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4  Der gute äußere Eindruck,

das schlechte Gefühl im Innern

 

Wir können weit mehr ertragen, als wir annehmen; das bestätigt jede menschliche Erfahrung. Wir müssen lediglich lernen, uns vor Schmerzen nicht zu fürchten. Beiß die Zähne zusammen und laß es schmerzen. Verdränge ihn nicht, laß dich nicht davon überwältigen. Er dauert nicht ewig. Eines Tages ist der Schmerz verschwunden und du wirst immer noch da sein.

H. Kushner in <Wenn Erfolg allein nicht glücklich macht>

 

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Wenn Beth gefragt wird, wie sie sich fühlt, wird sie antworten, was sie denkt. Sie hat die Lügen im Kopf verlernt und kann klar denken. Sie erinnert sich an jede Einzelheit der Prügel, die sie als Kind bekam, oder an die Vernachlässigung, der sie ausgesetzt war. Sie erstaunt ihren Therapeuten mit ihrer Fähigkeit, einen detail­genauen Bericht darüber abzugeben, beinahe so, als würde sie über ein ziemlich langweiliges Basket­ball­spiel be­richten. 

Wenn der Therapeut sie fragt: »Wo bleiben Ihre Gefühle?« nimmt sie die Frage wörtlich und be­trach­tet ihren Körper. Sie fühlt keinen Schmerz, sagt sie, kein Herzklopfen, keinen Magendruck, kein Schwindel­gefühl. Das bedeutet, sie spürt keine Angst, keine Trauer, keine Wut. Sie fühlt sich so, wie sie sich immer fühlt. Über ihren erlittenen Mißbrauch zu berichten, macht ihr nichts aus.

Beth wird geschätzt, aber niemand ist ihr wirklich nah. Im Gespräch befaßt sie sich lieber mit anderen. Um ihre Anteilnahme zu zeigen, bietet Beth Ratschläge an. Wenn ihre Freunde aber jemand brauchen, der ruhig zuhört, wenden sie sich nicht an Beth. Wünschen sie aber Analyse und Lösungsvorschläge, kommen sie gern zu ihr.

Beth arbeitet als Therapeutin in einem Behandlungszentrum für schwer mißhandelte Kinder, die der elterlichen Fürsorge entzogen wurden. Nach Beths Auffassung brauchen diese Kinder einen teilnahmsvollen Zuhörer. In der Therapie zeigt sie großes Mitgefühl für ihre Patienten, glaubt jedoch, ihre »Zeit für solche Dinge sei längst abgelaufen«. Ihr Verstand verbietet ihr strikt >Selbstmitleid<.

Beths Familie »machte nach außen einen guten Eindruck«. Ihr Vater war ein fleißiger, nach außen verständnisvoll wirkender Mann und ihre Mutter eine tüchtige Hausfrau, die sich allem Anschein ihrer Familie widmete. »Aber in Wirklichkeit ging es bei uns zu wie in dem Theaterstück <Wer hat Angst vor Virginia Woolf>? - Meine Eltern haßten einander mit tiefer Leidenschaft.« 

Häufig ging es bei ihren Streitigkeiten um ihr unbefriedigtes Sexualleben. Alice beschuldigte Tony, impotent oder homosexuell zu sein. Tony konterte, kein normaler Mann würde sich sexuell für Alice interessieren. Ihre Streitigkeiten endeten gewöhnlich im Schlafzimmer. Im Rückblick glaubt Beth, »Streit war für die beiden nur das Vorspiel«.

Ein Streit ist Beth als schlimmste Kindheitserinnerung noch lebhaft im Gedächtnis: »Ich war erst sechs Jahre alt. Sie hatten den ganzen Abend gestritten und plötzlich hörte ich diesen markerschütternden Schrei. Susan und ich rannten nach unten. Meine Mutter hatte meinem Vater den heißen Kaffeefilter über den Kopf gestülpt. Auf seinem Kopf lag ein Häufchen Kaffeesatz. Die Kaffeebrühe tropfte ihm aufs Hemd. Am deutlichsten erinnere ich mich an sein Schluchzen — es war das einzige Mal, daß ich ihn weinen sah — die Tränen liefen ihm seitlich an der Nase entlang. Meine Mutter befahl uns ganz kühl, wieder ins Bett zu gehen. Sie sagte: <Das geht euch nichts an, Kinder.>«

Beide Eltern benutzten die Töchter als Vertraute. Die Mutter schüttete Susan ihr Herz aus und sagte ihr gleichzeitig: »Du bist voll Pisse und Essig wie ich.« Der Vater fühlte sich bei der zurückhaltenden Beth wohler, setzte sich zu ihr, starrte aus dem Fenster und seufzte. »Ich verglich meine Eltern gern mit zwei Hälften einer zerbrochenen Teetasse, deren Sprünge zusammengeklebt waren. Wenn die Teetasse noch einmal brach, wären beide Hälften zu nichts mehr zu gebrauchen.«

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Schon als Kind ging Beth völlig anders mit der Gewalttätigkeit der Eltern um, als ihre um ein Jahr jüngere Schwester Susan. Beth, die >gute Tochter<, verschloß sich: »Ich machte Musik oder dachte mir Geschichten aus, bis es zu laut um mich herum wurde, daß ich mich nicht mehr konzentrieren konnte. Da wußte ich, daß es gefährlich wurde, Zeit um damit aufzuhören.« Susan, das >Problemkind< war übertrieben lebhaft, nahm sich jedes Wort zu Herzen. Ihre Angst steigerte sich, bis sie etwas tun mußte, um die Spannung zu entladen; sie schlug mit dem Kopf gegen die Wand, hüpfte auf dem Bett herum oder wiegte sich hin und her.

Die Unterschiede setzten sich in der Schule fort. Im zweiten Schuljahr wurde Susan als >hyperaktiv< bezeichnet und medikamentös behandelt. Beth glaubt, »das war ihre erste Lektion zu einem >besseren Leben durch die Chemie<. Niemand fragte uns je, ob uns daheim etwas ängstige. Man behandelte lediglich die Symptome, ohne die Krankheit zu kennen.« Susans Schulschwierigkeiten verstärkten den Stempel des >bösen Kindes<, der ihr bereits zu Hause aufgedrückt worden war.

In der Schule zog Beth sich auf ihren Verstand zurück, ihrem >einzigen sicheren Hafen<. Sie war eine ausgezeichnete Schülerin, beliebt bei den Lehrern, aber sie sonderte sich von anderen Kindern ab. »Ich dachte, wenn ich andere Kinder gut kenne, würde ich anfangen, sie anzuschreien. Um das zu verhindern, ging ich ihnen aus dem Weg.« Ihre Lehrer hielten Beth für >scheu, zu ernst für ihr Alter< und achteten nicht weiter auf ihre soziale Isolation. Der Familientradition entsprechend, »wirkte ich so normal wie möglich, in der Schule sogar supernormal. Niemand wußte, daß ich mir in meinem Inneren wie eine Mißgeburt vorkam.«

In der sechsten Klasse begann Beth einmal plötzlich zu weinen und konnte nicht aufhören. Ihr Lehrer zeigte sich entsprechend besorgt und fragte, ob etwas mit ihr nicht in Ordnung sei. »Ich mußte mir ganz schnell etwas einfallen lassen. Ich erfand die Geschichte, daß mein Hamster in der Nacht gestorben sei. Wir durften keine Haustiere haben, aber eine bessere Ausrede fiel mir nicht ein. Der Lehrer glaubte mir.« Das bestärkte ihren Entschluß, »meinen Verstand anzustrengen und in der Schule nicht an zu Hause zu denken. Hier war ich sicher, hier mußte ich mir keine Sorgen machen.«

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Susans Angst war mit Eintritt in die Pubertät schwer mit Medikamenten zu beruhigen. Wie ihre Mutter Alice übertrug sie ihren Zorn und ihre Rastlosigkeit auf ihre Umgebung und erstickte zu starke Emotionen mit Essen. Mutter und Tochter fasteten und nahmen Amphetamine. Susan, die das Trauma weniger wirkungsvoll abblocken konnte als Beth, wurde bulimisch und in ihrem Verhalten aggressiver. Manchmal schlug sie in ihrer Frustration ihre Schwester Beth. Die ganze Familie jammerte: »Wenn Susan nicht so wäre, könnten wir eine glückliche Familie sein.«

Die Wunden zwischen Susan und Beth sind nie verheilt. Die wenigen Male, in denen Beth im Freundeskreis über ihre Familie spricht, macht sie sich über Susan lustig: »Sie hat das Drama und die Angst mitbekommen und ich den Verstand.« Susan bekämpft ihre maßlose Wut, Trauer und Angst mit Kokain. Ob mit Kokain oder nicht, Susan fällt es immer schwer, einen Unterschied zu machen zwischen >gestern< und >heute<. Sie erinnert sich weniger deutlich als Beth, was die beiden als Kinder ertragen mußten. Sie hat vergessen, daß die beiden über lange Zeiträume allein gelassen worden waren. Läßt ein Freund sie aber warten, denkt sie, er lasse sie sitzen. Susan hält es in keinem Job länger als drei Monate aus, da sie die geringste Kritik als direkten Angriff gegen ihren Selbstwert auffaßt. Susans Gefühle sind für sie absolut real und sie teilt sie ihrer Umwelt ständig mit.

