalzaggisi von Umma, der in Lagasch "Blut und wiederum Blut vergossen" hatte, fiel im 24. Jahr­hundert v. Chr. auf ihn selbst zurück. Aus den Wüsten im Norden stürmte ein noch stärkerer Eroberer gegen die sumerischen Phalanxen des Lugalzaggisi heran und vernichtete sie — ein historischer Vorgang, wie er bis heute leider der Hintergrund aller Veränderungen menschlicher Gemeinschaften ist. 

Der neue Eroberer in Mesopotamien war Sargon I., der um 2350 v. Chr. die semitische Dynastie von Akkad begründete und wegen seiner weitreichenden Eroberungen, bei denen er reiche Beute machte und Tausende von Menschen tötete, den Beinamen "der Große" erhielt. Er "unterwarf Uruk", nahm den König gefangen, "vor dem Tor des Enlil schmiedete er ihn fest" und war auch "siegreich im Kampf gegen die Einwohner von Ur" und Umma. 

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Abbildung:
Akkad, um 1000 v. Chr.: Ein Gefangener, gefesselt mit Seil und an den Handgelenken mit einem Ring (Vasenfragment).

 

Aber auch der "Gott von Akkad", der "König der vier Weltgegenden", mußte abtreten, und seine Söhne gingen mit ihrem Erbe im Ansturm wilder Bergstämme unter. Die "Drachen der Berge" zerstörten Akkad:

"Auf den Treidelpfaden seiner Kanalschiffe wächst nur noch Unkraut / auf seinen Fahrstraßen wächst nur noch die Seufzerpflanze / auf den Treidelpfaden und Kais seiner Kanalboote / wandelt auch kein Mensch mehr aus Furcht vor den Wildziegen, dem Ungeziefer, der Schlange und dem Bergskorpion / Auf den Ebenen, auf denen die herzerquickenden Gewächse wuchsen, wächst nur noch das Tränenrohr / In Akkad, statt süßfließender Gewässer, fließt bitteres Wasser / Wer da sagt: ›Ich möchte in dieser Stadt wohnen‹, findet dort keine gute Wohnung / Wer da sagt: ›Ich möchte mich in Akkad zur Ruhe legen‹, findet dort keine gute Schlafstätte."

Wieder hofften die Besiegten und Geschlagenen auf ein Zeichen von irgendeinem Gott:

"Um die Waisen zu trösten und auf daß es keine Witwen mehr gebe, um für die Mächtigen eine Stätte des Verderbens zu schaffen, um die Mächtigen den Schwachen zu überantworten ... ergründet Nansche die Herzen der Menschen."

Aber sie hoffen umsonst, und wie vorher und noch eine geraume Zeit nachher bei den Babyloniern wurde jeder zehnte der Gefangenen aus den Raubzügen den Göttern geopfert. Um 2000 v. Chr., nach einer kurzen Wiedergeburt, versank nach der Eroberung Urs durch die Elamiter und Amoriter Sumer und seine Geschichte:

"O Sumer, du Land der Angst, 
deine Menschen verzweifeln, 
der König floh, 
und seine Kinder klagen."

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Während die letzten Generationen der Sumerer das Joch der Sklaverei auf sich nehmen und sich oder ihre Kinder verkaufen mußten oder als Staatssklaven der Sieger in Gefangenenhäusern arbeiteten, erreichen uns schriftliche Zeugnisse aus der gleichen Zeit über grausame Schrecken eines Bürgerkrieges in Ägypten, wo ein Jahrhundert lang am Ende des Alten Reichs um eine Erneuerung der Einheit des Staates im Mittleren Reich auf dem Rücken des Volkes ein blutiger Streit ausgetragen wurde:

"Der Nil war überschwemmt, aber niemand pflügt den Boden. Kein Schiff fährt gegen Norden nach Byblos, um Zedern und kostbare Öle zu holen: Die Armen der Städte, die früher nie die Sonne gesehen, und die Taglöhner, die vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne die Felder bewässerten, wandern jetzt ohne Zwang umher und begrüßen den Tag ohne Bangen. Alle Arbeit steht still. Die Ernte davon ist unser Hunger. 

