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6   Stillen 

 

 

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Für einen Säugling, dem die Brust gegeben wird, ohne daß ausreichend Milch vorhanden ist, der mithin ständig Hunger verspürt, besteht die Gefahr, daß er ein frühes Trauma erleidet. Das gleiche gilt für den Fall, daß die mütterliche Brust nicht voll entwickelt ist, so daß die Bedürfnisse des Kleinstkindes nach perioraler (auf die Mundregion bezogene) Stimulierung nicht befriedigt werden. Die Milchmenge, die eine Mutter geben kann, steht in enger Beziehung zum »emotionalen« Zentrum – dem Hypothalamus. Auch die Größe der Brust ist abhängig von der Ausgewogenheit des mütterlichen Hormonhaushalts.

Eine wichtige Funktion des Stillens besteht in der damit einhergehenden perioralen Stimulierung. Eine magere, flachbrüstige Mutter kann im Gegensatz zu einer vollbusigen Frau ihrem Kind nicht das Gefühl von körperlicher Weichheit und Wärme vermitteln. Mit einem Wort, die vom Säugling verspürten Hautsensationen sind in beiden Fällen unterschiedlich. Wir können häufig beobachten, daß Leute sich die Mundgegend reiben, wenn sie geistesabwesend sind oder sich in Gedanken mit einer Aufgabe beschäftigen. Ich kann mir nicht helfen, aber ich frage mich, ob diese Leute nicht gezwungen waren, während einer bestimmten Zeit ihres Lebens die Mundregion selbst zu stimulieren, weil sie nicht ausreichend gestillt oder ausschließlich mit der Rasche ernährt worden sind. Stimulierung ist ein wichtiger Faktor, denn – wie wir gleich sehen werden – das Gehirn ist darauf angewiesen, stimuliert zu werden, wenn es physisch ausreifen soll.

In einer anderen Arbeit (Der Urschrei, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1973) habe ich darauf hingewiesen, daß die Brüste primärtherapeutischer Patientinnen sich nach Abschluß der Behandlung voller entwickelten. Die Patientinnen wurden andere Menschen, ganz wörtlich genommen; dabei spielt überhaupt keine Rolle, wie sie sich in ihrer Umwelt verhielten. Ihre Wesens­änderung wird sich in dem Maß an Stimulierung äußern, das sie ihren neugeborenen Kindern körperlich zu vermitteln wissen. Diese Stimulierung fördert die Gehirnentwicklung ihrer Kinder. All dies wird ermöglicht aufgrund einer Änderung in der Körperstruktur.

Die entscheidenden Elemente des Stillens sind Saugen. Wärme, Körperkontakt und Schaukeln. Experimentelle Untersuchungen über das Stillverhalten von Affen haben gezeigt, daß schaukelnde Bewegungen eine zusätzliche Wohltat bedeuten, die zur Befriedigung und Entspannung der Jungen beiträgt. Beim Flaschegeben wird allzu häufig dem Säugling einfach der Schnuller in den Mund gesteckt, während er im Kinderbettchen liegt und im Grunde genommen für sich selbst sorgen muß. Dabei kommen die infantilen Bedürfnisse nach Körperwärmen und Körperkontakt sowie überhaupt alle zur Entspannung und Befriedigung des Kindes erforderlichen Begleitumstände zu kurz. Ernährung mit der Flasche ist im besten Falle eine künstliche Bedürfnisbefriedigung; sie kann den natürlichen Stillvorgang in keiner Weise ersetzen.

Eine neurotisch gestörte Mutter, die sich schwer damit tut, Milch zu produzieren, dürfte mit einiger Sicherheit ihr Neugeborenes auch launenhaft, ohne innere Gelassenheit und rücksichtslos behandeln, so daß auch in diesem Falle der Säugling das Stillen nicht immer als angenehmes Erlebnis erfährt. Kinder, vor allem Säuglinge, die ein empfindliches Gespür für Berührung haben, sind in der Lage, Schmerz und Spannung der Mutter während des Stillens wahrzunehmen, und sprechen sofort auf diesen Eindruck an, so daß sie selbst während des Stillvorganges in Spannung geraten anstatt sich entspannt zu fühlen. Gewiß wird nicht gleich ein neurotischer Prozeß in Gang gesetzt, wenn ein Säugling einmal weniger sanft behandelt und zur Eile angetrieben wird. Doch wenn eine Mutter sich über Monate und Jahre in dieser Weise verhält, dann kann das im Verein mit anderen traumatischen Faktoren zu einem unerträglichen Spannungsdruck führen. Ich werde mich mit dem Umgang mit Kleinkindern und deren Bedürfnis nach Berührung weiter unten ausführlicher beschäftigen und mich dabei auf Ergebnisse der Tierforschung berufen, soweit sie in diesem Zusammenhang relevant sind.

