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Jamnik hatte recht, Frazier war da.

Und »Futurum Zwei« desgleichen — »genau nach Plan«. Frazier schrieb mit einer Selbstgewißheit zurück, die schon familiär wirkte.

»Was Ihre Anfrage betrifft«, so stand in dem Brief, »so bitte ich Sie, sechs Monate zu warten, dann sende ich einen ausführlichen Bericht. Wir bereiten eine Serie von Aufsätzen vor, die das enthalten, was Sie brauchen. Wenn Sie jedoch nicht warten mögen — und das hoffe ich —, so kommen Sie und sehen sich Futurum Zwei an, wie es jetzt ist. Bringen Sie Ihre jungen Freunde mit — wir freuen uns immer über Besucher — und auch sonst, wen immer Sie wollen. Wir können zehn Personen unterbringen.«

Busfahrpläne für die beste Reiseroute und andere Informationen waren beigelegt.

Ich warf den Brief ungeduldig auf den Schreibtisch — seine Wirklichkeit war unheimlich aufregend. Es war noch einigermaßen belustigend gewesen, sich an Frazier als an eine interessante Figur meiner Hochschultage zu erinnern; aber etwas ganz anderes war es, jetzt plötzlich mit ihm zu tun zu bekommen. Ich fand, als bloße Erinnerung wäre er erfreulicher geblieben. Aber da lag nun sein Brief, und was nun? Ich war verärgert, in etwas hineingezogen zu werden, und bereute mein Angebot an Rogers und Jamnik, ihnen zu helfen.

Um alles noch schlimmer zu machen, vollzog sich das Abenteuer mit erschreckendem Tempo. Ich hatte Fraziers Brief kaum gelesen, da schrillte das Telefon: Rogers. Er hätte mich nicht belästigen wollen, sagte er, und hätte geduldig gewartet. Ich sah auf den Kalender und stellte fest, daß er genau die drei Tage gewartet hatte, die eine sofortige Antwort erforderte. Ich berichtete ihm von Fraziers Brief und bestellte ihn und Jamnik früh am Nachmittag in mein Büro.

Beim Mittagessen stieß ich auf Augustin Castle, einen Kollegen von der philosophischen Fakultät. Als Junggesellen, die im Club wohnten, sahen wir uns öfter, waren aber nicht befreundet, sondern nur miteinander bekannt. Ich disputierte mit ihm in der Art, wie ich vielleicht »Eine Antwort an Professor Castle« in einem Fachjournal bringen würde. Gewöhnlich sprachen wir über das Thema, das wir auf unseren verschiedenen Gebieten gemeinsam hatten, nämlich über Natur und Grenzen menschlicher Erkenntnis, wobei es eine Quelle beiderseitiger Befriedigung war, daß wir heftig und bis zur Erschöpfung gegensätzliche Meinungen verfochten. Seine Einstellungen änderten sich mit den Jahren leicht und konnten, je nachdem, mit Intuitionismus, Rationalismus oder auch, wie ich argwöhnte, mit Thomismus bezeichnet werden. Alles in allem konnte ich ihn zu meiner Erleichterung und vielleicht auch mit Herablassung »einen Philsophen« nennen.

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In Anbetracht seiner Vorliebe für die Seele hatte Castle sich zu viel Körpergewicht zugelegt. Sein blühendes Gesicht war unbedeutend, abgesehen von einem Paar scharfer Augen und einem schlecht gestutzten, schwarzen Schnurrbart. Er disputierte recht gut, wenn auch ziemlich formalistisch. Ich war ihm so häufig in seine geschickt gelegten Fallen gegangen, daß ich mir eine Standardmethode zurechtgelegt hatte, mich aus der Schlinge zu ziehen. Tiefsinnig war sie eben nicht: Ich pflegte ihn einfach zu bitten, seine Ausdrücke zu definieren. Das ärgerte ihn und entlastete mich.