Beths Emotionen »geben mir das Gefühl, ein Schachtelteufel zu sein. Ich fühle mich wohl, kümmere mich um meinen Kram, erledige meine normalen Alltagsarbeiten. Aber ich verkrampfe mich zu sehr, ich lasse meine Gefühle nicht zu. Und alle paar Monate gehe ich wegen einer Kleinigkeit hoch. Ich bat einmal die Sekretärin in unserem Büro, einen Bericht möglichst bald zu tippen. Sie war mit Arbeit bereits eingedeckt und lehnte höflich ab. Ich ging in mein Büro und weinte. Letzten Samstag sollte endlich meine neue Waschmaschine geliefert werden, die mir schon seit Wochen versprochen war. Ich saß den ganzen Tag wartend herum, bis ich gegen vier Uhr nachmittags das Kaufhaus wutentbrannt anrief und eine fürchterliche Szene machte.«

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Beth hat Gefühlsausbrüche, die nicht wie bei Susan immer mit dem >Gestern< verbunden sind. Manchmal läßt das bloße Aufstauen von Emotionen bei ihr »die Sicherung durchbrennen. Damit erschrecke ich die Leute und mache mich zum Narren.« Beth fürchtet darüber hinaus, sie sei »unstabil und genau so geistesgestört wie meine Schwester und Mutter«. Daher bemüht Beth sich um so entschlossener, ihre Fassung wieder zu erlangen und verstaut »die Gefühle wieder in der Kiste«.

Der >sichere Hafen< der erwachsenen Beth ist die Arbeit, in der die Kinder, die sie berät, >das Fühlen< für sie besorgen. In einem Seminar über Streßbewältigung traf ein Vortrag einen Nerv bei Beth. Die Rednerin bezeichnete das Verhalten, bevor die Sicherung durchbrennt, »als würden Sie mit hundertfünfzig Kilometer in der Stunde mit angezogener Handbremse fahren«.1 Beth begreift, daß sie genau das macht, daß sie ihre eigenen Gefühle >abbremst<, wenn sie mit mißhandelten Kindern arbeitet. »Ich bin nicht nur objektiv«, bekennt sie, »ich bin vom Hals abwärts abgestorben.«

Susan hat vor kurzem ihren Neunzig-Tage-Chip von den Anonymen Drogenabhängigen erhalten. Ihr Sponsor erinnert sie täglich an eines der 12-Schritte-Schlagworte: »Gefühle sind keine Fakten.« Sie erkennt allmählich, daß jemand, dessen Eigenschaften sie an ihre Eltern erinnern, nicht die gleichen Absichten ihr gegenüber haben muß wie ihre Eltern sie hatten, und die Interaktion mit diesem Menschen gewiß nicht die gleichen Konsequenzen hat. Sie lernt, sich zu beschwichtigen, wenn sie in Panik zu geraten droht und hört auf, in anderen Menschen >psychische Stellvertreten ihrer Eltern zu sehen. Beth und Susan lernen beide, daß sie ihre Wut auf andere Menschen ausdrücken können, daß eine Besserung aber erst eintritt, wenn sie ihre Gefühle mit >gestern< in Verbindung bringen.

 

Beth lernt, kostbare seelische Energie vom >guten äußeren Eindruck< in Trauer um die Verluste ihrer Kindheit umzuleiten. Mit einem guten Therapeuten und einer Selbsthilfegruppe gelang es ihr, zunächst mehr zu fühlen und sich danach besser zu fühlen.

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»Ich versuche Mitleid mit mir selbst zu haben und die Tiefe meiner Gefühle zu akzeptieren. Wenn ich als Kind fähig gewesen wäre, irgend etwas von meiner Wut oder meinen Tränen herauszulassen, würde das alles heute nicht aus mir herausbrechen. Ich versuche, konstruktive Entscheidungen zu treffen, wie ich meine Gefühle zum Ausdruck bringe, und ich weiß endlich, daß meine Gefühle nicht meine Feinde sind.« Beth kommt sich nicht mehr so sehr wie ein Schachtelteufel vor und beginnt sich im Innern so gut zu fühlen wie sie nach außen hin wirkt.

 

   Denken und Fühlen  

 

Gefühle beginnen im Körper, nicht im Kopf. Denken Sie an einige der vielen körperbezogenen Rede­wendungen, mit denen wir unsere Gefühle beschreiben: mir zittern die Knie, das Herz schlägt mir bis zum Hals, meine Kehle ist zugeschnürt, ich könnte vor Freude springen, die Haare stehen mir zu Berge, ich fürchte, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Wir haben eine physiologische Reaktion auf einen Sachverhalt oder einen Menschen. Das Gehirn empfängt die Empfindungen und benennt sie korrekt: »Ich bin nervös... voller Angst... verärgert ... glücklich... erstaunt... oder begeistert.«

Der Psychotherapeut Terry Hunt hat einen Slogan in seinen Workshops zur emotionalen Heilung geprägt: »Ein Gedanke für jedes Gefühl und ein Gefühl für jeden Gedanken.«2 Mit Hilfe unserer Gedanken können wir unsere Gefühle richtig erkennen, sie in die richtigen Perspektiven bringen und gesunde Entscheidungen treffen, was wir mit ihnen zu tun gedenken. Darüber sprechen? Danach handeln? Sie ausarbeiten? Sie nicht beachten? Gefühle geben ihrerseits dem Gehirn den richtigen Aufschluß, mit wem oder womit wir es zu tun haben (oder es in der Vergangenheit zu tun hatten, wenn die Erinnerung wieder auftaucht). Auf diese Weise ergänzen und fördern Intuition und Vernunft einander.

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Kulturell gesehen neigen wir dazu, den Kopf vom Herzen zu trennen und dem Kopf die Vorherrschaft zuzuweisen. Vor die Wahl gestellt, neigen wir dazu, einstige Opfer wie Beth vorzuziehen, die ein gutes Denkvermögen besitzen, aber gegen den echten Schmerz, den sie erlebt haben, abgestumpft sind. Von Menschen wie Susan fühlen wir uns dagegen abgestoßen, die ihr bewußtes Erinnerungs­vermögen an den Mißbrauch verloren haben, aber mit der ganzen Kraft ihrer Gefühle Verletzungen >ausagieren<, und uns damit die Greuel der Familiengewalt in Erinnerung rufen. Beths beruflicher Erfolg und ihre in Schubladen eingeordneten Gefühle fordern nicht nur einen hohen und unnötigen Preis von ihrer Persönlichkeit, sie lassen den Betrachter glauben, daß Gewalt gegen Kinder gar nicht so schlimm sein kann.

Yolanda spricht für eine Reihe anderer Mißbrauchsopfer, wenn sie sagt: »Ein Rückstand aus meiner Kindheit besteht darin, daß ich in einem gespaltenen Zustand lebe zwischen dem, was mein Kopf erfaßt, und dem, was mein Herz empfindet. Ich weiß, daß ich klug und ziemlich attraktiv bin und eine Menge Fähigkeiten und Talente habe. Das fühle ich aber nur selten. Ich weiß, daß das, was geschah, nicht meine Schuld war, aber ich fühle mich irgendwie nicht liebenswert und defekt. Mein Selbstwert mißt sich daran, wie andere Menschen mich sehen. Mein Kopf weiß, was falsch ist, aber mein Bauch fühlt anders.«

Siebzehn der von mir interviewten Mißbrauchsopfer konnten sich genau an den Mißbrauch erinnern, bezeichneten das Bewußtwerden und den Ausdruck ihrer Gefühle als Problembereich: »Das Denken fällt mir wesentlich leichter — Gefühle sind für mich immer noch sehr gefährlich.« Ihr Verhaltensmuster als Kinder bestand im Vermeiden; sie lernten, Gefühle über das Trauma nicht zum Ausdruck zu bringen; sie lernten, ihre Gefühle >wegzustecken<. Der Psychiater Henry Paul sagte in einer Fernsehsendung: »Gefühle sind nicht wie die Tasten eines Klaviers. Man kann nicht eine drücken und erwarten, daß alle anderen oben bleiben.« Überlebende ängstigen sich manchmal vor der Heftigkeit ihrer aufgestauten Gefühle. Laura war besorgt darüber: »Wenn ich einmal anfangen würde, zu weinen, könnte ich nicht mehr aufhören. Wenn ich einmal wütend werde, würde ich ein Haus in die Luft sprengen. Wenn ich je das ganze Entsetzen spüren würde, würde ich mich in Nichts auflösen.«

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Wie die Luftblasen,, die in einem alten Heizungssystem Geräusche machen, müssen Gefühle langsam, eins ums andere, herausgelassen werden. Der Überlebende erinnert sich vielleicht nicht mehr daran, aber es gab eine Zeit, in der er oder sie instinktiv wußten, wie das zu bewerkstelligen ist, ohne Angst davor zu haben, daß die Gefühle sie übermannen würden.

