1. Kapitel    

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Stiefkind der Strategen: 

Die "biologische" Kriegführung 

 

 

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Man sollte eigentlich denken, das alles sei genug. Denen jedoch, die in unserer arbeitsteilig organisierten Gesellschaft für die Entwicklung und Bereit­stellung kriegerisch nutzbarer Vernichtungsmittel zuständig sind, genügt es offensichtlich noch keineswegs. Sie haben sich, als würden sie von dem unstillbaren Verlangen getrieben, beim nächsten Mal aber wirklich ein für alle Male reinen Tisch machen zu können, noch sehr viel mehr einfallen lassen. 

Sie haben, sozusagen, nicht nur A gesagt, sondern B und C gleich noch dazu.

Wer die Gefahren abschätzen möchte, die von einem erneuten Weltkrieg herauf­beschworen werden würden, darf daher nicht, wie es in der öffentlichen Diskussion erstaunlicherweise meist der Fall ist, ignorieren, was die moderne Pandora außer dem nuklearen Schrecken sonst noch für uns bereithält.

Vor einer "biologischen" Kriegführung freilich brauchen wir uns, wenn nicht alles täuscht, nicht allzusehr zu fürchten. Es spricht für sich, daß die beiden Blöcke sich schon 1972 rasch und einvernehmlich darauf geeinigt haben, "biologische Waffen" zu ächten und nicht erst ihre Anwendung, sondern schon ihre Herstellung und ihren bloßen Besitz zu verbieten. Als solides Argument zur Beruhigung kann dabei freilich nicht etwa das Verbot selbst gelten. Dies um so weniger, als beide Seiten sich wieder einmal nicht zu einer Kontrolle seiner Einhaltung durch unabhängige, neutrale Inspektoren an Ort und Stelle haben durchringen können. Den Ausschlag gab abermals die durch keine Verfahrensweise zu überwindende sowjetische Spionagephobie.

Beruhigend allein ist das Motiv, das hinter der vergleichbar problemlosen Verbotsübereinkunft zu vermuten ist. 

Biologische "Waffen" — also zum Beispiel hochinfektiöse Bakterien oder Viren — sind unbestreitbar äußerst wirkungsvoll. Sie setzen auch den Gegner, den sie nicht töten, wenigstens vorübergehend außer Gefecht. Vor allem anderen aber zwingen sie die gegnerische Seite zur Einführung schwerfälliger und entsprechend hinderlicher Quarantänemaßnahmen und belasten sie mit der Pflege und der medizinischen Betreuung der Infizierten.

Alle diese "Vorzüge" werden nun jedoch durch eine weitere Eigentümlichkeit einer jeden sich epidemisch ausbreitenden Infektion — und eine andere wäre als "Waffe" ja uninteressant — wieder aufgehoben. Denn ob spontan auftretend, wie die "asiatische Grippe", oder in aggressiver Absicht im gegnerischen Lager entfacht: Ist die Seuche einmal ausgebrochen, kann sie auf keine Weise mehr gesteuert werden. Insbesondere gibt es keine Methode, ihr den Weg vorzuschreiben, den sie im Verlaufe ihrer Ausbreitung nimmt.

Wer mit einer "Waffe" dieser Art angreift, muß daher prinzipiell darauf gefaßt sein, daß der auf den Feind gemünzte Effekt früher oder später auch ihn selbst erfaßt. Dieses Risiko bildet ein Wesensmerkmal einer jeden sich epidemisch ausbreitenden Infektion. Daher dürfte es den beiden Kontrahenten seinerzeit nicht allzu schwer gefallen sein, auf die wechsel­seitige Anwendung dieses Übels einvernehmlich zu verzichten.

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Jedoch vergiftet allein die Unmöglichkeit der Kontrolle das Verhältnis der beiden Supermächte längst auch auf diesem Terrain. 1982 erhob der amerikanische Verteid­igungs­minister Caspar Weinberger in seinem Jahresbericht an den Kongreß den Vorwurf, die UdSSR habe die Vereinbarung über die Nichtherstellung biologischer Waffen gebrochen. Anlaß der Beschuldigung war der vom amerikanischen Nachrichtendienst festgestellte Ausbruch einer regionalen Milzbrandepidemie in Swerdlowsk. Weinberger behauptete, die näheren Umstände sprächen dafür, daß die Infektion von einer militärischen Institution ihren Ausgang genommen habe. 

Die Implikation schien auf der Hand zu liegen: Offenbar war es in einem militärischen Zwecken dienenden Laboratorium zu einem Unfall mit Anthrax-Bazillen, den Erregern des Milzbrands, gekommen. Daß es allen Grund gab, sich gerade vor dieser Erregerart zu fürchten, wußte man im Westen nur zu gut: 1941 hatten die Engländer eine mit Anthrax-Bazillen beladene Bombe auf einer kleinen schottischen Insel ausprobiert. Wie die Wirkung damals war und wie man sie kontrolliert hat, ist nie veröffentlicht worden. Tatsache ist andererseits, daß die Insel bis auf den heutigen Tag so verseucht ist, daß noch immer niemand sie betreten darf.

Die Russen gaben nach längerem Hin und Her einen Zwischenfall mit Anthrax-Erregern schließlich sogar zu. Sie bestritten jedoch jeglichen militärischen Zusammenhang. Ihrer Darstellung nach bestand die Ursache der lokalen Epidemie darin, daß in einer Fleischfabrik mit infiziertem Rindfleisch unsachgemäß umgegangen worden war. In der von Mißtrauen und gegenseitiger Furcht vergifteten Atmosphäre hielt alle Welt das für eine durchsichtige Ausrede.

Inzwischen hat sich jedoch herausgestellt, daß die sowjetische Auskunft aller Wahrscheinlichkeit nach zutraf. Zufällig nämlich hielt ein amerikanischer, an der North Western University in Chicago lehrender Physiker just während der Zeit des Anthrax-Zwischenfalls über mehrere Monate hinweg als Gastprofessor Vorlesungen in Swerdlowsk. Als er, wieder heimgekehrt, von Journalisten interviewt wurde, ergab sich, daß er von der ganzen Angelegenheit nichts mitbekommen hatte.

