Joachim G. Leithäuser 

Im Gruselkabinett der Technik

Kritische Bemerkungen zur Mode
des romantischen Pessimismus 

Zeitschrift <Der Monat>
Heft 29
Februar 1951
Seite 474-486

1951  12 Seiten

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detopia:   Artikel als pdf  

L.htm   Umweltbuch  

 

William.Vogt.Survival  

>Der Monat - Eine internationale Zeitschrift für Politik und geistiges Leben< (1948-1971) wurde während der Berlin-Blockade gegründet und war als publizistisches Produkt des kalten Krieges strikt antikommunistisch ausgerichtet. Zu den Autoren zählten Theodor Adorno, Heinrich Böll, Max Frisch, George Orwell. 1967 kam ans Licht, dass die Zeitschrift über amerikanische Stiftungen letztlich von der CIA finanziert wurde. Herausgeber: Lasky Melvin, Ort: Berlin.

 

 

Das klingt wunderlich, ist es aber keinesfalls.

Friedrich Georg Jünger <Die Perfektion der Technik>

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Das letzte Mal war es eine Eiszeit, die das Menschengeschlecht zur Wahl zwischen Untergang und Anpassung zwang. Heute ist es die Technik.

Glücklicher­weise gibt es immer eine Chance für die Erhaltung der Gattung Mensch, solange die Umweltveränderungen sich langsam vollziehen. Dank dieser dem Geist gewährten Galgenfrist und den Anstrengungen einiger außergewöhnlich erfindungsreicher Einzelwesen haben es die Hominiden der Frühzeit geschafft. 

Für uns sind die Aussichten etwas trüber, denn unsere Leistungen in Wissenschaft und Technik sind großartig — und gerade sie gestalten die Welt um —, während es in den sozialen und politischen Bezirken erbarmungswürdig schlecht aussieht. 

Die Intellektuellen — von denen man doch wohl eine Änderung dieses beschämenden Zustands erwarten könnte — sind im Strudel der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umschichtungen zumeist den allgemein verbreiteten wirren psychologischen Reaktionen erlegen, sie haben nicht einmal die allererste, zur Beherrschung der Situation notwendige Leistung vollbracht: eine nüchterne und sachgemäße Analyse der Technik.

Optimisten wie Pessimisten sind bei der Beurteilung und Bewertung der Technik gleichermaßen vorschnell: die einen preisen ihren Segen, die andern verfluchen ihre Bösartigkeit. Nun kann man mit einem Messer sowohl Brote wie Kehlen durchschneiden; im Falle der Technik sehen die modernen Pessimisten aber nicht nur das Messer an der Kehle, sondern schreiben ihm auch noch allerlei Mordabsichten zu. Da aber Objekte bekanntlich keine eigenen Absichten haben, muß man die Auslegungskünste solange spielen lassen, bis als belebendes Prinzip eine leibhaftige "Dämonie" der Technik zustande kommt. 

Darin nun unterscheiden sich die Pessimisten von den Optimisten: während diese gar nicht daran denken, dem brotschneidenden Messer einen immanenten "guten Geist" anzuheften, sind die Pessimisten auf solche magischen Zutaten angewiesen. Sie scheiden sich dabei in zwei Gruppen: die der Geisterseher, die das animistische Übersoll der Technik als erfüllt betrachten, und die der Enttäuschten, die das Fehlen eines "immanenten Ethos" bemängeln.

Mißtrauen gegen die Technik ist heute — nach zwei überwiegend technischen Weltkriegen nicht unberechtigterweise — groß in Mode.

Seit den zivilisations-pessimistischen Schriften der Ortega y Gasset, Paul Valéry, Aldous Huxley, Arnold J. Toynbee, u.a. ist die Verdammung der Technik selbst bei der erfolgshaschenden Belletristik zum tragenden Element geworden. 

Bei uns in Deutschland wurde unter Führung von Friedrich Georg Jünger zu einem veritablen antitechnischen Kreuzzug geblasen. 

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Wenn auch in letzter Zeit einige Forscher, an der Spitze der Nobelpreisträger Otto Hahn, diesem Strom entgegentraten, so ist die Sachlichkeit ihrer Argumente doch von dem Verdacht überschattet, sie seien parteiisch. Damit bleibt nur noch jenes unverzagte Häuflein zur Verteidigung der Technik übrig, zu dem vor allem Max Bense (1) und Franz Borkenau (2) zu rechnen sind; auch Eugen Diesel mahnt bei aller Skepsis gegen den Fortschrittsglauben: "Lösen wir uns doch endlich einmal von einer veralteten und unfruchtbaren Diskussion über die Technik." (3)

Wie sehr das technische Denken in die letzten Verteidigungspositionen zurückgedrängt wurde, zeigt sich am deutlichsten darin, daß sogar sein Zusammenhang mit der abendländischen Geistesentwicklung nachgewiesen werden muß. 

Die technische Revolution ist nicht äußerlich aufgepfropft; Borkenau zeigt auf, daß sie "von innen", aus dem Geistigen, kommt, und "eben darum bleibt sie nicht am Rande der Kultur stecken, sondern erfüllt die ganze Geschichte des Abendlandes als ihr zentrales Thema und wird schließlich zu ihrer größten Leistung". 

