Teil 2     

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3. Die deutschen Kolonisten in Rußland     

 

     Von A. von Bunge 

 

 

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   Die ersten Deutschen in Rußland   

Schon seit sehr langer Zeit waren die Deutschen in Rußland ansässig. Bereits im Mittelalter gingen viele deutsche Handwerker, Ärzte, Apotheker, Techniker, Landwirte usw., die eine bessere Anwendung ihres Wissens und eine leichtere Lebensexistenz suchten, nach Rußland. Die Zahl dieser Leute war groß. In vielen russischen Städten tragen Straßen den Namen "Deutsche Straße", was auf die Abstammung ihrer Bewohner hinweist. Schon vor Peter dem Großen gab es in Moskau einen ganzen Stadtteil, <Nemezkaja Sloboda> benannt. 

    Entstehung der deutschen Kolonien  

Es gelang gewöhnlich diesen Deutschen, sich gut in Rußland einzurichten. Sie bekleideten gute, häufig erste Stellungen, assimilierten sich schnell, behielten häufig vom Deutschtum nur ihren Namen, wurden echte Russen und russische Patrioten. Das Erscheinen der ersten deutschen Kolonisten in Rußland gehört einer viel späteren Periode an. Die Kaiserin Katharina II. stand vor der Aufgabe, große, öde Ländereien in Südrußland zu besiedeln. Der Versuch, russische Bauern aus den Zentralgebieten dort anzusiedeln, blieb erfolglos. Die russischen Ansiedler fühlten sich dort nicht heimisch, und wollten bei der ersten Gelegenheit zu ihren Stammorten zurück.

Am 4. Dezember 1762 erließ Katharina II. ein Manifest, in dem allen auswanderungslustigen Westeuropäern, mit Ausnahme von Juden, die Steppengebiete Rußlands zur Ansiedlung angeboten wurden. Da dieses Manifest keinen großen Erfolg hatte, wurde am 22. Juli 1763 ein neues erlassen, welches den Ansiedlern große Privilegien in Aussicht stellte: freie Religionsübung für alle Zeiten, Befreiung von Abgaben und Steuern für längere Zeit (auf dem Lande bis 30 Jahre), Militärfreiheit, Gewährung einer freien Wohnung auf 1 Jahr, Selbstverwaltung für die Kolonien der Ansiedler, Erlaubnis der Rück­wanderung gegen Abgabe eines geringen Teiles des erworbenen Vermögens usw.

Die Zeitverhältnisse waren diesem Aufrufe sehr günstig. Der siebenjährige Krieg war eben zu Ende. Es gab viele entlassene Soldaten, viele verarmte, viele gescheiterte Existenzen, die ihr Leben gern ändern wollten und den Ruf der Kaiserin freudig begrüßten. Zuerst zog eine Schar von Menschen aller möglichen Schichten und Stände aus, darunter ein Graf Dönhoff und ein Herr von Holstein. Im ganzen kamen damals ungefähr 27.000 Mann über Lübeck nach Rußland ins Wolgagebiet. Das war zahlenmäßig die größte Einwanderung deutscher Kolonisten.

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Ihnen folgten um die Jahrhundertwende etwa 10.000 niederdeutsche Mennoniten und einige Jahre später die separatistischen Schwaben, die sich in den menschenleeren Steppen Neurußlands und im Kaukasus niederließen.1) Die Ankömmlinge erhielten von der Regierung je 30 Deßjatinen2) Land pro Familie, und zwar 25 Deßjatinen Acker und Wiesen und 5 für den Hof und Dreschplatz. Das Land, das ihnen angewiesen wurde, war sorgfältig ausgewählt und zweckmäßig parzelliert.3)

Die Aufsicht über die Siedlung führte die im Jahre 1763 errichtete Tutel-Kanzlei in St. Petersburg, eine Behörde, die dem Rang nach einem Ministerium entsprach. Die Pflichten und Freiheiten der Ansiedler wurden schriftlich festgesetzt und im Jahre 1842 mit den diesbezüglichen Manifesten der Kaiserin Katharina II. und des Kaisers Alexander I. vom 20. Februar 1804 in eine besondere Gesetzsammlung aufgenommen. Nach diesem Kodex genossen die Kolonisten in ganz Rußland das Bürgerrecht. Auf Grund dieses Bürgerrechts durften sie Handel treiben, in Zünfte eintreten, nach eigenem Gutdünken Märkte und Jahrmärkte abhalten und vermögensrechtliche Handlungen vornehmen. Der Standeswechsel stand ihnen auch frei.

