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Einführung  

 

Entstehungsgeschichte des Buches — Begriffsklärungen — Differenzierungen und Abgrenzungen der Ökologischen Religion von biologischer Ökologie, Naturphilosophie und Ethik —

Bleibende Aktualität und Allgegenwärtigkeit des religiösen Phänomens auch in der verwissen­schaftlichten und technisierten Welt der Moderne

 

 

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Zunächst möchte ich einiges zur Entstehungsgeschichte dieses Buches sagen, weil dies der Einführung in die Thematik, den Zweck und Inhalt möglicher­weise am besten dient. 

1983 veröffentlichte ich das Buch <Religiös ohne Gott?>.1)  Die in dieser Dokumentation gesammelten Selbstzeugnisse zeigen einen Bewußtseinswandel in der Religiosität der Gegenwart auf. Eine ganze Reihe der in dem genannten Buch geschilderten Selbstzeugnisse handelt von religiösen Erfahrungen mit »ökologischem Einschlag«. Mir wurde anhand dieser Texte klar, daß viele religiöse Menschen, darunter auch nicht wenige Christen, einfach nicht mehr bereit sind, ihre Religiosität rein vertikal im direkten Beziehungsfeld »Mensch — Gott« ablaufen zu lassen; daß sie im Gegenteil gar nicht mehr religiös sein können, ohne auch die Natur, den Kosmos, die Tiere, Pflanzen, Elemente und Landschaften in ihr umfassender gewordenes religiöses Empfinden einzubeziehen.

In diesem Zusammenhang bahnt sich also ein tiefgreifender Bewußtseinswandel an. Hatte doch die herrschende, offizielle Religion des Westens, das institutionalisierte Christentum, jede Naturverehrung, jede Naturmystik bekämpft, in offiziellen Erklärungen nicht selten verboten. Selbst die Freude an der Schönheit der Natur galt oft schon als dem Verhältnis des Menschen zu Gott abträgliche Empfindung.

Hatte nicht auch Kirchenvater Augustinus, der die Geschichte der Theologie und die ideologische Entwicklung der Kirche so maßgeblich beeinflußt hat, gewarnt: »Und die Menschen gehen hin und bewundern die Bergesgipfel, die gewaltigen Meeresfluten, die breit daherbrausenden Ströme, des Ozeans Umlauf und das Kreisen der Gestirne und vergessen darüber sich selbst.«2

Er war es auch, der bekanntlich den geschichtsträchtigen, aber verhängnisvollen Satz prägte: »Gott und die Seele allein begehre ich zu kennen, nichts sonst.« Hätten die Menschen die von Augustinus als nicht verehrungswürdig angesehenen Bergesgipfel, die gewaltigen Meeresfluten usw., also die Natur in ihrer Gesamtheit, in ihrem Zyklus und ihren Wechselwirkungen, ihren Feinheiten und Feinstrukturen nur tiefer bewundert, sich mehr in sie eingefühlt, dann wäre es nicht zu jener immer gröberen und roheren — eben unökologischen — Mißachtung der Lebewesen und aller Naturdinge überhaupt gekommen. Diese Mißachtung trug dann vor allem in der Neuzeit maßgeblich dazu bei, daß totaler Industrialismus und Technokratie ihre Herrschaft ohne größeren Widerstand antreten konnten, zugleich setzte aber auch die Verödung der Außenwelt und der menschlichen Innenwelt ein, und der heute fast unaufhaltsam erscheinende Todesmarsch unseres Umfeldes hat schon begonnen.

Es ist ja gar nicht lange her, daß christliche Theologen (auch noch in den ersten sechs Jahrzehnten unseres Jahrhunderts) die These vertraten, das Christentum habe überhaupt erst die Grundlagen für die technische Nutzung der Natur, für den technischen Fortschritt der Menschheit insgesamt, geschaffen, indem es in Vernichtung jeder heidnischen Religiosität alle Göttlichkeit und Heiligkeit aus der Natur herausgezogen und in den personalen, übernatürlichen, über- und außerweltlichen Gott hineinverlegt habe. »Tu Solus Sanctus, Tu Solus Dominus!«... 

Indem die Natur und auch alle nichtmenschlichen Lebewesen nun gar nichts Verehrungswürdiges mehr besaßen, zu nackter Faktizität und bloßem Vorhandensein degradiert waren, konnte man jetzt nach Herzenslust mit ihnen als Rohmaterial hantieren und sie manipulieren. Denn nur der Mensch war — dieser lange herrschenden theologischen Konzeption zufolge — das einzig berufene Wesen, diesem »grobschlächtigen« Rohmaterial durch sein technisches Schaffen feinere und edlere Züge einzuprägen. 

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Die abendländische Geschichte der wachsenden Entfernung und Entfremdung von der Natur hat ihren präzisesten philosophischen Ausdruck und kaum überbietbaren Höhepunkt im System Descartes' gefunden, der zwischen denkendem und ausgedehntem Wesen (res cogitans res extensa) unterschied und die ganze Natur, sowohl die höchsten und intelligentesten nichtmenschlichen Lebewesen als sogar auch den menschlichen Leib als res extensae, als geistlose Automaten und Mechanismen abqualifizierte. 

Damit stand der radikalen Unterdrückung, Ausbeutung und Vernutzung bis hin zu den makabersten Tierversuchen zu militärischen Zwecken keine Theorie mehr im Wege. Die Theologie mit ihrem Dualismus von (göttlichem) Geist und Natur war in der Neuzeit im Grunde nur diesem kartesianischen Irrtum aufgesessen, mit der göttlichen Offenbarung, auf die man sich dabei ständig berief, hatte dieser dualistische Zwiespalt nichts oder kaum etwas zu tun.

Manchen der von mir für das Buch Religiös ohne Gott? Befragten mochten diese hier angedeuteten geschichtlichen, philosophischen und theologischen Zusammenhänge nicht bekannt sein. Zweifellos aber spürten sie die Notwendigkeit, ihre eigene Religiosität von den jahrhundertealten Zwängen einer naturfeindlichen oder die Natur nicht beachtenden Frömmigkeit zu befreien. Mit Sicherheit empfanden sie — das zeigen ihre Schilderungen —, daß der Haushalt ihres Geist-Seele-Leib-Potentials, das Haus (gr. oikos, davon abgeleitet Ökologie) ihres eigenen Seins sich nicht entfalten und selbstverwirklichen, nicht heil und gesund werden konnte, wenn sie sich nicht in ein angemessenes Verhältnis zu den Gesetzen des Lebens, zum Kosmos, zur Gesamtnatur, zum »Haus des Universums« setzten. Daher lautete das Fazit des Buches Religiös ohne Gott?: »Auf die in den hier umrissenen Konturen sichtbar werdende neue Religiosität, die den Erfordernissen unserer Zeit am weitestgehenden zu entsprechen und zu genügen scheint, würde am besten der Ausdruck <Ökologische Religion> passen.«3)

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Als der Verleger4) das Manuskript gelesen hatte, riet er mir spontan: »Ihr nächstes Buch müßte <Ökologische Religion> heißen. Die wichtigsten Aussagen in Ihrem jetzigen Manuskript weisen in diese Richtung.« Er hatte am Manuskript kaum etwas auszusetzen, verlangte aber eine nicht unerhebliche Ergänzung: einen enzyklopädischen Anhang über die wichtigsten Religionsgemeinschaften, -gruppen und -sekten der Gegenwart, und er forderte mich kurioserweise auch auf, innerhalb dieses Anhangs über eine Religionsgemeinschaft zu schreiben, die es noch gar nicht gab, deren Umrisse er aber im Manuskript meines Buches Religiös ohne Gott? entdeckt hatte, nämlich über die Gruppe derer, die sich im Grunde, ohne sich dessen tatsächlich bewußt zu sein, zur Ökologischen Religion bekennen. 

