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7. Bücher — ein geistiges Umweltproblem

 

Von Heinz Friedrich, 1979

 

 

 

Auch ein Beitrag zur Ökologie

225-230

Wenn die natürliche Lebenslandschaft des Menschen - angesichts einer zunehmend verantwortungslosen wirtschaftlichen und technischen Deformierung und Ausbeutung - unserer kritischen Aufmerksamkeit bedarf, dann dürfen wir solche Aufmerksamkeit erst recht nicht dem geistigen Raum unserer Existenz versagen. 

Zwar scheint Papier geduldiger als zum Beispiel verschmutzte Stadtluft oder verseuchte Gewässer, aber diese Tatsache sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß durch Druckerschwärze eingefärbtes Papier möglicherweise Langzeit-Einwirkungen auf das menschliche Verhalten auslöst, die manche Schäden an der natürlichen Umwelt übertreffen.

Das heißt: 

Steigen die geistigen Bedürfnisse einer Gesellschaft durch bildungspolitische Aktivität, so muß dieser Neugier und diesem geistigen Tätigkeits­drang auch eine geistige Herausforderung antworten. Nur diese Herausforderung ermöglicht kulturelle Weiter- und Höherentwicklung; findet sie nicht statt, so wird lediglich der Konsum von bedrucktem Papier angeregt zwecks Ankurbelung profitträchtiger Umsätze. 

Die gesellschaftliche »Relevanz« dieser pseudo-geistigen Produktions­steigerungen besteht dann allenfalls in der Erhaltung oder Schaffung von Arbeitsplätzen der papier­verarbeitenden Industrie, nicht aber in der Förderung dessen, was Kultur genannt wird.

Gewiß: die Hersteller und Verkäufer von Büchern befanden sich von jeher in einer mißlichen Lage, weil sie gezwungen waren, kulturelle Verantwortung (als Ökologie des Geistes) mit geschäftlichen Interessen so zu verknüpfen, daß wirtschaftliche Rentabilität gewährleistet blieb. Daß dies nicht immer leicht war und immer schwerer wird, braucht heute weder einem Verleger noch einem Buchhändler gesagt zu werden. Gegenüber den Medien der öffentlichen Meinung und damit auch gegenüber den Lesern selbst tut jedoch gelegentliche Aufklärung in dieser Richtung not; auch Autoren bedürfen ihrer zuweilen. 

Denn allzu rasch bietet sich als ideologische Alternative zur Vermarktung des Geistes die Auffassung an, daß der Geist, da er immateriell sei und sich materieller Bewertung entziehe, der Gesellschaft auch zum Nulltarif zugänglich gemacht werden müsse.

Jedoch: 

Kultur gab es noch nie zum Nulltarif, sie mußte im Gegenteil immer finanziert werden, und manchmal führte sogar ihre Finanzierung zum Ruin derer, die sie sich zu leisten wünschten. Denn Kultur als Produkt des schöpferisch tätigen Geistes ist nun einmal, obwohl sie nicht zu den unmittelbaren animalischen Bedürfnissen des Menschen gehört, sondern in sublimeren Bereichen angesiedelt ist, auf Materie angewiesen, um sinnlich in Erscheinung treten zu können. Im Unterschied jedoch zu den sogenannten Gebrauchsgütern sind die Erzeugnisse der Kultur zweckfrei; sie gewinnen ihren Sinn nur durch sich selbst und den Rang, den sie repräsentieren.

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Insofern entziehen sie sich (oder sollten sich zumindest entziehen), obwohl auf den Markt angewiesen, der Vermarktung um des Vermarktens willen. Im Vordergrund steht innerhalb der metaphysischen Umwelt des Menschen die Proklamation jenes Gegenstücks des Geistes (Benn), das allein die Spezies Mensch aus der Barbarei heraustreten läßt.

Betrachtet man das Phänomen »Kultur« unter diesem Aspekt (es gibt keinen anderen!), so kann nicht verborgen bleiben, daß sich in diesen Jahrzehnten eine gefährliche Veränderung dessen vollzieht, was man Kulturbewußtsein der Gesellschaft nennen könnte. Mehr und mehr nämlich wird die Kultur unter dem Vorrang wirtschaftlicher Verwertung und damit der totalen Vermarktung, sprich: Ausbeutung gesehen und dementsprechend zu einem Surrogat dessen erniedrigt, was sie einmal gewesen war und was sie immer noch sein könnte. 

Die Bestseller-Listen zum Beispiel sind ein deutliches Zeichen für diese ökonomische Barbarisierung geistiger Hervorbringungen. Sie signalisieren, (und zwar mit Methoden, die in sich schon fragwürdig sind), ohne Ansehen der Inhalte nur noch umgesetzte Buchquantitäten und geben vor, dadurch einen objektiven Blick auf die geistige Landschaft unserer Tage frei zu geben.

In Wirklichkeit jedoch heizen Informationen dieser Art vornehmlich nur die Konsumhysterie an, anstatt das kritische Urteil des Lesers herauszufordern und zu fördern. Was bleibt, das ist lediglich ein Dokument des zunehmend manipulierten und indifferent gewordenen Lesergeschmacks.