Nach mehr als hundert Jahren, am 4. Juli 1871, wurde das Kolonistengesetz wie auch die Tutel-Kanzlei aufgehoben, und im Jahre 1874 wurden die Siedler der allgemeinen Wehrpflicht unterstellt, wobei die dienstpflichtigen Mennoniten geschlossene, uniformierte, der militärischen Disziplin unterworfene und in Kasernen befindliche Kommandos bildeten. Diese Kommandos verrichteten unter der Leitung der jeweiligen Bezirksförster verschiedene Forstarbeiten. Auch während der Kriege wurde auf den Glauben der Mennoniten Rücksicht genommen: sie wurden entweder nur in Militärkanzleien oder als Etappenarbeiter verwendet.4)

Die Kolonisten fanden in Rußland eine neue Heimat, die sie gastfreundlich aufnahm und ihnen den Zugang zu ihren Naturschätzen freistellte. Dank ihrer Sparsamkeit, Ausdauer und ihrem Fleiße wie auch ihren verhältnismäßig großen technischen Kenntnissen wurden die deutschen Kolonisten gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu der wohlhabendsten Volksschicht des russischen Bauerntums. Nach und nach, im Laufe von 150 Jahren, stieg die geringe Zahl der nach Rußland eingewanderten Kolonisten (im Prozesse einer natürlichen Fortpflanzung) und erreichte zu Beginn des Weltkrieges 200.000 Menschen, was ungefähr 1,5% der gesamten Bauernbevölkerung in Rußland ausmachte.

 

1)  Georg Leibbrandt: Die Auswanderung aus Schwaben nach Rußland 1816-1823. Adolf Ehrt: Das Mennonitentum in Rußland.
2)  Eine Deßjatine macht 1,09 Hektar.
3)  Alfred Schirmer, Geschichte und Entwicklung der deutschen Bauernkolonien in den russischen Schwarzmeerprovinzen, S. 8.
4)  Adolf Ehrt: Das Mennonitentum in Rußland.

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Die anfangs von ihnen im Westen und Süden Rußlands besiedelten Landteile waren ihnen schon längst zu eng geworden. Hie und da entstanden neue deutsche Kolonien, besonders an der Wolga, in der Krim, in Turkestan, im Ural-Gebiet, in der Ukraine und schließlich in Sibirien, wo sie in der letzten Zeit eine immer größere Rolle im wirtschaftlichen und politischen Leben zu spielen anfingen. Dort war ihre Zahl sehr schnell bis auf 80.000 gestiegen.5) In den letzten Vorkriegsjahren wurde der deutsche Grundbesitz allein im südlichen Rußland auf 4-5 Millionen Deßjatinen geschätzt.

 

Das Leben der Kolonisten 

In allen diesen Gebieten hat sich das Kolonistenleben mehr oder weniger gleich gestaltet. Die deutschen Kolonien blieben wie abgeschlossene Inseln im Meere des russischen Lebens. Die russische Regierung überließ ihnen eine gewisse Autonomie, vor allem ihre bäuerliche Gemeindeverwaltung. In jedem Dorfe bestand ein Kolonieamt mit Schulzen und Dorfschreibern, und da tagte regelmäßig die Gemeindeversammlung. In den meisten Kolonien spielte der Rat der Dorfältesten eine große Rolle. Die Selbstverwaltung der Gemeinden wurde den Kolonisten im Jahre 1871 nur noch in der beschränkten Form, wie sie in den russischen Gemeinden gehandhabt wurde, belassen. 

Das Verhältnis zu den russischen Nachbarn war korrekt. Es ist jedoch zu keiner größeren Annäherung gekommen. In den Städten kamen Mischehen häufig vor, in den Dörfern dagegen sehr selten. Die Kolonisten waren unvermischt deutsch geblieben. Die gebildete Oberschicht der Kolonien beherrschte die russische Sprache, die Bauern aber sprachen bis in die 90er Jahre meist nur ihre schwäbische, pfälzische oder hessische Mundart.

"Überraschend ist es, wie treu die Kolonisten ihre heimische Mundart bewahrt haben. Ebenso treulich haben sie die alten deutschen Volkstrachten, die alten Volkssitten bewahrt."6)

Viele Kolonien haben auch in ihren Benennungen die Erinnerung an die Heimat behütet (Nassau, Heidelberg, Worms, Speyer usw.). Kranken-, Waisen- und Armenhäuser, Feuerversicherung und Konsumvereine, Sparkassen, Schulen — wurden die Pfeiler der deutschen Zusammengehörigkeit. "Die Schulen waren meistenteils Musteranlagen, ihr Besuch im allgemeinen ein regelmäßiger und guter."7)

5) Julius Hennig, Mitglied des Börsenkomitees in Omsk — Vortrag, gehalten in Berlin 1919, S. 6.
6) Albert Schirmer. Ebendaselbst, S. 14.
7) von Brehholm: "Deutsche Bauernkolonien in Südrußland", S. 5.