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Es ließ sich sogar rekonstruieren, daß er an dem von den Amerikanern verdächtigten Gebäudekomplex vorbeigekommen war, ohne daß ihm irgendwelche besonderen Sicherheits­maßnahmen aufgefallen wären. Das alles ist mit der Annahme eines Unfalls in einem der biologischen Kriegführung dienenden Laboratorium natürlich kaum vereinbar.

Ein zweites Beispiel dieser Art betrifft den nach amerikanischer Ansicht bis heute nicht wirklich ausgeräumten Verdacht, die Russen hätten die in Kambodscha eindringenden Vietnamesen versuchshalber mit Mykotoxinen ausgestattet. Dabei handelt es sich um hochgiftige Substanzen, die aus bestimmten Pilzen gewonnen werden können, vor allem die sogenannten Trichothäzene. Die Vietnamesen hätten, so die amerikanischen Quellen, diese biologischen Giftstoffe von Flugzeugen aus versprüht, so daß sie als "gelber Regen" auf die Kambodschaner niedergegangen seien.

Anlaß dieser Beschuldigung waren Beobachtungen, die kambodschanische Flüchtlinge gemacht haben wollten, und einige vom CIA an den entsprechenden Lokalitäten daraufhin entnommene Boden- und Vegetations­proben. Insbesondere die Untersuchung der auf diese Weise beschafften Blätter schien den Verdacht zu bestätigen: Auf ihrer Oberfläche wurden winzige gelbliche Körner entdeckt, in denen sich, allerdings nur in einigen Fällen, tatsächlich auch Trichothäzene nachweisen ließen. Schließlich gelang es dann sogar, die gleichen Toxine auch im Blut einiger der Flüchtlinge zu finden, die ihren Angaben nach wenige Wochen zuvor mit "gelbem Regen" angegriffen worden waren. Die Anklage schien damit wasserdicht begründet. Die Russen sahen sich vor aller Welt des Vertragsbruchs überführt.

Im Verlaufe des letzten Jahres (1984) verstummten die Anklagen dann aber wieder. Es kam ans Licht, daß alle Beschuldigungen, so lückenlos die Beweiskette auch zu sein schien, auf mehr als wackeligen Füßen standen. Die ersten Zweifel säten die beiden Harvard-Professoren Peter Ashton und Matthew Meselson. Sie stellten die — nach anfänglicher Skepsis schließlich allseits bestätigte — einigermaßen verblüffende Tatsache fest, daß es sich bei den verdächtigen gelben Pünktchen auf den Oberflächen der untersuchten Pflanzen um nichts anderes als ganz gewöhnlichen Bienenkot handelte.

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Daß sich darin mitunter — ein weiteres Entlastungsmoment: nur in zehn Prozent der Fälle — Trichothäzene nachweisen ließen, beweist gar nichts. Diese Toxine kommen nämlich, ihrer biologischen Herkunft entsprechend, auch natürlich vor und werden von den Bienen dann gelegentlich in kleinen Mengen gefressen. Ganz offensichtlich waren überdies auch die untersuchten Flüchtlinge auf diesem Wege, und eben nicht mit Hilfe der Vietnamesen, zu dem in einigen Fällen in ihrem Blut gefundenen Toxin gekommen. 

Im Verlaufe der weltweit in zivilen und militärischen Laboratorien durchgeführten Kontrollversuche ergab sich nämlich, daß Trichothäzene nach der Aufnahme innerhalb weniger Tage ausgeschieden werden und danach nicht mehr im Blut nachweisbar sind. Da die angeblichen Zwischenfälle mit "gelbem Regen" bei allen Fällen aber mindestens vier bis fünf Wochen zurücklagen, ist es sehr viel wahrscheinlicher, daß die Untersuchten die Toxinspuren, um die es sich handelte, erst wenige Tage vor den Bluttests, also schon im Flüchtlingslager — wahrscheinlich mit angeschimmelter Nahrung —, zu sich genommen hatten. Mit diesen Befunden brach der ganze "Fall" in sich zusammen, auch wenn die Amerikaner das in der UNO, vor deren Mitgliedern sie die östliche Supermacht öffentlich des Vertragsbruchs angeklagt hatten, bisher nicht offiziell zugegeben haben.25

Das alles liefert, wie wir nicht übersehen wollen, aufschlußreiche Hinweise auf die psychische Verfassung und das Verhältnis der beiden Mächte, von deren Umgang miteinander letztlich unser aller Schicksal abhängt. Wenn, andererseits, trotz allen Mißtrauens und ungeachtet allen Eifers der Geheimdienste bisher in Sachen "biologische Kriegführung" nur Legenden der geschilderten Art ans Tageslicht gefördert wurden, dürfen wir uns in der Vermutung bestätigt fühlen, daß diese spezielle Methode des gegenseitigen Umbringens offensicht­lich nicht zu dem von den Militärs bevorzugten Instrumentarium gehört.

Ganz anders ist das dann aber wieder bei dem letzten der drei ominösen Buchstaben, beim "C". Die von der modernen Chemie gelieferten Vertilgungsmittel sind seit dem Ersten Weltkrieg in so ingeniöser Weise perfektioniert worden, daß keiner der beiden potentiellen Gegner sich bisher dazu entschließen mochte, auf ihre Anwendung ausdrücklich und ohne Einschränkungen zu verzichten.

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Nervengase: Die lautlose Vernichtung 

 

Der größte, der wahrhaft entscheidende Fortschritt in der Entwicklung von "Kampfgasen" seit ihrer ersten Anwendung 1915 bei Ypern durch deutsche Truppen besteht in dem Übergang von lokal wirksamen Reizstoffen zu den sogenannten Nervengasen. Man darf ihn, was die Effizienz der ausrottenden Wirkung angeht, getrost neben den Übergang von der gewöhnlichen Artillerie­munition zur Atomgranate stellen.  

