Alexander Kobylinski 

 

Der verratene Verräter

 

Wolfgang Schnur:

Bürgerrechtsanwalt und Spitzenspitzel

Biografie

 

2015  bei Mitteldeutscher Verlag, Halle

 

 

Audio 2015 zum Buch 12min  DLF

 

Bei Amazon gibt es eine kräftige Leseprobe

 

2015      383 Seiten

DNB.Autor  *1964 in Erfurt bis 2017 (53)

Bing.Buch   Google.Buch

wikipedia  W. Schnur  *1944 in Stettin bis 2016 (71)

stasibesetzung.de

detopia:

K.htm   Pankow   Zwickau

Birgit Lahann - 1992 - Ibrahim Böhme 

Rolf Henrich - 2019 - Rückblick

Rainer Eppelmann 

Probst Heino Falcke

 

 

Angaben aus der Verlagsmeldung

Kaum ein Protagonist der Umbruchszeit 1989/90 polarisiert bis heute so wie Wolfgang Schnur. Als Anwalt arbeitet Schnur (geb. 1944) in der DDR als Rechtsbeistand für Bürgerrechtler und Wehrdienstverweigerer. Nicht wenige sehen den Mitbegründer und Vorsitzenden des 'Demokratischen Aufbruchs' als kommenden Wahlsieger bei den Volkskammerwahlen im März 1990 und damit als künftigen DDR-Ministerpräsidenten. Doch kurz vor der Wahl wird bekannt, dass Schnur seit den 1960er Jahren für die Stasi tätig war. Es beginnt ein langer Absturz mit dem Entzug der Anwaltszulassung 1993 und diversen Verurteilungen.

Alexander Kobylinski, einst selbst Mandant von Schnur, folgt dessen Lebenslauf von der Jugend im Nachkriegsdeutschland, der Ausbildung zum Rechtsanwalt, seiner Anwerbung durch das MfS und der Tätigkeit als Spitzel bis zur Enttarnung 1990. Kobylinski zeigt, wie Schnur mit viel Geduld, aber äußerst zielstrebig vom MfS aufgebaut wurde und schließlich zu einer wichtigen Person in der Bürgerbewegung wurde. Und er lässt die »Einbrüche« in Schnurs Karriere erst richtig verstehen.

 

Autor

Alexander Kobylinski (1964–2017), geb. in Erfurt, 1984/85 wegen »staatsfeindlicher Aktivitäten« in Haft. In Göttingen und an der FU Berlin studierte er Germanistik, Philosophie und Soziologie. Ab 1994 Arbeit als Fernsehjournalist beim rbb. Ab 2004 viele Jahre Autor beim ARD-Magazin »Kontraste«. Seit 2012 freier Autor

Der Autor Alexander Kobylinski wurde 1964 in Erfurt geboren, wuchs in einer Pfarrersfamilie auf, lebte in Sachsen und Thüringen. Mit 20 Jahren kam er in U-Haft. Der Grund: Seine Beteiligung an einer Flugblatt-Aktion. Schließlich wurde er "freigekauft", studierte Germanistik, Philosophie und Soziologie. Er arbeitet seit 1994 als Journalist, ist Autor und Publizist. Das Buch "Der verratene Verräter" ist auch ein Blick in die eigene Geschichte. Die Geschichte des Wolfgang Schnur schrieb er auf, als er 39 Aktenordner des IM „Torsten“ von der BStU zur Recherche erhielt. Auch er war einst Mandant des bekannten und beliebten Bürgerrechtler-Anwalts.“


 

 

Inhalt       Inhalt.pdf 

 

Prolog  (7)

 

Wie ich Wolfgang Schnur als meinen Anwalt kennenlernte (13)

 

I. Jugend ohne Orientierung (1944-1965) (17)

Ein „elternloses Kind" (17)  Auf dem Weg zur Mutter (24)  Acht Tage vor dem Mauerbau ... 28 I „Asyl" in der DDR 32 I Er will ein guter Genosse werden 35 I Wie die Staatssicherheit auf Wolfgang Schnur kommt (38)

