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1. Kapitel

Der Glaube an eine zweckgerichtete Weltordnung

 

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   Seine demoralisierenden Folgen 

Teilhard de Chardin hat den bedeutsamen Schritt getan, die Schöpfung mit der Evolution gleichzusetzen. Seine Erkenntnis, daß mit jedem Evolutionsschritt ein Wertzuwachs verbunden sei, ist ebenso grundlegend für unsere Weltanschauung wie für die seine. Er glaubt jedoch, daß der Weg der Evolution vom Nichtlebendigen zum Lebendigen, vom Niedrigeren zum Höheren grundsätzlich vorherbestimmt, prädeterminiert sei - wie Oswald Spengler an einen unausweichlichen Untergang unserer Kultur geglaubt hat. Diese gegensätzlichen Anschauungen haben für das menschliche Verhalten die gleichen Folgen: Beide erlauben es dem Menschen, sich von der Verantwortung für das Weltgeschehen entlastet zu fühlen.

Die Faktoren der organischen Entwicklung, vor allem Erbänderung (Mutation) und Auswahl (Selektion), haben den menschlichen Geist erschaffen wie alle anderen Lebenserscheinungen auch. Der menschliche Geist aber hat Mittel und Wege gefunden, um den wichtigsten der Faktoren auszuschalten, die ihn schufen: die grausam bewahrende Selektion. Die Evolution hat den Menschen auf die Füße gestellt, hat ihn in eine im tiefsten symbolischen Sinne instabile Lage gebracht und dann die Hände von ihm abgezogen. Die kreative Selektion, von der im vierten Teil des Buches die Rede sein wird, hat aufgehört, auf den Menschen zu wirken. An ihre Stelle ist die intraspezifische Selektion getreten, von der wir sehr genau wissen, auf welch bizarre Irrwege sie den Artenwandel führen kann.

Es ist in gewissem Sinne erlaubt zu sagen, daß die schöpferische Evolution im stammesgeschichtlichen Sinne auf unserer Erde aufgehört habe. Die kulturelle Entwicklung der Menschheit geht immer schneller vor sich und hat zur Zeit eine solche Geschwindigkeit erreicht, daß es kaum übertrieben ist zu behaupten, die Schnelligkeit der genetischen, stammesgeschichtlichen Evolution könne im Vergleich mit ihr vernachlässigt, ja mit Null gleichgesetzt werden.

Die Veränderungen, die von der menschlichen Kulturentwicklung auf dem ganzen Planeten bewirkt werden, vollziehen sich jedenfalls in einem Tempo, das ein Mitgehen, ein »Nachziehen« der phylogenetischen Entwicklung völlig ausschließt.

Der Mensch ist in höchstem Maße bedroht. »Die ewig rege, die heilsam schaffende Gewalt«, wie Goethe sie nennt, kann heute ausschließlich durch die Wertempfindungen der Menschen wirksam werden.

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Die Entscheidung, ob die Evolution des organischen Lebens hier und jetzt »nach oben« oder »nach unten« geht, ist zur Verantwortung des Menschen geworden. Ohne Wertempfindung kann die Frage nach den Folgen unseres Handelns weder zu einem Gebot noch zu einem Verbot führen.

Niemand weiß, ob die weitere stammesgeschichtliche Entwicklung des Menschen überhaupt noch weiter aufwärts führen wird; ich glaube jedoch fest an diese Möglichkeit. Wenn die Kulturentwicklung, wiewohl sie um einige Zehnerpotenzen schneller verläuft als die stammesgeschichtliche, dennoch ähnlichen Gesetzen gehorcht, ist es sehr wahrscheinlich, daß sie imstande ist, die Richtung der Phylogenese in ihrem Sinne, d. h. in die gleiche Richtung, zu lenken. Diese Richtung scheint bei unserer gegenwärtigen technokratischen Weltordnung unzweifelhaft abwärts zu führen. Wenn dem so ist, ist unser Menschsein in Gefahr.

 

   Der Irrglaube an den sogenannten Fortschritt  

Obwohl sich heute schon viele Menschen der Gefahren bewußt sind, die durch die technologische Entwicklung der Menschheit heraufbeschworen werden, gibt es doch auch unzählige »technomorph« denkende Menschen, die fest davon überzeugt sind, daß jede Entwicklung notwendigerweise neue Werte hervorbringt.

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Auch wenn man Entwicklung durchaus im Sinne der Goetheschen Definition als Differenzierung und Subordination der Teile begreift, ist diese Anschauung falsch, und zwar in bezug auf mögliche kulturelle Entwicklungen noch mehr als in bezug auf stammesgeschichtliche.

Die Entstehung von Werten hat zwar Entwicklung zur Voraussetzung, ist aber nicht notwendigerweise deren Folge. In einer technokratischen Weltordnung ist der Vorgang einer Entwicklung im unglücklich verengten Sinne zum Inbegriff der Wertschaffung geworden.

