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6. Das menschliche Verlangen nach Bindung

 

 

 

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Die Psychiater müssen von anderen Disziplinen viel über den Menschen und seine Kultur lernen. Anthro­po­log­en, Ethnologen, Archäologen, Primatologen — sie alle steuern ständig und konsequent neue Informationen über den Menschen bei.

Das psychiatrische Denken ist nur in bescheidenem Maß von dieser Fülle neuer Informationen beeinflußt worden. Es trifft allerdings zu, daß manche Theorien, die sich als Abspaltungen von Freud entwickelten, die Auswirkung der Kultur auf den Menschen zu berücksichtigen versuchten. Doch diese therapeutischen Systeme haben mit den heutigen Informationen, wie Menschen denken, fühlen und sich benehmen, nicht Schritt gehalten.

Neueste Erkenntnisse dieser verschiedenen Disziplinen lassen auf mancherlei Gründe schließen, warum es heutzutage im ganzen Land eine so rastlose Suche nach Gruppeninteraktion gibt, ob es sich dabei nun um die Hippie-, die Sensitivitäts-, die Begegnungs-, die Körperkulturbewegung handelt oder um love-ins, Hasch-Partys, Massendemonstrationen, Jugend­musik­festivals, therapeutische Gemeinschaften. Die Informationen, die in breitem Strom von den Verhaltens­wissenschaften ausgehen, werfen fraglos Licht darauf, weshalb verschiedene Systeme der Gruppentherapie wirksam gewesen sind.

Heute wissen wir viel über das Wesen der Kultur, was Freud nicht wissen konnte. Ethnologen haben ausgedehnte Untersuchungen anderer menschlicher Gesellschaften vorgenommen. Das Material zeigt, daß es viele Arten gibt, »menschlich« zu sein. Wir wissen auch mehr über die Anfänge des Menschen dank der Untersuchungen fossiler Funde, obwohl die Archäologie und die Human-Paläontologie buchstäblich eben erst begonnen haben, an der Oberfläche der entsprechenden Geheimnisse zu kratzen.

All dies konkrete Material liefert entscheidende Informationen über den Menschen. Doch die psychiatrische Literatur hat erst einen bescheidenen Versuch unternommen, diese Informationen in den Hauptstrom der Theorie und Methodologie einzubringen.

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Woher stammt dieser Mangel? Vor allem verstehen nur wenige Psychiater und Psychologen tatsächlich das Wesen der Kultur und die ungeheuren Folgen ihrer Wirkung auf jeden Menschen. Ganz gewiß hat Freud sie nicht verstanden. Er sah die Gesellschaft als eine statische Kraft, die sich entwickelt hatte, um die Instinkte des Menschen zu kontrollieren. Die einzige Veränderung, die, wie Freud meinte, im Lauf von Jahrhunderten stattfand, war die, daß die Gesellschaft in der Kontrolle unserer Instinkte wirksamer wurde. Freud glaubte, der Mensch habe seinen Preis für die Zivilisation zahlen müssen: den Verzicht auf die Befriedigung seiner Instinkte; alles, was im Menschen kreativ und kooperativ sei, müsse damit bezahlt werden, daß man instinktiven Trieben entsage.

Im Jahr 1913 veröffentlichte Freud Totem und Tabu. Er gründete das Werk auf das damals sehr spärliche anthropologische Material (vor allem auf Frazer), auf Vermutungen Darwins, Daten von Patienten und die Totemtheorie von Robertson Smith. Das Buch verlegte die Ödipusgeschichte in prähistorische Zeiten zurück. Freud sah den Führer der urtümlichen Menschenhorde als einen autokratischen Vater, der die anderen Männer seinem Willen unterwarf und die zur Verfügung stehenden Frauen für sich selbst behielt.

Nach dieser Theorie waren die Söhne gezwungen, ohne sexuellen Kontakt mit Frauen zu leben — bis sie ihren väterlichen Führer töteten und fraßen. Doch als die Brüder den Vater getötet hatten, begannen sie einander zu fürchten. Es bestand das Risiko, daß nun einer von ihnen die Rolle des toten Vaters übernehmen würde. Daher versagten sie einander ihre Schwestern und errichteten ein für den Stamm geltendes Tabu gegen jede Tötung. Der Inzest wurde zum Tabu, und die Männer mußten zu einem anderen Stamm gehen, um Frauen zu finden.

Als poetischer Einfall ist das nicht schlecht. Aber es stimmt nicht mit dem überein, was über den Homo sapiens bekannt ist. Es projiziert Freuds Ansicht vom viktorianischen Europa in die Vorgeschichte. In der Sprache der Anthropologen ausgedrückt, ist die Theorie »kulturgebunden«. Wenn die Ethnologie auch noch in den Kinderschuhen steckt, gibt es doch bereits genügend Beweismaterial dafür, daß sich der Mensch nicht allgemein nach dem Muster verhält, das Freud beschreibt. Viele Unterschiede im menschlichen Charakter lassen sich auf kulturelle Unterschiede zurückführen. Es ist deutlich, daß Freud den Einfluß der Kultur erheblich unterschätzte.

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Berücksichtigen wir nur, wie stark kulturgebunden die Ödipustheorie ist. Es gibt beispielsweise Gesellschaften, in denen das Wort »Mutter« überhaupt nicht existiert. Frauen der gleichen Altersgruppe sind (mangels eines besseren Ausdrucks) »Tanten« und alle Kinder »Brüder« und »Schwestern«. Angesichts dieser Verwandtschaftsbezeichnungen gerät Freuds Ödipustheorie ins Wanken.

Seit Freuds Zeiten haben die Ethnologen über eine erstaunliche Zahl von Möglichkeiten, Mensch zu sein, berichtet. Eine Studie über eine Kultur, in der die Männer den Frauen zahlenmäßig stark überlegen waren, zeigt, daß die Frauen die Machtpositionen einnahmen. Viele menschliche Gesellschaften sind signifikant weniger aggressiv als unsere Zivilisation. Das Sexuelle ist in einer Kultur, die es weder unterdrückt noch entwertet, nie ein solches Problem wie in unserer Kultur. Und so fort. Die Vielfalt der Verhaltensmuster unter den menschlichen Kulturen ist weit größer, als es sich die meisten der in einer bestimmten Gesellschaft aufgewachsenen Menschen auch nur vorstellen können.

Diese Vielfalt ist in das Wesen und die Definition der Kultur eingebaut. Kultur ist das, was der Mensch hat und keine andere Spezies besitzt. Sie unterscheidet sich von dem Begriff »Gesellschaft«, der lediglich das Vorhandensein einer organisierten Sozialstruktur erfordert. Bienen und Ameisen haben Gesellschaften, aber keine Kultur. Sie können nicht tun, was der Mensch zu tun fähig ist — Wissen von einer Generation zur nächsten weitergeben.

Die Fähigkeit, Wissen von einer Generation zur nächsten zu übermitteln, ist von entscheidender Wichtigkeit. Jede neue Generation kann, da sie mit dem Wissen der vorherigen Generation beginnt, immer mehr Wissen ansammeln und dieses vermehrte Wissen an die folgende Generation weitergeben und so fort. Der Prozeß entwickelt sich geometrisch. Besonders auf technischen Gebieten erzeugt Information mehr Information in sich beschleunigendem Tempo. Jedes Jahrzehnt erzeugt mehr Information als alle früheren Generationen zusammengenommen. (Manche Vertreter der Informatik bezeichnen heute das nächste Zeitalter schon als die »Informatorische Revolution« und sagen voraus, daß sie die westliche Zivilisation schneller und radikaler verändern wird als seinerzeit die Industrielle Revolution.)

Die Kommunikation bildet das Zentrum der menschlichen Fähigkeit, Kenntnisse weiterzugeben. Und in einem ganz entscheidenden Sinn ist echte Kommunikation das, womit sich mein Gruppentherapieprozeß beschäftigt. In meinen Gruppen wird versucht, Menschen beizubringen, daß sie emotional besser miteinander kommunizieren, daß sie sich selbst unmittelbarer zeigen und die anderen deutlicher sehen, um ein Maximum an Verständnis zu erzielen. Um Kultur zu verstehen — wie auch vieles von dem, was in meinen Gruppen vor sich geht —, muß man unbedingt das Wesen der Kommunikation genauer betrachten.