 

II. Zum Üben - die ersten Einsätze (1965-1969)  (43)

Eine attraktive Hamburgerin (43)  Er soll sich mal um „negative Jugendliche" kümmern 511 Seine erste Frau „macht" ihn zum Christen ... 53 I... und hat eine interessante Familie 54 I Gezerre ums Studium 57 I Schnurs Geduld wird auf die Probe gestellt 60 I Noch will die Stasi sich nicht endgültig festlegen 63 I Die Entscheidung: Wird er in der Kirche „aufklären"? (66)

 

Exkurs: Was ist Schnurs Stasiakte wert?  (68)

 

III. Fortschritte bei der Einschleusung in die Kirche (1969-1972) 71

"Ein astreiner Mensch" - Schnur strebt ins Konsistorium (71) Schnur muss sich umorientieren (78)

 

IV. Die ersten „politischen Aufträge" (1973-1978) 83

Ein bisschen Spaß muss sein (83) An der Bausoldatenfront (84)  "Ein ganz raffinierter Feind" 93 I Gibt es Wolfgang Schnur überhaupt? 98 I Eine Ausschleusung - und was sonst noch so anfällt 1011 Das aufregende Jahr 1976 103 I Die Selbstverbrennung von Brüsewitz 105 I Biermanns Ausbürgerung 109 I Bewährung in Jena 110 I Aufstieg zum Einzelanwalt (121)  Einrichtungsarbeiten (126)  "Torsten" bekommt Spickzettel (129)  Es soll sich endlich richtig lohnen (133)

V. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs (1978-1980) 137

Ohne Skrupel (137)  Völlig gegensätzliche Prozessanweisungen (140)  Lametta ist wichtig (147)  Über Bande gespielt (149)  Schnur soll jetzt was anderes machen 157 I Ein Kollege wird verpfiffen 166 I In der Kirche umstritten 170 I An die Kandare genommen 174 I Die Stasi macht sich Sorgen (181)

 

VI. Selbst im Visier der Stasi (1980-1983) 185

Operativer Vorgang „Heuchler" (185) „Da müsst ihr suchen ..." (193)  Ein enger Vertrauter (200) Lothar Rochau wird abserviert (205)  Damit die Stasi mal sieht, was Liebe ist (212) Spitzelt auch die Kirche? (218)  Vier Jahre für zwei Texte und einen Anstecker (225)  Schnur ahnt etwas ... (230)  Die Stasi knöpft sich Schnur vor (235)

 

VII. „Torsten" ist zu wichtig (1983-1987) 251

Anwalt von Roland Jahn (251)  Parole: „Die Akte Kobylinski..." (257)  Der „Berliner Appell" (263)  Auf Tuchfühlung mit den Bürgerrechtlern (273)  Schnur schützt den XI. SED-Parteitag (283)  Auf dem gesellschaftlichen Parkett - und dennoch unglücklich (290)  Ein Versteck, das nicht mal die Stasi kennt (297)  Der Fall Gabriele Eckart (301)

 

VIII. Im Innern der Opposition (1987-1990) 305

Der turbulente Winter 1987/88 305 I Verwirrung um die Ausreisen in den Westen 316 I Jetzt zählt alles, was Schnur mitbekommt 325 I Wer war ich noch mal? oder Der Spitzenspitzel wird Parteivorsitzender 338

 

Der Absturz (353)

 

Epilog (362)

 

Anmerkungen 363    Editorische Notiz 375

Abkürzungsverzeichnis 376     Personenregister 378

 

 


Presse

»Das Buch, flüssig geschrieben, ist sachlich gehalten, nicht auf Sensationsmacherei aus.« Eckhard Jesse, Totalitarismus und Demokratie 14.2017

