Elisabeth Pfister 

Unternehmen Romeo

Die Liebeskommandos der Stasi 

 

 

1999 im Aufbau-Verlag-Berlin 
Mit 24 Abbildungen  

 Unternehmen Romeo - Liebeskommandos der Stasi - Elisabeth Pfister

1999   208 Seiten   *1952

DNB.Buch 

Google.Buch 

wikipedia  Romeo-Falle 

 

detopia:  P.htm 

Pankowbuch

H.Maaz.1992   B.Lahann.Judas 

S.Pingel.Zersetzung   H.Knabe.1999

 

Elisabeth Pfister, Jahrgang 1952, lebt als Fernsehjournalistin in Frankfurt/M. und in Bonn.

Inhalt    

Vorwort   (5) 

Teil 1  Drei Frauen  (9)  

01 (9)   04 (22)    07 (49)   11 (85)  12 (108)

Teil 2  Der Apparat und seine Romeos   (129) 

01 (129)  02 (158)  2 (158)   03 (177)

Teil 3   Der Opfer-Täter-Reigen   (193)  

Anmerkungen  (203)    Literatur      Bildnachweis 

(d-2007:)  Ein starkes Stück Geschichtsunterricht. Der Dok-Film ist auch gut; aber das Buch ist ausführlich.

 

Der Dokumentarfilm »Unternehmen Romeo« wurde im Juli 1998 von der ARD aus gestrahlt: »Elisabeth Pfister ist es in ihrem Film gelungen diesen Frauen außergewöhnlich persönliche, manchmal unendlich berührende Sätze zu entlocken. Dabei schafft sie den Balanceakt, Menschen in Großaufnahme, mit zitternden Lippen, über innigste Gefühl sprechen zu lassen und sie gleichzeitig nicht als naiv abzustempeln.« 

Kurzbeschreibung 

Mit Hilfe der Methode "Romeo", wesentlich von Markus Wolf mitentwickelt, wurden ausgesuchte Stasi-Agenten der "Hauptverwaltung Aufklärung" (dem Auslandsgeheimdienst der DDR) als charmante Liebhaber getarnt, auf westdeutsche Sekretärinnen angesetzt. Man achtete darauf, daß diese Frauen bereits in wichtigen Ämtern oder Ministerien arbeiteten oder schleuste sie in entsprechend attraktive Institutionen. Das Buch beleuchtet die inneren Strukturen jenes geheimen Machtapparats. Die Autorin ist den tragischen Lebensläufen einiger Frauen nachgegangen, die bis heute von jenen Ereignissen gezeichnet sind und unter schweren Schuld- und Schamgefühlen leiden. Im Zuge der Recherchen ist es außerdem gelungen, die Biographien, persönlichen Hintergründe und geheimdienstlichen Einsatztechniken einiger "Romeos" zu rekonstruieren. 


Liebe, Sex und Spionage: Diesem Klischee vom aufregenden Agentenleben verhalf die Stasi seit Beginn der sechziger Jahre durch eine besonders infame Strategie zu deutsch-deutscher Realität. Die »Hauptverwaltung Aufklärung« (der Auslandsgeheimdienst der DDR) setzte ausgewählte Agenten, als charmante Liebhaber getarnt, auf westdeutsche Frauen an, die in wichtigen Ämtern oder Ministerien arbeiteten. 

Von professionellen HVA-Psychologen unterstützt und gesteuert, machten jene »Romeos« die oft einsamen, wenig selbstbewußten Frauen emotional und erotisch von sich abhängig, bis sie bereit waren, geheime Informationen zu verraten. Mehr als dreißig solcher Informantinnen wurden enttarnt und verurteilt. Die meisten »Romeos« hingegen entgingen der Strafe.

Elisabeth Pfister schildert auf einfühlsame und bewegende Weise die tragischen Lebensläufe mehrerer dieser Frauen, die bis heute durch den Mißbrauch ihrer Gefühle traumatisiert sind. Jahrelange eigene Recherchen ermöglichen es ihr, die Biographien und persönlichen Motive einiger Star-»Romeos« zu rekonstruieren. Jüngst in der Gauck-Behörde gefundene Dokumente geben neuen Aufschluß über die perfiden Techniken, mit denen der drei Jahrzehnte von Markus Wolf geleitete Apparat Menschen manipulierte. Erstmals kann die Autorin beweisen, daß General Wolf persönlich Anteil an der Entwicklung der Romeo-Strategie hatte.