Haben Sie schon einmal beobachtet, wie wütend ein Baby wird, wenn es nicht gebadet werden will? Es schreit aus Leibeskräften mit hochrotem Gesicht, ballt die Fäuste und bäumt seinen kleinen Körper auf. Kurze Zeit später kommt jemand, den es gern hat, ins Zimmer. Das Kind hört sofort auf zu schreien, lächelt selig, strampelt mit Armen und Beinen in Erwartung liebevoller Zärtlichkeiten. Kurze Zeit später möchte es schlafen, statt gefüttert zu werden, und seine Wut richtet sich gegen die Bezugsperson, die nicht auf sein Bedürfnis eingeht. Das Kind weist die Flasche zurück, macht die Augen zu, wendet den Kopf ab und windet sich — das alles sind Gesten, um seine Gefühle auszudrücken.

Wenn alles gut geht, wenn die Mutter einfühlsam ist und auf die Gefühle des Säuglings eingeht, wird er sich entspannen und einschlafen und beim Erwachen zu neuen Gefühlen bereit sein. Das Kind hat keine Angst vor seinen Gefühlen und muß sie nicht zurückhalten. Es begreift, daß jedes Gefühl einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat; und wenn ein Gefühl verschwunden ist, existieren das Kind und seine Mutter immer noch.

Dieses natürliche Selbstverständnis, der instinktive Ausdruck von Gefühlen, kann durch mißbrauchende oder vernachlässigende Betreuer erstickt und verzerrt werden.

 

Unterkühlte Gefühle

 

Viele Therapeuten würden Beth <unterkühlte Gefühle> bescheinigen. Dieses Problem hat Beth seit ihrer Kindheit, ebenso wie Susan Probleme hatte, klar zu denken. Wieso unterdrückt eine Problemfamilie die natürlichen Reaktionen eines Kleinkindes?

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Die Psychotherapeutin Claudia Black, eine Wegbereiterin in der Behandlung erwachsener Kinder von Alkoholikern, nennt in ihrem Buch Mir kann das nicht passieren drei eiserne Regeln, die in der Alkoholikerfamilie herrschen: »Du sollst nicht reden, du sollst niemandem vertrauen, du sollst nicht fühlen.«3)  Diese Regeln herrschen auch in mißbrauchenden und vernachlässigenden Familien. Wer eine dieser Regeln mißachtet, riskiert Zurückweisung und Bestrafung.

Spontane Reaktionen zu unterdrücken ist Kindern nicht angeboren. Das muß ihnen beigebracht werden und Problemeltern sind in dieser Hinsicht ausgezeichnete Lehrer.

In der >genügend gutem Familie lernt das Kind, Worte dem Klang von Emotionen zuzuordnen. Das Kind weint und die Bezugsperson, meist die Mutter, liest den Ausdruck in seinem Gesucht, drückt dem Kind ihr Mitgefühl aus, tröstet es und fragt: »Bist du traurig?« Das Kind denkt: »Tränen sind gleichbedeutend mit Traurigsein, ich verstehe.« Sieht die Mutter Tränen und geweitete Augen und bemerkt, daß das Kind Schutz sucht, fragt sie vielleicht: »Wovor hast du Angst?« Das Kind lernt: »Klopfen in meiner Brust heißt Angst haben, ich verstehe.« Es ist zu hoffen, daß die Mutter das Kind vor dem, was es ängstigt, beschützt und ihm Zusammenhänge verständlich macht. Wenn das Kind rot im Gesicht anläuft und aggressiv zappelt, sagt die Mutter: »Du bist wütend.« Das Kind lernt: »Wenn es in mir kocht, heißt das wütend sein, ich verstehe.« Es ist zu hoffen, daß die Mutter dem Kind hilft, seine Wut konstruktiv und ohne Vergeltungsmaßnahmen ihrerseits zum Ausdruck zu bringen.

Wenn das Kind immer wieder in dieser Weise Erfahrungen macht, lernt es zu sagen: »Ich bin traurig« oder »Ich habe Angst« oder »Ich bin wütend« und es lernt weiterhin, Trost und Schutz in Anspruch zu nehmen, wenn es sie braucht. Erhält das Kind kontinuierliche Bestätigung (»Ich weiß, wie du dich fühlst«) und Zuspruch (»Wein dich ruhig aus«), so lernt es, zu >sprechen, vertrauen und fühlen<. Das Kind fährt fort, seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen, da seine Bedürfnisse anerkannt werden.

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In einer Familie, in der Mißbrauch und Vernachlässigung vorherrschen, wird dem weinenden Kind in der Regel Gleichgültigkeit entgegengebracht (»Deine Gefühle sind mir unwichtig«), es wird eingeschüchtert (»Mach nur weiter so, dann wirst du bald wirklichen Grund haben, zu weinen«). Seine Gefühle werden verleugnet (»Du tust doch bloß so« oder »Du hast keinen Grund zu weinen«). Oder das Weinen des Kindes löst bei der Mutter Traurigkeit aus und sie besänftigt das Kind mit der unverblümten Aufforderung, sie zu trösten. Das Kind vergißt bald seinen eigenen Kummer und beschäftigt sich >mit der viel wichtigerem Angelegenheit, die Mutter zu trösten. Zumindest ist es darauf bedacht, seine unerfreulichen Gefühle vor den Augen anderer zu verbergen. Schlimmstenfalls wird das Kind wegen seiner Tränen geschlagen oder anderweitig bestraft, und die furchtbare körperliche Bedrohung der Vernichtung wird stärker sein als das körperliche Gefühl seiner Trauer.

Einer der wenigen vorhersehbaren Aspekte in einer gewalttätigen Familie ist die Unvorhersehbarkeit der elterlichen Reaktionen. Jedesmal, wenn das Kind weint, erhält es eine andere Reaktion. Bald wird ihm klar, daß Weinen gefährlich ist. Es lernt nicht, seine Gefühle in Worte zu fassen, lernt nicht, was Tränen wirklich bedeuten und auch nicht, darüber zu sprechen. Es dauert nicht lang und das Kind behält seine Gefühle für sich und lehnt vielleicht Spontaneität ab, weil sie Probleme schafft.

Kleine Kinder bieten Erwachsenen ihre Gefühle als Geschenk an, sie sind ihr Zahlungsmittel für Intimität. Kinder haben nur ihre Gefühle, die sie Erwachsenen, deren Zuneigung sie suchen, anbieten können. Wenn ihre Gefühle nicht beachtet werden oder als falsch, schlecht, problematisch, krank, verrückt, oder dumm abgelehnt werden, fühlen Kinder sich zurückgewiesen. Der junge Verstand folgert: »Meine Gefühle sind nicht akzeptierbar, also bin auch ich nicht akzeptierbar.«4

 

Gefühle und Verhalten

 

<Genügend gute> Eltern lehren ihre Kinder nicht nur, ihre Gefühle zu erkennen und zu artikulieren, sie helfen Kindern auch, Gefühle konstruktiv zurück­zuhalten oder auszudrücken. Im Idealfall werden Gefühle in lebensbejahendes Denken und Verhalten umgesetzt. Eltern müssen den Kindern zu verstehen geben, daß es nicht schlimm ist, verärgert zu sein, daß aber Schlagen und Schimpfnamen geben verboten ist.

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Andere Botschaften, die >genügend gute< Eltern vermitteln, lauten: »Du kannst wütend auf mich sein und mir dennoch zuhören«; »Es ist nicht schlimm, wenn du Angst hast, solange du mit jemand darüber sprichst und du deshalb nicht schlecht von dir denkst«; »Du kannst dich bei mir ausweinen und ich tröste dich, aber ich lasse nicht zu, daß du hysterisch wirst.« Wenn Kinder nicht lernen, ihre Gefühle konstruktiv zum Ausdruck zu bringen, besteht die Gefahr, daß sie von ihnen überwältigt werden, daß sie ihre Gefühle, wie in Susans Fall, als Flutwellen erleben. Tritt das ein, beginnen sie ihre Gefühle zu fürchten oder zu hassen.

