Sherwin B. Nuland 

    

Wie wir sterben - Würde?  (1993)

Audio 2007 Altern   

Die Kunst zu altern  

  

Wikipedia.Autor  
*1930 in Connecticut bis 2014 (83)

DNB.Autor 

 

detopia: 

N.htm    Psychobuch   Sterbejahr

Timothy Quill   Kübler-Ross 

Roland Schulz 2018

 

 

 

 

  

 

   

 

  

 

  

 

  

 

Sherwin Nuland hat eine Professur für klinische Chirurgie und Medizingeschichte an der Universität Yale. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter den preisgekrönten Bestseller „How We Die“ (dt. 1994, „Wie wir sterben“), der in 16 Sprachen übersetzt wurde. Nuland wurde dafür mit dem National Book Award ausgezeichnet und für den Pulitzer Prize sowie den National Book Critic’ Award nominiert. Er lebt in Connecticut. 

 

amazon.de/Wie-wir-leben-Sherwin-Nuland 


Rezensionen zu <How we die>

 

Dipl.-Psych. B.Kuck    http://ppfi.de 

Tod und Sterben entfalten sich auch in unseren Breiten zu einem ähnlich großen Tabuthema wie in den USA. Viele Menschen wünschen sich einen plötzlichen Tod, ein nur kurzes Sterben. Das läßt darauf schließen, daß es nicht der Normalfall ist, friedlich und mit wenig Qual vom Leben zum Tod zu wechseln. 

Nuland beschreibt unsentimental, aber nicht ohne Gefühl, aus eigener Anschauung, wie wir sterben. Nuland ist Chirurg in den USA, weiß also wovon er spricht, lebt er doch in einem Land, in dem die hochtechnisierte Medizin Triumphe feiert und die Verleugnung von Sterben und Tod teilweise groteske Formen angenommen hat. 

Er weiß aber auch wovon er spricht, weil sein Beruf ihn mit der Hybris der Allmacht und mit der Allgegenwart des Sterbens konfrontiert. Und er weicht der Konfrontation nicht aus, läßt seine eigene Betroffenheit zu, plädiert also für ein Sterben in Würde, weil Sterben in Würde real so selten ist und, so es möglich wäre, die technisch hochgezüchtete Medizin es verhindert.

Immer ist die innere Beteiligung des Autors zu spüren, auch dann noch, wenn das Sterben an den häufigsten Krankheiten der westlichen Welt medizinisch, sachlich geschildert wird. Besonders nah ist einem der Autor, wenn er seine eigene Konflikthaftigkeit schildert. Seine eigentlich „unsinnige“ Handlungsweise angesichts der tödlichen Erkrankung seines Bruders; sein Triumph, eine über achtzigjährige todkranke Patientin zur Operation überredet zu haben, ihre bitteren Vorwürfe, als sie sich in falscher Hoffnung getäuscht sah, seine Beschämung und seine Zweifel, ob er nicht in ähnlicher Situation - trotz besseren Wissens - wieder so handeln würde. Nicht zuletzt bei seiner spürbaren Empörung, daß auf dem Totenschein von den Ärzten eine Todesursache benannt werden muß, die auch da auf pathologische Begrifflichkeiten abstellt, wo es sich um den verdrängten natürlichen Tod handelt. # Dipl.-Psych. B.Kuck   


Amazon-Leserrezensionen  

 

Ehrlich und nüchtern dem Tod ins Auge geschaut!   2003  Von Seither, Stephan aus Berg 

Mit diesem Buch hat uns der Autor kein Trostbüchlein zum unausweichlichen Thema Tod geschrieben, vielmehr ist es die unumgängliche, ungeschminkte Wahrheit. 

Der Tod? Ist er für uns Menschen nur so schwer zu akzeptieren, weil wir uns vor ihm verstecken - ein Leben lang, bis es keinen Ausweg mehr gibt? Stirbt es sich leichter, wenn man solche Bücher gelesen hat?