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Die Kolonistenschulen blieben sehr lange Zeit rein deutsch; es waren hauptsächlich Kirchenschulen. In den 1890 er Jahren wurden diese Schulen zwar russischen Volksschulinspektoren untergeordnet, jedoch betätigten sich in ihnen als Lehrer ausschließlich Kolonistensöhne, die ihr Deutschtum gänzlich erhalten hatten.8)

Wie gut in diesen Schulen der Unterricht der deutschen Sprache gepflegt wurde, ist schon aus der Tatsache zu ersehen, daß alle Reichsdeutschen, die sich mit den unlängst aus Sowjetrußland ausgewanderten Kolonisten unterhalten haben, das reine Deutsch der Auswanderer bewunderten. "Nur den jüngsten" — schreibt der Berichterstatter der "Vossischen Zeitung" —, "denjenigen, die nicht die alte Vorkriegsschule genossen haben, merkt man den russischen Akzent an."9)

Nach den Ergebnissen der Volkszählung von 1897 konnten von den in den Schwarzmeerprovinzen angesiedelten deutschen Mennoniten 74,9 % beider Geschlechter in ihrer Muttersprache lesen und schreiben. Alle über 9 Jahre alten männlichen Mennoniten besaßen die Elementarbildung, dagegen waren von den Frauen nur etwa 90 % des Lesens und Schreibens kundig.10)

Außer diesen Volksschulen und den bekannten Gymnasien in Petersburg und in Moskau hatten die Deutschen — Realschulen in Odessa, Berdjansk, Feodossija, Taganrog, Neufreudenthal, ein Gymnasium in Dschankoj, ein Mädchengymnasium in Landau, eine Handelsschule in Halbstadt, eine Ackerbauschule in Eugenfeld.11) In der letzten Vorkriegszeit begannen die Kolonisten auch im öffentlichen Leben Rußlands eine Rolle zu spielen, besonders in Sibirien und an der Wolga. So wurden bei der letzten Vorkriegswahl zur Stadtduma der Stadt Slawgorod (Sibirien im Barnaulgebiet), um die herum sich mehrere Tausend Deutsche angesiedelt hatten, so viele Deutsche zu Stadtverordneten gewählt, daß sie in der Stadtduma die Mehrheit aufwiesen. Es ist lehrreich festzustellen, daß die erste Gruppe der im Jahre 1929 ausgewanderten Kolonisten namentlich aus Slawgorod gekommen ist.

Wie ihre Mundart und ihre alten Sitten haben die Kolonisten auch ihren Glauben bewahrt. In allen größeren Kolonien gab es Kirchen; in kleineren Dörfern gab es wenigstens einen Betsaal im Schulhaus oder in der Dorfkanzlei. Bibel, Katechismus und Gesangbuch sowie auch Luthers und Melanchtons Bildnis fehlten in keinem evangelischen Hause.

8) Albert Schirmer. Ebendaselbst, S! 26.
9) "Vossische Zeitung", Nr. 522, 5. November 1929.
10) Adolf Ehrt: Das Mennonitentum in Rußland. ") Albert Schirmer. Ebendaselbst, S. 28.

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Wirtschaftlich ging es den Kolonisten im allgemeinen sehr gut. Die meisten trieben Ackerbau. Ungefähr 80% aller in Rußland lebenden Deutschen waren in der Landwirtschaft tätig.12) Im wirtschaftlichen Leben haben die Kolonisten sehr viel erreicht. Ihre Siedlungen blühten. Die Durchschnittsgröße eines Gehöftes in den Schwarzmeerprovinzen war meist 100 ha. Güter unter 60 ha wurden als klein betrachtet. Vermögen von einigen hunderttausend Rubeln waren schon vor dem Kriege nicht selten. Groß war auch der Viehbesitz der deutschen Kolonisten. Ein Bauer besaß gewöhnlich 10-12 Pferde, fast alle großen Schlages: das war der Bauern Stolz. 30-50 Pferde, darunter oft wertvolle Zuchtpferde, waren bei Großbauern keine Seltenheit.13)

