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Einleitung von Peter Töpfer 2006

  

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Unsere Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, daß es in ihr mit der Wahrheit nicht weit her ist. Meistens sagen wir nicht, was wir denken. Wir haben Angst davor, daß unsere wahren Gedanken und Gefühle sichtbar werden und wir unser wirkliches Leben leben. Wir passen uns einer ziemlich unwahrhaftigen Umwelt an und sind doch für andere wieder diese Umwelt. 

Die Angst ist zum Teil sehr berechtigt, denken wir nur an die Arbeitswelt, wo wir befürchten müssen, unsere Existenzgrundlage zu verlieren, wenn wir uns nicht auf eine bestimmte Art verhalten, auch wenn diese nicht unserer Natur entspricht.

Und dabei hat die Wahrheit in unserer Gesellschaft einen so hohen Stellenwert inne. Bei Umfragen geben etwa 80 Prozent der Eltern an, bei der Erziehung ihrer Kinder zu aller erst darauf zu achten, daß diese ehrlich sind. Ich bedaure, aber ich denke, es sind die gleichen 80 Prozent, die ihre Kinder, ohne es zu wissen, in die Unehrlichkeit treiben. 

Man braucht nämlich gar nicht auf Ehrlichkeit zu achten; diese tut sich von selbst, wenn man die Kinder nicht nervt, überlastet und zu Sachen zwingt, zu denen sie nicht geschaffen sind oder zu denen sie einfach keine Lust haben. Es tut mir leid, aber wer auf Ehrlichkeit "achtet", der übt bereits Druck aus, welcher prompt zu Unehrlichkeit führt; ja, der will, daß seine Kinder ihre Wahrheit für sich behalten, weil er sie nicht erträgt.

Ehrlichkeit und Wahrheit sind urnatürliche Zustände. Man muß kein Kind zur Wahrheit ermahnen. Wenn man das tut, sollte man sich besser fragen, warum das Kind — "von sich aus" — das Paradies verläßt, das darin besteht, in der Wahrheit zu leben. Man sollte sich fragen, ob man es nicht selbst dazu gebracht hat. Vielleicht hat das Kind Angst, vor seiner Mutter zu seinen wahren Gefühlen zu stehen — vor jener Mutter, die also gar nicht die Wahrheit des Kindes hören will, das Kind aber gleichzeitig zur Wahrheit zwingt. Können Sie sich den Konflikt des Kindes vorstellen?

Viele Kinder träumen davon, endlich die ganze Wahrheit sagen zu dürfen. Aber dieser Traum dämmert dann nur noch in ihnen, weil natürlich auch diese Wahrheit verdrängt werden muß.

Wenn wir es anerkennen, daß unsere Gesellschaft nicht sonderlich wahr ist, dann stellt sich sofort die Frage, warum das so ist. Es muß einen tiefen Grund dafür geben. Die Wahrheit muß — anders ist es nicht zu erklären — mit einer riesigen Angst besetzt sein. 

Was sonst ist es, das uns nicht das machen läßt, wonach wir uns eigentlich alle sehnen — ein Leben in Wahrheit. Dieses harmonische und entspannte Leben muß gleichzeitig die Hölle sein. Und es ist die Hölle, wenn wir daran gehen, unsere Wahrheit zu akzeptieren und in ihr zu leben. Für jemanden, der nie gezwungen wurde, seine Wahrheit zu verlassen, ist sie natürlich keine Hölle.

Warum tue ich irgend etwas nicht, obwohl ich genau weiß, daß es mir gut tun würde und daß ich Lust darauf habe? Das ist ganz und gar nicht allein mit einer objektiven Unerreichbarkeit meiner Ziele zu erklären. Wahrheit und Angst scheinen direkt miteinander verkoppelt zu sein. Für viele bedeutet Wahrheit die Hölle, deren Schlund durch jedes wahre Wort aufgerissen wird.

Die Ursachen für die Unwahrhaftigkeit liegen tief, sehr tief.

Die sogenannten gesellschaftlichen Reformen haben so gut wie keinen Sinn, solange wir uns nicht selbst innerlich reformieren, solange wir uns nicht nach unseren Empfindungen richten. Ja, die innerlichen Reformen sind die einzig wahren, und wenn diese stattfinden, löst sich alles andere von allein.