Sherwin B. Nuland beschreibt die Phasen, die ein Mensch durchlebt der z.B. die Diagnose "Krankheit ohne Heilungschance" durchläuft - er kennt das nur zu gut aus seiner beruflichen Laufbahn (Chirurg und Medizinhistoriker) heraus...

Ein Mediziner der mit dem Tod vertraut ist teilt uns sein Wissen, seine Erfahrungen mit und das nimmt die Angst vor dem unausweichlichen Ereignis - bereitet vor! Ein Buch das nicht gedacht ist Todessehnsucht zu wecken, ein Buch das vorbereiten möchte auf den Tag X


Sehr bewegend     2002   von Schuhbeck aus Traunstein, Bayern  

Das beste Buch das ich zu diesem Thema gelesen habe. Die detaillierten Beschreibungen de einzelnen Todesarten sind auch für einen einigermassen fachkundigen Leser sehr menschlich und anrührend dargestellt. Ein sehr bewegendes und persönlich geschriebenes Buch.


Ergreifend und helfend zugleich     2002 von Lothar Hitzges  aus Schweich  

Das Thema „Wie wir sterben" ist für die meisten ambivalent. Zu einen möchte man schon gerne wissen was da genau passiert, aber Ängste vor Schmerz und Endgültigkeit schrecken wiederum ab.

Hier schreibt ein Chirurg und Medizinhistoriker über seine Berufs- oder treffender Lebenserfahrung mit dem Tod. Das heißt aber nicht, das Autor Nuland nur die physikalische und biologische Seite einseitig darstellt. Er schreibt zudem treffend wie unsere Gesellschaft heute und in der Vergangenheit mit diesem Thema und den betroffenen Menschen umgeht. Deshalb ist der Untertitel des Buches „Ein Ende in Würde?" auch gut gewählt.

Niemand sollte Angst haben vor seinem Tod und erst recht nicht vor diesem Buch haben. Im Gegenteil dieses Buch hilft, in dem es sehr detailliert erläutert, was da mit dem Menschen bei seinem nahenden Ende passiert. Die Beschreibung der realen biologischen und physikalischen Tatsachen sind nicht brutal oder gar schokierend -wie meist unsere Erwartungshaltung dazu ist-, sondern Wissen und Einsicht vermittelnd. Mit diesem Wissen und der Einsicht, das wir ein Teil der Natur sind und das wir den Tod als etwas natürliches begreifen, tritt beim Leser Frieden und Ruhe ein. Die Angst verschwindet und ermöglicht einen sachlichen Umgang mit sich selbst und seiner Umwelt in dieser Frage.

Ich kann jedem, den Ungewissheit und Ängste quälen, dieses Buch nur nahelegen. Es vermittelt dem modernen Menschen ein leider verloren gegangenes Wissen und versetzt ihn in die Lage mit dem Tod wieder natürlich umzugehen, wie es unsere Vorfahren auch konnten.


Das Sterben sollte kein Tabu-Thema mehr sein      2002 Von Kuettner aus Chemnitz  

Auf 400 Seiten (mit detailliertem Stichwortverzeichnis) gibt Nuland sehr ausführlich und in einer für den Nicht-Mediziner gut verständlichen Sprache detaillierte Antworten auf die Frage, wie der Vorgang des Sterbens verlaufen kann. Er zeigt dies exemplarisch an den sechs häufigsten Krankheitsbildern, die zum Tode führen: Herzversagen, Krebs, AIDS, Alzheimersche Krankheit, gewaltsame Tötung (durch fremde und eigene Hand) und Alterstod. 