Daß die Technik organisch im Gesamtgefüge unserer Kultur wurzelt, weist Max Bense überzeugend nach: nur aus der kontinuierlichen intellektuellen Tradition des Abendlandes war die technische Entwicklung möglich. Solche Selbstverständlichkeiten müssen heutzutage bewiesen werden, weil die Fähigkeit zur sachlichen Analyse weitgehend verlorengegangen zu sein scheint. 

Das aufgespeicherte Unbehagen an der modernen Welt macht sich im Angriff gegen "Maschinenzivilisation" und Technik Luft: man legt ihr als dem willkommenen Sündenbock für die Miseren des Daseins all die üblen Folgen schlechter Politik oder hemmungsloser Bevölkerungsvermehrung zur Last. Man vermag nicht zwischen "Industrialisierung" und "Kapitalismus" zu unterscheiden, obwohl doch schon um die Jahrhundertwende Thorstein Veblen die "zerstörende” Tendenz des Kapitalismus mit der "produktiven" der Technik konfrontiert hatte. Und man unterscheidet nicht mehr zwischen dem Bösen und Guten im Menschen, weil man in der Technik die Ursache des Bösen sehen möchte.

Die Zeitanalyse der Dilettanten feiert Triumphe. Wenn Wilhelm Röpke(4) an den reinen Mittel-Charakter der Maschine erinnert und es als Übertreibung bezeichnet, daß die moderne Technik für den heutigen Grad der Konzentration verantwortlich gemacht wird, oder wenn Karl Jaspers (5) auf den Mittel-Charakter der Technik verweist, die weder gut noch böse sei, so werden solche Denker von den Kapuzinerpredigten der modernen Eremiten übertönt. Denn wie sollte man wettern können, wenn die Technik nur ein Neutrum ohne eigene Bosheiten ist?

 

Da die Ablehnung der Technik emotional bedingt ist, sind die scheinbar sachlichen Argumente, die gegen sie vorgetragen werden, im Grunde nur Rationalisierungen. Sie lassen sich, wie wir sehen werden, als falsch oder unlogisch nachweisen. Daß es irrationale Elemente auch in der technischen Welt gibt, soll nicht bestritten werden. Aber während man sich früher um ihre Aufhellung bemühte — Goldstein etwa verwies auf den circulus vitiosus von Bedürfnis — Bedürfnisschaffung — Bedürfnisbefriedigung und Bedürfnissteigerung —, geht heutzutage das Bestreben dahin, der Technik grauenhafte und dämonische Elemente unterzuschieben. 

Man wird Klarheit über diese künstliche Dämonisierung der Technik erst gewinnen, wenn man die Technik der Dämonisierung untersucht. Hierzu sollen uns die Darlegungen von Friedrich Georg Jünger und als Beispiel aus der Fülle der übrigen Literatur das Werk <Technik, Macht und Tod> (6) von Robert Dvorak dienen.

1) <Konturen einer Geistesgeschichte der Mathematik>. 1. Band: <Die Mathematik und die Wissenschaft>, 2. Band: <Die Mathematik in der Kunst>, Claassen & Goverts, Hamburg. <Technische Existenz>, Essays. DVA-Stuttgart, 1949.

2) "Technik und Fortschritt", Merkur, Heft 17, Jg. 1949. 

3) "Das gefährliche Jahrhundert", Erich Schmidt Verlag, Berlin-Bielefeld-München, 1950.

4) "Die Technik in der Gesellschaftskrise der Gegenwart", Vortrag vor dem Bunde der Freunde der Technischen Hochschule München, 1950. 

5) "Vom Ursprung und Ziel der Geschichte", Artemis-Verlag, Zürich, 1949. Ein Philosoph der Naturwissenschaft wie Louis de Broglie erklärt gleichfalls: "Die wissenschaftlichen Entdeckungen und ihre Nutzanwendungen sind an sich weder gut noch schlecht." "Physik und Mikrophysik", Claassen Verlag, vorm. Claassen & Goverts, Hamburg/Baden-Baden, 1950. 


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     Das große Gruseln   

 

Der Anblick einer Nähmaschine, eines Telefons oder eines Staubsaugers wird auch dem Furchtsamsten kaum einen Schrecken einjagen können. Mit Feuerzeugen, Rasierapparaten, Bügeleisen kann man zwar Schaden anrichten, doch wird niemand bei ihrem Gebrauch vom Entsetzen geschüttelt. Aber nur ein Tropf wird erwarten, daß es in der technischen Welt ohne Defekte und Betriebsunfälle abgeht oder daß die Menschheit bei einer ihrer Hauptbeschäftigungen, dem Kriegführen, ausgerechnet auf die Technik verzichten würde. 

In solchen Schattenbezirken gehen die pessimistischen Romantiker auf Jagd nach geeigneten Schaustücken. "Die Technik hat uns mit einem Todesnetz umspannt; an jeder Schiene, jedem Gashahn, jedem elektrischen Kontakt lauert der Tod, hundertfältigem Tod sind wir nach einem Gang durch die Großstadt entronnen" (Dvorak). Was bei der Romantik einst echt war — das Nachempfinden des Tödlichen, Dämonischen, Unwägbaren, wie auch die erschreckende Gespensterhaftigkeit Hoffmannscher Glasaugen, Spiegel und Automaten — dient jetzt einer tendenziösen epigonalen Verzerrungstechnik, die in ihrer sozialen Verantwortungslosigkeit um so bedenklicher ist, als sie vortäuscht, Analyse zu sein. 

