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Im September 1978 öffnet sich das schwere Gefängnistor der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf, und ein gesicherter PKW verläßt das Gefängnisgelände. Darin sitzen eine junge Frau und zwei BKA-Beamte. Karin S. ist auf dem Weg zu einer Verabredung. Abgesehen von den Fahrten zum Verhör im BKA-Hauptquartier in Bad Godesberg ist es das erste Mal nach über einem Jahr, daß sie sich wieder außerhalb des Gefängnisses bewegen darf.

Bevor sie das Gefängnis verlassen, haben ihr die beiden Beamten gesagt, daß sie sofort schießen werden, wenn die Gefangene den geringsten Versuch unternimmt zu fliehen.

Die Beamten begleiten Karin S. zum Botanischen Garten in Köln. Dort wird sie, zum ersten Mal nach 16 Monaten, ihre Tochter wiedersehen. Die hat in wenigen Wochen ihren 13. Geburtstag. Wie wird sie auf die Mutter reagieren? Durch die lange Haft hat sich Karin S. sehr verändert. Man sieht ihr zu dieser Zeit nicht mehr an, daß sie erst 31 Jahre alt ist. Sie ist ein psychisches und physisches Wrack, wiegt kaum mehr 80 Pfund. Da sie kein Geld hat, kann sie sich den Friseur, den sie sich inzwischen bestellen dürfte, nicht leisten und auch keine Kosmetika. Sie besitzt nicht einmal einen Lippenstift. Dennoch mag sie die Mutter, die einmal im Monat extra aus Hamburg kommt, um sie zu besuchen, nicht um Geld bitten. Und sonst kommt niemand.

Sie hat lange um diese »Ausführung«, wie man einen bewachten Ausgang in der Sprache des Strafvollzugs nennt, gekämpft. Sie wollte die Tochter endlich wiedersehen, aber auf keinen Fall innerhalb des Gefängnisses. Das hätte die Legende, die ihr geschiedener Mann mit ihrem Einverständnis der Tochter gegenüber aufgebaut hat, zerstört. Nach dieser Version ist Karin S. sehr krank und muß eine langwierige Kur absolvieren. In diesem Sinne hat sie auch ihre Briefe an Silke verfaßt. Kein Wort über den wahren Grund ihres plötzlichen Verschwindens. Sie weiß nicht, wie Silke auf all diese Veränderungen reagiert hat.

Bevor ihr geschiedener Mann diesem Besuch zustimmte, stellte er zwei Bedingungen: Erstens will er während der gesamten Besuchszeit anwesend sein; zweitens wird er die Begegnung zwischen Mutter und Kind sofort abbrechen, wenn Karin S. auch nur eine Träne vergießt und das Kind aufregt.

Die Gefangene und ihre Wächter erreichen den Treffpunkt, das Eingangstor des Botanischen Gartens, und steigen aus. Sie müssen einige Minuten warten. Dann kommt das Kind mit seiner Begleitung. Karin S. erstarrt. Sie steht nicht nur dem Kind und ihrem geschiedenen Mann gegenüber, sondern auch dessen neuer Ehefrau. Es ist wie ein Alptraum: Karin S. sieht eine Familie mit Vater, Mutter, Kind vor sich und weiß bei diesem Anblick plötzlich nicht mehr, wer sie selber ist in diesem Spiel, in dem alle Rollen längst besetzt scheinen.

Die neue Frau des Mannes ist modisch gekleidet, gepflegt und gut frisiert. Karin S. weiß, wie sie selber aussieht, und fühlt sich gedemütigt. Schon zum zweiten Mal siegt die Rivalin über sie. Jetzt ist sie auch noch zur zweiten Mutter ihrer Tochter geworden.

Man begrüßt sich. Karin S. hofft, daß die Frau sich endlich entfernt und sie die restliche Besuchszeit mit ihrem Ex-Mann und der Tochter allein läßt. Aber das tut sie nicht. Sie bleibt. Karin S. sucht nach unverfänglichen Gesprächsthemen mit der Tochter, fragt nach der Schule, den Freundinnen. Diese Begegnung ist auch für die Tochter, die die Spannungen spürt, nicht einfach. Die Mutter ist ihr fremd geworden.

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Sie gehen spazieren. Vorweg die beiden Beamten, dann folgen Karin S. und ihre Tochter, zuletzt ihr geschiedener Mann und seine neue Frau. Alle, die Bewacher, der Mann und die Frau, bemühen sich, in Hörweite von Karin S. und dem Kind zu bleiben. Sie kann kein unbelauschtes Wort mit der Tochter sprechen.

Dann schlägt der Mann vor, im Restaurant des Parks gemeinsam essen zu gehen, und bittet die beiden Beamten dafür um Erlaubnis. Karin S. hofft, daß sie es verbieten. Aber die Beamten stimmen zu. Jede Minute wird für Karin S. zur Qual. Aber sie vergießt keine einzige Träne. Nur das Zittern der Hände kann sie nicht unterdrücken. Vor allem diesen Eindruck nimmt das Kind von der Mutter mit, wie sie der Großmutter einige Tage später erzählen wird.

Irgendwann ist die Besuchszeit zu Ende. Als sie sich verabschieden, drückt ihr geschiedener Mann ihr eine Schachtel Zigaretten in die Hand. Das ist die bitterste Erniedrigung an diesem Nachmittag. Insgeheim gibt sie diesem Mann die Schuld an allem, was geschehen ist. Ihr Untergang begann, so sieht sie es, in dem Moment, als ihr Ehemann sie betrog und schließlich verließ. Da zerbrach ihr ohnehin schwaches Selbstvertrauen, und sie wurde zur leichten Beute von Macht-Strategen, die ihre Netze nach ihr auswarfen, in denen sie sich fast widerstandslos verfing. Es war nicht ihre Schuld. Daran hält sie sich fest.

In Kürze wird ihr Prozeß beginnen. Sie weiß nicht, wie sie die öffentliche Zurschaustellung ihrer innersten Empfindungen, die ja schließlich zum strafbaren Delikt führten, ertragen soll. In den Verhören hat sie alles zugegeben. Die Beamten waren nicht unfreundlich, aber von einer unerbittlichen Konsequenz. Sie hat ihr Schweigen, die Person Herbert Schröter betreffend, nur kurze Zeit durchgehalten. Dann brach sie zusammen. Die Beamten fielen aus allen Wolken, als sie nun aussagte, daß sie aus Liebe Verrat begangen habe. Bis dahin hatte man nichts von ihrer Verbindung zu demselben Romeo gewußt, der schon Gerda O., deren Prozeß ebenfalls in Kürze anstand, zur Spionin gemacht hatte. Ihre Aussage war eine Sensation.

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Doch seit sie rückhaltlos über die Hintergründe ihrer Spionagetätigkeit ausgesagt hat, alles darüber berichtete, wie sie Herbert Schröter kennenlernte, sich in ihn verliebte, wie er Macht über sie gewann und daß sie schließlich aus Liebe zu ihm spionierte, quälen sie schreckliche Schuldgefühle — Herbert gegenüber. Hat sie ihn damit nicht verraten? Hat er sie vielleicht doch geliebt?

Der Zauber wirkt immer noch.