Über die Wichtigkeit des Stillens ist bereits eine Reihe von Untersuchungen angestellt worden. Ashley Montagu führt in seiner Arbeit viele Ergebnisse an, die den Untersuchungen zu danken sind.*  Danach haben mit Muttermilch genährte Säuglinge bessere Immunreaktionen, weil die Kolostralmilch [Sekret der Brustdrüsen vor und unmittelbar nach der Geburt], die von der Mutter in den ersten Lebenstagen ihres Kindes abgegeben wird, einen hohen Gehalt an Antikörpern besitzt, das heißt an Abwehrstoffen, die die Infektionsanfälligkeit des Kindes herabsetzen.

* Ashley Montagu, Touching, Columbia University Press, New York 1971.

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Montagu hat die Vorteile der Ernährung mit Muttermilch dokumentarisch belegt. Danach kann als erwiesen gelten, daß Säuglinge, die keine Muttermilch erhalten, mit größerer Wahrscheinlichkeit an Erkrankungen der Atemwege, an Durchfall, Ekzemen und Asthma zu leiden haben. Ernährung mit Muttermilch fördert die Entwicklung der Gesichts- und Zahnstruktur. Schließlich besteht zwischen dem Saugen an der Mutterbrust und der Atemtätigkeit eine enge Beziehung. Das heißt, je länger ein Säugling an der Mutterbrust saugt, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß es später voll und tief durchzuatmen vermag. Je tiefer der Säugling durchatmet, um so geringer ist im allgemeinen die Gefahr, daß er seine Gefühle unterdrückt. Oder um es anders auszudrücken: bei Neurotikern stehen alle Körperfunktionen, einschließlich der Atem- und Muskeltätigkeit, im Dienste des Abwehrsystems. Wie immer geartete Atemtätigkeit ist Verhalten; wenn ein Kind unter dem Zwang steht, seine Gefühle zu unterdrücken, dann ist zu erwarten, daß seine Atemtätigkeit gestört wird, daß es flach atmet, kurzatmig wird.

Als einer der wichtigsten Faktoren beim Stillen ist der enge körperliche Kontakt mit der Mutter anzusehen. Körperkontakt ist geeignet, den Sauerstoffgehalt des Blutes zu erhöhen; er führt, wie Barron in Tierversuchen nachgewiesen hat, zu einem »Anstieg der Erregbarkeit des Atemzentrums, (das) seinerseits ein tieferes Luftholen bewirkt, den Sauerstoffgehalt des Blutes hebt und auf diese Weise die Fähigkeit zu verstärkter Muskelanstrengung fördert«.*

In diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal auf die wichtige Funktion des Herzschlags hinweisen; weiter oben hatte ich die Vermutung geäußert, das von einem ruhigen Herzschlag vermittelte Gefühl von Sicherheit werde dem Kind bereits im Mutterleib eingeprägt.

Als eine Art Zwischenbilanz können wir festhalten, daß es eine große Zahl von Faktoren gibt, die im Säugling Spannung hervorrufen können. Diese Spannung ist in den meisten Fällen nicht sichtbar. Jeder der Faktoren fließt jedoch als eine Art zusätzlich verstärkender Nebenfluß in den unterschwelligen Spannungsstrom, der schließlich in Symptomen wie Koliken, Ekzemen, Durchfällen mündet oder sich einfach in unaufhörlichem, unerklärbaren Schreien äußert, in einem Verhalten mithin, mit dem das Kind sozusagen in vorderster Abwehrlinie signalisiert, daß es sich in Not befindet.

*  Ibid., S. 61.

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Die Symptomwahl ist nicht etwas vom Kind »Durchdachtes«. Sie ist vielmehr das Ergebnis vieler spannungserzeugender Erfahrungen und wird gleichsam im Brennpunkt der Entbehrungen getroffen. So kann zum Beispiel ein Kind, das nicht genügend berührt und gestreichelt oder grob behandelt wird, unter Hauterkrankungen leiden. Ein fehlerhaft ernährtes Kind kann ständig irgendwelche Gegenstände in den Mund stecken oder plappernde Laute von sich geben. Bei einem Kind, das am Schreien gehindert oder dafür bestraft wird, kann die Nase anfangen zu laufen.

