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6 - Garten, Heim und Mutter  

 

 

  Triumph der Domestizierung  

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Das erste Tier, das der Domestizierung unterlag, war der Mensch; und schon der Ausdruck, mit dem wir diesen Prozeß bezeichnen, enthüllt den Ausgangs­punkt. Denn domus heißt Haus; und der erste Schritt zur Domestizierung, der alle weiteren ermöglichte, war die Errichtung einer festen Herdstelle mit einem dauerhaften Dach — möglicherweise mitten auf einer Wald­lichtung, wo die ersten angebauten Pflanzen von den Frauen behütet wurden, während die Männer fortfuhren, auf der Suche nach Wild oder Fisch umherzustreifen.

Daryll Förde betont, daß bei manchen australischen Ureinwohnern, die noch unter ganz ähnlichen Bedingungen leben, »kleine Grundstücke, auf denen reichlich wilde Yamwurzeln wuchsen, geschützt, zum Teil gejätet und von der Mutter an die Tochter weitergegeben wurden«. Kehrte der Jäger mit leeren Händen und vielleicht auch durchfroren und durchnäßt zurück, dann fand er ein Feuer vor, das für ihn brannte, und einen Vorrat eßbarer Wurzeln oder Nüsse, mit denen er seinen Hunger stillte.

Gartenbau, im Unterschied zum Ackerbau, ist überwiegend, nahezu ausschließlich, Frauenarbeit. Offenkundig wurden die ersten Schritte zur Domestizierung von der Frau gemacht. War diese Kultur auch kein Matriarchat im politischen Sinn, so lag ihr Schwergewicht doch auf dem Mütterlichen: der Pflege und Betreuung von Leben. Die alte Rolle der Frau als kundige Sammlerin von Beeren, Wurzeln, Blättern, Kräutern bestand bei den Bauern bis in unsere Zeit fort, in der alten Frau (der Hexe), die weiß, wo Medizinkräuter zu finden und wie ihre Eigenschaften zu nutzen sind, um Schmerzen zu lindern, Fieber zu vertreiben oder Wunden zu heilen. Die neolithische Domestizierung verstärkte diese Rolle.

Die reichliche, regelmäßige Nahrungsversorgung hatte weitere Folgen, die die Bedeutung von Herd und Heim steigerten: Die nahrhaftere, abwechslungsreichere Kost verstärkte nicht nur die sexuellen Gelüste, sondern vergrößerte auch, wie man heute weiß, die Wahrscheinlichkeit der Empfängnis, während feste Unterkunft und ausreichende Nahrung die Überlebenschancen erhöhten und bessere Pflege der Kinder sicherten, zum Teil deshalb, weil in den stabilen Dorfgruppen mehr Frauen verschiedener Altersstufen zur Hand waren, die die heranwachsenden Kinder im Auge behalten konnten.

Wenngleich also das Steineschleifen langweilig war und die Seßhaftigkeit noch zur Monotonie beitrug, so gab es doch Kompensationen. Unter den neuen Bedingungen erhöhter Sicherheit stieg die Lebenserwartung: Man hatte mehr Zeit, um Wissen zu sammeln und weiterzugeben; und ebenso wie mehr Kinder am Leben blieben, wuchs auch die Zahl der alten Männer und Frauen, die als Bewahrer der mündlichen Überlieferung dienten. Wie nie zuvor zählten nun nicht Jugend und Wagemut, sondern Alter und Erfahrung. Der demokratische Ältestenrat war im wesentlichen eine neolithische Institution.

Aber es besteht ein deutlicher Unterschied zwischen der frühen und der späteren Phase der neolithischen Kultur, der ungefähr dem Unterschied zwischen Gartenbau und Ackerbau, zwischen dem Züchten von Blumen, Obst und Gemüse und dem Anbau von Getreide entspricht. Abgesehen von Haus und Dorf war die erste eine Periode der kleinen Behälter — Herd, Altar und Schrein, Körbe, Töpfe und Gemüsetristen —, die zweite dagegen eine Periode der großen Behälter: Grube und Kanal, Feld und Tierpferch, Tempel und Stadt. Groß oder klein — die Betonung liegt, abgesehen von dem wichtigen neuen Werkzeug, der Axt, auf den Behältern.

In der zweiten Phase verschiebt sich der Schwerpunkt der Führung wegen des dringenden Bedarfs an Muskelkraft wieder auf männliche Tätigkeiten und Rollen; doch selbst nachdem der einstmalige Jäger als Befehlshaber der Zitadelle und Beherrscher der Stadt die Führung wiedererlangt hatte, spielte die Frau in der Religion und im Alltagsleben lange Zeit eine ebenso große Rolle wie der Mann, wie Aufzeichnungen aus Ägypten und Babylonien bezeugen. Sucht man aber nach den einschneidendsten Fortschritten der neolithischen Epoche, dann findet man sie im weiblichen Interessenbereich: vor allem in der neuen Mutante, dem Garten.

 

  Der Einfluß des Gartens  

 

Dem Garten kommt im Gesamtprozeß der Domestizierung zentrale Bedeutung zu: Er war die Brücke, die die beständige Pflege und selektive Kultivierung von Knollen und Bäumen mit dem Ausroden wilder Gewächse und dem Anbau der ersten einjährigen Getreidepflanzen — Emmer, Einkorn und Gerste — verband. Der Getreideanbau im großen Maßstab war nur der Gipfelpunkt in diesem langen Versuchsprozeß; und war dieser Schritt erst einmal getan, dann setzten Fixierung und Stabilisierung ein.

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Die erste erfolgreiche Domestizierung kann nicht in den Steppen und Sümpfen des Nahen Ostens vor sich gegangen sein. Mit den vorhandenen Geräten war es leichter, mit Hilfe der neolithischen Axt im Wald eine Lichtung zu Schlägern, als auf freiem Feld zähe Graswurzeln zu roden; wer einmal versucht hat, solche Wurzeln mit einer Stahlhaue oder einem Spaten anzugehen, wird das verstehen. Oakes Ames berichtet, daß die Eingeborenen in Neuguinea, um die harte Rasendecke aufzubrechen, einen drei bis vier Meter langen Grabstock verwenden, der von acht Männern betätigt wird; zwar konnten solche gemeinsamen Bemühungen das Fehlen guter Werkzeuge wettmachen, doch war offenbar der Aufwand an Energie zu groß, als daß sie sich allgemein durchgesetzt hätten.

Da die ersten Gärten sich aus der bloßen Betreuung wilder Pflanzen, die genießbare Blätter oder Früchte trugen, entwickelt haben müssen, ist den frühen Gärten, wie Edgar Anderson meint, sicherlich etwas von dieser Wildheit geblieben; er fand sie in der zwanglosen Vielfalt heutiger Gärten in kleinen mexikanischen Dörfern wieder. Solche neolithische Gärten enthielten eine Mischung verschiedener Pflanzenarten, manche auf dem Weg der Veredelung, andere als eindringendes Unkraut, wobei jene, die edleren Sämlingen ähnlich waren, oft irrtümlich für die gewünschte Art gehalten wurden (was immer noch jedem Gärtner passieren kann), so daß dieser gemischte Garten sich besonders für Kreuzungen eignete, die oft »von selbst« zustande kamen.

Auf dieser frühen Stufe der Kultivierung bedurfte es keiner Rinder, um die Fruchtbarkeit aufrechtzuerhalten. Reichten Niederbrennen und Kompostbildung nicht aus, dann genügte es, die Lichtung zu wechseln. Im neolithischen Garten wuchsen, folgt man Andersons scharfsinniger Rekonstruktion, nebeneinander Nährpflanzen, Gewürze, aromatische und Heilpflanzen, nützliche Fasern sowie Blumen, die wegen ihrer Farbe, ihres Geruchs und ihrer Form oder wegen ihrer Rolle im religiösen Ritual beliebt waren; manche Pflanzen — zum Beispiel die Brunnenkresse — wurden ebenso als Salat wie als Schmuck geschätzt. Man beachte die Mannigfaltigkeit und die geringe Spezialisierung sowie das Streben nach Qualität mehr als nach Quantität: und es ist vielleicht kein Zufall, daß manche Nutzpflanzen zuerst ihrer leuchtenden Blüten wegen kultiviert wurden — so der Senf, der Kürbis, der Pfefferbaum, die Saubohne, die wilde Erbse — oder auch um ihres Duftes willen, was für die meisten aromatischen Pflanzen gilt.

