Hoimar von Ditfurth

Essay 1983

für das Buch von Heinrich Albertz

Warum ich Pazifist wurde

Pazifismus - unsere einzige Chance 

Sicherheitsmanie gefährdet unsere Existenz 

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1983:Lorenz

 

 

361-384

Die Beteiligung an einem Buch, das den Titel trägt Warum ich Pazifist wurde, schließt a priori das Geständnis ein, daß man es nicht immer war. Insofern fühle ich mich von diesem Titel getroffen, und zwar gleich in doppeltem Sinne: Er trifft mich zunächst einfach, weil er auf mich paßt. Ich war nicht immer, ich war vor sogar noch ziemlich kurzer Zeit, vor zwei oder drei Jahren, nicht wirklich Pazifist.

Daß Krieg etwas unvorstellbar Furchtbares ist, das hatte ich zwar auf die denkbar gründlichste Weise gelernt. Daß ein Angriffskrieg ein unentschuldbares Verbrechen darstellt, war mir ebenso selbstverständlich. Über all das aber gibt es ja auch keine Diskussion zwischen Menschen, die ihre Sinne beisammenhaben. Aber sind wir deshalb alle schon Pazifisten? Offensichtlich nicht. Denn obwohl niemand den Krieg will, wir alle uns also als friedliebend bezeichnen dürfen, gibt es eine Majorität friedliebender Menschen, die jene Minorität friedliebender Menschen, die sich Pazifisten nennen, mehr oder weniger scharf kritisiert oder sogar, wie in der augenblicklichen Situation, mit heftiger Entrüstung attackiert.

Ich kann das, wofür ich eintrete, wenn ich mich heute als Pazifisten bezeichne, am besten erklären, indem ich versuche, die geistigen Barrieren zu beschreiben, von denen die beiden Lager aus meiner Sicht getrennt werden, obwohl in beiden von ihnen nur friedliebende Menschen existieren. Dabei kann selbstverständlich nur eine höchst subjektive Definition des Pazifismus-Begriffs herauskommen.

Deshalb werde ich hier also zunächst die Gründe aufzählen, die mich bis vor kurzem noch davon abhielten, mir den pazifistischen Standpunkt zu eigen zu machen.

Die Antwort auf die Frage, warum ich Pazifist wurde, soll anschließend dann in der Form erfolgen, daß ich schildere, warum und aufgrund welcher Einsichten alle diese Gründe in den letzten Jahren ihre Über­zeugungs­kraft für mich verloren haben, einer nach dem anderen.

Pazifismus war für mich noch vor wenigen Jahren identisch mit einer nicht nur realitätsfernen, sondern sogar — aller edlen Motive ungeachtet — gefährlichen Geisteshaltung. Setzte sie in der Realität der Welt die Möglichkeiten einer Verwirklichung oder Erhaltung freier, demokratischer Gesellschaftsformen nicht geradezu fahrlässig aufs Spiel? Als Beweis genügte mir der Hinweis auf den Schiffbruch, den die westlichen Demokratien seinerzeit mit ihrer Beschwichtigungspolitik Hitler gegenüber erlitten hatten. 

Wäre dieser Wahnsinnige — und mit ihm unser in seiner Mehrzahl geistig von ihm infiziertes Volk — nicht vielleicht doch von der Versuchung kriegerischer Eroberungen zur Erweiterung unseres "Lebensraums" abzuhalten gewesen, wenn diese Demokratien weniger ihre grundsätzliche Friedensliebe beteuert und dafür lieber über allen Zweifel hinaus ihre Entschlossenheit demonstriert hätten, weiteren Annexionsakten mit Waffengewalt entgegenzutreten? Ist es, so gesehen, wirklich absolut abwegig, von der Verantwortung oder wenigstens von dem Kausalzusammenhang zu reden, der zwischen pazifistischen Aktivitäten und Hitlers Angriffskrieg gesehen werden kann, einschließlich der damit möglich gewordenen verbrecherischen Maßnahmen bis hin zu Auschwitz?

Ließ sich, jetzt wieder auf die gegenwärtige Situation bezogen, im geringsten bezweifeln, daß der Frieden in Europa nur durch die Existenz und die Wirksamkeit des nuklearen Schreckensgleichgewichts seit 1945 erhalten geblieben ist? Und ergab sich daraus etwa nicht der logische Umkehrschluß, daß folglich jeder einseitige Eingriff in dieses Gleichgewicht, also etwa ein westlicher Aufrüstungsstopp ohne Vorleistung des Ostens, den weiteren Erhalt dieses Friedens aufs Spiel setzen würde?

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Hinzu kamen Bedenken angesichts bestimmter, sich aus den jeweiligen Gesellschaftssystemen ergebender Konsequenzen. Eine totalitär organisierte und regierte Gesellschaft hat gegenüber einer Demokratie mit ihren umständlichen und zeitraubenden Entscheidungsabläufen in jeder Auseinandersetzung ohnehin den Vorteil der Geschlossenheit, der Möglichkeit zum sofortigen, dem aktuellen Anlaß angepaßten Reagieren. Sind in dieser Lage pazifistische Tendenzen nicht als Hemmnisse zum Nachteil der Durchsetzungsfähigkeit des eigenen, freiheitlichen Lagers zu beurteilen?

 

Karl Steinbuch, Informatiker und konservativer Publizist, hat erst kürzlich in einem Streitgespräch seine engagierte Ablehnung allen pazifistischen Gedankenguts speziell mit diesem Argument begründet. Er verglich die Situation des westlichen und östlichen Lagers mit der von zwei Kämpfern im Ring, von denen der eine, östliche, mit absoluter Unterstützung rechnen könne, während der andere, der westlich-demokratische Kämpfer, "durch populistische Aktionen" im Sinne von Friedensbewegungen und pazifistischen Aktivitäten in seiner Verteidigungsfähigkeit fortwährend behindert werde.

Dienen Pazifisten, so gesehen, wenn nicht aus Absicht, so doch in der objektiven Konsequenz ihrer Aktionen, nicht den Interessen des potentiellen östlichen Gegners? 

Eng damit zusammen hängt der Eindruck, daß die Einseitigkeit der Kritik an westlichen Rüstungsabsichten — der NATO-Doppelbeschluß steht im Zentrum pazifistischer Kritik, nicht etwa die bereits laufende Aufstellung östlicher Mittelstreckenraketen vom Typ SS-20 — auf "antiamerikanische Tendenzen" schließen lasse. Vielen erscheint es aus diesen Gründen nicht undenkbar, daß "die Friedensbewegung" kommunistisch beeinflußt, wenn nicht gar finanziert wird. So mancher Politiker aus dem konservativen Lager spricht darüber wie über eine feststehende Tatsache.

Als ob das alles noch nicht genügte, gab es noch ein weiteres beachtliches Argument, das es mir schwermachte, die pazifistische Idee ernst zu nehmen. Es bestand in der selbstkritischen Frage, ob es nicht auf eine Anmaßung hinauslaufe, dem eigenen Urteil mehr zu vertrauen als den Aussagen der offiziell Verantwortlichen. Pazifismus steht ohne jede Frage in Widerspruch zur offiziellen Politik unseres Landes. Woher bezieht er eigentlich die Autorität für diesen Widerspruch?