Das läßt sich besonders schön daran illustrieren, was man auf Amerikanisch darunter versteht, ein Landstück zu entwickeln: »To develop an area« heißt, auf dem betreffenden Stück Land alle natürliche Vegetation radikal zu vernichten, den frei werdenden Boden mit Beton oder bestenfalls mit Parkrasengras zu überziehen, ein etwa vorhandenes Stück Meeresstrand durch eine Betonmauer zu befestigen, Bachläufe zu begradigen oder, wenn möglich, in Röhren zu fassen, das Ganze gründlich mit Pestiziden zu vergiften und dann an einen gehorsam verstädterten und verdummten Konsumenten möglichst teuer zu verkaufen. Darüber hinaus wird im technomorphen Denken auf beinahe zwangsneurotische Weise das bloße Bestehen der Möglichkeit, einen bestimmten Vorgang technisch zu realisieren, mit der Verpflichtung verwechselt, dies tatsächlich zu tun. Es ist geradezu zu einem Gebot der technokratischen Religion geworden: Alles, was irgend machbar ist, muß gemacht werden.

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Gewiß, ich übertreibe. Dennoch frönt auch heute noch die große Mehrzahl der Menschen dem Glauben, daß das Fortschreiten unserer Zivilisation zwangsläufig in einer prädestinierten Weise zum Anwachsen von Werten führen müsse.

   Die Ablehnung einer nicht-zweckgerichteten Weltordnung 

Vielen Menschen erscheint es undenkbar, daß es im Universum Vorgänge gibt, die nicht nach bestimmten Zwecken ausgerichtet sind. Weil wir bei uns selbst sinnloses Handeln für einen Unwert erachten, stört es uns, daß es ein Geschehen gibt, das jeden Sinnes entbehrt. Goethe läßt Faust beim Anblick brandender Meereswellen sagen: »Was zur Verzweiflung mich beängstigen könnte, zwecklose Kraft unbändiger Elemente.«

Vor allem aber kränkt es den Menschen in seinem Selbstgefühl, daß er mit allen seinen Belangen dem kosmischen Geschehen so absolut gleichgültig ist. Weil er merkt, daß im Weltgeschehen das Sinnlose überwiegt, befürchtet er, das Unsinnige müsse schon rein mengenmäßig über die menschlichen Bestrebungen der Sinngebung triumphieren. Aus dieser Furcht entspringt der Denkzwang, in allem, was geschieht, einen verborgenen Sinn zu vermuten.

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»Der Mensch will«, wie Nicolai Hartmann sagt, »der Härte des Realen als des gegen ihn absolut Gleichgültigen nicht ins Gesicht sehen. Er meint gleich, das Leben lohne sich sonst nicht.«

An anderer Stelle sagt der Philosoph: »Himmelfern liegt es ihm, auch nur zu ahnen, daß Sinngebung ein Vorrecht des Menschen sein könnte und daß vielleicht gerade er in seiner Ahnungslosigkeit sich selbst um dieses Vorrecht bringt.«

Paradoxerweise ist die Abneigung gegen ein nicht zweckgerichtetes, nicht final determiniertes Weltgeschehen auch von der Furcht motiviert, der freie Wille des Menschen könne sich als eine Illusion erweisen, was nicht nur erkenntnistheoretisch unsinnig, sondern auch, was eine zweckgerichtete Weltordnung betrifft, völlig verkehrt ist: »Die widerspruchslos hingenommene Vorstellung von einer von vornherein durchgehend final determinierten Welt schließt ja zwingend jegliche Freiheit des Menschen aus« und beschränkt ihn auf das Verhalten eines Schienenfahrzeuges, das sein Ziel zwangsläufig erreicht. Diese Vorstellung bedeutet die absolute Verneinung des Menschen als eines verantwortlichen Wesens.

 

   Die drei Arten zweckgerichteten Geschehens  

Final determinierte Vorgänge gibt es im Kosmos ausschließlich im Bereich des Organischen. Eine im Sinne von Nicolai Hartmann kategoriale Analyse des Finalnexus läßt sich nur vom Wirkungsgefüge einer ganz bestimmten Ereigniskette geben.

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Für sie sind drei Akte charakteristisch, die man allerdings nicht voneinander trennen und unabhängig betrachten kann, da sie eine funktionelle Einheit bilden: erstens die Setzung eines Zweckes mit Überspringen des Zeitflusses als eine Antizipation von etwas Künftigem; zweitens eine von diesem gesetzten Zweck her erfolgende Auswahl der Mittel, die also gewissermaßen rückbezüglich determiniert werden; drittens die Realisation des Zweckes durch die kausale Aufeinanderfolge der ausgewählten Mittel.

Immer muß, wie Nicolai Hartmann mit stärkster Betonung sagt, ein »Träger« der Akte, ein »Setzer« des Zweckes und ein »Wähler« der Mittel vorhanden sein. Hinzu kommt, daß der »dritte Akt«, die Verwirklichung des Zweckes, meist noch »überwacht« werden muß, denn in der Auswahl der Mittel können Irrtümer unterlaufen sein; in diesem Fall tritt an irgendeinem Punkt in der Reihe eine Abweichung von der vorgezeichneten Linie auf, die durch neue Mittel ausgeglichen werden muß.

