Maurice Blin 

Die veruntreute Erde

Der Mensch zwischen 
Technik und Mystik 

Geleitwort von Iring Fetscher 

Orig.: <Le travail et les dieux> 

1976 im Verlag Aubier-Montaigne, Paris 

1977 bei Herder  

 

1976 290+10 Seiten

fr.Wikipedia.Autor  *1922 in den Ardennen bis 2016 (94)

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Maurice Blin, 2006 

Dieses Buch wurde von Herbert Gruhl sehr gelobt. (d-2013)

Übersetzung aus dem Französischen von Rosi Tscheer


Inhalt

Geleitwort von Iring Fetscher  (3)

Vorwort von M. Blin (7)

Einleitung  (11)

Schlußwort: Geschichte und Übernatur  (284)

Anmerkungen (291)


1. Vom Leben zum Menschen - Die Ökonomie des Lebens  (19)  

2. Die vorindustrielle Gesellschaft  (32) 

Der Mensch zwischen Waffe und Werkzeug (32) 
Überleben und Lebenserhaltung (42)
Die biblische Synthese (62)

3. Das Mittelalter - Eine Kultur im Bann des Übernatürlichen  (75) 

Vom Kloster zur Stadt  (75) 
Die höfische Tapferkeit  (93)  
Das Werk des Alchemisten  (101)

4 Technik und Mystik (113)

Die Renaissance: Weltmagie und Gottesglaube  (113)
Die Wissenschaft: Vernunft und Offenbarung (121) 
Die Reformation: das Heil und die guten Werke (139)

5.  Die Industriegesellschaft (155)

Rarität und Überfluß (155)  Kultur und Zähmung der Kräfte (157) 

Das rasche Wachstum des dritten Sektors (168)  "Entökonomisierung" (174) 

Inflation und Wachstum  (178)  Dienst und Heil (185) 

Produzieren und verbrauchen: Tun, Scheinen, Sein  (195)

6.  Kultur und Natur  (208) 

Technik kontra Natur (208)  Der Widerstand der Zeit (216) 

Rolle und Beruf  (220)   Universität und Schule  (231)

7.  Freiheit und Schicksal  (238)

Technik und Politik (238)  Die Magie des Sozialen (253)

8.  Entfremdung und Wandel (267)

Das Werden und die Vernunft (267)  Form und Energie (276)

 


 

 

 

    

Geleitwort    

1977 von Iring Fetscher  (1922-2014)

3-4

Maurice Blin ist dem deutschen Publikum unbekannt, nur deshalb erschien es mir sinnvoll, seinem bewegenden, anregenden und nachdenklichen Buch ein Geleitwort voranzuschicken. Der Verfasser verbindet in seltener Weise philosophische Reflexion, historischen Überblick und politischen Sachverstand, den er in langjähriger Abgeordnetentätigkeit bewiesen hat. 

Das Thema seines Buches "Die veruntreute Erde. Der Mensch zwischen Technik und Mystik" ist zugleich eine Geschichtsphilosophie, eine Theorie des Wandels der Gesellschaftsstrukturen vom Neolithikum bis zur Gegenwart sowie des damit verbundenen Wandels der religiösen Vorstellungen und ein aufrüttelnder Appell an die Europäer von heute, ihre weltweite Verantwortung wieder ernst zu nehmen und die Folgen ihres "wissenschaftlich-technischen Abenteuers" kritisch zu bedenken. 

Dabei kommt dem Christentum, das - aus der jüdischen Religion hervorgegangen - eine einmalige Synthese der religiösen Vorstellungen voragrarischer Jägervölker mit den großen agrarischen Religionen vollzieht, eine zentrale Schlüsselrolle zu. Nur auf diesem geistigen und sozialen Boden - nur hier im Abendland - konnte jene Verbindung von Heilssuche und Weltbeherrschung angestrebt und realisiert werden, der wir die moderne technisierte Welt mit all ihren Errungenschaften und Bedrohungen verdanken. 

Maurice Blin zeigt, wie Einsichten von Marx, von Freud, von Sartre und anderen zwar jeweils Detailaspekte richtig diagnostiziert haben, aber doch den eigentlichen Grund jener Dynamik verkannten, die in der europäischen Geschichte zum Ausdruck kam.

