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Anhang:  Dorothy

 

 

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In dem folgenden, nicht vollständigen Bericht schildert eine fünfundvierzigjährige Frau ein Geburtsprimal. Es ist eines von vielen, die wir beobachtet haben. Dieses Geburtsprimal haben wir auch gefilmt. Es ist das fünfte der Frau.

dorothy

Gestern abend war ich zu Hause. Ich fühlte mich ziemlich gereizt und aufgeregt und bewegte mich rastlos hin und her, als sei mein Körper nicht fähig gewesen, irgendeine Haltung beizubehalten, mochte sie auch noch so angenehm sein. Dann begann ich wieder zu zittern, genauso stark wie bei früheren Geburtsprimals. Ich konnte meine körperlichen Bewegungen nicht kontrollieren. Meine Hände, mein Gesicht, Arme, Beine, der ganze Rumpf — alles bewegte sich, ohne meinen Willen. Dann fühlte ich eine Art »Summen« im Kopf, und ich wartete still, bis mein Körper auf diesen Eindruck reagierte. Es war, als ob mein Gehirn Signale in meinen Körper schickte. Ich wußte, daß ich meine ersten Lebensbewegungen verspürte. Die Bewegungen waren ganz sacht, und ich hatte das Gefühl, ein Wasserballett aufzuführen. Gegen Ende vollführte mein Oberkörper rhythmische Bewegungen. Anschließend hing mir die Zunge aus dem Mund und begann zu zittern und allmählich vor- und zurückzuschnellen. Darauf begann ich spontan zu saugen.

Die »Signale« wurden jetzt stärker, sie strahlten das Rückgrat hinunter bis in meine Beine. Nach starken rhythmischen Bewegungen setzen Körperkontraktionen ein, und mein Körper streckte sich aus. Unter wellenartig auftretenden Zuckungen glitt ich langsam den Geburtskanal hinab. Plötzlich packte mich Entsetzen, denn ich merkte, wie von außerhalb des Mutterleibes etwas mit mir angestellt wurde. Mein Körper war nicht mehr von freien, spontanen Bewegungen erfaßt. Von außen wurde an mir herumgezerrt, gestoßen und geschlagen. Ich war nicht darauf vorbereitet, was hier mit mir geschah. Auch schlang sich etwas (die Plazenta) um meine Füße, so daß ich sie nicht mehr ungehindert bewegen konnte. Ein heftiges Schütteln setzte ein, und ich zitterte am ganzen Körper. 


Das »Schlagen« von draußen fing wieder an. Ich wollte um Hilfe schreien, doch ich konnte nicht. In diesem Augenblick preßte sich meine Hand auf meine Nase, so daß ich nicht frei atmen konnte. Für längere Zeit konnte ich meine Hand nicht aus dieser Stellung losbekommen. Mein ganzer Körper vibrierte vor Angst. Kein Wunder, daß ich nicht geboren werden wollte. Kein Wunder, daß ich so lange brauchte, um das Geburtsprimal zu Ende durchzustehen.

(Nach Auskunft von Beobachtern dauerte der Vorgang fast dreißig Stunden.) Dazu fallen mir meine früheren Urerlebnisse ein, die mit meinen Beinen zu tun hatten, mit der Unfähigkeit, sie frei zu bewegen. Mein Körper wurde bei ihrem Versuch, mich in die richtige Geburtsposition zu bringen, buchstäblich »geschlagen«, noch ehe ich geboren worden war. Ich habe mich oft gefragt, warum ich bei den Schlägen, die ich als Kind von meiner Mutter erhielt, die tatsächliche Härte, mit der sie zuschlug, nicht gefühlt habe. Nun kenne ich die Antwort. Ich hatte während der Geburt zuviel ertragen müssen, und darum hörte ich auf, selbst die Schläge meiner Mutter zu fühlen.

Das Folgende sind Auszüge einer Tonbandaufnahme unmittelbar nach meinem Geburtsprimal (gesprochen unter lautem Schluchzen und Weinen, während mir die Zusammenhänge einsichtig wurden):

»... Niemand war da, der mir half, niemand, niemand. Und niemand, der sah... niemand, der sah, daß ich in Gefahr war und daß sie mir wehtaten. Ich war ihrer Macht ausgeliefert. Dann wurde mein Hals mit Gewalt hin und her bewegt, und Zuckungen erfaßten meinen ganzen Körper. Jemand faßte mich beim Kopf und versuchte, mich herauszuziehen, zerrte mich schließlich mit Gewalt heraus.« (Geburtszange) »... zog und zerrte mich hin und her. Dann legte sich die Plazenta um meine Füße, so daß ich mich nicht bewegen konnte, und ich fühlte mich wie vernichtet, vermochte nicht nach Hilfe zu rufen. Niemand hörte und sah mich... das waren Urszenen für mich...

