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1. Einen Schrei vom Glück entfernt  

 

 

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Ein Buch über das Schreien?  Ja, zum Teil. Um es genau zu sagen, dieses Buch handelt von einer Art der Gruppentherapie, in der das Schreien den Patienten hilft, lange verschüttete Emotionen auszudrücken.

Doch es ist auch ein Buch über Menschen — nicht nur über ein paar abgehärtete Seelen, die sich für die Gruppen­therapie entschieden haben, weil ihnen Geheimhaltung nicht wichtig ist, sondern über uns alle, die wir in der heutigen komplexen Gesellschaft leben. Es handelt von dem Problem, emotional und psychisch gesund zu bleiben in einer Kultur, die die tiefsten, auf das Überleben gegründeten Gefühle des Menschen auszu­schalten versucht.

In dem hier beschriebenen psychotherapeutischen Prozeß gibt es nicht nur eine Art von Schrei. Es gibt verschied­ene Schreie, die sich in verschiedenen Lauten äußern und verschiedene Emotionen zum Ausdruck bringen. Es gibt grundlegende Schreie der Furcht, des Schmerzes, der Not und des berechtigten Anspruchs, und vier verschiedene Schreie des Zorns, deren tiefster von starken Lustgefühlen begleitet wird. Es gibt auch Laute der Freude. Es ist die Lust des Bewußtseins, von den Verzerrungen einer falsch programmierten Kindheit befreit zu sein, des Bewußtseins der Wahlmöglichkeiten, die dem emotional Erwachsenen offen­stehen, und der Gefühle echten Verbundenseins mit anderen Menschen.

Schreien ist nicht das einzige Hilfsmittel, das in unserer Gruppentherapie angewendet wird. Wie in anderen Formen der Psychotherapie gehört auch das Reden — vor allem über falsch programmierte Einstellungen — zum Prozeß. Am Anfang liegt der Nachdruck jedoch auf dem Schreien, denn Schreien kann Emotionen ausdrücken oder offenbaren, die sich nicht leicht in Worte fassen lassen. Der Nachdruck liegt darauf, Gefühle zu zeigen, nicht, über sie zu sprechen.

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Die Idee, Gefühle durch nichtverbale Schreie auszudrücken, bildet den Angelpunkt des Prozesses. Ein Neuan­kömmling wird verblüfft sein, wenn er Schreie hört wie: »Ich bin zornig«, »ich habe Furcht«, »ich bin eine Frau« und so fort. Häufig enden diese Schreie in kreischenden oder wimmernden Lauten, die ohne Worte dem tiefsten Schmerz, Zorn, oder Furcht oder dem Verlangen nach Liebe entspringen. Diese Laute können einen nichtsahnenden Besucher erschrecken oder ihn dazu bringen, den Prozeß als sinnlos und gefährlich aufzugeben. Doch die Schreie sind Teil eines strukturierten Prozesses. Es gibt Gründe für die Schreie, Gründe für die Worte, Gründe für besondere emotionale Übungen. Jeder Mensch, der seinen eigenen Gefühlen freimütig gegenübersteht, wird auf einige dieser Laute reagieren.

Im Casriel-Institut, wo diese Therapieform entwickelt worden ist, konzentrieren wir uns darauf, Gefühle in »vollem Maße« auszudrücken. Schreie können Emotionen freisetzen, die seit der Kindheit verdrängt worden sind; und die Freiheit, die man daraus gewinnt, kann sich als entscheidender positiver Persön­lich­keits­wandel auswirken. Das ist dort möglich, wo das Erlebnis in einer verantwortlichen Umgebung stattfindet und der einzelne an einem ständigen therapeutischen Prozeß beteiligt ist.

Meine Einstellung zur Behandlung emotional gestörter Menschen hat sich erst allmählich mit der persönlichen Erfahrung und Einsicht entwickelt. Es begann damit, daß ich als Psychoanalytiker Patienten sah, die den Kontakt mit ihren tiefsten Emotionen verloren hatten und »Wortspiele« mit mir spielten. Meine Unzufrieden­heit mit der Einzeltherapie wurde noch durch Diskussionen mit Kollegen genährt, die die gleichen enttäuschen­den Erfahrungen mit ihren Patienten machten. Sie wurde weiter durch meine Arbeit mit Rauschgift­süchtigen vertieft, die als »charaktergestörte Persönlichkeiten« einer Behandlung unzugänglich zu sein schienen.