Kinder besitzen nicht die kognitive Fähigkeit, zu erfassen, warum Eltern sie verprügeln, warum Eltern sich betrinken und ihnen Angst einflößen, wenn sie umfallen und aussehen, als seien sie tot, warum Eltern ihre Kinder allein lassen oder sie sexuell mißbrauchen. Aus der Sicht des Kindes sind dies spontane Handlungen, die sich nicht sonderlich vom Impuls des Kindes zu weinen, zu schreien oder einen Wutanfall zu haben, unterscheiden. Das Kind schließt daraus: »Es liegt an ihren Gefühlen, daß sich meine Eltern so benehmen.« Es ist ein kleiner Schritt von »Meine Gefühle machen mir Probleme« zu »Ihre Gefühle machen Probleme«. Welcher normal denkende Mensch will also etwas mit Gefühlen zu tun haben? Das Kind hat nicht gelernt, daß ein Gefühl etwas völlig anderes ist als ein Verhalten, und daß es nicht das Gefühl ist, sondern das von den Eltern gewählte Verhalten, das die Probleme auf wirft.

Eltern formen die Gefühlswelt ihrer Kinder, ob bewußt oder unbewußt, wobei sie auf >spätere Attraktionen< des Gefühlslebens Erwachsener verweisen. Da Erwachsene körperlich größer und mächtiger sind als Kinder, halten Kinder auch die Gefühle Erwachsener für größer und mächtiger als die eigenen. Werden einem Kind die Gefühle Erwachsener aufgezwungen, überschatten diese seine eigenen spontanen Gefühle und ersticken sie möglicherweise ganz.

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In fast jedem Interview gaben Mißbrauchsopfer eine Abwandlung folgenden Szenariums wieder: Ein Mann wird von seinem Chef angebrüllt, der ihm droht, ihn zu entlassen, wenn er noch einen Fehler macht. Der Mann ist sehr frustriert und verärgert, hütet sich jedoch, seinerseits den Chef anzubrüllen. Er sieht sich auch nicht in der Lage, ein ruhiges, konstruktives Gespräch mit seinem Chef zu führen. Da er also seinen Ärger und seine Frustration gegen den Chef nicht zum Ausdruck bringen kann und will, muß er seine Gefühle unterdrücken.

Dieser Mann kommt nach Hause und geht auf seine Frau los, die »den ganzen Tag nur auf ihrem dicken Hintern sitzt und die Wohnung zu einem Saustall verkommen läßt«. Die Frau ist wütend, verwirrt und frustriert über seinen plötzlichen, grundlosen Angriff. Sie schweigt aber, um einen Ehekrach zu vermeiden, nimmt sich den ältesten Sohn vor, der vergessen hat, den Mülleimer auszuleeren und nennt ihn einen »Faulpelz, der zu nichts zu gebrauchen« ist.

Der älteste Sohn läßt seine Wut und Frustration an dem nächstjüngeren Kind aus, das sich seinerseits am jüngsten Kind rächt, das den Hund tritt, der seine Wut an der Katze ausläßt, die in den Garten läuft und eine Maus fängt.

Die Gefühle der einzelnen Familienmitglieder vor der Heimkehr des verärgerten Mannes — Langeweile, Zuneigung, Trauer, etc. — wurden von seinen dominanteren Gefühlen überflutet. Die Wut und Frustration jedes Familienmitgliedes sind echt, aber nur eine Reaktion auf eine vorangegangene Situation.

Diese Dynamik wirkt synergistisch. Werden einem Kind die Gefühle der Eltern aufgezwungen, statt daß es seine eigenen Gefühle haben darf, verdoppeln sich diese Gefühle.5

Der auf das Kind entladene Ärger der Eltern gesellt sich zum Ärger des Kindes, weil es angegriffen wird, und verstärkt sich zur Wut.

Die Trauer einer Mutter, die der Trauer des Kindes hinzugefügt wird, kann sich zu Verzweiflung verstärken.

Die gespielte Begeisterung eines Elternteils, die dem Wunsch des Kindes, glücklich zu sein, aufgeladen wird, kann bei beiden eine gefährliche Realitätsferne bewirken.

Die Ängste eines Elternteils, die zu den natürlichen Ängsten des Kindes hinzukommen, können sich zu Entsetzen steigern.

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Lauras Mutter wurde im Zweiten Weltkrieg Witwe. Später heiratete sie wieder, Laura und ihre zwei Brüder kamen zur Welt und die Mutter wurde tablettensüchtig. »Niemand konnte ihr den Verlust ihres ersten Mannes ersetzen. Sie ließ nicht zu, daß ich enge Bindungen einging, weil sie befürchtete, auch für mich sei Liebe immer mit Verlust verbunden. Deshalb setzte sie alle Tiere, die ich nach Hause brachte, wieder aus und verschenkte sie. Ich liebte die Tiere und sie tat mir genau das an, was sie ängstlich vermeiden wollte. Als ich später einen Freund hatte, erzählte sie mir Schauergeschichten über ihn, um mich ihm zu entfremden. Ich war jahrelang ihre Therapeutin, hörte mir an, wie gräßlich ihre Ehe mit meinem Vater sei und was für ein Heiliger ihr verstorbener Ehemann gewesen sei. Sie gab mir zu verstehen: Liebe ist gleichbedeutend mit Tod. Liebe tut weh. Liebe ist erschreckend. Ich bin siebenunddreißig Jahre alt und jedesmal wenn ich mich an einen Mann binden will, gerate ich in Panik und lasse ihn los wie meine Haustiere. Heute versuche ich, Ordnung zu schaffen: was ist meine Angst und was ist ihre Angst. Wenn mein Partner sterben würde, wäre ich tieftraurig, aber nicht vernichtet.«

Laura weiß, das Kind darf häufig nicht etwas anderes fühlen als der Elternteil. Das Kind darf entweder die Gefühle des Elternteils haben oder gar nichts fühlen. Wenn es sich für letzteres entscheidet, verliert das Kind die Verbindung mit dem Elternteil und stumpft ab. Die Samen für eine Depression sind gelegt.

Niemand möchte gern mit seinen Gefühlen allein sein. Ein kleines Kind hat Wutanfälle, nicht nur weil es seinen Willen durchsetzen will, sondern weil es unterbewußt möchte, daß seine Umgebung ebenso frustriert, erschöpft, verärgert und außer Kontrolle ist wie es selbst — wenn andere sich so fühlen wie das Kind, fühlt es sich weniger allein. Um diese Nähe zu erreichen, übernimmt ein Kind oft den emotionalen Stil seiner Eltern und opfert seine eigenen Gefühle ihren ähnlich gelagerten Gefühlen, wie Vinnie es tat. »Schon früh übernahm ich den >Blick< meines Vaters. Ich trug meinen Ärger zur Schau, wies Leute zurück, bevor sie mich zurückweisen konnten, genau wie er es tat.«

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Andere rebellierten gegen ihre Eltern, indem sie ihre Gefühle verbargen und vielleicht genau das Gegenteil von dem machten, was von ihnen erwartet wurde. Christina sagte: »Ich hatte ständig Angst. Am schlimmsten war die Angst, daß ich den Verstand verlieren könnte und niemand würde sich darum kümmern, und ich wäre für immer verloren. Aber das würde keiner merken, weil ich diese Maske trug. Ich war voller Abwehr. Wenn jemand versuchte, mir etwas zu sagen, ging ich auf ihn los.«

Ironischerweise hat Laura sich große Verdienste in ihrem Einsatz für die Rechte der Kinder erworben. »Ich bin der ängstlichste Mensch auf der ganzen Welt — wenn die bloß wüßten! Es fällt mir viel leichter zu sagen >Ich bin verärgert< oder >Ich liebe dich<, als >Ich habe Angst<. Doch vor kurzem gab es paar Situationen, in denen ich meine Angst artikulieren konnte. Die Leute waren wunderbar — sie kümmerten sich wirklich um mich. Ich erkenne jetzt, daß meine Arbeit an meinem Heilprozeß darin besteht, meine Angst als einen natürlichen und gesunden Teil meiner Person zu akzeptieren. Die Angst ist nicht alles an mir — ich habe auch schon echten Mut bewiesen — aber sie ist ein Teil von mir.«

Viele Menschen können sich mit Paul identifizieren, dem Held aus Frank Herberts Roman Der Wüstenplanet. Paul ist immer wieder Nervenproben und Qualen ausgesetzt. Um sich nicht unterkriegen zu lassen, denkt er an die >Litanei gegen die Angst<, die seine Mutter ihm beigebracht hat: »Angst bringt die Menschen um den Verstand. Angst ist der kleine Tod, ein Vorgeschmack auf die totale Vernichtung. Ich stelle mich meiner Angst. Ich lasse sie über mich hinwegspülen, mich durchdringen. Und wenn sie an mir vorüber ist, wende ich mich innerlich nach ihr um und sehe ihr nach. Wenn die Angst gegangen ist, ist nichts mehr da. Nur ich bleibe.«6

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Schäme dich

 

Scham ist das Gefühl, einen Mangel am eigenen Ich zu haben, den alle sehen können, den man aber selbst nicht korrigieren kann. Schlimmer noch, wie der Psychologe Gershen Kaufman sich ausdrückt: »Der Blick ist nach innen gewandt.«7 Es gibt kein Entkommen — vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche lebt der schamerfüllte Mensch mit einem Gefühl seiner schrecklichen Fehlerhaftigkeit und Wertlosigkeit.