... Als ich im Geburtskanal war, brauchte ich sanfte, sachte Hilfe... doch da war niemand, der sie mir gab. Es war ein Wunder, daß ich überlebt habe... Ich hatte solche Schmerzen, war so erschreckt, von Panik ergriffen... Ich mußte mich dem allem einfach entziehen und mich verschließen... mir blieb nichts, wohin ich mich wenden konnte.

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... Mein ganzes Leben lang bin ich gerannt, habe versucht, jemanden zu finden, der sehen könnte, was ich brauchte und welch! Schmerzen ich litt.

... Ich weiß, daß meine Urerlebnisse, als sie sich erst einmal ausweiteten, einem festen Muster folgten. Wenn man sie aufzeichnen könnte, würde sich herausstellen, daß sie einen natürlichen Gang einhielten, einer natürlichen Ordnung folgten, doch wiederum auch einmalig waren, zu mir als menschlichem Wesen gehörten... es war ein eigener individueller Weg. Ich kann ihren Zusammenhang erkennen, ein Urerlebnis schloß sich dem anderen an. Die Urszenen sind grundlegend, denn sie sind die Grundlage dafür, daß ich die Zusammenhänge erkenne. Ich weiß jetzt auch etwas von Liebe... es heißt einfach, jemanden er selbst sein zu lassen... Ich bin... es geht nicht darum, klein, groß, gescheit, dumm oder irgend etwas zu sein ... nur da sein, das ist alles. Ich bin. Für Mammi war es sicherer, mich ein kleines Mädchen sein zu lassen. Sie wollte nicht, daß ich groß werde, sie hielt mich von Anfang mit ihrem Körper zurück. Sie mußte mich dumm halten, damit ich nicht herausfinde, daß sie mich in Wirklichkeit haßte und nicht haben wollte. Solange sie mich daran hindern konnte, groß zu werden, erwachsen zu werden, war die Möglichkeit größer, daß sie mir dieses Wissen vorenthalten konnte. Ich war auf sie und ihre Antworten angewiesen, von ihr abhängig... so fühlte sie sich sicher. Ich mußte ihr Lieblingskind sein, damit sie mich kontrollieren konnte... und mich daran hindern konnte, herauszufinden, wie die Dinge wirklich lagen...

Ich weiß, daß die Erfahrungen während meines Geburtsprimals meinen Körper veranlaßten, sich zu verschließen. Ich konnte den Schmerz, den ich fühlte, nicht ertragen, nicht absorbieren. Seither ist mein Körper auf die verschiedenste Weise buchstäblich lebendig geworden. Vor Beginn der Behandlung nahm ich täglich vier Milligramm eines Schilddrüsenmedikaments. Seit dem ersten Tag der Behandlung brauche ich es nicht mehr, und trotzdem habe ich eine normale Schilddrüsenfunktion, wie die Jod-Tests beweisen. Die normale Körpertemperatur ist gefallen... um wieviel, weiß ich nicht. Doch kürzlich hatte ich eine Virusinfektion, und ich kenne die Symptome, die sich bei hohem Fieber einstellen. Der Arzt konnte jedoch nur eine Temperatur von etwa 37 Grad feststellen. Er war völlig sprachlos, konnte sich das gar nicht erklären. Die Haut an meinem ganzen Körper sondert nun Flüssigkeit ab, die Trockenheit, die immer schlimmer geworden war, ist verschwunden, und meine Haut hat richtigen Glanz angenommen. Zum erstenmal in meinem Leben beginne ich wirklich zu leben.«

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An diesen Urerlebnissen können wir die enge Verflechtung von Geburtstraumata und späterem Verhalten erkennen. Sie sind nicht so sehr als Ursache und Wirkung zu verstehen, sondern als geschlossene Einheit, als organische Wechselbeziehung. Die Erfahrung des Festgehaltenwerdens im Uterus wurde für die Patientin später zum Bestandteil ihrer Dummheit. Das heißt, das Erlebnis in der Gebärmutter und dazu das Bedürfnis der Mutter, sie auf vielfältige Weise im Verlauf einer langjährigen Beziehung dumm zu halten, trugen gemeinsam dazu bei, daß die Patientin später ein »dummes«, unwissendes, uneinfühlsames Verhalten an den Tag legte.