So widerwärtig und für die Betroffenen qualvoll die Wirkung der chemischen Killer des Ersten Weltkriegs unbestreitbar gewesen ist, sie wird von dem, was der Einsatz eines Nervengases bewirken würde, bei weitem in den Schatten gestellt. "Gelbkreuz" oder "Grünkreuz" — also das tiefe Hautzerstörungen verursachende Senfgas oder das die Lungen zerfressende Phosgen — gelten den Strategen der chemischen Kriegführung längst als antiquiert

Senfgas wird von den Militärs in Ost und West zwar noch immer in großen Mengen gelagert, und was man mit dem Stoff anrichten kann, das haben die Iraker 1983 mit seinem Einsatz gegen iranische Truppen eindrucksvoll in Erinnerung gerufen. Die definitive Tödlichkeit von Tabun, Soman, Sarin oder VX jedoch läßt alle vorangegangenen Möglichkeiten des Gaskrieges vergleichsweise als harmlos erscheinen.

Alle vier genannten Substanzen gehören zur Klasse der Nervengase. Sie sind in der Reihenfolge ihrer Entdeckung aufgeführt, die gleichbedeutend ist mit ihrer zunehmenden Toxizität. 

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Über Tabun verfügte schon Hitler. Es wurde 1936 von deutschen Chemikern — nota bene: aus einem Insektenvertilgungsmittel! — entwickelt und, ebenso wie die Nachfolgesubstanzen, bis 1945 in der Größenordnung von mehreren tausend Tonnen produziert und gelagert. (In der Geschichte des Gaskriegs haben wir Deutschen eine ähnlich herausragende Rolle gespielt wie die Amerikaner später bei der Entwicklung der nuklearen Waffen.) Eingesetzt wurde bekanntlich keiner dieser Stoffe. Angesichts der erdrückenden Luftüberlegenheit der Alliierten, deren Vorräte nicht weniger ansehnlich waren, wagte es nicht einmal Hitler, ihren Einsatz zu befehlen.

Tabun war, auf die Dosis bezogen, hundertmal giftiger als alle bis dahin bekannten Kampfgase. Ein halbes Gramm Tabun auf einen Kubikmeter Atemluft verteilt, genügt, um einen Erwachsenen umzubringen. Eingenommen, etwa mit verseuchter Nahrung, reicht sogar ein Dreißigstel dieser Dosis. Tabun aber machte erst den Anfang. Soman, die erste Weiterentwicklung, erwies sich als viermal wirksamer. Und Sarin, noch im letzten Kriegsjahr produziert, verdoppelte die Giftwirkung abermals. Schließlich steigerten die Amerikaner den militärisch erwünschten Effekt nach dem letzten Kriege noch einmal um den Faktor 10. 

Von dem 1952 von ihren Rüstungschemikern synthetisierten VX reicht ein Drittel eines tausendstel Gramms, um einen Menschen zu töten.

Die wohl nicht mehr überbietbare Toxizität dieser ganzen Stoffklasse hängt mit der Besonderheit ihres Wirkungs­mechanismus zusammen. Voraussetzung ihrer Entwicklung waren — nachdem man auf das Tabun erst einmal mehr oder weniger durch Zufall gestoßen war — die vertieften Erkenntnisse der Neuro­physiologen und Biochemiker über die sich im submikroskopischen, molekularen Bereich des menschlichen Körpers abspielenden Stoffwechsel­prozesse und Steuerungsfunktionen. Die enormen Fortschritte dieser beiden wissenschaftlichen Spezialdisziplinen haben uns nicht nur großartige Einblicke in den unglaublichen Aufwand verschafft, den die Natur treibt, um einen Organismus von der Kompliziertheit des Menschen funktionsfähig und am Leben zu erhalten. 

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Die gleichen Erkenntnisse eröffnen den Wissenschaftlern auch ganz neue Wege, die entdeckten Funktionen auf die subtilste Weise zu manipulieren. Dies kann im Interesse eines Patienten geschehen, wenn es etwa um den Versuch geht, erblich fehlgesteuerte Körperfunktionen zu korrigieren. Jedoch liegt die Zielrichtung eines solchen Eingriffs ja nicht grundsätzlich fest. Und so gibt unser heutiges Wissen dem Rüstungschemiker eben auch die grundsätzlich neuartige Möglichkeit in die Hand, die funktionelle Ordnung des menschlichen Körpers durch minimale, präzise gezielte Eingriffe zusammenbrechen zu lassen. 

Der Unterschied zwischen dem Wirkungsmechanismus von Nervengasen und dem "konventioneller" Kampfstoffe läßt sich am einfachsten durch einen bildlichen Vergleich anschaulich machen. Nehmen wir einmal an, Terroristen planten, eine moderne, vollautomatische Fabrik zu zerstören. Wie könnten sie dabei vorgehen? Die sozusagen übliche Methode bestände dann, an möglichst vielen Stellen des Fabrikgeländes Sprengladungen anzubringen in der Hoffnung, daß der durch die Detonationen angerichtete Schaden groß genug sein wird, die Funktion der ganzen Anlage spürbar zu beeinträchtigen oder sogar vorübergehend lahmzulegen.

Es gibt aber noch einen ganz anderen Weg. Er erfordert einen wesentlich geringeren Aufwand und ruiniert, wenn er zum Ziel führt, die ganze Anlage endgültig und total. Er besteht darin, daß man einen Experten in die Fabrik hineinschleust und bis in die Steuerungszentrale der automatischen Produktion schmuggelt. Dort genügt dann ein winziger Eingriff an der entscheidenden Stelle, um die Steuerbefehle so zu manipulieren, daß die sich beim weiteren Arbeitsablauf einstellende Unordnung über kurz oder lang zum kompletten funktionellen Zusammenbruch führt. Bei dieser Methode veranlaßt man die Fabrik gewissermaßen dazu, sich selbst zu zerstören. Genau das ist nun, übertragen auf den menschlichen Körper, das Wirkungsprinzip der im Westen und Osten heute gehorteten Nervengase.

Die Furchtbarkeit ihrer Wirkung hängt mit der Existenz sogenannter Neurotransmitter-Substanzen zusammen, die bei der normalen Erregungsleitung in unserem Nervensystem eine Schlüsselrolle innehaben. 