Die Suche nach Rettung in der Übernahme außereuropäischer Kulte und Praktiken erscheint Blin zu Recht als eine feige Flucht vor der Verantwortung. Ebensowenig scheint ihm die resignative Hinnahme europäischer Dekadenz notwendig zu sein, die gerade wieder einmal von modischen Denkern seines Heimatlandes proklamiert wird. Die Dialektik des Fortschritts, die uns iatrogene Krankheiten, vom Menschen erzeugte Schäden, eine irreparabel werdende Bedrohung der Natur, Angst und Entfremdung unter den Individuen beschert hat, ist kein bloßes Schicksal, "Selbstvergiftung" und "Selbstzerstörung", die heute reale Möglichkeiten der Menschheit geworden sind, müssen nicht sein. 

Die Umkehr, die Metanoia, zu der Maurice Blin aufruft, ist zugleich eine religiöse und eine schlicht überlebens­notwendige: 

"Von nun an muß das menschliche Handeln sich selber eine Regel auferlegen und eine Grenze setzen. Der Mensch früherer Zeiten gab der Natur im Opfer einen Teil dessen zurück, was er ihr genommen hatte. Der Mensch von heute muß selber eine Erneuerung der Natur einleiten, um die er sie gebracht hat. Eine gesellschaftliche und kulturelle Form wird in Zukunft die industrielle Technik der Gewalt umgrenzen. Die Rückkehr des Menschen zur Natur kann jetzt nur noch eine Rückkehr des Menschen zu sich selber sein" (S. 283).

Der prometheische, neuzeitliche Mensch hat die eine Hälfte des biblischen Gebotes "Macht Euch die Erde Untertan" erfüllt, aber die andere, die Übernahme der Verantwortung für sein Tun bislang verweigert. In der älteren Zivilisation blieb das Tun immer dem Sein untergeordnet, erstmals in unserer Gegenwart sieht sich der Mensch "angesichts des plötzlichen Einbruchs einer Technik, die imstande ist, seine Natur zu verändern und ihn zu vernichten, einem Problem gegenüber, auf das er keine Antwort weiß" (S. 284). 

In dieser Lage hilft nur eine Besinnung auf die biblische Ontologie. Die technisierte Menschheit, so formuliert es Blin, hat "das Bündnis aufgelöst, das sie mit der Welt verband, und sieht sich nun unter Androhung der Todesstrafe dazu verurteilt, es wiederherzustellen, d.h. auf die absolute Ausübung ihrer Freiheit zu verzichten. Das religiöse Gebot früherer Zeiten wird zur historischen Lebensnotwendigkeit" (S. 290). Nie zuvor ist der Zusammenhang der von vielen noch immer verdrängten Überlebensprobleme der technisierten Menschheit mit unserer religiösen Tradition so deutlich herausgearbeitet worden wie von Maurice Blin. Das Christentum unterscheidet sich von den meisten anderen Weltreligionen dadurch, daß es nicht (oder doch nicht primär) zur Weltflucht, sondern zur Weltverantwortung aufruft. Das war nie bequem und ist es heute weniger als je. Wir können uns der historischen Verantwortung nicht entziehen. Wer das Buch von Maurice Blin gelesen hat, wird nicht nur diese wesentliche Überzeugung mit nach Hause nehmen.

Frankfurt, im Herbst 1977, 
Iring Fetscher  

4


   

Vorwort     von Maurice Blin

7-9

Die Industriegesellschaft scheint die Bande zerrissen zu haben, die in den voraufgegangenen Gesellschaftsformen den Menschen mit der Arbeit und mit den Göttern verband. Die Wissenschaft hat ihn von der Sklaverei der Arbeit befreit, ihm jedoch auch die Ehrfurcht vor den Göttern genommen. In einem einzigen Ansturm hat sie die Bereiche der Wirtschaft und des Religiösen durcheinandergebracht. Indem die Wissenschaft von der ganzen Erde Besitz ergriff, verwischte sie die Spuren des Göttlichen.

Dieselbe Freiheit, die uns einmal berauscht hat, flößt uns heute Schrecken ein. Denn wie unsere Vorfahren sind auch wir der Erde verhaftet; auch wir kommen nicht umhin, uns die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen. Allein, auf diese seit alters gestellte Frage vermag unsere Zivilisation keine Antwort zu geben. Das Leben mit seinem gemächlichen Rhythmus und seinen Ungereimtheiten erweckt ihren Argwohn; die Aussicht auf den Tod ist für sie unerträglich geworden. Daher rührt das Unbehagen, obwohl die Biologie, die Ethnologie, die Soziologie, die Geschichtswissenschaft, das heißt die Wissensgebiete, die die Aufgabe haben, die Vergangenheit zu erklären, sich eines wachsenden Interesses erfreuen und die Werke mit Analysen und Prognosen der Krise unserer Gesellschaft in immer größerer Anzahl erscheinen. So geht der Sinn für das technologische Abenteuer, das vor vier Jahrhunderten von Europa aus begonnen hat, in dem Augenblick verloren, in dem der Planet seiner Faszination erliegt.