Weil aber Hunger und Gewalt herrschen, erfüllt Weinen und Seufzen das ganze Land. Die Bilder der Götter werden zertreten ... Das Volk rühmt sich offen seines Unglaubens. Sie hören auf, Rauch- und Tieropfer zu bringen. Heiligtümer werden geplündert, Leichen aus den Gräbern geholt, der alte Glaube ist krank geworden. Die Priester haben ihr Ansehen verloren. Ägypten hat keine Säule mehr, Ägypten besteht nicht mehr. Alles ist verloren. Die Menschen sind selten geworden ... Nirgends, nirgends kann man Ägypter finden; alles ist umgekommen. Das Volk ist wie ein geknicktes Schilf. 

Es gibt keinen Führer. Wo ist er jetzt? Schläft er? Seine Stärke ist nicht zu sehen. Durch Hungern sind die Menschen heruntergekommen, man kann Lebende von Toten nicht unterscheiden. Der Große und der Kleine sagen: Ich möchte sterben. Hingemähtem Flachs gleicht das Volk. Die Erde ist umgestürzt wie die Scheibe eines Töpfers."

 

Abbildung
Babylon, 2. Jahrtausend v. Chr.
Gottkönig Hammurabi tötet einen gefesselten Gefangenen mit einer Axt 

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Um 1790 v. Chr. riß in Mesopotamien Babylon unter dem berühmten Gesetzesmacher Hammurabi die Macht an sich. Einige Jahrzehnte spürten auch die unteren Schichten wieder eine gewisse Fürsorge in den Reformgesetzen des "Codex Hammurabi", obwohl die Härte der Strafbestimmungen darin uns heute unmenschlich vorkommt. Sie waren von dem grausamen Gewohnheitsrecht der Nomadenkrieger jener Zeit bestimmt und verlangten zum Beispiel zum Schutz des Privateigentums: "Gesetzt, ein Mann ist in ein Haus eingebrochen, so wird man ihn vor selbigem Loch töten und ihn dort einscharren ..."

Hammurabis mächtiges und reiches babylonisches Großreich weckte den Neid seiner Nachbarn, vor allem derer im Norden. Unter den dortigen Bergvölkern, die keine Semiten, sondern möglicherweise Nachkommen europäischer Einwanderer aus der Neusteinzeit waren, also Indogermanen, fielen besonders die Hethiter mit wichtigen Neuerungen im Kriegswesen auf: Pferd und Streitwagen. Damit überrollten sie auch um 1531 v. Chr. Babylon. Die Stadt ging im Brand und Mord der Hethiter unter ihrem wilden König Murschili I. unter. Danach zogen die Hethiter mit riesiger Beute wieder nach Norden, denn sie konnten die eroberten Gebiete nicht halten, so groß waren diese. Die ersten "Arier" hinterließen nach ihrem ersten Besuch im semitischen Süden Ruinen, Schutt und Leichen. Die Überlebenden verfluchten sie als gewalttätige Räuber und Mörder. Mesopotamien lernte in den nachfolgenden Jahren einen allgemeinen Bürgerkrieg kennen:

Das eine Land das andere Land,
die eine Stadt die andere Stadt,
das eine Haus das andere Haus,
den einen Bruder der andere Bruder
nicht verschone, sie sollen einander ermorden. 

Etwa zur gleichen Zeit hinterließen die indoeuropäischen Arier auch in Indien blutige Spuren. Im Namen ihres Kriegsgottes Indra, dem "Festungs­zerstörer", der "Festungen zerreißt, so wie das Alter ein Kleid zerschleißt", zerstörten sie die erste Indus-Kultur (etwa um 2500 bis 1500 v. Chr.). 

Eine der beiden größten Städte dieser Kultur, Mohenjo-daro am Indus, wurde vor wenigen Jahren ausgegraben. Dabei fanden die Archäologen in einem einzigen Raum der Unterstadt von Mohenjo-daro 13 Skelette von Erwachsenen und einem Kind, deren Stellung eindeutig verrät, daß sie in einem unbarmherzigen Gemetzel niedergemacht worden waren. Die Eroberer aus dem Westen hatten die Einwohner in den Straßen und Häusern der Stadt erschlagen, die Stadt geplündert und dem Erdboden gleichgemacht.