 

Weshalb ließen sich »Charakterstörungen« so schwer erfolgreich behandeln? Die psychiatrische Literatur ist in diesem Punkt niemals sehr präzis gewesen. Man hat sich der Bezeichnung »Charakter­störung« bedient, um auszudrücken, daß ein Patient einer Behandlung unzugänglich ist, also fast als Ausflucht. Die Bezeichnung hat insofern einen unglücklichen Beiklang, als sie auf Mängel in der Persönlichkeitsstruktur des Betreffenden hindeutet. Diese Mängel liegen, allgemeinverständlich ausge­drückt, auf den Gebieten »Verantwortlichkeit« und »Beziehung«. 

Charaktergestörte Persönlichkeiten sind in frühester Jugend durch Deprivation emotional geschädigt worden. Ihre emotionalen — und bisweilen auch physischen — Bedürfnisse sind von den für ihr Leben signifikanten Personen nicht erfüllt worden. So werden diese Persönlichkeiten von ihren tiefsten Gefühlen abgeschnitten und dadurch charakterlich gestört. 

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Die Psychoanalyse bleibt bei ihnen stets erfolglos, vor allem, weil die Übertragung — der Prozeß, von dem eine wirksame Analyse abhängt — nicht statt­finden kann. Eine Übertragung tritt ein, wenn das Individuum, das analysiert wird, emotionale Beziehung­en zu dem Analytiker aufnimmt, wie es sie mit den signifikanten Personen in seinem früheren Leben gehabt hat.

Der charaktergestörte Mensch hat seine Furcht, seinen Schmerz und seinen Zorn im Innern seiner Persönlich­keit verkapselt. Seine Symptome sind »ego-syntonisch«, d.h. zu einem Teil seiner Persönlichkeit geworden. Sie verursachen ihm keine schrecklichen Qualen, sondern erleichtern ihm eher den emotionalen Streß, der sich in seinem Innern entwickelt. Ein Mensch mit schweren Charakterstörungen kann Rauschgift spritzen, hart trinken oder seine Sexualpartner wahllos wechseln. 

Aber auch so mancher erfolgreiche Geschäftsmann, der fünfzehn Stunden am Tag arbeitet, ist charakter­ge­stört. Ebenso steht es mit vielen Frauen, die den »Putzteufel« haben, mit sanften Bücherwürmern, rück­sichts­losen Kraftfahrern, Menschen, die es auf die Dauer zu nichts bringen, Leuten, die zuviel essen, und unglück­lich Verheirateten. Der gemeinsame Nenner ist die Betäubung grundlegender Emotionen und die Verkapselung der Gefühle in einer Schutzschale, die sich in der traditionellen psychotherapeutischen Behandlung äußerst schwer durch­dringen läßt.

 

Der Neurotiker dagegen leidet unter Symptomen, die »ichfremd« sind. Die Symptome gehören nicht zu seiner Persönlichkeit und verursachen ihm erhebliche Qualen. Weil der Neurotiker die Symptome nicht wünscht, wird er eher Hilfe suchen. »Weshalb habe ich solche Angst?« mag ein Neurotiker fragen. »Weshalb fühle ich mich immer so einsam?« Neurotiker spüren ihre Angst, ihren Schmerz, ihren Zorn. Es mag ihnen schwer­fallen, diese Gefühle auszusprechen (vor allem auf gesunde Weise), aber trotzdem erleben sie sie.

Wenn auch die meisten Menschen gleichzeitig neurotische Schwierigkeiten und Charakterstörungen haben, stelle ich doch fest, daß die Mehrzahl meiner Patienten charaktergestörte Persönlichkeiten sind. Während sich mein Gruppenprozeß entwickelte, wurde mir bewußt, daß unsere Verfahren die Abwehrmechanismen charak­ter­gestörter Menschen rasch zu durchstoßen und sie in Kontakt mit den verdrängten Gefühlen zu bringen vermochten, die sie bisher nicht zur Kenntnis nehmen wollten. 