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Es gibt drei Grundarten der Kommunikation.
Nur der Mensch besitzt alle drei:

Erstens gibt es die Kommunikation mit Hilfe von Zeichen. Alle Tiere benutzen Zeichen als Möglichkeit der Unterrichtung. Bei Zeichen handelt es sich um vorgemachte Beispiele. Eine Katzenmutter lehrt ihre Jungen das Urinieren durch ihr Beispiel. Die Katzenmutter hockt sich hin, uriniert und scharrt Erde über den Urin. Dann stößt sie ihre Jungen an (ein Zeichen), um ihnen den Befehl zu übermitteln: »Macht es so wie ich.« Schließlich lernen die jungen Katzen, durch Nachahmung des Verhaltens ebenso sauber wie die Mutter zu urinieren. Der entscheidende Punkt: Zeichen verwenden Bewegungen, Laute oder Gesten, die bestimmte Handlungen begleiten oder ihnen ähneln. Alle Tiere, der Mensch eingeschlossen, kommunizieren durch Zeichen. (Was wir gewöhnlich »Zeichen« nennen — Verkehrs­zeichen, Geschäfts­zeichen usw. —, sind in Wirklichkeit »Symbole«, wie man in folgendem sehen wird.)

Das zweite Kommunikationsmittel sind Signale. Diese wichtige Form der Kommunikation ist in der psychiatrischen Literatur fast nie angemessen behandelt worden. Ein Signal übermittelt aus und durch sich selbst Sinn, ohne unbedingt eines Beispiels zu bedürfen. Menschen benutzen Handgesten, Körperhaltungen, Augenbewegungen, Stimmlaute und Hunderte von anderen Gebärden als Signale. 

Julius Fast hat ein Buch über menschliches Signalisieren geschrieben, Körpersprache. Der Band zeigt z.B., daß die Haltung der Arme, der Beine und des Rumpfes wichtige Informationen über die Gefühle und den Geisteszustand übermitteln. Alle Tiere signalisieren ständig. Wenn ein Affe einen Löwen sieht, stößt er einen Schrei aus, der bedeutet: »Gefahr - Löwe!«, und die anderen Affen der Herde hasten auf die Bäume. Vögel singen Lieder, die Warnsignale, Paarungsrufe, Zorn usw. darstellen. In unseren Gruppen (und in den meisten menschlichen Interaktionen) hat das genaue Interpretieren von Signalen viel mit der Kommunikation von Gefühlen und damit zu tun, ob wir denen, die wir hören, trauen oder nicht.

 

Drittens ist es möglich, mit Hilfe von Symbolen zu kommunizieren. Die Symbolbildung setzt voraus, daß man der Kommunikation eine willkürliche Bedeutung beilegt. Die menschliche Sprache, die gesprochene wie die geschriebene, die Mathematik und die Künste sind Beispiele für Symbolbildung.

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Nur der Mensch schafft Symbole. Und das Bilden von Symbolen ist die Grundlage der Kultur. Symbole erlauben ein geometrisches Anwachsen der Informationsübermittlung. Deshalb darf man erwarten, daß sich die Kultur mit geometrischer Beschleunigung ändert. Doch die Symbolbildung kann der Übermittlung menschlicher Gefühle auch im Wege stehen. Manchmal setzen die Menschen allzuoft Worte für Gefühle, und das Ausdrücken der Gefühle selbst geht dabei verloren.

Wenn man die Bedeutung der Symbolbildung erst einmal verstanden hat, dann beginnt man auch das Wesen der Kultur zu begreifen. Durch die einzigartige Fähigkeit, Symbole zu schaffen, entwickeln menschliche Gesellschaften einen Überbau, der jeden einzelnen von der Geburt bis zum Tod einhüllt und konditioniert. Ein Neugeborenes tritt mit physischen und emotionalen Grundbedürfnissen in die Welt ein. Von hier aus geht der Prozeß der Enkulturation zu Werke.

 

Die Kultur ist mit einer riesigen Wolke verglichen worden, die den Menschen einhüllt. Ein Säugling erbt die Wolke von den vorhergehenden Generationen, wird während seines ganzen Lebens von ihr kontrolliert und leistet während des Prozesses selbst Beiträge zu der kulturellen »Wolke«, die er geerbt hat.

Die Kultur besitzt ein eigenes Leben. Sie entwickelt sich, wie es auch die Lebensformen tun. Nach den Erkenntnissen der Anthropologen determiniert die kulturelle Konditionierung den Menschen weit mehr, als man je vermutet hat. Sie beeinflußt die Einstellungen des Menschen, seine Glaubensüberzeugungen, sein Verhalten und seine interpersonalen Beziehungen. Die Kultur beherrscht sogar die Art, wie der Mensch seine grundlegenden biologischen Bedürfnisse zu befriedigen sucht. Die folgenden Beispiele veranschaulichen, was ich meine.

 

Was wir unter »Nahrung« verstehen, ist tief enkulturiert und nicht immer zum Überleben geeignet. Als der Zweite Weltkrieg vorüber war, fand man die Skelette zweier amerikanischer Flieger auf einem Atoll. Das Beweismaterial erzählte eine grausige Geschichte über enkulturierte Einstellungen zur Nahrung. Als das Flugzeug abstürzte, stiegen die beiden Männer aus und konnten einen Teil ihrer Überlebensausrüstung mitnehmen. Auf der Insel gab es genügend Süßwasser. Das Problem war, wie sie sich vor dem Verhungern schützen konnten. Die Klippen und Bänke, die die Insel umgaben, machten das Fischen fast unmöglich.

Die Männer hatten ein von der Regierung herausgegebenes Überlebens-Handbuch bei sich, in dem darauf hingewiesen wurde, daß die Larven in einem bestimmten Baum genügend Nährstoffe enthielten, um Menschen am Leben zu erhalten. Das Beweismaterial zeigte, daß die Männer die Rinde von den Bäumen abrissen, die Larven fanden und die »Nahrung« zu sich nahmen. Doch ihr enkulturiertes Verdauungssystem wollte die Nahrung nicht aufnehmen. Sie brachen die Larven immer wieder aus. Langsam und unter Schmerzen verhungerten die Männer. So können sich die Vorstellungen des enkulturierten Menschen von »Nahrung« auswirken!

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Ein weiteres Beispiel: ein Mann erzählte mir einmal eine Geschichte über einen seiner Freunde, der sich nach einem kleineren chirurgischen Eingriff im Krankenhaus darüber beschwerte, daß man ihn dort »hungern« lasse. Der Operierte war promoviert und in seinem Spezialgebiet sehr bekannt. Überdies war er Chinese, der seine Kindheit in China verbracht hatte und mit der traditionellen chinesischen Nahrung aufgewachsen war. Eine Untersuchung ergab, daß man in dem Krankenhaus Steak, Kartoffelbrei, Koteletts, Desserts servierte — aber keinen Reis. Ohne Reis zu jeder Mahlzeit fühlte sich dieser Mann hungrig.

Unterziehen Sie sich selbst einer Prüfung. Bedeutet Klapperschlangenfleisch für Sie »Nahrung«? (Jene, die es gern essen, sagen, es schmecke nach Huhn.) Wie steht es mit Grashüpfern, Tintenfischen, Ameisen, Hunde- und Pferdefleisch? In manchen Teilen der Welt essen und genießen die Menschen solche Nahrungsmittel, weil ihnen die Vorstellung enkulturiert worden ist, es sei »Nahrung«. Ihnen würde es dagegen wohl schwerfallen, einige dieser »Nahrungsmittel« im Magen zu behalten, und mir auch.

 

Oder sehen wir uns einmal die entscheidende Rolle an, die die Kultur dabei spielt, wie sich ein Mensch in sexueller Hinsicht verhält.

Als die ersten Europäer nach Tahiti kamen, fanden sie dort ein sexuelles Paradies. Schöne junge Mädchen hatten frei und unbefangen Geschlechtsverkehr mit Männern, ohne sich zu schämen oder verlegen zu sein. Nach einigen sorglosen Jahren solcher Tändelei heiratete jedes dieser Mädchen einen Mann und blieb ihm mehr oder weniger treu. Dann hatten sie Kinder und zogen sie auf. Andere Kulturen in Polynesien und Afrika haben ähnliche Verhaltensmuster entwickelt. Der Jungfräulichkeit wird kein Wert beigelegt. 