Auch in der Industrie haben die Kolonisten namhaftes geleistet. In den Schwarzmeerprovinzen entstanden große Dampfmühlen und Brauereien. An der "Molotschna", bei den Mennoniten, fand man auch Maschinenfabriken. Im Handwerk wurden die Kolonisten besonders als Wagenbauer geschätzt. Im Wolgagebiet waren die riesigen Dampfmühlen der deutschen Kolonisten allbekannt, nicht nur im Wirtschaftsleben der Kolonien, sondern auch im ganzen russischen Reich. In den letzten Jahren vor dem Kriege wurden auf diesen Mühlen 8,5 Millionen Zentner Getreide jährlich verarbeitet. Acht Millionen Zentner Kleie gingen von hier auf den großen Wasserwegen zum Weltmarkt. Weltberühmt war die "Sarpinka", ein Baumwollstoff, der ausschließlich in den Kolonien erzeugt wurde. Die Kolonie Balzer, im Saratowschen Gouvernement, mit 17.000 Einwohnern, hatte eine besonders reich entwickelte Industrie. Sie exportierte Riesenmengen von Webstoffen; von dieser Industrie lebten ungefähr 50.000 Menschen. Die Kolonie Katharinenstadt zeichnete sich durch ihre Eisengießerei und den Maschinenbau aus.

Auch in Sibirien ging es den Deutschen nach Jahren sehr harter Kolonisationsarbeit gut. "Im Verlauf von ungefähr 10-15 Jahren haben die deutschen Kolonisten in Sibirien es zu ganz nennenswerten Vermögen gebracht."14)

So boten die deutschen Kolonistendörfer beim Ausbruch des Weltkrieges im ganzen ein Bild regen wirtschaftlichen Fortschrittes, großer Wohlhabenheit und gut bewahrter heimatlicher Gebräuche. "Die Deutschen hatten in Rußland doppelt so viel Vermögen wie ihre russischen Nachbarn."15)

Der ertragsfähige Boden hat den Kolonisten meist eine sorgenfreie Existenz gesichert. Durch Generationen hin war ihre persönliche und wirtschaftliche Freiheit im Grundsätzlichen nicht angetastet.

12) Archiv für innere Kolonisation, Band 8, S. 199. Dieser Prozentsatz entspricht im Großen und Ganzen der allgemeinen Berufsverteilung in Rußland.
13) A. Schirmer. Ebendaselbst, S. 22.
14) Julius Henning. Ebendaselbst, S. 4.
15) Peter Sinner, "Der Deutsche im Wolgalande", S. 7.

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 Die Kolonisten und der Krieg  

Die Kolonisten waren im ganzen mit ihrem Schicksal zufrieden. In den Jahren 1912-1914 wurde in den führenden Kolonistenkreisen eine Feier des 150jährigen Bestehens der Kolonien an der Wolga eifrig besprochen und vorbereitet. Der Krieg machte diesen Plänen ein jähes Ende.

Die Kriegsepoche ist überhaupt nicht die Zeit, wo sich Beziehungen zwischen Völkern normalerweise gestalten; das gilt nicht nur für die Völker, die gegeneinander kämpfen, sondern auch für die nationalen Minderheiten im inneren Lande, wenn sie in nationaler Blutverwandtschaft mit der anderen Kriegspartei stehen. Der große Weltkrieg hat solche tragische Situationen reichlich geschaffen: die Lage der Italiener und Tschechen in Österreich, der Franzosen in Elsaß und Lothringen, der Deutschen in Rußland und in den Vereinigten Staaten, — war heikel und schwierig, und gab reichlich Anlaß zum unschuldigen Leiden. Der Krieg weckt überall nicht nur gespannte Vorsicht und unbegründete Verdächtigung, sondern auch direkt chauvinistische Gefühle. Es wäre aber höchst ungerecht, wenn die Völker die krankhaften Stimmungen dieser Epoche einander zurechnen wollten und die gegenseitigen Beziehungen in ihrer normalen, geistig und wirtschaftlich schöpferischen Entwicklung durch diesbezügliche Ressentiments stören ließen. ...

