Jürgen Aretz, Wolfgang Stock, 
Rainer Eppelmann 

Die vergessenen 
Opfer der DDR 

13 Berichte mit Original-Stasi-Akten

1997 by Bastei-Lübbe #  ISBN 3-404-60444-X 
Titelbild: Haftanstalt Bautzen II  

Die vergessenen Opfer der DDR  --  13 erschütternde Berichte mit Original-Stasi-Akten  (1997)   Aretz, Stock, Eppelmann 

1997     253 Seiten 

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A.htm   Kommbuch 

Rezension  Knechtel Stalins DDR 

Vollnhals Normalität Käbisch 

Brigitte Klump

Zur Zukunft gehört die Erinnerung (2006)  Birthler

 

Inhalt

Vorwort von R. Eppelmann  (7)

Die SED-Diktatur und ihr Erbe  -  Einleitung von Aretz, Stock  (11)

 

4 Anhänge:

1 Auszug aus dem Strafgesetzbuch der DDR 1987  (238)
2 Abkürzungsverzeichnis (247)
3 Karte  (250) 
4 Register  (251)

 1  Fritzsch /  Das ungeborene Kind als Erpressungsmittel  (27) 

 2  Mauritz /  Ein Kind wird zwangsadoptiert  (48)  

 3  Strehlow / Handgranate gegen einen flüchtenden Soldaten  (78)  

 4  Faust / Vom Arbeiterdichter zum politischen Gefangenen  (84) 

 5  Tanneberger / Der Ausreisewunsch wird zum »Landesverrat«  (95) 

 6  Lengsfeld / Der Ehemann als Stasi-Spitzel  (104)  

 7  Schwarz / Schwerter zu Pflugscharen  (110)  

 8  Theuerkauf / Vom »Westbesuch« nicht heimgekehrt  (120)

 9  Bielke / Wahlenthaltung führt zur Stasi-Haft  (140)  

10  Gallus / Fernsehpopularität als Hindernis für den »Freikauf«  (184) 

11  Nordt / Mißglückte Flucht mit dem Eisenbahnwaggon  (204) 

12  Lichtenberg / Berufung auf die KSZE-Schlußakte führt ins Zuchthaus  (216)

13  Bäurich / Manifest eines Christen im Sozialismus  (230)

wikipedia  Rainer_Eppelmann *1943

Dr. Jürgen Aretz
*1946, übernahm nach wissenschaftlicher Tätigkeit den Bereich Menschen­rechte/ Entwicklungs­politik bei der Deutschen Bischofs­konferenz und war später im Bundes­ministerium für innerdeutsche Beziehungen Leiter der Unterabteilung Grundsatz­fragen. Seit 1992 ist er Leiter des Arbeitsstabes neue Länder im Bundes­kanzleramt Bonn.

Dr. Wolfgang Stock
* 1959, war für die FAZ zunächst als Nachrichten­redakteur und dann fünf Jahre lang als politischer Korres­pondent in Bonn tätig. Heute ist er leitender Redakteur der »Berliner Zeitung« in Berlin.

      

Vorwort von Rainer Eppelmann

Nur mit Wahrheit wird Zukunft und vielleicht auch Versöhnung möglich 

<Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung der SED-Diktatur> 

7

Sind sie wirklich schon vergessen, die unbekannten Namenlosen, die zu den Opfern der SED-Diktatur wurden? Wenn es wirklich so wäre, würde ich verzweifeln. 

Schaue ich in die Zeitungen oder in die Buchläden, so könnte ich wirklich glauben, daß niemand mehr etwas davon wissen will, wie die SED-Machthaber mit den Menschen umgingen, die sie als ihre Feinde betrachteten. 

Aber bitte, nur keine vorschnellen Schlüsse ziehen! Wir alle sehen unwillkürlich weg, wenn wir den Opfern der Gewalt aus zu großer Nähe ins Angesicht schauen sollen.

Als die Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der SED-Diktatur im November 1992 zu einer ersten Anhörung von SED-Opfern in den Berliner Reichstag eingeladen hatte, da habe nicht nur ich drückend eine große Hilflosigkeit empfunden. Wir können so wenig wieder gutmachen. Wir können verlorene Jahre nicht zurückgeben. Wir können die nicht zurückrufen, die ihr Leben verloren durch diktatorische Gewalt. Alles das ist uns unmöglich, aber wir können uns erinnern! Und niemand soll glauben, daß solches Erinnern nutzlos ist.

Es steckte ein tiefer Sinn darin, wenn sich die frühen christlichen Gemeinden regelmäßig an den Todestagen zum Gedenken an ihre Märtyrer an den Gräbern versammelten und sich die Geschichte ihres Lebens und gewaltsamen Todes vorlesen ließen.

Die jüdischen Gemeinden des Mittelalters haben ihre Verfolgungsgeschichte in Erinnerungsbüchern aufge­schrieben, um die Namen der Opfer für alle Zeiten im Gedächtnis zu behalten. Solche Erinnerungs­arbeit schulden auch wir den Opfern und ihrer Würde. Aber auch wir selber brauchen dieses Erinnern, um für die Gegenwart und Zukunft daraus zu lernen.