Nicht das Normale, die Milliarden von Regelfällen, in denen nichts Schlimmes passiert, werden dargestellt, sondern, um die notwendige Stimmung zu erzeugen, das Außergewöhnliche. Statt eines Panoramas der wirklichen Welt sieht der Betrachter eine Sammlung monströser Raritäten, wenn er das Halbdunkel dieses modernen Gruselkabinetts betritt. Da wird gezeigt, daß "Rennwagen nicht zufällig immer mehr die Form von Granaten annehmen" (Fr. G. Jünger) — umgekehrt ist es genau so richtig — oder daß "Fabrikschornsteine wie die steil aufgerichteten Geschützrohre schwerer Batterien wirken” (Dvorak). Und in seiner Hexenabteilung beschwört Fr. G. Jünger die elementaren Kräfte innerhalb der Maschinen: "Sie treiben sich in den Röhren, Kesseln, Rädern, Zuleitungen, Öfen umher, sie jagen durch den Kerker der Apparatur, die, wie alle Gefängnisse, von dem Eisen und Gitterwerk starrt, das die Gefangenen am Ausbruch hindern soll.

Wer aber hört nicht das Seufzen und Klagen dieser Gefangenen, ihr Rütteln und Toben, ihre sinnlose Wut, wenn er auf jene Fülle neuer und seltsamer Geräusche achtet, welche durch die Technik hervorgerufen werden . . . Alle diese Geräusche sind durchaus bösartig, gellend, kreischend, reißend, pfeifend, heulend, und es ist ganz offenbar...", daß Fr. G. Jünger dies nicht metaphorisch, sondern ernst meint, denn er fährt fort: "... daß sie um so bösartiger werden, je mehr die Technik zur Perfektion fortschreitet." 

Ebenso verschwenderisch ist Dvorak mit furchteinflößenden Epitheta: "Das Gespensterhafte der technischen Welt", "Die brutale Häßlichkeit des Technisch-Zweckmäßigen", "In der Technik ist eine anarchische Kraft zu Hause." Typisch für solche Schaubudendramatik ist der Grusel-Gag von Fr. G. Jünger (in "Maschine und Eigentum" ): unsere Technik sei eine "Explosionstechnik", die uns in steter Steigerung immer mehr bedrohe. Nun ist "Explosion" aber nicht etwa ein Teufelstrick der Technik, sondern als besonders schneller Verbrennungsprozeß ein durchaus natürlicher Vorgang, wie er sich zum Beispiel auch in der Sonne oder im Muskel vollzieht. 

Und was den Entwicklungsgang der Technik betrifft, so führt dieser von der Kolbendampfmaschine — Wirkungsgrad 30 Prozent, verpuffte Energie 70 Prozent — über den Explosionsmotor — Wirkungsgrad 80 Prozent, verpuffte Energie 20 Prozent — (beides sind Wärmekraftmaschinen) zum Elektromotor mit einem Wirkungsgrad von 95 Prozent, nur 5 Prozent ungenützter Energie und keiner Explosion.

Zur Erzeugung von einem PS benötigte man 1820 zwölf Kilogramm Kohle, 1900 nur noch 1,2 Kilogramm und heute weniger als ein halbes Kilogramm Kohle. In Zukunft wird die Technik immer mehr vom Wärmekraft- (und Explosions-)prinzip zur Verwertung chemo-dynamischer Kraftquellen übergehen, indem sie chemische Energien freisetzt, die in den Elementen gespeichert sind.

6)  Claassen & Goverts, Hamburg, 1948.


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Aber die Nerven der Zuschauer werden noch stärker strapaziert, wenn es in die Folterkammer geht: "Den Anblick zerstampfter, zerstoßener, zerquetschter, zerschundener, zerfetzter, zerteilter, auseinandergerissener Menschenleiber hat erst die Maschine dem Menschen gegeben" (Dvorak). Ein wirksamer Trick — man übertreibt das Scheußliche und Anomale in der heutigen Technik und sucht die viel entsetzlicheren Grausamkeiten der Vergangenheit mit dem Schleier der Vergessenheit zu umgeben, um sie dadurch dem menschlichen Bewußtsein möglichst zu entrücken. Darum kein Hinweis auf die Ätiologie des Bestialischen, keine Erwähnung etwa althergebrachter chinesischer Foltermethoden, bei denen Menschen tagelang so kunstgerecht zerschnitten werden, daß sie immer noch am Leben bleiben, vor allem keine Erwähnung der einfallsreichen mittelalterlichen Justiz, die ganz ohne technische Dämonie unzählige grausame Folterungsarten erfand — Vierteilungen, Zerstückelungen, Verbrennungen — und derart scheußliche Folterwerkzeuge benutzte, daß alle modernen Konzentrationslager dagegen wie Elementarschulen des Grauens wirken.

Solche Hinweise auf die Vergangenheit würden nur stören, wenn uns das Gruseln vor wissenschaftlicher und technischer Rationalität beigebracht werden soll. Sogar noch ihre günstigen Wirkungen müssen in dieser fratzenhaften Kulissenwelt ausgetilgt werden. Die Wissenschaft habe zwar die großen Epidemien beseitigt, doch seien "diese Aderlässe" (so meint Dvorak) "durch die Technik, als die andere Seite der zivilisatorischen Aktivität, in grausamen und umfassenden Kriegen wieder eingeführt worden". Diese Kriege seien die "schrecklichsten der Geschichte".