Danach blieb sie über 2000 Jahre verlassen, ehe buddhistische Mönche sich dort niederließen.

Die Hethiter im Norden Mesopotamiens, den Bergländern des heutigen Iran, machten noch längere Zeit nach diesem Ereignis um die Mitte des 2. Jahr­tausends v. Chr. von sich reden. Ihre Könige rühmten sich noch Jahrhunderte später ihrer Eroberungswut, wie etwa Mursilis III. um 1250 v. Chr.: 

"Und die einen starben eines gewaltsamen Todes, 
die anderen auf natürliche Weise. 
Alle aber erledigte ich."

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Babylon war inzwischen unter die Vorherrschaft des übermächtigen Ägypten der Neuzeit (ab 1570 v. Chr.) gekommen und den Pharaonen am Nil tribut­pflichtig geworden. Thutmosis III. war ein Pharao, der seine Macht bis nach Palästina hinein ausbreitete. Er ließ in einer Chronik im April des Jahres 1479 v. Chr. nach der siegreichen Schlacht bei Megiddo, einer Stadt nahe Nazareth, über das Schicksal der Besiegten festhalten:

"Sie priesen den König und rühmten seinen Sieg. Dann brachten sie die Beute herbei, die abgeschlagenen Hände der Feinde, die Gefangenen, die Pferde und die Kampfwagen. Der Pharao aber gab seinem Heere den folgenden Befehl: ›Erobert tüchtig, erobert tüchtig, meine tapferen Krieger! Heute sind die Fürsten aller abgefallenen Länder in dieser Stadt beisammen. 1000 Städte haben wir eingenommen, wenn wir Megiddo einnehmen. Erobert tapfer, erobert tapfer!‹ Und nach der Eroberung der Stadt kamen die Fürsten der Länder auf ihren Bäuchen gekrochen, um die Erde zu küssen vor der Stärke seiner Majestät, um Atem für ihre Nasen zu erbitten von der Größe seiner Macht."

Wenig später verbreiteten dann die Assyrer Schrecken mit grausamer Kriegführung und unmenschlichen Strafexpeditionen gegen unbotmäßige Nachbarn. Sie waren im Norden Mesopotamiens aus dem Stadtstaat Assur hervorgegangen. Die Könige und Herrscher der Assyrer in ihren wichtigsten Städten Assur, Dar Scharrukin (heute Chorsabad), Kalasch (heute Nimrud) und Ninive (gegenüber dem heutigen Mosul) zeichnete eine für die bisherige Weltgeschichte ungewöhnliche Brutalität aus.

 

Abbildung
Indien, Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr.: Sir M. Wheeler photographiert bei der Ausgrabung von Mohenjo-daro die Skelette der niedergemetzelten Einwohner, die von indo-europäischen Ariern bei der Zerstörung der ersten Indus-Kultur getötet worden waren.

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Dem übernommenen Strafvollzug nach Hammurabi fügten sie einen ganzen Katalog sadistischer Strafen hinzu und bereicherten damit die Liste der bekannten Möglichkeiten des Schindens von Menschen um neue Varianten: langsames Pfählen, Entstellung des Gesichts durch Begießen mit heißem Erdpech, Abschneiden der Ohren, der Nase oder der Unterlippe, Blenden. Bei ihren Strafexpeditionen verschleppten sie ganze Völker in Gefangenschaft, versklavten die Frauen und Kinder und köpften oder kreuzigten solche männliche Gefangenen, die ihnen nicht mehr als Arbeitskräfte nutzten und auch als versklavte Kriegsleute wertlos waren. In einem Siegeslied Tiglatpilesars I. (1112 bis 1074 v. Chr.) heißt es:

"Er zerfetzte die Leiber
der Schwangeren /
er durchbohrte die Körper
der Schwachen /
den Mächtigen schnitt er
die Hälse durch /
im Rauch ihres Landes starben
die Krieger ... /
Zum Trümmerhaufen wird das Land,
das gegen Assur kämpft." 

 

     

Assyrien, 1. Jahrtausend v. Chr.: 

Assyrische Soldaten bringen Siegestrophäen, 
abgeschlagene Köpfe gefallener Feinde.

