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Das Erfolgsparadoxon - Warum Umweltschützer ihre größten Siege als Niederlage empfinden

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Romantisches Kopfsteinpflaster ziert die Fußgängerzone, und ein Bächlein windet sich durch die Innenstadt. Der Schwarzwald ist nicht weit, und die Menschen strömen aus dem ländlichen Einzugsgebiet zum Einkaufen herbei. Viele kommen mit der Straßenbahn, sie wurde bis ins Umland ausgebaut. Die Fahrt ist dank der Umweltschutzkarte ausgesprochen günstig: Wir sind in Freiburg im Breisgau. Die Stadt darf sich mit dem Titel »Umwelthauptstadt« schmücken. Er wurde den stolzen Bürgern von der Deutschen Umwelthilfe verliehen.

Bei den Gemeinderatswahlen erhielten die CDU 13 Sitze, Die Grünen 12 und die SPD 11. Freiburg verfügt über rund 70 ökologisch orientierte Einrichtungen, in denen rund 450 Menschen arbeiten. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energie-Systeme forscht in idyllischer Umgebung.

Auch der Weltdachverband der Solarenergie sieht in einer alten Villa sonnigen Zeiten entgegen. 2000 Quadratmeter Solarzellen auf Freiburgs Dächern verbessern die Klimabilanz. Sogar auf dem Stadion des frischgebackenen Bundesligavereins wird Sonnenlicht fotovoltaisch in Energie umgewandelt. Wer Anteile an dem Dachkraftwerk kauft, kommt eher in den Genuß einer der begehrten Dauerkarten. Ab und zu surrt ein Elektromobil aus dem Stadion – der Dienstwagen des Freiburger SC.

Jeweils im Spätherbst lädt die Stiftung Ökomedia Filmschaffende aus aller Welt nach Freiburg ein. In einem Tagungsbau im idyllischen Seepark versammelt sich dann die internationale Elite des Umweltfilms. Den Fußweg zum Veranstaltungs­ort bedeckt herbstliches Laub. Auch in den benachbarten Kleingärten sind chemische Pflanzen­schutzmittel verboten. Das freut die Vögel, die sich am See versammelt haben. 

Und dann geht im Kinosaal das Licht aus, und alles wird ganz düster: »Fünf Tage lang wurde der langsame, offensichtlich unausweichliche Untergang der Menschheit vor Augen geführt, in poetischen, meist aber erschreckenden Bildern«, berichtet ein Freiburger Journalist in der <Zeit> über das »filmische Menetekel«.

Während draußen Eichhörnchen und Enten umherwuseln, gilt es drinnen 53 Filme aus 23 Ländern zu bewältigen. Deren Inhalt wird in dem Bericht so zusammen­gefaßt: 

»Wer bildhaft erfährt, daß künftig jedes fünfte Kind maschinell erzeugt werden muß, weil die menschliche Fruchtbarkeit drastisch sinkt, wer die Not und Verlassenheit der atomverstrahlten Leute von Tscheljabinsk mitansehen muß, oder wer auch nur das Huhn interessiert verfolgt, das aus einer Legebatterie in die freie Natur kam und sich dort nach kurzer Angstphase vor der Kamera bestens bewährte, oder wer die zunehmende Resistenz vieler Krankheitserreger gegen Antibiotika wahrzunehmen hat, der verläßt verstört den Saal.«

Letzteres war allerdings nicht erforderlich, denn der Weltuntergang fand vor leeren Stuhlreihen statt. Verliebte junge Leute gingen trotz sinkender Fertilitäts­rate lieber draußen spazieren, ein Publikum in nennenswertem Umfang war nicht erschienen. Die Veranstalter und Teilnehmer blieben unter sich und beklagten die »Gleichgültigkeit und Sorglosigkeit der Wohlstands­menschen«. 

Eine Analyse, die deutlich zu kurz greift:

Die Bürger Freiburgs sind sicherlich weder gleichgültig noch sorglos, sie wissen auch um die Umweltprobleme. Und gerade deshalb brauchen sie kein Horror-Briefing mehr, das ihnen »die Drohung der Weltzerstörung verbindlich macht«. Zumal Freiburg ein gutes Beispiel für eine Kommune darstellt, die sich unter ökologischen Aspekten auf einem optimistisch stimmenden Zukunftskurs befindet. Auch die Ökomedia und ihre engagierten Helfer – meist Frauen – haben dazu beigetragen, indem sie ökologische Ideen mehrheitsfähig machten. Ihre Arbeit war sehr erfolgreich.

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Sie war sogar so erfolgreich, daß die Konkurrenz aufgewacht ist. Ökomedia gibt’s jetzt ganzjährig im Kino. Denn Hollywood ist zu einem gnadenlosen Verfechter der Öko-Sache geworden: Free Willy wirbt um Respekt vor den Walen und lockt an einem Nachmittag mehr Kids in Freiburger Kinos als Besucher zum gesamten Festival. In Konkurrenz zu Free Willy läuft Little Panda – ein Abenteuerfilm mit Segen des WWF. Disneys gezeichnetes Indianer-Epos Pocahontas wird hingegen die Gesellschaft für bedrohte Völker freuen. 

Kevin Costner liefert mit Water World eine Endzeitsaga, bei der Greenpeace Regie geführt haben könnte. Den Regenbogenkämpfern dürfte auch angesichts der nackten Kanone das Herz aufgehen, weil Ölkonzerne und Tankerkapitäne ordentlich was auf die Nase kriegen.

Ja und dann wäre da noch Agent 007 himself: Darsteller Pierre Brosnan alias James Bond sagte doch glatt die Premiere von Golden Eye in Paris ab. Begründung: Chiracs Atomversuche im Pazifik. In den Nachrichten kommt die Absage als Topthema. James Bond im Dienste Ihrer Majestät der Umwelt. Was wollen wir mehr?

Vielleicht das: 

Die Fernsehzeitschrift Hörzu (Springer-Verlag) verleiht tatsächlich Greenpeace 1996 die »goldene Kamera« für besondere darstellerische Leistungen. (14.2.1996) Als die Führungscrew mit Greenpeace-Gründer David McTaggert den Preis entgegennimmt, spenden Deutschlands Schöne und Reiche minutenlang stehenden Applaus.

Szenenwechsel. Deutscher Umwelttag auf dem Frankfurter Messegelände 1992. Der Veranstaltungskatalog umfaßt 288 Seiten, vollgestopft mit Vorträgen, Diskussionen und Workshops. Immerhin 13 umweltorientierte Verbände haben sich für diese Veranstaltung zusammen­geschlossen. Die Namenslisten stellen ein fast vollständiges Who's who der Umweltbewegung dar. Ihr gemeinsamer Nenner laut Grußwort: »Uns eint das Wissen um die wachsenden Umweltprobleme, die Sorge vor der Ignoranz und der Wille, ein Zeichen zu setzen«. Wir verstehen: Hier spricht eine moralische Instanz. 

Nur ersetzen guter Wille und erhobener Zeigefinger noch kein Veranstaltungskonzept. Vielleicht hätten die Organisatoren deshalb einfach schreiben sollen: »Wir machen eine Riesenparty, um unsere Erfolge zu feiern, und wollen darüber reden, wie es weitergeht. Es gibt nämlich noch viel zu tun. Packen wir s an.«

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Aber ein deutscher Umwelttag wird doch nicht zum Spaß veranstaltet. Schon im Eingangsportal beschleicht den Besucher so ein komisches Gefühl: Die Garderobe ist fast leer. In den Ausstellungshallen dreht das Personal Däumchen. Diskussionsveranstaltungen müssen abgesagt werden, weil kein einziger Zuhörer erscheint. Das »gestaltende Element« Dialog findet mangels Masse nicht statt. Dabei bleibt es fünf lähmende Tage. Der Deutsche Umwelttag 1992 endet schließlich in einem Fiasko, auch finanziell: Verbände und Ausfallbürgen schießen zähneknirschend, aber schweigend Millionenbeträge zu. Auch Journalisten üben ungewohnte Rücksicht und verstecken den peinlichen Konkurs in Kurz­meldungen.

Dabei hätte ein wenig Ursachenforschung nicht schaden können. Auch das Schicksal des Deutschen Umwelttages – für die Veranstalter schmerzlich, für die Umwelt aber nicht weiter von Belang – zeigt: Das schlechte Gewissen des Bürgers ist in ausreichender Weise kultiviert und kein Publikumsmagnet mehr. Die Umweltverbände haben den Stein so fest angestoßen, daß er von alleine weiterrollt. Denn Umwelttag ist längst überall. Für diese Einsicht genügt ein schlichter Gang über die Hannover-Messe. Der Umweltgedanke ist dort integraler Bestandteil der Geschäfte von aufgeweckten Unternehmen. In Hannover tut sich ein Schlaraffenland für Öko-Technik-Freaks auf: Windräder, die Strom erzeugen und ihren Besitzern Geld einbringen. Wärmedämmung mit FCKW-freiem Schaum. Industrieanlagen, die 90 Prozent weniger Wasser brauchen. Billig­solar­zellen aus Folie ...