Anderson geht bei seiner Trennung von Garten- und Ackerbau so weit, daß er diesen mit einem auffallenden Mangel an Interesse für Blumen und Zierpflanzen gleichsetzt. Beschränkt man den Begriff der Pflanzendomestizierung auf Getreide, dann übersieht man völlig den wichtigen ästhetischen Aspekt nicht nur der Blumenfarben und -formen, sondern auch einer ganzen Skala delikater Gerüche und Geschmäcker — so verschieden von der Geilheit tierischer Nahrung, daß viele vegetarische Völker — wie etwa die Japaner — den Körpergeruch fleischessender westlicher Menschen abstoßend finden. Der gute Geschmack, zumindest bei Kleidung und Nahrung, ist ein spezifisch neolithischer Beitrag.

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Von Indonesien, wo der tropische Gartenbau wahrscheinlich zuerst entstanden ist, dürfte eine ganze Reihe neolithischer Erfindungen, die auf dem Bambus basierten, sich über große Teile der Welt verbreitet haben, wenngleich Ton, Stein und Metall im Mittelpunkt des technologischen Fortschritts standen. Alfred Russel Wallace, der den Malaiischen Archipel erforscht hat, zeigte die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten des Bambus: 

»Gespalten und dünn geschabt, ist er das festeste Material für Körbe; Hühnerställe, Vogelkäfige und konische Fischfallen werden sehr rasch aus einem einzigen Rohr hergestellt ... Wasser leitet man zu den Häusern durch kleine Aquädukte, die aus einem großen, in die Hälfte gespalteten Bambus bestehen, gestützt auf gekreuzte Stäben von unterschiedlicher Höhe, um dem Wasser ein gleichmäßiges Gefälle zu geben. Dünne, lange Bambusstöcke bilden, zusammengefügt, die einzigen Wassergefäße der Dyaks ... Sie ergeben auch hervorragendes Kochgeschirr; Gemüse und Reis kann man darin ausgezeichnet kochen.« 

All dem könnte man noch viele andere Verwendungsmöglichkeiten hinzufügen, die von den Japanern und Chinesen entdeckt wurden, einschließlich der Rohre für Erdgasleitungen in China.

In kleinen Gartenparzellen wurden also, lange vor dem systematischen Ackerbau im großen Maßstab, die ersten Nahrungs­pflanzen umsichtig gehegt, geerntet und ihre überschüssigen Samen wieder eingepflanzt. Die weite Verbreitung der Hülsenfrüchte und der Kürbisse weist auf das Alter dieser Methode hin. Zu dem Zeitpunkt, an dem der Entwicklungsverlauf klar erkennbar wird — vier- oder fünftausend Jahre nach der letzten Eiszeit, drei- oder viertausend Jahre vor der Entstehung der mesopotamischen Städte — waren die wichtigsten Nahrungs- und Faserpflanzen bereits domestiziert, und einige, die, wie die Camelina, heute nicht mehr kultiviert werden, dienten damals der Ölgewinnung. Auch Flachs wurde vielleicht; wegen seines Öls (Leinsamenöl) gezogen, ehe seine Fasern zur Herstellung, von Leinengarn verwendet wurden; die Gepflogenheit der russischen Bauern, Leinsamenöl auf Kartoffeln zu gießen, könnte im Neolithikum ein Gegenstück gehabt haben.

Eine so reichliche Ernährung, wie sie sich aus Ackerbau und Viehzucht ergab, wäre für Menschen, die nur von Garten­produkten lebten, nicht möglich gewesen. Aber diese frühen Gärten können durch Abwechslung und Qualität — den Vitaminreichtum frischer Blätter und Beeren — sehr wohl den Mangel an Quantität wettgemacht haben; und im Neolithikum gelang es den Menschen zum ersten Mal, sich das ganze Jahr hindurch eine ausreichende, ausgewogene Ernährung zu sichern, da manche Nahrungsmittel getrocknet und aufgehoben werden konnten.

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Wenngleich ich betont habe, daß das Steineschleifen die Wirkung hatte, die neolithischen Pflanzer an monotone Tätigkeiten aller Art zu gewöhnen, ist doch zu bedenken, daß organische Vorgänge, nicht zuletzt die Pflanzenzucht, voll subtiler Veränderungen sind und unerwartete Probleme aufwerfen. So ist nicht nur ständige Sorgfalt erforderlich, sondern auch Beachtung der kleinsten Veränderungen; das dürfte besonders für die ersten Stadien der Domestizierung und Akklimatisierung gelten.

Auf der engen Gartenparzelle schmälert eine zu große Dichte den Ertrag, während eine zu geringe das Unkraut wuchern läßt; zugleich mußte man selektiv vorgehen, um neue Sorten zu erzielen und zu erhalten. Der Schutz bevorzugter Pflanzen war ein wesentlicher Teil des allgemeinen Strebens, die Lebenskräfte zu hegen, zu pflegen und zu fördern. Ist die Jagd ex definitione eine räuberische Beschäftigung, so ist der Gartenbau eine symbiotische; und in der lockeren ökologischen Struktur des frühen Gartens wurde die wechselseitige Abhängigkeit der lebenden Organismen sichtbar, und die unmittelbare Einbeziehung des Menschen war die Voraussetzung für Produktivität und Kreativität.

Hinter all diesen Veränderungen in der Domestikation stand ein innerer Wandel, dessen Bedeutung die Erforscher des Früh­menschen sehr spät, ja widerwillig zur Kenntnis nahmen: der Wandel, der in der menschlichen Mentalität vor sich ging und sich in den Formen der Religion, der Magie und des Rituals ausdrückte, lange bevor der Mensch daraus praktischen Nutzen zog: das Erkennen der Sexualität als zentrale Manifestation des Lebens und der besonderen Rolle der Frau als Trägerin wie als Symbol sexueller Lust und organischer Fruchtbarkeit.

Diese sexuelle Transformation, diese Erotisierung des Lebens ist noch in den frühen ägyptischen und sumerischen Legenden erkennbar: Enkidu muß von seiner barbarischen Jagdleidenschaft abgebracht werden, indem er von einer städtischen Dirne verlockt und verführt wird. Doch als die Sexualität in Ritualen und Legenden Ausdruck fand, waren vielleicht schon viele, uns unbekannte Aspekte aus ihr verschwunden. Erhalten geblieben sind die Osirisriten und die geheiligten Beziehungen zwischen dem König und der Göttin in Gestalt einer Priesterin beim babylonischen Neujahrsfest. Ein späterer Ritus, die hellenischen Tanzorgien rasender Frauen, der Bacchantinnen, dürfte auf einen viel älteren Brauch hinweisen.

 

  Der Höhepunkt der Domestizierung 

 

Die überwiegend materiellen Sorgen unseres Zeitalters, die ungeduldigen Anstrengungen, aus karger Subsistenz­wirtschaft eine industrielle Überflußwirtschaft zu machen, verleiten uns dazu, den gesamten Prozeß der Domestizierung als mehr oder weniger bewußtes Streben nach Verbesserung der Nahrungs­versorgung anzusehen.

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Nur sehr spät begannen einige Gelehrte zu erkennen, daß der primitive Mensch die Welt nicht auf diese Weise betrachtete und daß jenes Motiv, das für uns das primäre ist, in seinem Leben nur eine sekundäre, wenn überhaupt eine Rolle spielte.

Wenn wir den Domestizierungsprozeß rekonstruieren wollen, tun wir gut daran, das verstärkte Sexual­bewußtsein als ein dem Wesen nach religiöses Bewußtsein, als die dominierende Triebkraft dieses ganzen Wandels zu behandeln; aus späteren Fakten können wir plausibel einen religiösen Kult rekonstruieren, der den Körper und die sexuellen Funktionen der Frau als Quelle aller Kreativität preist. Der erste Beweis für dieses vertiefte Sexualbewußtsein ist wahrscheinlich, wie schon erwähnt, in den aus Elfenbein geschnitzten paläolithischen Frauenstatuetten mit den stark vergrößerten Geschlechtsmerkmalen zu finden. Aber es ist auffallend, daß bis zur geschichtlichen Zeit sowohl der männliche Gefährte der Frau als auch ihr Kind fehlen: Sie treten erstmals in Jericho in Erscheinung, wo, wie Isaac hervorhebt, »kultische Figuren in Dreiergruppen von Mann, Frau und Kind vorkommen«.

Mit der Kultivierung von Pflanzen bekommen die besonderen Sexualmerkmale der Frau symbolische Bedeutung: Das Einsetzen der Menstruation in der Pubertät, die Zerreißung des Hymen, die Öffnung der Vulva, die Milchabgabe ihrer Brüste machen ihr Leben zum Modell alles Schöpferischen. Alle diese Vorgänge werden in den Mittelpunkt gerückt, überhöht und geheiligt. Das Interesse an der zentralen Rolle der Frau intensivierte das Geschlechtsbewußtsein auch in vielen anderen Aspekten.

