Birgit Lahann

Genosse Judas.

Die zwei Leben des Manfred Ibrahim Böhme

«Ich bin die Wunde und das Messer und bin das Opfer und der Henker» Charles Baudelaire

 

 

1992 im Rowohlt Verlag

Genosse Judas - Die zwei Leben des (Manfred) Ibrahim Böhme  (1992) von Birgit Lahnn   - 

1992    252 Seiten 

Wikipedia.Autorin  *1940   DNB.Buch 

wikipedia  Ibrahim_Böhme 1944-1999 (55) 

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detopiaL.htm   Psychobuch  

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spiegel.de Böhme Nachruf 

 

Wikipedia I. Böhme 1944-1999

 


 

wikipedia Wolfgang Schnur 1944-2016

 

deutschlandradiokultur Schnur 

Der verratene Verräter:  Audio.2015  

von Alexander Kobylinski  DNB  

Wolfgang Schnur: Bürgerrechtsanwalt und Spitzenspitzel / von Alexander Kobylinski

Kaum ein Protagonist der Umbruchszeit 1989/90 polarisiert bis heute so wie Wolfgang Schnur. Als Anwalt arbeitet Schnur (geb. 1944) in der DDR als Rechtsbeistand für Bürgerrechtler und Wehrdienstverweigerer. Nicht wenige sehen den Mitbegründer und Vorsitzenden des Demokratischen Aufbruchs als kommenden Wahlsieger bei den Volkskammerwahlen im März 1990 und damit als künftigen DDR-Ministerpräsidenten. Doch kurz vor der Wahl wird bekannt, dass Schnur seit den 1960er Jahren für die Stasi tätig war. Es beginnt ein langer Absturz mit dem Entzug der Anwaltszulassung 1993 und diversen Verurteilungen. Alexander Kobylinski, einst selbst Mandant von Schnur, folgt dessen Lebenslauf von der Jugend im Nachkriegsdeutschland, der Ausbildung zum Rechtsanwalt, seiner Anwerbung durch das MfS und der Tätigkeit als Spitzel bis zur Enttarnung 1990. Kobylinski zeigt, wie Schnur mit viel Geduld, aber äußerst zielstrebig vom MfS aufgebaut wurde und schließlich zu einer wichtigen Person in der Bürgerbewegung wurde. Und er lässt die »Einbrüche« in Schnurs Karriere erst richtig verstehen. 

              

 

Inhalt von Genosse Judas

Vorwort  (9) 

Birgit Lahann ist Autorin beim «Stern». Sie erhielt u.a. den Theodor-Wolff- und den Egon-Erwin-Kisch-Preis 

(d-2005:) Die Stern-Autorin denunziert nicht. Sie versucht zu ergründen. Fast wie eine Psychologin. Vor allem: Ohne die typische Überheblichkeit des Wessi. Aber eben auch -wiederum- nicht 'wertfrei' bzw. beliebig. 


Als die DDR unterging, flog ein Paradiesvogel auf: Manfred Ibrahim Böhme, Mitbegründer der Ost-SPD, Medienstar und charismat­ischer Kandidat für die Ministerpräsidentschaft. Als er die Wahl verlor, wurde er als Topspitzel der Staats­sicherheit entlarvt. Böhme tauchte unter.

Birgit Lahann hat ihn aufgespürt, hat Aufstieg und Fall dieses Mannes recherchiert, hat ihn befragt und seine Opfer, zu denen Reiner Kunze, Jürgen Fuchs, Lutz Rathenow und Markus Meckel gehören. 

Das Ergebnis ist die Geschichte eines Zerrissenen, düster und dramatisch wie bei Dostojewski, gnadenlos und voll Erbarmen wie in der Bibel. Genosse Judas — das Psychogramm eines Mannes ohne Identität. 