Und wo bleibt in Hannover das Politische, die Auseinandersetzung mit den fälligen gesellschaft­lichen Veränderungen? Zum Beispiel auf dem Stand des »Philip Morris Forschungspreises«: Die Creme der Klimaforscher diskutiert dort über den Treibhauseffekt und erspart dem Publikum keine unangenehme Wahrheit. Die Stuhlreihen sind bis zum letzten Platz besetzt.

 

Am drastischsten wird dem Besucher die veränderte Gefechtslage aber bei einem Besuch der Frankfurter Automobilausstellung klar (1995). Zumindest am Stand von Mercedes-Benz ist ebenfalls Umwelttag. Schon vom Ambiente her erinnert der Stand an einen Waldorf-Kindergarten. In der Tat können die Kids in einem Selbstverwirklichungsparadies abgegeben werden. »Anfassen, ausprobieren, verändern« heißt die Devise, und in der Kids-Info steht doch glatt: »Mitmachen statt konsumieren.« Das hätten die Öko-Profis auf dem Deutschen Umwelttag auch nicht schöner sagen können.

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Für die Erwachsenen wurde eigens die Festhalle der Messe umgebaut. Der Besucher tritt nicht auf Plastikboden, sondern auf warmes, helles Holz. Hostessen bieten keinen Champagner an, sondern stilles Wasser — das Elementare. Das erste Exponat: kein Mercedes, sondern kunstvoll beleuchtete Eisblöcke. Ein paar Schritte weiter erklingen meditative Klangskulpturen. Schautafeln geben Auskunft zu Themen wie Lust, Liebe und Natur. 

Fast eine Million Besucher durchstreifen den Mercedes-Pavillon, mancher wähnt sich gar auf der falschen Veranstaltung. Klar, ein paar Autos stehen auch noch rum. Eines sogar mit 394 PS. Bundeskanzler Helmut Kohl (150 Kilo?) und Bundespräsident Roman Herzog (na ja) übersehen den Zwölfzylinder allerdings diskret und nehmen statt dessen in einem Prototyp des winzigen Swatch-Autos Platz. Das Ding bricht wider Erwarten nicht zusammen. Wie die beiden da im Dreiliterauto die Schultern aneinanderreihen, bekommt der Ausdruck Bürgernähe eine völlig neue Dimension. 

»Ich hoffe, mit drei Litern ist der Verbrauch und nicht der Hubraum gemeint«, scherzt der Bundespräsident. Humor war schon immer die Waffe des Zweifelnden.

Gegenüber vom Eingang hat Greenpeace einen Stand aufgebaut. Da stehen große Modelle aller Hersteller und tragen auf dem Dach Dinosaurier­plakate. Mit lautem Grunzen saufen sie Treibstoff aus improvisierten Zapfsäulen. Auch ein guter Einfall.

Viele werden denn auch einwenden, Mercedes habe sich nur grün angestrichen, das Ganze sei eine Alibiveranstaltung. Doch der Schluß ist voreilig: Die Geister, die die Autoindustrie hier ruft, wird sie garantiert nicht mehr los. Und das weiß sie auch. »Bald schon«, sagt Mercedes-Vertriebs-Vorstand Zetsche, »will sich niemand mehr sagen lassen, daß sein Konsum gegen die Gesellschaft gerichtet ist.« 

Liebe Veranstalter des Deutschen Umwelttages, soviel zum Trost. Wo wir gerade beim Trösten sind: Auch die »Giftgrüne Woche«, eine Gegenveranstaltung zur Berliner Freß-Messe »Grüne Woche«, entschlief Anfang 1996 sanft. 14 Jahre lang hatten sich dort diejenigen getroffen, denen die offizielle »Leistungs­schau der deutschen Ernährungswirtschaft« kein Forum bot. Im Jahr 1996 mußten Umweltgruppen und kritische Agrarverbände aus Zeitgründen der Alternativ­veranstaltung fernbleiben. Die Berliner tageszeitung fand den Hintergrund heraus: »Sie sind nahezu vollständig auf der Grünen Woche vertreten.«

 

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Fallbeispiel: Zeitschrift natur – Wie Umwelterfolge der Auflage schaden

 

Im November 1995 geht es in einem Bürogebäude in der Trabantenstadt München-Neuperlach hoch her. Hier residiert die Zeitschrift natur, einst das Flaggschiff deutschen Öko-Journalismus. Der Geschäftsführer des Verlages teilt der Redaktion mit: Zum 1.1.1996 wird das Blatt eingestellt. Die Auflage ist seit Anfang der 90er Jahre erst schleichend und dann immer stärker eingebrochen. Die Redakteure bangen aber nicht nur um ihren Arbeitsplatz. Sie fühlen sich auch der Idee von natur verpflichtet. Sie handeln eine Gnadenfrist aus, um einen neuen Geldgeber zu finden. Ein ehemaliger natur-Redakteur vollbringt das kleine Wunder. Und so geht es mit einem neuen Konzept weiter.

War natur nicht mehr kämpferisch genug? Enthielt das Blatt zu viel Weltuntergang oder gar zu wenig? Könnten mehr praktische Tips helfen? Haben die Leser sich verändert? War früher alles besser? Oder war früher alles schlechter? Und war das wiederum besser für natur?

Der Abstieg mag viele Gründe haben. Aber einiges spricht dafür, daß sich natur zu Tode gesiegt hat. Und das ist kein Einzelfall: In Italien wurde das größte Umweltmagazin, Nuova Ecologia, vorn ehemaligen Besitzer Silvio Berlusconi wegen Auflagenschwund an einen Kleinverlag verkauft. 

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Besonders dramatisch müssen Umweltmagazine in den USA Federn lassen. Ein halbes Dutzend gut gemachter Periodika wie Buzzworm, Garhage oder E-Magazine wurden eingestellt oder kämpfen gegen den Konkurs. Marktforscher Bradford Fay erklärt: »Es liegt nicht daran, daß das Thema erledigt ist, sondern daran, daß ökologische Verbesserungen sichtbar werden.«

 

natur wurde 1980 konzipiert und ein Jahr später vom Stapel gelassen. Das Thema Umwelt steckte noch in den Kinderschuhen. Auch dank natur legte die Umwelt­bericht­erstattung dann im Verlauf der 80er Jahre einen Senkrechtstart hin. Eine zufällige, da persönliche Zeitungs- und Zeitschriften­ausbeute aus dem Herbst 1995 zeigt Umwelt total: Bild am Sonntag berichtet über bedenkliche Zusatzstoffe in Lebensmitteln. Autobild hat das Greenpeace-Auto auf dem Cover. Die Bild-Zeitung verleiht den »Sven-Simon-Preis« für junge Leute, die sich um den Naturschutz verdient gemacht haben. Springer-Vorstand Jürgen Richter verweist bei der Preisverleihung auf das umweltverträgliche Springer-Druckzentrum in Ahrensburg: »Es schreibt sich besser über die Umwelt, wenn man auch selbst etwas tut.«

Der Spiegel-Verlag bringt derweil zwei 190 Seiten dicke Spiegel-Specials, Öko-Bilanz 95 und Die Macht der Mutigen – Greenpeace&Co. Die Zeit legt ein umfangreiches Sonderheft vor: »Wie teuer ist uns die Natur?«.

Der Stern liefert im Elysee-Palast einen Lieferwagen mit Mururoa-Protest-Postkarten ab. Bravo hilft dem WWF bei einer Aktion zur Rettung des Sibirischen Tigers. Selbst Micky Maus sensibilisiert seine jungen Leser mit Sammelkarten »bedrohter Tiere«. Und auch Bezieher des von der CDU herausgegebenen Infodienstes Wirtschaftsbild müssen sich in einem kritischen Beitrag fragen lassen: »Sind die Deutschen Umwelt-Maulhelden?« Der »Jägermeister der Woche« geht an den schnellen Brüter in Kalkar, weil es nur noch strahlende Gesichter gibt, wenn er jetzt zum Vergnügungspark wird.

Die Belange der Umwelt werden quer durch alle Medien verteidigt – völlig unabhängig davon, welche Klientel sie sonst politisch oder mental ansprechen. Das Thema wird quer durch alle Parteien diskutiert, quer durch Industrieverbände, Gewerkschaften, Kirchen oder Sportvereine. Wußte der Umweltfrevler früher noch, in welchen trauten Kreisen er über »Ökos« und »Umweltspinner« ablästern durfte, so kann er sich heute nirgendwo mehr sicher fühlen. Die Tretminen sozialer Achtung lauern überall, klare Frontverläufe gehören der Vergangenheit an. Die Botschaft von der ökologischen Erneuerung ist so erfolgreich in die Köpfe eingesickert, daß es für ein spezielles Umweltmagazin wie natur möglicherweise keinen ausreichenden Bedarf mehr gibt.

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Doch da sind noch mehr Faktoren, die eine nähere Betrachtung verdienen. Horst Stern, der Gründer von natur und seinerzeit auch Fernsehjournalist der Extraklasse (»Sterns Stunde«), schrieb vor 16 Jahren in der ersten Ausgabe der Zeitschrift: »Unter dem Vermischten findet sich auch die wöchentliche Tankerhavarie auf den Weltmeeren, und weit schneller als das wochenlang aus einer Bohrstelle in Mexiko auslaufende Öl versiegen in der Presse die Nachrichten darüber. Diese Übersättigung des Publikums mit düsteren Umweltnachrichten hat zu bedenken, wer heute eine Naturzeitschrift auf den Markt bringen will. Zwischen Bomben und Busen macht das flachbrüstige Fräulein Kassandra Umwelt nicht eben viel her.« 

Seine Sätze treffen heute noch weitgehend zu. Und doch ist alles ganz anders.