Den knapp drei Seiten umfassenden Artikel »Ökologische Religion«, den ich daraufhin verfaßte und der im Anhang von Religiös ohne Gott? steht, setze ich auch an den Schluß dieses Buches (s. S. 277ff.), weil er sozusagen dessen Keimzelle darstellt. Der Leser wird nach der Lektüre des vorliegenden Bandes erkannt haben, wie das damals knapp drei Seiten umfassende Programm einer Ökologischen Religion vertieft und in zahlreichen Punkten wesentlich weiterentwickelt worden ist. Mir selbst war im Augenblick der Abfassung des Artikels noch nicht klar oder nicht klar genug, daß der ökologische Aspekt ein Schlüsselelement überhaupt jeder Religion ist, daß alle echten Religionen im Grunde oder in einer wesentlichen Hinsicht ökologische Religionen sind, die meisten allerdings, ohne es bewußt zu machen. Viele sind darunter, die den ökologischen Antrieb ihres Urzustands verschüttet oder absichtlich verdrängt und somit einen »widerökologischen Sündenfall« begangen haben. Das gilt auch und ganz besonders für einige große Weltreligionen, wenn auch nicht alle in gleicher Weise vorgegangen sind. Davon wird noch ausführlicher die Rede sein.

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Zunächst aber erscheint es im Rahmen dieser Einführung notwendig zu sein, eine begriffliche Klärung der Zusammensetzung von Ökologie und Religion im Ausdruck »Ökologische Religion« vorzunehmen. Wenn wir Ökologie als Teilgebiet der Biologie, nämlich als Wissenschaft von den Beziehungen der Lebewesen, der Organismen zu ihrer Umwelt auffassen, welche (wesenhafte) Verbindung soll sie dann zur Religion haben? Und auch der Ausdruck Religion selbst ist ja alles andere als eindeutig. Soll etwa die Ökologie mit der christlichen Religion verbunden werden, so daß mit Ökologischer Religion in Wirklichkeit ein ökologisches Christentum gemeint wäre? Hierzulande, aber auch in ganz Europa und in einigen Teilen Nordamerikas wird ja Religion weitgehend mit (kirchlichem) Christentum gleichgesetzt.5) Oder ist mit Religion im Ausdruck »Ökologische Religion« irgendeine andere Variante gemeint, etwa die buddhistische, die hinduistische, die taostische oder irgendeine der sog. Naturreligionen, die ja mitunter ein so feines Empfinden für die Natur und den Kosmos aufbringen?

Auf all diese Fragen wäre zu antworten, daß Religion in einem spezifischen, noch näher zu erläuternden Sinn, der allen Varianten, allen geschichtlichen Ausformungen des religiösen Elements in der Menschheit vorausgeht, sehr wohl etwas Wesentliches mit Ökologie zu tun hat, ja diese letztere erst zu ihrer ganzheitlichen und umfassenden Bedeutung erhebt. Sicher, zuallererst und im Rahmen fachwissenschaftlicher Kompetenzbegrenzung ist von der Ökologie zu sagen, daß sie ein Teilgebiet der Biologie ist. 

Man kann dann weiterhin sagen, daß es natürlich niemandem verboten sein kann, sie in dieser ihrer biologisch-immanenten Bedeutsamkeit selbstgenügsam aufgehen zu lassen. Es ist ja auch wahrhaftig viel genug, was die Ökologie als Teilbereich der Biologie zu leisten hat: als Autökologie untersucht sie die Beziehungen des Einzelorganismus zu seinen äußeren Daseins­bedingungen, als Demökologie oder Populationsökologie behandelt sie die Verhältnisse zwischen einer Population, einem Organismenkollektiv und der Umwelt und als Synökologie oder Biozönologie studiert sie die Wechselwirkungen von Lebensgemeinschaften, von Biozönosen mit den äußeren Faktoren.

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Schon bei dieser noch rein biologischen Betrachtungsweise führt die Ökologie zu einem Bild der Natur, das zeigt, »wie die Stufen des Lebendigen ineinander verzahnt sind und wie jede Stufe wieder eine Funktion für andere Stufen hat«. So überwindet die Ökologie bereits im Rahmen der Biologie »den individualistischen Ansatz und versteht alles Lebendige als Glied eines umfassenden Ganzen«.6) Dieses Ganze ist und kann aber, ohne Überschreitung der Grenzen der Biologie, nur der belebte Teil der Natur, nur die Biosphäre, sein. Eine Ausweitung auf das Ganze der Natur, der Wirklichkeit liegt nahe, drängt sich vielleicht auch auf, ist aber von der Biologie, von der Ökologie als biologischem Teilgebiet nicht mehr zu leisten, nicht mehr zu erbringen, wenn keine Kompetenzüberschreitung stattfinden soll.

Eine solche Leistung könnte aber von der Religion erbracht werden. Fassen wir nämlich Religion, ohne die endlosen etymologischen Streitereien um die Herkunft des Wortes Religio zu beachten, einfach als »Rück-Bindung an das Ganze« (die Gesamtwirklichkeit) auf, dann drängt sich auch ihr Bezug zur Ökologie zwingend auf. Ökologie bedeutet ja etymologisch die Lehre, die Wissenschaft, den Logos vom Haus, vom Wohnhaus, vom Haushalt (griech. oikos = Haus), und Ernst Haeckel hat schon 1866 in seiner Generellen Morphologie der Organismen die Notwendigkeit der Berücksichtigung der »Oeconomie des Natur-Ganzen« ausgesprochen. Für ihn war Ökologie die »Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Außenwelt«, von den »sämtlichen Verhältnissen des Organismus zu allen übrigen Organismen«. 

Es ist dann nur eine geringe, allerdings logische und ohne weiteres begründbare Ausweitung dieses Ansatzes, wenn wir eine Religion als ökologische bezeichnen, die das Verhältnis des Menschen zur Gesamtnatur und zum Kosmos in den Mittelpunkt ihres pietätvollen Interesses stellt, die sich an das »große Haus des Universums« rückbindet, die großen Ordnungen und Gesetze des äußeren Universums wie des inneren, nämlich der Psyche, erkennen, erfühlen, auch bestaunen und bewundern sowie verantwortungsvoll praktizieren will.

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Ökologische Religion wäre demnach diejenige, die dem Öko-System Mensch-Natur am besten entspricht, ihm in allen entscheidenden Aspekten weitestgehend Rechnung trägt, es im umfassenden und intensivsten Sinne verinnerlicht. Mehr noch: Ökologische Religion müßte das Öko-System Mensch-Natur zur eigentlichsten heiligen Verpflichtung, zum Fundament ihres ganzen Seins, Handelns, Bemühens machen.

Daß es das Öko-System Mensch-Natur gibt, dürfte niemand bezweifeln. Im Grunde steckt es schon implizit in Haeckels oben erwähnter These von den »sämtlichen Verhältnissen des Organismus zu allen übrigen Organismen«: Die Vernetzung aller Lebewesen auf unserer Erde mit- und untereinander sowie durch das Band der Evolution ist eine Tatsache, die durch jeden Erkenntnisfortschritt der biologischen Wissenschaftsgebiete fast täglich noch stärker untermauert wird. Nimmt man die physisch-chemische Basis aller Lebensprozesse hinzu, so haben wir auch die sogenannte tote Materie in das Öko-System Mensch-Natur aufgenommen. Daß dieses Öko-System wesentlich auf unsere Erde bezogen ist, bedeutet nicht, daß es von unserer Planetenwelt, unserer Milchstraße und vom gesamten Kosmos hermetisch abgeriegelt ist und daß es keinen noch mehr zu erkennenden und näher zu spezifizierenden Einflüssen von dorther unterliegt. 

 

Das Gravitationsgesetz — überhaupt die vier Grundkräfte der Natur in ihrem Zusammenspiel und ihren Zahlenverhältnissen —, vielleicht die bisher nur eine Hypothese darstellenden »morphogenetischen (gestaltbildenden) Felder« (R. Sheldrake7)), das sogenannte »anthropische Prinzip« (das H. v. Ditfurth so umschreibt: »Das Universum ging aus dem Urknall mit Eigenschaften hervor, die es als <maßgeschneidert> für die Entstehung von Leben erscheinen lasssen«8), der gewaltige Einfluß der Sonne auf alle Lebensprozesse auf Erden (der nach neuesten Forschungen auch darin besteht, daß kohärentes Licht, wie die Sonne es liefert und wie das Riesenmolekül DNS im Zellkern jeder Zelle es zu speichern und abzugeben fähig ist, ein reiner, nicht-spezifischer, Daten und Signale so gut wie nicht verfälschender Informationsübermittler ist9) — all das und einiges mehr sind Symptome und Indizien dafür, daß es das Öko-System Mensch-Natur, Mensch-Universum tatsächlich gibt.

