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12  Die Geschichte

unserer Zukunft

 

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Durch übermäßige Vermehrung und durch Mißhandlung des Bodens hat sich die Menschheit selbst in einer ökologischen Falle gefangen. Der einseitige Gebrauch angewandter Wissenschaft hat es ihr ermöglicht, von Wechseln auf die Zukunft zu leben. Und jetzt sind überall auf der Welt diese Wechsel fällig geworden. Die Zahlung kann nicht länger hinausgeschoben werden. 

Zum Glück steht uns noch die Wahl frei, sie einzulösen oder einen katastrophalen Bankerott der ganzen Welt herbeizuführen. Zweifellos tun wir klüger daran, unsere Gürtel enger zu schnallen und eine lange Periode der strengen Einfachheit und des Wiederaufbaus in Kauf zu nehmen, als auf das endgültige Zusammen­brechen unserer Zivilisation zu warten. Eine andere Wahl gibt es nicht — das ist eine harte Tatsache. 

Wenn ich "wir" sage, meine ich nicht den lieben Nächsten: 

Wenn wir nicht selbst unser Schicksal fest und mutig in die Hand nehmen, so hilft uns kein Gott. Es wird eine schwere Aufgabe sein, die ökologische Freiheit für unsere Zivilisation zurückzuerobern. Es wird uns oft zu strengen und harten Maßnahmen zwingen. Es wird beträchtliche Summen verschlingen.

Wenn nicht das Volk selbst diesen Weg einschlägt, werden die demokratischen Regierungen es kaum auf so steile und steinige Pfade zwingen wollen. Nationen mit niedrigerem Erziehungsstandard, als es der unsere ist, technologisch rückständige Nationen sind noch schwerer in Bewegung zu setzen. In unserm eigensten Interesse müssen wir nun die Verantwortung für diese Führerschaft übernehmen, wie wir es in der ökonomischen und politischen Sphäre bereits getan haben.

Krasse Maßnahmen sind unvermeidlich. In erster Linie aber müssen wir unser Denken reorganisieren. Wollen wir dem Zusammenbruch entgehen, so müssen wir die Idee aufgeben "uns selbst zu leben". Wir bilden eine Erdgemeinschaft, und das Los des Farmers aus Indiana ist vom Los des Bantu nicht zu trennen. Das ist eine Wahrheit — nicht nur im mystischen Sinne John Donnes, der für eine Weltbrüderlichkeit spricht, die aus den hungernden Kindern Hindustans eine Angelegenheit der Amerikaner macht; sondern im direkten, physikalischen Sinn. 

Ein erodierender Berghang in Mexiko oder Jugoslawien berührt den Lebensstandard und die Lebensmöglichkeiten des amerikanischen Volkes. Verantwortungs­lose Vermehrung macht eine Besserung der Lebensbedingungen in Griechenland — oder Italien oder Indien oder China — unendlich schwierig, wenn nicht unmöglich; sie saugt den Reichtum der Welt ab, besonders den der Vereinigten Staaten, der soviel besser zur Hebung des Lebens­standards und zum Weiterbestehen für weniger Menschen verwendet würde. Wir können unserer Verantwortlichkeit nicht entgehen — denn es ist eine Verantwortlichkeit für uns selbst.

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Ebenso müssen wir überalterte Philosophien über Bord werfen; wir dürfen nicht mehr sagen: "Jeder Tag hat seine Sorgen" oder "Kommt Zeit, kommt Rat". Wir zahlen bereits für die Narrheiten von gestern, während wir unser eigenes Morgen gestalten. Unser Weißbrot für den heutigen Tag reißt vielleicht eine Bresche in einen Deich und ist an einer Überschwemmung in New Orleans im nächsten Frühjahr schuld. Der diesjährige Weizen von Australiens erodierenden Hängen kann in ein paar Jahrzehnten der Ausgangspunkt eines japanischen Krieges sein. Die humoristischen Bücher aus den Waldhängen von Nevado de Toluca 1948 sind vielleicht schuld daran, daß 1955 die Fabriken in Mexiko City schließen müssen. 