"Sie zeigen die enge Beziehung an, die zwischen der Technik und dem Tode besteht, enthüllen einen Willen zum Tode, der in der Technik lebt, eine geheime Todesentelechie, die in der Technik mächtig ist."

Dvorak behauptet, das "Todesvolumen” sei durch die Technik gestiegen. Auch hier vergeht dem Zuschauer die Gänsehaut, wenn er die Dinge im richtigen Verhältnis sieht, also etwa die Zahl der Todesfälle in nichttechnischen Zeitaltern mit der Zahl der damaligen Bevölkerung vergleicht. Die als "Aderlässe" bezeichneten Epidemien haben immerhin das chinesische und das römische Weltreich zerstört, nachdem diese allen Anstürmen barbarischer Völkerstämme getrotzt hatten. Und auch ohne jede technisch bedingte "Todesentelechie" waren viele frühere Feldzüge geradezu Ausrottungskriege: nicht nur bei Dschingis Khan, sondern selbst im christlichen Abendland, beispielsweise in den Kriegen der Albigenser. Dagegen scheint die technische Todesentelechie doch recht magere Ergebnisse zu zeitigen, wenn man bedenkt, daß nach dem Dreißigjährigen Krieg nur noch etwa 25 Prozent der deutschen Bevölkerung am Leben waren, während sich in den Jahren 1936-1946 die Bevölkerung Europas um elf Millionen vermehrte.

 

   Sublimierter Animismus   

 

Mit der Zitierung von "Todesentelechie”, "Dämonie", "anarchischer Kraft" in der Technik läßt sich eine besonders gruselige Wirkung erzielen; aber es hieße an den Dingen vorbeigehen, wenn man nicht die Problematik anerkennt, die tatsächlich gewissen Tendenzen der Technik immanent ist.

Durch Machtanhäufungen ergeben sich heutzutage unvorhergesehene und unkontrollierbare Faktoren im sozialen Gefüge, die ihrerseits wieder weiteren Einfluß auf Ziele und Entwicklung der Technik gewinnen können. Aber man braucht nicht erst auf die sozialen Zusammenhänge zu achten: der Zug zur Eigengesetzlichkeit ist den Objekten der Technik von vornherein inhärent. In einer philosophischen Analyse hat Sidney Hook (7) auf diesen Wesenszug des Instru-

(7) "The Metaphysics of Pragmatism", New York, 1927.


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mentalen hingewiesen: Das Instrument kann aus innerer Notwendigkeit für neuartige Probleme und Zusammenhänge Anwendung finden, die ursprünglich nicht erwartet oder übersehen wurden; aus den Händen seines Schöpfers entlassen, nimmt es geradezu einen eigenen Entwicklungsgang. Das Instrument ermöglicht neue Zielsetzungen, ja erzwingt sie manchmal. 

Ein solcher Tatbestand kann rational analysiert werden, aber die Feinde der Technik ziehen irrationale Erwägungen vor. Oswald Spengler (8) gab das Stichwort: "Nur von der Seele her läßt sich die Bedeutung des Technischen erschließen." Nun besaß Spengler anscheinend keine besonders schöne Seele, denn er verspottete boshaft die Friedenssehnsucht ("Kein Krieg mehr... keine Verbrecher und Abenteurer... kein Haß, keine Rache mehr... Solche Albernheiten lassen heute noch mit Grauen an die entsetzliche Langeweile denken — das taedium vitae der römischen Kaiserzeit —, die sich beim bloßen Lesen solcher Idyllen über die Seele breitet"), und so fiel auch sein Bild der Technik recht häßlich aus. Man gewinnt übrigens fast den Eindruck, Fr. G. Jüngers Attacken richteten sich mehr gegen Spenglers Bild von der Technik als gegen die Technik, wie sie wirklich ist. Mit seiner strikten Ablehnung des biologisch fundierten Entwicklungs- und Anpassungsbegriffs öffnete Spengler jedenfalls der späteren Dämonisierung Tür und Tor. 

Neben Spengler hat auch Ortega y Gasset (9) die technische Entwicklung aus dem Gesamtzusammenhang des Natürlichen abgetrennt und ihr eine Bewegung zugeschrieben, "die in einer allem Biologischen entgegengesetzten Richtung verläuft". Mit der "seelischen” Betrachtungsweise ist der Ausgangspunkt für eine Dämonisierung der Technik gegeben. Sie entspricht einer Weltdeutung, die sich in der Menschheitsgeschichte von jeher auf der Linie des gering-

8 "Der Mensch und die Technik", München, 1931.
9 "Betrachtungen über die Technik", Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, 1949.

sten geistigen Widerstands bewegt hat und in den Erregungen des Gemüts wirksame Unterstützung findet. Der primitive Mensch lebt, wie Uexküll es nannte, in einer "magischen Umwelt". Je unzureichender die geistige Bewältigung seiner Umwelt ist, desto reicher ist diese an Geistern. In den letzten dreitausend Jahren hat ein fein gesponnener Schleier bewußten Denkens die ursprünglich wilde, ängstliche und animistische Natur des Menschen fast verhüllt, aber bei starken Gefühlswallungen, wie etwa im Mittelalter, bricht die angeborene Furcht vor Dämonen und der Hang zur Beseelung der Umwelt wieder hervor. Im Erschrecken vor der Technik wiederholt sich heute auf einer höheren geistigen Ebene der Hexenwahn des Mittelalters in sublimierter Form, Das bezieht sich natürlich nicht auf die metaphorische Verwendung des Dämoniebegriffs. Man kann mit "Dämonie" arbeiten, wenn man — wie Jaspers — dem Menschen das Ziel ihrer Überwindung setzt, wenn man — wie Bernanos — den dämonischen Charakter der Maschinenzivilisation als allgemeinen Verdummungsprozeß konkretisiert, vielleicht auch wenn man — wie Heidegger — das Erschrecken vor dem Dämonischen in der Technik als die Angst vor dem Bedenken dessen, was ist, bezeichnet.