Der Symptombrennpunkt liegt im allgemeinen in der Bedürfnisregion. Diese Region erfordert eine besondere »Behandlung«; hier ist es zur Überlastung gekommen. So kann ein zu frühzeitig zur Sauberkeit abgerichtetes Kind zum Bettnässer werden und später zur Promiskuität, zum wahllosen Sexualverkehr neigen. Wenn es männlich ist, wird es seinen Penis, verkürzt ausgedrückt, zur Spannungsentlastung in genau der Region benutzen, die ursprünglich von dem Trauma betroffen wurde. Dabei handelt es sich natürlich um einen komplexen Vorgang, denn Überlastung braucht durchaus nicht die Folge eines einzigen Streßfaktors zu sein. 

Ein Kind kann zu abrupt entwöhnt, zu frühzeitig zum Gehorsam erzogen oder nach einem Zeitplan gefüttert werden, der seinen Bedürfnissen zuwiderläuft. Welche Entlastungsregion es wählt, hängt von seinen Lebensumständen, von seinem kulturellen Milieu und davon ab, was seine Eltern erlauben. In einer religiösen Familie mag Masturbation (als Entlastung von zu frühzeitiger Sauber­keitsdressur) überhaupt nicht vorkommen, weil das Kind sich aus lauter Angst eine solche Handlung versagt. Daher wird es einen anderen Ausweg wählen — zum Beispiel ständiges Beten. Wenn erst eine Entlastungsregion gefunden ist, dann wird hier jede allgemein auftretende Spannung abgeführt.*  So fließt in einer ständig wiederkehrenden nervösen Muskelzuckung (Tic) des Gesichts oder des Mundes die aus verschiedenen Quellen gespeiste Spannung ab.

* H. B. Miller schreibt in Science Digest vom Juli 1970: »(Ich) vermute, daß Bösartigkeit einer Erkrankung (Krebs) eine allgemeine Störung ist, wobei der Tumor lediglich die lokale Manifestation des Gesamtprozesses darstellt.« Miller erläutert in seiner Arbeit, wie Spannung die Schleimhäute und den Hypothalamus beeinflußt, der seinerseits dann Sekrete absondert, die unter Umständen die Körperzellen in Mitleiden­schaft ziehen. Nach Millers Auffassung ist eine mögliche Tumorbildung (emotional verursachten) Kreislaufstörungen zuzuschreiben, die das Gewebe und die Zellen in extremer Weise stimulieren und schließlich zu einer strukturellen Desorganisation führen. Miller erklärt die Zurückbildung von Tumoren mit emotionalen Vorgängen. Mir ist schon häufig der Gedanke gekommen, daß Krebs eigentlich eine »Verrücktheit der Zelle« ist, von Zellen, die aufgrund von Primärdruck außer Rand und Band und außer Kontrolle geraten. Dieser Urdruck muß uns letztlich auf der Zellebene beeinflussen.

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Der Körper ist nicht in der Lage zu unterscheiden. Er reagiert auf die Überlastung lediglich auf die gewohnte »eingeschliffene« Weise. Auch wenn wir heranwachsen, der Bedürfnisschmerz bleibt unverändert, behält seine ursprüngliche Stärke, denn dieser Schmerz ist unsere körperliche Wahrheit, und die Wahrheit ist der Zeit nicht unterworfen. Freilich, die Abwehr oder die Art der Entlastung ändern sich. Sie verfeinert sich – vom Daumenlutschen zum Rauchen, vom Bettnässen zur Masturbation, von den Prügeleien unter Jungen zu raffinierten Boshaftigkeiten. Gelegentlich bleibt die Abwehrform ein Leben lang unverändert. Immer wiederkehrende Träume sind dafür ein Beispiel. So wie Tics, Asthmaanfälle, Magengeschwüre, Hautbeschwerden und ähnliches. Auf jeden Fall weisen Symptome auf innere Spaltungs­vorgänge hin. Das Einsetzen von Symptomen, sagen wir einer Allergie oder von Stottern, markiert den Beginn einer Spaltung. Gelegentlich geht die Aufspaltung nicht mit einem dramatischen Symptom einher; die Persönlichkeit wird dann lediglich starr, »fixiert«. Damit kommt zum Ausdruck, daß das Kind, innerlich abgespalten von seinem Schmerz, einen passenden Weg gefunden hat, mit seiner Überlastung fertig zu werden. Ein solches Kind mag ein Junge sein, der seine Freude daran findet, die Kleider seiner Mutter zu tragen, oder ein Mädchen mit blasser Hautfarbe, kränkelnd, still und höflich.