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Vom Gehirn zu den Muskeln oder, umgekehrt, von den Sinnesrezeptoren in der Haut (oder dem Innenohr oder der Netzhaut und so weiter) zum Gehirn führen nicht etwa durchgehende Nerven­leitungen. In allen Fällen sind die Leitungsbahnen aus mehreren, mindestens zwei, meist drei nachein­ander­geschalteten Nervenfortsätzen zusammengesetzt. Dies ist ausnahmslos auch dann so, wenn die Entfernung zwischen Rezeptor und Hirnzentrum, wie zum Beispiel im Falle der Netzhaut unserer Augen, grundsätzlich sehr wohl die Möglichkeit zuließe, die Verbindung mit einer einzigen zusammenhängenden Nervenfaser herzustellen. Hinter dem Bauprinzip der "Leitungsstückelung" muß daher ein biologischer Sinn stecken. Wahrscheinlich besteht er darin, daß sich an den Stellen, an denen die aufeinanderfolgenden Leitungsstücke jeweils zusammen­gekoppelt sind, zusätzliche Steuerungs- und Abstimmungsmöglichkeiten ergeben, die zu der inneren Geschlossenheit und Flexibilität des Gesamtorganismus wesentlich beitragen.

Die Zusammenhänge sind so kompliziert, daß die Spezialisten noch immer weit davon entfernt sind, sie vollständig zu durchschauen. Herausgefunden haben sie jedoch, daß an den genannten Kupplungsstellen — der Neurophysiologe nennt sie "Synapsen" — zwischen dem Ende des den ankommenden Nervenreiz heran­führenden Leitungsstücks und dem Anfang der anschließenden Nervenfaser ein Spalt klafft, der "synaptische Spalt". Er ist zwar so winzig, daß er nur elektronenmikroskopisch sichtbar gemacht werden kann. Die Unterbrechung an dieser Stelle beträgt nur einige Hundert­tausendstel­millimeter. Der Aktionsstrom des Nervenreizes aber kann diesen Abstand nicht überbrücken.

Elektrischer Natur ist die Übertragung an den Synapsen also mit Sicherheit nicht. Andererseits aber kann jeder aus eigener Erfahrung bestätigen, daß die Verbindung zwischen dem Gehirn und dem Erfolgsorgan im Regel­fall ohne nennenswerten Zeitverlust zustande kommt. Was hilft dem Reiz über den Abgrund des synaptischen Spalts?

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Genauere Untersuchungen führten zu der Entdeckung winziger Flüssigkeitsbläschen am äußersten Ende des jeweils zuführenden Nervenabschnitts. Serien­untersuchungen in verschiedenen Stadien der Erregungsleitung ergaben weiter, daß diese Bläschen bis an den Spalt selbst heranwandern und dabei ihren Inhalt in ihn ergießen können. Alles in allem ist man sich seit einiger Zeit sicher, daß es sich bei den "synaptischen Bläschen" um die Strukturen handeln muß, die dem Reiz über den synaptischen Spalt hinüberhelfen. Sie enthalten sogenannte Überträger-("Transmitter"-)Substanzen — abgekürzt "Neurotransmitter" —, welche das Nervensignal von dem einen auf den nächstfolgenden Leitungs­abschnitt übertragen. Der elektrische Reiz des ankommenden Signals veranlaßt sie, ihren Inhalt in den Spalt zu entleeren, womit sie in der Wand der anschließenden Faser erneut einen elektrischen Aktionsstrom auslösen, der nunmehr den Signaltransport bis zur nächsten Synapse übernimmt und so weiter.

Die Reizleitung in unserem Nervensystem (und dem aller höheren Tiere) erfolgt also nicht in der Gestalt ununterbrochen durchlaufender elektrischer Potentiale, sondern gleichsam in der Art von Stafetten abwechselnd aufeinander folgender elektrischer und chemischer Übertragungsmechanismen. Nach allem, was wir heute wissen, ist dies der eigentliche Grund dafür, daß sich der Zustand unseres Zentral­nerven­systems auch chemisch (zum Beispiel durch Alkohol, Schlafmittel, Rauschdrogen oder Narkotika) beeinflussen läßt, was schwerlich der Fall wäre, wenn seine Funktionen ausschließlich auf elektrischen Prozessen beruhten. 

Und unter natürlichen Umständen schließt dieser elektrochemische Hybrid-Charakter unseres Nervensystems dieses mit dem zweiten, archaischen Signal- und Steuerungssystem unseres Organismus zusammen: mit dem der endokrinen Drüsen, die ausschließlich chemische Botschaften austauschen, nämlich spezifische Hormone. So ist es zu erklären, daß auch Hormone unsere Aufmerksamkeit, unsere Aktivitäten und unsere Stimmungen beeinflussen. Dies aber, so könnte man weiter sagen, ist der Weg, auf dem unser archaisches biologisches Erbe unser grundsätzlich so unvergleichlich viel "moderneres", geistigere Zielsetzungen ermöglichendes Nervensystem auch heute noch immer wieder für seine ureigenen Zwecke in seinen Dienst nehmen kann.

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Man bekommt eine Vorstellung von der schier unglaublich verfeinerten experimentellen Kunst moderner Naturwissenschaft, wenn man erfährt, daß es in einigen Fällen gelungen ist, die chemische Natur der in den winzigen synaptischen Bläschen steckenden Überträgersubstanzen aufzuklären. Dabei hat sich herausgestellt, daß es verschiedene Transmittersubstanzen gibt, mit durchaus verschiedenen (teils erregenden, in anderen Fällen wieder hemmenden) Wirkungen auf das die Synapse passierende Nervensignal. Eine der relativ gut untersuchten Transmittersubstanzen trägt den Namen Azetylcholin.

Die für die Überwindung des Synapsenspalts benötigte Menge an Azetylcholin ist winzig. Nach neueren Untersuchungen handelt es sich pro Impuls und pro Synapse um nicht mehr als etwa eine Million Moleküle. Das ist wichtig, denn kaum freigesetzt, muß die Übertragungsdosis ja sofort wieder "aus dem Verkehr gezogen" werden, um die Synapse für den nächsten Nervenimpuls freizumachen. Dies besorgt ein Enzym, die sogenannte Cholinesterase. Von ihr genügen im Vergleich zum Azetylcholin noch winzigere Mengen, um die Transmittersubstanz chemisch aufzuspalten und damit unwirksam werden zu lassen. Der ganze Prozeß, von der Freisetzung des Azetylcholins bis zu seiner Zerstörung durch die Cholinesterase und der dadurch bewirkten Neutralisierung der Synapse, die sie für das nächste Leitungssignal wieder aufnahmefähig werden läßt, nimmt nicht mehr als etwa zwei Tausendstelsekunden in Anspruch.