Vögel, die auf Höhlenmalereien kaum zu finden sind, kamen in den Tropen überall vor und vermehrten sich mit der Ausbreitung von Beerensträuchern und Weinreben auf den Waldlichtungen der gemäßigten Zonen. Sie wurden zum Modell der menschlichen Sexualität, mit ihrem Balzen und Werben, ihrem ordentlichen Nestbau an festen Plätzen, ihrem Rufen und Singen, ihrem unermüdlichen Sorgen für Eier und Brut. Vogelfedern, die — neben Blumen — in Polynesien bis heute die vorherrschende Form des Körperschmucks geblieben sind, mögen Überreste dieser frühen Wahrnehmung und Würdigung der Rolle der Schönheit im Sexualleben sein. Der Vogelgesang könnte die latente musikalische Begabung des Menschen geweckt haben.

Ein in der Kunst immer noch sichtbares Merkmal der Domestizierung ist die Rolle, die Vögel und Insekten in der menschlichen Phantasie zu spielen begannen; dieses Interesse wurde vielleicht angeregt durch die wichtige Funktion, die die einen mit dem Ausstreuen von Samen, die anderen mit der Befruchtung einjähriger Pflanzen erfüllen.

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Die Metamorphose des Käfers von der Larve zum geflügelten Insekt wurde zum Symbol der menschlichen Seele, die beim Tod aus dem Körper entweicht; und die ägyptischen Vogelbilder stehen, was Beobachtungsgabe und Schönheit betrifft, denen Audubons nicht nach. Falken- und ibisköpfige Götter spielen nicht nur in der ägyptischen Religion eine wichtige Rolle; auch im fernen Sibirien wurden auf einem Steinblock Gravierungen von Vogelköpfen gefunden, die, wie ein russischer Archäologe feststellte, aus der Zeit um 3000 vor Christus stammen; daß manche frühe Menschen- oder Götterfiguren mit Flügeln dargestellt sind, deutet bereits auf die später auftauchende Assoziation des Vogelflugs mit Herrschaft und schneller Bewegung an. Mit gutem Grund wählte Aristophanes Vögel, um in seiner Wolkenkuckucksheim-Utopie diese beiden Aspekte zu symbolisieren.

Daß Vögel und Insekten für die Bebauung von Gärten und Feldern unentbehrlich sind, daß die Vögel eine übermäßige Vermehrung der. Insekten — wie etwa in den Heuschrecken­schwärmen, die heute noch Mesopotamien heimsuchen — verhindern, muß von den urzeitlichen Pflanzern entdeckt worden sein, die auch herausfanden, wie man die Erträge der Dattelpalme durch manuelle Befruchtung verbessern kann.

Das gesteigerte Bewußtsein ihrer sexuellen Rolle verlieh der Frau eine neue Würde; sie war nicht mehr bloß eine sich abrackernde Magd des Jägers, der die schmutzige Arbeit des Zerteilens und Auslaugens der Därme, aus denen man Schnüre machte, und des Schabens und Gerbens der Häute oblag; und es befruchtete auch ihre Phantasie in ihren anderen Tätigkeiten: Sie formte Vasen, färbte Stoffe, schmückte den Körper und parfümierte die Luft mit Blüten.

Sicherlich wurde der Mondrhythmus, der die Menstruation der Frau steuert, auf den Anbau übertragen, denn bis heute werden die Mondphasen von primitiven Bauern gläubig respektiert. Sollte Alexander Marshack recht haben, wenn er die Gravierungen auf 35.000 Jahre alten Rentierknochen, die ähnlichen Zeichen auf mesolithischen Felsmalereien entsprechen, als Mondkalender deutet, so würde dies die Auffassung bestätigen, daß die Anfänge der Domestizierung auf die Sammlerstufe zurückgehen.

Die Pflanzenwelt war die Welt der Frau. Mit weit besserem Grund, als man von der Agrar- oder der städtischen Revolution spricht, könnte man diesen entscheidenden Wandel, der das Vorspiel zu allen anderen großen Veränderungen im Zuge der Domestizierung war, als sexuelle Revolution bezeichnen. Alle Verrichtungen des täglichen Lebens wurden sexualisiert, erotisiert. So eindringlich konzentriert war diese Vorstellung, daß in vielen Statuetten und Malereien die Frau, wie sie in der paläolithischen Kunst dargestellt war, verschwindet: nur die Geschlechtsorgane sind geblieben.

Mit dieser Wandlung hängt, wie fragmentarische, aber weitverbreitete Funde beweisen, der Mythos von der Großen Mutter zusammen. Doch die Vorherrschaft der Frau hat eine Schattenseite, deutlich erkennbar in dem spätbabylonischen Epos von Marduks blutigem Kampf mit Tiamat, der wilden Urmutter:

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Als die Frau die Führung in dieser kulturellen Umwandlung übernahm, muß ihr latentes maskulines Element häufig zum Vorschein gekommen sein. In manchen späteren religiösen Mythen wird sie als kraftvolle, von Löwen begleitete Gestalt verkörpert, als rachsüchtige Furie, als Zerstörer-Gottheit, wie die opferverschlingende Kali in der Hindu-Religion; hingegen ist das männliche Prinzip im Mythos von der Großen Mutter als unbedeutender Liebhaber dargestellt, als Anhängsel, nicht als gleichwertiger Partner. Diese anderen Seiten des Triumphs der Frau in der Domestizierung zu vergessen, hieße die Geschichte verniedlichen und verfälschen.

 

  Das Mysterium des Opfers  

 

Jeder Anthropologe weiß, daß die Vermischung praktischen Wissens und kausaler Einsicht mit der Befolgung magischer Vorschriften, die oft auf phantastischen Assoziationen beruhen, für die sogenannten Primitiven unserer Zeit kennzeichnend ist; dies muß gleichermaßen für frühere Kulturepochen gelten. Kein Mythos, sei er noch so lebensbezogen, ist in seinen Motiven völlig rational; und die stetige Anhäufung empirischen Wissens, das die frühe Gartenkultur begleitete, reichte nicht aus, um den Menschen vor falschen, oft perversen Eingebungen des Unbewußten abzuschirmen, die ursprünglich durch zufällige Erfolge bestärkt worden waren.

Die vielleicht mysteriöseste aller menschlichen Institutionen, oft beschrieben, aber nie hinreichend erklärt, ist das Menschenopfer: ein magischer Versuch, entweder Schuld zu sühnen oder einen reicheren Ernteertrag zu sichern. In der Landwirtschaft könnte das Ritualopfer aus einer allgemeinen Gleichsetzung des menschlichen Bluts mit allen anderen Manifestationen des Lebens entstanden sein, möglicherweise abgeleitet von der Assoziierung der Menstruation mit Blut und Fruchtbarkeit. Dieser Glaube erhielt vielleicht Bestärkung durch die Erfahrung des Gärtners, daß man oft hundert Setzlinge ausgraben muß, um einige wenige gesunde Pflanzen zu produzieren. In der Gartenarbeit ist solch ein Opfer ein Mittel, um Wachstum zu sichern; und der Effekt des Lichtens und Stutzens kann den scharfen Augen jener nicht entgangen sein, die die Funktion der Samen entdeckt und viele Pflanzen selektiert und kultiviert hatten.

Doch da, wo die Einsicht in die Kausalität genügt hätte, um die durchaus rationale Praxis des Düngens, Bewässerns, Lichtens und Unkrautjätens zu begründen, hat das Unbewußte den Vorgang vielleicht mißverstanden und eine infantile Verbesserung eigener Art angeboten, um sicherer und schneller zu den gleichen Resultaten zu gelangen:

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nicht ein paar Pflanzen, sondern einen Menschen zu töten, dessen Blut eine reichere Ernte garantieren sollte. War nicht das Blut die Essenz des Lebens? Dies konnte sogar auf der Beobachtung der üppigen Vegetation auf einem flachen Menschengrab beruhen, und insofern mag das angebotene Menschenopfer manchmal so wirksam gewesen sein wie der tote Fisch, den die amerikanischen Indianer unter einem Maishügel zu vergraben pflegten.

Das sind unüberprüfbare Vermutungen, aber sie sind nicht ohne Grundlage. Es gibt mehr Beweise für Menschenopfer in der neolithischen Gemeinschaft als für den Krieg in unserem Sinn. Neben den großen Errungenschaften, die durch die im Mutterkult wurzelnde Domestizierung erzielt wurden, ist damals möglicherweise auch die Perversion des Menschenopfers entstanden.