Obwohl Urschmerzen verschiedene Ursachen haben, körperliche (Beschneidung) und psychische (Ablehnung), so sind die an der Verarbeitung des Schmerzes beteiligten Körperprozesse doch gleicher Natur, weil nämlich psychisch zugefügter Schmerz stets von Körperprozessen begleitet ist; Neurose ist ein Körpergeschehen. In einer lieblosen, institutionalisierten Umwelt können Kinder an denn sogenannten psychischen Streß sterben.

Da Symptome gleichsam Bedürfniserweiterungen oder Abzugsröhren für den Bedürfnisschmerz sind, können wir über ein Kind und seine unterschwelligen Probleme eine Menge durch Beobachtung seiner Symptome in Erfahrung bringen. Durch genaues Beobachten der bei Patienten vor sich gehenden Symptomänderungen in der Primärtherapie können wir tatsächlich erkennen, welche Schmerzen abgespalten worden sind.

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Wenn ein Kind zum Beispiel einen Freund erfindet, der neben ihm sitzt, zu ihm spricht, mit ihm spielt usw. und wenn es sich diesem Wahn über Monate hingibt, dann dürfte diese Wahnvorstellung der eines Erwachsenen entsprechen, der sich einbildet, das »Gotteskind« zu sein, das Kind eines Gottes, der allgegenwärtig ist und alles beobachtet. Bei beiden irrealen Vorstellungen kann es sich um Symptome handeln, mit denen Gefühle der Einsamkeit und des Verlassenseins vom Bewußtsein ferngehalten werden sollen. Die Symptome sind durch Gefühls­überlastung verursachte Fehlschaltungen; ihr Inhalt läßt uns die Art der abgespaltenen Gefühle erschließen. Die Absonderlichkeit der von den Symptomen zum Ausdruck gebrachten Gedanken zeigt das Maß an Überlastung an. Je realitäts­ferner ein Gedanke ist, um so absonderlicher stellt er sich dar.

Die Vorstellung eines Schmerzpegels gestattet uns diese verallgemeinernde Aussage. Im Schmerz haben wir die Energie vor uns, welche die Gedanken von ihren Bezugspunkten ablenkt. So kann sich ein Kind nicht nur einen Phantasie-Freund erfinden, weil es sich von der Familie abgelehnt fühlt, sondern unter Umständen auch zu der Überzeugung gelangen, daß dieser eingebildete Freund zu ihm spricht und seine Bewegungen und Handlungen lenkt. Später kann sich diese Vorstellung zu dem Wahn verfestigen, daß eine (nun nach außen verlegte) verborgene Kraft hinter den Handlungen wirksam ist, und dann steht tatsächlich hinter allem, was es tut, eine unsichtbare Macht — der Urschmerz. Angesichts der Einheit von Symptomen und Ursachen müssen wir uns hüten, die Symptome als abgesonderte und sich selbst erhaltende Gebilde aufzufassen und zu untersuchen.

Wird ein Kind einem Arzt zur Symptombehandlung zugeführt, dann behandelt der Arzt lediglich die Ergebnisse all der von mir bisher erwähnten Kräfte — Geburtstrauma, Beschneidung, Geräusche, die das Kind in seinem Bettchen aufgenommen hat, unzureichende Muttermilch, ungenügende Fütterungszeit usw. Dabei spielt keine Rolle, ob es sich um einen »Geistes«-Arzt handelt, der sich auf die Behandlung von Kleptomanie oder Phobien versteht, oder um einen »Körper«-Arzt, der Allergien oder Darmerkrankungen wie Colitis zu heilen versucht. Beide befassen sich lediglich mit dem Schlußpunkt eines historischen Prozesses. Für gewöhnlich ist nicht ein Einzelfaktor auszumachen, den man als »Verursacher« des Symptoms, das der Arzt vor sich sieht, bezeichnen könnte. Solange der Arzt nicht bereit ist, den untergründigen Spannungsstrom zu erforschen und die verschiedenen Teilursachen des Symptoms ans Licht zu fördern, kann er sich im besten Falle mit dem »Kopf der Schlange« befassen und darauf hoffen, daß dies zum Erfolg führt. Heilen kann seine Behandlung jedenfalls nicht.

