Iring Fetscher

 

Überlebensbedingungen der Menschheit
Ist der Fortschritt noch zu retten?

1976-1991

Wikipedia.Autor  *1922 am Neckar bis 2014 (92)

DNB.Person   DNB Nummer (234)

Bing.Autor    Goog.Autor 

 

detopiaUmweltbuch

F.htm     Sterbejahr

 

O.K.Flechtheim   Erhard.Eppler

Maurice Blin 

    

  

 

 

 

 

 

 

 

Weitere Bücher:

 

1957:  Von Marx zur Sowjetideologie

1990:  Utopien, Illusionen, Hoffnungen - Plädoyer für eine politische Kultur in Deutschland. (308 Seiten)

1995:  Neugier und Furcht. Versuch, mein Leben zu verstehen

 


 

taz.de Nachruf  


 

aus wikipedia 2015: 

Iring Fetscher war der Sohn des Mediziners Rainer Fetscher, der in Dresden eine Professur für Sozialhygiene bekleidete, am 26. Februar 1934 aber aus dem Hochschuldienst am Pädagogischen Institut Dresden (zur Volksschullehrerausbildung) entlassen wurde, da er Gegner der Nationalsozialisten war. Seine Lehrtätigkeit mit Professorentitel an der Allgemeinen Abteilung der Technischen Hochschule Dresden endete 1936.

Iring Fetscher besuchte 1928–1932 die Volksschule in Dresden, anschließend das König-Georg-Gymnasium im Stadtteil Johannstadt bis zum Abitur und 1940 noch eine Dolmetscherschule. Danach meldete er sich mit 18 Jahren kurz nach seiner Aufnahme in die NSDAP (Mitgliedsnummer 7.729.137) freiwillig in Altenburg bei einem Feldartillerieregiment als Offiziersanwärter bei der Wehrmacht; seine anfängliche Begeisterung für den Offiziersberuf konnte er nach eigenem Bekunden später nur noch schwer nachvollziehen.

Fetscher war in Artillerieregimentern in den Niederlanden, Belgien und der Sowjetunion eingesetzt. Das Kriegsende erlebte er in Kopenhagen.

Nach der Entlassung aus britischer Kriegsgefangenschaft studierte Fetscher zunächst Humanmedizin; anschließend Philosophie, Germanistik, Romanistik und Geschichte an der Sorbonne in Paris und an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Am 11. September 1947 vollzog Fetscher im Kloster Beuron die Konversion zum katholischen Glauben.

1948 wurde er Assistent bei Eduard Spranger, bei dem er 1950 mit einer Arbeit über Hegels Lehre vom Menschen promoviert wurde.

Zu Studienzwecken hielt er sich viel in Paris und Frankreich auf. 1959 folgte die Habilitation mit der Schrift Rousseaus politische Philosophie.

Fetscher war zunächst wissenschaftlicher Assistent und Lehrbeauftragter an den Universitäten Tübingen (1949–1956) und Stuttgart (1957–1959). 1963 wurde er als Professor für Politikwissenschaft und Sozialphilosophie an die Universität Frankfurt berufen,[4] wo er bis zu seiner Emeritierung 1987 blieb.

Seine Forschungsschwerpunkte bildeten politische Theorie und Ideengeschichte. Diverse Gastprofessuren führten ihn u. a. an die New School for Social Research in New York (1968/1969), nach Tel Aviv (1972), an das Netherlands Institute for Advanced Study Wassenaar (1972/1973), an das Institute for Advanced Study der Australian National University in Canberra (1976) und an das Institute for European Studies der Harvard University (1977).

Fetscher war Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland. Mit Vollendung seines 90. Lebensjahres bestimmte er, dass sein literarischer Nachlass dem Deutschen Literaturarchiv Marbach übergeben werde.

Fetscher war verheiratet mit Elisabeth Fetscher, geborene Götte (1929–2010). Gemeinsam hatten sie vier Kinder, darunter die Journalistin Caroline Fetscher.[6] Das Grab von Iring und Elisabeth Fetscher befindet sich auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.