Sobald wir unser Essen bestellt hatten, 'begann Castle über die Fortschritte zu berichten, die er bei einer »Justifikation« genannten Sache gemacht hätte. Er behauptete, daß hier die richtige Antwort auf die logischen Positivisten vorläge. Mir aber lag Futurum Zwei auf der Seele, und ich konnte keinen rechten Enthusiasmus für seine Justifikation aufbringen. Wenn ich auch kaum annahm, daß Castle Interesse dafür hätte, nannte ich den Namen Frazier und erzählte ihm meine kuriose Entdeckung seines Wohnorts. Zu meiner Überraschung zeigte Castle sich fasziniert. Es stellte sich heraus, daß er einmal Vorlesungen über Utopien von Plato, More und Bacons Neuer Atlantis bis zu »Looking Backward«* und sogar zu Shangri-La gehalten hatte. Falls wir die Reise machen wollten und Rogers und Jamnik einverstanden wären — würde er sich uns gern anschließen. Ich dachte an Fraziers »Unterbringung bis zu zehn Personen« und lud ihn ein, mitzukommen.

Rogers und Jamnik warteten vor meinem Büro, als ich vom Mittagessen zurückkam. Sie waren nicht allein. Rogers hatte seine Verlobte Barbara Macklin mitgebracht, ein hübsches schlankes Mädchen mit schulterlangem Blondhaar. Sie hatte eine unbefangene Zutraulichkeit, die man nahezu Dreistigkeit nennen konnte. Ich glaubte mich zu erinnern, daß sie schon verlobt gewesen waren, bevor Rogers zur Marine kam — mindestens vor drei Jahren also —, armer Kerl! Ein anderes junges Mädchen, ungefähr gleichen Alters, kleiner als Barbara und nicht entfernt so gepflegt aussehend, wurde etwas salopp von Jamnik als »mein Mädchen« vorgestellt und von Rogers Mary Grove genannt.

 

* Edward Bellamy, amerik. Schriftsteller 1850-1898: Looking Backward: 2000-1887, Roman, ersch. 1888

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Wir nahmen in meinem Büro Platz, die Damen auf den Stühlen, und wir anderen so bequem es eben ging auf meinem Schreibpult und einem Tischchen. Ich las Fraziers Brief vor und ließ ihn dann herumgehen. Der Name »Futurum Zwei« und die Anschrift standen gedruckt in schwachen Blockbuchstaben am oberen Briefrand. Fraziers Handschrift war groß und fast kindlich, er hatte eine stumpfe Feder und kohlschwarze Tinte benutzt. Rogers hatte die Bibliothek nach einem Exemplar von Fraziers altem Aufsatz durchsucht und las ihn vor. Er enthielt die Argumente, die Rogers vor drei Tagen skizziert hatte. Politische Aktion war danach zum Aufbau einer besseren Welt nutzlos, Menschen guten Willens sollten so bald wie möglich geeignetere Maßnahmen treffen. Jede beliebige Gruppe konnte mit Hilfe moderner Technologie zu wirtschaftlicher Selbstversorgung gelangen, und die psychologischen Probleme des Zusammenlebens ließen sich mit geeigneten Prinzipien der Verhaltenstechnik lösen.

Ich kann mich nicht erinnern, daß einer von uns überhaupt die Frage stellte, ob wir Futurum Zwei aufsuchen sollten. Wir setzten einfach das Datum fest. Ich rief Castle an. Was ihn und mich betraf, so stand unsere einzige freie Zeit unmittelbar bevor. Es war Montag; am Mittwoch konnten wir uns für den Rest der Woche freimachen, da dieser Zeitraum für Examensvorbereitungen reserviert war. Dies erschien den anderen als großer Glücksfall, und so waren wir uns einig. Die beiden Mädchen wurden — wie mir mit gelindem Schrecken aufging — von vornherein als Mitglieder der Gruppe betrachtet.

Ich telegrafierte Frazier unsere Ankunft nebst der Bemerkung, eine Antwort sei nicht nötig, empfing aber seine Bestätigung mit dem Text »Einverstanden stop erwarte euch bus«.