Was läßt sich aus den erschütternden Berichten, die in diesem Buch zusammengetragen worden sind, nun aber lernen? An keiner anderen Stelle habe ich kürzer lesen können, was die SED-Diktatur in ihrem Kern ausmachte, als in dem Bericht von Günter Fritzsch, den sein Stasi-Vernehmer anbrüllte: 

»Hier drinnen herrscht keine Demokratie, bei uns herrscht Diktatur, die Diktatur des Proletariats. Das ist unversöhnlicher Klassenkampf. Sie sind unser Klassengegner. Mit Ihnen verhandeln wir nicht über Recht oder Demokratie. Welche Rechte Sie haben, bestimmen wir (...) Hier kommt Politik vor Recht.«

Stark beeindruckt hat mich auch, daß es immer wieder Menschen gegeben hat, die sich der Kooperation mit dem Regime verweigerten. Wir waren mehr, als wir damals manchmal meinten. Die Zeugnisse von Resistenz, Opposition und Widerstand gegenüber den totalitären Zumutungen der SED-Machthaber gehören heute genauso in die Schulbücher wie die Berichte über diejenigen, denen ihr Gewissen gebot, gegen das verbrecherische Naziregime aufzustehen.

Erneut denke ich darüber nach, auf welche Weise damals denen am besten geholfen wurde, die in den Haftanstalten der Stasi verschwanden. Die stille Diplomatie der Bundesregierungen und der Kirchen hat in vielen Fällen helfen können. Mindestens genauso wichtig aber war es, die Verbrechen der SED-Machthaber öffentlich zu machen. Oft war das sogar für die Verhafteten, ihre Familie und Freunde der einzig gangbare Weg.

8


Glücklicherweise hat es auch in der Bundesrepublik Deutschland immer Menschen gegeben, die sich von solchen Bitten um Hilfe ansprechen ließen. Die <Internationale Gesellschaft für Menschenrechte>, die Aktion <Hilferufe von drüben>, die <Helfenden Hände>, die <Hilfsaktion Märtyrerkirche>, das Brüsewitz-Zentrum, das von Brigitte Klump angestrengte <Verfahren 1503> der UN-Menschen­rechts­kommission und das Engagement nicht weniger Journalisten, die als Korrespondenten in der DDR dabei oft selber schwere Nachteile in Kauf nahmen, bleiben unvergessen.

Das Mielke-Imperium hat die meisten schrecklichen Anschauungsobjekte seiner menschen­verachtenden Praktiken in der Umbruchs­zeit 1989/90 vernichten können. In den Akten lesen wir zumeist nichts darüber, mit welchen Maßnahmen Häftlinge drangsaliert, Geständnisse erpreßt und Menschen zerbrochen wurden. Über Selbstverständliches brauchten keine Niederschriften angefertigt zu werden. 

Nur in der Stasi-Haftanstalt Hohen­schönhausen mit ihrem unterirdischen Zellentrakt, der das U-Boot genannt wurde, können wir noch etwas von den Schrecken dieser Zwangsherrschaft nacherleben.

Um so wichtiger ist es, daß sich in diesem Buch Opfer der SED-Diktatur dazu bereitgefunden haben, darüber zu berichten, wie man mit ihnen verfuhr. Ich danke allen denen, die den Mut hatten, sich der eigenen Vergangenheit zuzuwenden und auch darüber zu reden, wie man versuchte, ihre Menschen­würde zu zerstören, und wie man sich diese Würde trotzdem erhalten konnte.

Ich hoffe, daß dieses Buch einen wirksamen Beitrag dazu leistet, allen Versuchen, die schlimme Vergangenheit zu vergessen, zu verdrängen oder zu verharmlosen, einen Riegel vorzuschieben. Es geht hier nicht um Fixierung auf die Vergangenheit, das Erzählen von Heldengeschichten oder die Erinnerungs­seligkeit älter werdender Kampfgefährten aus der Bürgerrechts­bewegung. Dieses Buch ist notwendig, um der historischen Wahrheit den Weg freizuhalten.

Nur da, wo wir dieser Wahrheit die Ehre geben, wird Zukunft und vielleicht einmal sogar Versöhnung möglich. Durch Berichte über persönliche Schicksale begreifen wir oft besser, was die verbrecherischen Strukturen der SED-Herrschaft ausmachte, als durch die Lektüre politologischer Traktate. Erst dann lernen wir zu verstehen, daß jedes einzelne Opfer eines zu viel gewesen ist.

Und zum Schluß noch ein Wort an die, die jetzt sagen mögen: »Aber wir haben doch auch in diesem Land gelebt, es war grau und etwas ärmlich, aber wir haben auch gelacht, geliebt und waren ganz normale Menschen. Mit den schrecklichen Dingen, die hier erzählt werden, haben wir doch nicht zu tun gehabt.« Das ist gewiß alles richtig, aber ich meine, wir sollten nicht zu schnell vergessen, wie die SED-Herrschaft unser Leben und Denken einengte. Ich erinnere an die Reisebeschränkungen, an die geistige Bevormundung durch Zensur und Schulungswesen der SED und der Massenorganisationen, das oft jahrelange Warten auf eine Wohnung oder ein Auto, die ungenügende Versorgung mit Medikamenten, die Auswirkungen der sozialistischen Planwirtschaft, insbesondere auch auf die Umwelt, die Gängelung von Literatur und Kunst sowie den Verfall der Städte.

Der Prozeß der deutschen Einheit ist noch keineswegs am Ziel angelangt. Wer dabei nur auf die großen Probleme sieht, die noch gelöst werden müssen, sollte immer bedenken: Das sind die Folgen der SED-Diktatur, die nun von uns allen gemeinsam aufgearbeitet werden müssen. Die Schwierigkeiten materieller Art werden dabei sehr viel schneller zu beseitigen sein als die Schäden, die die Opfer der SED-Diktatur hinzunehmen hatten. Daran zu erinnern ist die Aufgabe dieses Buches. Der Prozeß der inneren Einigung wird nur gelingen, wenn wir uns der ganzen Wahrheit stellen! 

10

Rainer Eppelmann

 

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