 

Assurnasirpal II. (883 bis 859 v. Chr.) ging als grausamster Assyrerkönig in die Geschichte ein. Mit seiner Reiterei und den von den Hethitern übernommenen Streitwagen überrollte er Mesopotamien und das heutige Syrien, befahl Massenhinrichtungen und besiedelte seine Residenz Kalasch mit Deportierten. 

Aufrührern im eigenen Lager begegnete er so:

"Ich tötete immer den zweiten Mann; ich baute eine Mauer vor den Haupttoren der Stadt. Schinden ließ ich die Rädelsführer, und mit ihrer Haut überzog ich jene Mauer. Einige wurden darin lebendig eingemauert, andere entlang der Mauer gepfählt. Eine große Zahl ließ ich schinden und bekleidete die Mauer mit ihrer Haut. Ihre Köpfe ließ ich in Gestalt von Kränzen und ihre Leiber als Girlanden sammeln."

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Assyrien um 800 v. Chr.: 
Der Reliefausschnitt zeigt Sklaven bei der Fronarbeit. Sie schleppen Körbe mit und werden von bewaffneten Assyrern bewacht (oben).

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Durch mehrere Jahrhunderte dauerte die assyrische Gewaltherrschaft. Den wenigen Königen, die sich nicht unterwerfen wollten, erging es so, wie die Chronik Salmanassars aus dem Jahr 858 v. Chr. über König Aram von Urarta zu berichten weiß:

"In die Adduri-Berge stieg er hinauf und ich ihm nach. Eine mächtige Schlacht lieferte ich in den Bergen, 3400 Krieger schmetterte ich mit meinen Waffen nieder, wie der Wettergott Adad ließ ich die Wolke der Zerstörung über sie niedergehen. Mit ihrem Blut färbte ich den Berg wie rote Wolle, sein Lager eroberte ich, seine Streitwagen, Reiter, Pferde, Maulesel, Kälber, sein Vermögen, und reiche Beute brachte ich von den Bergen. – Aram flüchtete, sein Leben rettend, auf einen unzugänglichen Berg. In meiner mächtigen Kraft zerstampfte ich wie ein Auerochse sein Land; die Siedlungen verwandelte ich in Ruinen und verbrannte sie mit Feuer ..."

 

Ähnliche Nachrichten sind von Tiglatpilesar III. (745 bis 727 v. Chr.), Sargon II. (722 bis 705 v. Chr.) und Sanherib (704 bis 681 v. Chr.) überliefert. Letzterer unterwarf im Jahre 701 v. Chr. ganz Juda, belagerte Jerusalem und zerstörte 689 vC schließlich die Weltstadt Babylon, weil sie den Glanz seiner Metropole, Ninive, seiner Meinung nach "verdunkelte". In einer Felsinschrift bei Bavian, nördlich von Ninive, ließ er für die Nachwelt diese Schilderung seiner Taten einmeißeln:

"In einem zweiten Feldzug zog ich eilends nach Babylon, das ich mir zu erobern vorgenommen hatte, und wütete dort wie der Anprall einer Sturmflut. Wie ein Orkan warf ich es nieder. Die Stadt umgab ich mit einem Kordon. Abgabe und Beute eroberten meine Hände. Ihre Bewohner, ob klein, ob groß, ließ ich nicht am Leben. Mit ihren Leichen füllte ich die Straßen der Stadt ... Die Stadt und ihre Häuser zerstörte, verwüstete und verbrannte ich von den Grundmauern bis zu den Dachfirsten ... Ich machte ihre Zerstörung vollständiger, als es eine Überschwemmung vermocht hätte."

 

Mit riesigen Zwangsarbeiterheeren, mit Sklaven, die weniger als das Vieh geachtet wurden, ließ Sanherib in Ninive seine prächtigen Tempel, Paläste und Denkmäler errichten. Und als die hölzernen Achsen unter der Last der berühmten Stierkolosse aus Babylon brachen, schleifte menschliche Zugkraft die Riesenfiguren auf Holzplanken am Boden dahin. Viele Tausende von Sklaven ließen dabei ihr Leben, während bewaffnete assyrische Einheiten immer bereitstanden, eventuelle Verzweiflungsakte sich empörender Sklaven mit dem Schwert niederzuschlagen. 