Die Zeit, die ihrer Unterschrift unter die Verpflichtungserklärung für die HVA im Herbst 1973 folgte, ist eine sehr glückliche. Der Alltag hat sich nicht verändert, sie tippt weiterhin die Bänder des vermeintlichen Schriftstellers F. ab, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Aber alle 14 Tage fliegt sie nach Berlin-Tempelhof und nimmt die S-Bahn zum Bahnhof Friedrichstraße. Inzwischen besitzt sie eine Kennkarte. Damit braucht sie nun kein Tagesvisum mehr zu beantragen, sondern kann den Kontrollposten problemlos durch den Diplomateneingang passieren. Am Bahnhof Friedrichstraße wartet stets Herbert Schröter mit dem Auto und einem Fahrer, und sie fahren zu einer wunderschönen Villa in Berlin-Schöneiche. Dort werden sie wie immer von einer Frau empfangen, die allein dafür da ist, Karin S. den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Sie hat den Auftrag, der jungen Frau alle Wünsche zu erfüllen. Sie kocht die Speisen, die Karin S. sich wünscht, besorgt Wein, Whiskey, bügelt ihre Garderobe, wenn ein Konzert- oder Theaterbesuch ansteht. Es sind Wochenenden, an denen Karin S. das Leben einer großen, verwöhnten Dame führt. Es ist ihr allerdings von Anfang an streng verboten, sich mit dieser Frau zu unterhalten. Sie soll ihr gegenüber nur ihre Wünsche äußern, kein Wort mehr. Das geschehe zu ihrer eigenen Sicherheit.

Während dieser Wochenenden lebt sie mit Herbert in diesem großen Haus, als wären sie ein Ehepaar. Es bleibt viel Zeit für die Liebe. Dann spazieren sie in dem weiträumigen Park, der das Haus umgibt, gehen aus. Regelmäßig kommen sogenannte »Freunde«, drei oder vier Männer, die in Wahrheit Führungsoffiziere der HVA sind. Es sind immer dieselben, und allmählich werden sie ihr vertraut. Man ißt zusammen, spielt Skat. Eine große herzliche Familie. 

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Natürlich wird sie während dieser Tage auch geschult. Sie lernt chiffrieren, dechiffrieren, fotografieren, und man bringt ihr die Grundregeln konspirativen Verhaltens bei. Noch weiß sie nicht, wofür sie das alles lernen soll. Niemand hat bisher mit ihr über einen konkreten Auftrag gesprochen.

Herbert Schröter spielt an diesen Wochenenden nur die Rolle des liebenden Gefährten, niemals die des Instrukteurs wie bei Gerda O. Dabei macht er immer wieder deutlich, daß er ein überzeugter Bürger der DDR ist, daß er an den Sozialismus glaubt. Aber das sagt er ihr quasi als Privatmann, als Mensch, nicht als Kader. Denn wenn es um ihre zukünftige Tätigkeit, um ihr Training in Sachen Konspiration geht, hält er sich völlig heraus. Er zeigt sich ausschließlich als Liebender, der selbst in der Pflicht gegenüber den Führungsoffizieren steht. Das hat Vorteile, wie sich später zeigen wird.

Irgendwann versucht man, sie auch ideologisch zu schulen. Man bringt das Gespräch auf Systemfragen, greift den Kapitalismus an. Und preist den Kommunismus als einzigen Garanten des Weltfriedens. Man lobt sie, daß sie in Zukunft das Ihre für den Sieg des Kommunismus beitragen werde. Die Führungsoffiziere sprechen davon, daß man sie gern zur ideologischen Schulung nach Moskau schicken würde. Da aber reagiert sie ablehnend. Politik interessiert sie nicht, und das äußert sie auch ganz eindeutig. So sieht man davon ab, sie in dieser Weise zu beeinflussen. Sicherlich ungern. Denn man ist sich der Unwägbarkeiten der rein emotionalen Handlungsmotivation bewußt. Was, wenn die Liebe einer Frau zu ihrem Romeo eines Tages erlischt? Daher versucht man immer wieder, die Frauen auch ideologisch zu motivieren, um einen zweiten effektiven Zugriff zu haben, wenn die Liebe versagt. Das gelingt nur ganz selten, wie zum Beispiel im Fall Gerda O. Ansonsten sind die meisten der auf diese Art gewonnenen Frauen völlig apolitisch.

Mit welcher Realität sich die Menschen in der DDR auseinandersetzen müssen, davon nimmt Karin S. kaum Notiz. Die Villa in Schöneiche ist wie ein Ort im Niemandsland, ihr Paradies. Ansonsten kennt sie nur einige Restaurants und Hotelbars. Es dauert nicht lange, bis sie bemerkt, daß Herbert Schröter und sie geistig in völlig verschiedenen Welten leben.

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Sie liest viel, liebt das Theater und die Oper. Auf Wunsch besorgt man ihr Eintrittskarten für jede Vorstellung, die sie interessiert. Herbert begleitet sie natürlich, aber er langweilt sich dabei, was ihr nicht entgeht. Seine Bedürfnisse sind schlichter. Er geht am liebsten tanzen. Ein wenig stört sie das intellektuelle Gefälle zwischen ihnen, aber vielleicht ist das gerade das Befreiende: Dieser direkte, virile Mann, dem keinerlei geistige Verfeinerungen im Wege stehen, wenn es um die Erfüllung seiner Bedürfnisse geht, befreit auch sie von ihren Hemmungen. Außerdem zeigt er ihr gegenüber einfühlsame Väterlichkeit, weiß ihr Selbstvertrauen zu stärken, nimmt sie ernst.

Wenn sie beide über Karins zukünftige Spionagetätigkeit sprechen (natürlich wird das nie so genannt, sondern immer umschrieben), verspricht er ihr, daß sie nur von kurzer Dauer sein wird. Höchstens zwei Jahre lang soll sie für seinen Staat, hinter dem er mit voller Überzeugung steht und dem er viel zu verdanken habe, wie er sagt, Kundschafterarbeit tun, um den Frieden sichern zu helfen. Dann aber wird sie zusammen mit ihrer kleinen Tochter zu ihm in die DDR übersiedeln, und sie werden für immer als Familie zusammenleben. Das ist die glücklichste Zukunftsperspektive, die sie sich vorstellen kann. Die DDR schreckt sie nicht. Sie hat ohnehin keine Ahnung vom wirklichen Leben in diesem Land. Außerdem würde sie ihm überallhin folgen, wenn sie nur bei ihm sein kann.

Allmählich äußern die Führungsoffiziere deutlicher, was sie von ihr erwarten. Karin S. soll sich als Sekretärin auf einen interessanten Posten beim Auswärtigen Amt in Bonn vorbereiten, und das bedeutet, daß sie dringend ihre Steno- und Schreibmaschinenkenntnisse verbessern, aber auch Sprachkurse in Englisch und Französisch belegen muß. Denn die Einstellungstests beim Auswärtigen Amt sind sehr anspruchsvoll.

Zurück in Hamburg, beginnt für sie ein hartes Arbeitsprogramm. Sie verdient weiterhin ihr Geld mit Schreibarbeiten zu Hause, doch daneben belegt sie Intensivkurse in Englisch, in Stenografie und Maschineschreiben. Man hat ihr Geld für ihren Unterhalt angeboten, aber sie nimmt nur so viel an, wie sie für die Kursgebühren braucht, die sie sonst nicht bezahlen könnte. Sie wiederholt, was sie immer auf diese Angebote antworten wird: »Ich will kein Geld für Liebe.«

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Im Jahr 1974 wird ihre Ehe geschieden. Das geschieht auf Wunsch des Mannes, der seine Sekretärin jetzt heiraten möchte. Karin S. hat zugestimmt. Die Liebe zu Herbert Schröter hat den Schmerz über ihre gescheiterte Ehe fast ausgelöscht. Der Mann wird schuldig geschieden, denn noch gilt das alte Scheidungsrecht mit seinem Schuldprinzip. Karin S. bekommt das Sorgerecht für die Tochter. Die regelmäßigen Unterhalts Zahlungen, zu denen ihr Mann nun verpflichtet ist, erleichtern den Alltag der jungen Frau endlich ein wenig.