Nicht von ungefähr stammt die Idee der Bestseller-Listen aus den Vereinigten Staaten — wie überhaupt der hypertrophierende Merkantilismus der westlichen Welt in seiner jetzigen Erscheinungsform eine aus Amerika importierte Krankheit der Zivilisation darstellt. 

 wikipedia  Merkantilismus (viel Export, wenig Import)

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Im Jahr 1905 veröffentlichte der bedeutende Nationalökonom Werner Sombart eine schmale Schrift mit dem interessanten Titel

<Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus?> 

In diesem Büchlein, das nur in seinen statistischen Details, nicht aber in seiner grundsätzlichen Aussage überholt und daher immer noch lesenswert ist, kommt Sombart zu dem Schluß, daß in Amerika deshalb kein Sozialismus entstanden sei und entstehen könne, weil jeder einzelne Bürger dieses Landes, auch der ärmste, derart kapitalistisch-materialistisch infiziert sei, daß er keinen anderen Gedanken zu denken imstande sei als diesen: Wie komme ich zu Geld und zu immer mehr Geld? 

Nirgends auf der Erde, schreibt Sombart, »ist kapitalistische Wirtschaft und kapitalistisches Wesen zu so hoher Entwicklung gelangt, wie in Nordamerika«, und er fügt hinzu, die gesamte Lebensführung des amerikanischen Volkes entwickle sich immer mehr und immer entschiedener in einer dem Kapitalismus entsprechenden Weise. Das einzige, was die aus allen Weltteilen nach Amerika eingewanderten und ohne historische Tradition miteinander lebenden Menschen wirklich verbinde, sei die Einschwörung auf die gemeinsame Doktrin des Gewinnstrebens. 

Sombart verdeutlicht diese These an der Eigenart der geistigen Kultur, die sich in den Vereinigten Staaten entwickelte. Das kapitalistische Milieu habe die kulturelle Verhaltensweise der Amerikaner entscheidend geprägt. Die in der kapitalistischen Gesellschaft zum Prinzip erhobene »Reduktion aller Vorgänge auf Geld« habe dazu geführt, daß dieses Prinzip auch auf außerwirtschaftliche Verhältnisse (also insbesondere auf kulturelle) übertragen worden sei. 

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Das heißt, schreibt Sombart, bei der Wertung von Dingen und Menschen nähme der Nordamerikaner stets den Geldwert zum Maßstab. Es ist einleuchtend, fährt Sombart fort, »daß, habe ein derartiges Verfahren sich erst eingebürgert und durch Generationen fortgesetzt, allmählich das Empfinden für den rein qualitativ bestimmten Wert sich verringern müsse«. Die »Bewunderung jeder meßbaren und wägbaren Größe« sei für den Amerikaner im wahrsten Sinne des Wortes das Maß aller Dinge.

Wie gesagt: 

Diese Sätze und Thesen wurden am Anfang des 20. Jahrhunderts, nämlich 1905, veröffentlicht. Gegen Ende des Jahrhunderts werden sie weltweit bestätigt, denn die Devise vom <american way of life> hat inzwischen alle Völker ergriffen, die nach dem 2. Weltkrieg in die Einfluß-Sphäre der Vereinigten Staaten gerieten. Die Völkergemeinschaften der Alten Welt brachen ebenso aus der kulturellen Disziplin mehrtausendjähriger Traditionen aus wie zum Beispiel die Völker Ostasiens, ohne im Fetisch einer fragwürdigen Freiheit ein Äquivalent für die Verramschung ihrer Kulturgüter finden zu können. 

Das Umsetzen der kulturell-schöpferischen Kräfte einer Gesellschaft in Kultur-Ausverkauf verschafft zwar vorübergehend materiellen Gewinn, aber diese selbstmörderische Profitgier zerstört ebenso das ökologische Gleichgewicht im Umfeld der Menschheit, wie der Krebsfraß der industriellen Entwicklung die alten Natur- und Kunstlandschaften der Erde zerstört. 

Bald werden sich die homines sapientes aller Breiten in ihrer durch barbarischen Raubbau verwüsteten geistigen Daseins-Landschaft ebenso unheimisch fühlen wie in ihrer industriell verheerten Umwelt. Ob sich dann allerdings die geistigen Umweltschäden leichter werden beheben lassen als die physischen, das ist noch sehr die Frage. 

Diese Aspekte sollte nicht außer acht lassen, wer über Bücher und deren Schicksal im späten 20. Jahrhundert nachdenkt. Die Bücher können nicht aus der ökologischen Verantwortung für die Gesellschaft ausgenommen werden; vor allem aber können diejenigen nicht aus dem Obligo entlassen werden, die sich mit der Herstellung und dem Vertrieb von Büchern befassen. 

Die rüde Alleinherrschaft wirtschaftlichen Kalküls (dessen dienende Funktion in diesem Zusammenhang im übrigen niemand abstreitet) darf einfach nicht Macht über das buchhändlerische Denken gewinnen, wenn die Buchlandschaft als das erhalten bleiben soll, was sie einmal gewesen ist, nämlich: nach Hofmannsthal, der geistige Raum der Nation.

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Heinz Friedrich 1979