Wie brutal muß diese Wahrheit sein, daß sich nichts tut und die Unwahrhaftigkeit kein Ende findet?

Und es stimmt: Die Wahrheit ist brutal. Sie zu sagen, ist brutal, aber was noch viel brutaler ist, ist in ihr zu leben. Aber wenn Sie sie wirklich sagen, leben Sie schon in ihr. Und weil, sie zu sagen, der erste Schritt ist, in ihr dann leben zu müssen, sagt sie schon mal keiner. Oder nur zur Hälfte oder zu einem Bruchteil. Wir verdrängen sie lieber.

Doch diese Verdrängung unserer Natürlichkeit hat ihren Preis. Dieser Preis ist um so höher, je tiefer die Gedanken oder Gefühle sind, die wir nicht zulassen: quälerisches Grübeln, Unwohlsein bis hin zu körperlichen Krankheiten. Der Preis heißt ständige Spannung.

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Denn nur, wenn wir uns natürlich bewegen, fühlen wir uns gelöst und wohl. Der Körper wird über kurz oder lang zerstört, wenn wir ihn, d.h. uns, über- oder unterstrapazieren.

Das kann zu einer Krise führen, die eine Veränderung notwendig werden läßt. In der Krise liegt bekanntlich die Chance für eine Umkehr, für einen Neubeginn und eine Wendung zum Guten; in der Krise drängt die Wahrheit. 

Bis es zur Krise kommt, verstecken wir uns hinter Konventionen, die uns die Illusion geben, es wäre wahr, was wir tun. 

Aber bis zu dieser Krise gelten erst einmal....

Die zehn schönsten Lügen (aus einer Zeitschrift):

  1. Ich rufe Dich an.

  2. Du hast Dich aber gut gehalten.

  3. Ich kann mich an nichts mehr erinnern.

  4. Hast Du abgenommen?

  5. Ich freu' mich so für dich.

  6. Das steht dir wirklich gut.

  7. Ich habe Migräne.

  8. Es liegt nicht an dir.

  9. Bis der Tod uns scheidet.

  10. Lecker, ist ja mal was anderes. 

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Eine Veränderung fällt den meisten von uns sehr schwer, denn wir wissen oft gar nicht mehr, was wir eigentlich wirklich wollen; wir haben den Kontakt mit uns, mit unserer Wahrheit verloren und sind uns selbst entfremdet.

Wir haben Angst davor, daß wir, wenn wir uns endlich wieder natürlich verhalten, alles zum Einsturz bringen könnten und nicht nur das Schlechte. Wir haben Angst, daß wir den Boden unter unseren Füßen verlieren.

Schritte zu mehr Wahrhaftigkeit können tatsächlich erhebliche negative Folgen zeitigen, weil sie mit emotionalen Ein-, Aus- und Zusammenbrüchen einhergehen. Es können dabei Dinge kaputt gehen, die nicht kaputt gehen sollten. Nicht die notwendigen Zusammenbrüche, aber die negativen Begleit­erscheinungen gilt es zu vermeiden. Deswegen sollte, wenn wir lernen wollen, uns wieder zu öffnen, die Neuorientierung zunächst in einem Rückzugs­gebiet, in einem sicheren Raum stattfinden.

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Ich werde denjenigen unter Ihnen, die ein Leben in Wahrheit beginnen wollen und dabei Hilfe benötigen, aber keinen Menschen kennen, der ihnen diese Hilfe geben kann, einige Vorschläge und Angebote machen, und zwar im Rahmen bestimmter Dienste. Von diesen Diensten — Wahrsagerei, Zuhördienst und Abnahmestelle für seelisch belastendes Material — wird in diesem Buch hin und wieder die Rede sein. Um erst gar keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Unter "Wahrsagerei" verstehe ich das Gegenteil dessen, wofür dieses Wort bisher bekannt ist: In der Wahrsagerei ist es selbstverständlich allein der Kunde, der die Wahrheit sagt: Er ist sein eigener Wahrsager. Niemand sagt ihm die Wahrheit. Auf diese Weise erweitert der Kunde sein Bewußtsein, seine Wahrheit.