Denn neben tatsächlichen oder angeblichen Umweltkatastrophen rückt immer mehr der Konsument in den Mittelpunkt der Kritik. Er ist sicherlich nicht alleine verantwortlich. Aber die negativen Folgen der industriellen Produktion manifestieren sich immer weniger in irgendwelchen Giftschwaden oder Abwässern und immer mehr in den Produkten und ihrem Gebrauch durch den einzelnen.

Das moderne Opel-Werk in Eisenach verbraucht in seiner Lackiererei nur noch 200 Liter Wasser pro Karosse, früher lag dieser Wert bei 900 Liter. Volkswagen recycelt mittlerweile 98,5 Prozent des eingesetzten Trinkwassers. Von den rund 40 Kilo Sonderabfällen pro Golf wird schon die Hälfte wiederverwendet. Während die Produktion der Autos immer sauberer vonstatten geht, gestaltet sich ihr Gebrauch immer problematischer. Auf Deutschlands Straßen wird es eng: Nach der Statistik des Kraftfahrtbundesamtes nahm die Zahl der Kraftfahrzeuge alleine 1994 um eine satte Million zu. Der Autoverkehr, ein Hauptabnehmer der von Horst Stern erwähnten Supertanker, ist eine von der überwältigenden Mehrheit der Menschen getragene gesellschaftliche Option. Er ist demokratisch gewollt.

Der Blick in die Meinungsumfragen belegt: In Deutschland leben Millionen unschuldige Autoopfer, verzehrt von der Sorge um das Klima und den Wald, gepeinigt vom Bodenozon und dem Lärm der Ausfallstraße. Verantwortlich für den Terror ist ein Heer von 40 Millionen motorisierten Ignoranten. 

Ein Abgleich beider Zahlen offenbart: 

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Kläger und Beklagte sind in unbekümmerter Tateinheit dieselben. Omis, Opis, Minderjährige und hartnäckige Aussteiger einmal abgezogen, schlendert so ziemlich jedes unschuldige deutsche Autoopfer früher oder später in die Tiefgarage. Dort verwandelt es sich in jenen röhrenden Zombie, vor dem es immer gewarnt hat.

Damit wird es auch für den ökoorientierten Bürger ungemütlich: Er selbst kommt ins Fadenkreuz der Kritik. Und damit wird es auch für eine Umweltzeit­schrift wie natur ungemütlich. Denn kein noch so begnadeter Journalist oder Chefredakteur kann auf Dauer eine Zeitschrift gegen seine Leserschaft machen. Also ist der publizistische Spagat angesagt: Wie schaffe ich es, daß sich unser treuer Leser trotz allem weiter moralisch überlegen fühlen kann?

Genau diese Frage ist es letztendlich, die Umweltjournalisten am meisten beschäftigt (und an der sie am häufigsten zerbrechen). Den beiden Autoren dieses Buches fielen in ihrer Zeit als Chefredakteur beziehungsweise Ressortchef bei natur (1988-1993) die Antworten von Tag zu Tag schwerer. Konzeptionell und inhaltlich gleicht der Versuch, eine glaubwürdige Umweltzeitschrift zu machen, der Quadratur des Kreises.

Die Geschichte der Öko-Publizistik ist aufs engste verbunden mit der Geschichte der Öko- und Bürgerbewegungen und den politischen Reaktionen darauf. Der Berliner Wissenschaftler Helmut Weidner unterscheidet vier Stufen der Umweltpolitik. Erstens: das Ableugnen der Probleme. Zweitens: das Bekämpfen mit symbolischer Politik, beispielsweise der Installation eines Umweltministers. Drittens: das Bekämpfen mit technokratischen Lösungen. Viertens: die ökologische Umsteuerung mit grundsätzlichen Maßnahmen, beispielsweise einer ökologischen Steuerreform. (Die haben ja gerade – ein Novum – junge Abgeordnete von Grünen, CDU, SPD und FDP gemeinsam gefordert.) Deutschland befindet sich, da wollen wir optimistisch sein, irgendwo im Stadium zwischen drittens und viertens.

Dies mag für die Umwelt eine gute Nachricht sein, für den Umweltjournalisten ist es, so paradox es klingt, eine schlechte. Denn mit jeder Phase werden ihm mehr Instrumente zur gefälligen Steigerung der Auflage aus der Hand geschlagen. Auflage läßt sich nun mal am besten mit Skandal und Schuldzuweisung an Dritte machen. Und die Auflage ist auch für den Umweltjournalismus das Maß der Dinge. Die Herausgeber dieser Zeitschriften unterliegen genauso den Gesetzmäßigkeiten einer Wachstumsgesellschaft wie alle anderen Produzenten von Gütern auch.

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Doch zurück zu den vier Stufen des Umweltbewußtseins und -handelns. Phase 1 (das Leugnen der Probleme) war im Grunde das journalistische Paradies. Mit Enthüllungen und Entlarvungen ließ sich bestens Auflage machen, das Feindbild stimmte. Die verbrecherische Industrie mitsamt der dahinter stehenden Weltverschwörung wurde schonungslos angeprangert (oft zu Recht). Phase 2 bot ebenfalls noch ideale Arbeitsbedingungen. Nichts läßt sich genüßlicher publizistisch hinrichten als hilflos daherlallende Politiker (oft ebenfalls zu Recht). Den Phasen eins und zwei war gemeinsam, daß sich ein Umweltmagazin mühelos aus dem »Dagegen« definieren konnte. Nach oben gereckte Fäuste und der aufrechte Widerstand gegen den Atomstaat oder die Chemiemultis genügten als inhaltliche Definition. Kämpferische Semantik war das stilistische Gebot der Stunde, die Grenze zwischen Journalismus und Agitation mitunter fließend.

Mit Phase 3, der technischen Bekämpfung von Folgeschäden, kam eine für den Öko-Journalisten relativ neue Situation auf: Er wurde erstmals nach dem »Dafür« gefragt. Beispielsweise danach, ob denn nun ein Katalysator gut oder schlecht sei. Der Einfachheit halber blieben viele beim schlichten »Dagegen«. Seit der Einführung des Kat sind die Bleiwerte in der Umwelt zwar bis zu 95 Prozent zurückgegangen, viele Umweltbewegte verbitten sich aber solche Ablenkung durch Details. Denn: Der Autoverkehr ist grundsätzlich von Übel, der Katalysator nur eine perfide Erfindung zur Verschleierung dieser Tatsache. Es wurde zur gern geübten Praxis, zaghafte Ansätze zur Besserung sogleich durch den Blick auf das Maximalziel zu denunzieren.

Die intellektuelle Herausforderung in der Ökologiebewegung und somit auch im Umwelt­journalismus wächst. Die Vermittlung der komplexen Zusammenhänge wird immer komplizierter und erlaubt keine einfachen Schuldzuweisungen mehr. Doch die Leser honorieren Versuche in dieser Richtung nicht unbedingt. Insbesondere dann nicht, wenn sie den Kauf einer ökologischen Zeitschrift als Ablaßhandel begreifen. Das Abonnement dient zur inneren Reinwaschung, wenn dies nicht mehr gewährleistet wird, bestellen sie ab.

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Als rettender Anker in Sachen Anklage wird vom ratlosen Journalisten daher gerne zum Lebensmittelskandal gegriffen. Konzeptionell firmiert das dann unter der Rubrik »persönlicher Nutzwert«. Mitunter durchaus zu Recht: Pestizide gehören nicht in Babybrei oder Trinkwasser. Aufklärung sollte aber nicht zur Masche verkommen. Wir denken da nur an die Skandalgeschichten um giftige Rückstände im Bier, die den Rückstand Alkohol, und damit die eigentliche Volksseuche, völlig außer acht lassen. Das aufgeweckte Satiremagazin Titanic meldete prompt: »Vorsicht, Alkohol im Schnaps!«

Auch über das feinsinnige Timing solcher Meldungen läßt sich streiten: Zu Ostern tauchen Arzneimittel im Ei auf, in den Sommerferien werden Rückstände in Erfrischungs­getränken geortet, zum Oktoberfest erscheinen bedenkliche Substanzen im Bier, Weihnachten wird von Dioxin in lila Kerzen begleitet. Da der Konsument verständlicherweise keine Lust mehr hat, sich jedes Freudenfest vom organisierten Erbrechen vermiesen zu lassen, werden solche Warnungen inzwischen eher amüsiert zur Kenntnis genommen.

 

Und jetzt, wo die Umweltpublizistik ohnehin schon in tiefen Selbstzweifeln steckt, kommt plötzlich die Angst um den Arbeitsplatz oder vor Mord und Totschlag mächtig in Fahrt. Während wir unverdrossen vor millionstel oder milliardstel Gramm von Schadstoffen warnen, leben in Deutschland und anderswo Menschen, die Angst haben, in ihrem Wohnzimmer könnte ein Brandsatz landen. Die Zivilisationsdecke ist manchmal noch dünner als die Ozonschicht. Sie reißt nicht nur in Somalia oder Ruanda, sie reißt auch mitten in Europa auf.