Der Freibeuter, der rauhe Abenteurer, der Individualist, dessen Kraft, Phantasie und Mut beim Aufbau unseres Landes so viel geholfen (und geschadet!) hat, ist jetzt zu einem Feind des Volkes geworden — das müssen wir erkennen, wo immer seine Unternehmungen unsere Hilfsquellen zerstören. Der Holzfäller, der einst in Madagaskar Raubbau am Walde trieb, wurde geköpft; wir täten gut daran, so wirkungsvolle — wenn auch weniger grausame — Kontrollen auch bei nns einzuführen. Der Sinn für die Zeit muß in uns wach werden, wir dürfen nicht nur an das Beefsteak auf unserm Tisch an diesem Samstag denken; sondern wir müssen die Samstage unserer alten Tage, die Samstage unserer Kinder und Enkel vor Augen haben. 

Die Zeiten sind vorbei, in denen ein Senator frivol und roh fragen durfte: "Was hat die Nachwelt schon für mich getan?" Wir zeugen die Nachkommen, wir schaffen die "Nachwelt", in der sie zu leben haben.

Vor allem aber müssen wir lernen, um unsere Abhängigkeit von der Erde zu wissen, bis in die Wurzeln unseres Seins diese Abhängigkeit von der Erde und ihren Reichtümern zu fühlen, mit denen sie uns am Leben erhält. Unsere Anmaßung, wir lebten in Unabhängigkeit, ist heute nicht mehr gültig. Wir können uns nicht länger in der ruhigen Sicherheit wiegen, unsere Nöte würden schon irgendwie — durch irgendwen — von irgendwoher gestillt. 

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Sogar wir glücklichen Amerikaner üben einen harten Druck aus auf die Quellen unserer Existenz. Unsere Nachbarn aus fünf Kontinenten wissen, wie (weh*) es tut, alle Schränke leer zu finden. 

Es gibt keine Phase unserer Zivilisation, die nicht angerührt ist von Teuerung und Not. Es gibt kaum eine Sparte menschlicher Betätigung, in der ganzen bunten Dauer unseres Daseins, die nicht direkt oder indirekt, offen oder heimlich, den kalten Atem würgenden Mangels zu spüren bekommt. 

Wir müssen alle — Männer, Frauen und Kinder — unsere Beziehung zur Welt, in der wir leben, mit neuen Augen sehen lernen. Wir müssen lernen, die Tages­ereignisse in Beziehung zum Lebensunterhalt des Menschen zu bringen. Wir müssen dahin kommen, unsere Vergangenheit, unsere Geschichte in bezug auf den Boden, das Wasser, die Wälder und die Weiden zu verstehen, denn durch sie wurde die Weltgeschichte zu dem, was sie ist. Wir müssen die Zukunft in einem Rahmen sehen, in dem Zeit und Raum eins werden, in dem wir, dem Antäus gleich, nur stark bleiben, wenn wir die Erde berühren, indem wir unsere Kraft aus der Erde ziehen. 

Unsere Erziehung muß neu gestaltet werden, als Geschichte unseres Daseins in einer Umwelt, die so vollkommen den Naturgesetzen unterworfen ist wie ein Ball, den unsere Hand fallen läßt. Unsere Philosophien müssen umgeschrieben werden — wir müssen sie aus dem Gebiete der Worte und "Ideen" lösen und ihre Wurzeln fest in die Erde pflanzen. Und was das Wichtigste ist: wir müssen unsern Platz in der Gemeinschaft der Völker und in den kommenden Jahrzehnten unserer Zukunft nach Maß und Gewicht unserer gesamten Umwelt messen und wiegen.

Die Geschichte unserer Zukunft ist schon geschrieben — für einige Dekaden wenigstens. Zweieinhalb Milliarden Menschen sind auf der schrumpfenden Oberfläche dieser Erdkugel zusammengedrängt — und damit haben wir selbst die historischen Kräfte in Bewegung gesetzt, die durch die Gesamtumwelt gelenkt werden.

Wir können diese Kräfte durch Zeichnungen symbolisieren. Zum Beispiel durch die Zeichnung einer Kurve der menschlichen Bevölkerung, die nach Jahrhunderten relativer Stabilität plötzlich zu steigen begann, und in den letzten fünfzig Jahren eine schwindelerregende Höhe erreicht hat. 