Der sublimierte Animismus tritt erst dort auf den Plan, wenn unter Technik gleichzeitig Dämonie verstanden, meistens also, wenn die Technik überhaupt nicht verstanden wird. Das Dämonische erfülle den ganzen Arbeitsbereich der Technik; die technische ratio selbst sei das Einfallstor des Dämonischen, liest man in Fr. G. Jüngers "Perfektion der Technik". Neben den neuen technischen existieren für ihn sogar noch die "alten Elementargeister": "Sie rächen sich am Menschen; die Dämonen schlummern nicht, sie sind wach, im Widerstand gegen die Apparatur und Organisation der Technik."

Fast noch intensiver betreibt Dvorak die Dämonisierung der Technik. Die Technik ist für ihn die eigentliche Form, in der das Dämonische die Zeit beherrscht; Fortschritt ist in Wirklichkeit eine Tarnung der technischen Dämonie; die aus der Tiefe aufgestiegenen


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Dämonen sind auf die ganze Menschheit losgelassen. Dvorak vertieft sich immer wieder in die Unglückschronik: "Ein Gaskessel explodiert, Förderseile reißen, und die Körbe sausen in die Tiefe, Flugzeuge stürzen ab, Eisenbahnzüge und Autos stoßen zusammen, Maschinen versagen, Menschen geraten an elektrische Kontakte, täglich, stündlich kommen Menschen um als Opfer der technischen Tücke." 

Die Schuld an allem Unheil liegt natürlich nirgendwo anders als in der Technik selbst; sie zeige eine immanente Neigung zur Katastrophe, und auch darin beweise sich ihr dämonischer Charakter. In weiterer Überspitzung heißt es dann, der Krieg sei die letzte und entscheidende Instanz, bei der man eine Auskunft über das Wesen der Technik erhalten könne, und zwar darum, weil der Krieg "als Höhepunkt der technischen Dämonie" und die Zerstörung "bereits in die geheimen Absichten des technischen Schöpfungsaktes eingeschlossen" sei.

Diese Absichten sind fürwahr äußerst geheim, aber wieviel Unrichtiges auch an Dvoraks Darstellungen ist, wie dämonisch und diabolisch es in seiner Hexenküche der Technik auch brodelt — er rührt trotz alledem an eine echte Problematik, allerdings ohne ihrer Herr zu werden. Er verdirbt sich die Möglichkeit zur klaren Analyse durch dogmatische Zwangsvorstellungen:

"Es zeigt sich, daß der Maschine eine wirkliche Schöpfungsabsicht zugrunde liegt, eine Wiederholung des göttlichen Schöpfungsaktes. Damit verläßt der Mensch den menschlichen Bereich und tritt hinaus über die ihm zugewiesene Grenze, er erliegt der satanischen Versuchung, Gott gleich sein zu wollen. Hier liegt der letzte und tiefste Ursprung für den dämonischen Charakter der Technik."

Doch nachdem dieses sinnbetörende Feuerwerk abgebrannt ist, folgt eine diskussionswürdige Definition: "Das Dämonische liegt nicht im Verstand, nicht im Wissen, nicht in der Erkenntnis, nicht in der Wissenschaft, sondern im Willen. Die Dämonisierung 10 der Wissenschaft beginnt da, wo sie nicht mehr um der Erkenntnis willen, sondern um der Anwendung willen, mit der fiebrigen Suche nach Mitteln der Macht betrieben wird, wo Mittel der Beherrschung von ihr gefordert werden, wo sie zur Magie wird."

Hier hat Dvorak (im Unterschied zu Fr. G. Jüngers ratio als der Einfallspforte des Dämonischen) aus dem animistischen Nebel heraus plötzlich festen Boden gefunden. Zwar ist einzuwenden, daß der menschliche Wille nicht nur auf Macht und Böses, sondern auch auf Gerechtigkeit und Gutes gerichtet ist. Doch ist ein gewisser Pessimismus berechtigt, weil die Machtmittel der Technik allzu leicht zum Mißbrauch verleiten, und vor allem, weil die Böswilligen sich mit ihrer Hemmungslosigkeit in der Anwendung technischer Machtmittel energischer und erfolgreicher durchsetzen als die Gutwilligen.

Mit seiner Bemerkung, der heutige Mensch sei nicht barbarischer, sondern stumpfer und leerer als die Menschen früherer Epochen, nähert sich Dvorak sogar Bernanos, 11 der so eindrucksvoll nicht etwa die Grausamkeit des modernen Menschen der Maschinenzivilisation, sondern seine Gefügigkeit und Unverantwortlichkeit geißelt. Bernanos hat zwar auch den Mittelcharakter der Technik geleugnet und in der Maschine allein die Wirkung zum Bösen gesehen, aber in seiner scharfen Analyse des konfektionierten Menschen wenigstens auf Dämonenspuk verzichtet.

 

    Der Techniker — der Schwarze Mann?   