Es rächt sich jetzt auch, daß das Bild vom Holocaust, der massenhaften Vernichtung von Menschen, in den 80er Jahren, sagen wir es einmal vorsichtig, etwas inflationär verwendet und damit indirekt verharmlost wurde. Der Vorwurf des »Mitläufertums«, des Faschismus oder Rassismus wurde oft genug leichtfertig in die Auseinandersetzung gebracht. Und niemanden strafte die Protestbewegung gnadenloser ab als vermeintliche Abweichler oder Verräter in den eigenen Reihen.

Als Beispiel hierfür mag die immerwährende Diskussion um Anzeigen in Umweltzeitschriften gelten. Bei der Zeitschrift natur hatten wir im Jahre 1991 eine heftige Auseinandersetzung: »Wir denken an morgen. Und nicht an Ausstieg«, überschrieben die Betreiber von Atomkraftwerken eine Anzeige in natur. Zahlreiche Leser beschwerten sich, und unser Kolumnist Robert Jungk kündigte seine Mitarbeit auf. 

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»Empört und verbittert« machte er seinem Arger in der Süddeutschen Zeitung Luft, was die Lage­beurteilung nicht eben vereinfachte: Die Süddeutsche druckte die gleichen Atomanzeigen – wie fast alle großen deutschen Blätter, die kritisch über die Atomindustrie berichteten. Die Redaktionen dieser Blätter tolerierten die Anzeigen aus den gleichen Gründen wie wir. Anzeigenabteilung und Redaktion sollten strikt getrennt sein, eine Grundvoraussetzung für unabhängigen Journalismus.

Die atomkritische Linie von natur stand nie zur Debatte, die Anzeigen wurden sogar bewußt mit kritischen Geschichten konterkariert. Dennoch ließ sich die moralische Empörung nicht glätten. Die Redaktion war in einem klassischen Dilemma: Die Ablehnung von Anzeigen bedeutet ja im Umkehrschluß, daß die gedruckten Anzeigen die Billigung der Redaktion finden. Wir wollten aber auf keinen Fall in die Rolle des Anzeigenschiedsrichters gedrängt werden. Wer kann sich denn anmaßen zu entscheiden, ob der Autoverkehr, die Flugreisen, die verschiedenen Industriezweige oder die Atomkraft für die Umwelt am meisten von Übel sind? 

Grundsätzlich: Ist es nicht ein demokratisches Grundprinzip, auch Meinungen zu Wort kommen zu lassen, die einem nicht passen? All diese Argumente verfingen nicht. »Seid ihr von allen guten und wohl auch bösen Geistern verlassen«, schrieb uns ein Leser, »auf Argumente will und kann ich mich gar nicht einlassen.« Zahlreiche Leser, Mitarbeiter und Kollegen hielten die Ideale der Bewegung für verraten und verabschiedeten sich. Damals wurde uns zum ersten Mal der Unterschied zwischen einem Presse-Erzeugnis und einem Glaubens-Bekenntnis klar.

Die Grünen in Baden-Württemberg sandten uns alsbald einen Beschluß mit der Bitte um Veröffentlichung zu. Die Angelegenheit erweckte insofern unser ganz besonderes Interesse, als man u.a. den Boykott der Firma natur beschlossen hatte, was uns dann doch die Hände etwas band. Wir wurden aufgefordert, »vor allem Anzeigen der Stromindustrie künftig zu unterlassen« und dies »in einem Redaktionsstatut rechtsverbindlich festzulegen«. Hier spricht die typische Arroganz von Menschen, die sich einbilden, nur sie seien intelligent genug, um zwischen redaktionellen Beiträgen und Anzeigen zu unterscheiden, der dumme Leser aber müsse geschützt werden.

»Es ist, denke ich, das Trübsinnige an der ökologischen Rigidität, was mich stört«, schrieb die Kischpreisträgerin Wibke Bruhns in natur und fügte hinzu: »Ich muß, wenn ich dazugehören will, dauernd entsetzt und empört sein. Außerdem soll ich mich fürchten. Beides will ich nicht.« Angst, Wut und auch Hysterie ließen im Verlauf der ökologischen Debatte bisweilen den Eindruck entstehen, Begriffe wie Freiheit oder Menschenwürde seien nachrangig. Man könne sie womöglich aussetzen, bis die Ozonschicht heil und die Welt gerettet sei.

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Die Sprache des Untergangs – Warum das Katastrophengedröhne von gestern ist

 

Warum brauchen Politiker eigentlich tote Robben, um die Nordsee zu sanieren? 
Warum brauchen sie eine sterbende oder tote Nordsee? 
Wenn die Umweltbelastung nicht akzeptabel ist, 
dann müßte diese Feststellung doch ausreichen.
Martin Irion, Berliner Rundfunkjournalist

Februar 1995. Eine Runde von Journalisten und Umweltschützern trifft sich im vornehmen Hamburger Atlantic-Hotel. Florian Langenscheid, der Verleger der Brockhaus-Lexika, und Carl Albrecht von Treuenfels, Vorstandsvorsitzender des WWF, haben die Jury des Deutschen Umweltpreises für Publizistik an die Alster eingeladen. »Hervorragende Beiträge zum Umwelt­thema, die sowohl auf der kognitiven Ebene als auch auf der emotionalen Ebene Über­zeugungs­arbeit geleistet haben«, sollen ausgezeichnet werden. Es liegen Fernseh- und Rundfunk-, Zeitschriften- und Zeitungsbeiträge zur Begutachtung auf dem Tisch.

Die Ausschreibung ist hoch dotiert: Der Hauptpreis besteht aus einer limitierten und handsignierten »Hundertwasser-Ausgabe« der Brockhaus Enzyklopädie. Sie war beim Erscheinen 12000 Mark wert, heute wird ein Vielfaches geboten. Auch der Förderpreis kann sich sehen lassen: 10000 Mark. Der Wettbewerb wird seit 1990 ausgeschrieben und ist unter Journalisten bekannt. Es darf also davon ausgegangen werden, daß hier ein gewissermaßen gehobener Querschnitt der deutschen Umweltberichterstattung vorliegt.

Zur Jury zählen der Fernsehjournalist Rupert Eser, die freie Journalistin Amelie Fried, Stern-Chef Dr. Werner Funk, die Unternehmensberaterin Dr. Renate Hauser, der Verleger Thomas Rommerskirchen (Der Journalist), Ex-Geo-Chef Hermann Schreiber, die Rundfunk-

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Moderatorin Carmen Thomas sowie Dirk Maxeiner, Mitautor dieses Buches. Das Erstaunlichste an der Veranstaltung im Ariande-Hotel ist die Einigkeit der Anwesenden: Nein, bitte keine Untergangsszenarien, keine plumpen Belehrungsversuche, kein erhobener Zeigefinger. All das vermag weder »emotional« noch »kognitiv« zu überzeugen. Der größte Teil der eingereichten Arbeiten war damit auch schon vom Tisch, was die Endauswahl erheblich vereinfachte.

Richtig aufgeatmet und sogar gelacht haben die gestrengen Damen und Herren der Jury bei der Präsentation des späteren Förderpreissiegers. Unter dem Titel »Weißstorch in Bitterfeld« beschreibt der 24jährige Mario Kaiser in der Frankfurter Rundschau den »Aufstieg, Fall und Neubeginn« einer Chemieregion. Der Leser erfährt: Bitterfeld war schon eine geschundene Stadt, als die DDR noch nicht existierte. Hier wurde auch Industriegeschichte geschrieben: 1936 erblickte der erste Agfa-Farbfilm und 1938 der Kunststoff PVC in Bitterfeld das Licht der Öffentlichkeit. Heute steht da eine »verlassene Welt aus Blech, Beton und Glas, als hätte jemand den Stecker rausgezogen«. Doch nach der Wende, so schreibt Kaiser, »ist Bitterfeld ein großes Labor, in dem neue Ideen entstehen und alte Denkverbote einstürzen«.

Wie wohltuend, daß auch der Autor keine alten Vorurteile mitschleppt. Er gesteht dem Manager des neuen und sauberen Bayer-Werkes, das hier für 650 Millionen Mark errichtet wurde, genauso Glaubwürdigkeit und Engagement zu wie dem örtlichen Umweltdezernenten. Eine Autofahrt mit dem Dezernenten durch das Revier auf »Bitterfelds Highway durch die Hölle« beschreibt der Autor so: »Plötzlich geht Eckstein vom Gas. Ein Weißstorch. Entzückt verrenkt er den Kopf und starrt beunruhigend lange in den Himmel. Überall entdeckt der Dezernent Leben:

Vögel, Fische, Wild, manchmal auch Amöben. Und es ist keine kühl berechnete PR-Aufführung.« Beobachtend, fair und mitunter amüsant legt der Autor die Geschichte von Bitterfeld dar – und überläßt dem Leser das Urteil.

Werfen wir einen Blick in die Biographie des jungen Journalisten: Studium von Politik­wissenschaft und Volkswirtschaftslehre. Freier Journalist für die Frankfurter Rundschau, den Bonner Generalanzeiger, die Westdeutsche Zeitung und im New Yorker Büro des Springer-Auslandsdienstes; Inzwischen Studium an der Graduate School of Journalism der New Yorker Universität. Der junge Mann ist schon ein bißchen herumgekommen.