Am Dienstag arbeitete ich das gesamte Examensmaterial auf, dem ich mich eigentlich während der Woche hätte widmen sollen, und fand mich am Mittwoch, einigermaßen atemlos infolge dieses ungewohnten Tempos, im Zug, Rogers neben mir, mit dem ich die Probleme dienstentlassener Soldaten erörterte. Auf dem Sitzplatz vor uns redete Castle erheblich angeregter auf Barbara ein, die ihm mit einstudierter Aufmerksamkeit zuhörte. Auf dem Platz am Gang saß Steve Jamnik, den Kopf seines Mädchens an seiner Schulter. Futurum Zwei war etwa fünfzig Kilometer von der größten Stadt des Staates entfernt, in der wir gerade rechtzeitig für ein Frühstück eintrafen. Wir studierten die Busfahrpläne und nahmen Kaffee und Brote auf dem Bahnhof ein. Vor ein Uhr befanden wir uns

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schon in den Vororten in Richtung Osten. Die Landstraße folgte dem Flußlauf, der tief in sein Nordufer einschnitt, und verlief zwischen einem Steilhang rechts und dem Flusse links neben einem schmalen Schienenstreifen.

Eine Stunde später fuhr der Bus über eine kleine Brücke und hielt dann. Wir blieben am Rande der Landstraße stehen, und der Bus fuhr knatternd davon. Jenseits der Straße sahen wir einen Kombiwagen am Straßenrand. Er war leer. Ich blickte umher, konnte aber niemanden sehen; dann ging ich auf die Brücke und sah ins Flußbett hinunter. Als ich zurückkam, rollten ein paar Kieselsteine die Uferböschung neben dem Wagen hinunter, und ich entdeckte Frazier, der sich eben aus einer Mulde erhob, in der er gelegen hatte. Er winkte grüßend mit dem Arm. »Hallo!«, rief er, »kommen Sie herüber!«

Wir überquerten die Straße, und er rutschte auf den Hacken den Abhang hinunter. Er sah fast genau so aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Er war nicht groß, aber ein Anzug aus weißem, waschbarem Stoff ließ ihn größer erscheinen. Er hatte sich einen kleinen Bart wachsen lassen. Der billige Strohhut, der ihm weit zurückgeschoben auf dem Kopf saß, sah aus, als stammte er aus irgendeinem Kramlädchen. Er schüttelte mir herzlich die Hand, und als ich die anderen vorstellte, begrüßte er jeden mit einem Lächeln, das trotz seiner forschenden Blicke freundlich wirkte. Dann führte er uns zu dem Kombiwagen. »Hab grade einen kleinen Mittagsschlaf gehalten«, sagte er. »Ich dachte, Sie würden den früheren Bus nehmen. Haben sicher 'ne lausige Fahrt gehabt. Tut mir leid, daß ich Ihnen nicht bis zur Stadt entgegengekommen bin, aber wir können unsere Wagen und Laster um diese Jahreszeit nicht entbehren.«

Ich versicherte ihm, unsere Fahrt sei ganz bequem gewesen, und wir setzten uns auf die ziemlich harten Sitze. Der Wagen verließ die LIauptstraße und fuhr nach Norden am Flußlauf entlang und durch eine enge Schlucht. Dann erklommen wir das Ostufer und tauchten mitten in einem Gebiet fruchtbaren Ackerlandes auf, das man vom Fluß her nicht hatte sehen können. Ein paar Bauernhäuser und Scheunen ragten hinter den Feldern auf, auch einige sonstige Gebäude, erdfarben und primitiv aus Stein oder Zement errichtet. Sie hatten verschiedene Flügel und Anbauten, denen man ansah, das sie erst nachträglich und als Improvisation angefügt worden waren, und hatten unterschiedliche Höhe, je nach den wechselnden Bodenerhebungen.

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Nach einem knappen Kilometer ließen wir die Schlucht hinter uns und überquerten das Flüßchen auf einer schmalen Holzbrücke. Dann bogen wir von der Straße ab in einen Privatweg ein. Zur Linken wurden noch mehr Gebäude sichtbar, alle in zweckmäßiger Bauart ausgeführt, aber wie zuvor machte Frazier auch zu diesen keine Bemerkungen.

Schließlich erkundigte ich mich, was das für Gebäude seien. Er erwiderte bloß: »Sie gehören zu Futurum Zwei.« Das war alles, was er von sich gab.