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Über viele Jahre hinweg reichte jeder dieser Gründe für sich allein aus, um mir jeden Gedanken an den Sinn einer pazifistischen Politik schon im Ansatz auszutreiben. Alle zusammen bildeten sie in meinen Augen eine absolut unübersteigbare Barriere. Bis ich dann, Schritt für Schritt, zu erkennen begann, daß diese Barriere nur in meinem Kopf existierte. Daß sie nicht aus objektiv gegebenen Sachverhalten bestand, sondern aus eigenen Vorurteilen und Ängsten.

Diese Erkenntnis war es, die mich zum Pazifisten hat werden lassen.

Ich will versuchen zu beschreiben, auf welchem argumentativen Wege es zu dieser "Umbesinnung" gekommen ist und wie sich die aus der Perspektive eines Pazifismuskritikers unüberwindbar scheinenden Hindernisse, von der anderen Seite aus betrachtet, ausnehmen. Bei dieser Beschreibung der Überwindung eigener Blickverengungen, archaischer Assoziationen und emotionaler Befangenheiten wird dann auch die zweite Bedeutung erkennbar werden, in der mich der Buchtitel trifft: Es wird, so hoffe ich jedenfalls, verständlich werden, daß ich, nachträglich, allen Grund habe, betroffen zu sein von dem Gedanken daran, wie lange ich gebraucht habe, mich zu einem rationalen Standpunkt durchzuringen.

Fangen wir mit der ersten Hürde an:

Daß Hitler sich durch eine entschiedenere Haltung und Reaktion der westlichen Demokratien von seiner Abenteuerpolitik hätte abhalten lassen, ist möglich, jedoch keinesfalls sicher. Bei näherer Betrachtung ist es nicht einmal sonderlich wahrscheinlich. Hitler und seine Helfer waren, wie sich durch unzählige Beispiele belegen läßt, von dem Wahn beherrscht, daß die Realität sich nicht allein nach objektiven Fakten und Zusammenhängen richte, sondern laß sie sich letztlich dem "fanatischen Willen" dessen fügen werde, der, im Bunde mit der "Vorsehung", mutig genug sei, sie herauszufordern. Sie haben bei so vielen Gelegenheiten ihre geradezu verächtliche Geringschätzung gegenüber "bloßen Fakten" und "angeblichen Unmöglichkeiten" ausgesprochen und demonstriert, daß die Annahme wenig Wahrscheinlichkeit für sich hat, sie würden sich ausgerechnet in diesem Fall rational verhalten haben.

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Auszuschließen ist die Möglichkeit aber natürlich nicht. Daher läßt sich auch die Auffassung nicht widerlegen, daß die Pazifisten der zwanziger und dreißiger Jahre dadurch, daß sie die Wehrbereitschaft der westlichen Demokratien vermindert hätten, Mitverantwortung trügen für das, was dann geschah dafür, daß Hitler große Teile Europas vorübergehend unterwerfen und während der Dauer seiner Herrschaft ganze Populationen dezimieren konnte.

Demnach dürfte man also doch, wie unser Jugend- und Familienminister Heiner Geißler es tat, behaupten, daß der Pazifismus der dreißiger Jahre Auschwitz mitverursacht habe?

Ich sehe in der Tat nicht, wie man dem Herrn Minister hier in der Sache logisch widersprechen könnte, wobei in allen Diskussionen über diesen Ausspruch eine entscheidende Voraussetzung bisher allerdings unerwähnt blieb.

Um zu vermeiden, daß die Aussage, Pazifismus sei eine der Mitursachen für Auschwitz gewesen, als unfaßliche Verleumdung mißverstanden werden kann, ist es selbstverständlich erforderlich, mit der gleicher Gewissensschärfe, mit einem nicht geringeren moralischen Rigorismus im gleichen Atemzug auch der zahlreichen anderer Mitursachen und -verursacher des Völkermords zu gedenken.

Ja, die Sensibilität für schuldhafte Zusammenhänge, die sich in Geißlers Äußerung kundtut (wenn sie denn keine Verleumdung gewesen sein soll), zwingt unausweichlich dazu, diese anderer Mitursachen jeweils nach dem Grade der Schuld einzuordnen, die mit ihnen verknüpft ist.

So daß also, lange bevor die Sprache auf die Pazifisten käme, davon zu reden wäre, daß damals ein ganzes Volk Millionen von Mitverursachern für Auschwitz gestellt hat. Jeder von uns, die wir überlebt haben, gehört dazu, und sei es nur deshalb. weil er überlebt hat. Nicht nur jeder Richter, jeder Anwalt und jeder Polizist, sondern auch jeder Kaufmann, jeder Arbeiter und jede Hausfrau. Auch die Soldaten dürfen wir keineswegs vergessen, insbesondere nicht die Frontsoldaten. 

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Jedem von ihnen wäre bei der Anlegung des unerbittlichen Geißlerschen Maßstabes der Todesmut vorzuhalten, mit dem er gekämpft hat, weil eben seine Tapferkeit auch dazu beitrug, die Hitlersche Herrschaft zu verlängern, und weil sie damit ebenfalls zu einer der Mitursachen dafür wurde, daß die Todesmühlen der Konzentrationslager ein wenig länger betrieben werden konnten, als es ohne seinen Einsatz der Fall gewesen wäre. Niemand kann von jeglicher Mitschuld freigesprochen werden, ausgenommen einzig und allein die kleine Schar derer, die aktiv Widerstand leisteten.

Wen die Empfindlichkeit seines Gewissens dazu befähigt, die Abstufungen der Mitschuld an Auschwitz in solcher Vollständigkeit klar zu erkennen, der mag, ganz am Ende der hier nur höchst unvollständig skizzierten Liste, dann auch noch den Rest an Mitverantwortung erwähnen, der — möglicherweise! — für die damaligen Pazifisten in den westlichen Demokratien übrigbleibt. Ich zweifle auch nicht daran, daß ein christlich denkender Pazifist die Demut aufbringen könnte, diesem Gedankengang zu folgen. Ich bezweifle nur, daß der Herr Geißler es so gemeint hat.

Das alles kann hier letztendlich aber unentschieden bleiben. Die Politik des "Appeasement", das Münchener Abkommen und andere Beispiele für den in der Tat aussichtslosen Versuch, Hitler durch Nachgiebigkeit friedfertig zu stimmen, liefern für unsere heutige Situation in Wahrheit keine Lehre. Die Parallelen existieren einfach nicht, die jene wie selbstverständlich voraussetzen, die glauben, aus dem Scheitern der Beschwichtigungspolitik Hitler gegenüber ein Argument für unsere heutige Sicherheitspolitik ableiten zu können.

Frankreich und England waren damals, Hitlers Anfangserfolge belegen es, wirklich nur mangelhaft gerüstet, während Hitler eine Kriegspläne konkret vorbereitete. Heute könnte der Westen dagegen den potentiellen Gegner schon jetzt mehrfach hintereinander töten (und dieser wäre, umgekehrt, auch seinerseits dazu in der Lage).

Wie realistisch ist denn aber nun die Annahme, daß, wenn die Aussicht auf einen fünf- oder sechsmaligen Tod zur Abschreckung eines potentiellen Angreifers nicht genügte, die Fähigkeit zu siebenfacher Ausrottung den Effekt bewirken würde?