 

Ab 1963 Professor für Politikwissenschaft und Sozialphilosophie an die Universität Frankfurt, wo er bis zu seiner Emeritierung 1987 blieb. Seine Forschungsschwerpunkte bildeten politische Theorie und Ideengeschichte.

Werk

Iring Fetscher fand zu seinem späteren Hauptthema – Marx und Marxismus – durch einen Artikel in <Les Temps Modernes>, in dem der französische Ideenhistoriker Henri Arvon auf eine, wie Fetscher in seinem ersten wissenschaftlichen Beitrag berichtet, „unerklärliche Lücke in der Marx-Forschung“ hinweist: die Klärung der Bedeutung von Max Stirner für die theoretische Entwicklung von Karl Marx.

Fetscher widmete sich dann zwar nicht der Schließung dieser Lücke, wurde jedoch zu einem der führenden westlichen Erforscher der Lehren von Marx und der von ihnen abgeleiteten Doktrinen.

Zu seinen bekanntesten Schriften zählen <Von Marx zur Sowjetideologie> (1957) und das dreibändige Werk <Der Marxismus; Seine Geschichte in Dokumenten> (1963–1968).

1985 gab Fetscher zusammen mit Herfried Münkler das fünfbändige Standardwerk Pipers Handbuch der politischen Ideen heraus.

In seinem Buch <Überlebensbedingungen der Menschheit> (1991) rekonstruiert er ökologische Positionen in der Marx’schen und kritischen Theorie und thematisiert die kapitalistischen Grundlagen der Umweltzerstörung. Weitere Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Tätigkeit waren Studien über Rousseau, Hegel und Hobbes.

Eine hohe Bekanntheit in der Bundesrepublik erreichte er auch durch eine häufige Präsenz im Fernsehen, wo er Themen wie Mitbestimmung, den Terrorismus der RAF und „die Grenzen des Wachstums“ kommentierte.

Fetscher positionierte sich „gegen Konservatismus und gegen Kommunismus“. Er beteiligte sich häufig an den Frankfurter Römerberggesprächen.

Mitte der 1990er Jahre begann Fetscher, sich öffentlich intensiver mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen und legte 1995 unter dem Titel <Neugier und Furcht. Versuch, mein Leben zu verstehen> einen Lebensbericht vor>.

Politisches Engagement

Fetscher war 1946 in die SPD eingetreten,[11] beriet Willy Brandt, als dieser noch in Berlin tätig war,[12] arbeitete an der Seite von Erhard Eppler als Mitglied der SPD-Grundwertekommission[13] und beriet die Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt. Als Mitglied der von der sozial-liberalen Bundesregierung eingesetzten Kommission zur Erforschung der geistigen Ursachen des Terrorismus besuchte er zusammen mit dem Sozialphilosophen Günter Rohrmoser den in Haft sitzenden Horst Mahler. Rohrmoser und Fetscher verfassten zusammen mehrere Bücher.

Sonstiges

Durch sein „Märchen-Verwirrbuch“ Wer hat Dornröschen wachgeküßt? (1972), das bis 1990 eine Auflage von 250.000 erreichte, wurde Fetscher einer weiteren Öffentlichkeit bekannt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum Tod des Politologen Iring Fetscher 

taz.de/!142799  Nachruf 2014

Er holte Karl Marx aus den ideologischen Schützengräben, beriet die SPD und interessierte sich früh für Ökologie. Nun ist Iring Fetscher gestorben.

 

Vor einigen Jahren sagte der damals 90-jährige Politikwissenschaftler Iring Fetscher am Rande der Beerdigung eines 81-jährigen Kollegen: „Die jungen Leute sterben uns weg.“ Das war ein typischer Satz für Fetschers Humor und seinen Optimismus: Mit 81 ist man jung und mit 90 nicht alt – auf jeden Fall nicht so alt, dass man nicht mehr selber Auto fahren könnte. Fetscher verabschiedete sich, stieg ein und fuhr weg.