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Selbstverständlich kann man dieses Öko-System Mensch-Natur, Mensch-Kosmos akzeptieren, ohne religiös zu sein. Zu dieser Akzeptanz bedarf es fast nicht einmal der genauen Kenntnis der betreffenden Wissenschaftszweige, die die Verknüpfungen alles dessen, was lebt und wirkt, immer deutlicher und umfassender aufzeigen. Schon ein unvoreingenommener, der Wirklichkeit gegenüber geöffneter gesunder Menschenverstand nimmt allenthalben wahr, wie stark und allseitig alles von allem abhängt und ineinander verwoben ist, wie viele Dinge und Lebewesen sich gegenseitig in einem fließenden Gleichgewicht halten, wie nichts existiert, wenn nicht tausend andere Dinge existieren. Die Indikatoren der ökologischen Krise der Gegenwart — das Sterben der Wälder, die Verseuchung der Flüsse und Meere, die Verpestung der Luft mit Auto-Abgasen und Schornstein-Emissionen, der Tod vieler Tier- und Pflanzenarten, die Übersäuerung unserer Böden, die wachsende Immunschwäche vieler Menschen, die Zunahme der umweltbedingten Allergien, von denen bereits jeder dritte Zeitgenosse betroffen ist, die Dissoziationen und viele Neurosen des modernen Menschen usw. — all das beweist zusätzlich, wenn auch leider auf negative Weise, die Existenz des Öko-Systems Mensch-Natur. 

Wie gesagt: Man kann über den biologischen Ökologiebegriff hinausgehen und z.B. alle Zusammenhänge des Menschen mit der gesamten Natur, auch mit der sogenannten toten Materie, zum Gegenstand der Untersuchung, des Nachdenkens, der Spekulation machen. Man betriebe dann vielleicht Naturphilosophie, wäre aber nicht automatisch in den Bereich der Ökologischen Religion eingetreten. Das bedeutet: Nicht jede Weiterführung des ökologischen Gedankens über die Biologie hinaus mündet schon eo ipso in die religiöse Dimension.

Abgesehen von der eben erwähnten (natur-)philosophischen Betrachtungsweise kann man zum Öko-System »Mensch-Natur«, »Mensch-Universum« heute wohl generell drei verschiedene Haltungen einnehmen. Nur die dritte dieser sogleich zu behandelnden Haltungen kann als religiös bezeichnet werden.

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Die erste ist eine faktizistische, gleichsam neutrale und wertfreie: Sie beschränkt sich darauf, die ja kaum mehr zu leugnende Existenz dieses Systems einfach anzuerkennen, zu sagen: »So ist es« und darüber zur Tagesordnung überzugehen. Viele wissen ja inzwischen, und sei es nur durch Radio und Fernsehen, wie gefährdet die Natur und damit auch der Mensch ist, aber sie verdrängen dieses Wissen und ziehen keine Konsequenzen daraus.

Die zweite Haltung erhebt sich vom einfachen Faktenwissen um die Existenz des Öko-Systems Mensch-Natur zu einer ethischen Verpflichtung. Sie ließe sich so formulieren: »Wenn es dieses System, diese enge Verknüpfung von Mensch und Natur tatsächlich gibt und da dieses Band heute durch derart viele unökologische Aktionen der Wirtschaft, der Industrie, der Militärs usw. zu zerreißen droht, trage ich eine ethische Verantwortung, und ich muß etwas Wesentliches für die Natur, für ihre Pflege, ihre Rettung, ihren Fortbestand tun.« 

Auf dieser ethischen Plattform können sich heute alle nachdenklichen, vom katastrophalen Zustand unserer Erde betroffenen Menschen aller Weltanschauungen treffen und gemeinsam handeln, egal ob sie religiös oder areligiös, Christen oder Nichtchristen, Theisten oder Atheisten sind, unabhängig auch davon, welcher politischen Richtung sie angehören mögen. An diesem Punkt wird deutlich, warum zur ökologischen Bewegung heute derart viele Menschen aus den verschiedensten weltanschaulichen und politischen Lagern stoßen, so daß man auch der Grünen Partei abwechselnd den Vorwurf der Rechts- oder der Links-Lastigkeit macht, je nachdem, was in der von den betreffenden Medien angesprochenen Zielgruppe von Lesern oder Hörern als böser und undemokratischer gilt.

Es muß — auch zur Verhinderung theologischer oder gar kirchlicher Usurpationen — klar herausgestellt werden, daß auch diese zweite Haltung, die ethische, noch keineswegs eine religiöse ist. Die ethisch-ökologische Haltung sollte heute angesichts der allgemeinen Bedrohung der Natur die Einstellung und Gesinnung aller Menschen bestimmen.

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Von der dritten, der religiösen Haltung kann man das aber nicht im gleichen Maße verlangen. Sie besteht darin, daß man im Universum und in der Natur sowie im Verhältnis des Menschen zu diesen beiden Größen einen über die menschliche und menschlich-ethische Sinngebung hinausgehenden Sinn erkennt, erfährt, erlebt, erahnt, glaubt (oder zumindest für möglich hält und nach dieser Möglichkeit lebt). Selbst in einem als chaotisch und anarchistisch angenommenen Universum, in dem also der Zufall prinzipiell Regie führt, kann der zwar ebenfalls durch Zufall, aber eben doch zur Vernunft gekommene Mensch sich selbst und seinem Verhältnis zur Natur ethisch sinnvolle Gesetze auferlegen. Ein solches Tun wäre also noch eindeutig der zweiten der drei hier behandelten Verhaltensweisen zuzurechnen.

Erst wo ein menschliches Subjekt annimmt, glaubt, erkennt oder erfährt, daß im Universum und im Verhältnis des Menschen zu ihm irgendein Sinn waltet, und zwar ein vorgegebener, wenn auch nicht in allen Punkten vorbestimmter, so doch ein den einzelnen (ethischen) Sinngebungen von Menschen vorgeordneter — dort hat das Öko-System Mensch-Universum eine religiöse Komponente erhalten. Dieser Sinn muß nicht unbedingt von vornherein fertig und festgelegt sein, er muß auch nicht die Schöpfung durch Gott im christlichen Verständnis beinhalten. Für den gläubigen Christen steht fest: Ein unendlich vollkommenes personales Wesen, Gott genannt, hat das Universum geschaffen, hat ihm Naturgesetze eingepflanzt, hat die Entstehung von Pflanzen und Tieren und schließlich von intelligenten, mit Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung ausgestatteten Wesen, zumindest auf unserer Erde, beabsichtigt. Hier haben wir es also ebenfalls mit der dritten, der religiösen Haltung zu tun. Aber diese christliche Variante ist nur eine von vielen möglichen.

Wenn z. B. ein menschliches Individuum oder eine menschliche Gruppe annimmt bzw. glaubt, das Universum sei das Ganze der Wirklichkeit, einen personalen Schöpfer des Universums gebe es nicht, wohl aber enthalte es ohne Zutun des Menschen Intelligenz, intelligente Strukturen und Gesetzlichkeiten oder wenigstens proto-psychische und geistfreundliche Elemente und Potentialitäten,

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denen trotz aller Um- und Irrwege des Entwicklungsganges des Universums die Richtung auf Realisierung und Entfaltung immer höherer Bewußtseinszustände eigne, dann kann auch dies ein als religiös zu qualifizierender Sinnglaube sein.

 

Was wir hier eben umschrieben haben, ist, etwas vergröbernd und verallgemeinernd gesagt, als weltanschaulicher Idealismus zu bezeichnen, wenn wir in diesem Falle Idealismus nicht so sehr im Sinne des philosophischen Idealismus und seiner verschiedenen Typen (ontologischer, psychologischer, transzendentaler, absoluter oder deutscher Idealismus Fichtes, Schellings, Hegels), sondern umfassender als Lebens- und Weltanschauung verstehen. Aber dieser weltanschauliche Idealismus ist — das machen sich auch seine Anhänger nicht immer klar — ein religiöser Sinnglaube, der Glaube, daß der Geist und seine Ideen, sein Bewußtsein, das eigentlich Wirkliche und Entscheidende nicht nur in der Sinngebung durch den Menschen, sondern im Weltgeschehen und der vormenschlichen Entwicklung alles Lebenden überhaupt sind. 