Natürlich wäre es nicht Sinn der Sache, wenn ein Zwang bestünde, die Wahrheit zu sagen. Das kann aber leider durchaus der Fall sein, nämlich wenn der Körper und die Gefühle nur noch sehr eingeschränkt wahrgenommen werden. Dann könnte man zu einem Ideologen der Wahrheit werden.

Manche kämpfen verbissen darum, daß ihre Geheimnisse nicht an den Tag kommen. Tag für Tag, Stunde für Stunde sind sie damit beschäftigt, sich vorbeugend die Röte zu überschminken, die ihnen ins Gesicht treten könnte — eine in der Tat höchst unangenehme Situation. Aber was ist einfacher, als genau das zu tun, wovor wir Angst haben, nämlich das Geheimnis zu lüften und alles zuzugeben?

Es kann in einer ziemlich unwahrhaftigen Gesellschaft sehr wohl von Vorteil sein, nicht überall seine Wahrheit zu sagen und zu zeigen. Ich propagiere kein Märtyrertum. Aber es ist immer von Vorteil, seine Wahrheit wenigstens innerlich genau zu kennen und sie vor sich selbst und seinen Vertrauten zu sagen.

Es ist sicher leichter gesagt als getan. Aber Sie werden mir zustimmen, daß, wenn wir zu einer gewissen Ausgeglichenheit finden und den Streß beenden wollen, wir genau das tun müssen — wahrhaftiger sein. Es liegt auf der Hand, daß dieser Weg zu einem angenehmeren, streßfreieren, dafür aber lebendigeren Leben führen muß. Seien wir also nackte Kaiser.

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Ich möchte von vorn herein ein weiteres mögliches Mißverständnis ausräumen: In diesem Buch geht es ausschließlich um die sogenannte subjektive Wahrheit. Ich sage "sogenannte", weil es — das ist meine Wahrheit — sowieso keine andere als die Wahrheit eines Subjektes, eines Einzelnen gibt. In diesem Buch geht es um die Wahrheit, wie sie in jedem Einzelnen ist, und was sie, je nach dem, in welchem Maße sie vorhanden ist, für eine Wirkung in diesem Einzelnen hat.

Was ich überhaupt unter "Wahrheit" verstehe und wie ich Wahrheit definiere, können Sie im Kapitel "Was ist Wahrheit?" nachlesen.

Dieses Buch sagt also nicht "die Wahrheit" in dem Sinne, daß die Dinge und die Welt so oder so seien. Dieses Buch handelt von der Wahrheit selber, es wird darin über die Wahrheit gesprochen; es geht darin um die entscheidende Bedeutung, die die Wahrheit hat.

Worin die konkreten Wahrheiten bestehen, darum geht es in diesem Buch nur sekundär. Es geht in diesem Buch um die Wahrheit und ihre Bedeutung schlechthin.

Es ist nicht meine Absicht, meine Wahrheit zu verallgemeinern. Sie soll nur veranschaulichen, was Wahrheit bedeutet. Die Lehren aus meinen Erfahrungen sind selbstverständlich nicht "die Wahrheit". Wenn ich an manchen Stellen sage: "Das ist die Wahrheit", dann gilt das nur für mich selbst.

Bitte entschuldigen Sie, wenn ich so sehr auf diesem Punkt insistiere, aber er ist für das Verständnis dieses Buches ausschlaggebend. Ich möchte es ausdrücklich mir und Ihnen ersparen, andauernd darauf hinzuweisen, daß das, was in diesem Buch gesagt wird, für mich wahr ist. Vieles werden Sie vielleicht sogar vehement als für Sie unwahr ablehnen — und das ist sehr gut, denn so gewinnt Ihre Wahrheit an Kontur.

Sie, lieber Leser, werden ganz andere Schwierigkeiten mit der Wahrheit haben als ich, und ganz andere Konflikte werden sich in Ihnen abspielen als in meinem Innern. Aber Sie werden vielleicht die Bedeutung der Wahrheit in diesen Konflikten und bei deren Lösung besser erkennen. Sie werden möglicherweise nachvollziehen, daß Ihre mehr oder weniger große Unzufriedenheit, die Sie mehr oder weniger oft befällt, damit zu tun hat, daß sich eine Wahrheit — welche auch immer — in Ihnen nicht durchsetzen kann.

