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Einleitung

Gizycki-1983

Rufe getrost !  Schone nicht ! 
Erhebe Deine Stimme wie eine Posaune!
Kanzel-Inschrift der Dorfkirche von Gorleben, 1649 

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Die Sintflut – also eine weltweite Öko-Katastrophe – gehört zum ältesten Gedächtnisbestand der Menschheit. Erst in den späten sechziger Jahren aber tauchen Fragen nach der Umweltzerstörung in der zeitkritischen Diskussion häufiger auf. 

Ich erinnere mich noch, wie belustigt und im Grunde ungläubig meine Freunde und ich zunächst reagierten, als Rudi Supek, der die jugoslawische Praxis-Gruppe mitgegründet hat, in der philosophischen Sommerschule auf Korcula damals zum ersten Mal als Marxist von Wasser- und Luftver­schmutzung und vom pfleglichen Umgang mit Rohstoffen oder Energie zu sprechen anfing. Ich erinnere mich allerdings auch noch daran, daß Ökologie als Wort und Sache gelegentlich schon etwas früher herumgeisterte: im Dunstkreis von Hünengräbern und NPD-Stammtischen.

  wikipedia  Rudi_Supek  1913-1993, Professor für Psychologie, Institut für Soziologie

Aber zu Noahs Archenbau: Eine kleine Minderheit von Menschen konnte sich damals mit ihren Tieren und Pflanzen retten, und die Weltgeschichte nahm noch einmal einen neuen Anfang. Es ging ›zurück‹ in eine bergende, selbstgebaute Höhle, und von dieser kreativen Regression handelt mein Buch. In einer schöpferischen Umkehr und Rückwendung sehen ja auch heute wieder Minderheiten einen Rettungsweg aus der drohenden Selbst­zerstörung unserer Welt.

Die kreative Form der Regression, bei der Weiterführend-Neues entsteht, schlage ich dabei vor, von der atavistischen Regression zu unterscheiden. Die kreative Regression ist als zielbewußter, zeitweiliger Rückschritt ein Teilmoment jedes Neuanfangs. Im Bereich sozialer Erfindungen gehören Alternativ-Einrichtungen mit Schrittmacher-Funktion zu den in kreativer Regression entstehenden gesellschaft­lichen Erneuerungen.

Die atavistische Regression besteht dagegen im Zurückfallen und Liegenbleiben. Die atavistische und die kreative Regression sind zwei grundverschiedene Spielarten des Zurückgehens auf archaische, ›primitive‹ oder wie immer bezeichnete ursprüngliche Bewußtseins- und Verhaltensformen. Beispiele für atavistische Regression sind Rückzugsversuche, sofern sie geschichts­vergessen und reflexions­unlustig in den Schoß von Mutter Erde flüchten und sich ein unvermitteltes ›Zurück zur Natur‹ wünschen. Ebenso gehören dazu alle Rückfälle in Wurzelmythen und Herrenrassen-Wahn.

Dieses Buch entwirft Gründzüge einer Sozialphilosophie alternativer Lebensformen.1) Sehr vereinfacht gesprochen, gehe ich davon aus, daß die Französische Revolution noch nicht beendet ist und daß ihre vergessene dritte Parole: »Fraternité« ein aussichtsreicher Ansatzpunkt für umfassende Erneuerungs­prozesse in unserer Gesellschaft ist. Lebensformen, in denen sich eine brüderliche (und schwesterliche) Haltung verkörpert, hat es in unserer Geschichte immer wieder gegeben. Auch die Gegenwart kennt zahlreiche Beispiele solcher Alternativen zum vorherrschenden Pyramidensystem. Dieses gesellschaftliche und kulturelle Neuland zu erkunden und uns bei seiner Gewinnung und bei seinem Ausbau mitzubeteiligen, ist meiner Meinung nach eine der Hauptaufgaben, die uns heute in den Sozialwissenschaften gestellt sind.