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Er sieht seine Umwelt offensichtlich nicht nur durch die deutsche Brille. Mario Kaiser ist Vertreter einer neuen Generation von Journalisten, mit guter Ausbildung, aber ohne Gesinnungsnachweis. Und das Beste daran: Die etablierten Damen und Herren aus den oberen Medienetagen fördern solche Talente sogar aufs schärfste. Daraus folgt die kühne These: Der ökologische Anklagejournalismus kippt. In vier bis fünf Jahren werden junge Leute ohne 68er-Biographie die Tonlage wohltuend verändern.

Doch ganz so weit ist es noch nicht. Damit sind wir bei den schlechten Nachrichten. Es folgt eine Meldung aus der Zeitschrift natur (11/95). Sie ist ein besonders schönes Beispiel für die Anpassungsfähigkeit gekonnter Untergangssemantik. (Zur Ehrenrettung von natur sei gesagt: Dieser Beitrag ist nicht repräsentativ für den Inhalt der Zeitschrift.)

Schon die Überschrift ist eine Meisterleistung: »Bauminvasion gefährdet Almwiesen.« Darunter heißt es: »Die weltweite Klimaveränderung wird laut einer Studie ... in den nächsten Jahrzehnten den Bergwald in weiten Teilen der Alpen verändern ... und niederwüchsige Bäume die bisher unbewaldeten Almwiesen besetzen.« Die Aussichten, so natur, sind ganz und gar katastrophal: »Eichen und Hainbuchen würden im Mittelland die Buchen und schnellwüchsige Nadelbaumarten verdrängen.« Ein Unglück, das sich nach oben fortsetzt: »Koniferen würden auf Almen in 2300 Metern Höhe ausweichen, Lärchen und Zirbelkiefern sogar in bis zu 2700 Metern Höhe.« Fazit: »Die Almwiesen mit ihrer Vielzahl von Blumen und Kräutern wären also einer Bauminvasion ausgesetzt ... wertvolle offene Flächen würden verschwinden.«

Heimtückische Eichen statt anmutiger Stangenholzplantagen? Der Schrecken ist kaum auszumalen! Lärchen und Zirbelkiefern in 2700 Metern Höhe? Widerliche Besetzer! Also mal ehrlich, liebe natur-Redaktion: Erst haben wir uns beklagt, weil der Wald stirbt. Jetzt rückt er auf die Almwiesen vor – immerhin eine vom Menschen künstlich gerodete Fläche. Und freuen wir uns? Nein, statt dessen erklingt ein neuer Schlachtruf: Bauminvasion! Zum Trost sei gesagt, daß noch ein paar offene Flächen erhalten bleiben: zum Beispiel der Redaktionsparkplatz.

Nun lassen sich solche semantischen Highlights so ziemlich in jeder Zeitung und Zeitschrift finden (und auch in den eigenen abgelegten Artikeln). Zum Abschluß deshalb noch ein kleiner Leitfaden der Öko-Rhetorik, gewissermaßen aus erster Hand.

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Das wichtigste Schlüsselwort der engagierten Umweltbotschaft: »noch«. Das Wörtlein »noch« ist ein kleiner sprachlicher Tausendsassa, der die tollsten Effekte erzielt. Nehmen wir mal einen Beispielsatz: »Vor der Küste Floridas tummeln sich die Delphine.« Der Satz klingt irgendwie zu gut und könnte aus dem Neckermann-Reisekatalog stammen. Fügen wir also unsere kleine Wunderwaffe ein: »Vor der Küste Floridas tummeln sich noch die Delphine.« Da weiß der Leser doch gleich Bescheid: Meeresverschmutzung und Artentod werden diese Idylle bald zerstören. Das Schöne an der Formulierung ist also, daß wir unsere mahnende Botschaft mit keinerlei Fakten untermauern müssen.

Dies ist im übrigen auch der Fall, wenn sich vor der Küste Floridas die »letzten« Delphine tummeln. Da leuchtet jedem sofort ein, daß sie gefährdet und bedroht sind. Noch härter kommt es freilich, wenn die letzten Delphin-»Babys« bedroht sind. Will der Autor sich gegen eventuelle Einsprüche von Fachleuten absichern, sollte er von der »schleichenden« Bedrohung der letzten Delphin-Babys berichten.

Wird nun tatsächlich ein toter Delphin an Land gespült, so handelt es sich um ein Delphinsterben. Ein wunderbarer Breitbandbegriff: Waldsterben, Robbensterben, Seehundsterben, Korallensterben, Mangro-vensterben. Vogelsterben, Insektensterben. Ganz frisch im Angebot: das Spermasterben (Spiegel-Special Ökobilanz 95).

Da wir öfter einem Umweltmord auf der Spur sind, aber partout keine Leiche finden können, greifen wir zum »Siechtum«. So ist aus dem Waldsterben das Siechtum des Waldes geworden. Das Siechtum des Spermas ist abzusehen. Als Mittel dagegen greife man zur »sanften« Medizin. Sanft ist immer gut und macht sogar »Technik« erträglich: sanfte Technik. Das Gegenteil von »sanfter Technik« ist übrigens »harte Chemie«. Die ist überhaupt nicht zukunftsfähig und ganz arg giftig.

Da schwingt sofort die »Sorge um die kommenden Generationen« mit. Die Ökologiebewegung hat sich eigentlich das Exklusivrecht für die Sorge um die künftigen Erdenbewohner einräumen lassen, aber Politiker und Manager holen auf. Die Ungeborenen dürfen gefahrlos für jegliche Argumentation in Anspruch genommen werden, da sie sich ja noch nicht artikulieren können. Dies ändert sich schlagartig, sobald die entsprechende Generation auf der Welt ist und statt nach einer ökosozialen Utopie nach einer Designerlederjacke oder Bafög schreit.

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Das Beklagen von Konsum und Konsumgesellschaft hat den Vorteil, daß dafür bereits Schüler und Studenten zur Verantwortung gezogen werden können. Auch den Angehörigen der unteren Gehaltsklassen, als Arbeiterklasse eigentlich unberührbar, darf konsummäßig ein wenig ans Schienbein getreten werden. Der Konsum ist gerade deshalb eine besonders reizvolle Zielscheibe, weil man nicht über Reichtum sprechen muß. Auch Die Grünen werden nicht in den Großstadtslums gewählt, sondern in den feinen Vororten. Das Wort Konsum kann aus Gründen der Abwechslung übrigens durch das Wort »Überfluß« (siehe Designerjacke) ersetzt werden.

Als originelle Erweiterung des Vorwurfsspektrums empfiehlt sich der Begriff »Sucht«. Deutschland besteht nämlich aus Autosüchtigen, Freß- und Fernsehsüchtigen, Sauf- und Sexsüchtigen, Eifer-, Vergnügungs- und Selbstsüchtigen. Wurde irgend jemand vergessen?

Womit wir bei der breiten »Masse« sind. Meist wird das Wort in Kombinationen wie Massenkonsum, Massentourismus oder Massenwahn gebraucht. Solche Begriffe sind geradezu ideal, weil sie niemand, der einigermaßen bei Trost ist, auf sich selbst bezieht. Die Masse sind immer die anderen und dürfen daher in jeder Weise beschimpft werden. Dabei versteht sich von selbst, daß die Beschimpfungen von einer tadellosen, vorbildlich lebenden Minorität ausge­sprochen werden.

Eine Person oder Personengruppe, die nicht gewillt ist, deren Forderungen sofort umzusetzen, wird am besten als »Bremser« bezeichnet. Denn der Bremser widersetzt sich lediglich dem Tempo einer Veränderung. Die Tatsache, daß er vielleicht gar nicht bremsen will, sondern gute Argumente für eine andere Richtung vertritt, wird elegant ausgeschlossen. Merke: Bremser sitzen ganz hinten auf dem Zug und bilden das Schlußlicht.

Sollte ein Bremser nun irgendeinen Vorschlag machen, wie sich ein Umweltproblem technisch lösen läßt, so ziehe man eine neue Schublade auf: Hier ist ein »Technokrat« am Werk. Der Mann ist die Verbindung von Techniker und Bürokrat, also eine doppelt miese Spezies. Nun hegen manche Mitmenschen durchaus eine stille Faszination gegenüber der Technik. Dies läßt sich unterlaufen, indem nach Möglichkeit von »Großtechnik« gesprochen wird. Dabei bietet sich auch ein kleiner Schlenker zu »Größenwahn« und »Machbarkeitswahn« an.

Geht es darum, das Vorgehen eines Unternehmens als besonders verwerflich herauszustellen, so empfiehlt sich der Begriff »Konzern«. Konzernen ist grundsätzlich alles zuzutrauen, besonders amerikanischen. Eine Steigerungs­möglichkeit bietet der Ausdruck »Multi«, hier darf automatisch auch die Ausbeutung der Dritten Welt vorausgesetzt werden. Die Tatsache, daß die größten Umweltsauereien aller Zeiten von Kombinaten begangen worden sind, ist hingegen zu vernachlässigen. Im Zusammenhang mit Multi muß unbedingt an passender Stelle das Wort »Profit« eingeflochten werden. »Profitgründe« sind nämlich besonders niedrige Beweggründe. Wir selbst beziehen nur Gehalt.