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Ihre Wahrheit und Ihre Hemmungen, gemäß Ihrer Wahrheit zu leben, mögen mit ganz anderen Dingen, mit ganz anderen Gefühlen zu tun haben als denen, die ich aus meiner Sicht in diesem Buch in den Mittelpunkt stelle: Liebe, Sehnsucht und Angst. Welche Dinge auch immer für Sie Vorrang haben: Ich möchte Sie mit diesem Buch nur dafür sensibilisieren, daß Sie, wenn Sie gemäß Ihrer Wahrheit leben, ein ausgeglicheneres Leben führen. Und das ganz ungeachtet, wie man Ausgeglichenheit wertet; das geschieht automatisch.

Wenn ich daraufhinweise, daß jeder seine eigene Wahrheit hat, dann liegt darin kein rhetorischer Trick, mit dem ich Sie doch auf meine Seite ziehen will. Ich will mich damit auch nicht davor drücken, das zu sagen, was meiner Meinung nach wahr ist. Viele Menschen sind sehr in Not und könnten sich — in ihrer Hilfsbedürftigkeit — sogar von mir erpreßt oder genötigt fühlen, meine Wahrheit anzunehmen. Nein, ich will Ihnen, lieber Leser, ganz und gar nicht durch die kalte Küche meine Wahrheit aufdrängen.

Nicht nur Ihre persönliche Existenz wird sehr verschieden von meiner verlaufen sein und verlaufen. Auch die ganze Begrifflichkeit, derer Sie sich bedienen, um sich mit Ihrem Leben auseinanderzusetzen, wird sich von der meinen unterscheiden, und Begriffe wie "Sehnsucht", "Verschmerzen" und "Bedürfnis" mögen in Ihrer Begrifflichkeit keinen so zentralen Platz einnehmen wie in meiner. Ich bitte Sie nochmals, sich durch mich nicht von Ihren Begriffen ablenken zu lassen, oder sich nur bei größter Ehrlichkeit und größtem kritischen Bewußtsein von meiner Begrifflichkeit inspirieren zu lassen. Daß die Wahrheit (Ihre Wahrheit) eine zentrale Bedeutung (für Sie) hat und daß Sie dies vielleicht noch nicht klar genug erkannt haben — das ist die Grundlage meines Angebotes. Sie sollten — so mein Vorschlag — Ihre Wahrheit mit Ihren Worten deutlicher sagen und mehr in ihr leben.

Es gibt meines Erachtens genug Bücher, in denen Dinge gesagt werden, die die Autoren für wahr erachten und als wahr anerkannt wissen möchten. Es ist aber in zu wenigen Büchern erkannt worden, welche Bedeutung die konkrete Wahrheit eines Einzelnen hat.

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Ich möchte einen möglichen Weg aufzeigen, wie Sie, wenn Sie darunter leiden, keine Wahrheit zu haben oder Ihre Wahrheit nicht wirklich zu kennen, diese entdecken können. Oder wie Sie, wenn Sie zu viele und sich widerstreitende Wahrheiten haben, das Zuviel loswerden bzw. alles auf eine Wahrheit zurückführen können.

Es sieht so aus, daß viele ihre Wahrheit verloren haben, sich zumindest Gedanken um das machen, was wirklich und wahrhaftig ihr Leben ist, sein könnte und sein sollte. Ich denke, daß der Mangel an Wahrheit die hauptsächliche Ursache für Unbehagen, Unwohlsein, Unzufriedenheit, Unstetigkeit, Suche, Sucht und Verzweiflung ist. Und darüber hinaus für die Umweltkatastrophe — daraufkomme ich im Kapitel "Vom Weg abgekommen" zurück. Eine meiner Thesen lautet, daß sich der zivilisierte Mensch Lichtjahre von seinen eigentlichen Bedürfnissen entfernt hat und daß sich seine Grundbedürfnisse in Tausende von Sekundärbedürfnisse verwandelt haben.