 

Wenn die Bösartigkeit der Technik be-
reits im technischen "Schöpfungsakt"
beschlossen sein soll, dann ist der Techniker
der Mann, der an allem schuld ist. Um die
Jahrhundertwende hatten Max Eyth und
andere den charakterologischen Wahrheits-
wert der Technik betont und den Techniker
als den Mann gesehen, der durch die enge
Verbindung mit der praktischen Wirklich-
keit zu strenger Wahrhaftigkeit und sozialer
Verantwortung erzogen wird, weil — unver-
gleichlich stärker als in aller theoretischen
Arbeit — jeder Fehler sich unmittelbar und

(10) Dvorak meint damit natürlich das Dämonisch-Werden — nicht Dämonisierung in dem Sinne, wie das Wort in diesem Aufsatz gebraucht wird: als kunstreiches Hineinplacieren von Dämonen in die Technik.
(11) "Wider die Roboter", Verlag Gustav Kiepenheuer, Köln und Berlin, 1949.


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wirkungsvoll rächt. Nun aber entlarven die
modernen Romantiker den Techniker als
den Schwarzen Mann, als einen bösartigen
Hephaistos; er ist "einäugig wie alle Zy-
klopen", sein Machtstreben will sich alles,
selbst den Staat, unterordnen (Fr.G. Jünger).
Wie Jünger das erkennen konnte, bleibt rät-
selhaft, da die Verwertung technischer Fort-
schritte fast ausschließlich von Nichttechni-
kern vorgenommen wird; selbst Ortega y
Gasset spricht von dem "zu ewiger Zweit-
rangigkeit verurteilten Ingenieur".
Eingängiger sind Allgemeinformulierun-
gen wie die einer "geheimen Entsprechung"
zwischen dem "zügellosen Machtwillen" der
Technik und dem politischen Machttrieb
totalitärer Staaten (Dvorak). Die schranken-
lose Ausbeutung der Technik durch die
modernen Diktaturen hat die irrige Vor-
stellung einer Wesensverwandtschaft zwi-
schen Totalitarismus und Technik eher ge-
fördert als beseitigt, obwohl sich doch deut-
lich genug gezeigt hat, daß der Techniker
zum Befehlsempfänger herabsinkt und daß
die Technik in den Diktaturen durch Bevor-
mundung und geistige Autarkie allmählich
in Rückstand gerät.

Die Methodik des technischen Denkens
und seine Wahrheitskriterien stehen in kras-
sem Gegensatz zur Methodik politischer
Zwangssysteme. Sollte es nur ein Zufall sein,
daß Demokratie (nicht zu verwechseln mit
Kapitalismus) und Technik sich in den USA
nebeneinander entwickelten? Auf den Zu-
sammenhang zwischen empirischem, experi-
mentellem Denken und demokratischer Le-
benspraxis haben amerikanische Denker zur
Genüge aufmerksam gemacht. In den USA
nimmt der Techniker von jeher im öffent-
lichen Leben, auch in Politik und Verwal-
tung, den ihm gebührenden Platz ein. Trotz-
dem sind die USA weder eine Beute der
Techniker noch ein totalitärer Staat gewor-
den. Das erklärt sich nicht zuletzt daraus,
daß der Techniker dieselben Probleme ganz
anders sieht als unsere spekulierenden Ro-
mantiker. Ein Mann, der in führenden Posi-
tionen, als Direktor der Tennessee-Stromtal-
verwaltung und als Vorsitzender der Atom-
energie-Kommission, tiefere Einblicke in die
Zusammenhänge gewinnen konnte, David
Lilienthal, erklärt im Vorwort seines Buches
"TVA — Democracy on the March":
"Ich glaube, die Menschen können lernen,
harmonisch mit den Naturkräften umzugehen,
ohne zu zerstören, was Gott gegeben hat. Ich
glaube an die großen Möglichkeiten, die der
Menschheit von der Maschine, der technischen
und der Naturwissenschaft dargeboten werden.
Zwar enthalten sie auch die Drohung zur Ver-
sklavung und zu Irrwegen des menschlichen
Geistes, aber ich bin überzeugt, daß diese Ge-
fahren vermieden werden können. Ich glaube,
daß die Technik, verbunden mit demokratischer
Praxis, dem Individuum die größte Gelegenheit
der Geschichte gibt, sich selbst nach seinen eige-
nen Begabungen und Neigungen zu entwickeln,
sofern es bereit ist, die damit verbundene Ver-
antwortung zu tragen. Wir haben nur die eine
Wahl: Wollen wir die Wissenschaft zum Bösen
oder zum Guten anwenden? Ich glaube, die
Menschen können sich selbst zur Freiheit ver-
helfen."

 

  Das Sündenregister der Technik  

 

Doch Lilienthal ist ein Mann nüchterner Tatsachen, deshalb findet er auch bei den Adepten und Jüngern der Dämonie keinen Anklang. Fr. G. Jünger, der die wahrere Wahrheit ausspricht, kommt dem modernen Bedürfnis nach Beweisen nur insofern entgegen, als er ein Schuldkonto der Technik einrichtet, auf dem er fleißig nur ihre Sünden aufzeichnet. Sie seien hier wiedergegeben, wobei Jüngers Buchführungskunst durch einige Tatsachen verdeutlicht werden soll.