Damit meine ich natürlich nicht »sofortige Gesundung«. Es blieb noch eine große Zahl von Problemen durch­zu­arbeiten. Ich will nur sagen, daß die Verkapselung, die eine wirksame psychotherapeutische Behandlung verhinderte, durchbrochen worden war — und infolgedessen konnte mit dem Betreffenden emotionaler Kontakt auf völlig neuer Basis aufge­nomm­en werden.

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Ausschlaggebend für meine Einstellung zur Therapie war ein Besuch in Synanon, einer therapeutischen Gemeinschaft für die Rehabilitierung Rauschgiftsüchtiger, im Jahr 1962. Von der Konzeption her war Synanon ausschließlich für charaktergestörte Persönlichkeiten vorgesehen — für jenen harten Kern von Rauschgift­süchtigen, die von Psychiatern und Psychologen als nicht behandlungsfähig betrachtet wurden. Ich war deshalb sehr erstaunt über die Erfolge dieser Gemeinschaft bei der Behandlung ihrer Patienten.

Begegnungsgruppen waren grundlegend für die Lebensweise in Synanon. Während ich mich dort aufhielt, erlebte ich zunächst das emotionale »Hoch«, das eine Gruppe erzeugen kann. Als später die therapeutische Gemeinschaft Daytop Lodge in New York gegründet wurde, war ich dort als psychiatrischer Berater tätig und hatte lange Zeit Gelegenheit, Begegnungsgruppen bei der Arbeit zu sehen. Erst 1963, ein Jahr nach meinem Besuch in Synanon, führte ich versuchsweise die Gruppentherapie in meiner Privatpraxis in Manhattan ein.

Vom Herbst 1962 bis heute hat sich meine Einstellung zur Gruppentherapie Schritt für Schritt von einem experimentellen Entwurf, der Verbalisierung mit gewissen Begegnungstechniken verband, zu einer »schrei­orientierten« Methode entwickelt, die die Worte in den Hintergrund drängt und die Äußerung elementarer Emotionen vorzieht. Wir benutzen zwar noch gewisse Begegnungs­techniken, doch sind sie in einen Prozeß integriert, der in einer Atmosphäre der Anteilnahme und Liebe stattfindet. Die Entwicklung dieses Prozesses stützte sich auf Lernen durch Versuch und Irrtum, auf entscheidende Beiträge von Gruppen­leitern und in geringerem Maße auf das Experimentieren mit Techniken, die in anderen Zentren der Gruppentherapie und des Sensitivitätstrainings entwickelt worden sind.

Mein Gruppenprozeß gründet auf der Erkenntnis, daß Emotionen allen Menschen gemeinsam sind. Emotionen kennen keine Altersunterschiede, keine sozialen Schranken, keine Differenzierung durch die Intelligenz. Ein sechzigjähriger Mann kann sich an einem Tag wie neunzehn »fühlen«, voller Energie und Freude, und sich am nächsten Tag wieder so alt »fühlen«, wie er tatsächlich ist.

Ganz gleich, wie sehr wir dazu erzogen worden sind, das Bewußtsein für diese Emotionen zu verdrängen, sie werden durch Reize erzeugt. Und ob bewußt oder unbewußt, unsere tiefsten Gefühle werden unser Leben immer beeinflussen. Wir bemühen uns vielleicht, gewisse Gefühle zu unterdrücken, doch dann manifestieren sie sich eben in einer Art, die wir nicht verstehen. Vielleicht drücken wir Emotionen in Verhaltensweisen aus, die so verdreht sind, daß sie vielen Menschen sonderbar erscheinen. 

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Doch unsere grundlegenden Gefühle der Angst, des Zorns, des Schmerzes, der Liebe und der Freude sind denen anderer Menschen bemerkenswert ähnlich. Was jeder einzelne mit diesen Gefühlen anzufangen gelernt hat, ruft die Probleme der Entfremdung und der Angst hervor, die in unserer Kultur weithin vorherrschen.