Damit ist nicht notwendig die Annahme eines personalen göttlichen Geistes verbunden, wohl aber die Überzeugung, der Glaube, daß der tiefste Kern auch der Materie geistiger Natur, z.B. psychische Energie, ist. Diese Energie kann verschiedene Zustände des Materiellen wie der Vergeistigung durchlaufen; der universale Weltablauf wird als die Geschichte des zunehmenden Sieges des Geistes über die Materie angesehen. Im Falle der Annahme einer solchen psychischen Energie haben wir die Weltanschauung des Fanpsychismus, den Glauben an die Allbeseeltheit des Universums, vor uns.

Im Falle der Annahme einer Höherentwicklung des geistigen Faktors innerhalb der Veränderungsvorgänge der Weltmaterie bis zu seiner höchsten Vollkommenheit und Freiheit haben wir es mit der Weltanschauung eines evolutionären Pantheismus oder Geistmonismus zu tun (pan: alles; theos: Gott, also »sich entwickelnde Allgöttlichkeit«; monos: eins; bei letzterem ist hier an das eine, entscheidende Prinzip der Wirklichkeit, den Geist, gedacht). Der absolute Geist steht diesem letztlich als religiös anzusehenden Sinnglauben zufolge nicht am Anfang, sondern am Ende des Weltgeschehens.

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Durch die Art seiner Lebensgestaltung, die Integration des Materiellen, Naturhaften, Körperlichen, Triebhaften in seine personal-geistige Dimension, trägt der Mensch im Rahmen der Weltanschauung des »evolutiven Pantheismus« zum Sieg des Geistprinzips im Universum bei. Aber diese menschlichethische Sinngebung basiert auf dem noch grundlegenderen Sinn, der schon im Universum waltet, nämlich auf der umfassenden, weltimmanenten Stoßrichtung auf den Geist hin.

Das alles scheint nun aber vornehmlich auf einem rein religiös erfahrbaren oder qualifizierbaren »Sinnglauben« zu basieren. Interessanterweise gibt es jedoch auch ausgerechnet in der modernen Wissenschaft Entwicklungen, neue Interpretationsmodelle und Perspektiven, die die Grenzen des allgemein noch herrschenden etablierten Wissenschaftsbegriffs überschreiten und Annäherungen an ein ökologisch-holistisches Verständnis der kosmischen Gesamtwirklichkeit darstellen. 

Der Durchschnitts­wissenschaftler hat diese Entwicklungen noch kaum bemerkt, aber die Pioniere in einigen Zweigen der Natur­wissenschaft (z.B. der Atomphysik, der Astronomie und Kosmologie) oder auch der Psychologie haben Entdeckungen gemacht und sahen sich zu Deutungen dieser Entdeckungen veranlaßt, die mit dem Weltbild der im vorliegenden Buch dargestellten Ökologischen Religion in wesentlichen Hinsichten konvergieren. Es erweist sich als höchst interessant und bemerkenswert, daß das reflexeste Bewußtsein in der heutigen Menschheit, wie es doch mit Sicherheit von einigen Vertretern und Zweigen der modernen Wissenschaft verkörpert wird, zu Einsichten gelangt, die teilweise eine überraschende Ähnlichkeit mit ökologischen Überzeugungen und Verhaltensweisen echt religiöser Menschen aufweisen.

Aber vielleicht wird der kritische Leser gerade an dieser Stelle erstaunt fragen, wie denn das Modernste und Säkularisierteste, nämlich die Wissenschaft, mit dem Antiquiertesten und im kritischen Fortgang der neuzeitlichen Aufklärung ein ums andere Mal Widerlegten, daher doch wohl ad acta Gelegten, nämlich der Religion, auch nur in einigen Punkten konvergieren könne.

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Im Versuch einer Antwort darauf könnte nachgewiesen werden, daß die neuzeitliche Religionskritik, vor allem die im Gefolge der Denkergiganten Feuerbach, Marx und Freud, zwar so manches an der Religion als Illusion oder sozioökonomisch nützliche Täuschung entlarvt, so manchen als wesentlich angesehenen Zug an den Religionen als nichtexistent oder nicht der Wirklichkeit entsprechend demaskiert hat, daß aber echte Religion als solche und in ihrem zentralen Kern dadurch nicht angetastet wurde. Das erklärt auch das »wunderbare« Überleben der Religion, die sich ja dem Umstand, tausendmal totgesagt worden zu sein, zum Trotz in allen Epochen menschlicher Geschichte erhalten hat. 

Es scheint alles darauf hinzuweisen, daß zwar die wirtschaftliche und gesellschaftliche Formation einer Epoche sowie ihre psychische Signatur die Religion stets weitgehend prägen, aber sie nicht erschaffen. Religion tritt in allen Phasen der menschlichen Geschichte auf, sie inkarniert sich sozusagen in die verschiedensten menschlichen Gesellschaften mit den verschiedenartigsten Produktions- und Konsumverhältnissen. Aber sie geht in ihnen nie restlos auf. Dieser Tatbestand deutet auf eine anthropologische und eine utopische Komponente der Religion hin. Die Tatsache, daß sich Religion in den mannigfaltigsten Gestalten durch alle Epochen menschlicher Geschichte trotz deren verschiedenartigsten sozioökonomischen Bedingtheiten und Bestimmtheiten erhält; daß sie auch in den Ländern des Ostblocks trotz weitgehender Abschaffung bzw. Sozialisierung des Privateigentums und trotz Aufbietung eines umfassenden atheistischen Erziehungs- und Schulungsapparats nicht ausstirbt, sich dort teilweise sogar regeneriert und reintensiviert; daß sie, immer oder fast immer dann, wenn sie schon totgesagt wird, explosiv in manchen Persönlichkeiten oder Gruppen aufbricht — diese Tatsache scheint Religion doch als eine anthropologische Konstante, als eine feste, grundlegende Eigenschaft des Menschen auszuweisen. Als solche fällt sie mit dem Menschen als Sinn und Sinnerfüllung, als die eigene Identität, aber auch umfassende Solidarität und Kommunikation, Gleichheit und Gerechtigkeit für alle suchenden Wesen zusammen.

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Da diese Suche bisher durch keine sozioökonomische Organisation menschlichen Zusammenlebens befriedigt worden ist, zeigt sie auch ein kritisches und ein utopisches, zukunftsweisendes Element auf.

Eine solche Sinnsuche ist mehr als (theoretische) Philosophie, ist religiös, wenn sie wirklich existentiell, d. h. die menschliche Existenz in ihrem Grunde betreffend, in Frage stellend und engagiert ist, d. h. von einem menschlichen Individuum als es »unbedingt angehend« (P. Tillich) erfahren wird. Deswegen habe ich andernorts10) Religion als umfassenden, ganzheitlichen, sinnsuchenden und grenzüberschreitenden Vitalimpuls des Menschen definiert. Es war beispielsweise Marx' Fehler, dieses umfassende Wesen der Religion nicht zu sehen, sie mit dem zeitgenössischen Christentum in seiner Verquickung von Thron und Altar und mit dem Glauben an einen persönlichen Gott gleichzusetzen.11)

Auch unsere säkularisierte Epoche hat ihre spezifische Religion oder genauer Pseudoreligion. Diese ist an der Oberfläche nur nicht so sichtbar. Analysiert man jedoch genauer, was derzeit gedacht, gewertet, geurteilt, getan wird, dann stellt sich das vermeintlich voraussetzungslose Weltbild der Menschen von heute doch schon wesentlich anders dar. Versteht man unter Religion zunächst ganz allgemein »jedes von einer Gruppe geteilte System des Denkens und Handelns, das dem einzelnen einen Rahmen der Orientierung und ein Objekt der Verehrung bietet«, dann ist »in diesem weitgefaßten Sinn... in der Tat keine Gesellschaft der Vergangenheit, der Gegenwart und selbst der Zukunft vorstellbar, die nicht >religiös< wäre«. 