»Packend wie ein Agentenroman.« Isabel Fannrich-Lautenschläger, Deutschlandfunk, 18. Mai 2015

»Der Journalist Alexander Kobylinski hat ein Buch über Wolfgang Schnur geschrieben. Bei seiner Recherche hat er in der Stasiunterlagenbehörde 41 Ordner zu je 300 Seiten gesichtet und mit Dutzenden Zeitzeugen gesprochen, querbeet durch die seltsame Gemengelage von Spitzeln und Dissidenten und Verfolgern.« Sven Goldmann, Der Tagesspiegel, 14. März 2015

»Viel gelobt für sein neues Buch, das ein wichtiges Kapitel der DDR-Geschichte aufarbeitet. Wichtig für die Bürgerrechtler, die Hintergründe ihrer Geschichte erzählt bekommen und wichtig für alle, die sich tiefen Einblick wünschen in den Repressionsapparat, die Mechanismen, mit denen Stasi und SED-Führung gearbeitet haben, um Oppositionelle in der DDR zu unterdrücken.« Ellen Schweda, MDR Figaro, 8. Oktober 2015

»Das Buch […] gibt Einblick in die Seelenlage des Spitzenspitzels, versucht zu erkunden, warum er Menschen, die sich ihm anvertrauen, an die Stasi verriet und wie es ihm immer wieder gelang, in der DDR erfolgreich zu sein.« Dr. Paul Pasch, Neue Züricher Zeitung, 24. November 2015

»Aktenauszüge, Dokumente und Interviewsequenzen werden hier innovativ miteinander verknüpft und führen den Leser gut an das Thema heran.« Christian Halbrock, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, November 2015

»Über Nacht wurde aus dem vermeintlichen Hoffnungsträger „der verratene Verräter“, ein tragisches, auch psychologisch aufschlussreiches Leben, das Alexander Kobylinski nachzeichnet.« Gerhard Besier, Sächsische Zeitung, 13. Oktober 2015

»Beeindruckende Darstellung von Wesen und Wirken der Staatssicherheit der DDR.« Alexander Rosenstock, ekz Bibliotheksservice, 27. April 2015

»Das flüssig und spannend geschriebene Buch ist allen am Wirken der Stasi irgendwie Interessierten wärmstens zur Lektüre empfohlen.« Gerold Hildebrand, Gerbergasse 18, Ausgabe 3/2015

»Was Alexander Kobylinski nach Gesprächen mit Schnur und akribischem Aktenstudium zu Papier gebracht hat, ist alles andere als leicht verdauliche Kost.« neues deutschland, 11. März 2015

 

wikipedia Wolfgang Schnur 1944-2016

 

deutschlandradiokultur Schnur 

Der verratene Verräter:  Audio.2015  

von Alexander Kobylinski  DNB  

Wolfgang Schnur: Bürgerrechtsanwalt und Spitzenspitzel / von Alexander Kobylinski

Kaum ein Protagonist der Umbruchszeit 1989/90 polarisiert bis heute so wie Wolfgang Schnur. Als Anwalt arbeitet Schnur (geb. 1944) in der DDR als Rechtsbeistand für Bürgerrechtler und Wehrdienstverweigerer. Nicht wenige sehen den Mitbegründer und Vorsitzenden des Demokratischen Aufbruchs als kommenden Wahlsieger bei den Volkskammerwahlen im März 1990 und damit als künftigen DDR-Ministerpräsidenten. Doch kurz vor der Wahl wird bekannt, dass Schnur seit den 1960er Jahren für die Stasi tätig war. Es beginnt ein langer Absturz mit dem Entzug der Anwaltszulassung 1993 und diversen Verurteilungen. Alexander Kobylinski, einst selbst Mandant von Schnur, folgt dessen Lebenslauf von der Jugend im Nachkriegsdeutschland, der Ausbildung zum Rechtsanwalt, seiner Anwerbung durch das MfS und der Tätigkeit als Spitzel bis zur Enttarnung 1990. Kobylinski zeigt, wie Schnur mit viel Geduld, aber äußerst zielstrebig vom MfS aufgebaut wurde und schließlich zu einer wichtigen Person in der Bürgerbewegung wurde. Und er lässt die »Einbrüche« in Schnurs Karriere erst richtig verstehen. 