Und es wird anerkannt, daß die physische und emotionale Jugend die Zeit für das verantwortungsfreie Ausleben der Sexualität ist. Dieses Muster des sexuell freien Verhaltens ist ebenso menschlich wie das Verhalten im viktorianischen Europa, mit dem sich Freud beschäftigte. Viele der emotionalen Probleme, die wir in meinen Gruppen sehen, stammen von der sich verändernden Einstellung zum Geschlechtsleben im heutigen Amerika. Die neue Freiheit bringt Menschen, die mit älteren Werten enkulturiert worden sind, verhaltens­mäßigen und emotionalen Streß.

In einigen Kulturen ist das sexuelle Verhalten im allgemeinen eingeengt, doch es gibt sexuelle Orgien vom Faschingstyp, bei denen Männer und Frauen mit jedem Geschlechtsverkehr haben, der ihnen gefällt. Während dieser festgelegten Zeit ist mit »wahllosem« Sex weder Scham noch Verlegenheit verbunden.

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Unter manchen Indianern Alaskas war der Geschlechtsverkehr kulturell von Vaterschaft und Kinderauf­zucht getrennt. Das Totem gehörte zur Religion des Stammes, und einer der Köpfe auf dem Totempfahl wurde stets als Vater eines Kindes betrachtet. Kinder zu haben wurde also mit der Ideologie in Zusammenhang gebracht. Doch der Sex war zur Freude da. Frauen paarten sich aus sozio-ökonomischen Gründen für die Dauer mit Männern, um jemanden zu haben, der für sie und ihre Kinder auf die Jagd ging und Nahrung beschaffte. Doch da der Geschlechtsverkehr ja zur Freude da war, konnte die sexuelle Betätigung mit vielen Individuen in der Gruppe ungezwungen genossen werden, sobald man den spontanen Wunsch danach empfand.

Es gibt Tausende von Möglichkeiten, »Mensch« zu sein. Alle »Wahrheiten« über die menschliche Psyche laufen ganz einfach Gefahr, sich als kulturabhängig zu erweisen, wie es auch Freuds Theorien waren, die die Gesellschaft im viktorianischen Europa widerspiegelten.

Darin liegt das Problem. Obwohl Freud die Kultur unterschätzte und sich über das biologische Wesen des Menschen täuschte, hatte er intuitiv recht: Das Wesen der Zivilisation ist nicht auf die überlebenswichtigen emotionalen Bedürfnisse des Menschen eingestellt. Sehr häufig nicht einmal auf seine biologischen Bedürfnisse.

Das sich ansammelnde fossile und ethnologische Beweismaterial über den Menschen deutet darauf hin, daß Freuds Intuition in die richtige Richtung wies: Allzu viele biologisch bedingte emotionale Bedürfnisse des Menschen werden ständig von den Forderungen der Zivilisation unterdrückt.

 

Was sind das für Bedürfnisse? 
Weshalb werden sie als »überlebenswichtig« bezeichnet?

Menschen gibt es schon ziemlich lange. Einige der Funde aus der Vergangenheit des Menschen liegen zur Besichtigung aus. Je nach der Autorität, auf die man sich verlassen will, ist der Homo sapiens mindestens 75.000, vielleicht aber auch weit mehr als 350.000 Jahre alt.

Carleton Coon, ein bedeutender Paläontologe, hat die in Europa gefundenen Swanscombe- und Steinheim-Knochen als Homo sapiens klassifiziert. Damit wäre der Mensch mindestens 350.000 Jahre alt. Coon nennt jedoch auch den Neandertaler »Homo sapiens Neandertalensis«, womit der Mensch ein Alter von etwa 500.000 Jahren erreicht.

Die Archäologen L.S.B, und Mary Leakey haben die Knochen eines Primaten entdeckt, den sie Zinjanthropus nennen. Mit Hilfe des Kalium-Argon-Verfahrens ist sein Alter auf 1.750.000 Jahre berechnet worden. Während die Anthropologen immer noch darüber streiten, was der Zinjanthropus wirklich sei, stimmen die meisten Fachleute darin überein, daß er ein »Hominide« ist — also ein menschlicher Primat. Neuerdings erklären die beiden Leakeys, sie hätten die Knochen eines Hominiden gefunden, der noch älter als der Zinjanthropus sei.

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Soweit bekannt ist, lebten Homo sapiens und seine hominiden Vorfahren in Überlebensgruppen wie die anderen Primaten.

Eine Untersuchung des Verhaltens und der Überlebensbedürfnisse der Primaten ist für das Verständnis des modernen Menschen außerordentlich wichtig. Die Wurzeln dessen, was der moderne Mensch physisch und emotional ist, sind in den physischen und emotionalen Merkmalen der Primaten zu finden.

Die Disziplin Primatologie ist kaum mehr als zwei Jahrzehnte alt. Die Primatologen tun genau das, was der Begriff meint. Sie studieren Primaten. Aber nicht die Primaten im Zoo, weil die meisten in Zoos lebenden Primaten überaus neurotisch sind. Primatologen studieren Primaten unter natürlichen Bedingungen. Sie gehen in den Dschungel, suchen sich eine Affen- oder Menschen­affenherde und leben dann eine beträchtliche Zeit — vielleicht anderthalb Jahre — als Mitglieder der Herde.

Um in die Herde aufgenommen zu werden, müssen die Primatologen langen direkten Augenkontakt mit den Mitgliedern der Primatenherde vermeiden. Augenkontakt signalisiert eine Herausforderung. Primatenherden sind hierarchisch aufgebaut, und die weniger dominanten Mitglieder vermeiden Unannehmlichkeiten, indem sie den Blick vor dominanteren Mitgliedern senken. Nach einigen Tagen nur kurzer Augenkontakte mit allen Mitgliedern einer Primatenherde gibt es, sobald geklärt ist, daß die Primatologen die am wenigsten dominanten Mitglieder sind, keine Schwierigkeiten mehr. Die Menschen können dann umher­wandern und beobachten.

 

Um das Primatenverhalten zu begreifen, wollen wir uns eine Pavianherde ansehen. Üblicherweise besteht sie aus dreißig bis vierzig Einzeltieren. Die Herde frißt zusammen, wandert als Einheit zu einer Wasserquelle und begegnet einem Feind als Überlebenseinheit. Paviane streifen nicht von der Herde weg.

Die Herde ist eine hochstrukturierte Organisation mit einer festgefügten sozialen Hierarchie. Die Dominanz bezeichnet einen der Hauptpfeiler der sozialen Organisation. Ein dominantes Mannchen genießt besondere Vorrechte, übernimmt allerdings auch besondere Verantwortung. Wenn beispielsweise ein Weibchen brünstig ist, reitet er wiederholt bei ihr auf. Ein weniger dominanter Pavianmann reitet bei ihr nur dann auf, wenn die dominanteren Männchen den Rücken kehren. Doch wenn ein Löwe die Herde angreift, kämpfen die dominanten Mannchen mit ihm, während die übrige Herde flieht.

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Die Struktur einer Pavianherde hat großen Überlebenswert. Manche Paviane verbringen die Nacht in Dschungelbäumen, suchen sich jedoch die Nahrung in baumlosen Savannen. Die afrikanischen Savannen liefern reichlich Nahrung. Doch in der Savanne laufen die Paviane ständig Gefahr, von Raubkatzen und anderen Raubtieren angegriffen zu werden. Häufig befindet sich die Herde fünf Kilometer oder mehr vom Schutz des Dschungels entfernt. Ein einzelner Pavian würde in dieser Umgebung nicht lange am Leben bleiben. Aber vier oder fünf dominante Männchen — die alle große scharfe Zähne haben — können mit erheblichem Erfolg gegen einen Löwen kämpfen, wenn dabei auch ein oder mehrere Paviane getötet oder verletzt werden mögen.

Bei der Futtersuche verstreut sich die Herde auf organisierte Weise:  dominante Männchen an beiden Enden und die am wenigsten dominanten Männchen, die Weibchen und die Jungen in der Mitte. Bei einem Gefahrsignal springen die kleinen Pavianjungen unter den Hals ihrer Mütter, und die Mütter laufen in der entgegengesetzten Richtung davon. Die ganze Herde läuft, so rasch sie kann, als Einheit weg, während die dominanten männlichen »Führer« den Rückzug decken.

