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Nachwort (1967)

Bekanntgabe

 

242-245

  Wenn man im Flugzeug über Europa nach Afrika oder Asien fliegt, überquert man in wenigen Stunden Meere und Länder, die ein Schmelztiegel der Geschichte des Menschen sind. 

In Minuten legt man den Weg jahrtausendelanger Wanderungen des Menschen zurück; in Sekunden, nach einem flüchtigen Blick, läßt man Schlachtfelder hinter sich, auf denen Millionen von Menschen einst kämpften und starben. Man sieht keine nationalen Grenzen, keine tiefen Klüfte oder hohen Mauern, die Menschen von Menschen trennen; nur die Natur und die Werke des Menschen - Häuser und Fabriken und Bauernhöfe - spiegeln überall die gemeinsamen Anstrengungen des Menschen wider, sein Leben zu verbessern.

Überall führen moderne Technik und moderne Kommunikationsmittel Menschen und Nationen näher zusammen, das Anliegen des einen wird mehr oder weniger zum Anliegen aller. Und unsere neugewonnene Nähe reißt die falschen Masken ab, die Illusion der Unterschiedlichkeit, die an der Wurzel von Ungerechtigkeit und Haß und Krieg liegt. Nur der an die Erde gebundene Mensch hält noch an dem dunklen, vergiftenden Aberglauben fest, daß seine Welt durch den nächsten Berg begrenzt ist, sein Universum am Flußufer endet, seine menschliche Gemeinschaft auf den engen Kreis jener beschränkt ist, mit dem er den Ort, seine Ansichten und seine Hautfarbe teilt.

Jede Nation hat verschiedene Hindernisse und verschiedene Ziele, die von den Launen der Geschichte und Erfahrung geformt sind. Aber bei Gesprächen mit jungen Menschen überall auf der Welt beeindruckt mich nicht die Verschiedenheit, sondern die Gleichartigkeit ihrer Ziele, ihrer Wünsche und Sorgen und Hoffnungen für die Zukunft. Es gibt Diskriminierung in New York, Apartheid in Südafrika und Leibeigenschaft in den Bergen von Peru. Menschen verhungern auf den Straßen Indiens; Intellektuelle gehen in Rußland ins Gefängnis; Tausende werden in Indonesien abgeschlachtet; Unsummen für die Rüstung werden überall ausgegeben.

Es sind verschiedene Übel, aber sie alle sind das Werk des Menschen. Sie bezeugen die Unvollkommenheit menschlicher Gerechtigkeit, die Unzulänglichkeit menschlicher Anteilnahme, die Mangelhaftigkeit unseres Mitgefühls für das Leiden unserer Mitmenschen; sie bezeichnen die Grenze unserer Fähigkeit, Wissen zum Wohle anderer zu verwenden. Und deshalb appellieren sie an das Gemeinsame, das Gewissen und die Entrüstung, die Entschlossenheit, dem unnötigen Leiden unserer Mitmenschen im eigenen Land und überall in der Welt ein Ende zu machen.

Auf unserer Antwort ruht die Hoffnung der Welt; sie lautet, auf die Jugend zu bauen - nicht das Lebensalter, sondern eine Geisteshaltung, eine Qualität des Willens, eine Form der Phantasie, ein Vorwiegen des Mutes gegenüber der Zaghaftigkeit, der Abenteuerlust über den Hang zur Bequemlichkeit. Die Grausamkeiten und Hindernisse dieses sich rasch wandelnden Planeten werden überholten Dogmen und abgenutzten Schlagworten nicht weichen.

Die Welt kann nicht bewegt werden von jenen, die sich an eine Gegenwart klammern, die bereits abstirbt, jenen, die die Illusion der Sicherheit der Erregung und der Gefahr vorziehen, die selbst der friedlichste Fortschritt birgt. Es ist eine revolutionäre Welt, in der wir leben; und dieser Generation, hier und überall in der Welt, wurde eine größere Last der Verantwortung aufgebürdet als je einer Generation vor ihr.

«Es gibt nichts Schwierigeres, was man beginnen könnte», schrieb ein italienischer Philosoph, «nichts, was gefährlicher durchzuführen oder des Erfolgs ungewisser ist, als mit der Einführung einer neuen Ordnung der Dinge zu beginnen.» Doch dies ist das Maß der Aufgabe dieser Generation, und auf dem Weg liegen viele Gefahren.

Die erste ist die Gefahr eines Gefühls der Nutzlosigkeit, der Glaube, daß es nichts gibt, was ein Mann oder eine Frau ausrichten kann gegen das gewaltige Aufgebot der Übel in der Welt - gegen Elend und Unwissenheit, Ungerechtigkeit und Gewalt. Doch viele der großen Bewegungen in der Welt, des Geistes und der Tat, sind dem Wirken eines einzelnen Menschen entsprungen. Ein junger Mönch begann die protestantische Reformation, ein junger Feldherr dehnte ein Imperium von Mazedonien bis an die Grenzen der Welt aus, und ein junges Mädchen gewann das Territorium Frankreichs zurück. Es war ein junger italienischer Forscher, der die Neue Welt entdeckte, und der zweiunddreißigjährige Thomas Jefferson, der verkündete, daß alle Menschen gleich geschaffen seien. «Gebt mir einen Punkt, an dem ich stehen kann», sagte Archimedes, «und ich werde die Welt bewegen.»