Inhaltlich zielt mein Ansatz auf eine Akzentverschiebung in der Auffassung vom Menschen, der nach vorherrschendem sozial­wissen­schaftlichen Verständnis ›Zoon politikon‹ ist, und den ich zutreffender als ›Zoon erotikon‹ beschrieben finde. Der Mensch ist danach das liebesfähige Wesen mit Geschichte. Mit ›Eros‹ ist hier das umfassende Assoziationsprinzip gemeint, das beim späten Sigmund Freud anklingt2, und das die politischen (ursprünglich aus Verwandtschafts-Verbänden entstehenden) und die ökonomischen (aus der Arbeitsteilung folgenden) Assoziationen einschließt.

›Der Mensch ist das liebesfähige Wesen mit Geschichte‹ heißt, daß unsere Fähigkeit zum Eingehen von Bindungen historisch verschiedene Formen annehmen kann. Meine Grundthese ist, daß unsere Liebesfähigkeit hauptsächlich durch Herrschaft behindert wird, die sich in hierarchischen (pyramiden­artigen) Strukturen von Verwandtschaft und Arbeitsteilung behauptet. Das heißt: unsere Liebesfähigkeit kann teilweise oder gänzlich unverwirklicht bleiben.

Gegenüber dem ›Big Brother‹ in Orwells ›1984‹ kommt es darauf an, die im Fraternité-Motiv steckende innovative Energie des Eros zu befreien. Um ihren möglichen Gestaltenreichtum entwickeln zu können, braucht unsere Liebesfähigkeit Aneignungs­gelegenheiten, wie sie in herrschaftsfreien Alternativ­einricht­ungen real existieren.

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Nach biblischem Mythos war ursprünglich auch die Arche Noah eine solche Aneignungsgelegenheit. Im Zeichen des Regenbogens waren damals Himmel und Erde, Geist und Natur freundschaftlich miteinander verbunden.

Das dem neuen Bewußtsein korrespondierende ›Sein‹ gibt es bereits in vielfältiger Gestalt: in herrschaftsfreien Gemeinwesen (vor allem in den USA) und in ihren Netzwerken, in zahlreichen Bürgerinitiativen, in grünen und bunten Bewegungen, in vielen Alternativ­gruppen, -betrieben und -einrichtungen. Die inhaltliche Kursmarkierung des in ihnen verkörperten Wertwandels löst die beiden bisherigen Haupt-Richtungssignale ›liberal‹ und ›sozial‹ ab, besser: ergänzt sie um die notwendige dritte Orient­ierungs­perspektive der ›fraternite‹, deren zeitgenössische Umschreibung mit Begriffen und Ausdrücken geschieht, die noch nicht ebenso abgeschliffen oder ausgeleiert sind wie ›liberal‹ und ›sozial‹.

Das Neue, Nichtetablierte dieser ergänzenden Perspektive kommt in ihren unterschiedlichen Positions­bezeichnungen angemessen zum Ausdruck: Sie ist ›solidarisch‹, auch mit der Natur, und nimmt dann ›ökologische‹ Bedeutung an; sie ist lebensfreundlich und gewaltfrei, plädiert für ›sanfte‹ Technologien und möchte eine Gesellschaft aufbauen, in der die Sinnleere, Lieblosigkeit und Konkurrenz, die Ausbeutung, Unterdrückung und zerstörerische Macht der herrschenden Verhältnisse überwunden werden.

Gegenüber den Forderungen nach Freiheit und Gleichberechtigung meldet sich hier die bisher weitgehend vernachlässigte dritte Forderung der Französischen Revolution zu Wort. Entscheidend für sie ist, daß sie nicht nur eine Ergänzung auf der bisherigen Ebene politischer Zielvorstellungen ist, sondern diese Ebene selbst überschreitet (eigentlich: unterschreitet) und andere als nur politisch erreichbare Ziele mitverfolgt. Dieser Paradigmenwechsel stellt daher das gesamte bisher vorherrschende Politik­verständnis selbst in Frage.

Die neue Kultur dieses praktischen Humanismus ist eine Friedenskultur.

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Inzwischen haben falsche Anwälte und Propheten so gut wie alle Bezeichnungen aus dem Wortschatz der emanzipatorischen Tradition für sich beansprucht; daher sind auch Ausdrücke wie ›Frieden‹ und ›Humanismus‹ oder auch ›Heimat‹ (gar: ›Neue Heimat‹) durch Mißbrauch korrumpiert worden. Ähnlich haben bekanntlich die Nationalsozialisten das ›Volkslied‹, die ›Gemeinschaft‹ und unzählige andere Wörter bis heute verdächtig gemacht.