Sie haben Jahre ihres Lebens mit einem Phantom verbracht: Der Mann, von dem sie glaubten geliebt und begehrt zu werden, handelte eiskalt im Auftrag der Stasi. Seine Zuneigung, seine Leidenschaft waren zynische Täuschungsmanöver, mit dem Ziel, sie ins Netz der HVA zu locken. Dieser entsetzlichen Wahrheit mußten 35 westdeutsche Spioninnen nach ihrer Enttarnung und Verurteilung ins Auge sehen. 

Unter dem Einfluß ihrer »Romeos« hatten sie oft jahrzehntelang geheimes Material aus NATO-Büros, bundesdeutschen Behörden und Ministerien geschmuggelt. Viele der Frauen wußten nicht einmal, daß sie für den ostdeutschen Geheimdienst tätig waren; die Agenten hatten sie nicht nur über ihre eigene, sondern auch über die Identität ihrer Auftraggeber belogen. Elisabeth Pfister ergründet die Schicksale jener Frauen und die individuellen und gesellschaftlichen Zwänge, die sie zu Opfern prädestinierten. 


Eine deutsch-deutsche Geheimdienstgeschichte voller Zynismus und Menschenverachtung. 

35 dieser Frauen wurden enttarnt und wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit oder wegen Landesverrats angeklagt und verurteilt. Das letzte dieser Verfahren fand erst im Januar 1998 statt.


Die Neue Zürcher Zeitung schrieb am 21.03.2000 

"Erschütternd" ob ihrer Naivität, schreibt Alfred Cattani, lesen sich die Geschichten der Frauen aus Bonner Ministerien, die von Stasi-Agenten umgarnt und als Spitzel ausgenutzt wurden: das berühmte "Unternehmen Romeo". Vor zwei Jahren hat die Journalistin Elisabeth Pfister über diese Frauen, die Gefängnisstrafen absitzen und, von der Öffentlichkeit verurteilt, später ein neues Leben anfangen mußten, einen Film gemacht. Das darin zu kurz gekommene Interviewmaterial hat sie bearbeitet und als Buch veröffentlicht. Das Buch, schreibt Cattani, läßt einmal mehr die finsteren Tricks der Stasi deutlich werden, wirft aber auch "einen zornigen Blick auf den Westen", der Frauen so infantilisiert habe, daß sie leicht zu Opfern der Stasi werden konnten.

URL dieses Artikels http://www.perlentaucher.de/buch/393.html  


Eine Facette des Kalten Krieges    2004    simondavid 

Auf sehr perfide Art und Weise versuchte der Staatssicherheitsdienst der DDR - häufig erfolgreich - an geheime Unterlagen zu kommen - nämlich durch den Einsatz von männlichen Lockvögeln, die einsame Frauen, meist Sekretärinnen, köderten, ihnen eine harmonische Zukunft zu zweit ausmalten und sich dafür geheime Dokumente aushändigen ließen. Mag die Vorgehensweise bei den einzelnen Frauen auch zum Teil sehr unterschiedlich gewesen sein, immer wurden die Frauen in eine doppelte Opferrolle gedrängt. Nicht nur, dass aus der so sehr ersehnten Zukunft nichts wurde, sie mussten sich auch vor Gericht verantworten und wurden nicht selten zu langen Haftstrafen verurteilt. Elisabeth Pfister stellt anhand dreier Beispiele diese sicher weitgehend unbekannte Seite des Kalten Krieges dar. Absolut lesenswert!


Deutsch-deutsche Zeitgeschichte, wie sie keiner kennt     2001 

Dieses Buch bescherte mir das aufwühlendste und verwirrendste Leseerlebnis der letzten Zeit. Drei Frauenschicksale, wie sie unglaublicher nicht seien können, doch wahr sind, handeln vom Mißbrauch der Gefühle durch Stasi-Männer, die diese Frauen durch das Vortäuschen von Liebe zur Spionage zwangen. Die Autorin schreibt objektiv, jedoch nie einseitig über ein System, das diesen Mißbrauch möglich machte und ein anderes, das dies brutal ausnützte. Sie nimmt die Menschen ernst und gibt sie nie der Lächerlichkeit preis. Ein fast unbekanntes Thema, über das es sich lohnt, mehr zu erfahren, nicht nur in politischer Hinsicht, sondern auch um die eigene Einstellung zu Liebe, Loyalität und Hingabe zu hinterfragen - Wie hätte ich gehandelt?