Hier muß man den Religionswissenschaftler zu Wort kommen lassen. »Nach den Mythen der frühen Schöpfer der Gartenkultur der tropischen Regionen«, bemerkt Mircea Eliade in dem Sammelband City Invincible, »kommt die eßbare Pflanze nicht in der freien Natur vor; sie ist das Produkt eines initiierten Opfers. In mythologischen Zeiten wird ein Halbgott-Wesen geopfert, damit Knollen und früchtetragende Bäume aus seinem Körper wachsen.« Ähnliches Beweismaterial aus dem Nahen Osten finden wir in den frühen Mythen von Osiris und Tammu sowie später im Dionysos-Mythos.

Die feierliche Tötung eines oder mehrerer Opfer, häufig eines jungen Mädchens, zu Beginn der Vegetationsperiode in vielen verstreuten Regionen der Welt ist eine historisch gesicherte Tatsache. Und obgleich diese Praxis mit der Entstehung der Zivilisation allmählich auf Tiere, Früchte oder Pflanzen übertragen wurde, verschwand das Menschenopfer nie völlig. In solch fortgeschrittenen Kulturen wie jenen der Maya und der Azteken hielt sich das Menschenopfer bis zur spanischen Eroberung. Bei den kulturell hochstehenden Maya war es sogar üblich, auf Gelagen der Oberschicht Sklaven zu opfern, bloß um dem Fest vornehmen Glanz zu verleihen. Bezeichnenderweise waren Jehova die Früchte, die Kain, der Bauer, ihm als Opfer darbot, weniger lieb als die Gabe des Hirten Abel, der ein Tier opferte.

Das Menschenopfer ist also der dunkle Schatten, der unbestimmt, aber drohend den Mutterschaftsmythos und die großartigen technischen und kulturellen Leistungen der Domestizierung begleitete. Und diese Mutation — in der Kultur, der sie entstammte, quantitativ beschränkt — beherrschte und befleckte die städtische Zivilisation, die aus jener erwuchs, indem sie eine andere kollektive Form annahm: die des Krieges, als negativer Gegenpol zu den lebensfördernden Riten der Domestizierung.

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War der Opferaltar eine Ableitung vom häuslichen Herd, so waren andere Ableitungen der Backofen, der Brennofen und der Schmelzofen; von daher kam das Brennen von Ziegeln und Tongefäßen und schließlich die Umwandlung von Sand in Glas, von Stein in Metall. Und hier kam wiederum die Kunst vor der Nützlichkeit: Glas wurde zuerst für Schmuckperlen und Eisen für Fingerringe verwendet, während im frühen Jericho die Tonskulptur einer Kuh der Töpferei voranging und die paläolithischen Bisons aus Ton viele Tausende Jahre vor der neolithischen Milchkuh entstanden.

 

  Die Verehrung von Tieren  

 

Wie die archäologischen Funde zeigen, ging die Domestizierung der Herdentiere Hand in Hand mit dem Ackerbau, und das eine wäre ohne das andere gar nicht möglich gewesen, wenngleich die Viehzucht sich mit der Zeit als spezialisierte Nomadenkultur auf die Steppengebiete ausdehnte. Carl Sauer hat triftige Argumente dafür vorgebracht, daß die gemischte Landwirtschaft der Herden­wirtschaft voranging, und mangels eines Gegenbeweises scheint seine Argumentation entscheidend.

Aber hier ist es wieder zweifelhaft, ob die ersten Schritte zur Tierzähmung auf den Wunsch zurückzuführen sind, die Nahrungsversorgung zu verbessern. Auch in der frühen Domestizierung des Hundes und des Schweines war deren Nützlichkeit als Abfallfresser vermutlich von sekundärer Bedeutung gegenüber ihrer Rolle als Spielkameraden — ein Verhältnis, wie man es heute noch bei den australischen Ureinwohnern mit ihren Opposums oder Känguruhs findet. Und später so nützliche Haustiere wie Rind, Schaf und Ziege dürften ursprünglich als Sexualsymbole in religiösen und magischen Riten gedient haben.

Erich Isaac hat unterstrichen, daß 

»in Anbetracht der Größe und Wildheit des Tieres die Menschen ein starkes Motiv darin gehabt haben müssen, sich an die schwierige Aufgabe der Zähmung heranzuwagen. Daß dies ein ökonomisches Motiv war, ist unwahrscheinlich, denn der spätere Verwendungszweck war unmöglich vorauszusehen, und die einzige Verwendungsmöglichkeit des Tieres, sein Fleisch, hätte die Anstrengung, es zu fangen, lebend in Gefangenschaft zu halten und zu füttern, nicht gerechtfertigt... Die plausibelste Erklärung ist jene von Eduard Hahn, der meinte, der Auerochse sei aus religiösen, nicht aus ökonomischen Gründen domestiziert worden Wenngleich der Ursprung der religiösen Bedeutung des Auerochsen nicht sicher ist, kann man doch annehmen, daß sie auf die Hörner des Tieres zurückzuführen ist, die als den Hörnern des Monds entsprechend betrachtet wurden, der wiederum mit der Muttergöttin identifiziert wurde.« 

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Hathor, die ägyptische Mondgöttin, war eine Kuh. Lange bevor sie in Ägypten auftauchte, erschien eine menschliche Figur, die ein halbmondförmiges Hörn hielt, auf den Wänden einer palöolithischen Höhle.

Wenn im Mythos von der Großen Mutter die Macht des Sexus verherrlicht wurde, ist es klar, daß der Stier sowohl Sexualität als auch Macht verkörpert, mit seiner mächtigen Brust, seinen schweren Hoden und seinem jäh hervorschießenden Penis. Nicht nur erschien der Stier in späteren Epochen, beispielsweise auf der Narmer-Tafel, als Symbol für den König, sondern er wurde in historischen Zeiten häufig anstatt des Gottkönigs geopfert. War die Tötung oder Kastration von Knaben möglicherweise ein Ausdruck der sexuellen Dominanz der Frau in der neolithischen Kultur, so könnte man die Domestizierung des Auerochsen vielleicht sogar als defensive Maßnahme der Männer erklären, mit dem Zweck, das Opfer auf ein Tier zu übertragen. Man darf nicht die Tatsache übersehen, daß die wichtigsten Fruchtbarkeitsmythen späterer Perioden, etwa die von Osiris oder von Dionysos, die Tötung und brutale Zerstückelung einer männlichen Gottheit enthalten, deren Tod und Auferstehung pflanzliches Leben entstehen läßt.

Die Tierdomestizierung kann also sehr wohl damit begonnen haben, daß Widder und Stiere zu religiösen Zwecken eingefangen und schließlich geopfert wurden. Hand in Hand damit ging wahrscheinlich die Verwendung der überschüssigen Milch des Mutterschafs und der Kuh, die für die Fortpflanzung, des gefangenen Tierbestands notwendig waren, für religiöse Zwecke. Die Zärtlichkeit und Liebkosung, die man den Jungen angedeihen ließ, die wie Familienmitglieder behandelt wurden, verstärkten vielleicht noch den ganzen Prozeß der Zähmung: wie bei Romulus und Remus, nur umgekehrt. Die Aufbewahrung von Urin und Exkrementen heiliger Tiere — in Indien heute noch üblich — hatte sehr wahrscheinlich den gleichen religiösen Ursprung. Hocart geht, Hahn folgend, nicht zu weit, wenn er sagt, daß »das Düngen schwerlich mit sogenannten rationalen Gründen zu erklären ist... Exkremente wurden möglicherweise zuerst deshalb auf Felder gestreut, weil sie als reinigende Lebensspender angesehen wurden ...«

Auch hier wiederum, wie beim Melken, brachten Praktiken, die als religiöse Riten entstanden waren, Ergebnisse, welche dem scharfen Auge des neolithischen Bauern wahrscheinlich nicht entgingen, lange bevor ihr Wert für den Ackerbau so allgemein bekannt war, daß in einem akkadischen Gedicht der Bauer dem Hirten dafür dankte, daß er die Herde auf seinem unbestellten Boden weiden ließ. Selbst das Verzehren von Haustieren mag zuerst eine religiöse Bedeutung gehabt haben, die es vom Wild- oder Fischgenuß abhob: Man aß den Körper und das Blut eines Gottes oder zumindest des Ersatzopfers eines Gottes.

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Als die Domestizierung vün Tieren das Stadium erreicht hatte, in dem ihre Milch, ihr Blut oder ihr Fleisch verwendet wurden, brachte diese neue Kunst eine weitere Sitte hervor, die sich direkt aus der rituellen Opferung ableitete: die bewußte, kaltblütige Schlachtung der Spielgefährten, Genossen und Freunde des Menschen. Nur Hund und Pferd, das früheste und das späteste Haustier, entgingen gewöhnlich diesem Schicksal, doch in Mexiko entrann ihm nicht einmal der Hund.