Wenn die Herde sicher in den Bäumen sitzt, dienen dominante Männchen auch als »Babysitter« für die Heranwachsenden. Die »Spiele«, die die Jungen treiben, sind rauh: Laufen, Springen, Ringen, Beißen und so fort. Solche Spiele haben den offenkundigen Überlebenswert, die Jungen für die Schwierigkeiten zu konditionieren, die das Leben als erwachsener Pavian mit sich bringt. Doch wenn die Beiß- oder Ringkampfspiele zu gefährlich werden, gibt das dominante Männchen das Signal »Stopp!« Hört das allzu grobe Spiel dann nicht unverzüglich auf, versetzt der erwachsene Pavian einem der Jungen einen so kräftigen Hieb, daß es meterweit durch die Äste segelt. In einer Pavianherde ist kein Kampf unter den Mitgliedern erlaubt, wenn er die Gefahr ernsthafter Verletzungen oder gar des Todes mit sich bringt.

Wenn die Dominanz zwischen einzelnen Pavianen erst einmal festgelegt ist, wird sie nicht wieder in Frage gestellt. Die weniger dominanten Paviane vermeiden längeren Augenkontakt und wenden den Blick ab. Die Hierarchie in einer Pavianherde bleibt also eine festgefügte Rangordnung. Nur Heranwachsende müssen der bestehenden Situation die Stirn bieten, um ihre Stellung unter den bereits erwachsenen Pavianmännchen zu bestimmen. Ein dominantes Weibchen kann in der Hierarchie einen höheren Platz haben als ein Männchen mit niederem Rang. Die Anerkennung dieses sozialen Systems innerhalb einer Gruppe vermeidet Kämpfe; sie errichtet ein System, das funktioniert. Es reduziert Auseinandersetzungen innerhalb einer Herde auf ein Minimum. Ohne ein solches System würde es dagegen ernste Kämpfe um die brünstigen Weibchen geben.

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Neue Herden werden von dominanten Männchen gebildet, wenn eine Herde auf mehr als etwa fünfzig Tiere anwächst. Dieser neuen Herdenbildung stimmen die übrigen Mitglieder der Gruppe zu. Sie wird anscheinend als selbstverständlich betrachtet. Dann gehen etwa zwanzig Paviane weg und besetzen ein anderes Territorium. Und irgendwie scheinen sich alle entscheiden zu können, ob sie in der alten Gruppe bleiben oder in die neue eintreten wollen, ohne daß es dabei zu traumatischer Entschlußlosigkeit kommt.

Alles in allem funktioniert das von einer Pavianherde entwickelte Sozialsystem ausgezeichnet. Die fossilen Funde bestätigen diesen Erfolg. In ihrer jetzigen Form gibt es die Paviane seit über zwei Millionen Jahren. Die Anthropologen glauben, wenn es dafür auch keine Beweise gibt, daß das Sozialsystem der Paviane in dieser Zeitspanne das gleiche geblieben ist.

Jede Primatenspezies besitzt ein anderes Verhaltensmuster. Diese Muster werden »artspezifisch« genannt und sind für das Überleben der betreffenden Art wichtig. Doch die Sozialstruktur einer Pavianherde veranschaulicht den Typ der Struktur, die für alle nichtakkulturierten Primaten gilt und die den urtümlichen Vorfahren des Menschen vertraut war (sie waren ebenfalls Savannenbewohner). Die einzelnen Mitglieder leben in Gruppen innerhalb einer genau definierten Struktur. Sie versuchen nicht allein oder mit nur einem weiblichen Partner und den Nachkommen zu leben. Sie weisen die programmierte Tendenz auf, nicht allzuweit von den anderen Mitgliedern der Gruppe wegzugehen. Das Primatenmuster des Zusammenlebens in Herden herrscht vor. Primaten brauchen ständig andere von der gleichen Art. Sie möchten zusammen sein, wenn sie essen. Sie brauchen Sex, physische Berührungen, soziale Körperpflege und das »Kuscheln« während des Schlafes. (Signifikanterweise zeigt sich das Bedürfnis nach Berührungen und Umarmungen ständig in der Dynamik meiner Gruppentherapie.)

Die Verhaltensmuster der Primaten unterscheiden sich stark von denen anderer Säugetiere. Mitglieder der Katzenfamilie beispielsweise jagen allein. Ein Raubkatzenpaar liegt gewöhnlich einige Meter voneinander entfernt, und die Tiere schmiegen sich nicht aneinander. Ein Löwe bleibt bei seiner Partnerin und ihren Jungen, bis die Kleinen alt genug sind und einigermaßen rasch laufen können. Dann unternimmt der männliche Löwe ausgedehnte Trecks in andere Gebiete. Die Löwin und die Jungen werden mehr oder weniger sich selbst überlassen. Sind die Jungen ausgewachsen, verlassen sie ihre Mutter und streifen einsam umher; denn für Katzen gehören die Gruppen nicht zum Überlebensmuster.

Für Menschen jedoch gehören sie unbedingt zum Überlebensmuster. Sie sind notwendig, um die biologischen Bedürfnisse des Menschen zu erfüllen. Und auch emotionale Bedürfnisse, die für das Überleben wichtig sind. Um die Bedeutung der Gruppe für das Überleben des Menschen zu verstehen, müssen wir uns seine Vergangenheit etwas genauer ansehen.

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Es sind vier Vereisungsperioden bekannt, deren erste vor etwa 550.000 Jahren endete. In jeder Eiszeit wurden große Teile der Erde für solche warmblütigen Säugetiere wie die Primaten ungastlich. Doch in den Interglazialzeiten, in denen sich das Eis zu beiden Polen zurückzog, wurde das Klima in riesigen Gebieten gemäßigt.

Während der drei ersten Eiszeiten zogen sich große Mengen von Säugetieren vor dem vorrückenden Eis in wärmere Gegenden zurück. Die Hominiden folgten den Tieren, die ihre Nahrung bildeten, und fanden neue und wärmere Territorien, in denen sie leben konnten. Doch während der vierten und letzten Vereisung tat der Homo sapiens etwas, was er vorher noch nicht getan hatte. Die fossilen Funde zeigen, daß viele Menschengruppen in den kalten Gebieten blieben und durch ihre Intelligenz Möglichkeiten des Überlebens in der Kälte schufen. Diese Menschen erfanden Schneeschuhe, Skier, Pelzkleidung und eine Vielzahl von anderen Überlebenstechniken, um ihre Umwelt zu kontrollieren, einschließlich des Baus besserer und wärmerer Unterkünfte.

Weshalb der Mensch während der letzten Eiszeit plötzlich so schöpferisch wurde, weiß niemand. Es geschah vielleicht, weil einige schöpferische Individuen Zufallsentdeckungen machten, vielleicht aber auch aus anderen Gründen. Jedenfalls ist es sicher, daß der Jungsteinzeitmensch die Fähigkeit besaß, Symbole zu schaffen und damit das Wissen, das er entwickelte, an die folgenden Generationen weiterzugeben. Mit dieser Fähigkeit sonderte sich der Mensch von allen anderen Tieren ab. Allein der Mensch besaß das, was wir heute »Kultur« nennen. Als die letzte Eiszeit vor etwa zwanzigtausend Jahren endete, war der enkulturierte Mensch ziemlich klug und findig. Er konnte seinen Nachkommen all die signifikanten Informationen weitergeben, die er erworben hatte. Jetzt besaß er die Voraussetzung, in technischer Hinsicht mit einer sich geometrisch beschleunigenden Geschwindigkeit fortzuschreiten!

Vor etwa zehntausend Jahren machte der Mensch zwei revolutionäre Entdeckungen. Er lernte Tiere und Pflanzen domestizieren.

Vom Standpunkt des Ethnologen aus betrachtet, läßt sich die Geschichte der Hominiden in zwei Abschnitte einteilen. Alles vor der Erfindung der Tier- und Pflanzendomestizierung fällt in den einen Abschnitt. Alles, was danach geschah, in den anderen.

Vor dieser Domestizierung lebte der Mensch als Jäger und Sammler. Er jagte wilde Tiere, um Fleisch zu erhalten, und pflückte Beeren und andere Früchte als Ergänzung. So wurde er zum Nomaden, der den Tieren folgte, die ihm Nahrung boten.

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Alle Jäger- und Sammlerkulturen, die untersucht worden sind, haben eine Reihe signifikanter Züge gemeinsam:

In einer Jäger- und Sammlergesellschaft gibt es keine andere Spezialisierung als die durch Alter und Geschlecht. Alle erwachsenen Männer tun immer das gleiche, und ebenso ist es mit den Frauen — doch deren Aufgaben sind andere als die der Männer. Und die Kinder sehen an den Beispielen, was es bedeutet, ein Mann oder eine Frau zu sein.