Er zeigt dem Leser, - wie (im Prinzip) gleich und wie (im Einzelfall) unterschiedlich diese verschiedenen Symptome beharrlich und unbeirrt ihr zerstörerisches Werk betreiben, bis der Organismus nicht mehr lebensfähig ist; - welche (zunächst an sich harmlose) biologische Veränderung oder physiologische Funktionsstörung zu welchen weiteren (immer weniger harmlosen) Folgeschäden führt und wie dieser Teufelskreis des im Körper um sich greifenden Chaos sich dem Menschen bemerkbar macht; - wie machtlos die Medizin auch heute noch ist, dieser einmal ins Rollen gekommenen Lawine wirksam Halt zu gebieten, und daß der Arzt diese Grenze der Möglichkeiten - die ihm rational durchaus bewußt ist - irgendwann auch emotional akzeptieren und eine mitmenschliche Begleitung des Sterbenden an die Stelle der letztendlich objektiv erfolglosen Bemühungen zur Verlängerung eines nicht mehr rettbaren Lebens setzen muß.

Sehr beeindruckend finde ich die Darstellung, daß auch ohne Krankheit der Tod Endpunkt eines bereits im frühen Embryonalstadium beginnenden Alterungsprozesses ist, der, weil er einer biologischen Gesetzmäßigkeit folgt, objektiv nicht aufgehalten werden kann. Demzufolge seien, so Nuland, solche Symptome wie Arteriosklerose, Bluthochdruck, Altersdiabetes, Fettleibigkeit, Verwirrtheit, Krebs und Immunschwäche u.a. zwar die konkreten Anlässe, nicht aber die eigentliche Ursache des Todes: die Altersschwäche. Der Autor zieht daraus die Schlußfolgerung, daß die Ärzte sich mit den Grenzen der Natur abfinden müßten und nicht ihren Berufsehrgeiz dafür einsetzen sollten, das Leben sterbenskranker alter Menschen bis über diese natürliche Grenze hinaus um jeden Preis ausdehnen zu wollen.

Als einen Kernsatz habe ich meinem Exemplar von Nulands Buch dick rot unterstrichen: "Am Ende des Lebens steht der Tod und nicht der Versuch, das Sterben zu verhindern. Der atemberaubende Fortschritt der Wissenschaft in unserem Jahrhundert hat dazu geführt, daß unsere Gesellschaft hier falsche Akzente setzt. Der Sterbende muß im Drama des Todes als Hauptfigur wieder in den Mittelpunkt rücken." (S. 376)

Bei aller prinzipiellen Zustimmung zu diesem Standpunkt sehe ich aber auch eine große Gefahr in ihrer möglichen logischen Konsequenz. Wenn Nuland z.B. den Sinn krebsbedingter Totaloperationen oder gar von Dialysebehandlungen für Hochbetagte ernsthaft in Frage stellt, dann könnte sich in der Zukunft eine zahlungsunfähig gewordene gesetzliche Krankenversicherung auf solche Überlegungen berufen, wenn sie (wie in Großbritannien heute schon Realität) alten Menschen ohne Vermögen aus Kostenersparnisgründen lebenswichtige Therapieformen vorenthalten und sie damit zum vorzeitigen Tod verurteilen will! 

Ebenso teile ich nicht Nulands befürwortende Haltung gegenüber der aktiven Euthanasie und seine abwertende Ansicht zur Selbsttötung, die sich nach meiner Überzeugung jeglicher moralischer Bewertung entzieht.

Der Verfasser führt den Leser zu der ernüchternden Erkenntnis, daß trotz bester Absicht ein Sterben in Würde nur in seltenen Einzelfällen erreichbar ist: Den meisten von uns wird ein Ende ohne die spürbaren Merkmale einer auch heute noch unbeeinflußbar grausamen biologischen und klinischen Realität versagt sein. Diese schonungslose Darstellung der Wirklichkeit habe ich aber nicht als Horrorszenario empfunden, sondern - es hilft mir dabei, von idealisierten Sterbensvorstellungen Abschied zu nehmen; - es erleichtert mir die Erfüllung meines Anliegens, beim medizinischen Personal für die notwendige Prioritätsverschiebung zugunsten der mitmenschlichen Zuwendung zu Sterbenden zu werben; - und es verstärkt meinen Wunsch, die mir verbleibende kostbare Zeit möglichst sinnerfüllt zu leben.