Nach dem Wiedererleben des Geburtsvorganges konnte die Patientin viele ihrer späteren Erfahrungen mit der Mutter besser einordnen und verstehen. Man kann es auch anders ausdrücken: Das Bedürfnis der Mutter, sie in ihrem späteren Leben dumm zu halten, war sozusagen lediglich ein erneuter Versuche dem Kind nicht zu erlauben, die Geburt auf seine eigene Weise zu erleben. In ähnlich gelagerten Fällen kann es natürlich auch sein, daß die Eltern alles kontrollieren wollen und sich dem Kind gegenüber später so verhalten, daß es hilflos und unfähig bleibt, irgend etwas selbst zu tun. Dann ist die Urerfahrung der Geburt nicht so sehr mit dem Gefühl der Dummheit als vielmehr mit dem Gefühl der Hilflosigkeit verbunden. Das Gefühl der »Hilflosigkeit« ist eine »Deutung« der Erfahrung. Diese Deutung stellt sich mit dem Gebrauch der Sprache und mit der Entwicklung von Fähigkeiten zur begrifflichen Vorstellung ein. Doch das Gefühl der Hilflosigkeit, der Unfähigkeit, Schmerz abzustellen, wird bei einigen Menschen von der Geburtserfahrung ausgelöst. Das Gefühl ist unbewußt, nicht wahrnehmbar, doch da es vorhanden ist und von einer »Lebens«-Erfahrung herstammt, beeinflußt es das Verhalten des betreffenden Menschen und treibt ihn dazu, in seinem späteren Leben das Hilflossein auszuagieren. (Das heißt, in einer Situation hilflos zu handeln, in der es ihm an Kraft fehlt.)

 

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Anhang B: Richard

 

Im folgenden Bericht schildert ein Patient, der in Steißlage geboren worden war, sein Geburtsprimal. Gleich zu Anfang des Urerlebnisses klagte der Patient über ein Kältegefühl an den Beinen und am Gesäß. Und tatsächlich fühlte sich die Haut des Patienten kalt an. In Abständen von wenigen Sekunden krümmte er sich zusammen und wurde von Zuckungen erfaßt, doch er konnte sich nicht erklären, was er da durchmachte. Erst wenige Tage später, nachdem er Kontakt mit seiner Mutter in New York aufgenommen hatte, erfuhr er vom Ablauf seiner Geburt.

 

»Mein Name ist Richard. Ich bin seit genau vier Monaten in der Therapie. Gestern, in einer Einzelsitzung, passierte etwas, doch ich wußte es mir nicht zu erklären. Mein Körper zuckte wie verrückt, und dann hatte ich alle möglichen Schmerzen, vor allem im Rücken. Das dauerte eine gute Stunde. Anschließend fragte mich mein Therapeut, was los sei, und ich antwortete: »Ich glaube, ich werde geboren...« Genau das habe ich ihm erzählt.

Es war schwierig für ihn, das zu verstehen. Er sprach ständig davon, daß Babys mit dem Kopf voran geboren würden. Er verstand nicht, daß meine Füße und mein Gesäß kalt waren. Doch ich erklärte ihm, das sei aber so. Ich weiß überhaupt nichts darüber, wie Babys geboren werden. Meine Füße waren kalt und mein Hintern auch... Am nächsten Tag besuchte ich einige Freunde, die in der Primärtherapie sind. Hier ist ihr Bericht über das, was geschah«:

Heute abend, Sonntag, den 2. November 1969, kam Richard zum Abendessen zu uns. Er erzählte etwas Seltsames, was gestern geschehen sei; er habe ein Geburtsurerlebnis gehabt. Aus seinen Worten schloß ich, daß er eine Geburt in Steißlage gehabt hatte. Das bestätigte sich anschließend, als Richard seine Mutter in New York anrief. Er wurde am 9. April 1941 in Livonia in Italien geboren. In dem Dorf (das heute zu Jugoslawien gehört) war er der erste Junge, der seit Ausbruch des Krieges geboren wurde. Die Faschisten des Ortes überhäuften seine Mutter mit Geschenken und machten ihn offiziell zum Parteimitglied. Richard erinnerte sich, daß er in einem großen kalten Raum das Licht der Welt erblickt hatte. 