Aus der Amazon.de-Redaktion 

Unternehmen Romeo handelt vom perfiden Versuch der Stasi, westdeutsche Frauen unter Vortäuschung von Liebe und emotionaler Hingabe zur Spionage zu verführen. Von erfahrenen Psychoexperten ausgewählt, waren die oft einsamen, wenig selbstbewußten Frauen leichte Opfer für die professionellen Verführer der Stasi. Von den Agenten emotional und sexuell abhängig gemacht (im Stasi-Jargon "intim betreut") und zum Verrat verleitet, hatten die Betroffenen bis zu ihrer Verhaftung keine Ahnung, wem sie unwissentlich zuarbeiteten. Über 30 solcher Informantinnen wurden enttarnt und verurteilt. Die meisten "Romeos" hingegen entgingen ihrer Strafe. Die Fernsehjournalistin Elisabeth Pfister konnte einige der betroffenen Frauen dazu bewegen, offen über ihr Schicksal zu sprechen. Ihr Buch ist ein einfühlsames Dokument der tragischen Lebensläufe dieser Frauen, die bis heute durch den Mißbrauch ihrer Gefühle traumatisiert sind.

Ihren Lebensgeschichten widmet die Autorin breiten Raum. Trotz allem bleibt die Antwort auf das Warum nur schwer faßbar und letztlich unbefriedigend. Es ist erschütternd, mit welch ungeheurer Energie diese durchweg hochintelligenten Frauen alles aus dem Weg räumten, was ihrem kleinen Lebensglück hätte gefährlich werden können: Zweifel, Mißtrauen, Verantwortung, eigenes Selbstbewußtsein. Sie "nahmen den geliebten Männern selbst die dümmsten Lügengeschichten ab" und waren sich der Konsequenzen ihres Tuns dennoch bewußt, betäubten ihre Angst vor Entdeckung und Strafverfolgung mit Alkohol und Tabletten.

Fast alle Frauen versichern glaubhaft, daß sie niemals aus ideologischen Motiven gehandelt hätten. Sie wollen ihr Schicksal ausschließlich als private Katastrophe sehen und weigern sich bis heute, die Verantwortung für ihre Spionagetätigkeit und deren Folgen zu übernehmen. "Fast alle diese Frauen", schreibt Eilsabeth Pfister, "sind nach wie vor auf der Flucht". Auf der Flucht vor der Wahrheit, vor der Öffentlichkeit und vor der eigenen Vergangenheit. --Stephan Fingerle -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.


Eine Rezension von Horst Wagner:  Nachwäsche zu einem bekannten Thema

Berliner LeseZeichen, Ausgabe 7+8/99 (c) Edition Luisenstadt, 1999 http://www.luise-berlin.de/

 

Titel samt Unterzeile versprechen eine spannende Story und saftige Enthüllungen. Ganz so toll wird es allerdings nicht. Das Thema und die interessantesten Stellen sind hinreichend bekannt: aus Boulevardzeitungen und Nachrichtenmagazinen, nicht zuletzt auch aus Markus Wolfs Memoiren <Spionagechef im geheimen Krieg>. Die vorliegende Arbeit der in Frankfurt/M. und Bonn lebenden Fernsehjournalistin Elisabeth Pfister ist nichts anderes als das Buch zu bzw. nach ihrem 1998 von der ARD gesendeten Film. Das Material sei damals so umfangreich gewesen, so die Autorin im Vorwort, daß sie nun gern etwas mehr mitteilen, sozusagen eine „Nachwäsche“ vornehmen möchte.

In Buch und Film geht es um die Umkehrung der klassischen Methode, bei der eine „Julia“, eine attraktive Spionin wie z. B. Mata Hari, einen hohen Offizier oder anderen Geheimnisträger zwecks Tauschs von „Liebe“ gegen Information verführt. Die Stasi praktizierte es (zynisch könnte man sagen: im Zuge der Gleichberechtigung) bekanntlich auch andersherum. Ob ihr freilich dafür das Erfinderpatent oder gar das Alleinvertretungsrecht gebührt, bleibt zweifelhaft. Markus Wolf hat auf Vorbilder aus der biblischen Geschichte verwiesen. 