Problemeltern beschämen ihre Kinder dafür, daß sie Gefühle oder Bedürfnisse haben. Scham unterscheidet sich von Schuld, die mehr auf ein Verhalten ausgerichtet ist (»Ich fühle mich schuldig, das getan zu haben — es hat andere Menschen verletzt oder es hat mich verletzt und ich versuche, es nicht wieder zu tun, aber gute Menschen können sich schlecht benehmen — ich habe immer noch meinen Wert als Person«) oder von Peinlichkeit (»Dieser Umstand oder diese Situation gibt mir das Gefühl, töricht oder empfindlich zu sein, aber der Zustand dauert nicht ewig: bald bin ich wieder der Mensch, der ich vorher war«). Scham steigert sich zu einem Angriff auf den Selbstwert des Kindes: »Wenn du ein guter oder wertvoller Mensch wärst, würdest du nicht so sein.«

Scham verursacht einen Zusammenbruch >der zwischenmenschlichen Brücke<, wie Kaufman sich ausdrückt:

Eine zwischenmenschliche Brücke entsteht aus gegenseitigem Interesse und gemeinsamer Vertrauens­erfahrung. Vertrauen muß dem Vertrauensverhalten der Eltern angepaßt sein. Beständigkeit (nicht Vollkommenheit) und Vorhersehbarkeit (nicht Strenge) sind die Grundelemente, um eine zwischenmenschliche Brücke zu bauen, ob zu einem Kind, einem Freund oder einem Kunden.8

Im Idealfall beginnen die Bauarbeiten an dieser Brücke in der frühen Kindheit. Jedesmal, wenn Eltern die Bedürfnisse und Gefühle des Kindes akzeptieren, bestätigen und darauf reagieren, schlägt das Vertrauen und die uneigennützige Liebe eine Brücke über den Abgrund ihres Getrenntseins. Sanfte und liebevolle Hände, die einander über den Fluß hinweg gereicht werden, geben Eltern und Kind das Gefühl, weniger allein in dieser Welt zu sein. Darüber hinaus begreifen Kinder, daß es nicht das Ende der Welt bedeutet, wenn sie sich gelegentlich emotional verwundbar oder hilflos fühlen. 

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Sie akzeptieren diese Gefühle als Teil des Lebens und gehen mit ihnen um, indem sie mit einem Menschen ihres Vertrauens darüber sprechen. In >genügend gutem Familien wird die zwischenmenschliche Brücke durch den offenen Ausdruck von Verletzlichkeiten verstärkt.

In Problemfamilien bricht die Brücke jedesmal zusammen, wenn die Eltern die Bedürfnisse oder Gefühle des Kindes mißbilligen. Oder sie ist eine Zugbrücke: sie wird heruntergelassen, wenn das Kind den Eltern wohlgefällig ist; und sie wird hochgezogen, wenn das Kind den Eltern mißfällt. Das elterliche Verhalten ist nicht vertrauenswürdig, ist unbeständig und unvorhersehbar. Verzweifelt und allein gelassen, überlegt das Kind: »Wenn ich nichts brauche, wenn ich nichts fühle, dann wird die Brücke vielleicht wieder herunter­gelassen.«

Die Scham des Kindes ist immer eine Ausweitung der Scham der Problemeltern. Problemeltern verabscheuen ihre eigenen Gefühle der Hilflosigkeit, Ohnmacht, Leere und Verletzlichkeit. Sie glauben, von diesen Gefühlen übermannt zu werden und entfliehen ihnen mit Alkohol, Drogen, Verachtung, Vernachlässigung, körperlicher Bestrafung und sexuellem Mißbrauch.

Wenn ihre Kinder Verletzbarkeit, Hilflosigkeit oder Bedürftigkeit zeigen, egal wie angemessen dies ihrem Alter und den Umständen sein mag, sieht der mißbrauchende Erwachsene einen schamvollen und untolerierbaren Aspekt seines Ichs darin gespiegelt. Wie kann eine Mutter Verletzlichkeit, Abhängigkeit, Hilflosigkeit in ihrem Kind akzeptieren, wenn sie diese Aspekte bei sich selbst ablehnt? Sie wird den Drang haben, >den Spiegel zu zerschlagen<; sie wird ihr Kind beschämen, weil es ihr den Spiegel vorgehalten hat.

Die kleine Laura wurde tatsächlich mit einem Spiegel beschämt: »Meine Mutter bekam furchtbare Wutanfälle. Schon als Sechsjährige wußte ich, wann es losging, wenn ich sah, wie sie sich mit der Zunge über ihre oberen Schneidezähne fuhr. Während sie mit mir schwanger war, verlor sie alle Zähne und gab mir die Schuld daran. Sie zerrte mich an den Haaren und schlug meinen Kopf gegen die Wand, bis ich nichts mehr sehen konnte. Dann schlug und zerkratzte sie mein Gesicht. 

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Wenn ich zu Boden ging, trommelte sie mit den Fäusten auf meinen Rücken und stieß mit den Füßen nach mir. Sie wog mehr als doppelt so viel wie ich. Jedesmal glaubte ich, sterben zu müssen. Das Schlimmste kam, wenn ich noch bei Bewußtsein war; dann schleppte sie mich vor einen Spiegel und sagte: >Schau dich an, wie häßlich du bist. Du ekelst mich an. Du siehst aus wie ein Monster. < Mein Gesicht war in Todesangst verzerrt. Ich schluchzte, weil der körperliche Schmerz und die seelische Demütigung so grauenvoll waren. Heute ist mir klar geworden, daß sie unnatürlich aussah. Es war ihr Gesicht, das vor Wut verzerrt und häßlich war. Ich zeigte ihr lediglich die Wirklichkeit ihrer Häßlichkeit, und sie haßte mich dafür. Aber damals und noch lange Jahre danach hielt ich mich für häßlich.«

Wenn ein Kind von der mißbrauchenden Familie verstoßen wird, lernt es, seine eigenen Gefühle zu verstoßen. Scham füllt die Leere aus, die durch die Verlassenheit des Selbst eingetreten ist.

Immer wenn Laura sich angstvoll oder überwältigt fühlte, reaktivierte sie bis vor kurzem ihre Scham, die ihre Gefühle überflutete. »Ich fühlte mich entblößt, wertlos und hilflos, etwas daran zu ändern.« Ihre Mutter und der Spiegel gehörten der Vergangenheit an, aber Laura hatte gelernt, sich zu schämen.

Die ständige Botschaft »Du bist ein fürchterlicher, wertloser Mensch« bewirkt, daß ein Kind Muster von Schamgefühlen aufbaut, anstatt wirklich zu fühlen oder zu brauchen. Kommt zu dieser Botschaft körperliche Mißhandlung oder sexueller Mißbrauch, verstärkt sich die Tendenz zum Schamgefühl.

Kein Wunder, daß so viele erwachsene Mißbrauchsopfer ihre Gefühle und Bedürfnisse für sich behalten. »Wenn meine Eltern die Brücke zu mir abgebrochen haben, weil ich so bin, wie ich bin, warum sollen andere Menschen die Brücke aufrechterhalten oder sie gar überqueren und mir entgegenkommen, wenn ich Bedürfnisse habe?« Für sie ist die zwischenmenschliche Brücke eine Zugbrücke geblieben. Sie wird heruntergelassen in Situationen, in denen kaum Bedürfnisse oder Gefühle im Spiel sind. Sie mögen sogar bereit sein, sie zu überqueren, um anderen ihre Zuwendung zu schenken, so wie sie ihren Eltern Zuwendung schenkten. Wenn aber eigene Bedürfnisse und Gefühle sich melden, wird die Brücke hochge­zogen und niemand kann sie überqueren.

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Aus Kindern, die häufig beschämt wurden, werden Erwachsene, die andere beschämen. Die meisten von mir interviewten Mißbrauchsopfer waren sich dieser Gefahr bewußt und hatten sie überwunden. Rob war als kleiner Junge von seiner alkoholsüchtigen Mutter und seinem Vater, der ihn sexuell mißbrauchte, ständig beschämt worden. Seine Sehnsucht nach Nähe und seine Reaktionen auf ihre Gewalttätigkeiten wurden mit Spott abgetan. Vor kurzem verreiste Robs Frau Judith übers Wochenende und überließ die beiden Töchter, die vierjährige Megan und die zweijährige Heather, in Tobs Obhut. Es war die erste längere Trennung der Kinder von der Mutter. Die beiden fragten ständig: »Wann kommt Mami wieder? Kommt Mami überhaupt nicht wieder?« Megan hatte vor kurzem »gesehen, wie ein Eichkätzchen von einem Auto überfahren wurde und wollte seitdem wissen, was das Wort Tod bedeute. Am zweiten Tag fragte sie unaufhörlich: >Ist sie tot? Ist sie tot? Mami ist tot, nicht wahr?< Das ging mir auf die Nerven und die Verwundbarkeit der Kinder machte mich ganz hilflos. Vom Verstand her wußte ich, daß Megans ständiges Reden über ihre Mutter ihre Art war, sie in Gedanken am Leben zu erhalten.