Wir fuhren durch ein Wäldchen junger Tannen und sahen zu unserer Rechten einen kleinen Teich. Dahinter erhoben sich auf der Höhe eines sanften, abgemähten Hanges und am Fuße eines bewaldeten Hügels die Hauptgebäude. Sie wirkten, von hier aus gesehen, erstaunlich weitläufig. Wir folgten nun einem gewundenen Fahrweg, der zu der niedrigsten Erhebung heranführte; dort luden wir unser Gepäck ab, und Frazier überließ den Wagen einem jungen Mann, der schon auf uns gewartet hatte. Wir trugen die Sachen in einen Vorsaal, und Frazier brachte uns in unsere Zimmer. Sie waren alle drei gleich, ziemlich klein, aber mit großen Fenstern, die einen Ausblick auf die schöne Landschaft gewährten, die wir eben durchfahren hatten. Wir hatten die Zimmer zu je zweien zugewiesen bekommen, die Mädchen in dem einen, Rogers und Jamnik in dem zweiten, und das dritte teilte ich mit Castle. »Sicher wollen Sie sich etwas zurechtmachen und ausruhen«, sagte Frazier. »Ich lasse Sie bis drei Uhr allein.« Damit entfernte er sich unvermittelt.

Castle und ich sahen uns in unserem Zimmer um. An der einen Wand befanden sich zwei Betten übereinander; die Hälfte der anderen Wand wurde von Bücherborden, einem Wandschränkchen und einem Tpilettentisch eingenommen. An der verbleibenden Wandfläche hing, ein herunterklappbarer Tisch, und am Fußende des Doppelbettgestells befand sich eine Nische für Kleider. Endlich gab es noch zwei bequeme Stühle aus dickem Sperrholz von offenbar örtlichem Fabrikat. Im ganzen war der Eindruck erfreulich. Über den Betten lagen Decken aus bedrucktem Stoff, die sich recht hübsch gegen die naturfarbenen Holzmöbel und die erdfarbenen Wände abhoben. Ein Stück gleichen Stoffes hing an einer Seite des breiten Fensters.

Wir packten rasch aus, wuschen uns im Badezimmer an der anderen Seite des Vorraums und wußten weiter nichts zu tun. Ich hatte keine Lust, mich auf dem Grundstück umzusehen, ehe ich nicht dazu eingeladen wurde. Frazier hatte nicht einmal so etwas wie »Machen Sie sich's bequem« gesagt, sondern lediglich »Ruhen Sie sich ein bißchen aus«. Wir waren aber nicht in Stimmung, uns auszuruhen, und mich ärgerte die Art und Weise, mit der er über unsere Zeit verfügte, ohne uns zu fragen. Wir waren schließlich keine Kinder, die man nach Tisch zum Schlafen schickt. Auch irritierte mich diese dramatische Stille, sie kam mir vor wie ein Trick, der unsere Neugierde verstärken sollte. Das aber war ganz unnötig und ließ vermuten, daß Frazier unseren offenkundigen Interessen gegenüber unempfindlich war. Ich hatte nicht übel Lust, mich vor meinen Gefährten zu entschuldigen.

Mangels anderer Möglichkeiten, uns zu beschäftigen, streckten Castle und ich uns auf unseren Betten aus. Ich nahm das obere und war froh, daß die Matratze bequem war, denn ich hatte befürchtet, man würde uns eine spartanische Askese zumuten. Wir redeten ein wenig, aber ich mußte an Frazier und sein Schläfchen in der sonnigen Mulde am Straßenrand denken: das entspannte mich, und meine Verärgerung legte sich. Das Bett erschien mir immer behaglicher, und meine Antworten an Castle wurden kürzer und undeutlicher. 

Eine halbe Stunde später weckte Castle mich auf und erzählte, die anderen seien schon draußen. Ich hatte fest geschlafen und wurde nur allmählich wieder munter. Fraziers Ansicht, wir wünschten gewiß zu ruhen, hatte ich jedenfalls kräftig bestätigt, aber bei diesem Gedanken kehrte eine Spur Verärgerung bei mir zurück. Es klopfte an die Tür, und während Castle aufmachte, kletterte ich von dem Bettgestell herunter. Es war Frazier, der liebenswürdig lächelte. Aber mir war bewußt, daß ich verschlafen aussah, und mir schien, als sei sein Lächeln nicht ganz ohne Selbstzufriedenheit.

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