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Es gibt Menschen, die davon ausgehen, daß es eine von einem Individuum losgelöste Wahrheit gibt: eine Wahrheit, die sich unabhängig von uns Einzelnen in einem Irgendwo befindet und von uns erkannt werden müßte, sollte oder könnte. Diese Vorstellung — daß die Wahrheit auch außerhalb eines Individuums und einfach so, quasi im Nichts da sein kann — ist sogar sehr weit verbreitet. Gemäß dieser Vorstellung existiert eine Wahrheit, die in ihrer Gänze von den Einzelnen nicht wahrnehmbar und erkennbar sei. Sie sei aber "individualisierbar": Wir könnten von dieser riesigen Wahrheit jeweils einen Teil abbekommen. Eine für sich allein existierende Wahrheit würde quasi in die Individuen einziehen, sowie diese zu existieren beginnen.

Selbst wenn es eine solche ganze und schier endlose, von uns unabhängige Wahrheit gäbe — ich denke, wir brauchen eine solche Wahrheit nicht zu kennen. Wir brauchen nur unsere Wahrheit. Warum soll uns eine "ganze" Wahrheit interessieren? Ich glaube, im Nachdenken über eine "ganze" Wahrheit liegt eine Flucht vor der konkreten persönlichen Wahrheit. Erst wenn ein Kind die Augen öffnet oder erst, wenn ein Embryo zum ersten Mal etwas sinnlich wahrnimmt, entsteht Wahrheit.

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Ich teile die Vorstellung nicht, daß eine abstrakte Wahrheit vorhanden ist und wir dieser teilhaftig werden können, sondern bin der Meinung, daß dort, wo nichts ist, auch keine Wahrheit sein kann. Es muß vielleicht nicht unbedingt ein Lebewesen sein, aber ein Etwas muß es sein, das Träger einer Wahrheit ist; es muß etwas für sich Seiendes, etwas Individuelles, ein Individuum sein, daß Empfindungen und Bedürfnisse hat. Dieses Buch ist kein philosophisches Buch. Aber für philosophisch interessierte Leser gehe ich im Kapitel "Was ist Wahrheit?" noch etwas näher auf diese Frage ein.

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Meine Theorie ist das Ergebnis von Erfahrung, aber auch von sprachlichen und theoretischen Einflüssen, Prägungen und Vorgaben, die ich als geistige Werkzeuge zur Mitteilung einsetze. Ich habe mich bemüht, so weit wie möglich diese Prägungen draußen zu lassen und nur meine Sinne und meinen ungebildeten Verstand sprechen zu lassen.

Ich schreibe nicht schlechthin über das von mir als wahr erkannte und über die Wahrheit, sondern ich schreibe mit einem gewissen Engagement, ich schreibe aus einer bestimmten Perspektive, nämlich der Perspektive desjenigen, der auf der Suche nach Möglichkeiten der Verbesserung unseres Erdendaseins ist und letztlich in der Wahrheit die Antwort gefunden hat.

Manchmal spreche ich von "meiner Theorie", öfter jedoch von "meiner Wahrheit", weil ich unter "Wahrheit" etwas viel Persönlicheres, Gefühlvolleres, Intimeres verstehe als unter "Theorie". Denn jede Theorie, wenn sie sich tatsächlich mit tieferen Wahrheiten befaßt, muß intim und gefühlvoll werden, weil unsere Tiefe, unser Inneres voller Gefühle ist. Es ist wie bei der Erde: Je tiefer Sie in sie hineindringen, desto wärmer, beweglicher, bewegender, flüssiger wird es. Natürlich muß sie dann — jede Wahrheit ist subjektiv — eine recht persönliche Note bekommen. Aber es heißt ja auch, je persönlicher, desto allgemeingültiger.

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Die Theorie ist nicht von all zu großer Bedeutung, sie ist lediglich der Einstieg in etwas Bedeutenderes — die Praxis. Sie ist der Einstieg in den existentiellen Kern eines Menschen. Hat man diesen Einstieg genommen, merkt man schon bald, wie unbedeutend Theorien sind, und man vergißt sie schnell wieder. Ich hoffe, mit meiner Theorie die Dinge zu berühren und anzusprechen, die von Bedeutung sind, so daß das Theoretische bald in den Hintergrund treten kann und Sie, lieber Leser, sich Ihrem existentiellen Kern nähern. Ich wäre zufrieden, wenn ich Ihnen bei jenem Einstieg behilflich sein könnte.