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Fallbeispiel: Brent Spar
 – Der peinliche Sieg

 

Inzwischen sammelt Greenpeace als Großsekte für das Großreinemachen siebzig Millionen Mark grüner Ablaßgelder im Jahr.
Weiterhin besetzen weißbekittelte Teams wie eine Öko-GSG-9 Werksgelände als Werbetruppe für ein green peace paradise. Context lost.  

Caroline Fetscher, Ex-Chefredakteurin des Greenpeace-Magazins

 

Jörg Wigand, Reporter für Bild am Sonntag und Hör-zu, sollte von Bord der Rainbow Warrior gewiesen werden. Die Mannschaft wollte keinen »Typ« an Bord haben, der für »Springer« arbeitet: Wo kommen wir denn hin, wenn sich plötzlich jeder für die Umwelt einsetzt? Der Vorfall dauert zurück in die frühen 80er Jahre, als das Schiff den Hamburger Hafen besuchte. Monika Griefahn, damals Chefin der Regenbogenkämpfer, sorgte dafür, daß Wigand bleiben durfte. Griefahn, heute Umweltministerin in Niedersachsen, hatte früh die Bedeutung der großen Zeitungs­auflagen und des Fernsehens für die Greenpeace-Aktionen erkannt. Obendrein eine attraktive Frau, avancierte Griefahn rasch zum Star in Sonntagszeitungen und Illustrierten, in Fernsehzeitungen und Frauenmagazinen (was ihr viele Neider eintrug). Greenpeace wurde so auch bei jener Gruppe von Menschen populär, auf die es ankommt: der Mehrheit. In Imageumfragen rangiert das Unternehmen Greenpeace vor dem Unternehmen Daimler-Benz. Greenpeace ist schick, sexy und postmodern – oder, um es auf jugendlich zu sagen: Greenpeace ist geil. Wen wundert es da, daß heute in Werbeagenturen die glühendsten Greenpeace-Sympathisanten sitzen – klammheimlich oder ganz offen (je nach Kundschaft). Greenpeace hat längst die Bild-Zeitung rehabilitiert, und die Bild-Zeitung hat längst Greenpeace rehabilitiert. Bild feierte im Sommer 1995 das Nachgeben von Shell in Sachen Olp lattform Brent Spar: Sieg!

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Mitunter entsteht der Eindruck, in Deutschland gäbe es nur eine einzige Umwelt­schutz­organisation. Aber dem ist nicht so. Da wären noch – um nur die größten zu nennen – der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), der Deutsche Naturschutzring (DNR), der Naturschutzbund Deutschland (NABU) sowie der Worldwide Fundfor Nature (WWF). Allen ist gemeinsam, daß sie viele praktische Umweltschutzprojekte betreuen oder unterstützen. Das macht viel Arbeit, bringt aber zum Leidwesen der Akteure wenig Publizität. Macht Greenpeace mal wieder Rummel, dann interessiert sich kein Mensch mehr für die Rettung der Flußauen an der Donau oder das Engagement für ein Blockheizkraftwerk in Buxtehude. Wie sagen die Amerikaner so richtig: The winner takes it all.

Nun zieht Greenpeace nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Spendengelder auf sich (im Jahr etwa 70 Millionen Mark). Für alle anderen bleiben zusammen noch etwa 60 Millionen Mark übrig. Der Verteilungskampf ist hart, deshalb verfügen alle über eine wache PR-Abteilung. An das System Greenpeace kommen sie dennoch nicht heran, es funktioniert nämlich genau umgekehrt: Die einen sind Organisationen mit angeschlossener PR-Abteilung, Greenpeace ist eine PR-Abteilung mit angeschlossener Organisation.

Das muß nicht negativ sein. Die Werbewalze Greenpeace hat ja viele Meriten. Nur ein Beispiel: In einer bravourösen Aktion puschten die Greenpeacler den ersten FCKW-freien Kühlschrank der Ostfirma Foron. An der Kampagne stimmte einfach alles: Hier die innovative, aber mittellose Ostfirma, die von der Treuhand plattgemacht werden soll — es geht also nicht nur um Umweltschutz, sondern auch um Arbeitsplätze -, auf der anderen Seite die etablierten Hersteller AEG, Bosch, Siemens, Bauknecht (und andere). Sie wollen nicht nur den Ostkonkurrenten vom Markt drücken, sondern auch die neue Technik verhindern (»zu gefährlich«). Greenpeace schaltet Anzeigen und mobilisiert die Medien. Erfolg: Tausende Vorabbestellungen gehen für einen Kühlschrank ein, den es eigentlich noch gar nicht gibt. Großversender Neckermann steigt in das Geschäft ein. Dann kippt der gesamte Kühlschrankmarkt in kürzester Zeit. Sofort stellen alle Hersteller auf FCKW-freie Kühlschränke um (und strafen sich damit selbst Lügen).

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Die Kühlschrank-Story ist inzwischen sozusagen ins Handbuch des ökologischen Wirtschaftens aufgenommen worden. Der theoretische Überbau heißt in etwa so: In jedem Glied der ökologischen Wirtschaftskette muß ein Pionierunternehmen gefunden werden, das bereit ist, seine Produktion nach ökologischen Gesichtspunkten umzustellen. Wenn der Kunde die Ware auch noch kauft, wird die scheinbar starre Formation der Konkurrenz wie Dominosteine in Richtung Ökologie kippen. Wenn das keine gute Nachricht ist.

Doch es kommt noch besser: Inzwischen ist selbst in China beim größten Kühlschrankproduzenten des Landes der FCKW-freie Kühlschrank in Serie gegangen. Die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) berichtet von ähnlichen Vorhaben in Indien und weiteren Entwicklungsländern. 13 konkrete Anfragen liegen bei der GTZ auf dem Tisch. Ehre, wem Ehre gebührt: Greenpeace hat hier einen intelligenten (und praktischen) Beitrag zum Schutz der Ozonschicht geleistet.

Doch Greenpeace hat in der Vergangenheit ein paar Streicheleinheiten zuviel verkraften müssen. Das macht leichtsinnig. Auch bei der Kampagne gegen die Versenkung der Ölplattform Brent Spar schien zunächst alles zu stimmen. Das Feindbild: der britisch-holländische Erdölmulti Shell, mächtig und reich. Das Umweltverbrechen: Versenkung eines hochkontaminierten Stahlungetüms in der Nordsee. (Schließlich wirft man ja auch keine Getränkedose in den Bach.) Sogar die bewegten Bilder waren wie fürs Fernsehen gemacht: Schlauchboote und Hubschrauber im Nahkampf mit Wasserkanonen. Eine Umwelt-GSG-9 verhindert die ökologische Geiselnahme der Welt durch finstere Shell-Bosse.

Gut gegen Böse. Wohltuend klare Fronten in einer unübersichtlichen Welt. Alles steuert auf einen gnadenlosen Endkampf hin. Jede Stunde das Nachrichten-Update, jeden Morgen eine neue Schlagzeile. Großer S/ieü-Boykott. Von der Stadt Leipzig bis zu Tengelmann. Selbst der Evangelische Kirchentag hat ein Thema gefunden. High noon. Schließlich bläst Shell die Versenkung ab. Sieg! Überschwengliche Kommentare: Greenpeace steigt zur Weltpolizei auf, deutlich vor UNO und CIA.

Ein paar Monate später ist der Brent-Spar-Sieg leider nur noch peinlich.

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Peinlich für Greenpeace: Denn Shell hat die Wahrheit über die Schadstoffe an Bord der Brent Spar gesagt. Das bestätigte die unabhängige norwegische Organisation Det Norske Veritas (DNV). Demnach enthielt die ausgemusterte Ölplattform, im Gegensatz zu Greenpeace-Behauptungen, nur geringe Rückstände giftiger oder kontaminierter Metalle — und schon gar keine »Giftfässer«. Es befanden sich auch nur noch rund 100 Tonnen Erdöl an Bord, Greenpeace hatte seine Kampagne mit 5000 Tonnen (!) geführt. Paul Horsman von der britischen Greenpeace-Sektion sagte dazu: »Es geht nicht um genaue Mengenangaben, sondern ums Prinzip.« (Man stelle sich bitte vor, Shell hätte so argumentiert.)

Doch auch im Prinzip darf an Greenpeace gezweifelt werden: In dem renommierten britischen Wissenschaftsmagazin nature, ansonsten gerne von Umweltschützern als Zeuge in Anspruch genommen, kamen die Meeresforscher Evan Nisbet und Mary Fowler zu einem für Shell positiven Ergebnis. Die Rückstände der Brent Spar, so die Wissenschaftler, wären am Meeresboden von Bakterien mit Begeisterung (»wie Weihnachten«) unschädlich gemacht worden. Unter bestimmten Umständen können bei der Versenkung von Bohrinseln oder Schiffen sogar wertvolle Riffe für die Unterwasserfauna entstehen. In den USA versenken Umweltschützer Bohrinseln und abgerüstete Panzer eigens zu diesem Zweck. Und auch Greenpeace hat seinem ausgemusterten Rainbow- Warrior-FlaggschifF vor einigen Jahren zum Abschied eine feierliche Versenkung im Meer spendiert. Die Erdölplattform Brent Spar rostet statt dessen in einem norwegischen Fjord vor sich hin, und das wird bis mindestens 1997 so bleiben. Was danach geschieht, weiß noch keiner so recht.