Nicolai Hartmann ist der Ansicht, daß der Träger der Akte und Setzer der Zwecke immer nur ein Bewußtsein sein könne, denn, so sagt er, »nur ein Bewußtsein hat Beweglichkeit in der Anschauungszeit, kann den Zeitlauf überspringen, kann vorsetzen, vorwegnehmen, Mittel seligie-ren und rückläufig gegen die übersprungene Zeitfolge bis auf das >Erste< zurückverfolgen.«

Seit Nicolai Hartmann diese Sätze geschrieben hat, haben die Biochemie, die Erforschung der

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Morphogenese und die Ethologie Vorgänge aufgedeckt, die sicher nicht bewußtseinsbegleitet sind, die aber die geforderten drei Akte in ihrem typischen Wirkungsgefüge enthalten. Die Art und Weise, auf die der im Genom vorgegebene Bauplan die Erzeugung eines neuen Organismus vorwegnimmt, entspricht durchaus dem ersten Akt der Zielsetzung, und das Erreichen des Zieles, bei dem in höchst regulativer Weise je nach Angebot des Milieus sehr verschiedene Mittel und Wege zur endgültigen Verwirklichung des Bauplanes führen, entspricht zweifellos genau dem von Hartmann postulierten Gefüge dreier Akte, wenn auch sicher auf einer kategorial niedrigeren Ebene als der des bewußten menschlichen Zweckverhaltens. Zwischen diesen beiden Ebenen führt die stufenlose Reihe zweckgerichteten Verhaltens von Tieren und Menschen vom ungerichteten Suchen zum komplexen methodischen Vorgehen des Menschen.

Die Tatsache, daß sich in der physiologischen Ontogenese eines Lebewesens ein echtes Finalgeschehen - die Verwirklichung eines vorgegebenen Planes - vollzieht, verführt allzu leicht zu der Meinung, daß Gleiches für die stammesgeschichtliche Entwicklung der Lebewesen gelte. Schon das Wort Entwicklung oder Evolution legt diese Vorstellung nahe. Uns allen sind wunderschöne schematische Darstellungen vom Stammbaum der Lebewesen bekannt, der bei Einzellern beginnt, in unzähligen Verzweigungen über niedrige zu höheren Organismen emporzustreben scheint und schließlich im Menschen als Zweck und Krönung endet.

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Und damit finis! Dabei wird über die Phylogenese, die sich allerdings tatsächlich auf diesen Bahnen vollzogen hat, post festum ein Richtungspfeil angebracht, der den Menschen als von Anfang an vorherbestimmtes Ziel des Weltgeschehens erscheinen läßt - und das hören die Menschen nur allzu gerne.

Der Versuch, Sinn und Richtung in das evolutive Geschehen hineinzuinterpretieren, ist genauso verfehlt wie die Bestrebungen so vieler durchaus wissenschaftlich denkender Leute, aus geschichtlichen Ereignissen Gesetzlichkeiten zu abstrahieren, die es erlauben, den weiteren Verlauf der Geschichte vorauszusagen, etwa in dem Sinne, wie die Kenntnis gewisser Gesetze der Physik eine Voraussage physikalischer Geschehnisse ermöglicht.

Die Meinung, daß theoretische Geschichtswissenschaft in gleichem Sinne möglich sein müsse wie theoretische Physik, ist immer noch nicht ganz ausgestorben. Karl Popper hat diese Ansicht als Aberglauben entlarvt: Ohne Zweifel beeinflußt menschliches Wissen den Gang der Menschheitsgeschichte, und da gerade der Zuwachs an Wissen völlig unvoraussagbar ist, ist es auch der zukünftige Verlauf der Geschichte.

Wie Karl Popper in seinem Buch »The Poverty of Historicism« unwiderleglich zeigt, kann kein zu Voraussagen befähigter kognitiver Apparat - Menschenhirn oder Rechenmaschine - je seine eigenen Ergebnisse voraussagen. Alle dahingehenden Versuche liefern ein Ergebnis immer nur nach dem Ereignis und verlieren damit den Charakter der Voraussage.

»Weil dieses Argument rein logisch ist«, sagt Karl Popper, »ist es auch auf alle wissenschaftlichen >Voraussager< von beliebiger Komplikation anwendbar, einschließlich von >Sozietäten< miteinander in Wechselwirkung stehender >Voraussager<.« (»This argument, being purely logical, applies to scientific predictors of any complexity, including >societies< of interacting predictors.«]

All dies gilt für den Verlauf der Phylogenese ebenso wie für den der Menschheitsgeschichte. Auch die Stammesgeschichte wird entscheidend vom Erwerb von Information beeinflußt, der noch in einem anderen Sinne, als es menschlicher Wissensgewinn ist, unvoraussagbar ist. Die winzigste Erbänderung, die einen Gewinn an anpassender Information bedeutet, verändert den weiteren Verlauf der Phylogenese für alle Zukunft und auf irreversible Weise.

Der Weg des Werdens der Organismenwelt seit Entstehung des Lebens kann also gar nicht schicksalhaft vorausbestimmt sein. Ben Akibas berühmter Aphorismus, alles sei schon dagewesen, ist das Gegenteil historischer Wahrheit: Nichts ist schon dagewesen.

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