 

Abbildung
Assyrien, um 730 v. Chr.: König Tiglatpilesar III. läßt nach der Eroberung einer Stadt die Gefangenen pfählen. Die Zeichnung ist nach einem Relief auf den Bronzetüren in Imgur-Bel gemacht.

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Sanheribs Sohn Asarhaddon (680 bis 669 v. Chr.) machte im Stil seines Vaters weiter. Er eroberte Ägypten bis Nubien:

"Ich ließ den Rauch von 34 eroberten Städten zur Höhe steigen, wohlgefällig meinen Göttern, mit ihrem Geruch versengten Fleisches – allen jenen, die meines Gottes Assur Namen beleidigt, ließ ich die Zunge ausreißen ... Man schlug den Gefangenen die Gliedmaßen ab, sie wurden meinen Löwen und meinen Hunden vorgeworfen, um das Herz meiner Götter, der herrschenden, zu erfreuen ..."

 

Die größte Ausdehnung des assyrischen Reiches erreichte schließlich Assurbanipal (668 bis 626 v. Chr.), der ganz Ägypten eroberte und Theben plünderte und zerstörte. Da erhob sich sein Bruder gegen ihn, er verließ Ägypten und führte einen zehn Jahre andauernden Bürgerkrieg:

"An die Stadt Kinabu, die Festung des Hulai, kam ich heran. Mit der Masse meiner Truppen schloß ich in einer wilden Schlacht die Stadt ein und nahm sie. 600 ihrer Kämpfer erschlug ich mit der Waffe, 3000 Gefangene verbrannte ich mit Feuer, ließ keinen lebend als Geisel übrig. Hulai, ihren Stadtherrn, fing ich lebendig, ihre Leichen schichtete ich zu Türmen auf, verbrannte ihre Jünglinge und Mädchen mit Feuer. Dem Hulai, ihrem Stadtherrn, zog ich die Haut ab und hängte sie auf die Mauer ... auf. Die Stadt riß ich ein, zerstörte und verbrannte sie."

 

Nach Assurbanipal jedoch kam für das erste Reich der Geschichte, das "imperialistische Züge trägt" (Veit Valentin), für das erste, das sich blinder Zerstörungs­wut und grausamem Blutrausch hingegeben hatte, ein Ende mit Schrecken. Zuerst entrissen die Skythen dem durch innere Unruhen geschwächten Assyrien das Gebiet des heutigen Syrien. Dann zerstörten 614 v. Chr. die Meder die alte assyrische Hauptstadt Assur, verbündeten sich mit den Chaldäern aus Babylon und stürmten nach zweijähriger Belagerung schließlich im Jahre 612 v. Chr. Ninive.

Die überlebenden Assyrer marschierten in die babylonische Sklaverei. Das entvölkerte Land wurde zur verlassenen Wüste. Unter den Siegern über Ninive war auch Nebukadnezar, der spätere König Babylons (605 bis 562 v. Chr.), der diese Stadt zu größtem Glanz und Ruhm brachte, aber auch 587 v. Chr. Jerusalem zerstörte und 8000 jüdische Familien in die Gefangenschaft nach Babylon brachte (siehe Seite 34). 

 

Auch Ägypten hatte, vor Augen die zahllosen Beispiele assyrischer Kriegführung, noch einige Pharaonen aufzuweisen, denen unmenschliches Handeln vorzuwerfen ist. So heißt es in einem Preislied über Ramses II. (um 1200 v. Chr.): "Der das Land der Hethiter zertritt und es zu einem Leichenhaufen macht ..."

Ein sogar damals ungewöhnliches Verfahren beim Zählen der getöteten Feinde ist von den Pharaonen Meremptah (1234 bis 1225 v. Chr.) und Ramses III. (1197 bis 1165 v. Chr.) noch zu melden: Sie ließen den getöteten Libyern die Geschlechtsteile abschneiden und auf Esel verladen, um die Beweisstücke dem Volk zu Hause vorzuzeigen. Einige Historiker meinen, daß diese Methode gelegentlich auch bei der Zählung der Kriegsgefangenen angewandt wurde.