 Im Zeichen der Wahrheit (15)   Vorspiel in Greiz

 2  Ich wollte stark und zynisch sein  (23)   Eine Jugend im Heim

 3  Lenin war viel zu weich  (41)    Der Aufrührer

 4  Er hatte etwas Messianisches  (57)    Der Schauspieler 

 5  Er war wie Bel ami und Raskolnikoff  (71)    Der Prozeß

 6  Wenn man es zugibt, ist man verloren  (81)     Die Ersatzfamilie

 7  Auftragsgemäß lenkte ich das Gespräch  (95)    Reiner Kunze wird bespitzelt 

 8  Er hat es so gewollt  (119)   Evelyn Böhme erzählt von ihrer Ehe mit Manfred B. 

 9  Da wußte ich, das ist eine Falle  (131)   Jürgen Fuchs wird abgeschöpft 

10  Wer mit den Mördern pokert  (147)    Der Greizer Kreis  

11  Vorsicht, das ist ein Paganini mit Spitzbart  (161) Die Entdeckungen des Politikers Vaatz

12  Dann kam ich ins U-Boot  (169)   Die Zeit im Gefängnis

13  Ich suchte den König Salomo  (181)   Die Verhöre des Lyrikers Günter Ullmann

14  Von da an hatte er was Gehetztes  (193)  Bewährungsprobe in Neustrelitz

15  Er stand blutverschmiert an der Tür  (209)  Der Agent provocateur erobert die Hauptstadt

16  Wenn die Seele leer ist  (227)  Der Gang zu den Akten

17  Ich bin doch siebzig Jahre alt  (247)   Endspiel am Prenzlauer Berg

    

Vorwort

 

9-13

Ibrahim Böhme wird 1968 von der Staatssicherheit als Inoffizieller Mitarbeiter geworben. Im Jahr darauf schreibt der Vierund­zwanzigjährige ein Hörspiel. Es heißt «Das Interview». Darin befragt ein Journalist aus dem 20. Jahrhundert Herodes, Pilatus, Kaiphas, Petrus und Judas nach ihrer Meinung zum Tode Jesu.

«Judas», fragt der Mann aus dem 20. Jahrhundert, den Ibrahim Böhme 1969 in der Greizer Uraufführung selber spricht, «Judas, habt Ihr Christus für 30 Silberlinge verraten?»  
Judas fragt zurück: «Seid Ihr ein Christ?»  
Doch, das könne er sagen, sagt der Journalist. 

«Glaubt Ihr auch an die Auferstehung?»
«Aber sicher, welche Frage.»
 
«So glaubt Ihr auch an mich», sagt Judas. «Denn die Auferstehung fordert den widernatürlichen Tod des Herrn.»

Das gefällt dem Mann aus dem 20. Jahrhundert sehr. «Ausgezeichnet, der Gedanke!» läßt Böhme ihn sagen. «Das ist schon beinahe Dialektik.»

Es lebe der Genosse Judas.

Der Verrat des Judas Ischariot war also nötig, damit die Christenheit erlöst wird. Der Verrat des Ibrahim Böhme war nötig, damit der Sozialismus nicht untergeht. Das ist die Rechtfertigung, die Böhme 1969 für seinen Sündenfall konstruiert. Und mehr noch. Diese dialektische Lösung ist ein Signal für den neuen großen Lebensabschnitt, den er beschreiten wird. Alles ist erlaubt, was den Sozialismus stark macht. Er kündigt die Theorie auf, er kündet die Praxis an.

Wenn er damals Bücher an seine Freunde verschenkt, schreibt er folgende Widmung hinein: «Und immer schrieb ich mit roter Tinte, doch die meisten derer, die meine Worte lasen, wollten die Farbe nicht erkennen.» Das muß anders werden. Seine Motivation ist klar und folgerichtig: Ich muß tief sinken, um etwas Großes zu schaffen. Wie Judas.

Was ist das für ein Mensch, der den Staat über den Menschen stellt? Der zwanzig Jahre lang Freunde verrät und von den meisten Verratenen nach allen Regeln der Freundschaft beschützt wird? Was ist das für ein Mensch, der Toleranz predigt und mit den Toleranten intolerant umgeht? Ich wollte versuchen herauszubekommen, was hinter diesem Ibrahim Böhme steckt.