Objekt der Verehrung kann natürlich alles mögliche sein: ein unsichtbarer Gott, ein Heiliger oder ein diabolischer Führer, die Vorfahren, die Nation, die Klasse oder Partei, Geld oder Erfolg. Die »Religion« des industriellen Zeitalters sieht als ihre heiligen, verehrungswürdigen Objekte die Arbeit, das Eigentum, den Profit und die politisch-wirtschaftliche Macht an. In der sozusagen die höchste Aufgipfelung der technisch-industriellen Religion darstellenden »kybernetischen Religion«, die sich »hinter einer Fassade von Agnostizismus oder Christentum verbirgt«, ist auf den ersten Blick »am auffallendsten...,

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daß sich der Mensch selbst zum Gott gemacht hat, da er inzwischen die technischen Fähigkeiten zu einer >zweiten Erschaffung< der Welt besitzt, die an die Stelle der ersten Schöpfung des Gottes der traditionellen Religionen getreten ist«. Der Mensch hat die Maschine zur Gottheit erhoben und wähnt sich gottgleich, indem er sie bedient. Im Augenblick seiner größten Ohnmacht bildet er sich ein, dank seiner wissenschaftlich-technischen Fortschritte allmächtig zu sein. »Die kybernetische Menschheit verdrängt die Tatsache, daß sie begonnen hat, die Göttin der Zerstörung zu ihrem Idol zu erheben.«12)

Ob sich nun ein moderner Zeitgenosse als Anhänger der industriellen oder auch der kybernetischen Religion einordnen läßt oder nicht, letztlich hängt das Verhalten jedes Menschen zur Mitwelt »immer von einer im weitesten Sinn religiösen — oder existenziellen — Orientierung ab, die allen Argumenten vorausliegt.«13) Im großen und ganzen gesehen aber wird man sagen müssen, daß die Industriegesellschaft die Masse der heutigen Menschen so determiniert, daß sie den »Glaubenssätzen« dieser Gesellschaft blindlings folgt und das Eintreten der ökologischen Katastrophe beschleunigen hilft. 

Nur ein entgegengesetztes Weltbild, wie es am umfassendsten die Ökologische Religion aufbaut und darstellt, kann auf lange Sicht jene Ganzheitsmedizin liefern, die den modernen Menschen aus den geistiges, psychisches und körperliches Übel verursachenden Zwängen der industriell-megatechnischen Religion herausführt, ihn befreit und heilt und damit der ökologischen Katastrophe letztlich am effektivsten entgegenwirkt. 

Da alle Ismen (auch der Industrialismus, Kommunismus, Kapitalismus, Imperialismus, Säkularismus usw.) immer mindestens pseudo-religiöser Natur sind, weil in ihnen ein an sich unter gewissen Umständen berechtigtes Prinzip ideologisiert, absolut gesetzt wird (wie z.B. das Kapital, das Kollektiv, die Industrie usw.), nützen Detail-Korrekturen an ihnen und wissenschaftliche Widerlegungen letztlich nichts. Es muß eine der Wirklichkeit, der Wahrheit entsprechendere religiöse (da sie auch die Tiefenschichten des Menschen anspricht und mobilisiert) Ganzheitssicht an die Stelle

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dieser »Ismen« treten, ein umfassender Rahmen der Neuorientierung an der Gesamtwirklichkeit der Natur, die in ihrer Wert- und Sinnhaftigkeit und in ihrem sinnstiftenden Urgrund ein angemessenes Objekt der Verehrung darbietet.

Aber ist das, wofür wir hier plädieren, angesichts moderner, säkularistischer Zivilisation nicht wieder ein Anachronismus? Wo gibt es denn noch Natur, die wir verehren sollen, wird uns mancher Zeitgenosse ironisch oder hämisch fragen. Und vielleicht gleich die Frage anschließen, ob es sich denn hier um die Forderung der Rückkehr zur Natur-Religion der Primitiven handle. Nun ist es sicherlich wahr, daß sich die Natur auf unserem Planeten auf dem Rückzug befindet; daß Technik und Industrie ihren Herrschaftsbereich auf unserer Erde immer weiter ausgedehnt haben; daß es sich selbst dort, wo der Mensch die lebende Natur schützt, bewahrt, pflegt, ihr zur Entfaltung verhilft, nicht mehr um ganz »natürliche Natur« handelt; daß die brutale Technokratie des Raubtiers Mensch selbst jenes Gewaltige, Mächtige, Erhabene, Schöne angetastet, verletzt, mißhandelt hat, das die Dichter besangen und das früheren Zeiten als unverfügbar galt wie die »Grenzenlosigkeit« und »Unendlichkeit« der Meere mit ihrer sogar in ihren Tiefen verschwenderisch ausgebreiteten bizarren Schönheit, wie die majestätischen Hochgebirge mit ihrem »ewigen«, in der Sonne leuchtenden Schnee, wie die großen Wälder und Urwälder auf den meisten Kontinenten.

Gehen wir in der Antwort auf die Frage nach der reduzierten Bedeutung der Natur zunächst noch ganz oberflächlich von den Phänomenen aus. Schlicht gesagt: Es scheint noch die Sonne, und es leuchten noch die Sterne, wenn sie nicht durch die Dunstglocke der Industrieemissionen daran gehindert werden, bis zu uns durchzudringen. Auch gibt es noch Tiere und Pflanzen auf der Erde, mit ihren später noch zu charakterisierenden mannigfaltigen Wesensaspekten, wiewohl bis zur Jahrtausendwende 15 bis 20 Prozent aller lebenden Arten, also etwa zwischen 500.000 und 2 Millionen Arten, ausgerottet sein werden. 

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Aber wer Natur im umfassenden Verständnis dieses Begriffs denkt, darf die Millionen und Abermillionen Galaxien mit Milliarden und Abermilliarden Sternen nicht vergessen, die das Universum bilden. Auch nicht die zahlreichen Planetensysteme, auf denen Leben — vielleicht weit höherentwickeltes als bei uns — anzunehmen ist.

Ein unermeßlich großer Teil der Natur wird also immer Natur, sogar im Sinne restloser technischer Unverfügbarkeit durch den Menschen bleiben. Es gehört zur weiter oben geschilderten Blickverengung des modernen Massenmenschen durch die sozialdarwinistisch-technisch-ökonomische Sichtweise, daß die Natur in diesen ihren wahrhaft universalen Dimensionen, in diesem wirklich kosmischen Ausmaß kaum mehr registriert, geschweige denn echt wahrgenommen wird. 

Auf jeden Fall sind die ungeheuren Dimensionen, Massen, Energien des Weltalls ein sehr beredter, eindeutiger, phänomenaler Hinweis auf die in ihrer Bedeutung weithin ungeschmälerte Existenz der Natur. Gerade Astronomen, die etwas von der Weite und Tiefe des Weltalls verstehen, sind selten bereit, die Natur des riesigen Universums in existentialistischer, anthropozentrischer oder technokratischer Blickverengung als »Verfügbares«, als »Zubehör des Menschen«, als »Stück des Menschen«, als »Ressource« und dergleichen mehr mißzuverstehen. Im Gegensatz zu all denen, die das Ende für eine Offenbarung oder auch nur für eine Annahme des Göttlichen und eines absoluten Prinzips in der Naturwirklichkeit gekommen sehen, glaube ich, daß die Menschheit im Zeitalter der Quanten- und Relativitätstheorie, des Elektronenmikroskops und Riesenteleskops, des Einblicks in die Struktur des Atoms und des Ausblicks in die Weiten des Universums prinzipiell in den Stand gesetzt ist, von einer viel breiteren und umfassenderen Basis aus als je zuvor den belebten und unbelebten Kosmos der Natur in der Geordnetheit seiner Strukturen und Entwicklungs­prozesse, in seiner aufsteigenden Sinnhaftigkeit zu erkennen. »Vom Atom bis zur Riesensonne rotierender Sternsysteme, vom Lebensmolekül als dem einfachsten Baustein des Lebendigen bis zum Menschen«14 zeigt die Natur durchgehend einen grundlegenden Ordnungsaufbau, weist sie Spuren geistiger Tätigkeit auf, die unser Geist deshalb auch aufnehmen und — wenigstens zum Teil — verstehen, aber auch verehren kann.