Der zivilisierte Mensch, der schon lange Nutznießer der Domestizierung ist, verdrängt diesen häßlichen Brauch für gewöhnlich aus seinem Bewußtsein. Der Jäger, der auf Großwild aus ist, riskiert oft sein Leben, um Nahrung zu erhalten; der Bauer und seine Nachfolger riskieren nur ihre Menschlichkeit. Das kaltblütige Töten, die Unterdrückung des Mitleids mit Geschöpfen, die der Mensch bis dahin gefüttert und beschützt, ja gehegt und geliebt hat, bildet neben dem Menschenopfer die häßliche Kehrseite der Domestizierung. Und es schuf einen bösen Präzedenzfall für das nächste Stadium der menschlichen Entwicklung; wie Lorenz' Arbeit über das Kaninchen und die Taube erklären hilft, hat der domestizierte Mensch wieder und wieder jedes Raubtier an Grausamkeit und Sadismus übertroffen. Hitlers satanischer Helfershelfer bei der Massenfolterung und der Massenvernichtung war als »guter Familienvater« bekannt.

Die ursprünglich sexuell und religiös motivierte Tierdomestizierung wurde durch mechanische Erfindungen gefördert, die sich in vielen Teilen der Welt als nützlich, ja als lebenswichtig für den Ackerbau erwiesen. Es ist bezeichnend, daß Tiere zuerst in religiösen Prozessionen vor Schlitten oder Wagen gespannt wurden, so wie die ersten Fahrzeuge, die erhalten geblieben sind, nicht Bauernkarren oder Streitwagen waren, sondern Leichenwagen, die in den Königsgräbern von Kisch, Susa und Ur zusammen mit Zugtieren und Dienern bestattet gefunden wurden. So mag auch der Pflug, wie Hocart meint, zuerst ein rein religiöses Gerät gewesen sein; von einem heiligen Ochsen gezogen, von einem Priester geführt, drang er mit seinem männlichen Glied in Mutter Erde ein und bereitete den Boden für die Befruchtung vor, so daß Gärten und Äcker, bis dahin mit Grabstock oder Haue, aber nie noch mit dem Pflug bearbeitet, nun vom Ritual profitieren mochten. »Der Pflug war von Angang an mit dem Vieh in ritueller Verwendung verbunden«, bemerkt Isaac.

Wie jeder andere Aspekt der Kultur war die Domestizierung ein kumulativer Prozeß; und spürt man den Veränderungen nach, die diese neue Lebensweise mit sich brachte, dann muß man das Überdauernde ebenso aufmerksam beachten wie die Neuerungen und auch jene Kulturen berücksichtigen, in denen Teile des neuen Komplexes von Institutionen lange Zeit fehlten. In Sumer reichte trotz der enormen Ernten, die der Ackerbau lieferte, die Fleischversorgung aus der Tierzucht nicht aus.

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 Wie S.N. Kramer feststellt, »gibt es Aufzeichnungen über die Lieferung von Rotwild, wilden Ebern und Gazellen« — was uns nicht zu verwundern braucht, bieten doch heute noch die Delikatessenläden von London und Paris zur entsprechenden Jahreszeit Wildbret, Schneehühner und Hasen an.

Obwohl die präkolumbianischen Völker der Neuen Welt Hunde, Meerschweinchen und Lamas züchteten, kamen sie nicht bis zu jener gemischten Landwirtschaft, die wir in der Alten Welt vorfinden. Infolgedessen kennen diese Völker, wie Gertrude Levy unterstreicht, »nicht den tieferen Sinn von Weide und Herde, in dem sich die Schutzfunktion der Muttergottheit mit der tief eingeprägten Erinnerung an die Verehrung des gejagten Tieres vereinigten«.

 

  Die neolithische Synthese  

 

Die neolithische Domestizierung bezog die Viehzucht in die Landwirtschaft ein und. vereinigte damit auf höherer Ebene die beiden ältesten Wirtschaftsformen, Sammeln und Jagen. Und wenn auch die gemischte Landwirtschaft sich nicht über die ganze Erde verbreitete, so war dies doch bei einigen sekundären Errungenschaften der Fall, nicht zuletzt beim archaischen Dorf.

Die ersten Stadien der Domestizierung, obgleich langsam im Vergleich zum Tempo der technischen Entwicklung in den letzten dreihundert Jahren, waren voll von abenteuerlichen Adaptationen und nützlichen Überraschungen. Jedes neu hinzukommende Nahrungsmittel, jede Vergrößerung und Verbesserung einer Frucht, jede neue Faser, die sich zum Spinnen und Weben eignete, jede neue Heilpflanze, die den Schmerz verringerte, Wunden heilte oder Müdigkeit verscheuchte — all das muß weit mehr Anlaß zum Staunen und zur Freude gewesen sein als heute das neueste Auto- oder Raketenmodell.

Nicht nur die Produktion, sondern auch die Zubereitung der Nahrungsmittel wurde Gegenstand des Denkens und der Kunst: Mit den Tongefäßen, die um 8000 vor Christus auftauchten, wurde Kochen, Braten und Backen möglich; in den Tropen wurden möglicherweise schon früher Bambusgefäße verwendet. Mit der Vielfalt von Nahrungsmitteln und Zutaten, die zur Verfügung standen, wurde das Kochen, die richtige Zusammenfassung dieser Vielfalt, zu einer Kunst — zumindest an Festtagen.

In dieser Phase der Domestizierung verschwanden die ungebundenen Phantasieformen der paläolithiscben Kunst. Die erste Töpfereiverzierung beschränkte sich auf geometrische Figuren, zweifellos symbolisch, aber abstrakt; und das Weben von Stoffen, eine langwierige, Ausdauer erfordernde, repetitive Kunst, umfaßte vermutlich lange Zeit keinerlei Ornamentik.

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Doch trugen viele neolithische Pflanzen, deren Farbstoffe einst zur Schmückung des Körpers gedient hatten, zur Buntheit der Stoffe bei, während sich in den späteren geometrischen Symbolen die Ordnung und Regelmäßigkeit der neolithischen Kultur ausdrückte.

Gab es auch im Nahen Osten bis zum Ende des Neolithikums, als der Webstuhl, glasierte Töpfe und die Töpferscheibe aufkamen, bei Werkzeugen und Geräten keine Fülle von Erfindungen, so ist dieser vermeintliche Mangel nur darauf zurückzuführen, daß man heutzutage den Begriff Erfindung auf technische Vorrichtungen beschränkt. Dieses ganze Buch ist ein wohldurchdachter Protest gegen diese irreführende Auslegung. Betrachtet man es realistischer, so gab es bis zum neunzehnten Jahrhundert keine Periode, die reicher an Erfindungen war: denn jede neue Pflanze, die selektiert, gekreuzt oder ertragreicher gemacht wurde, war eine neue Erfindung. Heute, wo Pflanzenkreuzungen in den Vereinigten Staaten patentiert werden können, genauso wie neue Antibiotika, mag diese Tatsache vielleicht allgemeinere Anerkennung finden. An Erfindungen dieser Art waren die fünftausend Jahre vor der Bronzezeit unendlich reicher als jede vergleichbare Periode der Zivilisation seither.

Die landwirtschaftliche Nutzbarmachung von Herdentieren und Getreidepflanzen, die zwischen 5000 und 2000 vor Christus in dem Gebiet vor sich ging, das Breasted den »fruchtbaren Halbmond« nannte und das vom Nil bis zum Euphratdelta reicht, vervollständigte den Prozeß der Domestizierung und schuf neue Möglichkeiten. Doch insofern sie eine radikale Verbesserung brachte, waren es die Struktur und der Prozeß, nicht einzelne Werkzeuge oder einzelne Pflanzen und Tiere, die diesen so wirkungsvoll machten; denn die geschickten Bauern von Luzon auf den Philippinen, die Igorots, die Bewässerung und Terrassen­bau praktizieren, verwenden bis heute keinen Pflug, und in der Oase von Jericho entstand eine Stadt, ehe die Töpferei erfunden war.

Überall war das Ergebnis ein üppiges Emporsprießen von Leben, das, wie man annehmen darf, von einem Gefühl des Wohlstands und der Sicherheit begleitet war. Mit reichlichen Vorräten an Getreide für Brot und Bier, die in Verschlägen, Scheunen und Kornkammern, vor Katzen und Schlangen wie auch durch Mauern aus gebranntem Lehm vor Nagetieren geschützt, gespeichert werden konnten, sicherten sich große Bevölkerungen gegen Hungersnot, es sei denn, sie wurden von schrecklichen Naturkatastrophen heimgesucht. Wo einstmals nur eine Handvoll von Fischern, Jägern und Fallenstellern leben konnte, ernährte der Boden nun ein Vielfaches dieser Zahl an Bauern. Dörfer wuchsen zu Landstädten oder zu Großstädten heran, wie Jericho und Catal Hüyük heute beweisen.