Zudem vermochte der kriegerische Argwohn die alten Bande des Vertrauens in Rußland doch nicht lahm zu legen. So wurde z.B. während des Krieges ein deutscher Kolonist ungehindert zum Vorsitzenden der Börse in Saratow gewählt — "wohl der einzige Fall in der ganzen Welt der Feinde Deutschlands" — bemerkt Pastor Schleuning.16)

Die Revolution  

Nach dem Kriege kam die Revolution, und da begann der Todesweg der Kolonisten.16a) "Unser eigentliches Elend fing erst mit der Revolution an" — schreibt ein deutscher Kolonist in der <Kölnischen Zeitung> vom 19.11.1921 —, "das entnervende Gift des Bolschewismus drang auch zu uns hinein. Haussuchungen, Aussiedlungen aus eigenen Häusern, Plünderung und erbarmungsloses Erschießen waren an der Tagesordnung. Die Bevölkerung verarmte immer mehr."  

16)  Schleuning, "Die deutschen Kolonien im Wolgagebiete" S. 4.
16a) Vgl. Dr. Neusatz und D. Erica, "Ein deutscher Todesweg". 

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Die deutschen Wolga-Kolonisten wurden von der schrecklichen Hungersnot im Jahre 1920/21 heimgesucht. "In den letzten acht Monaten sind von 500.000 Wolga-Kolonisten 200.000 aus der Liste des Lebens gestrichen worden" — schrieb die Zeitung <Heimkehr> am 15. Oktober 1921. In der weiteren Entwicklung der Kommunistenherrschaft erhielten die deutschen Kolonisten die Rechte der "kulturellen Autonomie". Im Januar 1925 wurde sogar eine autonome sozialistische deutsche Wolga-Räte-Republik geschaffen, die aus einigen Bezirken der Gouvernements Samara und Saratow bestand, mit einem Areal von ca. 27.400 Quadratkilometern und einer Bevölkerung von 572.000 Personen. 

Von diesen 572 000 entfielen nach den offiziellen Angaben der Volkszählung vom 17.12.1926 etwa 67% auf die deutsche Bevölkerung, 20% Prozent auf Russen, 12% auf Ukrainer und der Rest auf andere Nationalitäten. Administrativ wurde diese Republik in 12 Kantone geteilt und von einem zentralen Exekutiv­komitee verwaltet. Als Hauptstadt der Republik gilt Pokrowsk. Die offizielle Sprache ist Deutsch, sowohl bei den Zentral- als auch bei den örtlichen Behörden. Bei den Territorialformationen der Roten Armee ist in den deutschen Regimentern Deutsch die Befehlssprache. Der Schulunterricht wird ausschließlich in deutscher Sprache geführt.

 

lieber diese autonome nationale Republik und über das Gedeihen der vom "zaristischen Joche befreiten" Deutschen wurde seitdem viel geschrieben und erzählt.

"Unzählige ausländische Delegationen" haben (laut Berichten der Sowjet-Behörden) diese Republik besucht, "um mit eigenen Augen zu sehen, was von der Arbeiter- und Bauern-Regierung zum Wohle des Landes geschaffen wurde".17) Manche von diesen Gästen verließen die deutsche Wolga-Republik in der Überzeugung, die Sowjetregierung und die Kommunistische Partei hätten allen Völkern der Union "grenzenlose wirtschaftliche und kulturelle Möglichkeiten eröffnet".18)

 

Ihre Erfolge  

Diese hochtrabenden Worte entsprechen jedoch sehr wenig den Angaben eines offiziellen Berichtes, der in der Zeitschrift "Wlastj Sowetow" (Die Macht der Räte), Nr. 16-17, vom 29. April 1928 veröffentlicht wurde. Wohl wird in diesem Berichte von Kurtz sehr viel über die "wirtschaftlichen Erfolge im allgemeinen gesprochen; doch muß Kurtz selbst gestehen, daß die Lage der Landwirtschaft, die eine führende Rolle im Wirtschaftsleben der Wolga-Republik besitzt, und deren Produktion im Jahre 1927 den Wert von 83 Millionen Rubeln ausmachte (diejenige der Industrie dagegen nur 41 Millionen Rubel), bei weitem nicht so glänzend sei, wie es von den lokalen Zeitungen behauptet wurde. Der gesamte Zugviehbestand hätte am 1. Januar 1928 nur 53 Prozent der Vorkriegszahl erreicht; die Zahl der Pferde sogar nur 46 Prozent.

17)  Bericht des Volkskommissars Kurtz im April 1928.
18)  Ibidem. Siehe den Aufsatz "Die Nationalitätenpolitik" m} vorliegenden Sammelwerk.

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39 Prozent der Bauern verfügten zur selben Zeit überhaupt über kein Zugvieh.