Peinlich für deutsche Politiker: Bundeskanzler Kohl, Finanzminister Waigel und Wirtschafts­minister Rexrodt schlössen sich medienwirksam dem Protest an. Für die Entsorgung von Off-shore-Anlagen galt zum Zeitpunkt der Brent-Spar-Affäre eine UNO-Konvention, die sogenannte »IMO«-Resolution von 1989. Gemäß diesem Abkommen erarbeitete Shell einen Entsorgungsplan, der nach dreijähriger Prüfung von den britischen Behörden genehmigt wurde. Kein IMO-Unterzeichnerstaat protestierte dagegen, obwohl alle Regierungen fristgerecht davon unterrichtet wurden – auch die deutsche. Das Umweltministerium verweist zu Recht immer wieder darauf, daß Umweltschutzmaßnahmen einem langfristigen Konzept folgen müssen. Strategien zur Bekämpfung

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von Risiken dürfen sich nicht ausschließlich am öffentlichen Wahrnehmungsgefälle orientieren. Das Hecheln hinter dem. jeweils aktuellen Schadstoff der Woche ist kontraproduktiv. Im Vergleich zu anderen Schadstoffeinträgen ins Meer läßt sich die Umweltbedrohung durch die Brent Spar leicht quantifizieren: Sie liegt bei Null.

Peinlich für die deutschen Autofahrer: Sie fuhren kämpferisch an der Shell-Tankstelle vorbei und landeten bei Esso – dem Besitzer der anderen Brent-Spar-Hälfte. Im übrigen kam niemand auf die nächstliegende Idee, wenn schon gegen die Folgen der Erdölgewinnung protestiert werden soll: mal einen Tag zu Fuß zu gehen. (Alleine über nicht vollständig verbrannte Autoabgase wehen nach Schätzungen jährlich etwa 20000 Tonnen Öl in die Nordsee.)

Peinlich für viele deutsche Journalisten: Eine treue Gefolgschaft schenkte Greenpeace nahezu blinden Glauben. Dies ist seit Jahren üblich. Laut einer Studie der Hamburger Uni-Arbeitsstelle »Medien und Politik« werden Meldungen der Greenpeace-Pressestelle in vielen Zeitungsredaktionen »weder sonderlich umgeschrieben noch überprüft«. Und auch Original-Greenpeace-Filme gehen schon mal über den Sender, als seien sie selbst gedreht worden. Warum dies so ist, legt der »Medienführer« des »Medienzentrums Umwelt« nicht ohne Stolz dar: »Der deutsche Umweltjournalismus ist eng mit der Ökobewegung verbunden – und genügend Umweltjournalisten gehen mit einer ordentlichen Portion Missionseifer an ihre Arbeit.« Wer gegen vermeintliche Moralpositionen argumentiert, wie in diesem Fall Shell, hat bei solchen Journalisten keine Chance, egal, ob er im Recht ist oder nicht. Hans Joachim Friedrichs, der verstorbene Anchorman der Tagesthemen, hat einmal gesagt: »Einen guten Journalisten erkennt man daran, daß er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.« Im Umgang mit Greenpeace warfen viele Kollegen dieses Prinzip über den Schlauchbootrand.

Ebenso peinlich: Sendungen und Zeitungsaufmacher über den Show-down im Nordatlantik nahmen von Tag zu Tag mehr die Züge von Kriegsberichterstattung an. Helden im Auftrag des deutschen Gutmenschen unterfliegen britische Wasserkanonen. Paula Hukleberry, die Pilotin des roten Greenpeace-Hubschraubers, wurde auch von sonst eher pazifistisch gesinnten Blättern als »rote Baronesse« verehrt. In diesem Zusammenhang sei an Manfred Freiherr von Richthofen erinnert, den

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richtigen »roten Baron«. Der wirkte im Ersten Weltkrieg unter anderem gegen die Engländer und sagte Sachen wie diese: »Es ist ein eigenartiges Gefühl, da hat man mal wieder ein paar Menschen totgeschossen, die liegen da irgendwo verbrannt, und selbst setzt man sich, wie alltäglich, an den Tisch, und das Essen schmeckt einem ebenso gut wie immer.« Bei den Engländern hat die »hysterische und paranoide« Reaktion der Deutschen und ihrer Repräsentanten zu Recht »Unwillen« und »Zorn« ausgelöst — mehr verbot die britische Höflichkeit. Peinliches Fazit für Deutschland: Bei der Aktion Brent Spar hat sich die ganze Nation als Depp vorgeführt.

Brent Spar wird ganz sicher nicht als heroischer Triumph in die Geschichte der Umweltbewegung eingehen, sondern als Pyrrhussieg. Inzwischen ist die Aktion zu einem »Happening der gesteuerten Moral« (FAZ) und zu einem Lehrstück für den »Nutzen des Teufels für das fromme Gemüt« (tageszeitung) geworden. So markiert Brent Spar auch einen Wendepunkt für die Glaubwürdigkeit von Umweltschützern. Es hat ein Ende mit dem blinden journalistischen Vertrauen, die lange verschollene Skepsis der Medienmacher erwacht – zum Glück, und unter Konkurrenzdruck. Der Spiegel beklagt einige Wochen nach der Aktion den »Feldzug der Moralisten« (den er selbst mitgeführt hat) und schildert den bedenklichen Weg »vom Umweltschutz zum Öko-Wahn«. Die Woche spricht vom »Rohrkrepierer des Jahres«, und die Zeit kommentiert knapp: »Das nächste Mal fallen die Fragen schärfer aus.« Freuen wir uns, es wird allen Beteiligten bestens bekommen.

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Umwelt-Amigos: Wenn Ideale versanden

Es muß der Gedanke vertrieben werden, 
daß viele Menschen, die sich ökologisch nicht gerecht ernähren, 
munter gespritzte Äpfel und haltbar gemachte Wurst essen und natriumreiches Wasser trinken, 
nicht wie die Fliegen tot umfallen.
Alphons Silbermann

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Jahrestreffen der Vereinigung amerikanischer Umweltjournalisten im Jahre 1993. Ted Turner, Medienzar, Inhaber des Nachrichtensenders CNN und bekennender Sympathisant grüner Ideen, richtet eine Grußadresse an die versammelten Kollegen aus dem Umweltfach. In seiner Rede geht Turner auch auf den Holzeinschlag in Nordamerika ein. Er hat sogar ein paar Ratschläge für Amerikas Holzfäller: »Sie sollten aufhören, Motorsägen zu benutzen, und die Bäume wieder nach Großvaters Methode mit der Zweimannsäge fällen.« 

Der Mann, der in seinem Privatjet (500 Liter Kerosin pro Stunde) zum Veranstaltungsort geflogen ist, führt weiter aus: »Die Holzfäller würden keine Abgase in die Atmosphäre blasen, und es wäre außerdem gut für ihre Muskulatur.« Wir verstehen, Herr Turner will für die Waldarbeiter nur das Beste. Vielleicht sollte er die Rede deshalb das nächste Mal auch bei der Jahresversammlung der amerikanischen Holzfäller halten. Mal sehen, ob sein Learjet danach noch fliegt.

Bestens zu Herrn Turner paßt auch der gefürchtete britische Firmenaufkäufer Sir James Goldsmith. Nachdem er »vierzig Jahre lang seinen Raubtierinstinkten freien Lauf gelassen hat« (Die Zeit) und dabei ein Vermögen von sechs bis acht Milliarden Mark anhäufte, meint er nun, es sei genug und andere sollten verzichten: 

»In unserer eindimensionalen Jagd nach Wachstum unterhöhlen wir systematisch Gesellschaften, schaffen Arbeitslosigkeit und verschwenden die Zeit damit, Symptome zu kurieren.« 

Goldsmith, der zwecks Verkündung seiner Botschaft inzwischen sogar eine Partei gegründet hat, finanziert unter anderem die Fundi-Öko-Zeitschrift Ecologist. In der wettert sein Bruder Teddy Goldsmith gegen »Egoisten, die nur das Ziel ihrer eigenen Befriedigung kennen«. An der Pazifikküste Mexikos unterhält der Goldsmith-Clan derweil auf 7000 Hektar Regenwald eine ökologische Luxussiedlung, die von einer »kleinen Privatarmee« (Die Zeit) gegen unerwünschte Gäste gesichert wird. Besonders auffallend an den guten Ratschlägen der Truppe: Sie beziehen sich stets auf andere. Andere sollen sich ändern, andere sollen verzichten, andere sind schuld.

Der Kultursoziologe Gerhard Schulze beschreibt solch unerbetene Fürsorglichkeit treffend als »Aura des Taxierens, Moralisierens, Pädagogisierens, eine meist in Freundlichkeit gepackte Routine unfreundlicher Bewertung«. Diese werde gerne vom sogenannten »Niveaumilieu« praktiziert und wirke auf Außenstehende »teils angsterregend, teils provozierend, teils abschreckend, oft borniert«.

Auch die deutsche Umweltbewegung ist nicht gerade in der Arbeiterklasse verwurzelt, sie wird vom gehobenen Mittelstand getragen. Dies bekamen beispielsweise die ehemaligen DDR-Bürger gleich nach der Wende zu spüren. Sie waren fest als Sympathisanten der Öko-Bewegung eingeplant. Aber statt zur nächsten Geschäftsstelle des BUND liefen sie zum Qpe/-Händler. Damit waren sie auch gleich wieder untendurch.