Auch Frau Pfister räumt ein, daß die Romeo-Methode keine Erfindung der HVA ist. Sie habe sie nur „so erfolgreich praktiziert wie kein anderer Geheimdienst der Welt“. Der BND habe die Romeo-Methode nicht angewandt. Dies sei allerding nicht moralischen Bedenken geschuldet. „Man kam einfach nicht darauf.“ Was der zeitweilige BND-Chef Hellenbroich noch heute bedauere und seinen Konkurrenten Wolf wegen dessen Erfolgen auf dieser Strecke beneide.

Von den drei Dutzend enttarnten „Romeo-Opfern“ konzentriert sich die Autorin im ersten Kapitel auf drei: 

Die bei der amerikanischen Botschaft in Bonn für die DDR spionierende Gabriele K., die im Bundeskanzleramt auch für das MfS tätige Karin S. und die u. a. in der BRD-Botschaft in Warschau Kundschafterdienste leistende Gerda O. Ihre Fälle sind auch aus anderen Veröffentlichungen bekannt. Aber Elisabeth Pfister versteht es, daraus eine anrührende, zuweilen krimihafte Geschichte zu knüpfen. Sicher werden die dabei offenbar unvermeidlichen Elemente der Kolportage und des Kitsches nicht jedermanns Geschmack sein. 

Wesentlich sachlicher geht es im zweiten Kapitel mit der Überschrift <Der Apparat und seine Romeos> zu. Allerdings erscheinen manche Ableitungen der Autorin aus aufgefundenen Stasi-Instruktionen ausgesprochen kühn. So, wenn sie von der Tatsache, daß an der juristischen Hochschule des MfS auch Psychologie gelehrt wurde, auf einen „erschreckenden Mißbrauch der Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie in der ehemaligen DDR“ schließt. 

Eine echte Neuentdeckung - jedenfalls für den Rezensenten - ist dagegen die von Frau Pfister recht sympathisch geschilderte Geschichte des „Romeo“ Wilhelm M. aus Eisenhüttenstadt. Ihm wird als Gegenfigur, als echter Fiesling, der gleichfalls für die HVA als Liebeswerber tätige Theaterintendant Roland X. zur Seite gestellt.

Wobei für neugierige Leser ein Vergleich mit Markus Wolfs ganz anderer Sicht auf die gleiche, bei ihm allerdings Roland G. genannte Person (Spionagechef im geheimen Krieg, München 1997, S. 152) interessant sein dürfte.

Im Schlußkapitel erwähnt die Autorin dann noch, daß es unter den sogenannten Romeo-Op fern auch Frauen gegeben hat, die „außer ihrem emotionalen Engagement auch politische Motive“ für ihre Kundschaftertätigkeit hatten. Sie nennt in diesem Zusammenhang die für die DDR im NATO-Hauptquartier in Brüssel tätig gewesene Ursel Lorenzen sowie die im BND als „Topspionin“ wirkende Gabriele Gast, deren hochinteressante Erinnerungen Anfang 1999 im Eichborn Verlag erschienen sind. 

Elisabeth Pfisters Schlußfolgerung aus dem Ganzen ist natürlich eine moralische Verurteilung der Romeo-Praxis. Sie räumt aber auch ein: „Macht hat überall nur einen primären Zweck: den ihres Erhalts oder, noch besser, ihrer Expansion. Das gilt für alle Staaten ... Moral ist eine Kategorie, die der Macht wesensfremd ist.“ 

Und an anderer Stelle gibt sie zu bedenken: "Die Romeo-Methode wäre jedoch ohne die systematische soziale Diskriminierung, der die Frauen in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft jahrzehntelang ausgesetzt waren, nicht umsetzbar gewesen, zumindest nicht so erfolgreich."

 


  

Vorwort

5-8

Vor etwa fünf Jahren recherchierte ich für eine Fernsehdokumentation, in der ich Menschen vorstellen wollte, die in ungewöhnliche Paarkonstellationen verstrickt sind — liebend oder auch aggressiv. Da ich noch ein Paar zum Muster »Jäger und Gejagter« oder »Täter und Opfer« suchte, sprach ich mit einem Mitarbeiter des Verfassungsschutzes. Mich interessierte vor allem die seltsame Affinität, die sich in solchen Zwangsbeziehungen häufig zwischen den Partnern entwickelt. Der Beamte erzählte mir von einigen Romeo-Fällen, mit denen er vor Jahren beruflich befaßt gewesen war. 