Alle Jäger- und Sammlergesellschaften leben in »Horden«. Die Horde (oder Gruppe) ist nach Verhaltensregeln strukturiert. Eine Gruppe besitzt ein Territorium, in dem sie jagt und sammelt. Ebenso ist es bei anderen Gruppen. Wenn eine Gruppe gelegentlich einmal einen »Überfall« in ein anderes Territorium unternimmt, so führt das zu rascher Vergeltung. Doch dies ist ein vereinzelt auftretendes Ereignis, kein kriegsähnliches Schema.

In allen Jäger- und Sammlerkulturen gibt es ritualisierte Muster, die sich auf die Nahrung beziehen. Wenn ein Mitglied ißt, essen alle in der Gruppe. In einer Jäger- und Sammlerkultur ist es mit Tabu belegt, daß ein Jäger ein Tier tötet und es dann nur mit seiner Frau und den Kindern ißt. Er muß das Fleisch mit der ganzen Gruppe teilen — im allgemeinen auf eine rituell festgelegte Weise.

Unter den Jägern und Sammlern gibt es auch kein Privateigentum an Naturschätzen. Ein See, ein Fluß, ein Bach oder ein Wald »gehört« allen.

Eine solche Sozialstruktur ist dem allgemeinen Primatenverhalten weit näher als die Struktur, die sich in den zehntausend Jahren technischer Fortschritte nach der Entdeckung der Domestizierung entwickelt hat. Das Jäger- und Sammlerschema dauerte 1.750.000 Jahre. Zweifellos lebte der Zinjanthropus in einer Gruppe, die derjenigen der heutigen Jäger und Sammler ganz ähnlich war. Tatsächlich zeigen die heutigen Jäger- und Sammlerkulturen eine Lebensweise, die der Sozialstruktur einer Pavianherde weit nähersteht als die Flickwerkstruktur des größten Teiles der westlichen Zivilisation.

Was die Erfüllung der grundlegenden, überlebensorientierten emotionalen Bedürfnisse des Menschen betrifft, so waren, wie ich glaube, die Jäger und Sammlerkulturen der »Garten Eden«. Die sich im Lauf von Jahrtausenden entwickelnden Jäger- und Sammler­gesellschaften schufen die eng verbundene Gruppe, die ihre Mitglieder in den Stand setzte, am Leben zu bleiben. Die Jäger- und Sammlergesellschaften erfüllten die biologisch begründeten Bedürfnisse des Menschen nach emotionaler Bindung an seine Mitmenschen.

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Die Zivilisation steht auf dem Fundament der Tier- und Pflanzendomestizierung. Als die Domestizierung von Tieren und Pflanzen entdeckt war, konnten einige Menschen mit dem Umherstreifen aufhören und sich an einem festen Platz ansiedeln. Der Begriff des Grundeigentums wurde entwickelt. Tauschhandel wurde praktiziert. Dörfer entstanden. Manche Dörfler fingen an, sich zu spezialisieren - beispielsweise fertigten einige Schuhwerk und Kleidung an. Die Dörfer wurden allmählich größer und entwickelten sich zu kleinen Städten. Mit der Stadt begannen die Zivilisationen, wie wir sie heute kennen — und ihre Probleme. (Beispielsweise deuten Untersuchungen an Ratten und Affen darauf hin, daß allein schon die Übervölkerung neurotische und psychotische Reaktionen hervorruft.) Ganz gewiß unterscheidet sich eine zivilisierte Gesellschaft, die uns allen selbstverständlich geworden ist, grundlegend von einer Jäger- und Sammlergesellschaft.

 

Die Zivilisation hat sich seit der ersten Domestizierung von Pflanzen und Tieren unglaublich fortentwickelt. Doch die biologisch bedingten emotionalen Bedürfnisse des Menschen haben mit seiner Technik nicht Schritt gehalten. Unser Körper ist um mindestens fünfzigtausend Jahre veraltet. Vergessen wir nicht, daß emotionale Reaktionen tatsächlich nichts anderes als physische Reaktionen auf Reize sind. Und dann wollen wir uns eins der fünf grundlegenden Gefühle ansehen — den Zorn.

Der Zorn des Menschen, von vielen Anthropologen »Aggression« genannt, setzt chemische Reaktionen auf Reize voraus. Adrenalin strömt ins Blut und beeinflußt den Kreislauf. Das Herz schlägt rascher. Aus Haut und Eingeweiden wird Blut abgezogen, das in Gehirn und Muskeln geht. Der Blutdruck erhöht sich. Es werden mehr rote Blutkörperchen gebildet. Das Blut gerinnt rascher. Die Prozesse des Verdauens und Speicherns der Nahrung hören auf. Die Magenbewegungen, die Sekretion der Magensäfte und die peristaltischen Bewegungen der Därme werden reduziert. Die Haare richten sich auf. Es herrscht eine Neigung zum Schwitzen. Darm und Blase entleeren sich nicht so leicht, als wenn man keinen Zorn verspürt. Gespeicherte Kohlenhydrate verlassen die Leber und schicken zusätzlichen Zucker ins Blut. Die Atmung wird tiefer und rascher.

All diese Körpertätigkeiten haben gewaltigen Überlebenswert für den Menschen. Das zusätzliche Blut im Hirn dient dem raschen Denken, das zusätzliche Blut in den Muskeln bereitet energisches Handeln vor. Der zusätzliche Blutzucker macht die Muskeln leistungsfähiger. Das Aufrichten des Haars und das Schwitzen bringen dem Körper Kühlung und verhindern, daß er durch die Anstrengungen zu warm wird. Die raschere Blutgerinnung sorgt dafür, daß der Körper im Fall einer Verletzung möglichst wenig Blut verliert. Die Veränderungen in der Atmung erlauben, daß mehr Sauerstoff aufgenommen und die Kohlensäure schneller ausgeschieden wird — ein Prozeß, der in einem Kampf um Leben und Tod entscheidend sein könnte.

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Diese physischen Veränderungen im Körper des Menschen, die auf den Zorn zurückzuführen sind, verlangen nach Ausdruck. Wenn das nicht in dieser oder jener Form geschieht, fühlt sich der Betreffende noch geraume Zeit danach »elend«.

Auch der Schmerz des Menschen verlangt nach Ausdruck, wenn die emotionale Gesundheit erhalten bleiben soll. Bei Tieren und Menschen ist der Schmerz eine Warnung: Weiterer Schmerz und schließlich der Tod sollen vermieden werden. Höchst­wahrscheinlich ist der Schmerz beim Menschen außerdem ein tief eingewurzeltes Verhalten, in emotionalen Kontakt mit anderen Menschen zu kommen, damit er Trost oder Hilfe von ihnen empfängt. Sein Überlebenswert liegt auf der Hand.

Die Freude ist die Erfüllung der überlebensorientierten Bedürfnisse, von denen einige durch kulturelle Konditionierung modifiziert sind.

Das vielleicht wichtigste Grundbedürfnis des Menschen ist die Liebe. Zur Liebe gehört die Erwartung, daß die Bedürfnisse, die man hat, erfüllt werden. Sie umfaßt das Verlangen, sich mit anderen »verbunden zu fühlen«, ein wesentliches Element für das Überleben der Gruppe. Zur Liebe gehören auch das Verlangen nach Berührung, der Wunsch und das Bedürfnis, anderen Teilnahme entgegenzubringen, und das Verlangen, ihre Teilnahme in das eigene emotionale Bewußtsein eindringen zu lassen, und selbstverständlich gehört die Sexualität des Menschen zur Liebe.

 

In seinem Buch Der nackte Affe äußert Desmond Morris eine interessante Vermutung über die Sexualität des Menschen: Die intensive sexuelle Lust der Frau ist eine evolutionäre Schöpfung des Homo sapiens. Eine solche Erfindung sei, wie Morris sagt, notwendig gewesen, um eine Frau an einen bestimmten Mann zu binden, da ein Mann sehr viel Zeit auf Jagdzügen verbringen mußte. Die Paarbindung sei, wie Morris glaubt, entscheidend gewesen, um das Aufziehen der Kinder über eine längere Reihe von Jahren zu ermöglichen, in denen die Kinder allein nicht am Leben hätten bleiben können.

Doch das stimmt nicht mit der Ansicht der Mehrheit der Fachleute überein. Die meisten qualifizierten Gelehrten meinen, daß Hominidenmänner einfach nicht für die Monogamie bestimmt seien. Die heutigen Wissenschaftler scheinen anzunehmen, daß die männlichen Hormone dem Mann signalisieren, er solle mit seiner Mutter, seinen Schwestern und seinen Töchtern Geschlechts­verkehr treiben, genau wie es die anderen Primaten tun.