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Die heutigen Befürworter einer fortwährenden weiteren Aufrüstung scheinen blind für die Tatsache zu sein, daß sich über den Akt einmaligen Umbringens hinaus grundsätzlich nicht mehr drohen läßt. Während sie den Schrecken objektiv auf immer wahnwitzigere Höhen treiben, haben sie übersehen, daß das Maximum der Möglichkeiten subjektiver Abschreckung längst überschritten ist. Im Klartext: Wenn das, was uns im Westen an Waffen heute zur Verfügung steht, zur Abschreckung eines potentiellen Feindes noch immer nicht genügen sollte, dann wäre Abschreckung prinzipiell nicht mehr, durch keine ausdenkbare zusätzliche Drohung, zu bewirken.

Aber hat das nukleare "Gleichgewicht des Schreckens" etwa nicht dazu beigetragen, daß uns in Europa in den letzten 38 Jahren der Friede erhalten geblieben ist?

Nehmen wir einmal an, es wäre so.

Dagegen — und für die Mitwirkung anderer Ursachen — spricht die Tatsache, daß in der gleichen Zeit in anderen Regionen der Erde fast pausenlos Kriege ausgefochten wurden, denen über zwanzig Millionen Menschen zum Opfer fielen. Aber nehmen wir einmal an, es wäre so. Selbst dann gäbe es für uns nicht den geringsten Grund, diese Feststellung als beruhigend zu empfinden. Denn der Schutz, den die Balance des Schreckens gewährt, ist dem einer Staumauer vergleichbar, mit der wir eine Flutwelle abzuwehren versuchen, die uns zu verschlingen droht. Je länger uns das gelingt, um so höher türmt sich die Flut, und um so höher müssen wir unsere Staumauer aufstocken. Das geht nicht beliebig lange. Und je länger es dauert, um so schlimmer wird die Katastrophe ausfallen, wenn die Sicherung versagt.

Die Rüstungsschraube hat kein Ende.

Der Vermehrung unserer Sicherheit durch Abschreckung dient sie schon längst nicht mehr, kann sie aus den geschilderten psychologischen Gründen längst nicht mehr dienen. Sie dient aber auch keinem anderen mit Vernunft begründbaren Zweck. Der Rüstungswettlauf speist sich, allen anderslautenden, rationalisierenden Rechtfertigungen zum Trotz, längst aus ganz anderen, dunklen und archaischen, tief unter unserer Großhirnrinde gelegenen Quellen. Ich komme gleich darauf zurück.

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Daher werden spätere Historiker — wenn denn welche übrigbleiben sollten — den Sinn des heute so häufig zu hörenden Arguments "Immerhin 38 Jahre Frieden unter dem atomaren Schirm" wahrscheinlich überhaupt nicht mehr verstehen. Eher könnten sie nachträglich auf den Gedanken kommen, daß ein sehr viel früherer Ausbruch der nuklearen Auseinandersetzung, etwa schon anläßlich der Kubakrise von 1962, vorteilhafter für die Menschheit gewesen wäre. Zu diesem Zeitpunkt war das Ausrottungs­instrumentarium noch nicht bis zu jener technischen Vollkommenheit gediehen, auf die hin es von Jahr zu Jahr zunehmend perfektioniert wird.

Denn daß die Katastrophe auf Dauer ausbleiben könnte, ist bei einer Beibehaltung des jetzigen Kurses die unwahrscheinlichste aller Annahmen.

Hochrüstung hat noch kein einziges Mal in der Menschheitsgeschichte einen Krieg verhindert. Wenn daher heute viele Menschen ernstlich zu glauben scheinen, daß es möglich sei, den atomaren Holocaust dadurch zu verhindern, daß man ihn so perfekt wie möglich vorbereitet (wie Franz Alt mit Recht moniert), dann zeigt das nur, wie weit unsere Gesellschaft bereits von aller Vernunft verlassen ist.

Aber liefert dann nicht immer noch Karl Steinbuchs Metapher von den beiden Boxern im Ring ein ausreichendes Argument für die Verwerflichkeit pazifistischer Ideologie? Macht sie nicht unmittelbar augenfällig, aus welchem Grunde ein Pazifist — beseelt von noch so idealistischen, aber eben weltfremden Motiven — unversehens in die Nähe einer Position gerät, die mit Fug und Recht "Verrat an der eigenen Sache", deutlicher: Vaterlandsverrat, genannt werden kann?

Niemandem, der aus dem Steinbuchschen Vergleich diese Folgerung zieht, kann widersprochen werden. Nur: Der Vergleich selbst ist von Grund auf verkehrt.

Er ist so verkehrt, daß keine der Folgerungen, die sein Autor aus ihm ziehen zu können glaubt, auch nur den geringsten Beweiswert besitzt. Denn: Wenn zwei Boxer im Ring stehen, dann deshalb, um zu kämpfen. 

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Die tätliche Auseinandersetzung ist in diesem Fall der einzige, von allen Beteiligten einhellig angestrebte Zweck des ganzen Spektakels. Damit aber zieht die Metapher von den beiden Kämpfern im Ring im Widerspruch zu den Grundregeln logischer Argumentation genau das Gegenteil dessen zum Vergleich heran, was das Gleichgewicht des Schreckens, und zwar ebenfalls nach einhelliger Ansicht aller Beteiligten, bewirken soll: Sein Zweck ist ja gerade der Versuch, den Ausbruch einer realen Auseinandersetzung zu verhindern.

Deshalb wäre es im Falle eines Boxkampfs tatsächlich ein grober Verstoß gegen die Gebote sportlicher Fairneß (und ein Fall von "Verrat", wenn der Verstoß gar von der eigenen Mannschaft ausginge), wenn nicht allseits dafür gesorgt würde, daß die Ausgangs­bedingungen für beide Kämpfer identisch sind. Bei der Konfrontation jedoch, deren Umschlagen in eine nukleare Auseinandersetzung alle, im Westen wie im Osten, aus wohlverstandenem Eigeninteresse zu verhüten trachten, handelt es sich nun unter jedem denkbaren Aspekt eben um alles andere als um einen sportlichen Wettkampf. Deshalb ist es auch nicht zwingend mit "Verrat" gleichzusetzen, wenn Mitglieder einer der beiden Mannschaften "ihren" Kämpfer von einem Verhalten abzubringen versuchen, das ihrer Ansicht nach den von allen angestrebten Hauptzweck (die Vermeidung des Ausbruchs konkreter Feind­seligkeiten) gefährdet.

Alle Vergleiche hinken.

Der folgende aber scheint mir den Sachverhalt doch wesentlich besser zu treffen. Nehmen wir an, jemand geht in einsamer Gegend spazieren und hat zu seinem Schutz einen mächtigen Wachhund bei sich. Unversehens begegnen beide einem Bären. Die beiden gefährlichen Tiere beäugen sich mißtrauisch, umkreisen sich lauernd und geraten dabei zunehmend in eine aus Angst und Wut gespeiste Erregung. Was soll der Mann tun? Wenn er tatenlos zusieht, wird es, so muß er befürchten, zum Kampf kommen, der beiden Tieren das Leben kosten würde und das seine dazu. Wäre er nicht gut beraten, wenn er in dieser Lage versuchte, seinen Wachhund zu beruhigen und dazu zu bewegen, die vorsichtigen Schritte rückwärts zu tun, welche allein die Chance eröffnen, daß auch die ängstlich-aggressive Erregung des Bären vielleicht abklingt? Was für Möglichkeiten hat er denn sonst?

