Gotthold Ephraim
Lessing

Nathan der Weise 1779 
Wien 1964 Audio
  

 

Das Neueste aus dem 
Reiche des Witzes als Beilage zu den Berlinerischen Staats- und Gelehrten-Zeitungen

ab 1751 in wikipedia  Vossische_Zeitung 

*1729 in Kamenz (bei Bautzen) bis 1781 in Braunschweig (52)

wikipedia.Lessing 

wikipedia  Erziehung des Menschengeschlechts

klassiker-der-weltliteratur.de  Lessing 

 

detopia:

L.htm   Sterbejahr   Utopiebuch 

Theo.Lessing   Jo.Goethe 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus  <Geschichte der Weltliteratur>  von Carl Busse:  

 

Aus einer ursprünglich slawischen, aber längst völlig germanisierten Familie stammend, ward Gotthold am 22.1.1729 zu Kamenz in der Oberlausitz geboren. 

Der Vater: ein in seiner Art bedeutender, schriftstellerisch eifrig tätiger, orthodoxer Pastor, dessen Vorfahren seit dem 16. Jahrhundert alle Theologie studiert hatten. Ephraims Mutter: eine Predigertochter ohne geistige Bedeutung. 

Der Knabe wird streng religiös erzogen, besucht von 1741-46 die Fürstenschule in Meißen und geht dann mit einem Stipendium dieser Anstalt zum Studium der Theologie nach Leipzig.

Er hielt sich aber bald mehr an die Philosophen, als an die Gottesgelehrten, verkehrte viel mit Christlob Mylius (1722-1754), einem "unglücklichen deutschen Genie" und ausgesprochenen Freigeist, und wandte den letzten Groschen an den Theaterbesuch

Neueren Forschungen zufolge gilt Mylius als erster „Winterbezwinger des Brockens“. Bislang galt die 1777 erfolgte Erste Harzreise Johann Wolfgang von Goethes als Erstbesteigung mit Tiefschnee, doch hat Mylius den Blocksberg bereits am 24. April 1753 erklommen.  wikipedia  Christlob Mylius  

 

Der besorgte Vater, zu dem übertreibende Gerüchte gedrungen waren, berief Anfang 1748 seinen Sprössling unter einem wenig geschmackvollen Vorwande nach Hause, überzeugte sich aber bald, dass seine Befürchtungen grundlos waren, und erlaubte dem Sohn, das theologische mit dem medizinischen Studium zu vertauschen.

So kehrte Lessing zum zweiten Mal nach Leipzig zurück. Als er hier bald durch leichtsinnig für Schauspieler übernommene Bürgschaften in Verlegenheit geriet und von Gläubigern bedrängt ward, entwich er nach Wittenberg und ging von hier unter Abbrechung seiner Studien nach Berlin, um sich eine literarische Existenz zu schaffen.

 

Ohne Geld, in höchst dürftigem Aufzuge langte er im November 1748 in Berlin an, fristete durch Übersetzungen sein Leben, veröffentlichte mit Mylius eine bald wieder eingehende Vierteljahrsschrift, die "Beiträge zur Historie und Aufnahme des Theaters", näherte sich Voltaire, dessen Prozess­schriften gegen den Juden Hirsch er deutsch umredigierte, und fand dauernde Beschäftigung bei der Vossischen Zeitung, als deren Beiblatt er seit April 1751 "Das Neueste aus dem Reiche des Witzes" herausgab.

Im Dezember 1751 verließ er Berlin, um in Wittenberg seine Studien abzuschließen. Gleichzeitig geriet er, nicht unverschuldet, in eine erbitterte, lange nachwirkende Fehde mit Voltaire. Nach Erlangung der Magisterwürde kehrte er 1752 nach Berlin zurück, wieder an die Voss'sche Zeitung, befreundete sich mit Moses Mendelssohn und Friedrich Nicolai und schrieb Anfang 1755 in der Stille eines Potsdamer Gartenhauses "Miss Sara Sampson".