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Die sogenannten sozialistischen Partei­diktaturen haben mit vergleichbarem Erfolg Begriffe wie ›Freundschaft‹ oder ›brüderliche Verbundenheit‹ vergiftet.

Vielleicht läßt sich ihre Bedeutung eines Tages wieder zurecht­rücken.

Zur handlichen Kennzeichnung des Neuansatzes, um den es hier geht, könnte sich aber auch ein neuer Ausdruck nützlich machen. Ich schlage vor, diesen Neuansatz domistisch‹* zu nennen.

*  Das Wort leitet sich ab vom lateinischen ›domus‹ (Haus), dessen Bedeutungsumkreis weit ist: er umschließt Haus, Wohnung, Aufenthalt, Heimat und sogar auch Frieden. ›Domi bellique‹ oder ›militiae et domi‹ heißt ›im Krieg und Frieden<.

Domistische Kulturerneuerung geschieht nicht flächendeckend-gleichzeitig. So könnte sie nur von oben verfügt werden, als staatlich verordnete, von den Machthabern inszenierte Kulturrevolution. Da es ein entscheidendes Merkmal domistischer Kultur ist, herrschaftsfreie Formen des Zusammenlebens zu verwirklichen, ist sie jedoch ihrer Natur nach nicht pyramidenfähig und kann nur von fraternitären Gemeinwesen her entstehen. Sie sind Schrittmacher der neuen Kultur, sie leben sie vor: als gelebte Utopien oder auch ›Archen‹, von denen in kreativer Regression der Neubeginn ausgeht.

In Deutschland haben wir nie eine Revolution gemacht, die diesen Namen verdient. Unsere potentiellen Revolutionäre sind meistens emigriert, zur Emigration gezwungen oder ermordet worden. Erst jetzt, über dreißig Jahre nach dem Kriegsende 1945, scheint es eine Chance zu geben, daß genügend viele rebellions­befähigte Leute im Lande sind, die endlich die überfällige republikanische Revolution nachholen.

Sie wird voraussichtlich eine Revolution neuen Typs sein, eine ›sanfte‹ Revolution auf Taubenfüßen: eine domistische Innovation, keine in erster Linie politische Umwälzung. Sie ist im Grunde schon in Gang, übrigens weltweit, und sie wird vor allem den Zerstörungsgeistern in unseren Seelen die Futter- und die Schweifplätze sperren und den Todesdienst, der hierzulande immer so begierig-gehorsam geleistet worden ist, endlich einstellen.

Um domistische Lebensformen verwirklichen zu können, müssen keineswegs erst in einem langwierigen, viele Generationen umfassenden gattungs­geschichtlichen Prozeß die Bedingungen ›heranreifen‹; die vielen real existierenden Beispiele belegen das.

 

   Worin bestehen, zusammengefaßt, einige Hauptmerkmale domistischer Neuansätze? 

Politisch verwirklichen sie basisdemokratische Selbstverwaltung mit herrschaftsfreien Führungsstrukturen und kennen keine Privilegien. Dezentrale Netze (Föderationen) sind ihre gesellschaftliche Organisationsform, und sie betreiben eine phantasie­reiche, auch internationale Bündnispolitik, die stets gewaltfrei ist.

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Ökonomisch sind sie nach Größe und Struktur an genossenschaftlich aufgebauten Gemeinwesen vom Typ des Kibbuz orientiert und beschränken sich nicht auf vorindustrielle Produktionsweise. Sie bevorzugen mittlere, ökologiebewußte Technologien in überschaubaren Betrieben (›small is beautiful‹). Mit nichtentfremdeter Arbeit und aufgehobenem Privateigentum an Produktionsmitteln (oft in Gestalt von Gütergemeinschaft realisiert) sind sie Modelle einer »kommunistischen« Wirtschafts­organisation, bei strikter Ablehnung parteikommunistischer Praktiken.