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Gegen neun Uhr abends fiel er mitten in seiner Schilderung über das gestrige Urerlebnis zu Boden; er fiel einfach um. In der Stellung eines Fötus fing er an zu stöhnen, wobei er sich selbst umklammerte. Ich nahm meinen Sohn mit nach draußen, um Richard nicht davon abzulenken, seinen Schmerz zu fühlen. Anschließend hat meine Frau folgendes notiert:

9.02 Uhr. Er liegt auf dem Boden, seine Haltung ist die eines Fötus, er stöhnt. Sein Stöhnen ist ziemlich gleichmäßig, und es klingt gepreßt. Man kann seinen keuchenden Atem hören. Er furzt und rülpst, sein Gesicht ist purpurrot.

»... es tut mir weh... auaaa... es schmerzt...« Er preßt seine Hände gegen Bauch oder Rücken (später erklärt er, dieser Körperteil, das heißt, sein Rücken, habe am meisten geschmerzt). Sein Gesicht sieht aus wie das eines neugeborenen Kindes. Sein Körper windet sich. »Es ist kalt draußen ... ooh ... ooh ...« 9.25 Uhr. Er liegt unbeweglich, rührt sich nicht, die rechte Hand unter der linken Wange, den linken Arm zwischen den angezogenen Beinen. Sein Atem geht schwer, er hat heftige Zuckungen, die jedoch langsam ablaufen — krampfartig. Sein Grunzen ist tief, wie das eines Fötus, er stößt es in Abständen von etwa zwanzig Sekunden aus. Er scheint zu hören, daß ich mir Notizen auf dem Papier mache, und öffnet die Augen. Sie sind rotgerändert. Als er sie wieder schließt, beginnt er erneut schwer zu atmen und eine Reihe von besonders heftigen Grunzlauten auszustoßen. Jetzt windet er sich in den Schultern, sein Gesicht ist verzerrt, wie unter erhöhtem Luftdruck. Er stöhnt jetzt (9.30 Uhr) sehr schwer, schneller als vorher. Sein Atem wird gequält, sein Stöhnen ist eine sinnlose Lautfolge. »Es ist kalt, kal-t...« flüstert er.

Jetzt (9.32 Uhr) liegen beide Arme zwischen seinen Schenkeln. Er wimmert. Seine Beine liegen an den Knöcheln überkreuz. Er liegt auf der linken Seite.

9.33 Uhr. Seine rechte Hand, nun zur Faust geballt, ruht unter der linken Wange. Sein Gesicht sieht angeschwollen aus, als hätte er gerade eine fünfzehn Runden lange Redeschlacht hinter sich gebracht. Die Schreie sind jetzt (9.34 Uhr) tiefer, kommen mehr aus der Brust. Er wimmert, da ruft mein kleiner Junge, der gerade oben gebadet wird, nach mir. Ich habe niemals solch schmerzerfüllte Augen gesehen. Die Rufe meines kleinen Jungen scheinen Richard aus seinem Urerlebnis gerissen zu haben. Er richtet sich auf und sagt: »Ich will nicht mehr.« »Nimm es nicht so schwer«, sage ich.

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Er beginnt zu schluchzen. »Es ist kalt.« Nach einer Weile bittet er um ein Taschentuch. Als er wieder sprechen kann, meint er: »Mein Stöhnen, es war wie ein Kämpfen, damit ich nicht zerschmettert werde... Ich habe ein Druckgefühl von einer Stelle knapp über meinem Gesäß aufwärts (zu seinen Achselhöhlen) - kurz unterhalb meiner Schulterblätter verspüre ich den stärksten Schmerz, weil ich meine Hände vorn gefaltet habe.« »Deine Hände tun deinem Rücken weh?« »Ja, ich weiß aber nicht, ob man mich dreht oder ob ich gerade herauskomme. Danach war mir jämmerlich kalt. Mein Körper fühlt sich an, als ob er eine Million Tonnen wiegt. Ich versuche, meinen Kopf zu bewegen, doch ich kann nur ein wenig mit ihm wackeln. Anders kann ich ihn nicht bewegen.« »Wie fühlst du dich dabei?«