Ihre Aufführung in Frankfurt an der Oder (Juli 1755) weckte Lessings Theaterleidenschaft, die er in Berlin nicht befriedigen konnte: er ging kurzerhand nach Leipzig, verkehrte hier mit Ewald von Kleist und ließ sich von einem reichen jungen Kaufmann als Begleiter für eine europäische Bildungsreise engagieren. 

Der Kriegsausbruch (1756) nötigte die Reisenden schon in Amsterdam zur Umkehr, und 1758 wandte sich Lessing zum dritten Mal nach Berlin. Er kam dem hier herrschenden patriotischen Aufschwung durch Herausgabe der Gleimschen Kriegslieder entgegen und ließ von 1759 ab seine "Literaturbriefe" bei Nicolai erscheinen.

Aber der Unruhegeist ist des Literatenlebens bald müde, und schon 1760 folgt er in jähem Entschluss einem Rufe des Generalleutnants von Tanenziehn als Gouvernements­sekretär nach Breslau, wo er es fünf Jahre lang in einem ganz militärischen Milieu aushielt und mit den Offizieren manche Nacht am Spieltisch verbrachte. Die schönste Frucht dieser Zeit ist "Minna von Barnhelm". Dann, 1765, treibt es ihn von neuem nach Berlin.

Um sich für die erhoffte Bibliothekarstelle zu empfehlen, schreibt er eifrig am "Laokoon". Aber alle Bemühungen scheitern am Widerstande Friedrichs des Großen: zwischen den beiden Männern, die so ausgezeichnet zueinander gepasst hätten, stand Voltaire. Ein unfähiger und abergläubischer Franzose ward zum Königlichen Bibliothekar gemacht, und Lessing, der "Eben am Markt stand und müßig war", musste froh sein, als von Hamburg aus der Ruf an ihn erging, die mit 800 Talern dotierte Dramaturgenstellung an dem neugegründeten "Nationaltheater" anzunehmen. Anfang April 1767 übersiedelte er nach Hamburg und wenn das ungenügend vorbereitete und vom Publikum nicht unterstützte Theaterunternehmen auch bald zusammenbrach: es hat in der "Hamburgischen Dramaturgie" (1767-69) eine unsterbliche Spur gezogen.

Lessing aber sah sich wieder um alle seine Hoffnungen gebracht. So sympathisch ihm Hamburg war: es bot ihm nicht einmal "des Sperlings Leben auf dem Dach", und deshalb griff er zu, als ihm vom Braunschweiger Erbprinzen die Bibliothekarstelle in Wolfenbüttel angetragen ward, die außer freier Wohnung und Heizung 600 Taler Gehalt brachte. 

Im April 1770 trat er sein Amt in dem "stillen Winkel" an; es sollte ihm die Möglichkeit geben, eine geliebte Frau heimzuführen: Eva König, die damals 34jährige verstandesklare und willenstarke Witwe eines Hamburger Kaufmanns.

Aber es dauerte noch sechs Jahre, ehe er dieses Ziel erreichte, da seine Verlobte erst in mühevoller Arbeit zur Sicherstellung ihrer Kinder das schwer übersehbare Geschäft ihres verstorbenen Gatten liquidieren musste. Für Lessing war diese Zeit von 1771-76, in der er neben gelehrten Arbeiten die "Emilia Galotti" vollendete, die "unglückseligste Periode" seines Lebens.