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Der folgende Bericht ist ein gutes Beispiel dessen, was ich vor Augen hatte, als ich sagte, ein Urerlebnis sei eine kompakte Erfahrung — eine Erfahrung, bei der sich Schmerz auf Schmerz schichtet und die ihren symbolischen Ausdruck in einem einzelnen Ereignis findet. Die Patientin bricht nicht in Schreie aus, weil dieses eine Ereignis, das sie wiedererlebt, sie in entsetzliche Angst versetzt; vielmehr ist dieses Ereignis eine Art Endsumme, die Hunderte von ähnlichen Ereignissen repräsentiert, Ereignisse, die alle die gleiche Art von Schmerz erzeugen.

*

 

evelyn

In der sechsten Behandlungswoche war ich zwei Tage lang wirklich überlastet, in erster Linie von schrecklicher Angst. Selbst nachdem ich in der Therapiegruppe vierzig Minuten lang geschluchzt und geweint hatte wie eine Besessene, war mein Körper immer noch traumatisiert. Auch als ich mich völlig meinen Gefühlen überließ, hatte ich das Empfinden, die einzelnen Zellen meines Körpers glühten und platzten auf. Schließlich mußte ich um ein Beruhigungsmittel bitten. Nach zweieinhalb Tagen war mein Körper wie ein ausgewrungener Waschlappen, und die entsetzliche Angst war immer noch nicht verschwunden.

Eines Abends, als ich gerade eine Beruhigungstablette nehmen wollte, kam ein Freund zu mir. Wir sprachen ein wenig miteinander, er gab mir eine herrliche Kopfmassage, die wie ein natürliches Beruhigungsmittel wirkte, und dann war ich in der Lage, sechs Stunden lang ohne Unterbrechung zu schlafen. Mein Freund schlief in dieser Nacht bei mir auf dem Fußboden.

Am anderen Morgen war ich etwas ausgeruht und fühlte mich ein wenig erholt. Ich lag mit dem Rücken auf dem Fußboden, während mein Freund das Frühstück vorbereitete. Ich fühlte mich noch erschöpft, ein wenig schwindelig. Als ich mich aufrichtete, wurde mir schwarz vor Augen, und ich mußte mich irgendwo anlehnen. Als ich den Kopf senkte, ging es mir etwas besser. Ich bemerkte, daß das Unwohlsein immer weiter nachließ, je tiefer ich den Kopf senkte. Als ich wieder auf dem Rücken lag, fühlte ich mich ganz wohl.

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Als das Frühstück fertig war, setzte ich mich an den Tisch. Ich schaute die Speisen an, und plötzlich geriet ich in Erregung, der Gedanke zu essen machte mich elend und krank. Mein Freund fragte: »Was ist los?«, und dann hob ich plötzlich den Arm über den Kopf, wie um mich zu verteidigen; das geschah ohne meinen Willen, und ich schaute hoch, Angst erfaßte mich, als sollte ich in jedem Augenblick geschlagen werden. Der Teller mit dem Erbsengemüse! Es war der Teller mit Erbsen, den meine Mutter auf meinem Kopf zerschlagen hatte, als ich nicht essen wollte!

Ich geriet völlig außer Fassung, wich voller Entsetzen vor dem Teller zurück und konnte kaum ein Wort herausbringen. Zu guterletzt bat ich meinen Freund, den Teller in eine Papiertüte zu stecken und ihn für mich zum Institut zu bringen. Mein Freund hatte mir versprochen, er würde mich zum Institut begleiten. Auf dem Wege dorthin fühlte ich mich wie im Fieber, wie orientierungslos und krank vor Angst und Schrecken. Ich schaffte es nur, weil mein Freund mir beistand.

Wir bekamen ein Zimmer, gingen hinein, und eine Stunde lang war ich völlig in den Zwischenfall versunken, der sich vor achtzehn Jahren ereignet hatte, und konnte mich nur für Sekunden daraus befreien. Kaum hatte ich das Zimmer betreten, warf ich mich auf den Fußboden, hielt beide Arme schützend über dem Kopf und schrie: »Mein Kopf, mein Kopf, mein Kopf...« Es klingt komisch, wenn ich sage, »ich« warf mich auf den Fußboden, denn ich hatte das Gefühl, als hätte mich irgend etwas anderes dorthin geworfen. Ich hatte nicht bewußt die Absicht, es zu tun, hatte mich nicht dazu entschieden, konnte es nicht kontrollieren, doch »ich« tat es.