Aber irgendwann hatte ich die Nase voll davon und hätte am liebsten geschrien >Ja, ja, sie ist tot. Sie kommt nie wieder zurück!! Und jetzt halt endlich deinen Mund!!!< Statt dessen sahen wir uns Fotos von Judith an. Ich war froh, als sie endlich anrief, und bat sie, noch mehrmals anzurufen, um die Kinder zu beruhigen. Am Tag ihrer Rückkehr markierte ich den Stand der Zeiger unserer Küchenuhr zur Zeit ihrer Ankunft mit Klebestreifen, damit Megan und Heather genau sehen konnten, wann es endlich soweit ist. Ich denke, es ist mir gelungen, die Kinder zu beruhigen, aber es war ein harter Kampf.«

 

In der Therapie hat Rob gelernt, seine Scham zu akzeptieren und zu analysieren und damit ihre Tyrannei zu beenden. »Ich mußte meinem Therapeuten gestehen, wie minderwertig und untauglich ich mich fühlte. Er versuchte nicht, mir das auszureden. Er sagte mir nicht, ich dürfe diese Gefühle nicht haben. 

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Er sagte mir auch nicht, wie wundervoll ich sei. Er sagte mir lediglich, daß ich >gut genug< sei und hörte mir einfach zu, als ich meine Fehler ausbreitete. Sein Akzeptieren verringerte die Macht, die meine Scham über mich hatte.«

Robs Töchter hatten ihm seine Unzulänglichkeit als Vater und seine eigene Sehnsucht nach seiner Frau deutlich bewußt gemacht. Er hätte seine Verwundbarkeit ausdrücken können, indem er sie beschämte, und hätte damit die zwischenmenschliche Brücke abgebrochen. Statt dessen lebte er dieses Verhalten nur in der Phantasie aus und wählte vernünftige und einfühlsame Antworten.

Mißbrauchsopfer neigen dazu, sich auf ein bestimmtes Repertoire von Verhaltensweisen zu beschränken, womit sie die Bandbreite ihrer Gefühle und Bedürfnisse einengen und verdrängen, in der Absicht, Beschämung und Schamgefühle zu vermeiden. Die drei häufigsten Verhaltensmuster sind Selbstheilung durch Medikamente, schmerzvermeidendes sowie anti-phobisches Verhalten.

 

    Selbstheilung   

 

Kennen Sie folgende Situation? Sie haben im Urlaub zu viele Souvenirs eingekauft und stehen vor einem Koffer, den Sie nicht mehr schließen können. Sie wollen Ihre Maschine nicht verpassen, setzen sich auf den Koffer, zerren an den Gurten und mühen sich, das Ding zuzukriegen. Vielleicht setzt sich noch eine zweite Person auf den Koffer, oder Sie beschweren den Kofferdeckel mit einem schweren Gegenstand, um ihn zu schließen. Was immer Sie mit dem Koffer anstellen, Sie haben nur einen Gedanken: das verdammte Ding zuzukriegen.

Die meisten Opfer von Mißbrauch und Vernachlässigung tragen einen Koffer in ihr Erwachsenenleben mit hinein, der zum Bersten voll ist mit unterdrückten Emotionen und Scham. Wenn ihre seelische Kraft nicht mehr reicht, diesen Koffer geschlossen zu halten, suchen sie Hilfe von außen. Sie betäuben sich mit Alkohol, Drogen, Arbeit, Sex, Essen, Anerkennung von anderen, Liebesbeziehungen, Konsumzwang, Fernsehen oder mit Glücksspielen, um sich von ihrer inneren Realität abzulenken.

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So verschieden Beth und Susan in anderer Hinsicht waren, so bemerkenswert ähnlich war ihr Verhalten in einem Punkt. Susan war kein Dummkopf: Sie wußte, daß ihre intensiven Gefühle ihr Probleme machten. Mit Kokain >entschärfte sie die Gefahr<, ohne zu begreifen, daß sie dadurch ihre Ausbrüche noch weniger kontrollieren konnte. Beth benutzte den Beruf, um ihre aufgestauten Gefühle im Gefrierzustand zu halten, um nicht so zu werden wie Susan. Sie ging in den Gefühlen >ihrer< Kinder auf, die sie betreute, und verarztete damit ihre eigenen Gefühle.

Vinnie fing als Jugendlicher an zu trinken. »Aber ich weinte, wenn ich betrunken war, und das haßte ich. Im College fing ich an, Marihuana zu rauchen, das stellte mich ruhig. Fünfzehn Jahre rauchte ich täglich meinen Joint. Ohne das Zeug konnte ich nicht aus dem Haus gehen. Und ich setzte eine Menge dafür aufs Spiel, rauchte im Waschraum in Flugzeugen oder in meinem Dienstwagen.«

Er war sich über den Grund seiner Eigenbehandlung stets im klaren: »Um meine Gefühle nicht hochkommen zu lassen. Ich wollte mich betäuben. Es gab so vieles, weswegen ich mich schämte: die Alkoholsucht und Gewalttätigkeit meines Vaters; meine Eifersucht auf die Zuwendung, die meinem Bruder zukam, obwohl er im Rollstuhl saß und bald sterben würde; mein Stottern; unsere Armut; meine Unfähigkeit, meine Mutter dazu zu bringen, sich mehr um mich zu kümmern. Mein Bruder bat mich, damit aufzuhören. Schließlich erkannte ich, daß ich süchtig war. Ich ging zu den >Anonymen Potrauchern< und bin seit sieben Jahren davon weg. Manchmal, wenn ich im Auto sitze, kommen mir einfach die Tränen. Das fühlt sich gesund an. Gefühle können mich nicht mehr so sehr überwältigen, wie ich befürchtet hatte.« 

Vinnie denkt einen Augenblick nach, dann fügt er hinzu: »Meine Sensibilität ist das Beste an mir. Was für eine Verschwendung — all die Jahre, in denen ich versuchte, sie loszuwerden.«

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   Schmerzvermeidendes Verhalten   

 

Erwachsene Kinder aus Mißbrauchsfamilien können auch zu sogenannten »Schmerzvermeidern«9 werden, ein Begriff, den die Psychotherapeuten Karen Paine-Gernee und Terry Hunt geprägt haben. Überlebende versuchen die Menschen und Ereignisse ihrer Umgebung zu kontrollieren, um sicherzugehen, daß sie nie wieder Schmerz empfinden. Wie Simon and Garfunkel singen: »A rock feels no pain and an island never cries« (»Ein Fels spürt keinen Schmerz und eine Insel weint nicht«).

Es ist ganz normal, verletzende Menschen und gefährliche Situationen zu meiden. Das Problem liegt in den Anstrengungen, die jemand unternimmt, um Schmerz zu vermeiden. Sich seine Freunde genau auszusuchen ist eine Sache, aber nur solche Freunde zu wählen, die einem ständig nach dem Mund reden, die nie einen Widerspruch oder eine Kritik wagen, ist schmerzvermeidendes Verhalten. Wer sich nicht Hals über Kopf in eine neue Liebe stürzt, ist vorsichtig; wer jede Liebesbeziehung scheut, nie mehr wagt als einen oberfläch­lichen Flirt, übt schmerzvermeidendes Verhalten. Wer eine Beziehung platonisch hält, obwohl der Drang nach sexueller Intimität mit Vertrauen und Zuneigung übereinstimmt, verhält sich ebenfalls schmerzvermeidend.

Die Tragik bei schmerzvermeidendem Verhalten liegt in der Abwehr gegen etwas, das bereits geschehen ist und nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Der Überlebende ist verletzt worden, hat die Verletzung überstanden und weiß ein Lied davon zu singen. Doch er verhält sich, als liege das Schlimmste nicht hinter ihm, sondern lauere an der nächsten Ecke auf ihn. Terry Hunt bezeichnet das, als »würde man beim Autofahren ständig in den Rückspiegel blicken und nicht auf die Straße, die vor einem liegt«.10

Ein Überlebender kann erst dann völlig in der Gegenwart leben, wenn er oder sie die Vergangenheit in die richtige Perspektive gebracht hat. Manchmal ist die Beschäftigung mi|j einem Schmerz, der in der Zukunft wartet, lediglich ein Ablenkungsmanöver, um sich nicht mit dem wirklichen Schmerz der Vergangenheit auseinandersetzen zu müssen.

Mit Intimität ist stets die Gefahr verbunden, Schmerzen ertragen zu müssen. Es gibt keine Garantie. Aber auf Liebe und Zuneigung zu verzichten, um einen möglichen Verlustschmerz zu vermeiden, ist ein zu hoher Preis für die eigene Sicherheit.