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In diesem Beispiel redet der Mann lediglich seinen Hund an — welchen Nutzen brächte es ihm auch, sich an den Bären zu wenden? Aber hätte deshalb jemand das Recht, dem Mann vorzuwerfen, er "kritisiere" einseitig nur seinen Hund? Und weiter: Dadurch, daß der Mann seinen Hund zu einer Haltung zu bewegen versucht, die den Ausbruch eines blutigen, am Ende für alle tödlichen Kampfes unwahrscheinlicher werden läßt, vertritt er objektiv unzweifelhaft auch die Interessen des Bären, der ja ebenfalls nicht gebissen werden will. Aber kann man dem Mann deshalb "Verrat" an seinem Hund vorwerfen mit der Begründung, er hätte sich in den Dienst der Interessen des Bären gestellt?

Ich bin mir klar darüber, daß die Gültigkeit dieses Vergleichs mit der Begründung in Zweifel gezogen werden kann, daß hier die Aggressivität des Bären unzulässig allein auf seine Angst und sein Mißtrauen zurückgeführt werde. In der Realität hätten wir es eben mit einem seinem Wesen nach angriffslustigen und räuberischen Widersacher zu tun, weshalb jeder Versuch, seine Gefährlichkeit durch die Vermeidung von Anlässen zu Furcht und Mißtrauen zu verringern, schon im Ansatz verfehlt sei.

Dies ist in der Tat der entscheidende Punkt.

Hier scheiden sich die Geister. Wer von der grundsätzlichen Bösartigkeit, einer prinzipiellen Eroberungslust und der "Tatsache" eines systemimmanenten (kriegerischen, nicht revolutionären!) Expansionstriebs des sowjetischen Imperiums überzeugt ist, in dessen Augen freilich ist ein Pazifist kein realistisch argumentierender Gesprächspartner. Wer, wie offenbar namhafte Mitglieder der gegenwärtigen amerikanischen Regierung, das Sowjetreich als "Quelle des Bösen" in dieser Welt betrachtet — was, psychologisch ganz unvermeidlich, die stillschweigende Überzeugung einschließt, daß seine Beseitigung diese Welt von allem Bösen erlösen würde —‚ der muß sich früher oder später in Kreuzzugsphantasien verstricken. Das aber heißt: Er wird früher oder später ganz unvermeidlich anfangen, mit dem Gedanken an mögliche Optionen einer nuklearen Auseinandersetzung spielen. Nur zu spielen, selbstverständlich. Nicht mehr. Zu nächst jedenfalls nicht.

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Seine ursprünglich entschiedene, rational begründete Entschlossenheit, den nuklearen Konflikt als unberechenbares Risiko unter allen Umständen zu vermeiden, wird im weiterer Verlauf dieser Gedankenspiele jedoch unweigerlich von Phantasien aufgeweicht werden, die ihm die Vernichtung des Gegners unter bestimmten Bedingungen als möglich, das heißt als unter vertretbarem eigenem Risiko durchführbar erscheinen lassen. Das aber ist genau der klassische, der uralte psychologische Trampelpfad, auf dem der Krieg herbeikommt. Auf den er in der vieltausendjährigen Menschheitsgeschichte wieder und wieder über die Menschen hereingebrochen ist.

Kriege brechen in Köpfen aus, lange bevor der erste Schuß fällt. Die ersten klassischen Symptome einer "Vorkriegszeit" —  das heißt also die ersten Fälle einschlägiger Gedankenspiele — sind bereits zu konstatieren.

Wer‘s nicht glauben will, lese - als einziges von mehreren Beispielen - den Artikel "Victory is possible" von Colin S. Gray, Abrüstungsberater (!) der amerikanischen Regierung, erschienen im März 1980 in der angesehenen US-Zeitschrift "Foreign Policy" (deutsch unter dem Titel "Sieg ist möglich" im Dezemberheft 1980 der Blätter für deutsche und internationale Politik).

wikipedia  Colin_S._Gray 1943-2020

Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, beeile ich mich zu betonen, daß mir die Vorstellung, unter den Bedingungen des sowjetischen Gesellschaftssystems leben zu müssen, nach wie vor als Alptraum erscheint.

Daran hat sich für mich nichts geändert. Radikal geändert haben sich dagegen meine Ansichten über die Wege, die uns offenstehen, um aus den unserer Sicherheit drohenden Gefahren herauszukommen.

Für pazifistisch halte ich da zuallererst die Einsicht — aus persönlicher Erfahrung bin ich fast versucht, von einer Entdeckung zu sprechen —‚ daß die Gefahr keineswegs allein von potentiellen Gegner ausgeht. Hitler ist auch hier wieder die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Das Altherren-Kollektiv in Kreml ist gewiß nicht als primär friedfertig zu charakterisieren.

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Auch dafür, daß diese Männer sich bei ihren Entscheidungen in nennenswertem Maße von moralischen oder humanitären Vorstellungen leiten ließen, gibt es keine greifbaren Anhaltspunkte. Das Gesellschaftssystem, das sie, fraglos wider besseres eigenes Wissen, als Arbeiterparadies und Zukunftsmodell für die ganze Menschheit ausgeben, ist längst nichts anderes mehr als ein Reich der Unterdrückung individueller Rechte und menschlicher Würde. Über das alles braucht nicht diskutiert zu werden. Daß diese Führungsmannschaft nun aber sozusagen Tag und Nacht nur darauf lauerte, uns bei der ersten günstigen Gelegenheit überfallen zu können, diese Annahme halte ich, deutlich sagt, für den Schulfall einer Wahnvorstellung.2

Die Möglichkeit einer "Eroberung" der ganzen Welt — konzipiert von Anfang an nicht durch kriegerische Aggression, sondern durch die "revolutionäre" Verbreitung der angeblich zukunftsweisenden und menschheitsbefreienden eigenen Ideologie — existiert heute allenfalls noch als nostalgische Erinnerung in den Köpfen einiger Veteranen aus den glorreichen Tagen der Großen Revolution. Wer könnte heute noch übersehen, daß das Sowjetreich sich längst zu einer "normalen" imperialistischen Weltmacht gemausert hat, in der ideologische Formeln und Rituale zur bloßen Dekoration verkommen sind, verwendbar darüber hinaus allenfalls noch zur Benebelung der Köpfe einiger naiver Schwärmer im fernen Ausland, die von der Realität des real existierenden Sowjet­kommunismus keine realistische Vorstellung haben.

Eine normale imperialistische Weltmacht also. Kein Ungeheuer mit mythischen Fähigkeiten. Gefährlich, skrupellos auf den genen Vorteil bedacht, zur Kooperation oder gar zum Einlenken nur dann und nur insoweit bereit, als dabei für den eigenen Nutzen etwas abfällt. "Normal" eben.