Sozial und kulturell verwirklichen sie einen praktischen Humanismus in allen Lebensbereichen, der hauptsächlich unserer Kreativität und unserer Liebesfähigkeit in neugestalteten fraternitären Beziehungen volle Entwicklungs­möglichkeiten bietet. Alle Alters­gruppen sind beteiligt. Ausgeprägtes Interesse besteht an kulturellen Innovationen, die vor allem auf eine neue Friedens­kultur zielen.

 

   Kurze Vorschau auf das Buch  

Die vorherrschende Wissenschafts-Praxis ist heute selbst ein Teil der Probleme, die uns bedrängen. Daher brauchen wir einen neuartigen Typ von Forschung, der kampagnenartig SOS-Programme verwirklichen hilft. Diese neue Forschungspraxis wirft die überlieferten Wissenschafts-Rituale ab und nimmt auch ›Verunreinigungen‹ bewußt in Kauf. Ich lege daher ein besonderes Wissenschafts­verständnis zugrunde, das ich – am Beispiel des Fachs, von dem ich ursprünglich herkomme – ›innovative Sozial­psychologie‹ zu nennen vorschlage.

Dabei wird die klassische Beziehung von Empirie und Theorie erweitert zum Verhältnis von Praxis und Theorie. Innovative Sozial­psychologie wird selbst praktisch, etwa indem sie sich nützlich macht beim Ausbau internationaler Netze von Alternativ­einrichtungen oder bei ›Green Peace‹-Kampagnen: als Fröhliche Wissenschaft.

Den Ausdruck ›Pyramidenkrankheit‹ führe ich als polemisch-anschaulichen Begriff ein, zur Kennzeichnung eines historisch begründeten und daher prinzipiell heilbaren Leidens, das den hierarchischen, also pyramidenartig aufgebauten Sozialstrukturen im Bewußtsein ihrer Angehörigen korrespondiert.

Nach der Diagnose (Pyramidenkrankheit) dann die Ansätze zur Therapie: Immer wieder gab es in unserer Geschichte Minder­heiten, die den Teile-und-Herrsche-Praktiken der jeweiligen Machthaber eine Haltung umfassender Geschwister­lichkeit, auch der Natur gegenüber, entgegenzustellen versucht haben.

Stellvertretend für diese in den zeitgenössischen Ökobewegungen wieder auflebende Naturmystik wird ein Bildwerk von Hieronymus Bosch in Erinnerung gerufen und interpretiert: Die verschlüsselte Symbolik seines berühmten ›Garten der Lüste‹ ist zwar bis heute von niemandem vollständig enträtselt worden; neben anderen Auslegungen läßt sie aber auch die Deutung zu, daß Bosch uns hier den Entwurf einer gewaltfreien Lebensordnung und Friedenskultur vor Augen stellt: Bosch oder die Anarchie.

Zugrunde liegt hier ein Daseinsvertrauen, für das die welterhaltenden und Bindungen stiftenden Kräfte letztlich wirkmächtiger sind als die auf Getrenntheit und Zerstörung zielenden Gewalten. Die verborgene und unterdrückte Möglichkeit, von der in meinem Buch hauptsächlich die Rede sein wird, ist unsere Liebesfähigkeit: ein Energie-Potential, das Freud nach alter Tradition ›Eros‹ nannte, und das wir als ein umfassendes dynamisches Prinzip verstehen können, das uns zur Herstellung und Erhaltung von Bindungen befähigt. Solche Bindungen und Neuverbindungen können so weit reichen, daß derzeit getrennte Teilbezirke unseres Daseins (zum Beispiel religiöse, ökonomische, vitale oder politische Lebensbereiche) neu zueinander finden, ähnlich wie die Regen­bogenfarben, die vereinigt weißes Licht ergeben, sich zu den buntesten Farbmischungen verbinden können.

Im Entwurf einer erotischen Farbenlehre stelle ich einige Wertgestalten oder Bedeutungsfärbungen unserer Liebesfähigkeit zur Diskussion.

Bei jedem Autor gibt es bevorzugte sprachliche Formeln, die seine Position exemplarisch verdeutlichen. Eine Auswahl solcher Schlüssel-Begriffe meines Buchs stelle ich am Schluß mit knappen Erläuterungen in einem alphabetisch geordneten Überblick zusammen: ›Abulie‹ bis ›Zoon erotikon‹. Dieses Glossar läßt sich auch als stichwortartige Einführung lesen.

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