Man bedenke nun, was es bedeuten würde, wenn die Cholinesterase aus irgendwelchen Gründen ausfiele: Keiner der durch das Azetylcholin einmal ausgelösten Nervenimpulse ließe sich wieder "abstellen". Alle von dieser Überträgersubstanz vermittelten Nervenbefehle würden von diesem Augenblick ab sozusagen unwiderruflichen Charakter annehmen. An die Stelle des biologisch einzig sinnvollen Wechsels von Befehlen und durch deren Ergebnisse via Rückkopplung ausgelösten Korrekturbefehlen träte die starre Festlegung auf die jeweils letztergangene Anordnung. 

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Die unbeweglich fixierte Signalkonstellation würde die von ihr gesteuerten Organe — Muskeln und Drüsen — auf entsprechend einseitige Aktivitäten festlegen und jegliche Korrekturmöglichkeit, ja selbst die Möglichkeit zur Einstellung der Aktivität dieser Organe bei ihrer früher oder später unweigerlich eintretenden Erschöpfung, aufheben. Es braucht nicht begründet zu werden, daß eine solche Situation mit der Lebens­fähigkeit eines Organismus allenfalls für wenige Minuten vereinbar ist.

Dies aber ist nun genau die Situation, die von einem "Nervengas" herbeigeführt wird. Sie alle sind sogenannte "Cholinesterase-Hemmer". Sie setzen — in nochmals kleineren Dosen als den ohnehin winzigen des Enzyms, dessen Wirkung sie aufheben — die Cholinesterase außer Gefecht und schaffen damit im ganzen Organismus die tödlichen Bedingungen, die im letzten Absatz geschildert wurden. Es ist wirklich so, als habe sich ein verbrecherischer Experte bis in die Steuerungszentrale eines Organismus hineingeschmuggelt — dem er keinerlei sichtbare Verletzung zufügt! —, um dort durch einen geringfügig erscheinenden Eingriff an entscheidender Stelle, nämlich durch die chemische Neutralisierung eines einzigen Enzyms, dessen funktionelle Ordnung so zu manipulieren, daß jede weitere seiner Aktivitäten von da ab nur seinen eigenen Untergang befördern kann.

Die benötigten Mengen sind — dem Wirkungsmechanismus entsprechend — minimal. Man hat ausgerechnet, daß 17 Tonnen des amerikanischen Nervengases VX genügen würden, um die ganze Fläche der Bundesrepublik mit einer hundert Meter dicken, absolut tödlichen Wolke zuzudecken. Derselben Quelle (Werner Dosch, s. Anm. 26) aber ist zu entnehmen, daß in der Bundesrepublik, in Fischbach bei Pirmasens, neben anderen Kampfstoffen nicht weniger als 500 Tonnen VX gelagert sind. Selbst wenn es nie zum geplanten Einsatz dieses Teufelszeugs käme, würde ein einziger Treffer an dieser Stelle in einem "nur" konventionellen Krieg eine ganz Europa gefährdende Katastrophe auslösen.

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Nervengase sind unsichtbar und geruchlos. Man braucht sie nicht versehentlich einzunehmen, nicht einmal einzuatmen. Es genügt ein kaum sichtbarer Tropfen auf der heilen Haut. Sie wird von dem tödlichen Stoff unmerklich durchdrungen, der Minuten später die charakteristischen Vergiftungs­erscheinungen auslöst: Schweißausbruch, Schwindel mit Erbrechen, Sehstörungen, gefolgt von unwillkürlichem Abgang von Stuhl und Urin, anschließend zunehmende Krämpfe der gesamten Körpermuskulatur mit daraus resultierender Erstickung. Wenn das Opfer Glück hat, ist alles nach wenigen Minuten vorbei.

Es kann sich aber auch über Stunden hinziehen. Und selbst eine nicht unmittelbar tödlich ausgehende Vergiftung kann nach mehreren Wochen, da die chemische Hemmung der Cholinesterase ohne spezifische Therapie praktisch irreversibel bestehenbleibt, noch zu Hirnschäden infolge chronischen Sauerstoff­mangels wegen anhaltender Atemstörungen führen. Auch das als Gegenmittel regelmäßig erwähnte Atropin, das den Soldaten in spritzfertigen Ampullen mitgegeben wird, verleiht nur einen höchst fragwürdigen Schutz. Es macht nämlich nicht etwa die Hemmung des lebenswichtigen Enzyms rückgängig, sondern blockiert lediglich die Transmittersubstanz Azetylcholin. Wenn seine Dosierung dem Ausmaß der Vergiftung nicht exakt entspricht, ruft die Injektion daher noch zusätzliche Vergiftungs­erscheinungen hervor.

Wirklichen Schutz verschafft bei einem Einsatz von Nervengasen allein die Kombination von Gasmaske mit einem den ganzen Körper luftdicht einhüllenden Schutzanzug aus undurchdringlichem Gewebe. Eine damit ausgerüstete und intensiv gedrillte Truppe könnte einen Angriff mit Nervengasen theoretisch mit erstaunlich geringen Verlusten überstehen. Auf einer 1982 in Baden-Baden abgehaltenen internationalen wehrmedizin­ischen Tagung wurde die Ansicht vertreten, daß die Verlustquote unter den beschriebenen Umständen nur etwa zwei Prozent betragen würde. Dies gilt aber eben nur für ausgebildete und mit Schutzausrüstungen ausgerüstete Militärpersonen. 

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Hinsichtlich der bei kriegerischen Handlungen immer hinderlich im Wege stehenden Zivilbevölkerung kamen die wehrmedizinischen Experten zu genau der umgekehrten Abschätzung: Von den Zivilisten, dies war ihre einhellige Meinung, die sich in der angegriffenen Region aufhielten, hätten höchstens zwei Prozent eine Überlebenschance, ihre Verlustquote sei folglich mit 98 Prozent zu veranschlagen.