Es dauert lange, bis ich zum erstenmal mit ihm spreche. Nach seiner Enttarnung als Stasi-Spitzel, war der Politiker, der wie ein Phönix aus den Ruinen der DDR gestiegen war, Ende 1990 untergetaucht, verschwunden. Ich signalisiere meinen Wunsch. Er läßt ausrichten, er wolle mit niemandem reden. Ich lasse ausrichten, ich hätte viel Zeit. Und weil Ibrahim Böhme ein neugieriger Mensch ist, sagt er eines Tages zu seinem Freund, der damals Böhmes Nabelschnur zur Welt ist: Sie kann kommen.

Ich erlebe einen braven Ibrahim Böhme, wohlgekämmt und wohlerzogen. Nichts ist mehr da vom fiebrigen Helden, der kämpfend und siegend durch den deutschen Medienwald gezogen war. Der Ibrahim Böhme, den ich kennenlerne, ist blaß und müde, und wenn er Kaffee einschenkt, zittert ihm die Hand.

Er erzählt, er habe seine Erinnerungen geschrieben. Er zeigt mir auch das erste Kapitel. Und ich merke bald, daß es das einzige Kapitel ist. Merke, daß er gar nicht weiß, welches seiner Leben er beschreiben soll. Ich sage ihm, ich würde gern versuchen, über ihn zu schreiben. Schön, sagt er. Tun Sie das. Und Sie werden erzählen? Ja, sagt er. Ich werde erzählen.

10


Ein Jahr lang sehen wir uns unregelmäßig. Wenn ich in seiner Wohnung bin, läuft ein Ritus ab: Immer ist gedeckt, immer steht eine Blume auf dem Tisch, immer brennt eine Kerze, immer ist der Kaffee frisch gekocht. Und nie darf ich einen Finger rühren. Und wenn das Tonband läuft, sitzt er da im großen Sessel, die Beine ordentlich nebeneinander, die Arme rechts und links auf der Lehne. Er spricht präzis in seiner altmodischen Diktion, druckreif, ausschweifend, abschweifend – stundenlang. Es ist schwer, ihn zu unterbrechen. Er guckt mich auch selten an. Meist geht sein Blick knapp an meinem vorbei, geht immer so in Richtung Unendlichkeit.

Seine Stimmung schwankt zwischen Wut und Wehmut, wenn ich erzähle, daß ich mit all seinen Freunden gesprochen habe, auch mit Reiner Kunze, Jürgen Fuchs, Lutz Rathenow, Arnold Vaatz, Markus Meckel, Gerd und Ulrike Poppe. Und daß ich in den Akten aller von ihm Verratenen gelesen habe, registriert er ohne Kommentar. Sonst beantwortet er jede Frage zu Träumen und Ängsten, zu Ehe und Aufklärung, zu Gefängnis und Vorbildern, zu Krankheiten, Alkohol und homoerotischen Begehrlichkeiten. 

Ich lerne dabei einen verbalen Verführer kennen, einen witzigen Geschichtenerzähler, einen Mann mit Gedächtnis, einen Narziß, der sich ehrfurchts­voll vor sich selbst verbeugt, eine gespaltene Persönlichkeit, in der sich die ganze Schizophrenie der unter­gegangenen DDR widerspiegelt.

Und weil ich anfangs nicht begreifen will, daß Ibrahim Böhme in einer anderen Wirklichkeit lebt, daß seine Moralbegriffe nicht der Norm entsprechen, erwarte ich von ihm, Wirklichkeiten anzuerkennen, bis ich merke, daß er das gar nicht kann, daß er gar nicht versteht, was ich überhaupt will.

Es gibt eine Szene in der Normannenstraße, die etwas von dem Ver-rückt-sein erklärt. Als Böhme nach den ersten Verdächt­igungen, ein Stasi-Spitzel gewesen zu sein, in seiner Akte liest, wird ihm ein Tonband vorgespielt. Zu hören ist das verschlüsselt konspirative Gespräch zwischen Böhme und einem Unbekannten. Ja, das sei seine Stimme auf dem Band, sagt er. Aber er habe das nicht gesagt.