Die Emotionalität ist das einzige Gebiet, auf dem alle Menschen einander gleich sein können. Wenn man Erwachsene in irgendeiner komplexen Gesellschaft vergleicht, so finden sich offensichtliche Unterschiede in der Intelligenz, den körperlichen Fähigkeiten, der physischen Anziehung, der Schulbildung, der gesell­schaftlichen Gewandtheit und der sozialen und wirt­schaft­lichen Stellung. Das alles sind veränderliche Größen, die unter gewissen Umständen Ungleichheit schaffen können.

Die Emotionalität steht auch in entscheidenden Wechselbeziehungen mit der Konditionierung. Aller Wahr­schein­lichkeit nach werden die Kinder einer hochemotionalen Mutter imstande sein, ihre Emotionen intensiv zu äußern. Sie sind von Kind auf dazu programmiert. Und in diesem Sinn scheinen signifikante Unterschiede in der Emotionalität der einzelnen zu bestehen. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen der Fähigkeit zur Emotion und der Fähigkeit, sie tatsächlich zu fühlen und zu äußern. Allerdings ist die Zeit überraschend kurz, die selbst schwerfällige, »nichtemotionale« Menschen brauchen, um so umprogrammiert zu werden, daß sie in intensiven Kontakt mit ihren eigenen Emotionen und mit denen anderer gelangen.

In einer Gruppensituation können ein Akademiker und ein Volksschüler durch Einfühlung in den Schmerz und das Liebes­bedürfnis des anderen eng miteinander verbunden sein. Die aufrichtige Freude eines einzelnen kann einen Saal voll Menschen aufheitern, wie unterschiedlich ihr Geschmack, ihr Intellekt und ihr Lebensstil auch sein mögen. Eine fünfzigjährige Mutter und ein fünfzehnjähriges Mädchen können den gleichen Zorn auf ihre Mütter teilen. Ein Mann, der auf die Überzeugung programmiert ist, Furcht zu zeigen sei unmännlich, und ein anderer Mann, dessen Furcht ihm sein Leben lang eine hysterische Last gewesen ist, können sich in der gemeinsamen Äußerung ihrer Furcht verstehen, sobald die Schranke ihrer Konditionierung erst einmal durch­brochen worden ist.

In meinen Gruppen liegt das Schwergewicht auf der Interaktion von Menschen, die auf gleicher Stufe stehen. Ich habe erlebt, wie scheue, introvertierte, sanfte Personen durch emotional aufgeladene Übungen — für eine Weile — zu wahren Tigern wurden! Wenn sie sich einmal wahrhaft geäußert haben, sind sie besser in der Lage, es wieder zu tun. Mit praktischer Übung können sie ihren emotionalen Spielraum entscheidend erweitern.

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Und durch Umformung ihrer Emotionen können sie Zugang zu lebenswichtigen neuen Alternativen gewinnen. In meinen Gruppen habe ich »Pantoffelhelden« gesehen, die lernten, ihren sie psychisch kastrierenden Ehefrauen gegenüber Zorn zu zeigen — mit erstaunlichen Resultaten. (In einem Fall sah ich die Frau vor Freude weinen. Die Äußerung gerechten Zorns war das, was sie sich immer gewünscht hatte — nicht nur von ihrem Ehemann, sondern auch von ihrem Vater. Der Vorfall, der sich in mehreren Gruppen oft wiederholte, war der Anfang zu einer sehr viel erfreulicheren Ehe für das Paar.)

Der Prozeß unter Gleichen hat noch einen weiteren therapeutischen Aspekt. Er bringt Teilnehmer (sogar Jugendliche) häufig dazu, emotional erwachsen zu werden. Es ist entscheidend, daß die Menschen hier nicht zu einer einzelnen Autoritätsperson in Beziehung treten, wie es in der Psychoanalyse der Fall ist. Stets befinden sich in der Gruppe einige Menschen (einschließlich des Leiters), die nach Ansicht der meisten Teilnehmer wichtiger sind als andere. Doch da die gemeinsame Basis mehr die Emotion ist als das ärztliche Urteil oder die berufliche Erfahrung, wird Gleichheit gefordert. 