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Wir stellen also fest, daß Religion in einer merkwürdigen Dialektik immer beides ist, unmodern und modern. Unmodern, weil sie in jeder neuen Epoche des menschlichen Bewußtseins als schon vorher bestehend oder althergebracht vorgefunden und dementsprechend kritisiert wird. Modern, weil sie sich aufgrund dieser Kritik und neuer Erfahrungen und Bewußtseinserweiterungen des religiösen Subjekts stets weiterentwickelt und bei diesem Fortschreiten alten Ballast und falsche bzw. hinderliche Traditionen abschüttelt. 

Es ist demnach auch keineswegs unter dem Niveau der Wissenschaften, ihre eigenen Ergebnisse mit den Intuitionen, Einsichten, Erleuchtungen, Inspirationen religiöser oder mystischer Erfahrung zu vergleichen und auf diese Weise in ein Gespräch mit der Religion einzutreten.15) Es zeigt sich obendrein, daß manche Resultate und Interpretationsmodelle der Naturwissenschaften und der Psychologie ganz von sich aus, also auch ohne die erklärte Absicht, mit der Religion ein Gespräch führen zu wollen, Fragen, teilweise auch Antworten nahelegen bzw. geradezu aufdrängen, die der (religiösen) Sinndimension angehören oder auf sie verweisen. Gerade diese spontan und originär die metaphysische und religiöse Dimension tangierenden, erst in jüngster Zeit aufgebrochenen Themenkomplexe und Perspektiven einiger Zweige der modernen Wissenschaft erwecken die nicht ganz unbegründete Hoffnung, daß sie doch noch insgesamt, d.h. in der ganzen Breite ihrer verschiedenen Disziplinen, zu einem neuen Selbstverständnis hinfinden wird, einem Selbstverständnis, das der mehrdimensionalen, unermeßlich vielfältigen Wirklichkeit angemessener ist und nicht in »vornehmer« Bescheidenheit und Selbstbeschränkung lediglich das Quantifizierbare, das Zähl-, Meß- und Wägbare an dieser Wirklichkeit registriert.

Doch zurück zur Ökologischen Religion. Sie wird in diesem Buch als das eigentliche Gegenstück zur geheimen, verkappten Religion des Menschen des überindustrialisierten, technokratischen Zeitalters dargelegt.

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Diese Auffassung in unserem technokratischen Zeitalter verficht — das ist den meisten nicht bewußt — permanent den Glaubenssatz der absoluten Überlegenheit, der Abgesondertheit und Isolierung des Menschen von der Natur. Deshalb sei es ihm erlaubt, mit seinem Erobererstiefel über die Erde zu stampfen und alles auszunutzen und auszubeuten, was ihm in den Weg komme. Dieser Glaubenssatz muß nicht ständig offen und öffentlich verkündet werden, er liegt aber als selbstverständliches Axiom allem Tun des technokratischen Menschen zugrunde. 

Man könnte ihn auch noch einfacher so formulieren: »Der Natur gegenüber ist dem Menschen als Herrn der Schöpfung alles erlaubt.« An diesem Punkt wird wohl endgültig klar, daß dieser ego- und anthropozentrischen Lebensphilosophie und Pseudoreligion (der Anbetung und Verehrung der Macht des Menschen) eine ganz andere Gesamtverhaltensweise entgegengestellt werden muß, ein alternatives, den Menschen in seinem Innersten ergreifendes, existentielles Weltbild; daß es also nicht genügt, lediglich gewisse Korrekturen und Teilreparaturen an unserer gegenwärtigen Weltsicht und den aus ihr folgenden ungeheuerlichen Eingriffen in die Natur und die natürlichen Abläufe des Lebens anzubringen. 

Ein neues Selbstverständnis des Menschen, ein neues Naturverständnis und -verhältnis und ein nicht nur rationales, sondern auch emotional-meditativ vertieftes, zum Erlebnis gewordenes Wissen um die universalen Zusammenhänge allen Lebens, allen Wirkens im Rahmen einer kosmischen Spiritualität, kurz: eine neue Religion muß her, die das Paradigma, das Grundmuster für alle ökologischethischen, für alle alternativen wirtschaftlichen, technischen, politischen Überlegungen, Motivationen und Aktivitäten her- und bereitstellt. Es genügt ja beispielsweise auch nicht, jeweilige gegen das Ganzheitsgut Leben gerichtete Übergriffe der Gentechnik zurückzuweisen. Eine grundlegend neue Religionsphilosophie des Lebens, der Natur, und ein dieser Philosophie entsprechendes neues Lebensgefühl des Menschen müssen sich ganzheitlich und umfassend der gentechnischen Manipulation mit unseren Lebensgrundlagen entgegenstellen.

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Unser aller Leben müßte sich verändern, eine andere Bahn einschlagen, in der das Quantitative, das Meß- und Wägbare, der sichtbare materielle Erfolg, Profit und Konsum keine ausschlaggebenden Rollen mehr spielen.

Notwendig, und vielleicht not-wendend, ist also eine umfassend-grundlegende Philosophie und Religiosität des Lebenszusammenhangs und der Einheit (nicht Eins-heit!) aller Wesen, wie sie im vorliegenden Buch systematisch vorgestellt wird. Wir dürfen, wie gesagt, nie vergessen, daß auch jetzt ein Paradigma, das Grundmuster einer verkappten Religionsphilosophie, die wenigen Menschen bewußte Grundlage und Voraussetzung aller Auffassungen und Aktivitäten des technokratisch-hyperindustriellen Zeitalters bildet: das Paradigma von der gottgleichen Herrschaft des Menschen über die Natur, das ihn berechtigt, alles technisch Machbare auch tatsächlich zu machen. Daß wir heute eine neue, der so noch nie dagewesenen fundamentalen Weltkrise gerechtwerdende und sie zu überwinden trachtende Globalreligion brauchen, zeigt sich demnach auch an ihrem Gegenteil, an der der technisch-wirtschaftlich-industriellen Welt der Gegenwart zugrundeliegenden kybernetischen Religion, genauer: Pseudoreligion.

 

Das vorliegende Buch setzt sozusagen in die Tat um, was tiefer sehende Zeitgenossen seit einiger Zeit fordern: eine radikale Vertiefung des ökologischen Gedankens, der heute die Klammer, das Grundmotiv aller welt- und gesellschaftserneuernden Aktivitäten ist, bis in seine spirituell-religiöse Tiefendimension hinein. In drei mühsamen Jahren habe ich Baustein um Baustein für den systematischen Aufbau einer Ökologischen Religion und Spiritualität zusammengetragen, obwohl ich beim Start dieser Arbeit überzeugt war, sehr schnell, spätestens im Laufe eines Jahres, damit fertig zu werden. Aber das gewaltige, über die verschiedensten Wissenschaftszweige verstreute ökologisch bedeutsame oder verwertbare Wissen der Menschheit mußte — wenigstens zu einem nicht unerheblichen Teil — durchleuchtet, integriert und systematisiert werden. Selbstverständlich konnte hier absolute Vollständigkeit in der Bearbeitung des Hauptthemas trotzdem nicht erreicht werden. Aufsätze zu verschiedenen Teilaspekten dieses Themas liegen vor oder sind in Bearbeitung und sollen im Laufe der nächsten Jahre veröffentlicht werden.

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Die notwendigerweise allgemeiner und abstrakter gehaltenen Ausführungen dieser Einleitung sollen nicht vergessen lassen, daß Ökologische Religion, wie das die weiteren Kapitel des Buches immer deutlicher auszudrücken versuchen, konkretes Leben ist, Erleben und Fortsetzen des Lebens der Natur in ihren ästhetischen, sozialen, altruistischen, schöpferisch-kreativen, spontanen, originellen, selbststeuernden und — organisierenden sowie — transzendierenden Bezügen. 

Das unerhört reichhaltige, vieldimensionale Leben der Natur ereignet sich auf der humanen Stufe der Evolution in bewußterer, reflexerer Weise, sollte es wenigstens tun, obwohl wir ja heute meist das Gegenteil, z.B. in Gestalt der Verödung und Verarmung erlebter Naturlandschaften, zu beklagen haben, und in der Folge davon die Leere der menschlichen Innenwelt. Ohne die wirklichkeitsdurchtränkte, materialgebende Anschauung, wie sie uns das Universum der Natur liefert, wird unser Geist, unsere Innenwelt leer und trocknet aus. 