27 Prozent besaßen nur ein Stück. Die Bauern waren mit Landwirtschafts­geräten sehr schlecht versehen. Es waren nur 55 Pflüge, 4 Sähmaschinen, 54 Eggen usw. für je 100 Bauernwirtschaften zu verzeichnen. Diese Zahl sei, wie Kurtz es mehrmals betont, gänzlich ungenügend. Die bebaute Fläche, die vor dem Kriege ein Areal von 1.300.000 Hektar aufwies, umfaßte zum 1. Januar 1928 nur 1.036.000 ha oder 80 Prozent des früheren.

Die Industrie hat auch bei weitem die Ausmaße der Vorkriegszeit nicht erreichen können; besonders rückständig ist die sehr wichtige Holzindustrie, die nur noch 35 Prozent der früheren ausmacht. Als Hauptnot bezeichnete Kurtz die katastrophale Lage der Wohnungsversorgung. In allen Städten der Wolga-Republik beträgt die mittlere Wohnfläche pro Person 45 qm. Wasserleitungen, Kanalisationen und Pflaster sind vollständig ruiniert.

Bei der Schilderung der kulturellen Fortschritte hob Kurtz hervor, daß die Wolga-Republik nach der Zahl der Schriftkundigen, besonders der Frauen, die erste Stelle in der USSR einnimmt. Ob dies eine Leistung der Vorkriegszeit wäre — blieb dahingestellt. Doch mußte er zugeben, daß im Schulwesen ein starker Mangel an Lehrern, an Schulgebäuden und an Lehrbüchern herrscht. Er mußte auch gestehen, daß der Prozentsatz der von der Schule erfaßten schulpflichtigen Kinder vor dem Kriege viel höher als jetzt war. Ungefähr 30 Prozent der Kinder bleiben ohne Unterricht; es gibt auch noch 35 000 Analphabeten.

Dies war die Lage der deutschen Kolonisten nach den Angaben der höchsten Sowjetbehörde in der Wolga-Republik — diesem "Musterlande" der USSR — im Jahre 1927. Seitdem sind die wirtschaftlichen wie auch die kulturellen Zustände der USSR, wie allbekannt, sehr viel schlechter geworden.

In der <Berliner Börsenzeitung> schrieb ein scharfer Beobachter vom 20. Oktober 1927 über die Lage der deutschen Kolonisten folgendes:

"Die deutschen Kolonien sind in einer gedrückten Lage. Die kommunistische Propaganda, der innere Zwiespalt zwischen den wohlhabenden Bauern und den armen, die Auflösung der alten Gemeindeordnung mit ihrer gefestigten Tradition und Sitte, die Gefährdung des Familienlebens durch die kommunistischen Jugendorganisationen, und schließlich die Isoliertheit der Kolonien von der Außenwelt — alles das untergräbt die wirtschaftlichen und moralischen Grundlagen der deutschen Kolonien. Eine besondere Gefahr bildet die Einsiedlung fremd stämmiger Elemente in die deutschen Dörfer.

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Die Räteregierung bedeutet letzten Endes eine schwere Gefahr für das Deutschtum. Es gibt deutsche Schulen, die ungefähr 60 Prozent aller schulpflichtigen Kinder umfassen; aber die Lehrer sind verpflichtet, kommunistische Propaganda zu treiben. Es gibt eine deutsche Presse — viele Zeitungen in allen großen Städten — aber alle rein kommunistisch. Die Religion ist Privatsache, aber der Religionsunterricht wird strafrechtlich verfolgt. Die Folge davon ist der kulturelle Rückgang der Bauernmasse, der das nationale und sittliche Zerstörungswerk erleichtert. Die Denationalisierung macht Fortschritte."

Der geschilderten traurigen Lage ungeachtet haben die deutschen Kolonisten Jahre hindurch versucht, eine erträgliche Lösung ihrer Aufgaben, eine Verständigung mit den Ideen des neuen Staates zu finden; sie haben keine konterrevolutionäre Politik getrieben und die Kommunisten nicht angefeindet. Sie haben vielmehr versucht, sich an die Verhältnisse anzupassen. ... — Und dennoch mußten sie schließlich die Flucht ergreifen, da sie als ordentliche, arbeitsame Menschen es zu Besitz und Wohlstand brachten, der ihnen ein menschenwürdiges Dasein und ein sicheres Auskommen ermöglichte. Eine gedeihende und wohlhabende Privatwirtschaft ist aber den Kommunisten grundsätzlich unerwünscht.