"Der rücksichtslose, immer gesteigerte Raubbau ist das Kennzeichen unserer Technik. — Die strenge Rationalität der technischen Arbeitsmethoden hat zur Voraussetzung ein Denken, dem an der Erhaltung der Substanz nichts gelegen ist.”

Wie niederträchtig die Technik ist, zeigt sich vor allem daran, daß sie bereits lange vor ihrem Auftreten die Köpfe behexte. Es sei nur daran erinnert, wie die spanischen Entdecker die Tempel und Bergwerke Amerikas ausplünderten. Ebensowenig nahmen sie im eigenen Lande Rücksicht auf Erhaltung der Substanz, als sie ihre Wälder abholzten und sich damit Boden und Klima verdarben. Die Venetianer verödeten durch


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Entwaldung den Karst, und auch die Schotten waren viele Jahrhunderte vor ihrem ersten Auftreten bereits derart von der technischen Seuche der Substanzverschleuderung infiziert, daß sie in höchst rationeller Weise ihre Wälder niederbrannten, um sich vor der Wolfsplage zu schützen.

"Technisch gesehen ist die rationalste Organisation die allerbeste, das heißt diejenige, die den größten Verzehr treibt, denn je rationaler sie ist, desto unerbittlicher räumt sie mit dem Vorhandenen auf. — Die Technik schafft keinen neuen Reichtum, sie baut den vorhandenen ab, und zwar durch Raubbau."

Im Zeichen der Substanzerhaltung ver-
brannte man im vortechnischen Zeitalter
Holz und Kohle, nur um sich zu wärmen
oder um zu kochen. Die Technik betrachtet
heute die Kohle nicht als Brennstoff, sondern
als Rohstoff, der veredelt wird. Er durchläuft
drei Phasen: In der ersten, festen Phase, als
Koks, ergeben sich beim Verbrennen die ge-
ringsten Verluste, denn das einzige, was
nicht mitverbrennt, die Gase, werden abge-
zogen und anderweitig verwertet. Mit der
zweiten, flüssigen Phase, den Teeren, ist
gleichzeitig ein Ausgangsstoff für weitere
neue Produkte gegeben, wie Medikamente,
Kunststoffe (Perlon), Farbstoffe, Seifen,
Fette (Butter, die nicht ranzig wird, harte,
schneeweiße Paraffine, die in der Natur nicht
vorkommen), wie auch Dieselöl und Benzin.
Die dritte, veredeltste Form, ist das Gas; in
dieser Phase erwärmt die gleiche Kohlen-
menge, die in fester Form gerade ein Näpf-
chen Rasierwasser angenehm temperieren
würde, ein ganzes Zimmer.

"Der technische Fortschritt ist identisch mit
einer Einschränkung der Ernährung ... Jenem
Gefühl eines metaphysischen Hungers, das uns
beim Anblick der Maschine ergreift, entspricht
der physische Hunger; die Nahrung wird knap-
per. - Der technische Fortschritt hat uns die
Ernährungsfreiheit genommen, über welche
unsere Vorfahren verfügten."

In China wüteten von 108 v. Chr. bis 1911 nach Chr. 1828 Hungersnöte, also fast in jedem Jahr eine. Wieviel Menschen ihnen zum Opfer fielen” ist auch nicht annähernd abzuschätzen; man weiß nur, daß es im vergangenen Jahrhundert etwa 100 Millionen waren. In England gab es zwischen 1200 und 1600 n. Chr. rund alle 15 Jahre eine Hungersnot; auch hier wurden viele Millionen Menschen dahingerafft. Wie heute noch in den nichtindustrialisierten Gebieten Asiens, waren im Abendland Hungersnöte Normalerscheinungen des Daseins, bis die Technik den Massentransport von Lebensmitteln ermöglichte. Zum Dank schrieb ihr Fr. G. Jünger die obigen Sätze ins Schuldbuch.

Es mag hier eingeschaltet werden, daß die Menschheit infolge ihrer Vermehrung immer mehr Nahrung und Boden braucht und in den letzten Jahrhunderten durch Eingriff in die natürlichen Verhältnisse des Wald- und Pflanzenwuchses, der Bewässerung usw. schwere Schäden — Erosion, Versteppung, Verwüstung — angerichtet hat. Aber nicht etwa ein Zuviel, sondern ein Zuwenig an technischem, rationalem Denken war die Ursache hierfür. 

Der Ökologe William Vogt (12) hat in aufsehenerregender Weise vor den Hungerkatastrophen der Zukunft gewarnt und die bisherige Fehlentwicklung gebrandmarkt. "Die Menschen haben den Fehler gemacht, die Unentbehrlichkeit wissenschaftlicher Behandlung des Bodens nicht anzuerkennen."

Fr. G. Jüngers Behauptung, daß die Tech-
nik Raubbau treibe und keinen neuen Reich-
tum schaffe, soll auch für den Menschen
gelten.

"Die Auspowerung des Menschen nimmt ihren Anfang in der Proletarisierung der Massen ... Die Ausbeutung des technischen Arbeiters ... ist eine notwendige Begleiterscheinung der universalen Ausbeutung ... Denn nicht nur die Bodenschätze, auch der Mensch gehört zu den Beständen, welche dem technischen Konsum unterworfen werden."

Seit Beginn der "Proletarisierung" hat sich der Lebensstandard der Arbeiterschaft ständig gehoben, während gleichzeitig die Arbeitszeit ständig verkürzt worden ist. Über den Grad der "Auspowerung" durch die Technik erhält man ein gutes Bild, wenn man den Lebensstandard in den Gebieten, die von der Technik ausgesaugt werden, mit dem Lebensstandard der Bevölkerungen vergleicht, die noch frei von der "technischen Ausbeutung" sind.