Da nun die bloße Ausrottung der gegnerischen Zivilbevölkerung bei weitgehender Verschonung der feindlichen Truppen auch für einen Strategen kein sinnvolles Ziel darstellt und da ferner auch bei einem Gasangriff mit unvorhersehbaren Risiken für den Angreifer selbst gerechnet werden muß (plötzlicher Wechsel der Windrichtung, Möglichkeit eines feindlichen Treffers in die eigenen Vorräte), gab es seit Jahrzehnten Versuche, auch Kampfgase jeglicher Art vertraglich zu ächten.

Im sogenannten Genfer Protokoll von 1925 war zwar die Anwendung von Giftgasen untersagt worden, nicht jedoch ihre Herstellung und Vorratshaltung zum Zwecke eines Vergeltungsschlages im Falle eines Gasangriffs der Gegenseite. Ende der siebziger Jahre kam endlich Bewegung in die Verhandlungen, mit denen Ost und West in regelmäßig wiederholten Anläufen versucht hatten, den unbefriedigenden Schwebezustand zu beenden, der das Ergebnis dieses faulen Kompromisses war. Der entscheidende Durchbruch schien geglückt, als die sowjetische Seite sich 1979 endlich dazu überwand, die Kontrolle der Einhaltung eines Herstellungsverbots durch Inspektionen der in Frage kommenden Produktionsstätten auch auf ihrem eigenen Territorium zuzulassen. Dieses bemerkenswerte, für einen sinnvollen Vertragsabschluß aber selbstverständlich unverzichtbare Zugeständnis wurde vom sowjetischen Außenminister Andrej Gromyko auf einer Sondersitzung der UNO im Juni 1982 noch einmal ausdrücklich bekräftigt.

Doch war der für eine derartige Übereinkunft günstigste Augenblick bereits verstrichen. In der Zwischenzeit war es, wieder einmal, zu einem entscheidenden waffentechnischen "Durchbruch", gekommen, der nunmehr die Amerikaner veranlaßte, sich von dem scheinbar in greifbare Nähe gerückten Paktabschluß wieder zurückzuziehen. Sie waren in den Besitz sogenannter "binärer Waffen" gekommen.

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Hinter dem Fremdwort, das soviel wie "zweigliedrig" bedeutet (im Deutschen spricht man auch von "Zwei-Komponenten-Waffen"), verbirgt sich ein raffinierter tech­ni­scher Trick. Mit ihm ist es (leider!) gelungen, einen wesentlichen Teil der Nachteile zu beseitigen, die mit der Anwendung von Kampfstoffen, auch im Falle von Nervengasen, bisher für den Angreifer grundsätzlich ver­bund­en waren. Sie bestanden vor allem in dem Risiko einer nie ganz auszuschließenden Leckage bei der La­ger­ung oder während des Transports und in der bereits erwähnten, im "Ernstfall" jederzeit drohenden Gefahr eines feindlichen Treffers in die eigenen Vorräte mit den vorhersehbaren katastrophalen Konsequenzen.

Beide Risiken lassen sich durch die Anwendung der binären Technologie mit großer Zuverlässigkeit aus­schlie­ß­en. Ihr Prinzip besteht darin, nicht den fertigen Giftstoff zu lagern und einzusetzen, sondern seine chem­ischen Vorstufen. Eine "binäre" Gas-Granate enthält nicht Sarin oder ein anderes Nervengift, sondern zum Beispiel lediglich den (völlig harmlosen) Alkohol Isopropanol. Dieser ist durch eine zerbrechliche Wand aus Glas oder Keramik von einem Hohlraum getrennt, der von außen durch einen Schraubverschluß zugänglich ist.

Erst unmittelbar "vor Gebrauch" wird in diesen Hohlraum eine ebenfalls zerbrechliche Kapsel mit einer anderen Chemikalie eingesetzt. Nehmen wir an, es handele sich bei ihr um Methyl-phosphonyl-difluorid. Das Zeug ist zwar selbst nicht ganz ungiftig, aber, wenn man es nicht gerade herunterschluckt, doch relativ ungefährlich. Jedenfalls läßt es sich ohne nennenswerte Probleme auch unter kriegerischen Bedingungen lagern und transportieren. Isopropanol und Methyl-phosphonyl-difluorid sind jetzt also in der Granate untergebracht, aber immer noch durch eine zerbrechliche Wand voneinander getrennt. Auch in diesem Zustand ist das Geschoß noch "harmlos". Es kann von der Bedienungsmannschaft ohne Gefährdung berührt, transportiert und in ein Geschütz oder, als Bombe, in ein Flugzeug geladen werden.

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Erst beim Abschuß, im letzten Augenblick also, ändert sich die Situation. Durch die jähe Beschleunigung beim Abfeuern zerbricht die Trennwand, und die von den Zügen des Geschützlaufs bewirkte schnelle Rotation der Granate — über 200 Umdrehungen pro Sekunde — führt zur blitzschnellen Durchmischung der beiden Ausgangssubstanzen, die sofort chemisch miteinander zu reagieren beginnen. Innerhalb weniger Sekunden entsteht dabei in dem hier einmal angenommenen Fall Sarin.

Der Trick der binären Technologie besteht also darin, die Produktion eines Nervengases bis zum letzten möglichen Augenblick hinauszuschieben und sie an einen Ort zu verlegen — in die Flugbahn des bereits abgefeuerten Geschosses —, an dem das Produkt der eigenen Truppe nicht mehr gefährlich werden kann. Was man abschießt, sind zwei relativ harmlose chemische Substanzen. Was beim Gegner wenige Sekunden später eintrifft, sind einige Kilogramm eines tödlichen Nervengases. Keine Frage: ein erneuter, höchst ingeniöser Fortschritt der Waffentechnik.

Es wirft ein bezeichnendes Licht auf die seelische Verfassung der Verantwortlichen, daß dieser Fortschritt, diese wehrtechnische Erleichterung der Durchführung großflächiger chemischer Ausrottungsaktionen, die Bereitschaft der Amerikaner, auf das sowjetische Vertragsangebot einzugehen, nachweislich nicht etwa gesteigert hat. Bezeichnenderweise war das Gegenteil der Fall. Nachdem bis dahin die Weigerung der östlichen Seite, Verbotskontrollen im eigenen Herrschaftsbereich hinzunehmen, das Zustandekommen eines Vertrages verhindert hatte, half jetzt mit einem Male auch der sensationelle sowjetische Sinneswandel nichts mehr. Der Vorteil, den die Amerikaner plötzlich in der Hand hatten, ließ ihr Interesse an einer Übereinkunft mit dem potentiellen Gegner jählings schwinden.