Die Sprache Nulands ist trotz der Härte der dargestellten Realität einfühlsam bis ehrfürchtig; jene Rigorosität im Ausdruck mancher Mediziner, die tagtäglich mit dem Sterben konfrontiert sind, ist ihm erfreulicherweise nicht anzumerken.

Dieses Buch ist mir nicht nur eine wertvolle Grundlage für meine Arbeit geworden, sondern hat auch mein Verhältnis zum Sterben nachhaltig beeinflußt. Bei aller Widersprüchlichkeit überwiegt sein informierender, aufklärender und (im positiven Sinne) bewußtseinsverändernder Wert. Ich möchte es jedem kritischen Leser empfehlen, der die – unbedingt auch kontrovers zu führende - Auseinandersetzung mit den behandelten Themen nicht scheut. Die meisten von uns beschäftigen sich ohnehin zu wenig mit den wirklich wichtigen Fragen des Lebens, wie ich immer wieder bedauernd feststelle.  


 

Mehr im Web  

aussagekräftige Rezension bei Herrn Nico Haase ==>   http://www.buchtips.net/rez154.htm      www.buchtips.net 

www.3sat.de  Sterben verboten?  #  Zweiteilige Dokumentation über ein Tabu-Thema  #  Film von Brigitte Weismann (Teil 1 am 21. September 2003, 19.30 Uhr) und Uta Claus  #  (Teil 2 am 23. September 2003, 18.00 Uhr).

www.ruhen-und-tun.de  


 

Eine Rezension von Eberhard Fromm

Problem - Tod  Sherwin B. Nuland: Wie wir sterben - Ein Ende in Würde?

Berliner LeseZeichen, Ausgabe 05/97 (c) Edition Luisenstadt, 1997  www.berliner-lesezeichen.de  

 

Die Literatur über das Sterben hat in den letzten Jahren ständig zugenommen. Das hängt sicher mit dem Anwachsen mitteilenswerter Erfahrungen im Rahmen der Hospizbewegung zusammen. Andere Ursachen sind in dem Bedürfnis vieler Angehöriger zu suchen, das Sterben eines Verwandten - insbesondere im Zusammenhang mit Krebs oder Aids - zu beschreiben, um dieses Leid zu verarbeiten. Auch neue Ergebnisse der Geriatrie bilden eine Quelle der anwachsenden Literatur zum Sterben.

Der Verfasser des vorliegenden Buches ist nicht nur ein erfahrener Medziner und langjähriger Hochschullehrer - er lehrt Chirurgie und Medizingeschichte an der Yale University in den USA -, sondern auch ein erfolgreicher Autor. Wenn er seinem Buch einen Untertitel gibt, in dem er das Ende in Würde mit einem Fragezeichen versieht, dann ist das mehr als eine Geste, die vielleicht neugierig machen soll. Nuland sieht den „würdigen Tod“ als Bestandteil eines Mythos vom Sterben an. 

Da er als Arzt nur sehr selten Würde beim Sterben erlebt hat, stellt er sich mit diesem Buch die Aufgabe, das Sterben zu entmythologisieren; und das heißt eben, ein Ende in Würde in Zweifel zu ziehen. Stattdessen will er die verschiedenen Wege zeigen, auf denen der Mensch sterben kann und dabei seinen ganz eigenen Tod findet. In zwölf Kapiteln beschreibt er häufige Krankheiten, die gemeinsame Merkmale enthalten, die repäsentativ für lebensendende Prozesse sind: der Infarkt, die Alzheimersche Krankheit, Aids und Krebs. Er setzt sich aber auch mit Problemen des Unfalls, des Mordes, des Freitods und der Sterbehilfe auseinander.