 

 


 

Nachruf

 

https://www.tagesspiegel.de/berlin/nachruf-auf-alexander-kobylinski-geb-1964-wozu-das-risiko/19936684.html

16.06.2017
Nachruf auf Alexander Kobylinski

Von DAVID ENSIKAT

 

Wozu das Risiko? Sie hielten ihn für einen Aufrührer, gefährlich für den Staat. Ein Aufrechter war er, ohne Angst. In den Westen wollte er nicht, doch sein Anwalt, ein Mann im Stasi-Auftrag, empfahl es ihm. Ahnte er, dass die einzige Gefahr für ihn von ihm selbst ausging?

Mit 19 Jahren kam der Nicht-FDJler Alexander Kobylinski einer Bitte der FDJ-Leitung seiner Schule nach. Er war, wie er später sagte, „auch ein bisschen der Meinung, etwas zu sagen zu haben.“ Und wusste, dass das, was er sagen würde, kein bisschen den Vorstellungen der FDJ-Leitung entsprechen würde. Er wusste, dass er sein Abitur aufs Spiel setzte. Er wusste, dass er das System, das er so gern verändern wollte, kein bisschen verändern würde. Aber er konnte nicht anders.

Die Geschichte verrät einiges über diesen Mann und auch einiges über dieses System, das so menschengemacht war und folglich so oft so unsystematisch.

Es fängt schon damit an, dass die Ober-FDJler sich für die Abiturfeierrede diesen Langhaarigen aussuchten. Der war ja nicht nur kein Mitglied ihres Vereins, er war auch noch der Sohn eines Pfarrers. Wer ihn halbwegs kannte, wusste, dass aus seinem Mund nichts Staatsfrommes zu erwarten war. Da die DDR-Schule zwar viele Mitläufer aber wenig Redetalente hervorbrachte, waren sie froh, jemanden gefunden zu haben, der reden konnte und auch reden mochte.

Es bedarf eines gewissen diktatursensiblen Einfühlungsvermögens, die Rede, die Alexander am 1. Juli 1983 in der Aula der Friedrich-Schiller-EOS zu Weimar hielt, als so aufrührerisch und staatsgefährdend zu verstehen, wie dies die systemnäheren Teile der Zuhörerschaft taten. Wenn er etwa Tucholsky zitierte: „Lass dir von keinem Fachmann imponieren, der dir erzählt: ,Lieber Freund, das mache ich schon seit 20 Jahren so.’ – Man kann eine Sache auch 20 Jahre falsch machen“, dann verstanden die Fachleute das als Generalangriff auf sämtliche sozialistischen Errungenschaften. Sätze wie: „Wir müssen lernen, mehr in Eigenverantwortung zu denken und zu handeln. Wir und unser Land brauchen Aufrichtigkeit“, konnte beklatschen, wer noch jung und offen war. Viele Schüler klatschten, ein paar Eltern auch. Die Lehrer schwiegen entsetzt; die dümmeren fragten sich: Was nimmt dieser Kerl sich raus?, die denkenden: Warum riskiert er so viel?

Die Ratschlüsse des Systems
Warum sollte ich es nicht riskieren?, fragte Alexander. Es ging nicht um Naivität oder Draufgängertum. Es ging um genau das, worüber er sprach: Aufrichtigkeit. Ein aufrechtes Leben. Wenn alle die Klappe halten, heißt das doch, dass einer mal die Klappe aufmachen muss.