»Ich weiß nicht. Als sei ich etwas Unförmiges. Etwas Unförmiges, was sich nicht bewegen kann.« »Willst du schreien?«

»Ich glaube, aber ich weiß nicht, wie. Ich empfinde das Stöhnen als angenehm, ich kann meinen ganzen Körper fühlen, wenn es einsetzt. Ich kann ihn von den Zehenspitzen bis zum Hals fühlen, doch mein Kopf fühlt sich vom Hals an aufwärts wie ein eigener Körper an, als hätte ich zwei Körper, einen vom Hals an aufwärts, den anderen vom Hals an abwärts.

... Die beiden Teile meines Körpers funktionieren nicht auf gleiche Weise.«

»Du meinst, dein Kopf und dein Rumpf sind nicht Teile eines Ganzen?«

»Ja, so ähnlich. Mein Körper ist unten kalt, oben warm. Es scheint so, als sei ich in der Mitte geteilt, und deshalb schmerzt der obere Teil meines Körpers... Ich weiß nicht, wie ich die beiden Teile koordinieren soll, damit sie zusammenarbeiten. Ich verstehe das alles nicht. Wenn ich mich zusammenkrümme, dann habe ich das Gefühl, als sei der obere Teil von mir zu schwer (der Kopf). Ich möchte nicht, daß mein Kopf sich so schwer anfühlt. (Stöhnen) Das ist ein Gefühl, als wenn mich die Muskeln eines anderen zu Tode drücken. Das geschieht nur von den Hüften an aufwärts. Es tut schrecklich weh. Es ist, als würde mein Rückgrat verdreht und als würden mich ganz starke Muskeln zerquetschen. Es ist angenehm, wenn das aufhört, ich möchte nicht, daß es überhaupt anfängt, doch es geschieht immer wieder...« Richard legt sich zurück auf den Teppich, seine Zuckungen setzen wieder ein. 

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Später, als er sich wieder aufgerichtet hat und wieder sprechen kann, fährt er fort: »Stell dir eine Tube Zahnpasta vor... wenn du sie von unten her zusammendrückst! Ich habe das Gefühl, als würde mein ganzer Körper von unten her zusammengepreßt und als stiege der Druck in Brust und Kopf. Als ob alles nach oben schießt. Als sei einem übel, ohne daß man sich erbrechen kenn. Ich habe Schmerzen in der rechten Schulter. Ich weiß nicht, was sie bedeuten. Es ist, als werde ich auf einer Rutschbahn festgehalten und als verrenkte jemand meinen Körper und verdrehe die Schultern. Und das alles reißt mir den Rücken weg.« (10.05 Uhr) Er krümmt die Schultern. »Mmmmm, mmmm...« Sein Gesicht ist verzerrt, läuft rot an, die Bauchmuskeln spannen sich. »Es ist, als drehen sie mich zur falschen Zeit.« »Wer ist sie?«

»Ärzte — was weiß ich. Ich will darüber nicht mehr sprechen. Es schmerzt. Es tut erbärmlich weh. Wenn ich darüber spreche, gerate ich wieder da hinein.«

10.15 Uhr. Er liegt wieder in Krämpfen auf dem Boden. Die linke Hand unter der rechten Wange, die rechte Hand zwischen den Schenkeln. Er liegt zusammengekrümmt auf der linken Seite, stöhnt sehr laut, grunzt und stöhnt. Bei jeder Anstrengung verzerrt sich sein Gesicht. Sein Bauch hat sich selbständig gemacht. Im Gegensatz zum übrigen Körper ist sein Gesicht rot angelaufen. 10.20 Uhr. Richard rollt sich auf den Rücken und starrt einige Sekunden lang zur Decke. Schließlich richtet er sich stöhnend auf. Die Hände über den Knien verschränkt, hockt er da und schüttelt den Kopf. Er hält die Augen fest geschlossen und sieht aus wie ein Gnom, der von Schmerz erfüllt ist - ein Thema von Murillo, nur gemalt von Goya.

Er fällt gegen die Couch und schnappt nach Luft. Trotz des schlechten Lichts in unserem Wohnzimmer läßt sich erkennen, daß seine Haare schweißnaß sind.