Die Gruppenleiter arbeiten ebenso an der eigenen Furcht, dem eigenen Zorn und Schmerz, der eigenen Liebe und Freude, wie es die anderen tun. Auch den Gruppenleitern treten die Mitglieder manchmal ärgerlich entgegen und beschuldigen sie irregeleiteter Gefühle und Wahrnehmungen. (Ich bin in Gruppen mehrmals attackiert worden, und diese Konfrontationen sind mir recht unbehaglich gewesen. Mein Fehler besteht gewöhnlich darin, daß ich einem Gruppenmitglied gegenüber meinen Zorn zurückgehalten oder mich nicht energisch verteidigt habe.)

 

Erwachsene, die emotional Kinder oder Jugendliche geblieben sind, geben Eltern und Autoritäts­personen die Schuld (oder die Ehre), statt persönlich die Verantwortung für das zu übernehmen, was sie tun und denken. Wir sind alle das Produkt von Vererbung und Milieu, deshalb sind wir in gewisser Hinsicht nicht verant­wortlich für das, was wir tun. Doch in einem viel weiteren Sinn ist jeder von uns — zu einem bestimmten Zeitpunkt — für seine Taten verantwortlich. Wir müssen die Verantwortung für uns selbst übernehmen, sonst werden wir nicht erwachsen. Das ist für uns alle die Vorbedingung zum Menschsein.

Die emotional orientierte Gruppentherapie betont, wie ich glaube, diese Vorbedingung auf therapeutische Weise. Sie bringt die Menschen dazu, die Verantwortung für das zu übernehmen, was sie fühlen, sagen und tun. Trotz seiner Gefahren konfrontiert der gruppendynamische Prozeß die Teilnehmer schneller als jede andere Methode, die ich kenne, mit ihren Manipulationen, emotionalen Rückzügen, entstellten Emotionen, fehlerhaften Wahrnehmungen und selbstzerstörerischen Einstellungen. 

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Es gibt viele Menschen, die nicht an einer Gruppentherapie, wie sie im Casriel-Institut praktiziert wird, teilnehmen sollten. Doch für die Mehrheit der emotional beunruhigten Personen in unserer Gesellschaft bietet der Prozeß unter Gleichen manche Vorteile — zumindest als Ausgangspunkt auf dem Weg zu einer besseren emotionalen Gesundheit.

 

Trotz der weithin bekannt gewordenen Erfolge zahlreicher Organisationen, die verschiedene Normen der Gruppen­therapie anwenden, ist die Anerkennung von Gruppen als Weg zur Umprogrammierung pathologischer Gefühle und Einstellungen und zur Entwicklung neuer emotionaler Resonanz und Reichweite noch recht neu. Für einige meiner Berufskollegen grenzt die Anwendung einer Gruppen- (im Gegensatz zur Einzel-) therapie ans Ketzerische. Das heißt, sie erkennen die Gruppenpsychotherapie zwar als einen bisweilen wertvollen Zusatz zur individuellen Therapie an, glauben jedoch nicht, daß die Gruppentherapie als ausschließliche Behand­lungs­weise wirksam sein kann. 

Es ist dagegen meine Überzeugung, daß die Gruppentherapie, allein und ohne individuelle Behandlung ange­wendet, ungemein wirksam sein kann. Sie kann es, weil sie Menschen in Kontakt mit lange verdrängten und lebenswichtigen Emotionen zu bringen vermag, die ihr Denken und Verhalten beeinflussen. (Später mag Einzel­behandlung für viele Patienten wertvoll sein.)

Das Wort, auf das es hier ankommt, ist »kann«. Ganz gleich, wie die Gruppentherapie praktiziert wird, sie ist kein Allheilmittel, keine bequeme Kur für die Probleme unserer Gesellschaft. Besonders wenn die Gruppen­therapie Begegnungstechniken verwendet, ist sie potentiell gefährlich. Manche Menschen besitzen nicht die Ich-Stärke, um sie ohne begleitende emotionale Unterstützung zu ertragen. Beispielsweise stehen die Teil­nehmer in Gemeinschaften wie Synanon1, Daytop2 und AREBA (eine therapeutische Gemeinschaft, die von Ron Branco und mir speziell für Rauschgiftsüchtige und andere infantile, nicht funktionstüchtige Personen aus der Mittelschicht gegründet worden ist) vierundzwanzig Stunden am Tag unter Überwachung.