Der Direktor fragte ihn, ob er das Gesagte zurücknehmen würde. Nein, antwortete Alexander. Und es hätte kaum jemand noch darauf gewettet, dass er am folgenden Tag sein Abiturzeugnis erhalten würde. Doch er erhielt es; die Ratschlüsse des Systems waren unergründlich.

Was konnte nun aus diesem aufrechten jungen Mann mit Hochschulreife werden? Seinen Studienwunsch, Germanistik, hatte ihm das System bereits ausgeschlagen. Er jobbte erst mal in der Uhrenfabrik und als Museumsaufsicht. Nach Dienst traf er sich mit seinen Freunden, um, wie es die Staatssicherheit deutete, die Sicherheit des Staates zu untergraben. Das Gegenteil war der Fall. Es ging ihnen um Demokratie und um den Frieden, den sie von den östlichen Atomraketen ebenso bedroht sahen wie von den westlichen. Da die DDR-Staatsmacht der Meinung war, dass die einzig legitime Friedensbewegung in der DDR sie selbst sei, stellte sie die vier jungen Weimarer unter strenge Beobachtung. Die Stasi installierte eine Wanze, protokollierte auch die weinseligste Unterhaltung minutiös und nahm Alexander und seine Freunde im Januar 1984 fest. Sie hatten Flugblätter gedruckt, auf denen sie zum Boykott der Kommunalwahl aufriefen.

Untersuchungshaft, ein halbes Jahr Zermürbung, Alexander besteht auf einen Anwalt, er kennt einen guten, der bei seinen Eltern aus- und eingegangen ist, der Anwalt kommt und erweist sich als große Hilfe – für alle Seiten. Er überzeugt die Häftlinge, ein Geständnis abzulegen; alles andere würde die Sache nur weiter verzögern, und letztlich laufe es ohnehin auf einen Freikauf in den Westen hinaus, je eher desto besser. Alexander wollte nie in den Westen. Jetzt aber hat er den Knast kennengelernt, und der Anwalt sagt: „Mach was aus deinem Leben, Junge. Geh rüber!“

Im Juni die Gerichtsverhandlung, Alexanders Urteil: zwei Jahre, zwei Monate wegen „Behinderung staatlicher oder gesellschaftlicher Tätigkeit“, ein weiteres halbes Jahr Knast, schließlich der Freikauf und im Januar 1985 die Ausreise ins gelobte Land der Freiheit und der Bürgerrechte.

Im Auffanglager die übliche Prozedur, Verhör durch die Geheimdienste, Aufnahme der Personalien, erkennungsdienstliche Behandlung. Alexander kann es nicht fassen: Er kommt gerade aus dem Überwachungsstaat und soll hier seine Fingerabdrücke abgeben? Kommt überhaupt nicht infrage! – Dann bekommen Sie keinen Ausweis. So verzögert sich die Prozedur um ein paar zähe Stunden, nach denen die Bundesrepublik Alexanders Fingerabdrücke und er ihre Staatsbürgerschaft erhält.

Viele, die aus der DDR-Subkultur in den Westen kommen, bilden dort, zumeist in West-Berlin, eine ganz ähnliche Subkultur. Man bleibt unter sich. Alexander nicht. Er beginnt sein Germanistikstudium in Göttingen. Und erhält seine erste Lektion in Freiheit: Nur weil man studieren kann, was man will, heißt das noch lange nicht, dass man studiert. Sein erstes Semester ist ein Streiksemester. Auf einer Versammlung lernt er Anja kennen. Er fällt ihr auf, weil er so besonnen ist. Wenn alle die Klappe ganz weit aufreißen, dann soll man sich zurückhalten. Er hat seine Meinungen, doch teilt er sie nur halb so laut mit. Womöglich meint es dieser Mann mit Migrationshintergrund einfach ernster als die lauten Ureinwohner.