Gewiß kein Kontrahent, demgegenüber mangelhafte Wachsamkeit ratsam wäre. Ein potentieller Gegner, der den Gedanken  an die Möglichkeit, Frieden ohne Waffen schaffen zu können, für den Augenblick verbietet. Der eine totale einseitige Abrüstung zu einem selbstmörderischen Akt werden ließe. Ein Gegner andererseits jedoch, dessen bedrohliche Haltung wir im dringenden eigenen Interesse nicht ausschließlich, wie es bei uns die Regel ist, losgelöst von unserer eigenen Rolle betrachten sollten.

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Pazifistisch ist für mich die Besinnung darauf, daß zum Streiten immer zwei gehören. Eine triviale Feststellung, gewiß. Aber wer von uns beherzigt sie schon, wenn es um "die Russen" geht? Pazifistisch ist für mich eine geistige Haltung, die, unter anderem, den Gedanken ernst nimmt, daß alles, was im vorangegangenen Absatz gesagt wurde, in beliebiger Austauschbarkeit für beide Seiten gilt. Oder könnte ein "objektiver" Sicherheitsexperte — utopische Vorstellung auch dies — heute etwa den Russen ernstlich empfehlen, einseitig abzurüsten? (Ich beschränke diese Austauschbarkeit hiermit ausdrücklich auf den sicherheitspolitischen Aspekt und widerspreche vorsorglich der voraussehbaren Unterstellung, ich betrachtete die beiden Gesellschaftssysteme unter irgendwelchen anderen Aspekten als austauschbar.)

Niemand will den Krieg. Den Amerikanern glauben wir das bereitwillig. Aber auch den Russen dürfen wir die Versicherung abnehmen. Denn alle wissen, daß ein Krieg mit nuklearen Waffen — und Nervengasen — beide vernichten würde und darüber hinaus den größten Teil der übrigen menschlichen Zivilisation. Trotzdem ist der Eindruck unabweislich, daß die Spannung immer mehr zunimmt, daß die Gefahr einer kriegerischen Entladung ständig zu wachsen scheint. Der Eindruck, daß wir schon nicht mehr in einer Nachkriegszeit, sondern in einer Vorkriegszeit leben. Niemand will den Krieg. Wie ist es zu erklären, daß er trotzdem, gegen den glaubhaften Willen aller, wie ein unabwendbares Verhängnis immer näher zu kommen scheint? Ein Pazifist ist für mich jemand, der es in dieser hochemotionalen Lage fertigbringt, gleichsam einen Schritt zurückzutreten, um die Situation objektiv ins Auge fassen zu können. Jemand, der es für notwendig hält, sich aus der Atmosphäre noch so verständlicher Furcht und noch so berechtigter Entrüstung mit einer Art rationalen Klimmzugs zu erheben, um die Situation von allen Seiten zugleich in den Blick zu bekommen.

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Wer das tut, der wird einer bis dahin unsichtbar gebliebenen Asymmetrie gewärtig. Der erkennt mit Erschrecken, daß der Kurs, den wir verfolgen und den beide Seiten unbeirrbar beizubehalten entschlossen scheinen, unweigerlich in die — von niemandem gewollte — Katastrophe führen muß. Denn aller Streit, aller Verhandlungspoker, aller Druck und ebenso alles Mißtrauen kreisen doch um ein von allen Beteiligten als unverzichtbare Voraussetzung einer Konflikt­vermeidung angestrebtes Rüstungsgleichgewicht.

Der Frieden könne, darüber immerhin scheint zwischen den Parteien Einigkeit zu herrschen, nur dann als gesichert gelten, wenn das "Gleichgewicht des Schreckens" erhalten bleibe oder, je nachdem, wiederhergestellt werde. Wenn aber die Gewährleistung dieses Gleichgewichts wirklich die Voraussetzung dafür sein sollte, daß uns der atomare Holocaust erspart bleibt, dann gnade uns Gott. Denn dieses Gleichgewicht ist objektiv nicht erreichbar. Es ist ein Phantom.

Ursache seiner Irrealität ist eine uns allen angeborene Asymmetrie des Angsterlebens. Zwischen der Angst, die ich an mir selbst erlebe, und der Angst eines anderen, von der ich lediglich weiß, klaffen Welten. Das mag unlogisch sein, psychologisch ist es allemal. Die Situation, in der ich mich befinde, wenn ich mir mit noch so großer Phantasie vorstelle, ein Zahnarzt bohre mir auf dem Nerv, und die Situation, in der er das wirklich tut, haben trotz äußerlich deckungsgleicher Übereinstimmung in Wahrheit kaum etwas miteinander gemein. In dem gleichen Sinne ist stets auch nur die eigene Angst real. Die Angst eines anderen bleibt ihr gegenüber ein blasser Schemen.

Daher erlebt jeder von uns die Rakete in der Hand des Gegners unmittelbar als lebensbedrohendes Potential. Die Fähigkeit jedoch, die angstauslösende Wirkung realistisch einzuschätzen, die von der gleichen Rakete in der eigenen Hand ausgeht, ist in der menschlichen Psyche fatal unterentwickelt. Ich weiß, da ich der Besitzer meines eigenen Kopfes bin, was in diesem vorgeht. Ich weiß daher auch, daß ich meine Rakete mit der ausschließlichen Absicht in der Hand halte, mich notfalls mit ihr verteidigen zu können. Angesichts der Rakete in der Hand des Gegners ist mein Wissen sehr viel weniger vollständig. Der Inhalt seines Kopfes ist mir nicht unmittelbar zugänglich, so daß meine Angst mir rät, vorsichtshalber mit der schlimmsten Möglichkeit zu rechnen.

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Aus dieser angeborenen und daher unaufhebbaren Asymmetrie folgt zwingend, daß sich auf lebensgefährlich dünnem Eis bewegt, wer ein atomares Rüstungsgleichgewicht zur Grundlage unserer Überlebenschancen machen will. Die trotz aller Ergebnislosigkeit beiderseits unverdrossen fortgesetzte Raketenzählerei ist deshalb so sinnlos, weil sie auf der total verfehlten Annahme beruht, daß sich ein Bedrohungsgleichgewicht rechnerisch festlegen lasse, während es in Wahrheit eine subjektive Erlebnisqualität darstellt, für die ganz andere als arithmetische Gesetze gelten.

Auf welcher Ebene auch immer das Gleichgewicht numerisch hergestellt würde, keines der beiden Lager könnte jemals aufhören, die Bedrohung, der es ausgesetzt ist, für unvergleichlich viel größer zu halten als die Bedrohung, die von ihm selbst ausgeht. Jedes der beiden Lager wird daher wie schon in der Vergangenheit so auch in Zukunft der in seinen Augen zwingenden Logik nachgeben, derzufolge es notwendig ist, die aus der eigenen Perspektive unübersehbare Differenz der Bedrohungspotentiale durch eigene "Nach"-Rüstung auszugleichen. Und jede wird den gleichen Schritt immer dann, wenn die jeweils andere Seite ihn tut, unweigerlich als das Symptom einer gegnerischen Aggressivität interpretieren, die um so provozierender empfunden wird, als man davon überzeugt ist, selbst keinerlei Anlaß für einen neuerlichen Rüstungsschritt geliefert zu haben.