Diese Menschen bewegten die Welt, und wir alle können es. Wenige nur werden die Größe haben, die Geschichte zu verändern, aber jeder von uns kann sich bemühen, einen kleinen Teil der Entwicklung zu beeinflussen, und die Summe aller dieser Taten wird die Geschichte dieser Generation schreiben. Tausende von Friedenskorpsfreiwilligen richten etwas aus in isolierten Dörfern und den Slums der Städte in Dutzenden von Ländern. 

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Tausende von unbekannten Männern und Frauen leisteten der Nazi-Besetzung Widerstand und viele starben, aber sie alle trugen bei zur künftigen Stärke und Freiheit ihrer Länder. Aus zahllosen verschiedenen Akten des Mutes und des Glaubens wird die Geschichte des Menschen gestaltet. Jedesmal, wenn sich ein Mensch für ein Ideal einsetzt oder etwas für die Verbesserung des Loses anderer tut oder sich gegen Ungerechtigkeit auflehnt, setzt er eine winzige Welle der Hoffnung in Bewegung, und von Millionen verschiedenen Zentren der Energie und des Wagemuts aus treffen diese Wellen zusammen zu einer gewaltigen Woge, die die mächtigsten Mauern der Unterdrückung und des Widerstands zerschmettern kann.

«Falls Athen dir groß erscheint», sagte Perikles, «so bedenke, daß sein Ruhm erkauft wurde von kühnen Männern und von Männern,, die ihre Pflicht erkannten.» Dies ist die Quelle aller Größe in allen Gesellschaften, und es ist der Schlüssel zum Fortschritt in unserer Zeit.

Die zweite Gefahr ist die der Tunlichkeit, die Auffassung derer, die sagen, Hoffnungen und Überzeugungen müßten unmittelbaren Erfordernissen gegenüber zurücktreten. Natürlich müssen wir die Welt nehmen, wie sie ist, wenn wir wirksam handeln wollen.

Aber wenn es etwas gab, das Präsident Kennedy verkörperte, das Menschen in der ganzen Welt im Innersten berührte, dann war es der Glaube, daß Idealismus, hochgesteckte Ziele und tiefe Überzeugungen mit den praktischsten und zweckmäßigsten Programmen nicht unvereinbar sind - daß es keine grundsätzliche Unvereinbarkeit von Idealen und realistischen Möglichkeiten, keine Trennung zwischen den stärksten Wünschen von Herz und Verstand und dem rationalen Einsatz menschlicher Bemühungen auf menschliche Probleme gibt.

Es ist nicht realistisch oder nüchtern, ohne letzte moralische Ziele und Werte zur Richtschnur, Probleme zu lösen und Maßnahmen zu treffen. Es ist gedankenlose Torheit. Denn es verkennt die Realität von Glauben und Leidenschaft und Überzeugung des Menschen, von Kräften, die letztlich mächtiger sind als alle Kalkulationen von Nationalökonomen oder Generalen. Natürlich fordert es großen Mut und großes Selbstvertrauen, angesichts unmittelbarer Gefahr an Maßstäben, an Idealismus, an Zukunftsvisionen festzuhalten. Aber wir wissen auch, daß nur jene, die große Fehlschläge zu riskieren wagen, jemals Großes leisten können.

Dieser neue Idealismus ist auch, so glaube ich, das gemeinsame Erbe einer Generation, die gelernt hat, daß Zweckmäßigkeit in die Lager von Auschwitz oder die Straßen von Budapest führen kann, während nur die Ideale der Humanität und der Liebe die Akropolis zu erklimmen vermögen.

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Eine dritte Gefahr ist die Zaghaftigkeit.

Wenige Menschen sind bereit, der Mißbilligung ihrer Mitmenschen, dem Tadel ihrer Kollegen, dem Zorn ihrer Gesellschaft zu trotzen. Moralischer Mut ist ein selteneres Gut als Tapferkeit in der Schlacht oder hohe Intelligenz. Doch es ist die eine wesentliche, unerläßliche Qualität derer, die eine Welt zu ändern suchen, die sich nur sehr beschwerlich dem Wandel beugt.

Aristoteles sagt uns, daß «bei den Festspielen von Olympia nicht die den Siegeskranz erringen, die am schönsten und stärksten aussehen, sondern die Kämpfer... so gelangen auch zu den Siegespreisen des Lebens nur die Menschen, die richtig handeln». Ich glaube, daß in dieser Generation jene, die den Mut besitzen, in den moralischen Kampf eintreten, in jedem Winkel der Erde Kameraden finden werden.