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Ferner sind sie der Meinung, daß der Mann eine fast ebenso starke emotionale Zuneigung zu einem Freund empfinde wie zu seiner Frau. Dieses Bild vom Mann tauchte im vergangenen Jahrzehnt im Werk zahlreicher Verhaltenswissenschaftler aus so verschiedenen Disziplinen wie Genetik, Neurophysiologie und Primatologie auf. Es steht in einem alarmierenden Widerspruch zu den Forderungen der zivilisierten Gesellschaft.

Die einfachste Wiedergabe des Standpunkts moderner Verhaltenswissenschaftler lautet: Die Kultur hat eine biologische Grundlage. Robin Fox, Anthropologe an der Rutgers-Universität, sagt: »Aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Spezies prädisponiert, sich im Rahmen gewisser Verhaltensweisen zu bewegen, die wahrscheinlich zahlreicher und spezifischer sind, als man angenommen hat.«

Eine solche auf dem Verhalten beruhende Ansicht widerspricht grundlegend der Orientierung der meisten heutigen Psychiater. Wir fangen erst an, eine Ahnung von den Folgen zu haben. Es ist verwirrend, sich vorzustellen, was alles enthüllt werden wird, wenn wir das Verhalten ebenso sorgfältig und gründlich untersuchen, wie wir all die Jahre die Physiologie des menschlichen Körpers erforscht haben.

Im Licht der jüngsten Erkenntnisse betrachten die meisten Anthropologen beispielsweise die menschliche Sexualität heute erheblich anders als noch vor wenigen Jahren.

Primatologen berichten, daß am wenigsten dominante Pavianmännchen fast nie Gelegenheit haben, einem Weibchen aufzureiten, wenn es brünstig ist. Um überhaupt einem Weibchen aufzureiten, müssen die nichtdominanten Männchen darauf achten, daß kein dominanteres Männchen zusieht. Diese sexuelle Betätigung der männlichen Paviane mit geringer Dominanz hat entscheidenden Überlebenswert: Sie haben am wenigsten Gelegenheit, ihre Gene in den Genpool der Herde einzubringen. Deshalb werden die Eigenschaften der Männchen mit geringer Dominanz kaum an folgende Generationen weitergegeben.

Moderne Anthropologen meinen, unter den Hominiden habe länger als eine Million von Jahren ein sexuelles Muster vorge­herrscht, das dem der Paviane ähnlich ist. Robin Fox entwickelte mit Sherwood Washburn von der Universität Berkeley und dem Engländer Michael Chance Theorien, um zu erklären, wie nichtdominante, periphere Männchen ihr »Equilibrium« gewannen, wodurch auch der Genpool Vorteile hatte. »Equilibrium« ist die Fähigkeit, die sofortige Befriedigung von Bedürfnissen aufzuschieben. Mit anderen Worten, wenn man schon im voraus die Folgen seiner Taten begreift, kann man seine Reaktionen lenken oder zeitlich so regulieren, daß wahrscheinlich keine unangenehmen Folgen entstehen.

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Dumme nichtdominante Männchen, die ihren Hormontrieben folgten, ließen sich mit den Weibchen, dem »Alleinbesitz« der dominanten Männchen, ein und wurden getötet oder ausgestoßen. Doch intelligente nichtdominante Männchen konnten ihre Impulse kontrollieren und warteten den richtigen Augenblick ab. Schließlich erfanden sie Mutter-Bruder-Schwester-Beziehungen, die von »Bindungs«-Funktionen mit Überlebenswert begleitet wurden, um den Zugang zu den Weibchen gerechter zu machen. Diese Ansicht weicht völlig von der ab, die Freud in Totem und Tabu vorträgt.

Kurz, das Hirn und die List des Menschen sind ausschlaggebend für die Entwicklung jener Primatenform gewesen, die wir heute sind. Wir sind ein generalisiertes Geschöpf, das das Bedürfnis entwickelt hat, sich zu fürchten, Schmerz zu leiden, zu lieben, sich auf eine Gruppe hin zu orientieren und zornig oder aggressiv zu sein, und das (im Verhältnis zu anderen Tierarten) intelligent ist. Wie paßt das in eine hochzivilisierte technische Welt?

Sherwood Washburn schreibt: »Nicht nur unser Körper ist primitiv, primitiv sind auch unsere Bräuche. Sie sind der übervölkerten, technischen Welt, die von einer phantastischen Akzeleration wissenschaftlicher Erkenntnisse beherrscht wird, nicht angepaßt. Es liegt eine fundamentale Schwierigkeit darin, daß die heutigen Menschengruppen von Primaten geführt werden, denen die Entwicklungsgeschichte den starken Wunsch zu dominieren auferlegt. Versuche, persönliche oder internationale Beziehungen auf dem Wunschdenken aufzubauen, daß Menschen nicht aggressiv seien, sind ebenso aussichtslos, wie es der Versuch wäre, das Bankwesen ohne Revisionsabteilungen aufzubauen, weil man annimmt, alle Angestellten seien ehrlich.«

 

Was geschieht mit der Aggression in einer Welt wie der unseren? Die biologische Grundlage der Aggression ist die chemisch erzeugte Reaktion, die ich in meinem Gruppenprozeß Zorn nenne. Er ist ein überlebensorientiertes Gefühl, das in irgendeiner Form nach Ausdruck verlangt. In vielen gefährlichen Situationen ist eine zornige Reaktion physiologisch unvermeidbar. Menschen lassen sich darauf programmieren, das Gefühl zu unterdrücken, es nicht bewußt zu verspüren. Aber sie können es nicht vermeiden, es unbewußt zu fühlen. Das Gefühl des Zorns ist in ihrem Blut. Wenn es nicht offen geäußert wird, dann wird der Chemismus nicht völlig aufgelöst. Der Zorn wird verinnerlicht, und man trägt ihn in seinem Bauch mit sich herum, zusammen mit den Resten anderer Zorngefühle, denen man den Ausdruck versagt hat. Diesen verschütteten Zorn zum Ausdruck zu bringen, spielt eine besonders signifikante Rolle in meinen Gruppen.

Das andere Gefühl, das von unserer Kultur besonders verzerrt wird, ist die Liebe. Als Primat braucht der Mensch Liebe in vielen Formen.

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Sex ist natürlich ein wichtiger Teil davon. Doch wenn die Liebe enkulturiert wird, wenn Menschengruppen innerlich verbunden sind, dann gehören auch Anerkennung und Lob zur Liebe. Und das Bedürfnis, Zuneigung zu geben — und zu empfangen.

Ihrem Wesen nach ist Liebe mit Vertrauen verbunden. Es scheint ein fundamentales Bedürfnis zu sein, anderen Vertrauen entgegen­zubringen und dafür wiederum selber Vertrauen zu bekommen. In einer von Vertrauen geprägten emotionalen Atmosphäre kann sich der Mensch sicher fühlen und seine inneren Gefühle freier und ehrlicher zum Ausdruck bringen — selbst wenn er nicht alle seine Gefühle darstellen kann.

Alle bekannten Stammesnamen bedeuten »Die Menschen«. Eskimo, Navaho, Zuni, Arapesch, Bantu, Banshi — sie alle heißen »Die Menschen«. Die Rückseite der Medaille ist dann, daß andere menschliche Wesen »Nichtmenschen« sind — oder Feinde, denen man nicht trauen kann.

Die Schwierigkeit mit dem zivilisierten Leben, mit der Lebensweise also, die die meisten von uns führen, ist die, daß dieses Leben auch »Nichtmenschen« umfaßt, denen wir mit unserem biologisch bedingten Gefühl nicht trauen. Sogar Familienmitglieder werden oft zu »Nichtmenschen«.

Der Zoologe Morris weist darauf hin, daß das Notizbuch eines heutigen Großstädters, der nicht gerade Vertreter oder sonstwie beruflich auf den Umgang mit vielen Menschen angewiesen ist, die Telefonnummern von etwa dreißig bis vierzig Freunden und Bekannten enthält.« Das ist ungefähr die Zahl der Gruppenmitglieder in vielen Primatenhorden.

Ein wichtiger Grund dafür, daß meine Gruppen in einem fundamentalen Sinn wirksam sind, ist das Bedürfnis des Menschen, eine emotionale Bindung mit einer Gruppe einzugehen. Dieses Bedürfnis findet sich überall bei den frühen Hominiden, wird aber den heutigen Menschen von der Zivilisation häufig verwehrt. Der Mensch braucht eine vertrauensvolle Atmosphäre, wo er die biologisch bedingten Gefühle zeigen kann, die er gegen die Aktionen von »Nichtmenschen« in sich aufgestaut hat.