Das ist der Motor, der das Karussell des Rüstungswettlaufs in Bewegung hält. Dies ist der wichtigste Grund, aus dem alle Abrüstungsverhandlungen ergebnislos oder mit halben Kompromissen, ausnahmslos aber mit Resultaten enden, die im Endeffekt ein "Mehr" an Rüstung bedeuten. Dieser Mechanismus ist die Ursache der unausbleiblichen, daher vorhersehbaren und inzwischen ja auch von niemandem mehr ernsthaft bestrittenen Tatsache, daß es der Nachrüstungsteil des — von

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seinen Initiatoren bekanntlich zur Auslösung eines Abrüstungsschrittes konzipierten — NATO-Doppelbeschlusses ist, der verwirklicht werden wird. Auch da mag es in letzter Minute wieder einen Verhandlungskompromiß in Gestalt irgendeiner "Zwischenlösung" geben. Das endgültige Resultat jedoch wird abermals in einer Vermehrung des bisherigen Vernichtungspotentials bestehen.

Die gebräuchliche Redewendung vom "Ausbrechen" eines Krieges stellt eine nicht unbedenkliche semantische Irreführung lar. Im Unterschied zu feuerspeienden Bergen, auf die wir keinen Einfluß haben, brechen Kriege mitnichten aus. Sie werden gemacht, und zwar nachweislich von Menschen. Auch das Tätigkeitswort "machen" darf jedoch in diesem Zusammenhang nicht unbedenklich benutzt werden, das heißt nicht ohne differenzierendes Nachdenken über den genauen Sinn, der ihm beigelegt werden soll.

Natürlich gibt es Kriege, die in dem Sinne "gemacht" werden, wie man ein Feuer "macht": planmäßig vorbereitet, bewußt ausgelöst, gerichtet auf ganz bestimmte Kriegsziele. Der Krieg, dessen Ausbruch wir heute zu fürchten haben, ist jedoch von anderer Art. Er gehört nicht in die Kategorie der Versuche, "die Politik mit anderen Mitteln fortzusetzen". Die von vielen Mlenschen empfundene besondere Unheimlichkeit der wachsenden Spannung, die unserer Gegenwart die Atmosphäre einer Vorkriegszeit" verleiht, rührt vielmehr gerade daher, daß wir alle das Näherkommen eines "Kriegsausbruchs" zu spüren glauben, den niemand will, den ausnahmslos alle fürchten und der dennoch, wenn es dazu kommen sollte, ebenfalls ohne jeden Zweifel von Menschen "gemacht" sein würde. Es kann sich bei dieser Situation, historisch gesehen, übrigens nicht um einen seltenen oder gar einen Ausnahmefall handeln. Wie hätte die Sprache sonst die Wendung vom "Ausbruch" eines Krieges hervorbringen können?

Welcher Sinn dem "Machen" in unserem Fall beizulegen wäre, ergibt sich mittelbar aus der vorangegangenen Analyse der Asymmetrie menschlichen Angsterlebens. Hier sind wir wieder an einem Punkt angelangt, an dem die Geister sich scheiden.

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Aufrüstungsbefürworter vom Schlage eines Caspar Weinberger oder des Mannes, der seinen Part im Ostblock übernommen hat, dürfen als die Wortführer jener gelten, welche davon überzeugt sind, die jeweils andere Seite sei dabei, einen Krieg in dem Sinne zu "machen", daß sie ihn planmäßig und in der Absicht vorbereite, ihn bei günstiger Gelegenheit "ausbrechen zu lassen". Direkte Folge dieser im Westen wie im Osten vorherrschenden Auffassung ist die permanente Fortsetzung der Rüstungseskalation in einer Lage, in der niemand den Krieg will, den diese alles vernünftige Maß und jedes objektiv berechtigte Sicherheitserfordernis übersteigende Anhäufung von Vernichtungsmitteln nichtsdestoweniger früher oder später unweigerlich "ausbrechen lassen" muß.

Diese verhängnisvolle Ursachenkette zu sprengen, hat nur der eine Chance, der sich über die Asymmetrie des Bedrohungs­erlebens klargeworden ist. Erst ihm steht die Möglichkeit frei zu erwägen, daß der Rüstungsbefürworter auf der Gegenseite (und auf der eigenen Seite!) vielleicht nicht deshalb zu seiner Entscheidung gekommen ist, weil er drohen will, sondern weil er das in seinen Augen bestehende Bedrohungsübermaß irrtümlich für objektiv gegeben hält, anstatt es als bloße Projektion der von seinem eigenen Sicherheitsbedürfnis mobilisierten Ängste zu durchschauen.

Hier, wie gesagt, scheiden sich die Geister.

Mir scheint, daß an keiner anderen Stelle die Grenze klarer hervortritt, die das Lager der friedfertigen Nicht-Pazifisten von dem der Pazifisten trennt. Der Nicht-Pazifist bewegt sich — aus pazifistischer Perspektive — innerhalb eines Kreises, in dem die von der Psyche des Beobachters unmittelbar gelieferte Auslegung der realen Situation gleichsam für bare Münze genommen wird. Für ihn gilt die eherne Regel, daß erlebte Bedrohung identisch ist mit realem Bedrohtsein. Reales Bedrohtsein aber verlangt mit unwiderleglicher Logik eine entsprechende Nachrüstungsreaktion. Das Wort Schillers: "Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt" ist eine unübertroffene Zusammenfassung dieser Weltsicht.

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Der Pazifist dagegen ist davon überzeugt, daß bei dieser Betrachtung der Dinge der entscheidende Punkt übersehen wird. Wenn man, so etwa würde er argumentieren, von der Asymnetrie nichts weiß, die jedes Urteil über die eigene Sicherheit ganz unvermeidlich färbt, dann vergißt man leicht, daß wir nicht nur Nachbarn haben, sondern daß wir auch selbst Nachbarn sind, auf die sich die von dem Sprichwort formulierte psychodynamische Beziehung genau in der gleichen Weise anwenden läßt. Ich glaube, man kann sagen, daß kein Pazifist ist, wer die Spiegel­bildlichkeit dieser Situation grundsätzlich in Abrede stellt. Wer sie bestreitet, gibt sich durch einseitige Schuldzuweisung zu erkennen: Er produziert Feindbilder. Wer aber an Feindbildern festhält, mag den Frieden noch so sehr herbeiwünschen — er wird nur ratlos oder auch verzweifelt erleben, daß alle seine Bemühungen die Erfüllung seines Wunsches in immer unerreichbarere Ferne rücken lassen.

Die Erklärung für dieses dem Nicht-Pazifisten paradox erscheinende Phänomen — das dann, hüben wie drüben, alsbald die Suche nach Sündenböcken auszulösen pflegt und damit nur neue Feindbilder entstehen läßt — fällt leicht, wenn man die Situation sozusagen von außen betrachtet: Der unser aller Leben bedrohende Rüstungswettlauf ist seinem Wesen nach das Produkt einer emotionalen Eskalation, die von der asymmetrischen Struktur menschlichen Angsterlebens so lange weiter in Gang gehalten werden wird, bis entweder eine nukleare Katastrophe oder unsere Einsicht in die uns beherrschende psychodynamische Verstrickung ihn beendet.

Das sind die Alternativen, vor denen wir stehen. Die Wahl, sollte man denken, ist leicht. In Wahrheit aber besteht aller Grund zum Pessimismus.