 

Enteignung und Kollektivierung

Das Schicksal der deutschen Kolonisten ist das allgemeine Schicksal der russischen Bauern. Die Verfolgungen der Kolonisten sind als eine "normale Auswirkung" der ganzen systematisch enteignenden, zermürbenden und sozialisierenden Politik der Kommunisten zu betrachten und zu verstehen. Diese Politik wird jetzt als Stalinsche Politik bezeichnet; in Wirklichkeit wurde sie von Lenin und seit Lenin ununterbrochen durchgeführt, und ist jetzt nur verschärft worden. Diese Politik bezweckt, wie bekannt, "den freiwilligen Eintritt der Bauern in die Ackerbaukollekive".

Wie alle fleißigen und tüchtigen Bauern wurden auch viele deutsche Kolonisten zu den "Kulaken" gerechnet und mußten alle Folgen dieser Klassifikation tragen. Zu allererst fielen sie, wie alle wohlhabenden Bauern, der neuen Art der Getreideeintreibung zum Opfer. Diese Getreideeintreibung wird folgendermaßen vorgenommen: Nach einer vertraulichen Beratung mit der örtlichen Gruppe der "Bednjaki" (der armen Bauern) schreibt der Vertreter des Bezirks-Vollzugskomitees jeder wohlhabenden Bauernwirtschaft vor, ein von ihm willkürlich festgesetztes Quantum Getreide abzuliefern, was binnen kurzer Zeit geschehen muß. 

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Geschieht dies pünktlich und vollständig, so wird das als Beweis dafür angesehen, daß die Auflage zu niedrig gewesen war. Es erfolgt dann eine nachträgliche Naturalbesteuerung, zuweilen auch eine dritte. Dabei wird die Ernte immer überschätzt, so daß die Auflage tief in den Eigenbedarf der Bauernfamilie eingreift. Die Wirkungen solcher Überlastung sind natürlich vernichtend.

Es seien folgende Beispiele erwähnt: 

In Slawgorod, beispielsweise, wurden einer kleinen deutschen Kolonie von 30 Höfen, die im ganzen etwa 1500 Pud geerntet hatte, anfänglich 2093 Pud und nachträglich weitere 1000 Pud aufgelegt. Einem Bauer, der von 22,5 Deßjatinen 288 Pud geerntet hatte, wurden 657 Pud Getreide aufgelegt; dann mußte er noch 584 Rubel Steuern zahlen, obgleich seine Familie 9 Mitglieder zählte. Ein Bauer in der Krim, der ein halbjähriges Kind hatte, hielt zur Entlastung seiner Frau im Laufe einiger Monate eine Magd. Seitdem wurde er zu den Kulaken gezählt und mit einer Landwirtschaftssteuer von 533,5 Rubel belegt.18) 

Obwohl er im ganzen nur 910 Pud erntete, mußte er im August 599, im September 100 und im Oktober noch 220 Pud abliefern. Zahlt der Bauer die ihm auferlegte Summe nicht, oder liefert er das bestimmte Quantum des Getreides nicht ab, dann wird sein Hof und seine ganze Habe gepfändet und versteigert. Die Bedeutung dieser Maßnahme ist aus folgenden Angaben zu ersehen. In der Krim wurden bei solchen Versteigerungen für Kühe und Pferde je 3 Rubel bezahlt, Stühle zu 5 Kopeken verkauft, ein Sofa zu 50 Kopeken usw. In Sibirien wurde in allerletzter Zeit ein Wohnhaus mit Blechdach für 42 Kopeken verkauft. Den vertriebenen Besitzern wird nichts gelassen, nur das was sie am Leibe tragen. Wer die Vertriebenen aufnimmt, setzt sich der Gefahr aus, demselben Schicksale zu verfallen. Alle diese Beispiele sind den Erzählungen der Kolonisten selbst entnommen; sie mögen genügen.20)

Auch auf einem anderen Gebiete werden die deutschen wie die russischen Bauern angegriffen — nämlich auf dem Gebiete des Glaubens. Die religiösen Verfolgungen nehmen immer mehr zu, und werden immer schärfer geführt. Die Kolonisten erzählen, daß die Pastoren gänzlich entrechtet sind und Kirchensteuern nicht erheben dürfen. Um von einem Dorf in das andere, in das "Filialdorf", zu fahren und zu predigen, mußten die Pastoren jedesmal in der Kreisstadt um Erlaubnis bitten. Diese Maßregel unterbindet praktisch den Gottesdienst im Nachbardorf. 

 

19)  Siehe bei Prof. Auhagen, "Osteuropa", Bd. XI, 1929. Einen analogen Fall findet man in der Prawda. 1930. 14. Mai, berichtet von Tretjakof.
20)  Siehe in der "Frankfurter Zeitung", 1929, 11. Mai, Authentische Erzählungen der deutschen Flüchtlinge.