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Doch dieses letzte Stadium der Domestizierung hatte eine unvorhergesehene Folge: Es stürzte die Vorherrschaft der Frau. Denn die erste Wirkung der Tierdomestizierung war die Wiederherstellung des Gleichgewichts der Geschlechter, noch bevor die patriarchalische Spezialisierung auf Viehzucht einsetzte. Carl Sauer faßt dies treffend zusammen: »Viehhaltung, Pflügen, Säen mit der Hand und Bohren — all diese begannen als Zeremonien eines aufkommenden Fruchtbarkeitskults im Nahen Osten, dessen Träger Männer waren, und fortan waren die Betreuer des Viehs, die Pflüger und die Säer männlich. Der Mann übernimmt die landwirt­schaftlichen Tätigkeiten, und die Frau kehrt zur Haus- und Gartenarbeit zurück.« Nicht nur Viehhüten und Pflügen, auch Kastrieren und Schlachten wurden männliche Beschäftigungen: alle lebenswichtig für die neue Ökonomie.

Während nun Göttinnen, Königinnen und Priesterinnen Seite an Seite mit ihren männlichen Gegenspielern aufschienen, gewann das zurückgedrängte männliche Element auf allen Gebieten der Wirtschaft den verlorenen Boden zurück. Die Frau aber, von ihrer männlichen Verpflichtung, zu arbeiten Und zu regieren, befreit, nicht länger durch exzessive Muskelanstrengung verkrüppelt, wurde reizvoller nicht allein in ihrer Sexualität, sondern auch in ihrer Schönheit. Bei all den Erkenntnissen über das Züchten, die die Domestizierung mit sich brachte, wäre es seltsam gewesen, wenn dies sich nicht auf die sexuelle Selektion des Menschen ausgewirkt hätte. Die zarten Konturen und welligen Linien des weiblichen Körpers waren eine ständige Freude für die ägyptischen Bildhauer; heute noch führt die zarte Schnitzerei einer lieblichen Nackten auf einem Sarkophag die Hand des Mannes in Versuchung, sie zu streicheln, wie der polierte mons veneris manch einer Figur im Louvre bezeugt.

 

  Archaische Dorfkultur  

 

Es sollte nun schon klar sein, daß die neolithische Domestizierung eine gemischte Wirtschaft hervorbrachte, die verschiedene Formen der Pflanzen- und Tierzucht in verschiedenen regionalen Strukturen kombinierte; aber all diesen äußeren Veränderungen lag die Bereicherung der Sexualität und das Lebensgefühl des Einklangs mit den jahreszeitlichen Prozessen des Wachstums und der Reife zugrunde. In dieser gemischten Wirtschaft ist der Ackerbauer am Ende die dominierende Gestalt; Steinhauer, Fischer und Fallensteller sind beharrende Faktoren; Sammler und Jäger sind Überreste. Doch fast unbemerkt stehen zwei Figuren bis zum Übergang in die Bronzezeit noch im Hintergrund: der Holzarbeiter und der Bergmann; wenngleich es zweifelhaft ist, ob dies von Anfang an spezialisierte Berufe waren.

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Der Holzarbeiter erschloß — als Bäumefäller — den Wald für die Bodenkultur; als Erbauer von Dämmen und Bewässerungs­gräben, als Lieferant von Heizmaterial für die Töpferöfen und Metallessen, als Floß- und Bootsbauer, Schlitten- und Wagenbauer spielte er in den frühesten Phasen eine nicht genau erkennbare Rolle, da seine speziellen Werkzeuge und Produkte zum Unterschied vom Stein nur in wenigen glücklichen Fällen erhalten geblieben sind. Tatsächlich war der Holzarbeiter der erste Ingenieur, und seine Arbeit war von wesentlicher Bedeutung für alle metallurgische und Konstruktionstätigkeit, die aus der neolithischen Wirtschaft entsprang. Die ersten großen Kraftmaschinen der neuzeitlichen Industrie, die Wassermühle und die Windmühle, waren aus Holz, ja auch die Kessel der ersten Dampfmaschinen und Lokomotiven.

Die neolithische Dorfkultur bezog ihre Ressourcen und ihre Technik aus allen Teilen der Umwelt. Obgleich das Dorf fest in der Erde verwurzelt war, gingen schon die frühesten Dörfer in der Suche nach Stein, Holz oder Mineralien, wie auch in der Suche nach Ehepartnern, weit über den gewohnten Umkreis des täglichen Lebens hinaus; und wenngleich technische Änderungen nur langsam eingeführt wurden, so drangen doch ständig Neuerungen ein. Der Bauernalmanach verzeichnet heute noch, was der frühe Landmann den astronomischen Fortschritten der Bronzezeit verdankte, während Eisenhacke, Spaten und Pflugschar bezeugen, was später die Eisenzeit dem Bauern gebracht hat. Wenn jedoch die neolithische Kultur viele spätere Fortschritte der Zivilisation vorwegnahm, so tat sie dies zur rechten Zeit. Sie tauschte nicht sichere Habe gegen unsicheren Gewinn — es sei denn unter brutalem Zwang.

Die Bräuche dieser archaischen neolithischen Kultur wurden in einer mehr oder minder kontinuierlichen Tradition weitergegeben, die in die mesolithische Phase zurückreicht, und diese Tradition breitete sich frühzeitig über alle Erdteile aus. Das archaische Dorf war eine verwurzelte Gemeinschaft; und weil seine Wurzeln tief hinabreichten, nährte es sich von noch tieferen Quellen in der Vergangenheit des Menschen und bewahrte — wie Gartenblumen, deren Wildformen nicht mehr bekannt sind — manche der frühesten (obwohl natürlich nicht mehr erkennbaren) menschlichen Erfahrungen in Folklore, Sprichwörtern, Liedern, Tänzen und sogar Kinderspielen, deren ursprünglichen Sinn man nur noch erahnen, nicht aber genau erfassen kann.

Da das Dorf Schutz und Kontinuität sicherte, gab es mehr Zeit für die sorgfältige Lenkung und Anleitung der Kinder; und aller Wahrscheinlichkeit nach überlebte eine größere Zahl von ihnen die Kinderkrankheiten und war durch ausreichende Ernährung widerstandkräftiger. Wenn mehr überlebten, gab es auch eine größere Zahl von Geschwistern im selben Nest; und das dürfte den Lernprozeß fast ebenso beschleunigt haben wie der Einfluß und das Beispiel der Großeltern — denn auch von den Alten haben wahrscheinlich mehr überlebt.

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Wenngleich die ersten Puppen vermutlich aus dem Paläolithikum stammen, so weist das Auftreten von Kinderspielzeug doch nicht nur auf ein größeres Maß an Spieltätigkeit hin, sondern auch auf wachsendes Interesse für die Bedürfnisse der Kinder. Kleine Kinder sind bei der Jagd nicht zu gebrauchen, im Gegenteil, sie behindern die Bewegungsfreiheit. Nun aber konnte man sich an ihnen um ihrer selbst willen erfreuen, wie an jungen Hunden und Kätzchen; und darüber hinaus konnte man sie auch beim Pflücken und Schälen von Früchten und später beim Viehhüten beschäftigen.

In dieser Wirtschaftsform war von Anfang an eine ganze Menge alter magischer Rituale und religiöser Vorstellungen enthalten, eng verknüpft mit vielen praktischen Errungenschaften. Zusammen bildeten sie, was Andre Varagnac die archaische Kultur genannt hat, deren Glauben, Aberglauben, Vorschriften und Zeremonien über die ganze Welt verbreitet sind und noch in späteren, mehr aufgeklärten Verhaltensweisen durchbrechen. Evans hat eine Reihe solcher neolithischer Bräuche festgestellt, die unter den Bauern Irlands fortbestehen: »Der Sommer wird am Vorabend des 1. Mai begrüßt, indem man Häuser, Scheunen, Misthaufen und Quellen mit Blumen schmückt und so zu einer goldenen Kette der Fruchtbarkeit verbindet, denn die gewählten Blumen — Dotterblumen, Primeln, Stechginster — sind goldgelb, von der Farbe frischer Butter. Darin liegt unverkennbar ein Element sympathetischer Magie. So ist auch der Löwenzahn, der sowohl mit einem goldenen Kopf als auch mit einem milchigen Stengel gesegnet ist, die Brautpflanze, im Anklang an die Lieblingsheilige der Iren, der Melkerin, Beschützerin der Kühe und Nachfolgerin einer heidnischen Göttin war.«

Wo immer der Wechsel der Jahreszeiten durch Feste und Zeremonien gefeiert wird; wo die Lebensstadien durch Familien- und Gemein­schaftsrituale unterstrichen werden; wo Essen, Trinken und sexuelles Spiel den Mittelpunkt des Lebens bilden; wo Arbeit, selbst Schwerarbeit, selten von Rhythmus, Gesang, menschlicher Kameradschaft und ästhetischem Genuß getrennt ist; wo vitale Aktivität ebenso als Lohn der Arbeit betrachtet wird wie das Produkt; wo weder Macht noch Profit Vorrang vor dem Leben haben; wo Familie, Nachbarn, Freunde alles Teile einer sichtbaren, fühlbaren, unmittelbaren Gemeinschaft sind; wo ein jeder, Mann oder Frau, Aufgaben erfüllen kann, für die auch jeder andere geeignet ist — überall dort bestehen noch wesentliche Elemente der neolithischen Kultur weiter, wenn auch Eisenwerkzeuge benützt werden oder ein tuckernder Motorlastwagen Güter auf den Markt transportiert.