In zwei Kapiteln (III. Unser Leben währet siebzig Jahre, IV. Wege alter Menschen in den Tod) widmet sich der Autor erfreulicherweise recht ausführlich dem altersbedingten, dem „normalen“ Sterben. Er polemisiert ein wenig mit den Bestimmungen, wonach jeder Mensch an einer benennbaren Krankheit zu sterben habe, wonach es also ungesetzlich wäre, einfach an Altersschwäche zu sterben. Die Abfolge von Tod und Leben hat für Nuland nichts Pathologisches, „vielmehr ist sie geradezu das Gegenteil des Kranken.“ Er analysiert beispielsweise detailliert Berichte von 23 Obduktionen an Verstorbenen, die 84 Jahre und älter geworden waren, und kommt anhand dieser Fallstudie zu der Feststellung, daß hochbetagte Menschen nicht an irgendwelchen Krankheiten sterben, sondern dem altersbedingten Schwund an Körpersubstanz und Lebenskraft erliegen.

Das Buch von Nuland lebt von einer faktenreichen Information über die biologischen und medizinischen Prozesse, wie sie sich beim Sterben vollziehen. Diese bereits verständlich geschriebenen Informationen werden in ihrer Aussagekraft häufig dadurch erhöht, daß sie verwoben sind mit Beispielen aus der ärztlichen Praxis des Autors, aber auch aus der Literatur. Immer wieder wird der Leser dann zu Wertungen, Feststellungen, Überlegungen oder Verallgemeinerungen geführt, zu Haltepunkten im erzählenden Text, wo er für sich die Frage des Buches - „Sterben in Würde?“ - neu beantworten kann. Man wird mit dem Prozeß des Sterbens in seinen verschiedenen Möglichkeiten und Abläufen bekannt gemacht, sachlich und doch nicht distanziert, weil man über dieses Thema wohl schwerlich mit Distanz schreiben kann, ist es doch eine alle Menschen verbindende Erfahrung.

Man muß nicht immer mit Positionen des Autors übereinstimmen, so wenn er recht abrupt den Freitod als das fast immer Falscheste, was man tun kann, definiert. Andererseits nimmt man ihm auch harte Worte ab, da sie Ergebnis einer überzeugenden Argumentation sind, so wenn er feststellt, daß es bei der Alzheimerschen Krankheit kein Sterben in Würde geben könne, denn sie sei ein Willkürakt der Natur und treffe den Kranken in seinem ganzen Menschsein.

Im abschließenden Kapitel „Was wir lernen können“ macht der Autor nachdrücklich auf die heute vorherrschende Ächtung des Todes durch die Gesellschaft und eine fehlende Kultur des Sterbens aufmerksam. Während in den USA 1949 erst rund 50 Prozent der Menschen in Krankenhäusern starben, sind es heute 80 Prozent. Dabei sei nachweislich die häusliche Betreuung Sterbender entscheidend für einen humaneren Tod. Nuland fordert, daß „der Sterbende im Drama des Todes als Hauptfigur wieder ganz in den Mittelpunkt rücken“ muß. Seine Antwort auf die durchgängig gestellte Frage nach dem Sterben in Würde lautet abschließend: „Ein Sterben in Würde ist am ehesten dann möglich, wenn ihm ein würdevolles Leben vorangegangen ist. Diese Hoffnung, die beständigste von allen, steht allen Menschen offen.“

 

Berliner LeseZeichen, Ausgabe 05/97 (c) Edition Luisenstadt, 1997  www.berliner-lesezeichen.de  

 

 

Schlimm sterben?   Eine Rezension von Björn Berg

Nuland: Wie wir sterben. Ein Ende in Würde?     Ausgabe 01/97    Berliner-Lesezeichen.de 

 

Es wird Schindluder getrieben mit dem Sterben. Auf Leinwand und Bühne, im Buch wie im Leben. Weil wir schlecht mit dem Sterben umgehen, leben wir schlecht. Wir tun so, als seien wir tausend Jahre da, obwohl unser Dasein nur wenige Jahrzehnte währt. Täglich im Bewußtsein des Todes zu leben würde bedeuten, täglich bewußter zu leben. Der Tod wäre dann nicht die Tragödie. Er wäre Teil des Lebens. In dem wäre das Sterben nicht so schrecklich, wie es schrecklich gemacht wird.