Nun folgt die nächste Etappe auf dem Weg in ihr neues Doppelleben. Sie muß ihren Umzug nach Bonn vorbereiten, sich dort eine Wohnung und einen Übergangsjob suchen, bevor sie sich dann beim Auswärtigen Amt bewerben wird. Das setzt allerdings voraus, daß sie die Hände völlig frei hat. Sie kann — so sagen ihre Führungsoffiziere — ihre Tochter unmöglich bei sich behalten und gleichzeitig das umfangreiche Anfangspensum bewältigen. Mit anderen Worten: Sie soll das Kind in ein Internat geben.

Karin S. ist schockiert. Wie kann sie einfach ihr Kind weggeben, das jetzt neun Jahre alt ist und um dessen Liebe sie ohnehin ständig kämpfen muß? Zum ersten und zum letzten Mal probt sie den Aufstand gegen ihre Führungsoffiziere. Sie verweigert die Trennung von ihrem Kind. Man darf ihr gegenüber keinen Druck ausüben und redet lange ruhig und verständnisvoll auf sie ein. Wenn man freundlich und sanft zu ihr ist, dann wird sie alles tun, was man von ihr verlangt. Das wissen die Genossen längst. Aber das mächtigste Instrument ist Herberts anerkennendes Lächeln, als sie endlich nachgibt. Karin S. stellt allerdings zwei Bedingungen: Sie besteht darauf, das Internat selbst auszusuchen, und sie wird die Tochter sofort zurückholen, sobald sie eine für die entsprechenden Zwecke geeignete Stelle in Bonn gefunden hat.

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Bei ihren Besuchen in Ostberlin wird nun die konspirative Schulung intensiviert. Schwerpunkt ist ein umfassendes Gesprächstraining. Was sagt sie, wenn Bekannte, Freunde, ihre Mutter fragen, warum sie nach Bonn will? Wie reagiert sie, wenn jemand ihr überraschend eine unangenehme oder gefährliche Frage stellt? Mit welchen Geschichten führt sie sich in Bonn bei künftigen Bekannten oder Kollegen ein? Was antwortet sie auf Fragen nach ihrem Privatleben?

Sie bereitet das Kind auf den Umzug und auf das Internat vor. Dann besorgt sie sich Unterlagen über die besten Schweizer Internate und tritt eine ausgedehnte Reise an, um die Schulen zu überprüfen. Sie hat große Schuldgefühle gegenüber der Tochter und will, daß es ihr dort so gut wie möglich geht und daß der Trennungsschmerz des Kindes wenigstens durch eine ausgezeichnete Schulbildung kompensiert wird. Schließlich hat sie das richtige Internat, eine internationale Schule in der Nähe von Montana, gefunden und meldet die Tochter an. An Silkes Geburtstag, im Oktober 1974, bringt Karin S. ihre Tochter in die Schweiz.

Die Hälfte der Schulkosten bezahlt das Ministerium für Staatssicherheit, die andere Hälfte sie selbst. Sie nimmt auch jetzt nur so viel Geld von der Ostberliner Zentrale an, wie sie unbedingt braucht.

Dann beginnt sie, ihre Hamburger Wohnung aufzulösen. Auch hier hat sich eine gute Lösung gefunden. Der freundliche Peter F., dessen wahre Identität als »Tipper« für das Ministerium für Staatssicherheit sie natürlich noch immer nicht kennt, hat sich angeboten, ihr den gesamten Hausrat abzukaufen, und er macht ihr einen erstaunlich guten Preis. Sie ist ihm auch noch dankbar dafür.

In Bonn hat sie fürs erste ein möbliertes Zimmer gemietet, und sie hat einen Job als Sekretärin eines Universitätsprofessors gefunden. Der Mutter hat sie als Grund für den Wohnortwechsel erzählt, sie wolle nach ihrer Scheidung einen Schnitt machen, ein ganz neues Lebenskapitel aufschlagen. Und Bonn biete ihr sicher gute berufliche Chancen. Das klingt einleuchtend, auch für die Mutter. Und so erklärt sich auch die vorübergehende Unterbringung des Kindes im Internat, was die Mutter zunächst mit völliger Verständnislosigkeit und mit Vorwürfen quittiert hat — Salz in die Wunden von Karin S.

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Die Anfangszeit in Bonn ist trostlos. Zwar ist ihre Arbeit interessant, die Atmosphäre im Institut und die Zusammenarbeit mit dem Professor sehr angenehm. Aber sie kennt keinen Menschen in der Stadt und lebt völlig vereinsamt in ihrem möblierten Zimmer. Abends paukt sie Steno, Maschineschreiben, Englisch, Französisch. Dann sucht sie, wie von Ostberlin gewünscht, um eine Anstellung beim Auswärtigen Amt nach. Man lädt sie zum Aufnahmetest ein. Doch ihre Bewerbung scheitert an noch ungenügenden Kenntnissen in Stenografie. Nun übt sie auftragsgemäß noch härter.

Fast jedes Wochenende fährt sie in die Schweiz, um Silke zu besuchen. Die leidet schrecklich unter Heimweh, schreibt herzzerreißende Briefe. Deshalb bleibt kaum Zeit, um Herbert Schröter in Ostberlin zu treffen. Die Einsamkeit, die Trennung von ihm verkraftet sie nur schwer. Aber es ist der einzige Weg, irgendwann endgültig mit ihm zusammenleben zu dürfen, und so bezwingt sie ihre Ängste vor dem, was auf sie zukommt.

Bei ihrer Arbeit hat sie natürlich auch Kontakt mit den Studenten des Professors. Einer von ihnen, der als Doktorand bei ihrem Chef seine Promotion vorbereitet, hat sich Hals über Kopf in sie verliebt und umwirbt sie. Das amüsiert sie, ernst nimmt sie es nicht. Alle ihre Gefühle und Gedanken gelten Herbert. Beim nächsten Besuch in Ostberlin erzählt sie ihm nebenbei von ihrem Verehrer. Zu ihrer Verwunderung nimmt Herbert die Geschichte ernst, und zwar auf eine Weise, die sie zunächst tief schockiert. Er erklärt ihr, daß sich sicher alle ihre Kollegen und Bekannten wunderten, daß eine so schöne, junge Frau wie sie keinen Freund oder Verehrer hat, und daß das leicht den Verdacht erregen könne, irgend etwas stimme nicht mit ihr. Er mache sich deshalb schon länger Sorgen um sie. Und dann legt er ihr behutsam nahe, dem Drängen des jungen Mannes doch nachzugeben, selbstverständlich einzig und allein zu ihrer Sicherheit. Natürlich sei so ein Verhältnis für ihn, Herbert, sehr schmerzlich, und sie solle ihm niemals Einzelheiten darüber erzählen. Aber er liebe sie zu sehr, um sie durch seine Eifersucht zu gefährden.

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Sie ist verletzt — und gleichzeitig tief beeindruckt von so viel Großmut. Vermutlich hat man in Ostberlin längst auf eine Gelegenheit gewartet, ihr eine solche Tarnung nahezulegen. Denn man hat inzwischen viel Geld und Logistik in diese »perspektivische Quelle« investiert und muß alles tun, damit sie - so gut abgesichert wie möglich - bald reiche Ernte bringt.