Die institutionellen Begleiterscheinungen der neolithischen Kultur stellten einen ebenso wichtigen Beitrag zur Zivilisation dar wie die technischen Erfindungen. Die Ehrfurcht vor den Sitten und der Weisheit der Ahnen hat viele Bräuche und Rituale bewahrt, die nicht schriftlich niedergelegt werden konnten, einschließlich der grundlegenden Moralprinzipien:

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Erhaltung des Lebens, Teilhabe an gemeinschaftlichem Gut, planende Voraussicht, Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung, Erziehung zu Selbstdisziplin und Selbstkontrolle, bereitwillige Kooperation bei allen Aufgaben, die zur Erhaltung der Integrität und Prosperität der Gruppe notwendig waren.

Diese Ordnung scheint fest verankert gewesen zu sein, ehe schriftliche Aufzeichnungen gemacht wurden; so fest, daß sie ihre Kontinuität bewahrt hat, während Zivilisationen entstanden und untergingen und schriftliche Aufzeichnungen gemacht, zerstört und wieder gemacht wurden.

Was immer sich auch vom Standpunkt der Vernunft kritisieren ließe — diese Kultur hatte zwei überragende Merkmale: Sie war universal und sie überlebte alle Arten von Katastrophen. In einem Zeitalter, dessen maßlose wissenschaftliche Erfolge zu tiefen Zweifeln an seiner Überlebensfähigkeit Anlaß geben, sind diese Merkmale einer gründlicheren Analyse und einer positiven Würdigung wert.

Sind wir so sicher, daß diese fortdauernden archaischen Traditionen der ärgste Fluch der Menschheit sind — oder das größte Hindernis für die Weiterentwicklung des Menschen?

Bis zur gegenwärtigen Periode der Urbanisierung lebte die Mehrzahl der Weltbevölkerung, wie der französische Geograph Max Sorre hervorhob — etwa vier Fünftel zu seiner Zeit —, immer noch in Dörfern und führte von der Geburt bis zum Tode eine Lebensweise, die der uralten neolithischen Form in allem außer dem Gebrauch von Steinwerkzeugen weitgehend glich. Selbst unter den neuen Universalreligionen (wie dem Christen­tum) blieben die alten Haus- und Schreingötter und Dämonen bestehen, in Italien und Frankreich ebenso wie in Mexiko, Java und China.

Die außerordentliche Beständigkeit der neolithischen Dorfkultur im Vergleich zu den kühneren Veränderungen der späteren städtischen Zivilisationen zeugt davon, daß sie den natürlichen Bedingungen und den Fähig­keiten des Menschen besser gerecht wurde als jede dynamischere, aber weniger ausgewogene Kultur.

Hatte diese Kultur einmal ein bestimmtes Niveau erreicht, dann waren ihre weiteren Errungenschaften gering; die neuen Höhepunkte wird man in den metallverwendenden Zivilisationen finden, die später ihren Aufstieg nahmen. Doch alles, was zur Kontinuität der Kultur nötig war, konnte in Kindheit und Jugend erlernt und einer Gemeinschaft, die bloß etwa fünfzig Familien umfaßte, übermittelt werden; und die Vermehrung solcher Gemeinschaften auf der ganzen Erde machte es möglich, daß diese grundlegenden menschlichen Errungenschaften alle Naturkatastrophen und Menschheitskrisen überdauerten. Große Städte wurden dem Erdboden gleichgemacht, die Tempel zerstört, die Büchereien und Aufzeichnungen den Flammen preisgegeben; das Dorf aber wuchs, wie das Feuerkraut, aus den Ruinen wieder hervor.

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Das Geheimnis dieses gesellschaftlichen und technologischen Erfolgs war ein zweifaches: Jedes Mitglied der Gemeinschaft hatte Zugang zum gesamten Kulturerbe und vermochte in der Regel jeden Teil davon zu meistern; und es gab keine Autorität, keine Ranghierarchie außer der natürlichen des Alters, da in solch einer Gemeinschaft jener, der am längsten lebte, am meisten wußte. Der leicht zu bewältigende Austausch von Fertigkeiten und Tätig­keiten, bei einem Minimum an Spezialisierung, verlieh der Dorfkultur eine Flexibilität und eine Reichweite, die ihren Konservatismus ausglichen, zu dem sie neigte, nachdem die ersten großen Experimente in der Domest­izierung durchgeführt waren. Selbst die Spezialisten, die zu einem notwendigen Bestandteil dieser Gemeinschaft wurden, Töpfer und Schmied, Müller, Bäcker und Weber, beteiligten sich, wenn nötig, an der Ernte­arbeit.

Kurz, jedem Mitglied der Dorfgemeinschaft, vom Kind bis zum Greis, fiel eine aktive Rolle im ökonomischen und sozialen Leben zu, wobei jedes nach besten Kräften seinen Beitrag leistete. In seiner bewundernswerten Studie über die Trobriand-Insulaner, die in jeder Hinsicht auf der gleichen Kulturstufe lebten wie die frühesten neolithischen Bauern, stellt Malinowski diese glücklichen Verhältnisse dar: »Kleine Kinder«, schreibt er, »bearbeiten tatsächlich ihre eigenen Gärten; die schwereren Arbeiten werden natürlich von den Erwachsenen für sie gemacht, aber sie sind viele Stunden lang ernsthaft beschäftigt mit Lichten, Setzen und Jäten, und dies ist keineswegs eine leichte Unterhaltung für sie, sondern eine ernste Pflicht- und eine Sache starken Ehrgeizes.«

Diese tägliche Teilnahme an sinnvoller Aktivität fehlt in der modernen Maschinenwirtschaft, und dies erklärt wahrscheinlich weitgehend die Langeweile der Jugend und die Jugendkriminalität.

In der neolithischen Landwirtschaft hatte der Mensch zum ersten Mal ein Tätigkeitsfeld, abwechslungsreich, anstrengend und vergnüglich zugleich, an dem die ganze Gemeinschaft sich auf einer viel höheren Stufe als in der Sammlerwirtschaft beteiligen konnte. Diese tägliche Arbeit vereinigte nicht nur das Realitätsprinzip mit dem Lustprinzip, indem sie das eine zur Voraussetzung des anderen machte; sie brachte auch das äußere und das innere Leben miteinander in Einklang, indem sie die Fähigkeiten des Menschen maximal nutzte, aber weder zuviel von ihm verlangte noch eine Art von Leistungen auf Kosten anderer überwertete. Um der Sicherheit und des Vergnügens willen leisteten diese Bauern mehr Arbeit, als für den Lebensunterhalt unbedingt nötig war.

»Die Gärten der Gemeinschaft«, betont Malinowski, »sind nicht bloß Boden zum Anbau von Nahrungsmitteln; sie sind eine Quelle des Stolzes und der Hauptgegenstand kollektiven Ehrgeizes. Höchste Sorgfalt wird auf Schönheit ..., auf Vollendung und auf das Aussehen der Nahrungsprodukte verwendet.«

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Waren Kunst und Schmuck der neolithischen Völker weniger phantasievoll als jene der paläolithischen Jäger, so wohl deshalb, weil ihre ästhetischen Bedürfnisse durch die tägliche Arbeit, durch sexuelles Spiel und durch die Freude an Formen und Duft der Blumen befriedigt wurden. Ein Teil dieser Freude verschwand möglicherweise mit dem großflächigen Ackerbau und mehr noch mit der tristen Übervölkerung der Städte. Doch das Vergnügen, gemeinsam mit der Familie zu arbeiten, Überfluß zu erzeugen und miteinander zu teilen, machte aus der täglichen Arbeit ein Zeremoniell und ein Sakrament, eine Quelle physischer und geistiger Gesundheit, statt Strafe und Plage.