Dagegen kehren die meisten Mitglieder der regulären Gruppen, sobald eine Sitzung vorüber ist, zu einer Lebens­weise zurück, die isoliert und deprimierend sein kann. Überwachung und Betreuung sind notwendig. Ohne sie können die Ergebnisse des Gruppen­prozesses (bestenfalls) ohne den geringsten therapeutischen Wert oder (schlimmstenfalls) tragisch sein.

 

1)  D.H. Casriel, So Fair a House: The Story of Synanon, New York 1963
2)  D.H. Casriel und Grover Amen, Daytop: Three Addicts and Their Cure, New York 1971

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Heute ist Gruppenpsychotherapie ungemein wichtiger und auch häufiger als vor drei oder vier Jahren. Ich bin überzeugt, daß die organisierte Gruppen-Interaktion sehr bald zu einer Kraft von überragender Bedeutung in den Vereinigten Staaten anwachsen wird. (Ein Artikel in der New York Times berichtete kürzlich, daß sechs Millionen Amerikaner an Begegnungsgruppen, wie die Zeitung es nennt, beteiligt seien.)

Es gibt eine Reihe von Gründen dafür, daß diese Zunahme rasch vor sich gehen wird.

Es gibt noch einen weiteren Grund, den ich für den wichtigsten halte: Der Gruppenprozeß ist vermensch­lichend. Er ist darauf angelegt, unter den Teilnehmern Vertrauen zu begründen und die »Verbundenheit« zu fördern. Er zielt darauf ab, emotionale Offenheit zu erreichen, die Fähigkeit, die eigenen Gefühle zu äußern und auf die Emotionen anderer zu reagieren. Der gruppendynamische Prozeß kann einen auch von den Phantom­gestalten in Eingeweide und Kopf — Eltern, Geschwistern, Autoritäts­personen, früheren Partnern und Liebhabern — befreien, die eine wirksame Konkretisierung der Realität verhindern. 

Die erfolgreiche Gruppentherapie muß sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Die Tilgung der aus der Vergangenheit stammenden Gefühle der Furcht, des Zorns und Schmerzes schafft einen klaren Kopf und — mindestens für eine Weile — einen klaren Bauch. Das Ergebnis ist Lust, nicht Schmerz. Und die Freude ist gepaart mit der Fähigkeit, klarer und sinnvoller über ein Problem nachzudenken. Diese Fähigkeit bringt greifbaren irdischen Nutzen.

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Meiner Ansicht nach verringert der zunehmende Einsatz der Gruppentherapie keineswegs die Wichtigkeit von Psychiatern und Psychologen. Im Gegenteil, er bedeutet bessere Nutzung ihrer Zeit und ihrer Fähigkeiten. In meinem Gruppenprozeß geht es um die Wiederherstellung des »dreiseitigen Menschen«, wie ich es nenne. Die drei Seiten sind Affekt, Verhalten und Erkenntnis.

In den Gruppen ist Affekt oder Emotionalität das Entscheidende. Bei der Dynamik geht es in erster Linie um den Ausdruck von Gefühlen, und zwar sowohl darum, verzerrte, falsch programmierte Gefühle auszumerzen, als auch darum, neue, gesunde Gefühle einzuüben. Mit dem Verhalten beschäftigen wir uns, indem wir fordern, daß die neuen Teilnehmer ihre »Symptome«, ihre destruktiven Verhaltensmuster, aufgeben. Wir verlangen von den Gruppenmitgliedern auch, sich wie verantwortliche Erwachsene zu verhalten. Wenn sie nicht wissen, wie sie das tun sollen, raten wir ihnen, zu »handeln, als ob« sie es wüßten. 