Inzwischen ist auch Herbert Schröters Ehe mit Gerda O. geschieden. Bei ihren Besuchen in Ostberlin hat man Karin S. gesagt, daß längst ein Einfamilienhaus für sie und Herbert in der DDR bereitstehe für ihr zukünftiges, gemeinsames Leben. Man malt es ihr in den schönsten Farben aus. Dieses Bild leitet sie durch das Grau des Alltags, durch ihre Ängste und Zweifel, und es führt auch dazu, daß sie Herberts Drängen, sich mit einer Liebesbeziehung zu dem Doktoranden zu tarnen, nun nachgibt. Es ist ihr furchtbar, mit dem jungen Mann ein Verhältnis einzugehen. Sie findet ihn nicht sonderlich anziehend, und sie haßt es, ihn so zu belügen. Aber sie tut es um der Zukunft mit Herbert willen. Dafür würde sie noch viel mehr tun.

Nun hat sie auch einen Begleiter durch den Alltag, der sie von der Arbeit abholt, mit dem sie ausgehen kann. Aber den Gedanken, daß sie diese Beziehung aus purer Berechnung eingegangen ist, muß sie mit aller Macht verdrängen. Das verstößt gegen sämtliche Tabus ihrer Erziehung und auch zutiefst gegen ihr Selbstverständnis.

Eines Tages liest sie in der Zeitung die Stellenausschreibung für einen Sekretärinnenposten im Bundeskanzleramt. Ohne jede Rücksprache mit Ostberlin bewirbt sie sich und bekommt die Stelle. Sie unternimmt diesen Alleingang, weil sie die Wartesituation nicht mehr aushält und das hinter sich bringen will, worauf sie nun seit eineinhalb Jahren vorbereitet wird. Sie will, daß endlich der Zeitraum näher rückt, wo sie nach getanem Auftrag ein gemeinsames Leben mit Herbert beginnen darf.

Ihre Führungsoffiziere sind aufgebracht. Alles war darauf ausgerichtet, daß Karin S. ins Auswärtige Amt eingeschleust wird, wo das heißeste Material für Spionagezwecke zu finden ist. Aber nun kann man sie nicht mehr zurückziehen, ohne unnötig Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Und das Kanzleramt verheißt natürlich auch äußerst brisante Informationen.

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Sie muß die übliche Sicherheitsprüfung durchlaufen, aber die ist so lasch, daß sogar der Richter in ihrem Prozeß dem Amt diesbezüglich eine herbe Rüge erteilt. Karin S. wird als Sekretärin in der Abteilung II für »Auswärtige und innerdeutsche Beziehungen und äußere Sicherheit« eingestellt. Hier werden unter anderem Vorlagen für Staatsbesuche von Bundeskanzler Helmut Schmidt erstellt, aber auch Weisungen an die Ministerien erteilt. Karin S. tritt ihre Stelle am 1. November 1975 an. Bereits zwei Wochen später erhält sie Zugang zu den Verschlußsachen der Stufe »Geheim«, und nach weiteren vier Wochen rückt sie in eine Schlüsselstellung im Referat für bilaterale Beziehungen in Westeuropa auf. Anlaß zum Jubel in Ostberlin.

Die Führungsoffiziere hatten sie darauf vorbereitet, daß sie jetzt auf keinen Fall mehr nach Ostberlin reisen darf. Man weiß nicht, wie scharf ihre Überprüfung von Amts wegen ist. Herbert Schröter kann sie aus Sicherheitsgründen daher nur noch im Ausland treffen. Das wird in Zukunft meist in Österreich, manchmal in der Schweiz und sehr selten geschehen. Auch das wußte sie, und sie tröstet sich mit dem Gedanken an die Zukunft.

Gleich nach Antritt ihrer Stelle macht sie ihr Versprechen wahr und holt ihre Tochter aus dem Schweizer Internat wieder zu sich. Sie hat inzwischen eine Dreizimmerwohnung im Bonner Stadtteil Pützchen gefunden und eine Schule für Silke. Es ist ein Halbinternat, das heißt, die Tochter verbringt dort auch den Nachmittag. So ist sie während der Arbeitszeit versorgt. Die Beziehung zwischen ihr und der Mutter hat sich nicht verbessert. Karin S. hat als erstes das Zimmer der Tochter ausgestattet. Sie hat ihr Spielsachen gekauft, schöne Kleider. Sie kämpft um die Liebe des Kindes. Das Mädchen aber sehnt sich nach dem Vater, bei dem es zwar die Ferien verbringen darf, den es aber zwischendurch kaum mehr sehen kann. Hamburg ist zu weit entfernt. Es gefällt ihr, was der Vater ihr alles bieten kann: ein schickes Auto, eine große, schöne Wohnung, und er besitzt ein altes, wunderbar restauriertes Bauernhaus in Tirol, wo sie ihn besuchen darf.

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Auch aus diesem Grund ist der Alltag für Karin S. ein einziger Kampf. Morgens macht sie das Kind fertig, schickt es in die Schule, die in der Nähe der Wohnung liegt. Dann fährt sie mit dem Bus ins Büro. Sie hat kein Auto, obwohl ihr die Ostberliner Zentrale längst angeboten hat, für die Kosten aufzukommen.

Das Büro im Kanzleramt teilt sie mit einer Kollegin. Die beiden Frauen verstehen sich gut. Überhaupt herrscht ein angenehmes Arbeitsklima, auch was ihren Chef, den Ministerialdirektor Jürgen Ruhfus betrifft. Mittags ißt sie mit ihrer Kollegin in der Kantine, oder sie gehen gemeinsam zum Einkaufen in die Stadt. Daß sie alle ihre Kollegen und Vorgesetzten täuscht und belügt, verdrängt sie, so gut es geht.

 

Weder Herbert noch einer der Führungsoffiziere haben ihr Anweisungen gegeben, nach welchem Material sie Ausschau halten soll. Man läßt ihr völlig freie Hand bei der Auswahl. Bei ihrem letzten Besuch wurde ihr eine Kamera vorgeführt, so klein wie eine Streichholzschachtel, mit der sie die Dokumente fotografieren soll. Aber sie weigert sich. Ihr Büro ist an allen Seiten verglast, außerdem arbeitet sie darin nicht allein. Sie hat sich für ein anderes System entschieden. Wenn es um Texte oder Briefe geht, die sie selber tippt, macht sie einfach einen Durchschlag mehr. Wenn es Material ist, von dem sie Kopien herstellen lassen muß, vermerkt sie auf dem Auftragsschein einfach ein Exemplar zusätzlich. Original und Auftragsschein schickt sie per Hausrohrpost zur Kopierstelle. Die schickt die Kopien dann auf demselben Weg zurück. Jedes Mal, wenn Karin S. die Lieferung einige Räume weiter abholen muß, zittert sie. Sollte nur einmal jemand den von ihr bestellten Stapel in die Hände bekommen und sehen, daß er ein Exemplar mehr als nötig enthält, kann ihr das den Hals brechen. Die Papiere trägt sie nach Arbeitsschluß am Körper versteckt am Pförtner vorbei. Sehr oft wartet ihr Freund, der Doktorand, vor dem Amtsgebäude. Wenn sie kommt, wundert er sich stets über ihre Blässe und Aufgeregtheit. Meist dauert es eine Viertelstunde, bis sie wieder in der Verfassung ist wie sonst. Zur Erklärung sagt sie, der Streß sei heute im Büro zu groß gewesen.

