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19. Die jüngste Methode (Schlusswort)

 

 

 

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Wie aus diesem Buch ersichtlich, gibt es keine einzige Methode der Psychotherapie, die so wirkungsvoll ist, daß sie die anderen Methoden als überholt oder nutzlos erscheinen ließe.  

Des weiteren ist es eine Tatsache, mit der ich mich intensiv befaßt habe, daß trotz der Gegensätze zwischen den verschiedenen Psychotherapien und ihren Grundprinzipien zahlreiche Therapie­formen Elemente vieler verschiedener Grundprinzipien und Methoden in sich vereinigen. 

Die wahrscheinlich erfolgreichste Methode hat die Technik der klientenzentrierten Therapie mit der allgemeinen Lerntheorie und Verhaltens­modifikation kombiniert. Vielleicht ist ihre Wirksamkeit auf die Tatsache zurückzuführen, daß beide Richtungen unabhängig voneinander beachtliche Forschungs­ergebnisse zur Stützung ihrer Erfolgsberichte vorgelegt haben; das ist mehr, als andere Psychotherapien zu leisten vermochten. 

Jedenfalls sehen viele moderne Therapeuten in den beiden genannten Auffassungen die Möglichkeit einer günstigen Kombination von Vorzügen; sie wird als Methode der klientenzentrierten, auf Lernen basierenden Psychotherapie bezeichnet. Meiner Ansicht nach ist diese Form der Psychotherapie — für den Fall, daß Sie sich überhaupt einer Therapie unterziehen wollen — die einzige Methode, die ernstlich in Erwägung gezogen werden sollte. Natürlich hängt viel von der Art Ihrer Neurose ab, aber wenn irgendeine spezifische Therapie die Fähigkeit besitzt, eine bestimmte Neurose zu mildern, dann würde ich meinen, daß die klienten­zentrierte, auf Lernen basierende Therapie die besten Aussichten hat, nicht zuletzt aufgrund ihrer Forschungsergebnisse. 

Nach der Auffassung der klientenzentrierten, auf Lernen basierenden Therapie sind Sie ein Organismus, der sein Verhalten aufgrund des allgegenwärtigen Wirkens der Verstärkung gelernt hat. Ihre Persönlichkeit wurde durch Konditionierung geformt, Ihre Motivationen rühren von angeborenen und angelernten Triebregungen her, und die Art Ihrer Frustration und Ihres Konflikts beruht auf der Dynamik der konditionierten multiplen Appetenz-Aversion. Insoweit ist diese Therapie von der Lerntheorie beeinflußt. 


Von der klientenzentrierten Theorie hat sie unmittelbar keine Thesen übernommen, sondern nur von der klientenzentrierten Praxis und ihren auf Empathie basierenden Methoden. Allerdings hat sie einen Gedanken, der aus dem klientenzentrierten Grundprinzip stammt, zum zentralen Konzept ihres eigenen Grundprinzips gemacht — ein Konzept, dem wir bisher noch nicht begegnet sind. Es ist die Auffassung, daß wir außer anderen angeborenen Trieben auch ein angeborenes Bedürfnis nach Stimulierung haben. Dieses Bedürfnis oder der angeborene primäre Trieb wird oft als Reizhunger bezeichnet; ihm ist die Neigung des Menschen zuzuschreiben, ständig nach neuer Erfahrung zu suchen.

Reizhunger läßt sich mit dem Hunger des Säuglings nach Nahrung vergleichen: Wenn ein Säugling nicht gefüttert wird, energetisiert der heftige Appetit seinen Hungertrieb, und er wird instinktiv versuchen, diese Triebspannung durch die am wahrscheinlichsten damit zusammenhängenden Reaktionen zu reduzieren: Erst wird er unruhig werden, dann weinen und, falls nötig, schreien. Das ist anfänglich Reflex-Verhalten; doch dann wird es gelernt, wenn sich das Trieb-Hinweis-Reaktions-Verstärkungs­muster durchsetzt. Der Reizhunger wirkt der klientenzentrierten Lerntheorie zufolge etwa auf die gleiche Weise. 

Wir alle besitzen einen angeborenen Reizhunger: 

Wenn Reize fehlen, energetisiert unser angeborenes Streben nach neuer Erfahrung unseren Stimulierungs­trieb; instinktiv versuchen wir, diese Triebspannung zu reduzieren, indem wir Stimuli erzeugen. Dadurch, daß wir selbst Reize erzeugen, reduzieren wir unsere Triebspannung und befreien uns damit selbst von den dadurch hervorgerufenen Ängsten. Da unsere auf Reduzierung von Spannung gerichteten Reaktionen behilflich sind, Ängste zu vermeiden, die unser Reizhunger hervorgerufen hat, finden wir solche Reaktionen angenehm und neigen dazu, sie zu verstärken, und damit begründen wir ein gelerntes Verhaltens­muster — ein Verhaltensmuster, das sich oft als neurotisch erweist.