Iring Fetscher wurde am 4. März 1922 in Marbach am Neckar geboren und wuchs seit seinem zweiten Lebensjahr in Dresden auf, wo sein Vater bis zu seiner Entlassung durch die Nazis am Hygienischen Institut arbeitete. In seiner Autobiografie von 1995 („Neugier und Furcht. Versuch, mein Leben zu verstehen“) beschrieb er sich in seinen Kinderjahren als „ängstlicher Außenseiter“ und schlechter Schüler. Als Heranwachsender begeisterte er sich zeitgemäß für Schopenhauer, Nietzsche und Oswald Spengler.

Als 18-Jähriger meldete er sich freiwillig zur Wehrmacht mit dem festen Wunsch, Offizier zu werden. Rund zwei Fünftel seines autobiografischen „Versuchs, sich selbst zu verstehen“ sind der militärischen Ausbildung und dem Krieg gewidmet, in dem er es bis zum Oberleutnant der Artillerie brachte. Er erlebte den Krieg im Osten, im Westen und im Norden und geriet bei Kriegsende für kurze Zeit in britische Gefangenschaft.

Im Herbst 1945 kam Fetscher nach Dresden zurück, wo er erfuhr, dass sein Vater „am letzten Kriegstag, als die ’bedingungslose Kapitulation‘ bereits vereinbart war, von einer in den Trümmern Dresdens herumirrenden SS-Streife erschossen worden war“.

Der Schock verstärkte Fetschers „schon während der letzten Kriegsjahre erwachte Religiosität“. Die Sinnsuche und Sinnkrise endete mit der Konversion zum Katholizismus.

Trotzdem studierte er beim aufgeklärten Kulturprotestanten Eduard Spranger in Tübingen. Entscheidend für sein Dissertationsthema („Hegels Lehre vom Menschen“, 1950) wurde seine Begegnung mit dem legendären Hegel-Interpreten Alexandre Kojève während eines Auslandssemesters 1948 in Paris. Nach der Promotion arbeitete Fetscher als wissenschaftlicher Assistent und Lehrbeauftragter an den Universitäten Tübingen (bis 1956) und Stuttgart (1957–59).

1959 habilitierte er sich mit seiner Arbeit über „Rousseaus politische Philosophie. Zur Geschichte des demokratischen Freiheitsbegriffs“. Das Buch erlebte zahlreiche Auflagen und ist bis heute ein Standardwerk der Rousseau-Literatur geblieben. Fetscher interpretierte Rousseau nicht als Theoretiker der modernen Demokratie, sondern als Kritiker der alten feudalen Gesellschaft und der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft, der mit der kapitalistischen Dynamik das ethische Fundament und das politische Augenmaß abhandengekommen sei.

1963 wurde Fetscher als Politikwissenschaftler auf einen Lehrstuhl in Frankfurt berufen, den er bis zur Emeritierung 1988 behielt, obwohl ihn zahlreiche Rufe anderer Universitäten erreichten.

Unverstellter Blick auf Marx' Theorie  

Gegen konservativ-staatsfromme Strömungen in der bundesdeutschen Politikwissenschaft zogen Fetscher und zahlreiche seiner Schüler, die Professor wurden (Walter Euchner, Eike Hennig, Dieter Senghaas, Gert Schäfer, Rainer Eisfeld und andere), dem Fach solide demokratisch-emanzipatorische Fundamente und Verstrebungen ein.

Schon mitten im Kalten Krieg – seit Mitte der 50er-Jahre – beschäftigte sich Fetscher mit Marx und dem Marxismus und trug damit dazu bei, die Diskussion über die Marx’sche Theorie, die bis dahin nur aus ideologischen Schützengräben und antikommunistischen Festungen heraus geführt worden war, auf ein wissenschaftliches Niveau zu heben.