Es gibt einen gewissen Widerspruch: 

Auf der einen Seite ist es dermaßen offensichtlich, daß wir alle Schwierigkeiten im Leben und Schwierigkeiten mit unserer Wahrheit haben. Auf der anderen Seite halten fast alle das, was sie sagen, für wahr. Das stimmt sicherlich auch in einem gewissen Sinn, weswegen das Wort Lüge in diesem Buch nicht vorkommt. Dennoch lautet meine These, daß das Unwahre meist für das Wahre oder ein bestimmtes Verhalten für das Normale, das einzig Denkbare gehalten wird. Nicht in der Wahrheit zu leben, ist der Normalzustand des zivilisierten Menschen. Er denkt: "So wie ich lebe, so muß es sein. Anders geht es nicht." Etwas anderes kann er sich nicht vorstellen. Dieser riesige Abstand ist das eigentlich Erschütternde und völlig Ernüchternde.

Da es nach Meinung der Zivilisierten nicht anders geht, haben wir all jene Zivilisationskrankheiten: Wir leben nicht ausgeglichen, nicht in einer — wie es die Physiologen sagen — Homöostase: Wir leben nicht wie die wilden Tiere in Selbstregulierung. Unsere Homöostase, unser Gleichgewicht, ist ständig gestört. Homöostase heißt nicht Stillstand, sondern daß sich die Kräfte von allein und ganz und gar bis auf ihren Grund bewegen. Wenn wir uns nicht ganz spannen und entspannen können, bleibt immer etwas übrig: Das sorgt für die existentielle Qual.

Wir sehen am Himmel die Sterne, wir sehen Sonne und Mond ziehen. Wer käme auf den Gedanken, daß es im Kosmos — dessen Teil wir doch sind — irgendeine Art Streß gibt? Alles lebt ohne Streß — in seiner Wahrheit —, nur wir nicht. Wir wissen nicht, wie lange dieser eigenartige Ausnahmezustand, genannt menschliche Zivilisation, noch anhält.

Die Tiere lügen nicht. Wir aber leben in keiner Eindeutigkeit; in uns widerstreben sich verschiedene Wahrheiten, wir sind zerrissen und verzweifelt.

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In diesem Buch wird mitunter Kritisches, ja vernichtend Kritisches über die menschliche Zivilisation geäußert. Aber die Vernichtung des Kritischen führt nicht zu Chaos, Mord und Totschlag, sondern in eine angenehme, schöne, stabile, weil auf Wahrheit basierende Ordnung. Zivilisation dagegen heißt fast permanente Gewalt, Grausamkeit, Chaos und Krieg.

Noch mehr Chaos, ja tatsächlich totaler Mord und Totschlag würde allerdings bedeuten, fielen schlagartig die zivilisatorischen Einrichtungen weg und würden plötzlich die Menschen ihre Hemmungen verlieren.

Dieses Buch plädiert für einen Weg in die Wahrheit, der in Zurückgezogenheit und an besonderen Orten jenseits der Zivilisation gegangen wird. Dieser Weg ist ein langer, von chaotischen und auch destruktiven Emotionen gekennzeichneter Prozeß. Wahrheit bedeutet zunächst — bevor sie zu wahrer Ordnung führt — schreckliches Chaos. Wenn die gehemmten Emotionen losgelassen werden, passieren die furchtbarsten Dinge. Deshalb darf das nicht in freier Wildbahn geschehen!

Die chaotischen Emotionen sind nichts anderes als die notwendigen Reaktionen auf die Zivilisierung. Zivilisierung heißt im Grunde nichts anderes als Liebesentzug und Enttäuschung. Und die chaotischen Emotionen sind die Resultate dieser Enttäuschung.

Es ist überhaupt keine Frage, daß die Zivilisation selbstverständlich besser ist als totales, offenes Chaos und insofern zu begrüßen und zu würdigen ist. Doch wahre Ordnung — eine Ordnung, die auf den Wahrheiten der Einzelnen beruht — kann nur aus dem vorgefundenen und unterhalb der "zivilisatorischen Tünche" liegenden Chaos entstehen, aus dem Geschehen-lassen und Abfließen aller destruktiven und irrationalen Emotionen. Dieses Abfließen muß in Abgeschiedenheit erfolgen.