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Seit sie im Kanzleramt arbeitet, hat man ihr das Agentenpaar G. zur Betreuung zugewiesen. Beide stammen aus der DDR und waren 1974 unter falscher Identität in die Bundesrepublik eingeschleust worden. Hier leben sie bürgerlich getarnt unter den Namen Anthony und Jutta Roge. Peter G. fungiert als Kurier, Gudrun G. hat die psychologische Betreuung von Karin S. übernommen und hält ihre Genossen in Ostberlin genau auf dem laufenden über den mentalen und psychischen Zustand ihrer »Quelle«. Karin, die zwar um die Funktion der Residenten* weiß, empfindet Gudrun dennoch in erster Linie als ihre beste Freundin, der sie alles anvertraut. Sie ist ihr um so unentbehrlicher, als sie der einzige Mensch ist, dem gegenüber sie sich mit ihren Sorgen und ihrer schwierigen Liebe zu Herbert Schröter offenbaren darf.

 

Das Paar besucht sie regelmäßig in ihrer Wohnung, um die Papiere zu übernehmen. Peter G. bittet sie stets noch um die Erfüllung einer weiteren Aufgabe. Sie soll ihm die inneren Strukturen und Abläufe im Kanzleramt schildern, und — darauf legt er am meisten Wert — er will Berichte über ihre Kollegen und die Leute, die sie im Amt kennt: Äußerlichkeiten, Eigenschaften, private Details, Kompromittierendes, einfach alles, was ihr zu diesen Personen einfällt. Solche Informationen sind für das MfS nicht zu unterschätzen. Man kann durcf) sie geeignete »Tips« auf mögliche »perspektivische Quellen« erhalten, so wie Karin S. einst eine war; aber vielleicht erhält man dadurch auch Kenntnis über dunkle Flecken auf den weißen Westen von Mitarbeitern, die man sich dann durch Erpressung nutzbar machen kann. Karin S., der die Tragweite ihrer Berichte sicher nicht klar ist, erfüllt gerade diese Aufträge besonders gut. Sie hat schon immer gern Leute beobachtet und sie in detailgenauen Porträtskizzen charakterisiert. Die Schilderungen hört sich Peter G. während seiner Besuche an, macht sich Notizen und übermittelt sie nach Ostberlin. Diese Berichte wird man ihr später vor Gericht besonders negativ ankreiden.

 

* Ein Resident leitete ein Netzwerk inoffizieller Mitarbeiter (Residentur) im »Operationsgebiet«. Auf diese Weise konnte man schnell auf aktuelle Fragen reagieren und auf die zeitraubende und gefährliche Kommunikation zwischen MfS und den einzelnen IM verzichten.

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Nach langen Monaten trifft sie Herbert in Wien, wo sie wenige glückliche Tage und Nächte mit ihm verbringt. Alle Ängste, alle Zweifel sind vergessen, als Herbert ihr anerkennend zulächelt und sagt, was für eine hervorragende Kundschafterin sie sei und wie sehr die Zentrale von ihrer Arbeit angetan ist. Ganz schnell werde die Zeit verfliegen, bis sie endgültig Zusammensein können. Sein Lächeln ist ihr größter Lohn. Denn das verratene Material ist ihre Liebesgabe, ihr Opfer, das Zeugnis ihrer vorbehaltlosen Liebe. Auch wenn sie es nicht versteht, sie weiß, wie tief seine sozialistische Überzeugung ist, wie sehr er mit Zähnen und Klauen sein Land gegen jeden Einwand verteidigt und rechtfertigt. So wie andere Frauen dem Geliebten etwas Kostbares schenken oder ihm den Alltag verschönern, so spioniert sie für ihn, um ihm eine Freude zu machen, in einer Beziehung, in der es keine normalen Alltagsgeschenke geben kann.

Aber zurück in Bonn, empfindet sie ihre Situation von Tag zu Tag quälender, vermißt sie Herbert Schröter immer mehr. Ihr Freund, der Doktorand, ist ihr oft nicht Schutz, sondern vielmehr Gefährdung. Sie sehen sich regelmäßig, er bemerkt ihre Stimmungsschwankungen, ihre Unausgeglichenheit. Wenn sie Herbert - selten genug - treffen will, muß sie sich schwierige Ausreden für den Freund ausdenken. Wenn er nachforschen sollte, könnte sie das in große Gefahr bringen.

Beim nächsten Treffen stellt Herbert Schröter ihr eine Frage, mit der sie gerade jetzt, in dieser schwierigen, traurigen Zeit nicht gerechnet hat: Ob sie ihn heiraten wolle? Sie sagt ja. Für sie ist die Ehe der größte Beweis der Liebe eines Mannes zu einer Frau. Sie war zwar schon einmal verheiratet, aber ihre Liebe zu Herbert Schröter ist ganz anders als die unglückliche Beziehung zu ihrem ersten Mann. Der Zeitpunkt für diesen Beweis ist ideal gewählt. Denn ihre psychische Konstitution ist sehr labil. Die Heirat, so hofft man, wird sie stabilisieren und außerdem ihre Loyalität zu Herbert Schröter und damit zur Ostberliner Zentrale zusätzlich stärken.

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Nun beginnt eine Seifenoper, die an Zynismus kaum zu überbieten ist. Und mittendrin steht eine zermürbte, sehnsüchtige, erwartungsfrohe junge Frau, die von diesem bösen Spiel nichts ahnt. Die G.s geben ihr 400 Mark, damit sie Hochzeitsringe kaufen kann. Das Geld reicht auch noch für einen schmalen Vorsteckring. Am 25. Mai 1975 fliegt sie weisungsgemäß nach Graz. Sie übernachtet in der Ferienwohnung der G.s. Am nächsten Morgen holt sie ein Mann vom MfS ab, der sie nach Ostberlin begleiten wird, mit dem sie aber kein Wort sprechen darf. Er gibt ihr einen falschen Paß, das erste gefälschte Dokument, das sie je benutzt hat. Dann fahren sie zum Flughafen Wien und nehmen die Maschine nach Berlin-Schönefeld.

 

Man muß sich wundern, daß das MfS das Risiko eingeht, Karin S., die immerhin in einer extrem sicherheits­empfindlichen Institution wie dem Kanzleramt beschäftigt ist, wo man mit schärfsten Überwachungs­maßnahmen rechnen muß, in den Ostblock reisen zu lassen. Der Umweg über Wien mindert die Gefahr nur wenig. Aber offenbar schätzt man die psychische Labilität der »Quelle« so hoch ein, daß das Risiko, sie in die DDR einreisen zu lassen, kleiner zu sein scheint als die Gefahr, Karin S. könnte entweder ihre Ängste nicht mehr verkraften oder allmählich sogar an der Liebe Herbert Schröters zu zweifeln beginnen und sich daraufhin den bundesdeutschen Behörden stellen.

In Ostberlin wird sie wie immer von Herbert Schröter und dem Fahrer abgeholt und in die Villa nach Berlin-Schöneiche gefahren. Dort ziehen sie sich um. Karin S. trägt einen schwarzen Rock und einen weißen Blazer. Sie ist lange durch die Bonner Läden gestreift, stand vor vielen Spiegeln, bevor sie sich gefiel.

Dann fahren sie zu einem düsteren Bürohochhaus, in dem auch das Standesamt untergebracht ist. Ihre alten Freunde und Betreuer erwarten sie mit einem Brautstrauß aus roten Rosen. Natürlich weiß sie nicht, daß diese Blumen in der DDR schwer zu bekommen und deshalb eine große Kostbarkeit sind. Zwei der Männer fungieren als Trauzeugen. Eine Standesbeamtin (vielleicht ist auch sie nur eine verkleidete Mitarbeiterin der HVA) vollzieht die Trauung. Dann Ribt es im Trauzimmer einen kleinen Sektempfang, und alle beglückwünschen Braut und Bräutigam. Jetzt ist sie die heimliche Frau Schröter. Sie fahren zur Villa zurück. 