Fetscher gehörte zu den Herausgebern und Autoren der seit 1954 erscheinenden „Marxismusstudien“. In seinem mehrfach wiederaufgelegten Sammelband „Karl Marx und der Marxismus“ präsentierte er seine Aufsätze aus den „Marxismusstudien“.

Viele dieser Aufsätze sind auch in andere Sprachen übersetzt worden, weil sie einen vom Marxismus-Leninismus-Konstrukt unverstellten Blick auf Marx’ Theorie ermöglichten und den fundamentalen Widerspruch zwischen „marxistischer Theorie und sowjetischer Praxis“ ins Zentrum stellten.

Bereits Fetschers Antrittsvorlesung in Tübingen widmete sich dem Thema „Marxismus und Bürokratie“ (1959). Er zeigte darin, dass „Marx und Engels leidenschaftliche Gegner der Bürokratie“ waren und dass die bürokratische Inszenierung unter den Etiketten „real existierender Sozialismus“ oder „Marxismus-Leninismus“ vor allem dazu diente, „die Parteidemokratie lahmzulegen“ und einer autoritär herrschenden Oligarchie den Weg zu ebnen.

Die sowjetische Praxis widersprach der – zumindest zeitweise – selbst von Lenin vertretenen Auffassung: „Besonders wichtige Fragen […] müssen, will man wirklich demokratisch handeln, nicht durch Entsendung von Vertretern, sondern durch die Befragung aller Parteimitglieder entschieden werden.“ (Lenin 1907)

Fetscher erkannte den akademischen und politischen Knechten Stalins in Moskau und Pankow rundweg den Anspruch ab, als Marx’ Erbschaftsverwalter aufzutreten, und rettete die emanzipatorischen Züge der Marx’schen Theorie für eine kritische Gesellschaftstheorie.

Fetschers Buch „Von Marx zur Sowjetideologie“ (1956) erlebte bis heute über zwanzig Auflagen und wurde ebenso zum Klassiker wie die dreibändige Anthologie „Der Marxismus. Seine Geschichte in Dokumenten“ (1963–68), die abgelegene Texte sozialistischer Theoretiker und Politiker wieder zugänglich machte. 1966 gab Fetscher eine preisgünstige vierbändige Marx-Studienausgabe heraus, um den Studenten die Scheu vor den 42 blauen Bänden der Werkausgabe zu nehmen.

Berater von Willy Brandt

Neben wissenschaftlichen Arbeiten verfasste Fetscher auch launige Bücher wie „Wer hat Dornröschen wachgeküsst? Das Märchenverwirrbuch“ (1974) und „Der Nulltarif der Wichtelmänner“ (1982) – eine sprach- und ideologiekritische Universitätssatire. Beide wurden Bestseller.

Fetscher war in erster Linie Forscher und Lehrer. Er beriet jedoch auch Politiker wie Willy Brandt und Helmut Schmidt und gehörte der SPD-Grundwertekommission an – SPD-Mitglied war er seit 1946, gelegentlich mit argen Bauchschmerzen.

Ausgestattet mit einem Sensorium für politische Stimmungen und Wechsellagen, erkannte Fetscher früh die Bedeutung von ökologischen Fragen. Er sammelte seine Arbeiten dazu unter anderem in dem Band „Überlebensbedingungen der Menschheit“ (1980) und beanspruchte damit nicht, „definitive Antworten“ zu liefern, sondern lediglich, „das Krisenbewusstsein“ zu vertiefen und die damals noch fast ungebrochen hergebetete kapitalistische Fortschritts- und Wachstumsideologie theoretisch und politisch zu entzaubern.

Für sein wissenschaftliches Wirken wie für sein politisches Engagement als Citoyen wurde Fetscher mehrfach geehrt: unter anderem mit der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt (1992), mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (1993) und mit dem Hessischen Verdienstorden (2003). Der Aufklärer und demokratische Sozialist Iring Fetscher hat die BRD mitgeprägt wie wenige andere Intellektuelle. Er starb am Samstag im Alter von 92 Jahren. ###

 

 

 

 

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