In der täglichen Routine war jedes Mitglied des archaischen Dorfes mit allen Tätigkeiten auf dem Feld und im Garten, auf der Heide und im Sumpf bewußt verbunden: Zeuge und bereitwilliger Teilnehmer beim Pflanzen, Züchten und Paaren auf dem Feld und im Stall, und letztlich auch bei der Zeugung und Pflege seiner eigenen Nachkommenschaft; im Einklang mit allen lebens­bildenden Kräften, um so mehr, als die intensivsten und berauschendsten Freuden, die dem Organismus zugänglich sind — die Freuden der Sexualität — seine täglichen Rituale als Versprechen oder Erfüllung durchdrangen; Arbeit und Spiel, Religion und Erziehung waren eins. Dieser Aspekt der archaischen Kultur ist noch immer in jenen Dörfern sichtbar, die den alten Lebens­formen verhaftet sind. Ein amerikanischer Arzt in Ostafrika schreibt mir, daß seine eingeborenen Patientinnen, trotz der Härte ihres Lebens, immer noch den »Ausdruck der Wunschbefriedigung« in ihren Zügen tragen.

Die freimütige Sexualität der Dorfgemeinschaft — in historischer Zeit in Griechenland sichtbar, in den vor den Wohnhäusern errichteten phallischen Pfählen, den Hermen, geschnitzten Figuren, die häufig einen erigierten Penis zeigten — war die Antithese zur sexuellen Erschöpfung unserer ausschweifenden Metropolen, die sich mit Pornographie aufpeitschen. Essen und Lieben, Singen und Tanzen, Plaudern und Geschichtenerzählen waren integrale Bestandteile des Arbeitslebens; so hatten die Menschen, wie eintönig die Tagesroutine auch sein mochte — so wie die Bauern, die Tolstoi in <Anna Karenina> beschreibt —, die Freude, eins mit sich selbst und mit ihrer Welt zu sein; nicht wie die wachsende Masse der Unglücklichen von heute, die durch eine sterile Umwelt, schmutzige Routine und unechte Vergnügungen und Erregungen entfremdet sind.

»All das war«, schreibt Tolstoi, »in dem Meere der frohen gemeinsamen Arbeit untergegangen. Gott hatte den Tag gegeben, Gott hatte die Kräfte gegeben; und den Tag und die Kräfte hatten sie der Arbeit gewidmet und in der Arbeit selbst ihren Lohn gefunden.« Sie fühlten sich nicht als »angsterfüllte Fremdlinge« in einer Welt, die nicht sie erschaffen hatten. Ihre Vorfahren hatten geholfen, diese Welt zu schaffen; und sie selbst würden diese Welt erhalten und sie, erneuert und manchmal verbessert, an ihre Kinder weitergeben.

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Der Großteil der Einrichtungen, die zur häuslichen Bequemlichkeit beitragen, der Herd, die Truhe, der Kasten, der Lagerraum, Betten, Sessel, Kochgeräte, Trinkgefäße, Tücher, gewebte Kleider und Wandbehänge — kurz, die ganze Ausstattung des häuslichen Lebens —, wurden im Neolithikum, zumeist früher als 2000 vor Christus, erfunden. Wenn eine böse Fee uns dieses neolithische Erbe raubte und uns nur Staubsauger, elektrische Waschmaschinen und Geschirrspüler, elektrische Toaster und automatische Heizgeräte ließe, wären wir nicht mehr imstande, einen Haushalt zu führen; in der Tat, wir hätten nicht einmal mehr ein Heim, nur undefinierbare, ungemütliche Raumeinheiten, wie sie heute leider in den bürokratisierten Wohnungs­projekten von Paris und New York, Singapur und Hongkong schon verwirklicht sind.

All das kann zugunsten der archaischen neolithischen Synthese gesagt werden; doch war man erst einmal beim Ackerbau angelangt, da waren ihre besten Tage auch schon vorbei, und all die kühnen Experimente der Domestizierung hatten ein Ende. Im fünften vorchristlichen Jahrtausend hatte die neolithische Gemeinschaft im Nahen Osten die Basis der Stabilität und Sicherheit geschaffen; das Leben war vorhersagbar und beherrschbar geworden. Solange das Existenzminimum gesichert war und eine ausreichende Lebens­mittel­reserve für den Notfall vorhanden, war diese Wirtschaft selbstregulierend und selbsterhaltend. Ihr Motto war: Genügend ist viel. Waren die gewohnten Bedürfnisse befriedigt, dann gab es für die Jungen keinen Impuls mehr, härter zu arbeiten, um andere Ziele zu erreichen. Die Hausgötter forderten keine unange­messenen Gaben und Opfer. Waren diese Gemeinschaften von Überfluß bedroht, dann wurden sie ihn leicht durch freigiebige Geschenke und periodische Feste los.

Bei all seinen großen menschlichen Vorzügen hatte aber das archaische Dorf einen zu engen Gesichtskreis: Da war nichts Heroisches in seinen Gewohnheiten, nichts Heiliges, kein Über-sich-selbst-Hinauswachsen, um höhere Güter zu erlangen. Wie im neunzehnten Jahrhundert im Endstadium der utopischen Gemeinschaft von Amana, Iowa, haben vielleicht gerade die Prosperität und die Großzügigkeit in der gemeinschaftlichen Verteilung oft zu einem Nachlassen der Bemühungen und einem Rückgang der Produktivität geführt. Da der Faule ebensoviel erhielt wie der Fleißige, mag dieser sich mit der Zeit weniger angestrengt haben. Gerade die Stabilität und die Fruchtbarkeit einer solchen Gemeinschaft könnten die Ursache gewesen sein, daß sie zu früh zu experimentieren aufhörte und sich zur Ruhe setzte. Abkapselung, enge Gruppenloyalität, Selbst­genüg­samkeit — diese Merkmale des archaischen Dorfs waren der Weiter­entwicklung nicht förderlich. Das Spießertum hat vor langer Zeit begonnen.

Kurz, die neolithische Dorfgemeinschaft hatte für ihren Erfolg zu zahlen: Sie war eine Gefangene ihrer eigenen Tugenden. Der Horizont war zu eng, die Routine zu beschränkt, die Religion allzu stark an kleine Ahnengottheiten gebunden, das Dorf allzu selbstgefällig in seiner Isolierung, zu narzißtisch auf sich selbst bezogen, zu mißtrauisch dem Fremdling gegenüber, zu ablehnend gegen neue Bräuche — das eigene kleine Gute ein halsstarriger Feind des fremden Besten. Sogar die Sprache solcher Dörfer tendierte zur Inzucht, so daß manch ein lokaler Dialekt einen Tagesmarsch weiter kaum noch verständlich war. In überlebenden Stammesgemeinschaften versteinerten diese Fehler im Lauf fünftausendjähriger Wiederholung, schützender Isolierung und perverser Vervollkommnung; das schöpferische Moment ist längst verschwunden.

Alle diese Wesenszüge tendierten zu Beharrung und Dauer — aber auf niedrigem Niveau. Einmal entwickelt, verlor die neolithische Kultur gerade die Eigenschaften, die sie anfangs so attraktiv gemacht hatten — ihre forschende Neugierde und ihre kühne Experimentierlust. In vielen Teilen der Erde wurde die neolithische Technik verfeinert; aber die allgemeine Entwicklung der Menschheit ging einen anderen Weg, obwohl diese, wenn ihr Vernichtung drohte, stets auf die neolithischen Sicherheiten zurückgriff: Sie stützte sich nicht auf die Sexualität, sondern auf die Macht — dies war der Weg der Zivilisation.

Und doch ist es vielleicht kein bloßer Zufall, daß die Beschäftigungstherapie, mit deren Hilfe man heute neurotische Patienten zu normaler Tätigkeit und seelischem Gleichgewicht zurückzuführen sucht, die Hauptkünste des Neolithikums anwendet — Weben, Modellieren, Tischlerei und Töpferei. Der repetitive Charakter dieser formenden Arbeiten hilft die abwegigen, ungehemmten Impulse der Persönlichkeit kontrollieren und hält am Ende eine befriedigende Belohnung für die Unterwerfung unter eine konstruktive Routine bereit. Dies war wohl nicht der geringste Beitrag der neolithischen Kultur: Sie lehrte den Menschen nicht nur die Bedeutung der Sexualität und der Elternschaft, sondern auch die der geregelten Arbeit erkennen. Wenn wir diese Lehre vergessen, ist es unser Schaden.

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