Ich hatte zwar schon davon gehört, daß die Stasi ausgesuchte DDR-Agenten gezielt auf westdeutsche Frauen angesetzt hatte, um sie unter Vortäuschung von Liebe und erotischer Hingabe zur Spionage zu verführen. Doch ich wußte nicht, daß diese Methode in einer so großen Anzahl von Fällen — drei Dutzend Romeo-Opfer wurden bislang enttarnt — erfolgreich war. 

Natürlich erwies sich dieses Thema als viel zu komplex für eine der relativ kurzen Episoden in meinem Film. Der Gedanke an die Schicksale der Frauen ließ mich jedoch nicht mehr los, und ich begann, über all die Jahre hinweg gesondert an diesem Thema zu recherchieren.

Es war nicht leicht, Material über solche Fälle zusammenzutragen. Die Suche in Zeitungsarchiven ergab nur Bruchstückhaftes, und die für diese Delikte zuständigen Behörden, wie das Bundesamt für Verfassungs­schutz und das Bundeskriminalamt, hielten sich äußerst bedeckt, was konkrete Informationen über die beteiligten Personen betraf. Das hing unter anderem damit zusammen, daß man die betroffenen Frauen, die meist versteckt leben und auch nicht durch Telefonregister oder Adressbücher zu finden sind, vor dem Zugriff sensationshungriger Presseleute schützen will. 

Wie ich allmählich begriff, haben die Frauen eine panische Angst davor, aufgespürt und erneut ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt zu werden. Viele von ihnen sind trotz der Jahre, die seit ihrer Enttarnung vergangen sind, immer noch tief traumatisiert von jenen Ereignissen.

5/6

Mit der Zeit konnte ich dennoch eine große Zahl von Fallgeschichten zusammentragen. Am schwierigsten war es, Kontakt mit den Frauen aufzunehmen. Wenn ich den Namen ihres Anwalts in Erfahrung bringen konnte, bemühte ich mich, über ihn weiterzukommen. Doch fast jeder meiner Versuche wurde negativ beschieden. Manchmal fand ich dennoch die Telefonnummer einer der Frauen heraus. Mit klopfendem Herzen saß ich dann am Telefon, denn mir war bewußt, daß ich bei der Frau am anderen Ende der Leitung einen tiefen Schrecken auslösen würde, wenn ich sagte, wer ich sei, daß ich um ihre Geschichte wisse und sie gern kennenlernen würde. Dieses panische Erschrecken meiner Gesprächspartnerin erlebte ich dann tatsächlich fast jedes Mal. Auch meine Zusicherung, nichts ohne ihr Einverständnis zu tun, konnte kaum eines der Romeo-Opfer beruhigen.

Nach und nach gelang es mir dennoch, das Vertrauen einiger Frauen zu gewinnen. Ich lernte sie kennen, und sie waren bereit, in einem Fernsehfilm offen über ihr Schicksal zu sprechen. Dieser Film wurde — ebenfalls unter dem Titel »Unternehmen Romeo« — im Juli 1998 von der ARD gesendet.  

Doch ich konnte darin nur einen Bruchteil dessen erzählen, was ich inzwischen über diese Fälle und ihre Hintergründe wußte. Das Thema war viel zu gewichtig, die Biographien der Frauen viel zu facettenreich und die Strategie in ihren Details zu unglaublich, um in den 45 Minuten, die ich zur Verfügung hatte, abgehandelt zu werden. 

So kam mir die Idee zu diesem Band. Weder der Film noch das Buch hätten ohne das große Vertrauen entstehen können, das einige betroffene Frauen mir schenkten. Ihr Vertrauen hat mich immer wieder sehr berührt, und ich möchte ihnen von Herzen dafür danken. Diesen Frauen sei das Buch auch gewidmet.

Es war überhaupt ein sehr persönlicher Prozeß, den ich durchlaufen habe in der Begegnung mit ihnen, bei der Beschäftigung mit den ungeheuerlichen Erlebnissen, die sie mir schilderten oder über die ich las. 