 

Für die Glücklicheren unter uns ist die vierte Gefahr Bequemlichkeit, die Versuchung, dem leichten und vertrauten Weg des persönlichen Ehrgeizes und des finanziellen Erfolgs nachzugehen, der jenen, die das Privileg der Bildung genießen, so weit offensteht. Aber das ist nicht der Weg, den die Geschichte uns vorgezeichnet hat. Es gibt einen chinesischen Fluch: «Möge er in interessanten Zeiten leben.»

Ob es uns gefällt oder nicht, wir leben in interessanten Zeiten. Es ist eine Zeit der Gefahr und der Unsicherheit, aber sie steht offener für die schöpferische Energie des Menschen als jede andere Zeit der Geschichte. Und wir alle werden letztlich nach der Anstrengung, die wir dem Aufbau einer neuen Weltgesellschaft gewidmet haben, und nach dem Maß, in dem unsere Ideale und Ziele diese Anstrengung gestaltet haben, beurteilt werden und uns gewiß mit den Jahren selbst danach beurteilen.

Unsere Zukunft mag außerhalb unserer Blickweite liegen, aber sie ist nicht gänzlich außerhalb unserer Kontrolle. Es ist die formative Triebkraft Amerikas, daß weder das Schicksal noch die Natur, noch die unaufhaltsamen Gezeiten der Geschichte, sondern die Arbeit unserer Hände, verbunden mit Vernunft und Grundsätzen, das Schicksal bestimmen werden. Darin liegt Stolz, ja sogar Arroganz, aber auch Erfahrung und Wahrheit. In jedem Fall ist es die einzige Art, in der wir leben können. 

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245


 

Bekanntgabe

der Präsidentschaftskandidatur 

 

246-247

Denn die Wirklichkeit der jüngsten Ereignisse in Vietnam ist durch Illusionen vertuscht worden. Der Bericht der Unruhen­kommission ist weitgehend ignoriert worden. Die Goldkrise, die Krise unserer Städte, die Krise unserer Landwirtschaft und die Krise unserer Gettos - ihnen allen ist zu wenig und zu spät entgegengetreten worden.

Niemand, der so viel wie ich über die außerordentlichen Anforderungen der Präsidentschaft weiß, kann gewiß sein, daß irgendein Sterblicher das Amt angemessen auszuüben vermag. Aber meine Arbeit im Nationalen Sicherheitsrat während der kubanischen Raketenkrise, der Berlin-Krise und der Verhandlungen über Laos und über den Versuchsstoppvertrag haben mich etwas sowohl über den Nutzen als auch die Grenzen der militärischen Macht gelehrt, über den Wert von Verhandlungen mit Verbündeten und mit Feinden, über die Möglichkeiten und Gefahren, die unser Land in den vielen Gebieten der Erde erwarten, die ich bereits habe. 

Als Mitglied des Kabinetts und als Mitglied des Senats habe ich die unentschuldbare, furchtbare Not gesehen, die Kinder in Mississippi verhungern, schwarze Bürger in Watts rebellieren, junge Indianer in ihren Reservationen Selbstmord begehen und stolze, gesunde Familien im östlichen Kentucky ihr Leben in leerer Untätigkeit verbringen läßt.

Ich habe mit den jungen Menschen unserer Nation gesprochen und ihnen zugehört, ihren Zorn gespürt über den Krieg, in den sie geschickt werden, und über die Welt, die sie bald erben werden. In privaten Gesprächen und in der Öffentlichkeit habe ich vergeblich versucht, unseren Kurs in Vietnam zu ändern, bevor er weiter unsere Energie und unsere verfügbaren Streitkräfte schwächt, weiter das Risiko eines größeren Krieges erhöht und weiter das Land und das Volk zerstört, zu deren Rettung er gedacht war...

Meine Entscheidung ist nicht das Ergebnis persönlicher Abneigung oder mangelnder Achtung gegenüber Präsident Johnson. Er diente Präsident Kennedy mit äußerster Loyalität und zeigte mir und Angehörigen meiner Familie in den schwierigen Monaten, die den Ereignissen vom November 1963 folgten, größte Freundlichkeit. Ich habe häufig seine Bemühungen auf den Gebieten der Gesundheitsfürsorge, des Bildungswesens und in vielen anderen Bereichen begrüßt; und ich empfinde tiefe Anteilnahme für die Lasten, die er heute trägt. Aber das Problem ist nicht persönlicher Natur; es geht um unsere zutiefst unter­schied­lichen Auffassungen darüber, zu welchem Ziel hin wir uns bewegen.

Ich ignoriere nicht leichtfertig die Gefahren und Schwierigkeiten, die darin liegen, einen amtierenden Präsidenten herauszufordern; aber die Gegenwart ist keine gewöhnliche Zeit, und was vor uns liegt, ist keine gewöhnliche Wahl. Auf dem Spiel stehen nicht nur die Führerschaft unserer Partei oder sogar unseres Landes, sondern unser Recht auf die moralische Führerschaft auf diesem Planeten.

247

Washington, D.C.,
 den 16. März 1968

 

 

Ende

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(d-2014:)  Es ist anders gekommen.

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