Denn selbst dann, wenn die Grenze, welche die entmutigend große Mehrheit der Mitmenschen vom pazifistischen Standpunkt heute noch trennt, von dieser Mehrheit durchschaut würde, wäre noch nicht allzuviel gewonnen. Entscheidend ist die Frage, ob eine ausreichende Mehrheit sich dann aufraffte, das Lager zu wechseln. Der Bereitschaft aber, diese Konsequenz zu ziehen, stehen nicht lediglich kognitive Barrieren, die sich durch Reflexion durchschauen lassen, sondern aus sehr viel tieferen Wurzeln stammende psychische Widerstände im Wege. Der Schritt von der Einsicht zum Entschluß ist immer strapaziös. In diesem Falle ist die Sorge nicht unbegründet, daß er die Mehrzahl der Menschen überfordern könnte.

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Innerhalb des Bannkreises, in dem ein friedliebender Nicht-Pazifist sich bewegt, ist das Weltbild geschlossen und stimmig. Die Argumente der Nachrüstungs­befürworter sind innerhalb dieses geschlossenen Systems bündig und logisch unwiderlegbar. Ihre innere Stabilität bezieht diese Welt zudem aus dem ältesten und mächtigsten zwischenmenschlichen Bindemittel, das es gibt: aus der solidarisierenden Kraft gemeinsamer Überzeugungen und Ängste. Den Tatbestand der Übereinstimmung der eigenen Überzeugungen und Emotionen mit denen der übrigen Mitglieder des gleichen Kollektivs belohnen archaische Zentren in unserem Hirnstamm mit dem überwältigenden Gefühl der Geborgenheit und der Selbstbestätigung. Dieser psychologische Mechanismus funktioniert, wohlgemerkt, gänzlich unabhängig von der Frage, ob die jeweiligen Überzeugungen richtig oder die jeweiligen Emotionen berechtigt sind.

Auch diese archaischen Programme halten nicht nur Zuckerbrot bereit; sie machen seit grauer Urzeit ebenso von der Peitsche Gebrauch. Die Kehrseite der Belohnung durch das bergende Solidarisierungserlebnis ist der psychologische Automatismus des "Anstoßes", den jeder auslöst, der von der in seinem Kollektiv herrschenden Übereinstimmung nennenswert abweicht. Aus der Sicht des Kollektivs rückt er in die Rolle eines Verräters, er selbst erfährt an sich den Entzug bergender, unbefragbarer Selbstbestätigung. Speziell das Gefühl der Isolierung, des Ausgeschlossenwerdens von der bisherigen Gemeinschaft, kann, da der Mensch seiner Natur nach ein animal sociale ist, eine schwere Belastung darstellen.

Die auffallende Ungehemmtheit, mit der manche sonst ganz manierliche, sich womöglich gar ausdrücklich als Christen bezeichnende Mitmenschen gegen pazifistische Positionen polemisieren können, und ebenso die mitunter geradezu befreit anmutende einhellige Zustimmung, die ihnen aus ihren Kreisen auch noch für als bösartig anzusehende Verleumdungen

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zuteil zu werden pflegt, läßt sich anders als durch die Wirksamkeit dieser archaischen, aus der Frühzeit unseres Geschlechtes auf uns überkommenen psychologischen Mechanismen überhaupt nicht verstehen.

Mit diesen Widerständen aber bekommt es zu tun, wer seine pazifistische Auffassung aus Überzeugung an den Mann bringen will.

Die Angst, die einen dabei befallen kann, ist nicht die Angst vor Verleumdung und übler Nachrede. Daß man als "von der anderen Seite bezahlt" verdächtigt oder als "Vertreter sowjetischer Interessen" beschimpft wird, daran gewöhnt man sich mit der Zeit (wenn es gewiß auch angenehmere Erfahrungen gibt).

Nein, die eigentliche Angst, die man dabei bekommen kann, bezieht sich auf die Frage, welche Chancen man eigentlich hat, sich in einer solchen im Nu von Entrüstung und Verdächtigungen angeheizten Atmosphäre überhaupt Gehör zu verschaffen.

Alle diese Überlegungen bilden zugleich schon einen Teil meiner Antwort auf den letzten Einwand, auf die so oft zu hörende Frage, mit welchem Recht sich die Mitglieder der Friedensbewegung eigentlich kritisch gegen die offizielle Sicherheitspolitik wenden. Woraus sie den Anspruch ableiten, klüger zu sein als die offiziell bestellten Sicherheitsexperten.

Hier ist zunächst eine Gegenfrage angebracht, nämlich die Frage danach, woraus der Fragesteller denn eigentlich auf eine überlegene Qualifikation der Politiker in diesem Punkt schließe. Der augenblickliche Zustand der Welt berechtigt kaum zu der Vermutung, daß diese Qualifikation besonders ausgeprägt sein könnte. Liegt der Verdacht nicht viel näher, daß die Entwicklung gerade im Bereich der Sicherheitspolitik den Verantwortlichen längst aus den Händen geglitten ist und daß sie sich auf eine verhängnisvolle, unkontrollierbare Weise selbständig zu machen begonnen hat?

Wichtiger aber ist mir auch in diesem Zusammenhang der Hinweis auf die auf den letzten Seiten versuchte Analyse der psychologischen Strukturen, die dazu führen können, daß Kriege von Menschen "gemacht" werden, die keinen Krieg wollen. Um dieser Strukturen überhaupt ansichtig zu werden, ist es erforderlich, aus dem Kreise herauszutreten, innerhalb dessen sie ihre Wirkung entfalten. Das Aufgabenfeld eines Politikers aber liegt wesenhaft innerhalb dieses Kreises.

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Ein Politiker ist gleichsam per definitionem "Partei". Übliche Voraussetzungen einer politischen Karriere sind die Entschlossenheit und die Fähigkeit, den Maximen und Wertmaßstäben, mit denen man sich durch den Beitritt zu einer der existierenden politischen Gruppierungen identifiziert hat, in jeder konkreten Situation Geltung zu verschaffen. 

Erfolg wird daher in der Regel nur dem Politiker zuteil, der sich weder durch Einwände noch durch kritische Argumente davon abbringen läßt, an diesen Grundsätzen auf Biegen oder Brechen festzuhalten. Für uns alle ist diese Art "politischer Charakterfestigkeit" Voraussetzung politischer Glaubhaftigkeit.

In der Geschichte gibt es nun aber Situationen, in denen bisherige Tugenden sich zu Schwächen verkehren können. Dies etwa dann, wenn die Existenz neuartiger Vernichtungsmittel den Krieg als Möglichkeit einer "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" aufhebt und ihn auf die absurde Möglichkeit reduziert, einen globalen Massenselbstmord inszenieren zu können. Eine solche Entwicklung setzt alle seit Jahrhunderten gültigen Spielregeln zwischenstaatlicher Sicherheitspolitik außer Kraft. Damit aber verliert die Fähigkeit, Gegenargumente grundsätzlich abzuwehren, wenn sie bisherigen Grundsätzen widersprechen, in diesem Punkte mit einem Male allen Wert. Unter diesen Umständen wird nunmehr zum Überlebensvorteil die Bereitschaft, Gegenargumente auch dann ernsthaft zu durchdenken, wenn sie allem diametral widersprechen, was die bisherige Erfahrung einen gelehrt hat.