Umringt von Glatzköpfen
Er zieht dann doch mit Anja nach Berlin, und auch dort streiken gerade die Studenten. Sie beteiligen sich an einer Hausbesetzung, Alexander lernt für eine Nacht auch mal den Westknast kennen, und als er mit dem Studium fertig ist, gibt es keine Mauer mehr. Doch fällt es ihm im Traum nicht ein, zurück in den Osten zu ziehen. Da hat er einen Strich gemacht. Und dann bekommt er es aus beruflichen Gründen auch noch mit den finstersten Seiten des Ostens zu tun: Als Fernsehreporter für die Sendung „Kontraste“ wird Alexander Spezialist in Sachen Rechtsradikalismus. Mit seinem Kamerateam fährt er durch Brandenburg und Sachsen, begibt sich auf Sommerfeste der NPD, ist umringt von Glatzköpfen – und bleibt ganz ruhig.

Die Kollegin, die immer mit ihm unterwegs ist, staunt: Der Mensch scheint wirklich keine Angst zu haben. Als die beiden über einen Medizinfirmenskandal recherchieren und mitbekommen, wie der kritisierte, mächtige Unternehmer Kontakte zur Intendantin des RBB knüpft, ist für sie völlig klar, dass man an die Intendantin einen Brief schreiben muss. Ein Unding in der öffentlich-rechtlichen Betonhierarchie! Entsprechend groß ist der Ärger. Andere hätten sich das nicht getraut, warum auch, so anders als der Osten war, ist der Westen nicht. Und Alexander ist im Westen kein anderer, als er im Osten war. Ein Angstfreier.

Ahnt er, dass die einzige Gefahr für ihn von ihm allein ausgeht? Alexander ist Alkoholiker, einer, der sich viel zu früh an das Zeug gewöhnt und den Absprung nie geschafft hat. So mutig und konsequent er den Kleingeistern und Mutlosen begegnet, so hilflos ist er gegenüber seinem eigenen Verlangen. Da sind auch die Hilfsbereitesten hilflos. Er hält den Anstrengungen des Reporterjobs nicht mehr stand – und widmet sich jahrelang, unterbrochen von seinen Abstürzen, einem letzten Großprojekt.

Zufällig ist er dem Anwalt noch einmal begegnet, der ihn in der DDR vertreten hatte. Das war Wolfgang Schnur, einer der rätselhaftesten, skrupellosesten Stasiverräter. Alexander hatte Schnur damals für sein geradliniges, selbstbewusstes Auftreten bewundert. Er hatte sich gut vertreten gefühlt. Inzwischen weiß er, dass Schnur im Stasi-Auftrag unterwegs war.

Das macht ihn nicht bitter. Es interessiert ihn einfach. Täter? Opfer? Nie hätte Alexander sich selbst als Opfer begriffen. Bei Schnur, dem Täter, ist das anders: Der ist ein Opfer, ein kleiner Mann mit wenig Rückgrat, der sich benutzen ließ, um anderen das Rückgrat zu brechen. Alexander ist, vordergründig jedenfalls, ungebrochen genug, um diese Geschichte zu ergründen. Er wälzt Akten, spricht mit Schnur, er schreibt ein Buch und macht einen Film. Das Buch ist erschienen, und auch der Film ist fertig geworden. Er wird im Herbst im Fernsehen laufen, ein halbes Jahr nach Alexanders Tod.

Man mag das anders sehen, aber möglicherweise war die Rede, die Alexander Kobylinski mit 19 hielt, noch wichtiger als Buch und Film. Sie hat seinen Mitschülern gezeigt, dass man, wenn alle anderen schweigen, etwas sagen kann. Dass man das muss.

 

 

Hier ein ausführlicher Bericht über den Vorfall sowie die Rede im Wortlaut

https://www.spiegel.de/geschichte/ddr-abitur-rede-die-rebellen-von-weimar-a-1052113.html

 

 

(Kobylinski)

 

^^^^

(Ordner)   www.detopia.de

Alexander Kobylinski  Der verratene Verräter Wolfgang Schnur: Bürgerrechtsanwalt und Spitzenspitzel Biografie