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Einerseits regt uns der Reizhunger ständig an, nach neuen Erfahrungen und neuen Lösungen für unsere Probleme zu suchen; andererseits neigen wir zu gewissen Formen angstvermeidenden Verhaltens, wenn wir es schwierig oder unmöglich finden, unser angeborenes Bedürfnis nach neuen Erfahrungen und neuen Lösungen zu befriedigen. Daher wird unser Stimulierungstrieb — unser Reizhunger — zu einer wichtigen Ursache neurotischen Verhaltens, denn wir neigen dazu, die Reaktionen zu verstärken, die unseren frustrierten Bedürfnissen entgegenwirken, und die Angstregungen zu reduzieren, die von ihnen herrühren.

Die klientenzentrierte, auf Lernen basierende Therapie sieht die Reizhunger-Reduzierung als Hauptursache der Neurosenbildung an. Die Therapie besteht im wesentlichen in den klientenzentrierten Techniken der Warmherzigkeit, Empathie und positiven Zuwendung, außerdem in dem Bemühen, den Patienten anzuleiten, wie er seine falschen Reizhunger-Reaktionen und -Verstärkungen »umlernen« kann. 

Sie hält den Reizhunger für die Hauptursache von Konflikten und bemüht sich, den Klienten zu einer Konfrontation mit seinem Appetenz-Aversions-Mechanismus zu bringen, wie er sich im Kontext des Stimulierungstriebs äußert. Indes tut sie das nicht durch die direktiven Techniken der Lern- oder Verhaltenstherapie, sondern durch die nicht-direktiven Techniken der klientenzentrierten Methode. 

Der Therapeut hat eine vierfache Aufgabe: 

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Die klientenzentrierte, auf Lernen basierende Therapie versucht in der Tat dazu beizutragen, daß der Patient durch kooperative Neukonditionierung seine Probleme selbst zu lösen vermag — kooperativ, das heißt, in Zusammenarbeit zwischen ihm und dem Therapeuten. In diesem Sinne verhilft sie der Psychotherapie wieder zu ihren anfänglichen Idealen, die in den fünfziger Jahren einer erbitterten Auseinandersetzung zwischen der Vielzahl psychotherapeutischer Grundprinzipien gewissermaßen verfälscht worden waren.

Ich will damit nicht sagen, daß die klientenzentrierte, auf Lernen basierende Therapie die definitive oder auch nur eine sinnvolle Antwort auf die Frage ist, ob die Psychotherapie als solche letztlich Gültigkeit besitzt oder nicht. Das Beweismaterial deutet zum größten Teil darauf hin, daß sie sehr wenig Gültigkeit besitzt. 

Erstens scheinen Beweise dafür vorzuliegen, daß ungefähr zwei Drittel aller Neurosen innerhalb von zwei Jahren spontan von selbst verschwinden.

Zweitens waren die meisten Psychotherapien nicht imstande oder bereit, Forschungsergebnisse zur Stützung ihrer Behauptungen vorzulegen; denjenigen, die es getan haben, muß man entgegenhalten: Wenn zwei Drittel der Neurosen spontan von selbst verschwinden, dann folgt daraus, daß in zwei Drittel der Fälle, bei denen sich therapeutische Erfolge nachweisen lassen, die Neurosen sowieso von selbst verschwunden wären, oft in beträchtlich kürzerer Zeit, als die Therapie dazu benötigt. Es folgt weiter daraus, daß Berichte über therapeutische Erfolge — ob damit nun Besserung oder Heilung gemeint ist — zumindest zu zwei Dritteln auf Fällen beruhen, die sich spontan besserten oder geheilt wurden, ohne daß die angewandte Therapie etwas ausrichtete.

Letztlich ist Psychotherapie wohl eine Sache der Überzeugung.  

Wenn Sie überzeugt davon sind, sie könne Ihnen helfen, wird sie es wahrscheinlich; wenn Sie vom Gegenteil überzeugt sind, wird sie Ihnen wahrscheinlich nicht helfen. Aber »helfen« ist ein relativer Begriff, »nicht helfen« ebenfalls. Wenn Sie stark erkältet sind und den Rat Ihres Arztes befolgen, eine Menge Aspirin zu schlucken, viel Obstsaft zu trinken und ein oder zwei Tage im Bett zu bleiben, und die Erkältung verschwindet, dann können Sie nie sicher sein, ob die Linderung Ihrer Symptome aufgrund der Verordnungen des Arztes eintrat oder durch einen natürlichen Heilungsprozeß. 

Wenn Sie andererseits eine ernste, lebensgefährliche körperliche Krankheit haben, Ihr Arzt sie diagnostiziert und dann durch Anwendung bestimmter medikamentöser oder chirurgischer Maßnahmen heilt, dann können Sie ziemlich sicher sein, daß die Therapie die Heilung bewirkt hat und nicht ein natürlicher Heilungsprozeß. 

Neurosen sind der Schnupfen des psychischen Organismus; es gibt dagegen nicht das eine Heilverfahren, eine Behandlung ist so gut wie die andere, und es besteht Aussicht, daß die Leiden von selbst heilen, wenn man den Dingen ihren Lauf läßt. Aber wie der Mensch mit Schnupfen auf der Suche nach schnell wirkenden Heilmitteln zu seinem Arzt oder in die Apotheke läuft, ist verständ­licherweise auch der Neurotiker nicht bereit, zu warten, daß sein Leiden seinen Lauf nimmt.

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Ende 

 

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