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Dort hat die Haushälterin eine große Tafel vorbereitet, und es wird an Speisen und Getränken aufgefahren, was gut und teuer ist. Danach holt einer der Männer ein Akkordeon hervor, man singt und tanzt. Auch bei den Hochzeitsgeschenken läßt man sich nicht lumpen. Karin S. erhält eine Erstausgabe des Gesamtwerks von Bertolt Brecht und ein Tafel- und Kaffeegeschirr aus Meißner Porzellan. Besser hätte man ihre Wünsche gar nicht treffen können. Irgend jemand macht Fotos. Am nächsten Tag bringt man das Paar nach Potsdam an die Havel, wo sie den Tag auf einer Yacht verbringen. Es ist das Fest ihres Lebens.

Die Ernüchterung kommt am Abend vor ihrer Rückreise. Man zeigt ihr die entwickelten Hochzeitsfotos, aber sie darf kein einziges davon mitnehmen. Das gilt auch für alles andere. Weder die Brecht-Ausgabe noch das Geschirr dürfen mit nach Bonn. Die kostbaren Geschenke wären viel zu auffällig für eine Sekretärin mit durchschnittlichem Einkommen und könnten Verdacht erregen. Aber am schmerzlichsten ist, daß man ihr den Ehering wegnimmt, denn sie muß die Hochzeit strikt verschweigen. Nur den Vorsteckring darf sie behalten. Dem sieht man seine Bedeutung nicht an.

Die ganze Hochzeit war ein einziges Schmierenstück. Man hat auch nach der Wende in keinem Standesamtsregister einen entsprechenden Eintrag gefunden. Kein Wunder. Markus Wolf, Spezialist und Genießer solch menschenverachtender Details, wie man noch sehen wird, bestätigt in seinem Buch »Spionagechef im geheimen Krieg«, »daß die Seite im Heiratsregister mit ihrem Eintrag sofort nach der Veranstaltung entfernt und vernichtet wurde«.9

In Bonn geht der schwierige Alltag weiter. Die Beziehung zu ihrem Freund setzt sie fort, als sei nichts geschehen. Er hat seine Promotion inzwischen abgeschlossen und einen Lehrauftrag an der University of Harvard bekommen. Er will unbedingt, daß sie ihn mit ihrem Kind in die USA begleitet, bittet sie, seine Frau zu werden. Karin hält ihn hin.

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Sie hatte gehofft, daß ihre Angst beim Herausschmuggeln der Geheimunterlagen allmählich nachlassen wird. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ihre Panik führt zu immer größeren Erschöpfungszuständen. Hinzu kommen die Spannungen mit der unglücklichen kleinen Tochter, die darum bettelt, wieder eine Familie zu haben. Oft weint sich Karin bei Gudrun G. aus. Wenn sie besonders labil ist, bringt die G. ihr wie aus heiterem Himmel einen Brief von Herbert Schröter. Das tröstet sie ein wenig. In ganz schlimmen Momenten verspricht sie ihr ein Treffen mit Herbert in Österreich.

Aber dazwischen liegen immer drei bis vier Monate. Dennoch zweifelt sie nicht ein einziges Mal an Herberts Liebe oder hegt irgendeinen Verdacht. Sie liebt und opfert. Das ist das Grundmuster ihres Lebens, und sie rückt auch dann nicht davon ab, wenn offenbar zu werden droht, daß sie getäuscht oder ausgebeutet wird.

Anfang 1977 wird sie von Silkes Schulleiterin zu einem Gespräch gebeten. Die eröffnet ihr: »Ich muß Ihnen etwas sagen, was für Sie als Mutter sehr schmerzhaft sein wird. Seit Silke bei uns an der Schule ist, spricht sie nur von ihrem Vater, immer wieder von ihrem Vater. Auch wenn es Ihnen furchtbar weh tun wird: Sie müssen das Kind gehen lassen. Wenn Sie das nicht tun, wird sie weglaufen. Aber wenn Sie jetzt die Kraft aufbringen und das Kind zu seinem Vater lassen, dann wird es eines Tages freiwillig zu Ihnen zurückkommen.«

Es trifft sie wie ein Keulenschlag. Das Kind ist das einzige, was ihr geblieben ist, trotz allen Schwierigkeiten ist es der letzte Halt in ihrem Alltag. Aber die Schulleiterin hat nur ausgesprochen, was sie längst selbst ahnt: Das Kind ist nicht glücklich bei ihr. Sie weiß, daß sein Vater es über alles liebt, aber sie weiß auch, daß ihre ehemalige Rivalin dann die neue Mutter des Mädchens werden wird. Es ist hart. Doch sie gibt nach, läßt los. Sie spricht mit der Tochter. Die strahlt. Aber sie will Silkes Vater auf keinen Fall das elterliche Sorgerecht überlassen. Ein Anwalt setzt in ihrem Auftrag eine Vereinbarung auf. Danach erteilt sie ihrem geschiedenen Mann das Personenfürsorgerecht für Silke. Ihre elterlichen Rechte bleiben damit unangetastet. Sie vereinbaren, daß die Tochter im Juli 1977, wenn die Schulferien beginnen, zu ihrem Vater und dessen zweiter Frau nach Hamburg übersiedeln wird.

Ende Januar trifft sie Herbert Schröter für ein Wochenende im österreichischen Klagenfurt. Sie weiß nicht, daß es das letzte Mal ist und daß sie ihn danach nie wieder sehen wird. 

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Wie immer sind die Tage harmonisch. Herbert kümmert sich zärtlich und aufmerksam um Karin, obwohl sie übernervös und völlig zerfahren ist. Auf dem Rückweg fliegt sie über Hamburg, um die Mutter zu sehen. Als sie sich auf dem Flughafen wieder von ihr verabschiedet, verliert sie die Selbstbeherrschung. Sie klammert sich an die Mutter, schluchzt und hofft, daß sie endlich erkennen wird, daß mit der Tochter etwas nicht stimmt, daß der Spuk endlich ein Ende hat. Die Mutter aber ist so erschrocken über den Ausbruch, daß Karin S. sich zusammennimmt und sich wieder beruhigt. Dann fliegt sie zurück nach Bonn.

Am Morgen des 4. Mai 1977 betreten zwei Männer ihr Büro im Kanzleramt. Sie weisen sich als Beamte des Bundeskriminalamts aus und stellen ihr die Frage: »Frau S., haben Sie jemals für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR gearbeitet?« Sie fühlt sich völlig leer, ist unfähig zu antworten. Dann wird sie durch ein Spalier von Grenzschutzbeamten hindurch abgeführt und zum Verhör ins BKA nach Bad Godesberg gebracht.

Es war ein dummer Zufall, der das BKA auf ihre Spur geführt hatte, eine Schlamperei des MfS. Die G.s lebten in der Bundesrepublik unter dem Namen »Roge«, dem Namen eines ins Ausland emigrierten westdeutschen Ehepaars, die übliche Methode, Agenten eine relativ sichere Legende zu verschaffen. Doch als beide zufällig in eine Rasterfahndung geraten, bei der man nach Merkmalen eines bestimmten Täterprofils suchte und die Daten ihrer Ausweise überprüfte, stellt sich heraus, daß es zwar ein Ehepaar Roge gibt, dies aber um die 70 Jahre alt ist. Die G.s jedoch sind wesentlich jünger. Das ist Verdachtsmoment genug, und man führt eine Hausdurchsuchung bei ihnen durch. In der Wohnung wird eine einzige Kopie aus dem Kanzleramt gefunden — versehen mit dem Kürzel von Karin S. Das genügt den Beamten. Sie verhaften die G.s und Karin S. wegen des Verdachtes auf geheimdienstliche Tätigkeit.