* (d-2010:)  weh — von mir eingefügt

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Die zweite Darstellung wäre die unserer Hilfsquellen. Sie zeigt die Lage und die Dicke unserer Ackerkrume, die Üppigkeit unserer Wälder, die verfügbaren Wassermengen, die lebenspendenden Weiden und das biophysische Gewebe, das sie zusammenhält. Auch diese Kurve war jahrhundertelang, bis auf einige örtliche Senkungen, in hohem Maße stabil. Aber auch sie hat ihre Richtung scharf geändert, besonders während der letzten hundertfünfzig Jahre, und schießt jetzt geradezu rapide abwärts.

Diese beiden Kurven — der Bevölkerung und der Mittel zum Fortbestehen — haben sich seit langem gekreuzt. Sie laufen mit wachsender Geschwindigkeit auseinander. Je weiter sie voneinander getrennt sind, um so schwieriger wird es sein, sie wieder zusammenzubringen.

Überall, oder fast überall auf der Erde sehen wir die Resultate ihres Auseinanderlaufens. Die zerfallenden Ruinen zweier Kriege kennzeichnen ihren Weg. Die aufgetriebenen Leiber hungernder Kinder von San Salvador bis Bengalen sind grausige Punkte auf dem Raum zwischen den beiden Kurven. Sengende Fieber und folternder Husten schreien von Osorno bis Seoul ihre Anklage in diesen Raum, und das dumpfe Murren der Volksmengen ist ein immer stärker anschwellendes Echo ihres Weiterziehens.

Es ist nicht wahrscheinlich, daß in naher Zukunft die Richtung dieser Kurven, und das Elend, das sie ins Angesicht der Erde zeichnen, geändert werden kann. Für einige Jahrzehnte liegt ihre Richtung fest.

Viele Völker bestehen überwiegend aus jungen Menschen; sobald sie ins fortpflanzungsfähige Alter kommen, müssen wir trotz aller Bemühungen — wenn wir nicht gerade zum Massenmord greifen wollen — darauf gefaßt sein, daß die Menschenzahl noch eine Zeitlang steigt. 

Dieser Hemmschuh, den Unwissenheit, Selbstsucht, Nationalismus, Volkssitten usw. an unsere Bestrebungen gelegt haben, wird ohne Zweifel noch während einiger Jahrzehnte jede wirksame und wesentliche Besserung unserer Hilfsquellen­bewirtschaftung verzögern.

Die Menschen dürfen sich nicht selbst betrügen; sie dürfen nicht weiter durch Quacksalbereien enttäuscht werden; sie dürfen nicht blind in eine Sackgasse rennen; und deshalb ist es ein kategorischer Imperativ, daß die ganze Menschheit sich über dieses weltweite Dilemma klar wird. 

Das Geschlecht der Menschen ist in einer Zwangslage, die konkret ist wie ein Paar Schuhe, das um zwei Nummern zu eng ist. Das müssen wir endlich verstehen, und müssen aufhören, Gott und die Welt dafür zu tadeln — das ökonomische System, das Wetter, die Ungunst des Schicksals. 

Das wäre der Weisheit erster Schritt — der erste Schritt auf einem langen Rückwege. Der zweite Schritt ist die Geburtenkontrolle und die Wieder­herstellung unserer natürlichen Hilfsquellen.

Wir müssen diese Schritte tun — und wir müssen sie bald tun; wenn der Mensch nicht — in kurzen Worten sei es nochmals gesagt — seine Lebens­weise im vollsten Sinne den zwingenden Notwendigkeiten anpaßt, die ihm die begrenzten Hilfsquellen seiner Umwelt auferlegen, so kann er alle Hoffnung auf einen Fortbestand des zivilisierten Lebens fallen lassen. Dann bliebe uns nur eines: Wie die vom Teufel besessene Schweineherde des Evangeliums einen kriegs­zerfetzten Abhang herunterzurasen — in ein barbarisches Dasein unter rauchgeschwärzten Trümmern.

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Ende

 

 

 

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 William Vogt   Road to Survival   Die Erde rächt sich   1948