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Apropos "Verbesserung unseres Erdendaseins" und "Reformen": 

Die Aussagen des Buches stellen zwar einen Paradigmenwechsel dar, nämlich den Übergang von Psychotherapie in etwas Neues. Aber jedes neue Paradigma entsteht aus der Auseinandersetzung mit dem alten Paradigma und steht damit paradoxerweise doch in dessen Tradition. Daher war ich beim Schreiben des Buches nicht allein, habe ich das Buch nicht ganz aus einer Leere heraus geschrieben, bin also auch meinen Vorläufern, auch wenn ich mich von ihnen grundsätzlich unterscheide, dankbar. Auf diese Vorläufer komme ich im Schlußkapitel <Der theoretische Hintergrund der Wahrheitstheorie> zu sprechen.

Ich möchte mich gleich zu Anfang entschieden und voll dazu bekennen, daß ich ein Freund der Wahrheit bin und möchte, daß die Wahrheit in der Welt sein darf. Das gehört zu jener genannten Perspektive. Wenn die Wahrheit fehlt, ist es eine Katastrophe. Die völlige Abwesenheit von Wahrheit ist der Tod. Ich meine jetzt nicht den natürlichen Tod, sondern das Absterben bei "lebendigem" Leibe, das in einem grausamen Leid vor sich geht. 

Ich werde viel über die Verdrängung und Verwandlung der Wahrheit schreiben: daß sie oft nicht in der Welt und in uns sein darf.

 

Mein Angebot ist ein wirklich neues; ich breche mit der Tradition, in der ich stehe, und verwende ihre Erklärungsmuster nicht mehr; einige Begriffe verwende ich in neuem Zusammenhang. Ich glaube, viele Begriffe dieser Tradition auf einen einzigen Begriff und damit endlich auf den Punkt gebracht zu haben: den der Wahrheit. Ich bin der Meinung, daß meine Vorläufer, so kühn und radikal sie auch waren und ihrerseits mit ihren Traditionen gebrochen haben, immer noch um den heißen Brei herum geredet haben. Dieser heiße Brei ist die Wahrheit. Es geht letztlich nur um sie. Ich lasse jetzt die Katze aus dem Sack.

"Endlich auf den Punkt gebracht...", "es geht letztlich..." in der Tat könnte mein Buch eines der letzten sein, lieber Leser, das Sie zwischen den Händen halten. 

Zumindest könnte sich Ihr Bücherkonsum nach der Lektüre drastisch verringern, falls Sie überhaupt viele Bücher lesen. Ich persönlich und aus meiner Sicht wünsche es Ihnen jedenfalls — ich wünsche Ihnen, daß Sie Ihre Suche wenn nicht beenden, so doch etwas gelassener fortsetzen können; daß Sie weniger Inspiration benötigen werden zur Beantwortung Ihrer Fragen, was Ihre Wahrheit ist und wie Sie am besten leben sollten. 

Ich wünsche Ihnen, daß Sie es schaffen, diese Fragen aus sich selbst zu beantworten. Alles andere hätte auch keinen Sinn. Denn nur Sie selbst können und müssen diese Fragen wirklich beantworten. Ich wünsche Ihnen, daß Sie die Antworten finden und Sie sich keine Fragen zu Ihrer Existenz mehr stellen, höchstens kurzzeitig, ohne Gedankenquälerei und vor allem ohne Hinzuziehung irgendeines Buches.

Obwohl in diesem Buch oft vom Selbstzweck der Wahrheit die Rede sein wird — und der ist tatsächlich von größter Bedeutung —, geht es in diesem Buch auch um einen Zweck, nämlich darum, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die Ihren unaufwendigen, klaren und eindeutigen Entscheidungen im Wege stehen und die Sie selbst in sich haben. Das Mittel dazu ist die Wahrheit. 

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Peter Töpfer  Die Wahrheit Sie sagen und in ihr leben  Ein posttherapeutisches Manifest

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