Natürlich war sie von der Zentrale ausführlich instruiert worden, was im Fall ihrer Enttarnung und Verhaftung zu tun ist: Schweigen, schweigen, schweigen. Aber sie schweigt nicht. Sie kann nicht mehr. 

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In den folgenden Wochen und Monaten versucht sie, sich an jeden Vorgang, an jedes Papier zu erinnern, das sie verraten hat, geht mit den BKA-Beamten bereitwillig Seite um Seite all der Aktenordner durch, die die Männer vom Bundeskanzleramt hierher transportiert haben, und sagt rückhaltlos aus.

Aber sie sagt zunächst kein Wort über Herbert Schröter. Nicht weil sie die konspirative Grundregel wenigstens ihm gegenüber einhalten will, sondern weil er ihre ganze Welt verkörpert, das Persönlichste, Innigste, Intimste, das sie in ihrem Leben je besaß. Wenigstens das will sie schützen.

Doch lange hält sie das nicht durch. Am 26. Mai 1977 bricht sie zusammen. Es ist der erste Jahrestag ihrer Hochzeit. Und nun erzählt sie alles: von ihrer großen Liebe zu Herbert, von ihrer Hochzeit, davon, wie alles anfing.

Das BKA, das Bundesamt für Verfassungsschutz und der ermittelnde Staatsanwalt sind wie vom Donner gerührt. Ein einziger HVA-Agent hat zwei der spektakulärsten Spioninnen der Nachkriegszeit zum Verrat verführt, und zwar mit den so simplen wie wirkungsvollen Mitteln der Liebe. Und das im fliegenden Wechsel, mit einer nur zwölfwöchigen Pause zwischen den beiden Frauen. Es ist eine riesige Blamage für die westdeutsche Abwehr.

Seit Karin S. ihr Schweigen über den vermeintlichen Ehemann gebrochen hat, wird sie von einem Zweifel gequält, der sie vielleicht ihr ganzes Leben lang bedrängen wird: Hat sie damit nicht einen furchtbaren Verrat begangen? Ist sie zur eigentlich Schuldigen geworden und nicht Herbert Schröter, wie es ihr die BKA-Beamten immer wieder erklären?

Sie erinnert sich an ein Gespräch mit Herbert darüber, was geschieht, wenn man sie verhaftet. Er versichert ihr, daß man sofort versuchen wird, sie über einen Agentenaustausch in die DDR zu holen. Er gibt ihr auch Anweisungen, wie sie sich nach der Verhaftung verhalten soll. Und dann sagt er zu ihr die Worte, die ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen: »Man wird dir nach deiner Verhaftung als erstes erzählen, ich hätte dich nie geliebt. Und nur du wirst dann wissen, was die Wahrheit ist.«

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Hat sie ihre Liebe, hat sie Herbert verraten? Haben die Beamten unrecht, wenn sie ihr immer wieder einzuhämmern versuchen, daß Herbert nichts anderes als ein berufsmäßiger Romeo ist, der vom DDR-Geheimdienst gezielt auf sie angesetzt wurde, einzig und allein, um sie mit den Mitteln der Liebe zur Spionage zu verleiten? Daß alles Lüge war, Verstellung und Zynismus? Manchmal möchte sie die Beamten anschreien: »Aber ihr wart doch in den Nächten nicht dabei, das ist unmöglich, so sehr kann man sich doch gar nicht verstellen! Das kann kein Mensch!«

Sie würde gern mit jemandem, der ihr nahesteht, über alles reden. Aber mit ihrer Mutter, die nach wie vor jeden Monat aus Hamburg zu ihr kommt, um Karin S. wenigstens für eine Stunde zu sehen, darf sie über das Delikt nicht sprechen. Das ist immer noch streng verboten. Einmal sagt die Mutter im Besucherraum zu ihr: »Dieser Mann kann dich nicht geliebt haben. Denn was man liebt, das schickt man nicht ins Verderben!« Ihre Mutter ist der einzige Kontakt mit der Welt außerhalb der Gefängnismauern. Außer ihr weiß sie niemanden mehr auf ihrer Seite. Die restliche Familie verdammt sie in Grund und Boden. Ihr geschiedener Mann hat ihr das Sorgerecht für die Tochter entziehen lassen.

Sie rekapituliert die Instruktionen der HVA für den Fall ihrer Enttarnung: Nach ihrer Verhaftung solle sie sich irgendeinen Rechtsanwalt nehmen, ihn aber lediglich mit praktischen Sachen wie der Wohnungsauflösung betrauen. Dann solle sie warten, bis sich ein zweiter Anwalt von sich aus bei ihr meldet. Das ist dann der von der Zentrale geschickte Verteidiger, dem sie völlig vertrauen könne. Der werde zusammen mit dem MfS dafür sorgen, daß sie sofort nach ihrer Verurteilung via Agentenaustausch in die DDR überstellt würde und dort für immer in Sicherheit sei.

Gleich nach ihrer Verhaftung hatte sie einen Anwalt aus einem Anwaltsadreßbuch, das man ihr gab, herausgesucht. Es stellt sich heraus, daß der Mann in strafrechtlichen Delikten sehr unerfahren ist, aber er setzt sich sehr ein. Nun ignoriert sie alle einschlägigen Instruktionen und vertraut sich ihrem neuen Verteidiger rückhaltlos an. Kurze Zeit später meldet sich — wie damals vereinbart — ein weiterer Rechtsanwalt, der sich intensiv bemüht, mit ihr in Kontakt zu treten:

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Es ist vermutlich der von drüben beauftragte Mann. Sie fällt aus allen Wolken, als man ihr sagt, wer der Mann ist, der sich ganz offiziell um einen Auftrag für ihre Verteidigung bemüht. Es ist der Anwalt R, der zwei Jahre zuvor den Spion Günter Guillaume verteidigt hat. Sie lehnt sein Angebot ab. Da versucht der Anwalt, einen privaten Besuchstermin bei ihr im Gefängnis zu bekommen. Auch dem verweigert sie sich. Vor Gericht werden sich seine Bemühungen um ihre Verteidigung sehr negativ auf ihre Strafbemessung auswirken. Denn wenn sich Guillaumes Anwalt persönlich so sehr für sie interessierte, dann mußte sie eine ganz große Nummer im Spionagegeschäft gewesen sein, kein kleines Licht, wie sie während der Verhöre immer wieder behauptete.

Sie hat furchtbar mit sich gerungen, bevor sie den von der HVA geschickten Anwalt P. definitiv ablehnte, denn sie kennt die Konsequenzen dieser Ablehnung. In jenem Gespräch hatten ihre Führungsoffiziere eines ganz deutlich gemacht: Wenn sie nach ihrer Verhaftung den ihr zugedachten Anwalt ablehne, wenn sie gar ihr Schweigen breche, so nehme man das für ein Zeichen, daß sie den Kontakt mit Ostberlin und demnach auch mit Herbert Schröter für immer kappen wolle. Damit ist die Möglichkeit, Herbert Schröter je wiederzusehen, in weite Ferne gerückt, wenn nicht gar für immer verloren. 