Selbst die Christen wüßten nicht, was Allmacht, Unendlichkeit, Unermeßlichkeit, ewige Dauer, Allgegenwart, Allwirksamkeit ihres Gottes zu bedeuten hat, wenn das Medium Natur wegfiele. Es kann theoretisch geleugnet werden, praktisch aber kommen unsere Erkenntnisorgane ohne es nicht aus. Die Christen haben lediglich in vielen Jahrhunderten ihrer Geschichte vergessen, daß sie Gott nie ohne den Kosmos hatten. Alles, was ihre Theologen über Gott sagten, war nur aus Analogien, aus Ähnlichkeitsbeziehungen zu diesem Universum der Natur geschlossen und gefolgert. Auch wenn man auf dem Weg der Erhöhung und Verneinung (»via eminentiae«, »via negationis«) über die Welt hinauszukommen, sie abzustreifen versuchte, so war doch das, was man da negierte und überhöhte, als notwendiger Bezugspunkt stets gegenwärtig. Die römisch-katholische Kirche hat es sich nicht nehmen lassen, die reale Möglichkeit, daß der Mensch Gottes Existenz erkennen könne, zum Dogma zu erheben. Aber indem sie dogmatisch-autoritativ erklärt, der Mensch könne Gottes Existenz »per ea, quae facta sunt«, also durch das Geschaffene, erkennen, gibt sie zu, daß die durch unsere Sinne gegebene Wirklichkeit, die Natur, das Medium aller Gotteserkenntnis ist.

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Die Welt, die Natur, Tiere und Pflanzen bieten unserer Psyche Nahrung in Gestalt einer reichen Bilder- und Symbolwelt. Was ging gerade der christlichen Religion nicht alles verloren, als sie das religiöse Verhältnis auf die Gott-Seele-Beziehung zusammenschrumpfen ließ. Wer das Seelische, Kosmische in Tier und Pflanze nicht sieht, den Strom des All-Lebens, der durch sie geht, nicht wahrnimmt, der kann keine eigene lebendige, beseelte Religion haben. Wie soll einem solchen das Schicksal dieser Lebewesen wirklich am Herzen liegen? Selbst wenn er eine Ethik zugunsten der Tiere und Pflanzen aufstellen sollte, wie sollte diese anders als abstrakt und blutleer erscheinen, ohne die Fähigkeit, wirklich zu motivieren. Wir werden im Folgenden nachhaltig auch wieder daran erinnert, daß wir in den Tiefenschichten der Psyche, in ihrem Un- und Unterbewußten wie in den Höhenschichten unseres Geistes mit allem Leben verbunden sind, ganz ursprünglich »im Leben« sind. Das All- und Urleben der Natur geht auch durch uns hindurch, wir nehmen es aber erst wieder wahr, wenn wir die gesellschaftlich bedingte, oft aber auch selbstverschuldete Entfremdung von unseren eigenen Höhen- und Tiefenschichten rückgängig gemacht haben. 

In der religiösen Lebensgestimmtheit sind wir ohnehin ursprünglich mit allem Leben, mit Tieren und Pflanzen, brüderlich-schwesterlich vereint. Wir — das ist ein immer wieder beobachtetes Phänomen — sprechen unwillkürlich mit ihnen, reden sie an, und sie fühlen sich zu den sich wohlwollend verhaltenden Menschen hingezogen. Insofern drückte Franz von Assisi, der mit den Kreaturen redete, nur eine natürliche religiöse Bewußtseinshaltung und -gesinnung aus. Ontisch sind Tiere und Pflanzen sozusagen religiöser als der Mensch, weil sie unausweichlich mit ihrem Sein auf ihren letzten Ursprung, auf das hervorbringende Prinzip der Natur bezogen sind. Psychologisch, ontologisch (um das Sein wissend) sind wir dagegen die Religiöseren, wenn wir bewußt unsere Rückbindung (religio) an den Urgrund leben und erleben.

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Der Mensch also »das religiöse Tier« (Alister Hardy), das psychologisch religiöseste Lebewesen. Manche Religionen haben sich nicht gescheut, gewisse Aspekte des Absoluten, z. B. seine Tiefe und Stille, das Ruhen des höchsten Prinzips in erhabener Beschaulichkeit in sich selbst, durch bestimmte Tierarten zu symbolisieren. Gewisse Meditationspraktiken, die von Tieren und Pflanzen als Bezugsgegenständen ausgehen, könnten auch heute wieder den gestreßten Menschen der Gegenwart religiös-lebendiger werden lassen. »Werde«, so könnte eine Meditationsanleitung lauten, »still wie die Pflanze, laß es <geschehen>. Setz dich den Sonnenstrahlen und dem Wirken der Erde aus, sei wie diese ganz beschenktes, ganz empfangendes Sein. Laß den Ehrgeiz von dir abfallen, aus der Reihe des Seins zu treten, laß die Geltungssucht und das Karrierestreben fahren.« — »Ich meine«, sagt W. Whitman, »ich könnte mich zu den Tieren wenden und mit ihnen leben; sie sind so ruhig und selbständig... Kein einziges ist unzufrieden; kein einziges besessen von der Manie nach Besitz; kein einziges kniet vor einem anderen ...« 16)

Eine Meditation könnte auch davon ausgehen, daß Tiere und Pflanzen durch das Band der Evolution mit uns genetisch verbunden und verwandt sind. Sie sind unsere Brüder und Schwestern, die die Stafette des Lebens an uns weitergereicht haben. Sie haben uns mitbereitet, mitaufgebaut, und wir erwecken in der Meditation Gefühle der Dankbarkeit für sie, für ihren Beitrag im Rahmen der Gesamtanstrengung der Erde, der Natur, reflex-bewußte Lebewesen hervorzubringen, in welchen sie sich wiedererkennt, zum Bewußtsein ihrer selbst gelangt. Daraus erfließt dann die ethische Verpflichtung, ihnen kein Leid anzutun, allen Tierquälereien, Baumbeschädigungen, der Abholzung gesunder Bäume, dem sorglosen, mutwilligen Umgang mit Blumen und Pflanzen ein definitives Ende zu bereiten.

Religion hat es mit dem Heiligen, Numinosen zu tun, wie Rudolf Otto unwiderlegbar nachgewiesen hat. Die meisten Religionen, das Christentum besonders, aber haben vergessen, daß Tiere und Pflanzen Teile des Heiligen Lebens sind und in unsere religiöse Grundbeziehung daher wieder integriert werden müssen.

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»Ethisch ist der Mensch nur, wenn ihm das Leben als solches, das der Pflanze und des Tieres wie das des Menschen, heilig ist.«17) Sensibilität für die numinose Tiefe der Wirklichkeit, für eine letzte Geheimnisqualität des Seins können gerade Tiere und Pflanzen in uns erwecken, wenn wir sie nicht unter dem Gesichtspunkt des Nutzeffekts betrachten. »Liebet die Tiere, liebet die Pflanzen, liebet jedes Ding! Wenn du aber jedes Ding lieben wirst, dann wirst du auch das Geheimnis Gottes in den Dingen erfassen! ... Und du wirst dann endlich schon die ganze Welt liebgewinnen in ihrer Einheit und mit einer Liebe, die das Weltall umfaßt«, läßt Dostojewski einen Mönch in Die Brüder Karamasow sagen. Er trifft sich damit mit dem wohl genialsten Kopf der modernen theoretischen Physik, mit Albert Einstein, der denjenigen, der sich in Anbetracht der Natur unseres Universums »nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann«, für »seelisch bereits tot« hält.18)

In diesem Buch werden unter anderem jene Aspekte, Merkmale, Qualitäten von Tieren und Pflanzen im Rahmen der Gesamtnatur herausgearbeitet, durch die sie einen eigenständigen, originellen Beitrag zur unwiederholbaren und — bei Verlust — unwiederbringlichen Vielfalt der Bestandteile dieses unseres Kosmos' darstellen und leisten. Gezeigt wird zudem, wie das Verhältnis zu Tieren, Pflanzen und Naturelementen in die Religiosität des heutigen Menschen eingebaut werden muß, damit diese eine ökologische werden kann.