Hierin liegt die entscheidende Schwierigkeit, in unserer Welt des zwanzigsten Jahrhunderts zu emotionaler Gesundung zu gelangen. Weil wir durch unsere Programmierung das Gefühl der Verbundenheit und des Vertrauens verloren haben, können wir das Vertrauen nicht mehr aufbringen, das wir brauchen, um unsere Emotionen anderen gegenüber ehrlich zu äußern und die Gefühle anderer in unser Bewußtsein eindringen zu lassen.

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Wir leiden unter Einsamkeit und Entfremdung, weil wir des ersehnten emotionalen Kontakts mit anderen Menschen beraubt worden sind. Emotionaler Kontakt findet statt, nachdem Vertrauen entstanden ist. Das Bedürfnis nach bedeutungsvollem emotionalen Kontakt ist ein wichtiger Grund für das Entstehen der Gruppentherapie und der gesamten »Human Potential«-Bewegung in den USA.

Ein wichtiges Bedürfnis, dem die Zivilisation im Wege steht, ist der Wunsch, andere zu berühren. Wir sind so konditioniert worden, daß wir einander, wenn wir nicht gerade ein Liebespaar sind, höchstens durch ein ritualisiertes Händeschütteln berühren. Das liegt daran, daß der zivilisierte Mensch nicht genügend Vertrauen aufbringt, um das Berühren zu riskieren. Es könnte sich als offensiv erweisen und zurückgewiesen werden. Deshalb unterdrückt man lieber das Verlangen nach Berührung- und tut so, als ob es gar nicht vorhanden wäre. Doch das Bedürfnis, offen und häufig zu berühren, gehört zum Verhalten aller Primaten. Jane van Lawick-Goodall, die über ihre Beobachtungen von Schimpansen in ihrem Buch Wilde Schimpansen berichtet, schreibt:

»Wenn ein Schimpanse plötzlich erschreckt wird, berührt oder umklammert er häufig einen Schimpansen in seiner Nähe, so wie ein Mädchen, das einen Horrorfilm sieht, vielleicht nach der Hand ihres Begleiters greift.« Sie fährt fort: »Dieser Trost, den anscheinend Schimpansen wie auch Menschen aus dem physischen Kontakt mit anderen gewinnen, stammt vermutlich aus den Jahren der Kindheit, in denen die Berührung der Mutter oder der Kontakt mit ihrem Körper dazu dient, Befürchtungen zu beschwichtigen und die Ängste der Affen- und Menschenkinder zu lindern. Deshalb sucht das Kind, wenn es älter wird und seine Mutter nicht mehr ständig in seiner Nähe ist, das Nächstbeste — engen physischen Kontakt mit einem anderen Individuum.«

Übungen, die darauf abzielen, größeres Vertrauen zu entwickeln, Äußerungen tiefempfundener Emotionen, Versuche mit ehrlicher emotionaler Interaktion, erweiterte Sensitivität, Methoden der Bewußtseinserweiterung — das alles sind Aspekte der »Bewegung für menschliches Potential«. Wie auch immer das endgültige Urteil über all diese Verfahren und Theorien lauten mag, eines scheint klar zu sein: »Die Bewegung für menschliches Potential« erwächst aus einem tiefempfundenen menschlichen Bedürfnis. Ich glaube, es ist das Ringen darum, biologisch bedingte Überlebensgefühle zum Ausdruck zu bringen, die zu unterdrücken die Gesellschaft von uns verlangt.

Jeder Patient, den ich spreche, ist ein Produkt unserer Gesellschaft, und ich kann mir nicht helfen, ich muß sehr gründlich über diese Gesellschaft nachdenken. Die Krankheit unserer Kultur zeigt sich in dem emotionalen Streß, den meine Patienten spüren.

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Wir sehen die Symptome fast überall — in den Zeitungen, im Fernsehen, in Zeitschriften und Büchern; im Büro und auf der Straße; in unseren Wohnungen und Schulen; bei Freunden, Familien und Verwandten; bei Bekannten und bei Fremden. Das heutige Amerika ist anspruchsvoll, pluralistisch und vielschichtig. Dem einzelnen erscheint das Leben fast nicht mehr kontrollierbar. Es gibt Armut inmitten des Überflusses. Ein kostspieliger Krieg in Südostasien ist kaum zu verstehen. Die Gefahr eines Rassenkrieges in unseren Straßen bedroht uns unmittelbar. Die Furcht vor einer plötzlichen atomaren Vernichtung ist nur allzu real.

Unsere Städte sind verseucht, und die Vororte werden es bald sein. Luft und Wasser sind von den Abfallprodukten der Industrie verpestet. Die Gesellschaft, in der wir leben, verändert sich rasch. Es gibt Außenseiter, Randexistenzen. Eine sexuelle Revolution ist im Gange, aber wer weiß, wohin sie führt? Junge Menschen lehnen die Werte des Establishments und den aufwendigen Konsum ab — aber wofür? Man kann sich seine eigene Form der Flucht wählen: Rauschgifte, Alkohol, geistloses Fernsehen, sexuelle Promiskuität, zwanghafte Arbeitswut, zwanghafte Ordnungsliebe, Urlaubsreisen bis ans Ende der Welt.

Die Strukturen der emotionalen Störungen unterscheiden sich von denen zu Freuds Zeiten, als das Verhalten reguliert war und die Wertmaßstäbe feststanden. Die Zunahme der Gruppentherapie ist kein Zufall. Sicherlich brauchen heute weit mehr Menschen Hilfe, und in Gruppen lassen sich weit mehr Menschen behandeln als in irgendeiner Form der Einzeltherapie. Ebenso gewiß ist, daß die Gruppentherapie zunimmt, weil sie weniger kostet als Einzelbehandlung. Doch es gibt auch noch einen anderen Grund. Die Gruppentherapie erfüllt ein lebenswichtiges Bedürfnis: das Bedürfnis der Menschen, mit anderen verbunden zu sein, indem sie ehrlich ihre Emotionen zeigen und sich in die ehrlichen Gefühle anderer einfühlen. Die individuelle Psychotherapie - die immer eine private Beziehung zwischen einem Arzt und einem Patienten darstellt - kann dieses Bedürfnis nicht erfüllen.

Unsere Kultur hat eine Bevölkerung geschaffen, die in unterschiedlichem Ausmaß emotional gestört ist. Das Thema der individuellen Entfremdung ist ein Klischee unseres Jahrhunderts, ein ständig vorhandener Bestandteil unseres Daseins. Menschen sind entfremdet, weil sie anderen nicht genügend Vertrauen schenken können, um ihnen ihre echten menschlichen Gefühle zu zeigen. Werden diese überlebensorientierten Gefühle jedoch unterdrückt, dann kommt es zu verschiedenen Arten von »Krankheiten«, die sich symptomatisch in Form von defekten Emotionen, Einstellungen und Verhaltensweisen äußern.

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Menschen brauchen andere Menschen. Der Primat Mensch bedarf des ständigen emotionalen Kontakts mit anderen Menschen. Dieses Bedürfnis ist fest in der überlebensorientierten Natur eines Geschöpfes verwurzelt, das mindestens 1.750.000 Jahre alt ist. Im Vergleich dazu sind die zehntausend Jahre der Zivilisation nur eine dünne Tünche.

Die Gruppentherapie sagt, daß jedes Gefühl, das man selbst hat, auch andere Menschen schon gehabt haben und mit einem teilen können. Emotional orientierte Gruppen stehen im Gegensatz zu der hemmenden Kultur, in der wir leben. Sie schaffen eine sichere und vertrauensvolle Atmosphäre, in der man anderen gegenüber jede Emotion offen äußern kann. Gruppen können eine Bindung fördern, die zur Grundlage für Vertrauen wird. Durch Gruppen ist es eher möglich, eine Beziehung zu signifikanten Personen als zuverlässigen Vertrauten und nicht als »Nichtmenschen« aufzunehmen.