Wir versuchen hier, ein wenig Licht und Klarheit dahinzubringen, wo heutzutage Unordnung und Verwirrung herrschen. Wozu ein solches Unterfangen, da wir doch bis jetzt das Beste unserselbst auf berufliche und politische Aktivität verwandt haben?

Offensichtlich ist der Moment gekommen, Bilanz zu ziehen. Während vieler Jahre haben wir mit vielen andern uns bemüht, aus Frankreich eine Industrie­nation zu machen. Wir glaubten, daß ein ausgesöhntes Europa in der Welt wieder etwas zu sagen hätte. Gewiß war nichts von all dem vergebens. Unser Land hat die Zeit gut angewandt. Das Gespenst eines Krieges ist aus Europa gewichen.

Indessen haben weder der wiedergewonnene Überfluß noch der wiedergefundene Friede vermocht, Europa eine Seele und eine Bestimmung zurückzugeben. Es stellt ein politisches, soziales und wirtschaftliches System in Frage, das zwar erfolgreich war, aber nun vor einem Zivilisations­problem steht. Manchmal hat Europa den Eindruck, daß es einer Welt angehöre, die nicht nur endlich, sondern am Ende sei.

Europa ahnt dunkel, daß es seine Zukunft nicht auf den Träumen von gestern aufbauen kann. Es hat zwar über Not und Elend gesiegt, bezahlt diesen Sieg jedoch mit einer sittlichen und geistigen Verarmung, die es dahinbringt, an sich selber zu zweifeln. Europa fühlt sich all den Formen von Zweifel und Gewalt gegenüber nicht mehr stark genug.

In der Kultur, in der Politik sowie in geistigen Belangen hat Europa der Welt nichts mehr zu sagen, und sie leidet darunter; es war doch Europa, das während vier Jahrhunderten für die ganze Welt gesprochen hat. Die beiden Großmächte, die es umgrenzen, haben ihre Grundlagen von Europa, obwohl sie einander entgegengesetzt sind. Die Industriegesellschaft hat in Amerika und in Asien zwar den Raum und die Mittel gefunden, die ihr eine schrankenlose Entfaltung erlaubten, jedoch kann allein in der Vergangenheit Europas die Antwort auf die Fragen gefunden werden, die ihr Siegeszug aufwirft. 

Auch bietet die Kultur, aus der es hervorgegangen ist, den Schlüssel hierfür. Es bleibt Europa vorbehalten, dem Menschen von heute wieder den Sinn für das weltweite Geschick zu erschließen, das die Begründer der Wissenschaft, der Technik, der Kunst, der politischen und sozialen Einrichtungen unserer Zeit geprägt hat, waren sie doch, alle seit dem 16. Jahrhundert bis auf unsere Tage Europäer.

Auf den folgenden Seiten versuchen wir, dies zu skizzieren, wobei wir uns um eine allgemein verständliche Darstellung und Sprache bemüht haben. Was fruchtet in der Tat die Bereicherung durch Wissenschaften, die heute in voller Entfaltung stehen wie die Biologie oder die Soziologie, wenn dadurch nicht unser tägliches Leben bereichert wird? Das gilt auch für die Theologie, die lange Zeit das Wissen im Westen beherrscht hat; denn alle Anzeichen sprechen dafür, daß sie diese Stellung wieder einnehmen wird. 

Gewisse Darlegungen, die den Spezialisten zu knapp erscheinen mögen, werden vom Laien mehr Aufmerksamkeit verlangen. Wenigstens war es stets unser Bemühen, verständlich zu sprechen. Ist uns dies gelungen? Der Leser mag darüber urteilen. Jedenfalls widmen wir diese Seiten dem Manne und der Frau, die sich in der Auseinandersetzung mit Problemen befinden, wie sie unseren Vätern unbekannt waren, dem Menschen von heute, der freier, verantwortungs­bewußter ist und sich deshalb mehr Gedanken über die Zukunft macht, als dies jemals der Fall war.

9

 Maurice Blin  

 

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