6/7

Frauengeschichten einer Generation, zu der auch ich, mehr oder weniger, gehöre und durch die mir noch einmal die Nachkriegsjahrzehnte vergegenwärtigt wurden: eine Zeit der Bedrängnisse und der Verbote, vor allem für Mädchen und Frauen, die zu tiefen Verunsicherungen und emotionalen Defiziten führten. Die den Opfern der Romeos schließlich zum Verhängnis wurden. Dennoch habe ich manchmal, wenn ich mich in die einzelnen Geschichten versenkte, den Kopf geschüttelt, nicht nur über den Zynismus der Romeos und des hinter ihnen stehenden, kenntnisreichen Apparats, sondern auch angesichts der unglaublichen Fahrlässigkeit der Frauen sich selbst gegenüber, die allzu naiv auch noch auf die vordergründigsten Lügengeschichten dieser Männer hereinfielen. 

Doch je mehr ich mich in die Atmosphäre jener Jahrzehnte und vor allem in die Einzelbiographien der Frauen vertiefte, um so mehr begriff ich die Unausweichlichkeit, mit der sich ihr Schicksal zutrug. Sie waren zu Figuren im Spiel der Logistiker und Psychoexperten der Stasi geworden. In deren feingesponnenem Netz aus Berechnung und Manipulation verfingen sich jene Frauen, so wie sie sozialisiert waren, geradezu zwangsläufig. Diesen Prozeß möchte vor allem im ersten Kapitel am Beispiel der Lebensgeschichten von drei betroffenen Frauen nachvollziehbar machen.

 

Am schwersten war es, die Methoden des ehemaligen DDR-Spionageapparats zu rekonstruieren. Treue Gefolgsleute des Systems hatten ja in den Monaten nach der Wende alles getan, um den Aktenbestand der »Hauptverwaltung Aufklärung« (HVA), des drei Jahrzehnte von Markus Wolf geleiteten Auslandsnachrichten­dienstes des Ministeriums für Staatssicherheit, möglichst komplett zu vernichten. Zwar ist inzwischen hinreichend bekannt, daß ihnen dabei etliche Pannen unterliefen, doch in bezug auf die Romeo-Methode haben die Genossen ziemlich sorgfältig gearbeitet. Die Gauck-Behörde fand auf meine Anfrage kein einziges Dossier über die mir bekannten Romeos und ihre Einsätze.

Markus Wolf verweigerte ein Interview zu diesem Thema. Auch die früheren Romeos, ihre Führungsoffiziere, beratenden Psychologen oder Instrukteure, die ich aufspüren konnte, soweit mir Klarnamen bekannt waren, gaben mir keine Auskunft.

Einer von ihnen, der frühere Instrukteur Ernst K., nannte mir folgenden Grund für seine Weigerung: »Moralisch gesehen betrachte ich mich immer noch als Geheimnisträger.«  

Nur ein einziger ehemaliger Romeo war bereit, offen über seinen Einsatz zu sprechen. Seine Geschichte findet sich im zweiten Kapitel des Buchs.

Der Ursprung des Begriffs »Romeo« läßt sich übrigens nicht mehr feststellen. Er ist überall gebräuchlich, sowohl bei ehemaligen HVA-Kadern als auch in den Medien.

Zehn Jahre nach der Wende ist die Zeit der spektakulären Enthüllungen über die ehemalige DDR vorbei. Vielleicht ermöglicht dies eine ruhigere und klarere Sicht — auf jenen Staat und seine Machtinstrumente und auf die Menschen, die diese Instrumente bedienten, wie die Romeos zum Beispiel. Auch deren persönliche und soziale Beweggründe haben mich interessiert.

Obwohl dieses Buch vordergründig die DDR und die Arbeit ihres Geheimdienstes betrifft, soll darin ein zorniger Blick zurück auf den Westen riskiert werden: auf eine Gesellschaft, die Mädchen und Frauen minderbewertete und infantilisierte. Erst die patriarchalischen Verhältnisse der westdeutschen Nachkriegs­gesellschaft boten den Stasi-Strategen und ihrer perfiden Romeo-Methode geradezu ideale Voraussetzungen.

Vielleicht werden einige der hier geschilderten Schicksale für jüngere Frauen schwer nachvollziehbar sein. Das wäre ein gutes, hoffnungsvolles Zeichen.

8

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