»Ich kann nicht mehr. Wirklich. Die Schmerzen sind zu groß, wirklich.«

»Jetzt wissen wir, was ein Baby bei der Geburt durchzumachen hat. Nur haben wir ein Baby vorher nie darüber sprechen gehört.« »Müssen alle Babys so etwas durchmachen? Ich habe immer gedacht, die Mutter müsse alle Schmerzen durchmachen.« Richard sagt zu mir: »Tony, hör auf, mich so anzuschauen!« »Was soll ich dazu sagen? So etwas habe ich nie zuvor erlebt, Richard.«

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Richards Urerlebnisse setzten sich über viele, viele Wochen hin fort. Jedes Mal kam ein weiteres Stück von ihm aus dem Geburtskanal. Einer der entscheidenden Zusammenhänge, die ihm bei seinen Urerlebnissen klar wurden, war: »Mein ganzes Leben lang war ich auf dem Sprung, mich auf eine Schlägerei mit jemanden einzulassen, der mich anstieß oder auch nur anrempelte. In der Schule reagierte ich übermäßig heftig, wenn irgendein Kind mich zufällig anstieß, und dann gab es eine Prügelei. Nun geht mir auf, daß ich mich immer gegen diesen frühen Schmerz zur Wehr gesetzt habe. Alles, was mir heutzutage Schmerz bereitet, setzt jenen Geburtsschmerz frei, und dann muß ich um mich schlagen, um mich vor weiteren Schmerzen zu schützen.« Wer hätte jemals gedacht, daß die Feindseligkeit und die Prügeleien des Jungen während der Schulzeit sich auf sein Erlebnis im Geburtskanal zurückführen lassen?

 

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Anhang C: 

Die Körpererinnerungen

 

Das abgebildete Foto zeigt die Blutergüsse am Bein einer achtundvierzigjährigen Frau, die während eines Urerlebnisses wiedererlebt hatte, wie sie unmittelbar nach der Geburt vom Arzt mit dem Kopf nach unten in die Höhe gehoben worden war und von ihm einen Klaps auf das Hinterteil erhalten hatte. Der Arzt war dabei ziemlich grob vorgegangen. Man kann die Eindrücke der Finger und des Daumens seiner linken Hand erkennen, wie sie sich um das Bein des Babys gelegt hatten. Das fast ein halbes Jahrhundert zurückliegende Ereignis ist damit in seiner Einheit und nicht nur mit dem Gehirn wiedererlebt worden. (Die Familie der Frau bestätigt die bei der

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Geburt entstandenen Blutergüsse.) Der Körper bewahrt also seine Erinnerungen; wenn wir uns klarmachen, daß Blutergüsse die dem System eingeprägten körperlichen Erinnerungen darstellen, latente, zeitlose Erinnerungen, dann dürfte uns auch verständlich sein, daß andere Erinnerungen ein Leben lang erhalten bleiben, ständigen Druck ausüben und in die Neurose treiben. Das abgebildete Foto veranschaulicht die Einheit von Körper und Geist; Erinnerung und Gefühl sind ein psychophysiologischer Gesamtvorgang. Der Körper ist eine Datenbank, die keine Informationen vergißt, auch wenn der Geist sich von ihr abgespalten hat. Wer die Bedeutung der Fotografie voll begriffen hat, der versteht bereits eine Menge von der Primärtheorie. Es ist eine kaum zu bestreitende Tatsache, daß Schmerz (in diesem Falle körperlicher Schmerz), der in der frühen Kindheit nicht integriert werden kann, fortan dem System eingeprägt bleibt. Wenn ein Organismus nicht in der Lage ist, aufgrund einer Schmerzüberlastung das, was mit ihm geschieht, zu assimilieren, dann kommt es zu einer automatischen Trennung zwischen Geist und Erfahrungen. Aufgrund dieses Trennungsprozesses bleibt das traumatisierende Erlebnis als eine ständig wirksame, dem Bewußtsein entzogene und darum unauflösbare Kraft erhalten. Wie gesagt, der Körper ist eine Datenbank, die alle ihre Erfahrungen speichert und nichts vergißt, auch wenn das Bewußtsein die Erfahrungen nicht abrufen kann.