„Niederschmetternd“ nennt der Arzt Sherwin B. Nuland das Sterben. Nicht den Tod. Der Professor der Yale University brachte zu Papier, was ihm an Niederschmetterndem in Familie und Praxis widerfuhr. Nuland ist nicht genötigt, mit geheucheltem Mitleid zu handeln. Spricht er darüber, „Wie wir sterben“, spricht er von Erlebnissen, die zu Erfahrungen wurden. Der Mediziner weiß, daß nur weiß, wer fühlt. Gefühle, die zu den Lebensgeschichten gehören, haben Vorrang in den Schilderungen des Autors vom Sterben.

Sterbezeit ist Gefühlszeit, ist starke, bestärkende Zeit bestärkender, starker gefühlsmäßiger Bindungen und Beziehungen. Für den lebens-sterbens-erfahrenen Arzt ist der Sterbende fühlender und gescheiter, der gescheitere Fühlende. Seine Sterbens-Lebens-Signale sind leise. Deshalb werden sie von den eiligen Lebenden kaum wahrgenommen. Die Unfähigkeiten der Agilen, Dynamischen, Vorwärtsdrängenden und Verdrängenden machen für alle schwer, was alle für sich nicht schwer wollen: das Sterben. 

Der fühlend-mitfühlende Nuland erklärt den Tod nicht zum Feind des Lebens. Der Feind des Lebens heißt Krankheit. Der Krimi jeden Lebens ist der lebenslange Kampf gegen Krankheit. Der so denkende und dementsprechend konkret und konsequent handelnde Arzt scheut die ständige Korrespondenz mit dem Sterben nicht. Er teilt nicht die Sucht seiner Kollegen, Leben um des Lebens willen zu halten. Er kennt die Miseren und Mängel der Mediziner, denen der Respekt vor dem Sterben abhanden gekommen ist. Er mißbilligt die Haltung der Mediziner, die handeln, als würden sie den Tod überwinden.

Sherwin B. Nulands Schrift ist klüger, redlicher, persönlicher als andere, weil er nicht über das Sterben, sondern vom Sterben spricht. Er verzichtet nicht darauf, Fall-Beispiele zu zitieren. Er nutzte diese Methode der Wissensvermittlung und -verbreitung, um soviel wie möglich von der Lebensgeschichte zu berichten, die eine Sterbensgeschichte erst verständlich macht. Sich dem Sterben zu stellen bedeutet für Nuland, sich vorrangig um das „lange Vorstadium des Sterbens“ zu kümmern. Der Autor wird zum Erzähler, wenn er schildert, wie die Lebenskraft seiner Großmutter versiegte. Die autobiographischen Äußerungen fassen am direktesten und deutlichsten zusammen, was dem Arzt wichtiger wurde als alle Fachkenntnisse.

Es ist die Lebenskenntnis, die zum Bekenntnis führt, daß jedes Sterben so persönlich ist wie die Biographie. Das zu wissen und zu berücksichtigen heißt, wie der Autor sagt, „das Sterben zu entmythologisieren“. Heißt auch, das Sterben eine Erfahrung sein zu lassen, die alle Menschen miteinander verbindet. Das gute, große Gefühl des Miteinanders schürt Nuland mit jeder Seite seines Buches. Indem er dem Sterben die Anonymität nimmt, mindert er die Ängste vor dem Sterben. „Ein Ende in Würde?“, wie der Untertitel fragt, wird möglich, wenn mit Würde, also mit Respekt vor dem Ende, mit der Respektierung endenden Lebens Leben beschlossen wird. Nuland nennt das Sterben beim Namen. Er bannt und verbannt es nicht. Sterben ist nichts Schandbares. Schandbar ist, wie wir schlimmem Sterben Vorschub leisten. Sherwin B. Nuland treibt mit dem Sterben kein Schindluder.

 

 

 

^^^^

(Ordner)   www.detopia.de