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   Antiphobisches Verhalten   

 

Manche Überlebende schlagen einen völlig anderen Weg ein. Im Versuch, das Trauma zu meistern, erschaffen sie es immer wieder neu. Dieser Impuls ist an sich gesund und hat sich in der Therapie bewährt, um Denkfehler aufzudecken, um Gefühle zum Ausdruck zu bringen und zu bestätigen. Antiphobisches Verhalten sucht jedoch das Trauma wieder zu erschaffen, als habe der Überlebende keine Gefühle dabei gehabt.

Ein weibliches Inzestopfer fühlt sich magisch von einem sexuell gefährlichen Mann angezogen und geht eine Beziehung mit ihm ein; dabei redet sie sich die ganze Zeit ein: »Ich habe keine Angst, ich bin nicht wütend, ich mache mir keine Sorgen, ausgebeutet zu werden. Ich bin Herr der Lage.« Oder ein erwachsener Mann, der in der Kindheit körperlich mißhandelt wurde, sucht Raufereien in Bars und redet sich ein, es mache ihm Spaß: »Ich bin hart im Nehmen und spüre keinen Schmerz, und ich gewinne gern.« Selbst wenn er häufig den kürzeren zieht und der Unterlegene ist.

Antiphobischem Verhalten liegt der Gedanke zugrunde: »Ich mache weiter so, bis ich es richtig mache.« Das einstige Opfer hofft jedesmal darauf, das Trauma nehme ein glückliches Ende, bei dem das Opfer nicht gedemütigt und verletzt wird. Doch genau das tritt jedesmal wieder ein.

Der kontrollierende, schmerzvermeidende Mensch, der alles für sich behält und niemanden verletzt außer sich selbst, hat es in unserer Gesellschaft leichter als der Antiphobiker, der sein Trauma immer wieder neu inszeniert und andere dazu zwingt, Rollen in seinem Theaterstück zu übernehmen. Manche Überlebenden berichteten mir von gefährlichem Jugendverhalten, wie Rob, der mit seiner Motorrad-Gang >bis oben hin voll mit LSD und Johnnie Walker< durch die Gegend brauste.

 

Wieder andere fanden gesellschaftlich akzeptierte Formen ihres antiphobischen Verhaltens. Stefan, dessen Eltern im Zweiten Weltkrieg in einem Konzentrationslager der Nazis eingesperrt waren, erinnert sich: »Unser Leben war von Angst beherrscht. Wir waren zwar europäische Einwanderer und meine Eltern behielten ihre europäischen Lebensweisen bei, dennoch erinnerte mich meine Familie an den Wilden Westen: wir bauten eine Wagenburg und hielten uns feindliche Eindringlinge vom Leib.«

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Stefan durfte als kleiner Junge seine Angst nicht offen zum Ausdruck bringen. Dabei hatte er allen Grund, Angst zu haben, einmal vor den Gewalttätigkeiten in seiner Familie, zum anderen vor den Rassisten, die ihn wegen seiner ethnischen Herkunft verfolgten. Er aber >kultivierte Furchtlosigkeit angesichts der Furcht<. Mit zwölf trainierte er asiatische Kampfsportarten und legte sich eine Haltung der >Kampfbereitschaft< zu.

So ist es kaum verwunderlich, daß es ihm nichts ausmacht, mit gewalttätigen Menschen zu arbeiten. Am Tag vor unserem Gespräch ging ein aggressiver Jugendlicher in der Familientherapie-Sitzung, die Stefan leitete, mit dem Messer auf seinen Vater los: »Ich entwand dem Jungen das Messer und hielt ihn fest, bis die Polizei kam. Ich ließ mich von der Ankunft der beiden Beamten ein wenig ablenken, dabei konnte er das Messer wieder an sich bringen. Diesmal entwand ihm einer der Polizisten die Waffe. Hinterher zitterten dem jungen Beamten die Hände. Ich dachte mir, vermutlich war ich öfter in einer solchen Situation als er.«

An Stefans Art, mit Angst umzugehen, ist nichts zu kritisieren. Doch wer wird auf lange Sicht gesehen weniger Emotionen unterdrücken müssen: der junge Polizist, der die Realität einer lebensbedrohenden Situation an sich herankommen läßt, oder der verhärtete Stefan?

Der antiphobische Überlebende ist der brave kleine Junge und das brave kleine Mädchen, die sich genau so verhalten, wie ihre mißbrauchenden Eltern es wünschen: sie ertragen immer wieder Traumen und tun so, als sei das nichts Besonderes.

 

   Trauer: Der Weg zurück zum Gefühl    

 

Diese Muster von Verdrängungsverhalten treten nicht unbedingt getrennt voneinander auf. Ein Über­leben­der kann sich am Arbeitsplatz antiphobisch und in seinen Beziehungen schmerzvermeidend verhalten und in seiner Freizeit seine Probleme mit Selbstmedikation betäuben.

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Es gibt viele Kombinationsmöglichkeiten, doch hinter all dem steckt der Versuch, vor den Gefühlen über den erlittenen Mißbrauch zu fliehen, normale Reaktionen auf eine abnorme Situation zu vermeiden. Da diese Situation lebensbedrohend war, glauben manche Überlebende irrtümlich, das Erleben solcher Gefühle sei heute immer noch lebensbedrohend und könne zu einem todesähnlichen emotionalen Zusammenbruch führen. Sie erkennen nicht, daß der Zusammenbruch bereits stattgefunden hat, als ihre Gefühle eingefroren oder von Scham über­frachtet wurden. Der Psychiater D. W. Winnicott nennt dieses Phänomen einen »Tod, der eintrat, aber nicht erfahren wurde«.11

Ein Überlebender kann sich diesem >Tod< stellen, wenn es Menschen gibt, die ihm beistehen, und er die Einsicht und Macht hat, die ihm als Kind fehlte. Wenn schließlich keine Gefahr mehr besteht, kann der Überlebende seine Erinnerungen und seine Gefühle über das Trauma zulassen. Ein solches >Auftauen< ist eine zweite Chance, eine emotionale Reinkarnation. Doch die ersten Anzeichen von Emotionen, die ein ganzes Leben unterdrückt oder vermieden wurden, können sich wie eine Sturmflut auswirken.

Überlebende, die Gefühle nicht länger als problematisch erachteten, konnten Bezüge zur Trauer herstellen: sie verstehen und akzeptieren ihre stärkeren, traumabezogenen Gefühle als zu einem Trauerprozeß gehörig. Sie können die vielen mit dem Trauma verbundenen Verluste artikulieren: Statt fürsorgliche und beschütz­ende Eltern zu haben, die das Kind für seine störungsfreie Entwicklung braucht, war es vernachlässigenden oder gewalttätigen Erwachsenen ausgeliefert.

Wird das Urvertrauen des Kindes mehrfach gebrochen, verliert es schließlich den Glauben an das Wohlwollen anderer. Das Kind erwartet von Menschen das Schlimmste und verliert dadurch seine Unschuld. Ein Kind gewalttätiger Eltern weiß, wie grausam die Menschen sein können. Ein Kind, das seine eigenen bedürftigen und unfähigen Eltern betreuen mußte, hat seine Kindheit verloren.

Jedes Mal, wenn ein Kind geschlagen oder sexuell belästigt wird, verliert es Kontrolle über seinen Körper. Wenn es ständiger Gewalt ausgesetzt ist, verliert es sein wahres Selbst. Mißbrauch und Vernachlässigung berauben Kinder ihrer Spontaneität, des uneingeschränkten Ausdrucks ihrer Gefühle. All diese Verluste müssen betrauert werden.

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Die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross schreibt in ihrem Buch Über den Tod und das Leben danach, das erste Stadium der Trauer sei die Verdrängung. Ein Mensch übersteht die ersten Tage oder auch Jahre nach einem Verlust, weil er die Realität nicht fassen kann. Erst wenn keine Gefahr mehr besteht, kann die Verdrängung weichen und der Leidtragende empfindet häufig tiefen Zorn: Zorn gegen Gott, Zorn gegen sich selbst, nicht alles getan zu haben, um den Verlust zu verhindern, oder Zorn auf den Verstorbenen, ihn verlassen zu haben.

Um seinen Zorn zu beschwichtigen oder um sich nicht gegen Gott zu versündigen, versucht der Hinter­bliebene, mit Gott einen Tauschhandel abzuschließen: er verspricht Gott, ihn sein ganzes Leben lang zu ehren, wenn er nur den Verlust ungeschehen macht. Oder er rationalisiert den Verlust weg, er sei gar nicht so schlimm, oder er gibt ihm eine übernatürliche Bedeutung. Er sucht nach einem Weg, den Verlust etwas abzuschwächen, einen Handel abzuschließen, der es ihm erleichtert, den Verlust hinzunehmen und, wichtiger noch, der ihn im nachhinein weniger hilflos macht.