Nicht nur der »Geist« speichert oder »erinnert« Erfahrungen, sondern auch der ganze Körper. Da Körper und Geist eine Einheit bilden, reagiert der Körper ständig auf Erfahrungen, die abgespalten, kodiert und gespeichert worden sind. Mit anderen Worten, Schmerz (und unbefriedigte Bedürfnisse werden in Schmerz verwandelt) ist ein Zustand des Körpergewebes, und das Gewebe »erinnert sich« auf körperliche Weise. Es ist die gleiche Art von »Erinnerung«, deren sich unser Körpersystem bedient, wenn wir eine große Menge eines bestimmten Medikaments zu uns genommen haben und dann eine Immunität dagegen entwickeln.

Erfahrungen sind keine abgekapselten, einzig und allein im Gehirn gespeicherten Gebilde. Eine nicht integrierte frühe Erfahrung setzt im Gehirn einen sich selbst erhaltenden Kreislauf in Gang, der seinerseits den Körper als das sozusagen untrennbare Gegenstück zu jener Erfahrung innerviert. Die Stärke der Innervierung hängt von der Art des Schmerzes ab. Wenn es sich bei dem frühen Schmerz um einen Bluterguß handelt, dann kann der Organismus

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später dazu neigen, leicht Blutergüsse zu bilden, wie es bei der erwähnten Frau der Fall war, die häufig unerklärliche Blutergüsse entwickelte. Besteht beispielsweise das Trauma in der Erfahrung, aus dem warmen Mutterleib in einen sehr kalten Kreißsaal zu gelangen, dann reagiert das Blutsystem darauf unter Umständen mit Verengung. Dieser Verengungsprozeß kann sich fixieren, so daß es in jeder Streßsituation, die geeignet ist, das frühere traumatische Erlebnis wachzurufen, zu einer unangemessenen kardiovaskulären [Herz und Kreislauf betreffenden] Reaktion kommt. Der infolge frühen ungelösten Schmerzes in Gang gehaltene Kreislauf kann im späteren Leben zu Herz- und Kreislauferkrankungen führen.

In diesem Zusammenhang erfahren wir auch etwas über den Heilungsprozeß. In dem geschilderten Fall ging die Abheilung von Blutergüssen, die sich im Körper der Frau gebildet hatten, vor Einsicht in die entscheidenden Zusammenhänge stets ungewöhnlich langwierig vonstatten. Wir haben bei anderen zu Blutergüssen neigenden Patienten herausgefunden, daß die Aufdeckung früher Zusammenhänge im Verlauf von Urerlebnissen nicht nur die Anfälligkeit für Blutergüsse ganz erheblich verringert, sondern auch den Heilungsprozeß bei jetzt selten auftretenden Blutergüssen um ein Vielfaches beschleunigt.

Wir erkennen mithin, daß der Körper Leitorgane besitzt, die besonders verletzlich sind, nicht nur aufgrund der genetischen Anlage (die wir nicht unterschätzen sollten), sondern auch aufgrund der Natur des frühen Traumas. Ein aufschlußreiches Beispiel ist der Zusammenhang zwischen früher Fütterung nach Zeitplan, häufig verbunden mit Hungergefühlen des Kindes, und späteren gastrointestinalen [Magen und Darmtrakt betreffenden] Problemen. Diese Symptome sind »Erinnerungen« des Körpers. Dabei handelt es sich um »übersetzte« Erinnerungen.

 

Bei dem geschilderten Fall müssen wir uns fragen: »Wo ist der Bluterguß in den achtundvierzig Jahren geblieben?« Zweifellos ist er irgendwo im Körpersystem kodiert, das heißt als verschlüsselte Information gespeichert worden. Er war eine latente Anfälligkeit. Der Körper wurde buchstäblich, wenn auch allgemein, unablässig daran erinnert, daß es einen spezifischen Bluterguß gegeben hatte, mit dem er sich auseinanderzusetzen und den er zu beseitigen hatte. Das heißt, der Körper verallgemeinert sowohl physisch wie psychisch spezifische Schmerzen; dieser Prozeß der Verallgemeinerung bildet das Wesen der Neurose. Die Angst vor der Mutter wird unter Umständen verdrängt und später auf alle Frauen ausgedehnt.