Aber nicht nur die BKA-Beamten, auch der sie betreuende Gefängnispfarrer, mit dem sie sich gut versteht, hatten sie darüber aufgeklärt, was ein Übertritt in die DDR bedeuten würde. Der Pfarrer versorgte sie mit Büchern und Artikeln über die Realität in der DDR, um die sie sich nie gekümmert hat. Jetzt glaubt sie es auch: Wenn sie einem Austausch zustimmt, dann wird sie weder ihre Tochter noch ihre Mutter je wiedersehen.

Am quälendsten in all diesen Monaten ist die Sehnsucht nach Herbert Schröter. Rationale Einwände, begründete Verdachtsmomente, die gegen die Echtheit seiner Gefühle sprechen, gehen ihr zwar durch den Kopf, aber sie erreichen ihr Inneres nicht. Das hat sie mit einer dicken Mauer umgeben.

Sechzehn Jahre später, beim ersten Prozeß gegen den HVA-Chef Markus Wolf vor dem OLG Düsseldorf, wird auch der Romeo Herbert Schröter als Zeuge geladen und unter anderem zum Fall Karin S. befragt. Alles, was ihm zu diesem Verhältnis einfällt, ist: »Ich habe nur das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden.«

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Die Konfrontation mit Gerda O., in deren Prozeß sie im Herbst 1977 als Zeugin aussagen muß, macht Karin S. ratlos und traurig. Hat Schröter diese Frau geliebt, oder hat er sie als Instrument benutzt? Und was heißt das in bezug auf sie selber? Während des Prozesses begegnen sich die beiden Frauen dann im Gerichtssaal, die eine sitzt auf der Anklagebank, die andere auf dem Zeugenstuhl. Sie können kein Wort miteinander sprechen. Aber wollen sie das überhaupt? Obwohl sie das gleiche Schicksal teilen und sogar denselben Mann liebten, trennen sie jetzt Welten. 

Gerda O., die sich aus eigener Kraft aus ihrer Verstrickung lösen konnte, hat mit der Vergangenheit abgeschlossen und vor vier Jahren, nachdem sie sich freiwillig gestellt hatte, ein neues Leben begonnen, in einem anderen Land, mit einem neuen Mann, mit dem ersehnten Kind. Natürlich ist auch sie von seelischen Wunden gezeichnet, die vermutlich niemals heilen werden, aber sie richtet ihren Blick nach vorn, in eine Zukunft, die sie selber gewählt hat.

Karin S. hingegen ist wie zerschmettert von den Enthüllungen über Herbert Schröter, tief gedemütigt durch den offenbar gewordenen Mißbrauch ihrer Liebe und verzweifelt über die Trennung von ihrer Tochter. Gerda O., die Frau mit der von Zigaretten dunklen Stimme, die wenige Meter von ihr entfernt im Gerichtssaal sitzt und die Karin S. durch den Tränenstrom, den sie nicht eindämmen kann, kaum erkennt, ist ihr fern und fremd. Sie fühlt keine Wut, keine Eifersucht ihr gegenüber, nur Erstaunen und tiefe Irritation. Kurze Zeit nach diesem Prozeßtag treffen sich die beiden Frauen im Duschraum des Gefängnisses, aber sie sprechen kein einziges Wort miteinander.

 

Ein Jahr später, im September 1978, beginnt der Prozeß gegen Karin S. wegen geheimdienstlicher Agenten­tätigkeit. Das Verfahren findet im berühmten A 01 statt, in dem auch Gerda O. verurteilt wurde. Das Ehepaar Peter und Gudrun G. ist der Mittäterschaft bei diesem Delikt angeklagt. Beide werden bis zur Urteilsverkündung konsequent schweigen.

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Der Gerichtswachtmeister Sch., der für die Sicherheit und die praktischen Abläufe während der Verhandlungs­tage zuständig ist und schon viele Spionageprozesse mitverfolgt hat, ist voller Mitleid mit der schönen jungen Frau. Er wird noch viele Jahre später in allen Einzelheiten von der Angeklagten erzählen.

Für Karin S. ist jeder Tag, an dem sie öffentlich von einem reinen Männergremium über ihre intimsten Gefühle befragt wird, ein Gewaltakt. Sie ist extrem abgemagert, macht einen sehr verstörten Eindruck, und einige ihrer Äußerungen lassen Selbstmordabsichten erkennen. Richter Sch., der das Verfahren mit großer Ruhe führt, ordnet daraufhin ihre ununterbrochene Überwachung in der Zelle an. Im Verlauf des Prozesses werden ihr 72 verratene Vorgänge angelastet. Unter den Protokollen, die sie weitergegeben hatte, waren auch solche über Gespräche zwischen Bundeskanzler Helmut Schmidt und dem amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter. So umfangreich und gewichtig die verratenen Dokumente auch waren, das Gericht erkennt in dem weitergegebenen Geheimmaterial nichts, was die Relevanz von Staatsgeheimnissen gehabt hätte.

Der Staatsanwalt fordert dafür sechs Jahre Haft. Am 5. Oktober 1978 ergeht das Urteil: Karin S. wird wegen geheimdienstlicher Tätigkeit zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Damit käme sie, unter Anrechnung der Untersuchungshaft und unter der Voraussetzung, daß sie nach Verbüßung von zwei Dritteln der Strafe entlassen würde, jetzt frei. Aber der Staatsanwalt reicht Revision ein. Ihm ist das Urteil viel zu mild. Der Bundesgerichtshof läßt die Revision zu. Es wird noch einmal verhandelt, und Karin S. muß für sechs weitere Monate in Untersuchungshaft bleiben bis zum Beginn des neuen Prozesses.

Im Mai 1979 beginnt das Revisionsverfahren, den Vorsitz führt jetzt Richter W., der schon Gerda O. verurteilt hat und sich bei ihr sehr milde zeigte. Im Fall Karin S. entscheidet er mit weniger Nachsicht, sie wird am 4. Mai 1979 zu vier Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Das bedeutet noch ein weiteres Jahr Haft.

Karin S. wird in die Justizvollzugsanstalt Villich bei Krefeld überstellt. Sie leidet unter psychogenen Lähmungserscheinungen, kann nicht mehr sprechen, nur noch lallen und muß gefüttert werden. Doch allmählich verschwinden die Symptome. Nun versucht sie, nach vorn zu blicken, und nimmt an einer gefängnisinternen Fortbildung teil. Kurz vor ihrer Entlassung besteht sie ihr Fachabitur. Als sie aus dem Gefängnis kommt, findet sie Menschen, die ihr einen beruflichen Neuanfang ermöglichen. Doch etwas hütet sie weiterhin ängstlich: ihre Liebe zu Herbert Schröter.

Obwohl sie seinetwegen in Haft war, obwohl ihr keine Wahrheit über Herbert Schröter, die gefälschte Eheschließung und die Täuschung ihrer Gefühle erspart blieb, hält sie auch jetzt nur ein einziger Gedanke aufrecht: daß sie Herbert Schröter eines Tages wiedersehen wird und daß er ihr dann den Verrat verzeiht, den sie an ihm begangen hat, als sie ihr Schweigen über ihn und ihre Liebe brach.

Karin S. wird Herbert Schröter nie mehr wiedersehen und niemals auch nur ein einziges Wort von ihm hören. Aber ihre Schuldgefühle ihm gegenüber werden sie noch viele Jahre quälen. Und was vielleicht für immer bleiben wird, ist ihre große, blinde Liebe.

 

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