Viele Ideale der Umweltbewegung sind nur vor dem Hintergrund von materieller und sozialer Sicherheit erklärbar. Derjenige, der alles hat, kann leichter abspecken. Daraus resultiert so eine Art Du-darfst-Ethik. Menschen, die bei Aldi Dosenbier kaufen, sind so weit weg wie die Dritte Welt. Sie existieren im Grunde nur als Projektionen der eigenen Ängste oder als Instrumente unseres Ehrgeizes. Sie sind allenfalls Opfer, Betroffene, Arbeitslose, Lohnkosten. Aber keiner redet mit ihnen.

Und sie interessieren auch nicht wirklich. Dafür nur zwei Beispiele: Im Jahre 1993 zerbrach der Tanker Braer vor den Shetland-Inseln. Doch die angekündigte Ölpest wurde zur Erleichterung der Anwohner in starken Stürmen fast vollständig zerstoben. Alexander Smoltczyk von der Wochenpost war vor Ort und schrieb: »Es gibt keine Ölpest. Zumindest nicht auf Shetland.«

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Smoltczyk blieb die Ausnahme. Die übrigen 2000 angereisten Kollegen wollten ihre Spesen rechtfertigen und pumpten einige verölte Vogelkadaver (schlimm genug) zur Umweltapokalypse auf. Umweltschützer suchten die Kameras und verkündeten in hanebüchenen Statements die Unbewohnbarkeit der Inseln. Mit vereinten Kräften schafften die Medien, was der gestrandete Tanker nicht vermochte: Die Shetland-Inseln wurden tatsächlich ruiniert. Der Tourismus, mit 600 Arbeitsplätzen bedeutendster Erwerbszweig, brach völlig zusammen. »Darf man das Bilderspiel der einfachen Wahrheiten mitmachen, nur weil es fünf vor zwölf und ohnehin bald zu spät ist?« fragt Alexander Smoltczyk. Die Antwort sollte man einem Kellner auf Shetland überlassen, der seinen Antrag auf Sozialhilfe ausgefüllt hat.

 

Von der verzerrten Wirklichkeit zur Fälschung ist der Weg nicht allzu weit. Die lieferte der Fernsehmacher Martin Lettmayer. Der Salzburger Journalist erregte mit seinem beim MDR ausgestrahlten Dokumentarfilm »Verschlußsache Atomtod – Chronik einer verschwiegenen Strahlenkatastrophe im Ural« viel Aufsehen und wurde von der Jury des Grimme-Preises »lobend erwähnt«. Besonders dramatisch wirkten die Bilder von verstrahlten Kindern: Verstümmelte und entstellte Babys schockierten die Fernsehzuschauer. Doch die Bilder, die angeblich im Ural aufgenommen waren, stammten aus einer Moskauer Kinderklinik. Sie hatten rein gar nichts mit dem Inhalt des Films zu tun. Noch einen Schritt weiter ging der freie Fernsehjournalist Michael Born. Er belieferte Sendungen wie Stern TV, das Magazin der Süddeutschen Zeitung und Sender wie VOX, Pro 7 und den MDR mit mindestens 22 frei erfundenen Features. Born ließ für die Kamera schon mal Katzen von gemimten deutschen Jägern abknallen.

Unvergessen sind bis heute auch die Folgen einer Monitor-Fernsehsendung, die enthüllte, im Nordseefisch tummelten sich sogenannte Nematoden. Eklig flimmerten die kleinen Fadenwürmer in Nahaufnahme über den Bildschirm. Nun weiß jeder Lebensmittelfachmann:

Beim Braten sterben die Würmchen schlicht ab, es gab sie auch schon immer. Selbst wer sie löffelweise und lebend verspeist, verspürt allenfalls ein Magengrimmen. Doch eine Entsetzens­welle schwappte durchs Land. Auch Umweltschützer schwammen freudig mit den Nematoden. (Irgendwie wird die Verschmutzung der Nordsee schon schuld sein.) Nordseefischer blieben auf ihrem Fang sitzen. Der Fischverkauf brach

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zusammen. Große Ketten wie die Nordsee-Geschäfte (Unilever) konnten durchhalten, mittelständische Fischgeschäfte sperrten hingegen zu. Ausgerechnet die Kleinen. Einzelschicksale, Fußnoten unterm ökologischen Manifest?

 

 

Französische Winzer, deutsche Kürschner, grönländische Robbenfänger – sie alle gerieten unter die Räder von zweifelhaften Umweltkampagnen. Ökologie um jeden Preis. Wer den Umweltbewegten hier und anderswo wirklich einen Gefallen tun will, muß ihnen einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf schütten. Der amerikanische Umweltjournalist Gregg Easterbrook schreibt: »Wenn sich herumspricht, daß wohlhabende Umweltschützer mit weißem Kragen und Rentenanspruch Tausende von einfachen Arbeitsplätzen vernichtet haben, nur um eine Ideologie zu befriedigen und den Spendeneingang zu puschen, dann ist es um die Glaubwürdigkeit der gesamten Ökologiebewegung geschehen.«

Diejenigen, die den ökologischen Umbau der Gesellschaft in der Öffentlichkeit propagieren, haben ja meist sichere und gut bezahlte Jobs. Das Presse-Taschenbuch Umweltschutz und Arbeitssicherheit zählt etwa 10000 Namen. Es finden sich Adressen von Journalisten, Fotografen, Zeitschriften und Sendern, Archiven, Pressestellen, Verbänden, Organisationen, Behörden, Wissenschaft, Ausbildung, Industrie und Wirtschaft. Das Wirken dieser Personen ist meist segensreich und notwendig. (Schließlich gehören die Autoren dieses Buches auch dazu!) Man sollte die edlen Absichten des Nächsten aber nicht überschätzen.

Die nächste Steigerungsform: das ferngesteuerte Umweltengagement. Zeit-Redakteur Hans Schuh gebührt das Verdienst, den bewundernswerten Mechanismus als erster beschrieben zu haben. Es geht um die Affäre Hipp/Schlecker. Sie verrät, so Schuh, »die Züge eines typisch deutschen Umwelt- und Wirtschaftskrimis«. Die Ereignisse im Zeitraffer: Die Firma Hipp, Hersteller von Babykost aus biologischem Anbau, fliegt bei der Drogeriekette Schlecker aus dem Sortiment, weil man sich nicht über den Preis der Ware einigen kann. Schlecker bezieht fortan Babykost von einem konventionellen spanischen Hersteller. Hipp weist derweil in einer großangelegten Fernseh-Werbekampagne auf die Vorteile seiner Bioware hin. 

Mehr oder weniger zeitgleich erheben dann das ZDF-Heute-Journal, die Verbraucher-Initiative Bonn und die Zeitschrift Ökotest einen schweren Vorwurf: Schleckers Babybrei enthält Pestizid-Rückstände. Die Meldungen platzen wohlterminiert in das Osterfest 1993. Das Heute-journal garniert seinen Bericht mit Bildern von Kindern, die an einer schweren Form der Hautkrankheit Neurodermitis erkrankt sind. Schlecker muß seine Ware aus dem Verkauf nehmen, die Firmen Hipp und Alete stehen als Sieger da.

Die Fakten: Es wurden tatsächlich Rückstände gefunden, die nicht in Babybrei gehören. Allerdings liegen sie, so Hans Schuh, »rund tausendfach unter jener Grenze, von der an Toxikologen erst gesicherte Aussagen treffen können«. Die Auswahl der Proben, die Meßmethoden und die zugrunde gelegten Bewertungskriterien und Verordnungen blieben höchst umstritten. Ökotest behauptete sogar, der Schlecker-Brei enthielte »krebsverdächtige Weichmacher in großen Mengen«. Zeit-Redakteur Hans Schuh weist auf etwas hin: »Bei Ökotest gibt man offen zu, daß es gezielte Tips von seiten der Firma Hipp gegeben hat und daß einer ihrer Redakteure von Hipp zu einer Informationsreise eingeladen wurde.«

Es bleiben viele Fragen: Warum stießen alle Beteiligten gleichzeitig auf den vermeintlichen Skandal und machten ihn in einer konzertierten Aktion öffentlich? Wenn der Schlecker-Brei wirklich so gefährlich war, wie behauptet, warum wurde nicht im Interesse der Verbraucher sofort Alarm geschlagen (die Analyse­proben wurden teilweise schon im Januar gekauft), sondern bis Ostern gewartet? Was haben wir davon zu halten, daß gleichzeitig davon abgeraten wird, die Kinder mit selbstzubereitetem Brei zu füttern, weil frische Ware vom Markt weit mehr Rückstände enthalten könne als die zurückgerufene? Wem nutzt das? Könnte es sein, daß es nicht um die Interessen der Verbraucher geht, sondern um andere Interessen?

»Hinweise auf unzulässige Grenzwertüberschreitungen nehmen wir von jedem an«, verteidigt der zuständige Ökotest-Redakteur die Hipp-Connection. Liebe Kollegen, möglicherweise habt Ihr selbst einen Grenzwert überschritten. Nehmt deshalb auch von uns einen Hinweis an: Dieser Brei riecht nicht, er stinkt.

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