11


Als er das erzählt, begreife ich langsam, daß ich andere Maßstäbe, anlegen muß. Ich begreife auch, daß Böhme nie mit einer doppelten Moral gelebt hat wie so viele Bonzen im SED-Staat. Aber die gültigen moralischen Werte haben für ihn keine Bedeutung. Er deutet sie um. So wie er den Verrat des Judas umdeutet. Dialektisch, logisch, fast möchte man sagen keß, biegt er den Kuß des Judas so hin, daß er zum Segen für die Menschheit wird.

Reiner Kunze sagt über Böhme, er habe sich eine Welt geschaffen mit lebendigen Menschen. Und die habe er manipuliert. «Manfred Böhme», sagt Kunze, «wollte Gott sein.»

Vielleicht wollte er sogar mehr sein, vielleicht auch das noch, was Gott zum Gott macht: der Teufel. Erst durch das Böse wird das Gute gut. Also nicht Gott, sondern Teufel. Nicht Jesus, sondern Judas. Nicht Faust, sondern Mephisto. Der ist doch «ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft». Wie Böhmes Judas im Hörspiel.

Was noch faszinierte mich an Ibrahim Böhme? Daß er ein Stück Literatur ist. Wann hat man schon das Glück, einer Roman-Figur, einer düsteren Dostojewski-Gestalt zu begegnen, die ohne Buchdeckel durchs Leben läuft? Ein enger Freund von Böhme sagte zu mir: Wenn ich etwas über ihn erfahren will, muß ich nur ein Buch aus dem Schrank ziehen. Überall finde ich ein Stück von ihm.

So hat er gelebt. Er hat sich eigentlich «mit fremden Federn» neu erschaffen, hat sein Leben auf Phantasien, Hoffnungen und Wünschen aufgebaut. Und die Realität, die dahintersteht, will er nicht mehr wahrhaben. Er kennt sie, aber er erkennt sie nicht an. Sein Wunschleben ist seine Realität geworden.

Verräterisch an ihm ist das Devote, das alle seine Freunde an ihm bemerkt haben, diese unangenehme Unterwürfigkeit, die in den Berichten für die Staatssicherheit überaus deutlich wird. Es zeigt, wie groß seine Angst war und ist, wie instabil seine Persönlichkeit. Immer wieder kam mir das Bild vom Hund in den Sinn, der sich aus Angst, geprügelt zu werden, wedelnd unterwirft. Und einen, der sich unterwirft, schlägt man nicht.

Als ich Ibrahim Böhme im Mai 1992 nach seiner schweren Depression wiedersehe, sieht er aus wie Jesus von Oberammergau. Sein Haar ist glatt und lang, sein Bart ist gewachsen, er trägt einen Morgenmantel über dem Schlafanzug und blickt voll Sanftmut mal wieder in Richtung Unend­lichkeit.

Ich habe den Eindruck, er hat alle Beweise, die an die Oberfläche gekommen sind, endgültig vergraben. Er kann einer Überprüfung der Wirklichkeit nicht standhalten. Es würde seine zwei Leben zerstören. Die Realität, die ich ihm mit den Akten auf den Tisch gelegt habe, ist nicht seine Realität. 

Ich habe begriffen, daß zwei mal zwei nicht vier sein müssen. Bei Böhme sind zwei mal zwei je nach Lebenslage drei oder fünf. Und er kann es beweisen.

Deshalb wird er auch mit seinen Freunden nie wirklich reden, den Verrat nie erklären oder gar zugeben können. Mit dem Realitätsspagat von drei und fünf hat er zwanzig Jahre gelebt. Er kann sein Gleichgewicht nur noch im Spagat halten. Wenn er sich hinstellt, um aufrecht zu gehen, kippt er um.

13

 Hamburg im Juni 1992 
Birgit Lahann

 

 

 

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