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Ägypten, 1. Jahrtausend v. Chr.: 

Unter den Pharaonen Meremptah und Ramses III. werden getöteten, möglicher­weise auch gefangenen Feinden, die Geschlechtsteile zwecks Zählung der Opfer abgeschnitten. Sie wurden auf Esel verladen und dann zu Hause als Beweisstücke für die Anzahl der erledigten Feinde vorgezeigt.

Ägypten und Babylon wurden im 6. Jahrhundert v. Chr. die Opfer der Nachfahren der medischen Eroberer aus dem Osten. Der Perserkönig Kyros II. hatte 539 v. Chr. mit Babylon genauso leichtes Spiel bei der Unterjochung zur persischen Provinz wie wenige Jahrzehnte später einer seiner Nachfolger, Kambyses, mit der Unterwerfung Ägyptens (525 v. Chr.). 

Auch die anderen asiatischen Hochkulturen des Altertums in Indien und China veränderten in den letzten Jahrhunderten vor der Zeitwende, ebenfalls durch blutige Umstürze, Eroberungen und Bürgerkriege, ihre ursprüngliche Gestalt. In China verschwanden vom 8. bis 3. Jahrhundert v. Chr. durch den stetigen Machtgewinn der Lehnsherren, die ihre Unabhängigkeit erkämpften, allmählich die feudalen Königsstaaten. Es bildeten sich Fürstentümer, die sich in zahllosen Kriegen mit fremden Nomadeneinfällen selbst schwächten und schließlich in Bürgerkriegen endeten. Um 550 v. Chr. schrieb ein Dichter über die Zustände in seiner Heimat:

Das Volk war geflohen. 
Unsere Wohnungen waren verwüstet ... 
Wehe! 
Die Menschen von heute sind nicht mehr wie die früheren ...

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Warum es dem Volk der Chinesen auch noch Jahrzehnte später schlecht ging, notierte Lao-tse (604 bis 520 v. Chr.), ein Zeitgenosse des großen Konfuzius (551 bis 479 v. Chr.): »Die Hungersnot des Volkes ist auf die zu hohen Steuern zurück­zuführen. Darum ist das Volk hungrig.«

Bis um 250 v. Chr. hielten die Not und der Hunger in den Bürgerkriegen der zu Ende gehenden alten, in Kleinstaaten zerfallenen chinesischen Hochkultur an:

»Alle Völker stehen gegeneinander, verletzen sich mit Wasser, Feuer und Gift. Die heutigen Unruhestifter sind wie Tiere.«

So schrieb der Philosoph Me-tse. Sein Kollege Mong-dsi erklärte dazu:

»Der Krieg wird geführt um Länder, so daß die Getöteten die Anger erfüllen. Der Krieg wird geführt um Städte, so daß die Getöteten die Städte erfüllen ... In üblen Erntejahren und in Hungerszeit war im Volke große Not; die Alten und Schwachen krümmten sich vor Hunger in den Straßengräben; die Kräftigeren wurden in alle Winde zerstreut. Die Zahl der Opfer ging in die Tausende.«

 

Die »in alle Winde zerstreuten Kräftigeren« verdingten sich als Leibeigene an die Großgrundbesitzer. Das führte zu einer gefährlichen Landflucht, die auch noch im 1. Jahrhundert v. Chr. anhielt und im Jahre 107 v. Chr. zwei Millionen, im Jahre 153 n. Chr. noch 300.000 bis 400.000 Menschen erfaßte. 

Die Bauern auf dem Lande konnten dem Boden kaum ein knappes Existenz­minimum abringen. Im Jahre 178 v. Chr., als bereits eine Zeit des Wiederaufbaus begonnen hatte, die Hunnen im Norden abgewehrt werden konnten und ein neuer Einheitsstaat der Chinesen unter einer neuen Dynastie aufgebaut wurde, schrieb ein Zeitgenosse in einer Throneingabe über das Los der Bauern in China:

In einer Bauernfamilie von fünf Personen müssen nicht weniger als zwei Arbeitsdienst verrichten; das Land, das sie pflügen können, ist nicht mehr als 100 Mu (weniger als zwei Hektar), und es trägt nicht mehr als 100 Scheffel (etwa 30 Doppel­zentner). Im Frühjahr pflügen sie, im Sommer jäten sie, im Herbst ernten sie, und im Winter bringen sie die Ernte in die Scheune. Sonst sammeln sie Brennholz, reparieren Amtsgebäude und verrichten Arbeitsdienst. Im Frühling sind sie Stürmen und Staubwolken ausgesetzt, im Sommer der Hitze, im Herbst dem Nebel und Regen, im Winter der Kälte und dem Frost.  