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Als der besagte Bluterguß auftrat, war das Großhirn womöglich noch nicht so weit entwickelt, als daß es das Erlebnis hätte richtig deuten können. Später bedarf es eines »erwachsenen« Gehirns, das dem »Baby-Gehirn« in begrifflichen Vorstellungen vermittelt, was mit ihm geschehen ist. Damit ist der Zusammenhang hergestellt, das heißt, es geht darum, die Schmerzquelle zu erkennen, den Schmerz spezifisch zu machen, so daß er nicht mehr neurotisch verallgemeinert werden muß.

Aufgrund unserer Beobachtungen können wir eine allgemeine Aussage über den frühen Schmerz formulieren: Körperliche Traumata scheinen physisch, psychische Traumata psychisch verallgemeinert zu werden. Offensichtlich gibt es aufgrund der Einheit von Körper und Geist gewisse Überlappungen. Doch wenn es sich um ein präverbales Trauma handelt, auf das nur der Körper reagieren kann, dann dürfte eine fixierte, prototypische Reaktion auf spätere Traumata körperliche Symptome produzieren. Handelt es sich hingegen um ein postverbales Trauma, dann äußert sich die Reaktion auf spätere Streßsituationen unter Umständen in gedanklichen Vorstellungen, wie zum Beispiel in paranoiden Wahnideen.

Abgespaltener Schmerz übt Druck auf das Körpersystem aus; er ist weder statisch noch unwirksam. Herstellung des Zusammenhangs löst den Schmerz und hebt den Druck auf. Solange etwa ein frühes Hungertrauma nicht wiedererlebt und die Verbindung zum Bewußtsein nicht hergestellt ist, wird bei dem Betreffenden immer eine Anfälligkeit für Magenbeschwerden und -geschwüre bestehen, mag die Behandlung mit Linderungsmitteln auch noch so ausgezeichnet sein. In gewissem Sinne ist das Unbewußte zeitlos; die Frau, deren Bein die Fotografie zeigt, hätte wahrscheinlich Zeit ihres Lebens immer wieder unter Blutergüssen zu leiden gehabt, wenn nicht ein spezifischer Augenblick in ihrem Leben zutage gefördert worden wäre — wenn nicht ein entscheidender Bluterguß, der zu einer spezifischen Zeit aufgetreten war, erneut erfahren worden wäre. Zuvor war die »Bildung von Blutergüssen« eine zeitlose Reaktion.

Um den frühen Bluterguß beseitigen zu können, mußte er sich erneut zeigen. Es hätte nichts genutzt, sich lediglich bewußtseins­mäßig an ihn zu »erinnern«, ohne daß der Körper beteiligt worden wäre. Das beweist uns, daß nur eine psychophysiologische Erfahrung heilende Wirkung ausübt. Einsicht, Wahrnehmung oder lebhafte Erinnerung können unbewußte Tendenzen welchen Ursprungs auch immer nicht beseitigen; sie können den Körper nicht wirklich kontrollieren.

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Die mögliche Reaktivierung von beobachtbaren Phänomenen, etwa des Blutergusses, läßt uns nicht-beobachtbare unbewußte Phänomene wie Geburtstraumata in einem anderen Licht erscheinen:

Wenn das Gehirn einen Körpervorgang reproduzieren kann, der Augenblicke nach der Geburt abgelaufen ist, dann dürfen wir mit Sicherheit annehmen, daß auch ein Augenblicke vor der Geburt auftretendes Trauma sich dem Gehirn und damit dem Körpersystem einprägen kann. Was die Zeit vor und nach der Geburt angeht, so dürfte die Fähigkeit des Gehirns, Ereignisse zu speichern, nicht signifikant unterschiedlich sein. Daher drängt sich der Schluß auf, daß eine Erfahrung vor der Geburt genauso wie Schmerz nach der Geburt einen fortwährenden unterschwelligen Druck auf das Körpersystem ausübt.

Nach diesen Überlegungen sollte der Unterschied zwischen Urerlebnis und Abreaktion oder Katharsis klar geworden sein. Unter Abreaktion versteht man gewöhnlich einen gefühlsmäßigen Ausbruch im Gefolge einer Erinnerung. Man müßte die Bedeutung des Begriffs schon überdehnen, wollte man damit auch Phänomene wie Blutergüsse bei der Geburt erfassen. Es geht um den Unterschied zwischen Erinnern und Wiedererleben. Wenn plötzlich Blutergüsse auftreten, während man ein früheres Ereignis wiedererlebt, dann ist das keine Abreaktion, sondern ein Urerlebnis.

 

 

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