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Viele Kirchen werden in der letzten Zeit geschlossen, kommen in Verfall oder werden auch in "Museen" und Speicher umgewandelt, was, wie bekannt, im ganzen Lande täglich auch mit den griechisch-orthodoxen Kirchen geschieht. 

Das wurde den deutschen Bauern zu viel. Sie hofften auf ihre alte Heimat und ergriffen die Flucht. Doch nur einer verschwindenden Minderheit von kaum 1/2 Prozent aller Rußlanddeutschen gelang die Rettung. Den restlichen 99,5 Prozent wurde von der Sowjetregierung mit Gewalt und Zwang der Weg in die Freiheit versperrt.

Die Kommunisten bemühen sich, die ganze Auswanderung als eine Flucht der Kulaken hinzustellen. Jedoch widersprechen diesen Behauptungen die sowjetamtlich beglaubigten Listen der Auswanderungslustigen. So finden wir in diesen Listen, daß in einer Gruppe von 178 Familien sich nur 10 Großbauern, dagegen 69 Mittelbauern, 92 Armbauern und endlich sogar 7 Batraken (Lohnknechte) befanden. In einer anderen Liste finden wir überhaupt nur 13 Mittelbauern, 18 Armbauern und 3 Lohnknechte.21) Die Stimmung der Flüchtlinge wird vielleicht am besten durch die Tatsache geschildert, daß die Kolonisten sofort nach Überschreitung der lettischen Grenze bei den Behörden anfragten, ob es ihnen erlaubt sei, ihre Kirchenchoräle gemeinsam zu singen, da es in Rußland streng verboten sei.

 

Der Todesweg  

Das Schicksal dieser fliehenden Scharen, die alles bis auf die Gräber ihrer Ahnen verloren haben, ist sehr traurig. Viel schlimmer jedoch erging es der großen Masse der Kolonisten, die in Sowjetrußland zurückbleiben mußten. Sie wurden ein Opfer der Kollektivierung und "Entkulakisierung". Mehr als 30.000 wurden verhaftet und mit Weib und Kind zu riesigen Transporten zusammengetrieben, die in verschlossenen Viehwagen in wochenlanger Fahrt nach Sibirien, Archangelsk, Wologda und dem Ural gingen.22)

Man pferchte dort die Unglücklichen in halbzerfallene Klöster und windschiefe Baracken. Die Männer wurden ausgesondert und auf Zwangsarbeit in die nördlichen Wälder weitergetrieben. Die Frauen und Kinder überließ man dem Hunger, der Kälte und dem Schmutz. In kurzer Zeit erlagen viele tausend deutscher Kinder den ungewohnten Strapazen der Verbannung. Eine große Anzahl der Frauen kam in Staatsfabriken, wo sie Sträflingsarbeit verrichten müssen. Das furchtbare Los der Verschickten sollte endlich die trotzigen Bauern gefügig machen, unter kommunistischer Leitung als Knechte auf den enteigneten und kollektivierten Feldern Fronarbeit zu leisten.

Damit scheint das Schicksal der deutschen Siedlungen in Sowjetrußland besiegelt zu sein, wenn auch der Kampf noch nicht bis ans Ende ausgefochten ist. Enteignung, Proletarisierung, Sozialisierung — so heißt also der große Leidensweg aller Bauern, also auch der deutsch-stämmigen Bauern, in Sowjetrußland; und als letzte Etappe — Verbannung und Zwangsarbeit in Staatsbetrieben. 

Ein Ausländer sah diese Züge mit Märtyrern vorbeirasseln. "Rettet uns! Rettet uns!" tönte es dumpf und grausig aus den abgesperrten Güterwagen, die die besten und arbeitsamsten Bauern Rußlands in die vereisten Sümpfe der Polargegend fortbrachten. Es schien ihm, er träume lebendig eine Vision aus Dantes Hölle... Die künftigen Historiker Rußlands und Deutschlands werden diesen Leidensweg sachlich zu verfolgen und objektiv zu schildern wissen.

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21)  Ebendaselbst. 
22)  Vgl. "Ein deutscher Todesweg". Authentische Dokumente der wirtschaftlichen, kulturellen und seelischen Vernichtung des Deutschtums in der Sowjetunion. Zusammengestellt und bearbeitet von Dr. H. Neusatz und D. Erka, Eckart-Verlag, 1930.

 

 

 

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Die deutschen Kolonisten in Rußland  - Von A. von Bunge