Der Mangel an Zerstreuung und geistvoller Gesellschaft, die abgelegene Lage des Ortes, Stubenluft und Bibliothekstaub, Schulden und die zu lange Spannung einer "ewigen" Verlobung erzeugten eine so verzweifelte Stimmung in ihm, daß ihn manchmal der Ekel vor dem Leben packte. Seine bis zum 40. Jahr eiserne Gesundheit geriet ins Wanken, Herzbeklemmungen, rheumatische Beschwerden, Schwindelanfälle, ein Augenleiden stellten sich ein, und der Tapferste der Tapferen, der immer nur Dornen geerntet hatte, verlor in dumpfer Hoffnungslosigkeit zuzeiten schon alle Schnellkraft. Selbst eine seit Jahrzehnten ersehnte Italienfahrt musste ihn unter solchen Umständen enttäuschen, um so mehr, da er als prinzlicher Reisebegleiter wenig eigene Freiheit hatte.

Am 8. Oktober 1776 fand endlich seine Hochzeit mit Eva König statt. Ein glückliches Jahr folgte - der freie Atemzug vor der letzten und schwersten Wegstrecke. Am Weihnachtsabend 1777 gebar Eva Lessing einen Sohn, der nach 24 Stunden starb und dem die Mutter am 10. Januar 1778 folgte. Der Brief, den Lessing am 31. Dezember 1777 an Professor Eschenburg schrieb, ist für jeden, der ihn einmal las unvergesslich.

"Meine Freude war nur kurz! Und ich verlor ihn so ungern, diesen Sohn; denn er hatte so viel Verstand; so viel Verstand! - Glauben Sie nicht, dass die wenigen Stunden meiner Vaterschaft mich schon zu so einem Affen von Vater gemacht haben! Ich weiß, was ich sage. - War es nicht Verstand, daß man ihn mit eisernen Zangen auf die Welt ziehen mußte? Daß er so bald Unrat merkte? - War es nicht Verstand, daß er die erste Gelegenheit ergriff, sich wieder davon zu machen? - Freilich zerrt mir der kleine Ruschelkopf auch die Mutter mit fort! - Denn noch ist wenig Hoffnung, daß ich sie behalten werde. - Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen."

Adolf Stahr hatte ein gutes Recht zu seinem Wort: Durch Lessings ganze letzte Lebensperiode ziehe sich eine gewisse dämonische Ironie des Schicksals, das ihm jeden großen Lebenswunsch nur deshalb zu erfüllen schien, um ihm durch solche Gewährung neue Leiden und Bitternisse zu bereiten. Noch im Todesjahr seiner Gattin ward Lessing in neue Kämpfe gezogen.

Unter den "Beiträgen zur Geschichte und Literatur, aus den Schätzen der herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel", hatte er auch die so genannten "Wolfenbüttler Fragmente" veröffentlicht, die von dem Hamburgischen Professor Hermann Samuel Reimarus stammten, einem rationalistischen Deisten, der die Offenbarung, die Auferstehung Christi usw. leugnete.

Orthodoxe und Liberale griffen Lessing dieserhalb heftig an, und besonders mit seinem schärfsten und bedeutendsten Gegner, dem Hauptpastor Goeze, ließ sich Lessing in eine erbitterte Polemik ein. 

Als er durch Denunziation bei seiner Regierung zum Schweigen gebracht war, verlegte er den Kampf auf einen Boden, wohin ihm seine Gegner nicht folgen konnten. 

Er bestieg seine alte Kanzel - das Theater - und hielt von dort aus seine große Toleranzpredigt, die - auf Subskription gedruckt - 1779 unter dem Titel <Nathan der Weise> erschien. Es folgten noch ein paar kleinere Arbeiten, aber die Kraft des Mannes war gebrochen. Selbst mitten in der Gesellschaft befiel den wachsten Geist Deutschlands die Schlafsucht

Die Hamburger Freunde hatten, als sie ihn 1780 wieder sahen, das Gefühl, als sei er eigentlich nie mehr wach. Anfang 1781 erblindete er auf einige Wochen, verwechselte die Worte, die Rede versagte ihm oft, die Feder wollte ihm nicht mehr gehorchen. 

Am 15. Februar 1781 vollendete er sein mühseliges, glückloses, großes Kämpferleben.  

 

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