Wenn ein einzelner in einer Gruppe eine Grundemotion herausschreit, hören die meisten Anwesenden die Emotion nicht nur, sondern fühlen sie auch. Solche Gefühle werden auf der Signalebene mitgeteilt. Das bedeutet, daß sich ein Gefühl von der verbalen (oder symbolischen) Kommunikation trennen läßt, die ein einzelner zu übermitteln sucht. Beispielsweise geht es bei den Worten einer Frau vielleicht darum, daß sie im Alter von fünf Jahren von ihrer Mutter bestraft worden ist. Falls ihr Gesicht und Körper die Furcht und den Schmerz zeigen, den die Frau mit fünf Jahren erlebt hat, werden die meisten Gruppenmitglieder ihre Gefühle spüren und sich in sie einfühlen können. Damit ist bereits der halbe Prozeß des emotionalen Kontakts vollzogen. Nun kommt es nur noch auf die Fähigkeit der Frau an, sich in die Emotionen der anderen Gruppenmitglieder einzufühlen; ob sie bereit ist, die Gefühle der anderen aufzunehmen und mit ihren eigenen Gefühlen ehrlich darauf zu reagieren.

Wenn es der Frau jedoch nicht gelingt, Gefühle zu zeigen, mit denen sich andere identifizieren können, dann ist sie nicht imstande, die Emotionen anderer anzusprechen, wenn sie ihre Geschichte erzählt. Sie wird lediglich Fakten mitteilen. Sie wird »abgeschaltet« sein, wie es Mitglieder meiner Gruppe nennen — das heißt, ohne Kontakt mit ihren »Eingeweidegefühlen«. Wirklicher emotionaler Kontakt mit anderen kommt nicht zustande. Nach einer Weile werden die Mitglieder der Gruppe ängstlich und unruhig. Wenn die Frau dann immer noch ohne echte Gemütsbewegung weiterspricht, wird sie gewöhnlich mit Vorschlägen und kritischen Bemerkungen unterbrochen. Vielleicht ist sie verletzt oder wütend, weil ihr niemand zuhören will. Wenn sie auch im Bewußtsein von ihren tiefen Gefühlen abgeschnitten ist, leidet sie doch seit Jahren unter quälendem Schmerz. Sie kann vielleicht gar nicht verstehen, weshalb andere nicht darauf reagieren, »wie sie sich fühlt«, da sie in Wirklichkeit dieses Gefühl ja selbst nicht hat.

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Aber häufig genug verstehen Gruppenmitglieder dennoch »stellvertretend« ihr Gefühl. Sie haben ähnliche Erlebnisse gehabt, und da sie gegenüber ihren eigenen Gefühlen auf dieses Erlebnis offen sind, wissen sie, wie sich die Frau fühlt. Doch solange sie es nicht wagt, anderen das Gefühl zu zeigen, kann es keinen wirklichen emotionalen Kontakt geben, wie Menschen ihn brauchen.

Ein erster großer Schritt in meinem Gruppenprozeß ist es, einer solchen Frau beizubringen, empfänglich für die eigenen Gefühle zu sein und dann die Emotionen in Signalen (Körperhaltung, Tonfall) und in Worten zu äußern. Aber es ist etwas völlig anderes, nüchtern zu sagen: »Ich hatte Furcht, wenn mich meine Mutter schlug« und dann fortzufahren (meist recht herausfordernd): »Hättet ihr die vielleicht nicht gehabt?«, als voller Entsetzen herauszuschreien: »Mummy! Schlag mich nicht! Hör auf! Bitte, hör auf!« 

Solange diese reale Furcht nicht erlebt und freigesetzt worden ist, kann sie das ganze gegenwärtige Leben dieser Frau beeinträchtigen. Ihre Bemühung, die Furcht nicht zu fühlen, kann die Frau zu einer verzerrten Wahrnehmung von Situationen führen, die realistisch betrachtet gar nicht so furchtbar sind. Die zur Unterdrückung des Gefühls notwendige Energie wird Qualität und Natürlichkeit ihrer Emotionalität als Erwachsene stören.

Gefühle sind das Medium, in dem der emotionale Kontakt zustande kommen muß. Fehlt ein solcher Kontakt, dann sind unsere Kommunikationen wie die von Computern. Auf verbaler Ebene ist es möglich, Fakten, Zahlen, Abstraktionen zu übermitteln. Die Weitergabe solcher Informationen ist in jeder zivilisierten menschlichen Gesellschaft wichtig - aber Computer sind keine Menschen.

Menschen brauchen emotionale Kommunikation mit anderen Menschen. Solange man nicht das eigene Erleben dazu benutzt, um die Emotionen eines anderen Menschen zu fühlen, kann man nicht wahrhaft am anderen interessiert sein. Solange wir das Gefühl, das sein Gefühl in uns hervorruft, nicht zeigen können, können wir vom anderen nicht die emotionale Reaktion erhalten, die wir wirklich brauchen. Doch unsere Zivilisation fordert, daß wir unsere Gefühle in persönlichen Interaktionen »abkühlen« (und sie für die von der Gesellschaft sanktionierten Betätigungsmöglichkeiten, etwa das Fußballstadion oder das Rührstück im Kino, aufbewahren). Unsere Zivilisation mißbilligt auch einen großen Teil der physischen Berührungen zwischen einzelnen Menschen. Dies ist ebenfalls ein elementares Bedürfnis, das erstickt worden ist. Es läßt sich nur durch den vertrauensvollen Austausch ehrlicher Gefühle emotional befriedigen.

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Dies sind die zentralen Elemente der menschlichen Verbundenheit, die sich in meinem Gruppenprozeß wie auch in anderen Prozessen entfalten, die in der »Human Potential«-Bewegung entstanden sind. Die Dynamik meiner Gruppen mag auf den ersten Blick kompliziert erscheinen, doch sie wird verständlich, sobald man sie in Aktion sieht. Manche Menschen sind aus dem Gruppenraum hinausgelaufen, weil die emotionale Intensität bedrohlich wurde. Doch ihr Verlangen ist groß, und die meisten kommen zurück. Andere haben sich veranlaßt gesehen, die Gruppe argwöhnisch anzuschreien — wie Tiere, die in eine Ecke gedrängt sind. Auch diese Menschen zeigen jedoch schließlich ihr Bedürfnis, Teil eines menschlichen Ganzen zu sein und nicht in zorniger Isolierung zu bleiben.

Dann gibt es häufig den verbal orientierten Typ, der die Worte benutzt, um sich gegen die emotionale Nähe einer Gemeinschaft zu wehren. Ich erinnere mich an fünf bzw. sechs höchst verbale Personen, denen sich die Gruppen auf ähnliche Weise entgegen­stellten. Nach einer Reihe von Gruppensitzungen wurde den verbalen Typen dann Zuneigung und Liebe entgegen­gebracht, ohne daß ihnen verbale Erklärungen gegeben wurden. Sie waren verwirrt, doch die Wärme, die sie erlebten, gefiel ihnen. 

Ein Mann, dessen ich mich besonders gut erinnere, war ein Jurist namens Don, ein glänzender Redner, der wegen seines überaus unglücklichen Privatlebens Behandlung suchte. Nach einigen Gruppensitzungen sagte, wenn er zu reden begann, irgendein anderer: »Hör auf mit dem Unsinn, Don. Wir lieben dich ohne all diese Worte.« Nach einiger Zeit sah man, sobald dieser Refrain erklang, Tränen lange verschütteten Schmerzes in Dons Augen, während er die Liebe und das Mitgefühl der Gruppe in sein Bewußtsein aufnahm. Nach einigen Monaten Gruppentherapie und zwei oder drei Marathonsitzungen begann Don jede Gruppe damit, daß er aufstand und verletzbar um Liebe bat. Er wandte sich einem der Mitglieder zu, schaute ihm in die Augen und sagte: »Sally, ich brauche Liebe« oder: »Dick, du mußt mich lieben.« Dann öffnete er mechanisch die Arme zur Umarmung. Als Don allmählich lernte, die Freude solcher Kontakte zu erleben, verzichtete er fast völlig auf Diskussion in den Gruppensitzungen. Er wurde intuitiv, emotional und einfühlsam.

Wenn die einzelnen lernen, ihre Gefühle zu äußern und sich anderen Gruppenmitgliedern anzuvertrauen, steigt unweigerlich ein freudiges Empfinden von Vitalität auf. Ich habe gesehen, wie Menschen in kindlicher Verwunderung und Fröhlichkeit laut lachten, als sie die neuen Wahlmöglichkeiten erkannten, die ihnen als offenen Menschen zugänglich sind, weil sie, im Kontakt mit ihren tiefen Gefühlen, zur Kommunikation mit anderen Menschen fähig sind.

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Daniel Casriel  bei   www.detopia.de