Erst wenn alle Verdrängungswege beschritten sind, erlebt er die Tiefe seiner Trauer. Jetzt erfaßt er den Verlust und das ist ein schreckliches Gefühl. Die Tränen fließen so lange, bis er sich schließlich ausgeweint hat. Und endlich findet er Erlösung. Er ist wütend und traurig, aber er hat Frieden geschlossen mit seinem Verlust. Handelt es sich bei diesem Verlust um einen Todesfall, erinnert er sich in Liebe des Verstorbenen und erkennt, daß er nicht Aspekte seiner eigenen Persönlichkeit zu Grabe tragen muß, um sich dem Verstorbenen nahe zu fühlen. Er kann sein Leben weiterführen.12

 

Die Trauer über ein Trauma ähnelt diesem Prozeß in vieler Hinsicht. Die erste Phase ist Dissoziation, die Unterdrückung der Erinnerung, der Emotion oder beider. Der Überlebende führt sein Leben fort, als sei nichts geschehen. Wenn er dafür bereit ist, kehren seine Gedanken und Gefühle zurück. Als Antwort auf die Wiederentdeckung empfindet er häufig große Wut über den Verrat selbst und die Ungerechtigkeit und Willkür der Gewalt.

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Unter dieser Wut verbirgt sich Entsetzen und Hilflosigkeit, die schwieriger zu ertragen sind als die Wut selbst. Feilschen kann die aufwallende Wut beschwichtigen: »Vielleicht war es gar nicht so schlimm — ich sehe das bloß überspitzt.« Das kann lange Zeit andauern, doch mit Hilfe anderer wird der Überlebende schließlich akzeptieren, daß sein Trauma so schlimm war, wie er es im Grunde genommen weiß und spürt. Diesem Stadium folgt tiefe Trauer. Dieses einfühlsame Annehmen des >armen Geschöpfes, das ich bin< und die Trauer um die Verluste, die das Trauma hervorriefen, führen schließlich zur Erlösung. Den Trauerprozeß abzuschließen bedeutet, das Trauma von der eigenen Identität und dem eigenen Selbstwert zu trennen. Mißbrauch ist etwas, das mit uns geschehen ist, nicht etwas, das wir sind.

Judith Viorst beschreibt in ihrem aufschlußreichen Buch  Mut zur Trennung den Prozeß und den Lohn der Trauer:

Auf unsere eigene, ganz spezifische Weise müssen wir das Grauen und die Tränen hinter uns bringen, die Wut und das Schuldbewußtsein, die Angst und die Verzweiflung. Und auf unsere eigene, ganz spezifische Weise können wir, wenn es uns gelungen ist, die Auseinandersetzung mit unerträglichen Verlusten irgendwie zu überstehen, beginnen, die Trauerphase zu beenden.

Es beginnt mit dem Schock, und nachdem wir uns einen Weg durch eine Phase akuten psychischen Schmerzes gebahnt haben, gehen wir auf das zu, was als >Abschluß< des Trauerns bezeichnet wird. Es wird zwar immer noch Zeiten geben, in denen wir um unsere Toten weinen, uns nach ihnen sehnen und sie vermissen, aber der Abschluß der Trauer bedeutet einen entscheidenden Schritt hin zur Erholung und zur Akzeptanz und zum Umgang mit den Gegebenheiten.

Wir gewinnen unsere Stabilität zurück, unsere Energie, unsere Hoffnung, unsere Fähigkeit, uns am Leben zu erfreuen und in das Leben zu investieren. [Hervorhebung durch die Autorin].13

Wenn die durch das Trauma hervorgerufenen Verluste wirklich betrauert werden, verliert das Trauma seine Macht über das ehemalige Opfer. Statt des emotionalen Zusammenbruchs, den Überlebende befürchtet haben, erfahren sie einen emotionalen Durchbruch.

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   Gefühle zeigen  

 

Um wirklich gesund zu werden, muß man sich der Gefahr der Verwundbarkeit aussetzen. Die Definition von Verwundbarkeit lautet: »die Fähigkeit oder Bereitschaft, Verwundung oder Verletzung zuzulassen«. Emotionale Verwundbarkeit wird durch ein Gefühl, etwas nicht kontrollieren zu können (»Ich möchte dieses Gefühl nicht haben, aber ich kann nichts dagegen tun«) und dem Bedürfnis nach Rückhalt und Schutz (»Bitte akzeptiere mich, wie ich bin — ziehe keine Vorteile aus meinen Gefühlen«) charakterisiert. Um sich weniger verwundbar zu machen, trauern viele ehemalige Opfer zunächst allein, in der Isolation, wie Joan, die das Grab ihrer Mutter besuchte, um ihr zu sagen, sie wünschte, sie wäre mit ihr gestorben. Sie gestattete sich Gefühle, solange sie niemand sehen konnte. Es ist oft ein schmaler Grat zwischen Gefühle-für-sich-Behalten (fühlen, wenn man alleine ist) und Einsamkeit (sich alleine fühlen).

 

Esther rebellierte als Kind gegen ihre Eltern, indem sie ihre Gefühle nicht zeigte: »Ich glaube, sie wollten mich weinen sehen. Sie straften mich nicht, wenn ich die Fassung verlor — sie schienen zufriedener, ruhiger, wenn ich hysterisch war. Dann machten sie einen guten Eindruck neben dem verstörten kleinen Mädchen. Deshalb beschloß ich, ihnen die Befriedigung nicht zu gönnen, mich weinen zu sehen. Was sie mir auch antaten, ich löste Rechenaufgaben im Kopf oder zählte stumm Hauptstädte der Welt auf. Meine Weigerung zu reagieren machte alles schlimmer — sie peinigten mich noch mehr — aber ich kämpfte um meine Würde und war fest entschlossen, ihnen die Genugtuung zu verweigern, mich klein zu kriegen. Das hielt ich durch, bis ich alleine war mitten in der Nacht. Ich konnte in mein Kissen weinen, ohne meinen Bruder im Bett nebenan zu wecken.«

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Auch heute noch fällt es Esther schwer, jemand zu sagen, daß sie verletzt oder verärgert ist. »Ich komme mir vor wie ein triefender formloser Klumpen Schmerz — wer will mit mir in einem solchen Zustand etwas zu tun haben?« Sie schämt sich ihrer Gefühle und hält ihre Tränen zurück, bis sie alleine ist. Das erste Mal, als sie sich in den Armen ihrer Partnerin Emily ausweinte, war ein Wendepunkt.

Rob erklärte: »Es fällt mir relativ leicht, zu meiner Frau zu sagen: >Ich liebe dich<, und zu einem anderen Menschen: >Ich bin froh, dich zum Freund zu haben.< Aber wütend auf jemand zu sein, mich zu dieser Wut zu bekennen und sie zum Ausdruck zu bringen, ohne vor ihr wegzulaufen oder den anderen mit meiner Wut umzurennen, das ist für mich Intimität. Für mich bedeutet Gesundheit, in meiner Wut gesehen und nicht zurückgewiesen zu werden.« Ehemalige Opfer, die fürchten, durch die Heftigkeit ihrer entblößten Gefühle >zusammenzubrechen<, stellen aber fest, daß sie >stärker werden<, wenn sie ihre Gefühle zulassen und sie anderen mitteilen.

Alle Befragten meiner Studie, die lernten, sich mit ihren Gefühlen wohl zu fühlen, konnten die zwischen­menschliche Brücke wieder errichten. Sie ließen nicht nur zu, daß andere sie in ihrer Verwundbarkeit sahen, sie gestatteten Freunden, die Brücke zu überqueren, um sie zu trösten. Trauern in der Isolation reichte ihnen nicht mehr. Gefühle einzusetzen, um andere Menschen zu erschrecken, klappte nicht mehr. Solche Lösungen wurden im Lauf der Zeit schmerzhafter als der Schmerz, den sie zu vermeiden suchten.

Wie Rob <gestanden> viele Mißbrauchsopfer in der Therapie ihre Scham. Oder andere, wie Paul, fanden Trost in der Familie, bei Freunden und Partnern. Wie wir im siebten Kapitel sehen werden, konnten sie wieder Vertrauen fassen, als sie zuließen, daß andere ihre Verwundbarkeit akzeptierten und sie in ihrer Trauer trösteten.

Als Esther begann, in ihrer Psychotherapiegruppe über die Sadismen zu sprechen, die sie in ihrer Familie auszuhalten hatte, versagte ihr die Stimme: »Ich fühlte mich so beschämt. Ich fürchtete, jemand könne mich wegen meiner Schwäche kritisieren — erst bringe ich das Thema zur Sprache und dann erkläre ich keine Einzelheiten. Ich wünschte, sie würden mich in Ruhe lassen und ein anderer aus der Gruppe sollte weitersprechen. Dann sagte der Gruppenleiter: >Wir rücken alle näher zusammen, damit wir dich besser hören können.< Das machten sie. Es war ein Wunder.«

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