Ein Politiker jedoch, der, und sei es unter dem Eindruck eines ihn überzeugenden Arguments, seine Meinung und seinen Standpunkt wechselt, handelt sich im Handumdrehen den Ruf eines "Umfallers" ein. Es dürfte kaum einen Verdacht geben, den ein Berufspolitiker mehr zu fürchten hätte. Politischer Instinkt und Berufserfahrung haben ihn gelehrt, daß nichts seine Karriere ernstlicher gefährden kann als der Zweifel an seiner Prinzipientreue. 

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Man braucht nur einmal an den typischen Ablauf eines Abstimmungsprozesses in einem unserer Parlamente zu denken. Jeder der Abgeordneten, die da ihre Stimme abgeben, ist nach Recht und Gesetz und sicher auch nach eigener Überzeugung einzig und allein seinem Gewissen verantwortlich. Und dann stimmen sie ab — Fraktion für Fraktion als geschlossener Block, als wenn alle Gewissen je nach Parteizugehörigkeit in diesem Augenblick im gleichen Takt schlügen. Ich will das gar nicht kritisieren. Ich erwähne es nur als augenfälliges Beispiel für den in der Welt der Politik herrschenden unwiderstehlichen Zwang zur Solidarisierung mit der von der Mehrheit des eigenen Lagers vertretenen Meinung. Angesichts eines kritischen Vorhalts oder Gegenarguments ist die sofortige Widerlegung, das "Abschmettern" des Einwands, die wichtigste Tugend eines auf seine Karriere bedachten Politikers, nicht etwa die Bereitschaft hinzuhören oder gar die, sich umstimmen zu lassen.

Das sind keine guten Voraussetzungen für den radikalen Umlernprozeß, den unsere Gesellschaft in verzweifelt kurzer Zeit zu absolvieren hat, wenn wir überleben wo1len.

Ich sehe nicht, wer uns retten könnte, wenn wir es nicht selbst tun.

Ich sehe nicht, wie uns noch geholfen werden könnte, wenn das im vollen Sinne des Wortes wahnsinnige Wettrüsten nicht sehr bald beendet wird. Ich kann keinen Grund erkennen, der sich dagegen anführen ließe, daß wir alles in unseren Kräften Stehende dazu beitragen.

Auch dann, wenn das nach Lage der Dinge nur bedeuten kann, daß wir uns der bei uns im Westen bevorstehenden "Nach"-Rüstung mit allen uns zur Verfügung stehenden legalen Mitteln widersetzen.

Auch dann, wenn man uns dann abermals nachsagen wird, wir verträten die Interessen des Gegners.

Auch dann, wenn man uns wiederum unterstellen wird, wir seien "vom Osten gesteuert" (oder gar bezahlt).

Denn wer aus dem Bannkreis archaischer Bedrohungsängste und kollektiver Solidarisierungszwänge erst einmal herausgefunden hat, der erkennt, daß die geplante "Nach"rüstung, die zu unserer Sicherheit nicht das geringste würde beitragen können, nur eine einzige Wirkung hätte: Sie würde das Aufrüstungskarussell erneut in Schwung bringen, da kein noch so friedenswilliger Politiker und keine noch so große Verhandlungskunst verhindern könnten, daß sie von der anderen Seite als Akt einer "Vor"-Rüstung aufgefaßt werden würde, der dort einen erneuten "Nach"-Rüstungsschritt zwingend geboten erscheinen ließe.

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Im Interesse unserer Sicherheit, der Sicherheit der ganzen Menschheit, ist heute nichts dringlicher, als den Wahn des Wettrüstens zu beenden. Nur dann würden wir die Atempause gewinnen, um in einer sich allmählich entspannenden Atmosphäre ernsthaft über weniger selbstmörderische Methoden zur Sicherung des Friedens nachdenken zu können.

Der von mehr als dreitausend Natur­wissen­schaftlern, darunter mehreren Nobelpreisträgern und Hunderten bedeutender Wissenschaftler aus der Bundes­republik, den USA und anderen Ländern am 2./3.Juli 1983 in Mainz abgehaltene Kongreß zu Fragen der Friedens­sicherung und Rüstungs­problematik hat in mehreren Arbeitskreisen erste und überzeugende alternative Möglichkeiten erarbeitet.

Im Vordergrund standen dabei Möglichkeiten einer Verteidigung unserer nationalen Sicherheit mit Waffensystemen, deren unbestreitbar defensiver Charakter nicht automatisch mit einer Bedrohung der Gegenseite identisch wäre und die daher die Aussicht steigern könnten, größtmögliche Sicherheit vor einem kriegerischen Überfall zu schaffen, ohne zugleich Bedrohungs­ängste beim potentiellen Gegner auszulösen.

Die offizielle Politik unseres Landes hat von diesem Kongreß und seinen Ergebnissen, wie fast zu erwarten, bisher keine Kenntnis genommen.

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Ein letztes Wort zum Schluß.

Alles, was in diesem Beitrag zur Frage der Friedenssicherung aus pazifistischer Sicht gesagt worden ist, hätte sich selbstverständlich auch sehr viel kürzer sagen lassen. Es hätte genügt, darauf hinzuweisen, daß es ein aberwitziges Mißverständnis ist, davon auszugehen, daß Frieden sich durch die Aufrecht­erhaltung einer in jedem Augenblick zu exekutierenden Ausrottungsdrohung herstellen oder bewahren ließe. Daß Frieden — nicht die bloße Abwesenheit von Krieg unter einem Schutzschirm blanken Terrors, sondern wirklicher Frieden — nur für den erreichbar ist, der selbst friedfertig ist, und daß wir vielleicht deshalb im atomaren Holocaust untergehen werden, weil wir alle dazu nicht fähig sind.

Das wäre dann aber eine "moralische" Argumentation gewesen, mit der ich die meisten derer, die ich gern ansprechen würde, nicht erreicht hätte. 

Denn die Meinung, daß moralische Argumente in der Politik nichts zu suchen haben, ist weit verbreitet, und so habe ich mich bemüht, meinen pazifistischen Standpunkt (wenn er diese Bezeichnung verdient) rational zu begründen, obwohl das sehr viel umständlicher ist. 

Für mich besteht zwischen den beiden Beweiswegen kein wirklicher Unterschied. Als überzeugter Moralist hänge ich frohgemut der bisher - meines Wissens - nicht widerlegten Theorie an, daß der nach Ansicht aller unbefriedigende Zustand der Welt sich bessern ließe, wenn es gelänge, der Auffassung zum Durchbruch zu verhelfen, daß moralische Gebote einen entschieden höheren Grad an Zweckmäßigkeit enthalten als jede rational ausdenkbare Verhaltensregel.

Die seit nunmehr zweitausend Jahren zu konstatierende Vergeblichkeit aller Versuche, die Welt mit rationalen Strategien allein zweckmäßig zu ordnen, sollte Anlaß genug sein, die Alternative ernstlich in Erwägung zu ziehen. Ich weiß, daß die meisten Menschen den Gedanken daran für utopisch oder sogar naiv halten. Vielleicht ist er es. Trotzdem überfällt mich ein Frösteln, wenn ich höre, wie leicht es den meisten fällt, ihn zu verwerfen.

Denn so, wie die Dinge stehen, wäre er unsere letzte Chance. 

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Pazifismus: unsere einzige Chance - Sicherheitsmanie gefährdet unsere Existenz  (1983)  Von Hoimar von Ditfurth