Wie soll ich den Abgrund beschreiben, in den ich an diesem Tag fiel? Vor lauter Angst schrie ich an die zwanzig Minuten lang, warf mich hin und her, um mich zu schützen — warf mich auf den Rücken, die Arme in die Höhe gereckt, und schrie: »Nein, nein, nein ...« Ich verkroch mich in eine Ecke, immer schreiend, rollte mich zusammen, zog meinen Kopf ein, bedeckte ihn mit meinen Armen und schrie ununterbrochen. Dann überfiel mich ein neuer seltsamer Angstanfall. Ich wurde ganz still, lag da mit aufgerissenen Augen. Ich sah nach rechts, und da saß mein Vater, mein wunderbarer, freundlicher, doch jetzt auch erschreckter Vater. Er saß rechts von mir am Tisch, als der Teller auf meinem Kopf zersprang.

Ich wußte, daß ich ihn am liebsten gebeten hätte, mir zu helfen, doch kein Wort kam über meine Lippen. Ich streckte die rechte Hand nach ihm aus.

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Ich spürte ihn, wie er an meiner Seite saß, meine Lippen formten lautlos die Silbe »Pa-«. Mir war, als müßte ich mich ihm über eine Wüste hin verständlich machen, als hätte ich zur Zeit des Zwischenfalls in einer unglaublich tiefen Höhle meines Innern gerade seinen Namen geformt, seinen Namen, der nun vom Grund jener Höhle langsam aufstieg, und meine Lippen formten wieder die Silbe »Pa-«. Doch wieder entstand daraus kein Wort. 

Zehn Minuten lang brachte ich kein Wort hervor, nur jene stumme Silbe, und mein Arm streckte sich immer noch nach ihm aus, meine Hand suchte ihn zu fassen. Dann gab ich in tonloser Art den Laut »Pa-« von mir. Dann wieder »Pa-«, schließlich »Pa-pa... Pa-pa«. — Ich wiederholte immer wieder »Pa-pa«, tonlos, wie hölzern. »Mein Papa, mein Papa, mein Papa...« — ich schrie, schrie, schrie, als ich mich von meinem Platz an dem phantasierten Tisch zu ihm hinüberbeugte. Ich schaute ihn an und schrie unter Schluchzen: »Papa, sag ihr, sag ihr, sag (Weinen), ich kann nicht, kann nicht essen, ich kann es nicht essen.«

Für weitere fünfzehn bis zwanzig Minuten Schreien und Schluchzen, doch der Höhepunkt war erreicht, als ich die Silbe »Pa-« stammelte, und obwohl ich noch vor Schmerz schrie, waren Angst und Schrecken weitgehend abgeklungen. Ich weinte jetzt vor Erleichterung, vor allem, weil ich an meinen Vater dachte, dem ich nach zwanzigjähriger Entfremdung jetzt wieder begegnet war. Was kann ich darüber sagen, daß ich meinen Vater wiedergefunden habe? Dafür gibt es keine Worte. Meine ganze Kindheit hindurch bin ich von meiner Mutter terrorisiert worden. Sie hat mich fast täglich geschlagen, zwar niemals auf brutal körperliche Weise, doch ihr Gesicht sagte mir: »Ich hasse dich und werde dich umbringen.« Irgendwie war sie immer hinter mir her.

Der Prozeß der gefühlsmäßigen Trennung von meinem Vater vollzog sich weitgehend in einem Zeitraum von zwei Jahren, zwischen meinem fünften und siebten Lebensjahr.

Obwohl sich beide Traumata – der Haß meiner Mutter und die Gefühlstrennung von meinem Vater – über einen längeren Zeitraum erstreckten, hat doch das Eintauchen in die entsetzliche Angst die Macht beider Schmerzen gebrochen: Ein großer Teil des Schreckens, den meine Mutter in mir auslöste, schien sich irgendwie auf jenen Teller zu konzentrieren, den sie auf meinem Kopf zerbrach. Auch der Schmerz über die allmählich sich ausweitende Gefühlskälte gegenüber meinem Vater, den ich liebte und verehrte, verschmolz mit jenem Augenblick, als ich nicht in der Lage war, mich an ihn zu wenden. Als ich den Teller zerspringen fühlte und die Silbe »Pa-« zu stammeln versuchte, da war irgendwie der Bann gebrochen.

Als der Zwischenfall sich in meiner Kindheit ereignete, war ich völlig still, weinte nicht und schaute weder meine Mutter noch meinen Vater an. Als mir aufging, was geschehen war (sie kam von hinten und zerschmetterte ohne Vorwarnung den Teller auf meinem Kopf), da wurde ich merkwürdig ruhig, aß schweigend zu Ende und ging dann in mein Zimmer. Damals war ich sieben.

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