Wir haben zur Kenntnis zu nehmen, daß nicht etwa das Grauen vor der heute möglich gewordenen Total­desinfektion ganzer Landstriche durch ein bis zu apokalyptischer Perfektion weiterentwickeltes Insektenvertilgungsmittel das Motiv der vorangegangenen Verhandlungsbereitschaft gewesen war, sondern allein die Furcht vor der Möglichkeit, der Gegner werde mit gleicher Münze heimzahlen können. Nachdem die binäre Technik der eigenen Seite einen Vorteil zugespielt hatte, der im Falle einer mit Nervengasen geführten Auseinandersetzung eigene Überlegenheit verhieß, waren alle Gedanken an die Möglichkeit des Einlenkens, an eine Übereinkunft darüber, auf diese widerwärtigste aller denkbaren "Waffen" zu verzichten, augenblicklich wieder vergessen.

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Über die Zulässigkeit der unmenschlichsten und radikalsten Vernichtungsmethode, die der Mensch in seiner an Scheußlichkeiten nicht eben armen Geschichte ersann, wird nicht unter moralischen oder auch nur humanen Gesichtspunkten entschieden. Hinweise auf Hemmungen irgendwelcher Art, das von der Existenz der Nervengase heraufbeschworene Grauen auf die Gegenseite loszulassen, sind weit und breit nicht zu entdecken, weder in dem einen noch in dem anderen Lager. Als Bremse funktioniert einzig und allein die Sorge vor dem "Gegenschlag". Nichts anderes ist der Leitgedanke des sprichwörtlich gewordenen "Gleichgewichts des Schreckens". Es blieb unserem Zeitalter vorbehalten, den durch dieses Motiv (bisher) erzwungenen Verzicht auf die Beseitigung der eigenen Gefährdung durch die Ausrottung des Gegners als "Frieden" zu bezeichnen.

 

Am 8. Februar 1982 erklärte Präsident Ronald Reagan in einer Rede vor dem amerikanischen Kongreß, die Wiederaufnahme der Produktion von Giftgasen (die von den USA 1969 demonstrativ eingestellt worden war) sei im nationalen Interesse der Vereinigten Staaten unumgänglich notwendig. Nach anfänglichem Widerstand der Parlamentarier wurden Ende Juli 1983 die ersten 130 Millionen Dollar für die Herstellung binärer Gasmunition bewilligt. Insgesamt sind für die "chemische Wiederaufrüstung" der Vereinigten Staaten in den kommenden 15 Jahren mehr als zehn Milliarden Dollar eingeplant.

Die Argumentation, mit welcher es der Reagan-Administration gelang, den Kurs des vorangegangenen Jahr­zehnts umzudrehen und dem amerikanischen Bedrohungs­potential jetzt auch die Option einer mit Nervengasen geführten "Auseinandersetzung" hinzuzufügen, erscheint dem gesunden Menschenverstand schwer begreiflich. Wer ihn, den gesunden Menschenverstand, auf Fragen der Sicherheits- oder Friedens­politik anwenden zu können glaubt, muß sich allerdings ohnehin vorhalten lassen, daß seine "naive" Argumentation nur allzu deutlich mangelhafte Kompetenz verrate und daß er gut beraten sei, diesen schwierigen Komplex den damit befaßten Experten zu überlassen.

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Diese Experten haben nun die chemische Wiederaufrüstung der USA mit dem einleuchtenden Argument erfolg­reich in die Wege leiten können, daß erst der Besitz binärer Waffensysteme und die Möglichkeit, mit ihnen drohen zu können, die Russen zu ernsthaften Abrüstungs­verhandlungen auf diesem Gebiet bewegen könne. Ohne diese "neue Generation" der binären Waffen sei die amerikanische Verhandlungsposition zu schwach.

Das alles klingt unseren Ohren seltsam bekannt. "Erst aufrüsten, um dann — aus einer Position der Stärke heraus — abrüsten zu können", das war doch auch das unermüdlich wiederholte Argument der Befürworter einer "Nach"-Rüstung. Einzig und allein die Aufstellung von Pershing-2-Raketen und Marschflug­körpern könne die östliche Seite zu ernsthaften Abrüstungs­verhandlungen zwingen, das war der bis zum Überdruß wiederholte Refrain in den Jahren der "Nach"-Rüstungsdebatte. Das "unbeirrbare Festhalten am zweiten Teil des Doppelbeschlusses der NATO", am Aufrüstungs-Teil also, sei der unbedingt notwendige, der einzige Schritt, der zur Abrüstung führen werde.27)  So damals die "Experten"

Originalton Helmut Kohl (als Gastredner auf dem Parteitag der CSU im Juli 1983 in München): "Es ist eine unerträgliche Arroganz, wenn es Leute gibt, die behaupten, einen anderen Weg zum Frieden zu kennen."

Man weiß, wie es dann kam. Recht behielt der "naive" gesunde Menschenverstand, der die "Arroganz" besessen hatte, auf die logische Wahrscheinlichkeit hinzuweisen, daß die Russen sich durch die "Nach"-Rüstung nicht zum Abbau ihrer bisherigen, sondern im Gegenteil zum Aufbau neuer Raketen veranlaßt fühlen würden. In dem Wahnsystem — diese Klassifikation wird in einem späteren Kapitel noch näher begründet werden — der durch einen längst irrational gewordenen Rüstungswettlauf gekennzeichneten offiziellen Sicher­heits­politik haben derartige Erfahrungen kein Gewicht. 

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Und so ist unsere westliche Schutzmacht derzeit im Begriff, sich auch im Bereiche der Gas-Krieg­führung eine dem phantastischen Aufwand von mehreren Dollarmilliarden entsprechende Overkill-Kapazität zuzulegen, "um die Voraussetzungen zu schaffen, mit den Russen zu einer Übereinkunft über das Verbot chemischer Waffen kommen zu können".28) 

Die Schwierigkeiten, die der gesunde Menschenverstand bei dem Versuch empfindet, sich in diese "Alice-in-Wonderland"-Logik einzufühlen, ist als einigermaßen zuverlässiger und beängstigender Gradmesser anzusehen für das Ausmaß der psychischen Deviation,* die im Lager der offiziellen Sicherheits­experten grassiert und die sich für jeden von ihr noch nicht infizierten Betrachter längst unübersehbar dokumentiert. Auch diese Behauptung wird, ebenso wie die nähere Beschreibung der Natur dieser Deviation* und ihrer Ursachen, noch eingehend zur Sprache kommen.