Emotional offene Gruppenleiter, die in diesem Prozeß ausgebildet sind und vom Arzt oder Psychologen beaufsichtigt werden, können sich sowohl mit den Gefühlen als auch mit dem Verhalten wirksam beschäftigen. Doch die Erkenntnis, bei der es um den Überbau unserer Einstellungen geht, ist schwieriger zu behandeln. Jede destruktive Einstellung muß identifiziert und dann überwunden werden. Ein solcher Prozeß erfordert eine lange Zeit — meiner Ansicht nach mindestens zwölf Monate, nachdem der Patient die schädigenden Symptome aufgegeben und Zugang zu seinen eingeweidetiefen Emotionen gewonnen hat. Ein emotional gesunder oder gut analysierter Psychiater oder Psychologe ist am besten qualifiziert, dem Patienten beim Kampf mit den schlecht angepaßten Einstellungen zu helfen.

Die Einzelbehandlung eines einsichtigen, emotional offenen Patienten ist ein anregendes und schönes Erlebnis. Ehe ich mit meinem Gruppenprozeß begann, erlebte ich solche Augenblicke mit einem Patienten nur selten. Jetzt, bei den »fortgeschrittenen« Patienten aus meinen Gruppen, ist es ein normales Erlebnis in der Einzelsitzung. Nicht alle Gruppenpatienten wünschen oder brauchen am Ende Einzeltherapie. Für die, die sie erhalten, gibt es Einsichten in Fülle: neue Erkenntnisse über den Beruf, die Kinder, die Verwandten und Partner; schöpferische Ideen über die Lebensführung; und ein befriedigendes Gefühl von Veränderung und Entwicklung im eigenen Leben.

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Über alles Fachgerede hinaus muß der Erfolg jeder Psychotherapie danach beurteilt werden, ob es ihr gelingt, positive Veränderungen in der psychischen Struktur des Patienten zu erzeugen. Allein darum geht es. Wir müssen Emotionen, Verhalten und Einstellungen, die auf falscher Anpassung beruhen, austreiben — sie hinausjagen — und sie dann durch Emotionen, Verhaltensweisen und Einstellungen ersetzen, die gesund sind. Wenn sich das Ergebnis nicht in der Lebensführung des Patienten zeigt — und in den »Signalen«, die er durch körperliche Gesten, Augen­kontakt und Tonfall aussendet —, dann stimmt etwas nicht. Die Psychotherapie hat nicht gewirkt.

Dieses Buch handelt von einem Prozeß der Psychotherapie, der sich als ungewöhnlich wirksam erweist. Es handelt davon, warum das System funktioniert, wie es funktioniert und was der Prozeß tatsächlich für Folgen hat. 

Das Buch beschäftigt sich außerdem mit Fällen, in denen das System versagt hat, und weist darauf hin, wann es vielleicht nicht funktioniert. Im Grunde werden, wie ich glaube, die meisten Menschen, wenn sie sich bemühen, sich zu ändern, und wenn sie bereit sind, hart daran zu arbeiten, Nutzen aus dem Prozeß ziehen. Sogar viele Menschen, die zu Anfang nicht recht motiviert waren, wurden nach nur wenigen Gruppensitzungen unwiderstehlich einbezogen. Menschen können nicht anders, sie müssen auf die Gruppe reagieren. Der eine mag Angst haben, ein anderer mag behaupten, es sei »albern«, der dritte mag erklären, »dies ist genau das, wonach ich mein Leben lang gesucht habe«. Doch die Reaktion ist da, und selbst ein Mensch, der nur dabeisitzt, wird viel lernen. Alles in allem ist es ein empirischer Prozeß. Er findet primär im Gefühl der Menschen statt, und es ist schwer, ihn in Worte zu übersetzen. 

In unseren Gruppen stoßen wir durch die gesellschaftliche Fassade, durch die raschen und bequemen Reaktionen, die wir als Tarnung zu verwenden programmiert worden sind, durch das Symptom und das Muster individuellen Verhaltens hindurch und setzen die entscheidenden Gefühle frei, die das Fundament der Persönlichkeit bilden. Und wenn die Fassade erst einmal weggerissen worden ist, sind sich die Gefühle, die uns allen gemeinsam sind, erstaunlich ähnlich. Was übrigbleibt, ist der lebendige, verletzbare Kern des Menschen, sein für das Überleben notwendiges Bedürfnis, anderen zu vertrauen und mit ihnen verbunden zu sein, sein Bedürfnis — ohne die auf Effekt berechnete Tarnung einer kranken Kultur — zu lieben und geliebt zu werden.

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