Daß aber darüber hinaus Ökologische Religion einen ganz eigenständigen, originären, genuin-spezifischen Zentralgegenstand hat, soll hier — im Rahmen dieser Einführung — nur eben angedeutet und erst im Fortgang der Untersuchungen dieses Buches stufenweise aufgedeckt und geklärt werden.

Gerade aber durch diesen Zentralgegenstand und die konsequent-systematische Konzentration und Hinordnung auf ihren ökologischen Bedeutungskern, ihre ökologische Sinnmitte bedeutet die Ökologische Religion einerseits das Ende, andererseits die Vollendung aller anderen Religionen.

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Auch das wird erst im Verlauf des ganzen Textes klarer herausgearbeitet. Vorweggenommen sei aber wenigstens die Erkenntnis, daß im Grunde alle Religionen einen verborgenen, meist verkannten ökologischen Kern haben, daß sie Versuche menschlicher Kollektive waren bzw. sind, das Leben des Menschen im Gesamtrahmen der Natur nicht nur zu sichern, sondern es zu heilen, zu vollenden, es ganz integer und integral zu machen, es mit allen Kräften und Elementen der Wirklichkeit zu harmonisieren und zur höchsten Intensität, mit einem Wort: zur Gipfelerfahrung erlebten Lebens zu führen. 

Wir werden sehen, wie manche Aussagen und Verrichtungen in den Religionen überhaupt erst im Zusammenhang und System der Ökologischen Religion ihre tiefere, eigentliche ökologische Bedeutung und ihre ganze Tragweite enthüllen, wie das Tiefen-Ökologische, das Ökologisch-Spirituelle die wieder zu entdeckende, wieder zu erringende Herzmitte aller Religionen ist. Die Religionen werden vor eine Entscheidung gestellt, werden aufgefordert, den Schritt zu ihrer ihnen bis dahin unbewußten ökologischen Sinnmitte zu vollziehen. Tun sie ihn nicht, dann beweisen sie damit selbst, daß eine neue Religion kommen muß. Diese kommt sanft und leise — wie alles wirklich Neue. Sie steht zu nichts Großem in den etablierten Religionen im Widerspruch. Aber sie hat einen neuen Elan und die konsequente Ausrichtung auf das heute allein noch Notwendige. Die Ballaststoffe dieser etablierten Religionen, die alles wirklich Große und Ökologische in ihnen oft bis zur Unkenntlichkeit niederdrücken, schleppt sie nicht weiter mit. Sie will nicht neuen Wein in poröse Schläuche gießen. Diese neue (zugleich ursprünglich-alte) Religion heißt Ökologische Religion. 

Sie ist die religio perennis, die Ewige Religion, die das Band darstellt, das die besten Elemente der archaischen und Naturreligionen mit denen der heute noch bestehenden großen Weltreligionen verknüpft. Gleichzeitig aber ist die Ökologische Religion die modernste und zeitgemäßeste Religion, weil sie Gesichtspunkte ein- und beibringt, die erst durch unsere heutigen detaillierten Kenntnisse über die außerordentlich mannigfaltigen, subtilen Zusammenhänge zwischen Mensch und Universum aufgetaucht sind.

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Die Akzeptanz der Ökologischen Religion als Basis eines neuen Weltbilds und Umgangs mit der Gesamtwirklichkeit hätte revolutionäre Folgen auf allen Gebieten des modernen Lebens, in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. In der Medizin z.B. sähe diese Folge so aus, daß Ärzte sich wieder als »Diener des Lebendigen«, daß sie »Heilen als Heiliges« verstehen; daß sie aufhören (jedenfalls im Geiste), »den kranken Organismus zu zerlegen wie ein defektes Uhrwerk«; daß sie den Kranken nicht mehr mit »dem kalten, bösen Blick des ärztlichen Wissenschaftlers... vermessen«, sondern ihn mit dem gütigen des ärztlichen Heilers wirklich erkennen und dementsprechend ökologisch behandeln.19)

Insgesamt aber wäre die globale Konsequenz, daß der titanenhafte, demiurgische (weltschöpferische), technokratische Macher durch den öko-religiösen Menschen abgelöst würde

Der demiurgische Mensch richtet sich zwar auch auf das Ganze des Universums der Natur aus, aber er möchte den gesamten Kosmos, soweit es in seiner Macht steht, in ein einziges auszubeutendes Rohstofflager, eine riesige Lagerhalle oder eine schmutzig-düstere Mammutfabrik umfunktionieren, also das tun, was er mit der Erde schon weitgehend getan hat. 

Der öko-religiöse Mensch steht dagegen nicht mehr unter dem mörderischen Zwang, die ganze Welt als Objekt zu besitzen oder zu erwerben, er erkennt dem Kosmos eine letzte Unverfügbarkeit und Geheimnistiefe zu. 

Deshalb ist nicht der demiurgische, sondern der öko-religiöse Mensch der Sinn der Erde und des Universums. Wenn einer überhaupt noch Zukunft hat, dann ist er es. Er wäre wenn die ökologische Endkatastrophe nicht schon morgen oder übermorgen eintreten sollte der universale Mensch, den die Erde, die Natur als ihre eigene Zukunft, als ihr letztlich stets angesteuertes Sinnziel anstrebt, 

d.h.: 

der das Universum der Natur zu seiner Selbsterkenntnis und sozusagen Selbsterfühlung bringende Mensch; der für die ganze Wirklichkeit offene Mensch, der sich nicht körperlich, seelisch oder durch Teilinteressen verklemmen, hemmen und einengen läßt und deshalb die Gesamt­wirklichkeit auf sich einwirken lassen, sein Verankertsein in ihr unbehindert erleben und eine umfassende Sinngebung des Daseins durchführen kann; 

der gesammelt-schöpferische Mensch — der Mensch der Konzentration und Kreativität, der Spontaneität und Freiheit, der infolge seiner Gelöstheit und Gelassenheit den Geistesblitzen der Eingebung und Phantasie, den lebendigen Aufbrüchen des menschlichen Seins, den Regungen des Gemüts geöffnet ist, dem deshalb jene Energieströme aus dem All zufließen, die kraftvolles ethisches Handeln in Selbstbestimmung ermöglichen —, frei von Nervosität, Zerfahrenheit und seelischer Störungsanfälligkeit, den Symptomen des modernen Menschen; 

der Mensch der neuen Mitmenschlichkeit, der also eine neue Form der Verständigungs­bereitschaft, Anteilnahme und Geschwisterlichkeit lebt, der einen unbestechlichen Gerechtigkeitssinn und eine besondere Feinfühligkeit bei ungleicher Behandlung von Einzelmenschen, religiösen, völkischen, rassischen, kulturellen und anderen Minderheiten entwickelt, somit eine tätige Toleranz für die Verteidiger andersartiger Lebensstile und Daseinsentwürfe entfaltet, der Freude und Teilnahme an Lust und Glück der anderen erlebt anstatt Mißgunst, Neid und Eifersucht; 

der Mensch der umfassenden Verantwortung für Umwelt und Welt, der im Namen und Rahmen dieser Verantwortung persönliche Einsatz­bereitschaft, Charakterfestigkeit, Unbestechlichkeit, Mut, Zivilcourage, ja — wo es nottut — schöpferischen Ungehorsam aufbringt und dabei materielle Nachteile in Kauf zu nehmen bereit ist, der kritische Haltung und vernünftigen Protest gegen Druck und Nötigung durch wirtschaftliche, politische und religiöse Machtinhaber zeigt, der für die ökologische Rettung der Erde und aller ihrer Bewohner, nicht nur der Menschen, für Dezentralisierung von Wirtschaft und Verwaltung, für die wirtschaftliche Besserstellung und Sicherung der sozial Schwachen kämpft; 

der Mensch also, der klare Vernunft im Sinne der Bewußtmachung der für die heutige Menschheitssituation entscheidenden Tatbestände mit einem hohen Maß an Wärme und Tiefe des Gemüts zu einer lebendigen Einheit verbindet, der, um es etwas pathetisch zu sagen, das Universum da draußen mit dem Universum da drinnen zur Harmonie bringt, zu einer Harmonie, die angesichts der tragischen Zerrissenheit der Welt am Ausgang des zweiten Jahrtausends allerdings unendlich schwerer herstellbar ist als je zuvor in der Menschheitsgeschichte. 

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