Aber selbst dann, wenn es gelingen würde, der Einsicht in die gemeingefährlich-wahnsinnige Struktur einer solchen Argumentation einen Weg in die Experten­schädel zu bahnen — eine Möglichkeit, die wir als utopisch ver­werfen können —, selbst dann würde die Bereicherung der Kriegstechnik durch die binären Waffen zur Destab­ilisierung des ohnehin prinzipiell labilen Schreckens­gleichgewichts beitragen, da diese neue Technologie die Möglichkeiten einer sinnvollen Kontrolle durch Inspektionen an Ort und Stelle endgültig obsolet werden läßt.

Die Ursache für diesen durch die neue Waffenart bewirkten politischen Schaden ist identisch mit eben der Eigenschaft, die sie für ein ausschließlich auf militärische Kategorien eingeengtes Denken so attraktiv erscheinen läßt: Sie beruht auf der Harmlosigkeit der Ausgangsstoffe. Eine Fabrik, die Nervengase produziert, ist von Inspektoren, die sich frei bewegen dürfen, relativ leicht aufzuspüren. Die von der ungeheuren Gefährlichkeit des hergestellten Produkts erzwungenen Sicherheitsvorkehrungen sind so aufwendig, daß eine solche Produktionsstätte sich auf die Dauer nicht verbergen ließe.

* (u2008:) Deviation:  1. in der Seefahrt Ablenkung der Kompaßnadel durch die Eisenmasse der Schiffe. 
  2. Abweichung vom normalen Sexualverhalten; wertungsfreier Begriff als Ersatz für Abartigkeit, Perversion u.ä.

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Anders die Situation, wenn es um die Herstellung von Isopropanol geht oder irgendwelchen anderen "Ausgangsstoffen". Produkte dieser Art kann ein mittlerer Waschmittelhersteller sozusagen nebenher "mitlaufen" lassen, ohne daß irgend jemandem etwas auffällt. Und einmal abgesehen von aller Kontroll­möglichkeit: Stoffe wie Isopropanol kann man schlechthin nicht "verbieten". Die US-Army hat denn auch schon werbend darauf hingewiesen, daß sich der Einstieg in die Herstellung von Nervengas-Vorstufen für kleine, spezialisierte Firmen als wahre "Goldgrube" erweisen könne.26 Eine Aussicht, deren Verlockungen sich die angesprochenen Unternehmer ("Wenn ich es nicht mache, sahnt doch bloß die Konkurrenz ab.") gewiß nicht verschließen werden. 

Daß bei dieser neuen Lage in Zukunft noch ein internationaler Vertrag über ein Verbot von Kampfstoffen zustande kommen könnte, wird man leider ausschließen müssen. Seine Voraussetzung, die Möglichkeit einer Überwachung des Verbots, ist hinfällig geworden.  

Es sieht — wie schon gesagt — nicht gut für uns aus.
Ist unsere Uhr also abgelaufen? 
Oder präziser: Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis ein Urteil vollstreckt wird, das wir selbst längst über uns gefällt haben? 

Denn absolute, hundertprozentige Sicherheit verleiht auch das "Gleichgewicht des Schreckens" nicht, die einzige Barriere, die uns von der Exekution der permanent gewordenen Auslöschungs­drohung noch trennt. Nicht einmal seine glühendsten Verfechter sind so kühn, dieses "Gleichgewicht" als eine für beliebige Zeiträume geltende Überlebensgarantie auszugeben. 

Wenn jedoch, so wieder die Logik des gesunden Menschenverstandes, die Sicherheitsgarantie nicht hundert­prozentig ist, dann ist die Vollstreckung mit Hilfe der von uns selbst in unermüdlicher Besessenheit perfektionierten Auslöschungs­mittel aus rein statistischen Gründen nur eine Frage der Zeit. Denn die Möglichkeit unserer Selbstvernichtung kann niemals mehr rückgängig gemacht werden. Für die Realisierung eines noch so gering gedachten Restrisikos steht daher ein beliebig langer Zeitraum zur Verfügung.

Ist das Ende also vorhersagbar? 

Ist es jetzt, da unserer Unmenschlichkeit Mittel zu Gebote stehen, wie noch niemals zuvor in aller bisherigen Geschichte, ist es da nicht unabwendbar, daß wir als "kosmische Unkraut­vertilger"1 früher oder später Hand an uns selbst legen werden, wobei man es noch als stilvolles Detail ansehen könnte, daß die Mittel, deren wir uns in diesem Falle bedienen würden, chemische Abkömmlinge von Insekten­ver­tilg­ungsmitteln sind?

Die Existenz von Cholinesterase-Hemmern und von zielgenauen, Kernsprengstoffe tragenden inter­kont­inent­alen Raketen in einer Gesellschaft, in der die Symptome jener schon beiläufig erwähnten psychischen Deviation immer mehr um sich greifen, das schafft jedenfalls eine Situation, in der es realistisch ist, an die Möglichkeit des Endes der menschlichen Geschichte zu denken.  

Werden wir das "Raumschiff Erde" also, wie Arthur Koestler es formulierte, in absehbarer Zeit in eine Art kosmischen Fliegenden Holländer verwandeln, der mit seiner toten Besatzung durch die Weiten des Sternenmeeres treibt? Wie groß sind unsere Chancen? 

Wir müssen die Behandlung dieser Frage vorerst noch zurückstellen. 

Denn bedroht sind wir nicht nur von den Mitteln, welche die moderne Wissenschaft unserer Aggressivität überantwortet hat. Gefährdet wird unsere Existenz mindestens ebenso von dem Phänomen, das wir als "ökologische Bedrohung" zu bezeichnen uns gewöhnt haben. Der genaueren Beschreibung und Analyse dieser zweiten Gefahr müssen wir uns jetzt zunächst zuwenden. 

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A.Koestler bei detopia 

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