Keine der vier Jahreszeiten bringt ihnen einen Ruhetag. Und sie müssen den Toten das Geleit geben, die Braut einholen, Hinter­bliebene und Kranke besuchen, und auch das Großziehen der Kleinen und die Erziehung der Kinder gehören dazu. Und wo die Arbeit so schwer ist, trifft sie noch das Unheil der Überschwemmungen und Dürren, treffen sie drückende und grausame Maßnahmen des Staates und Steuern, die nicht der Zeit gerecht werden und bei denen der Befehl vom Morgen am Abend schon wieder anders lautet.  

Solange sie noch etwas haben, müssen sie es zum halben Preis verkaufen, und wenn nichts mehr da ist, müssen sie leihen und dafür Zinsen zahlen, die so hoch sind wie der geliehene Betrag. So gibt es denn Menschen, die ihre Felder und Gehöfte verkaufen und ihre Kinder und Enkel in Pfand geben, um ihre Schulden zu bezahlen. 

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Ausbeutung, Hungersnot und Bürgerkriege beherrschten China vor der Zeitenwende, während in Zentralindien die erste bedeutende Herrscherfigur nach dem Ende der Indus-Hochkultur durch die arischen Nomadenvölker und deren Vermischung mit den Persern aus dem Dunkel der geschichtlichen Anfänge trat. Von diesem ersten historisch nachgewiesenen indischen Herrscher namens Tschandragupta notierte sich ein Botschafter Alexanders des Großen, er wäre ein ungewöhnlich ängstlicher Diktator gewesen, der aus Furcht vor Meuchelmord jede Nacht in einem anderen Zimmer seines Palastes in Pataliputra (dem heutigen Patna) schlief und die Hauptstadt mit Spionen durchsetzt hatte. Seine Untertanen soll er erbarmungslos versklavt haben; wer nicht seiner Meinung war, wurde hingerichtet. Dieser Tschandragupta starb um 298 v. Chr.

Sein Sohn Bindusara eroberte dem Reich seines Vaters in einem Vierteljahrhundert beträchtliche Gebiete im mittleren und südlichen Indien hinzu, ehe der Enkel Aschoka im Jahre 273 v. Chr. auf den Thron Indiens kam. Er war der typische Reformer, wie sich nach seinem ersten und letzten Angriffskrieg zeigte: Angesichts der Hunderttausende von fürchterlich zugerichteten Opfern an Soldaten und Zivilisten, von denen viele auch an Hunger und Seuchen gestorben waren, soll Aschoka vom Übel derartiger Gewaltmaßnahmen überzeugt worden sein und sich zum Buddhismus bekehrt haben. Er erklärte: »Dem Gesetz der Liebe zu folgen — das ist der einzige Weg, der volle Seligkeit ist.« Und er verstand dies so: »Gehorsam gegenüber den Eltern, Achtung vor dem Alter und geziemendes Benehmen gegenüber Brahmanen und Asketen, Armen und Elenden, ja selbst Dienern und Sklaven.«

Die Geschichtsschreibung berichtet, daß Aschoka diese Vorschriften nicht nur für das Volk erließ, sondern auch selbst danach handelte. Er hob Zwangsgesetze auf und begnadigte Gefangene. Dieser Aschoka, der 232 v. Chr. starb, hatte offenbar das Zeug dazu, ein Vorbild für die Herrscher der nachfolgenden zwei Jahrtausende Weltgeschichte bis heute zu sein. Daß diesem Vorbild, wie wir sehen werden, nicht nachgeeifert wurde, liegt vielleicht auch daran, daß Aschoka nur 40 Jahre Zeit hatte, nach seinem Gesetz der Liebe zu regieren.

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