(12)  <Die Erde rächt sich>, Nest Verlag, Nürnberg, 1950, übersetzt aus dem Englischen: <The Road to Survival>, New York und London.
(13) <The Conditions of Economic Progress>, London, 1940.


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Als Vergleichsmaßstab hat Colin Clark (13) die "Internationale Einheit" gesetzt, eine Summe von Gütern und Dienstleistungen, wie man sie im Jahrzehnt von 1925-1934 in den Vereinigten Staaten durchschnittlich für einen Dollar erwerben konnte. Danach zeigt es sich, daß das Volkseinkommen in den Vereinigten Staaten vor dem zweiten Weltkrieg 1300-1400 Internationale Einheiten pro Kopf und Jahr betrug, in Großbritannien 1000-1100. Das Jahreseinkommen in den industrialisierten Ländern übertrifft das in den rückständigen Gebieten um ein Mehrfaches. (Jünger: "Das hervorstehende Merkmal der technischen Organisation ist nicht die Mehrung des Reichtums, sondern die Verteilung der Armut.") 

In den von der Technik unerschlossenen Gebieten lebt mehr als die Hälfte der Menschheit unterhalb der Armutslinie von 200 Internationalen Einheiten; China, Indien und andere asiatische Gebiete sind von dauerndem Hunger und Armut bedroht, so daß die durchschnittliche Lebensdauer zum Beispiel in Indien etwa 23 Jahre beträgt — weit weniger als die Hälfte der durchschnittlichen Lebensdauer des von der Technik ausgepowerten Europäers.

Ja, diese Europäer müssen ein geradezu unverwüstlicher Menschenschlag sein, wenn man bedenkt, daß die rationale Denkweise alles unternimmt, um sie auszurotten. Es sei hier nur an die moderne Medizin erinnert. "Man muß daher die Frage auf werfen, ob die Krebsinstitute, die sich in allen Ländern finden, nicht mehr zur Ausbreitung als zur Heilung des Krebses beitragen, denn das Denken, das in ihnen anzutreffen ist, entspricht den physischen
Phänomenen, die sich am Krebs studieren lassen.

Wer das bestreitet, sei daran erinnert, daß dieses Denken den Krebs künstlich erzeugt, so etwa mit Hilfe der aromatischen Kohlenwasserstoffe, die aus dem Steinkohlenteer isoliert werden."

Sonderbarerweise bricht Fr. G. Jünger mitten in seinem Gedankengang ab, statt zu empfehlen, durch Schließung der Krebsinstitute wenigstens einen kleinen Schritt gegen die weitere Verbreitung des Krebses zu tun. 

Zur Ergänzung noch einige lumpige Tatsachen: Bei Frühdiagnose ist es heute möglich, im ersten Stadium des Krebses durch operativen Eingriff in 75 v. H. der Fälle die Krankheit zum Stillstand zu bringen. Die medizinische Wissenschaft kann sich zwar rühmen, einige gefährliche Krankheiten — wie etwa das Kindbettfieber oder die Schlafkrankheit — eingedämmt zu haben, aber trotz aller Bemühungen von Instituten und Ärzten ist es selbst in den verseuchten Großstädten nicht gelungen, einen Naturzustand herzustellen, wie er im nichttechnisierten Feuerland herrscht, wo bis zu 75 v. H. der Bevölkerung an Syphilis leiden.

 

   Die Wahrheit als Drehkreisel   

 

Wenn es bei solchen Darstellungen im Verstand des Lesers leicht zu kreiseln beginnt, so braucht er die Schuld daran nicht bei sich allein zu suchen. Zumindest muß man bei Fr. G. Jünger des Öfteren beobachten, daß er Ursache und Wirkung oder Gegenwart und Vergangenheit durcheinanderbringt. Für Fr. G. Jünger ist Vermassung einfach eine Folge der Technik — als ob der Bevölkerungsdruck sie zur Intensivierung technischer Bemühungen gezwungen hätte —; er behauptet, jetzt erst, im technischen Zeitalter, müsse der Mensch auch damit rechnen, gegen seinen Willen Zwangsarbeit verrichten zu müssen — als ob es nie eine Sklaverei gegeben hätte —; er meint, die wachsende Mobilität mache den Menschen auch "geistig bewegbar, das heißt ideologischen Einwirkungen zugänglich", und dies sei ein Kennzeichen der Massenbildung — als ob nicht gerade Seßhaftigkeit und geistige Isolierung die Selbständigkeit des Denkens schwäche, und als ob nicht gerade im nichtmobilen Mittelalter der Massenwahn in gefährlichster Form aufgelodert wäre.

Es kreiselt auch innerhalb der Gedankenführung: einerseits wird der Leser mit nebulösen Formulierungen verblüfft (z. B. "Das


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Denken des Arbeiters hat etwas Gebrochenes. Es bricht sich an der Apparatur"), anderseits verteidigt sich Fr. G. Jünger gegen den Vorwurf, "der menschlichen ratio Feindschaft anzusagen". Einerseits wird die Wirklichkeit in fragwürdig antidemokratische Dualismen zerrissen ("Mensch und Natur", "Arbeit und Muße"), anderseits werden die Menschen beschworen, die Welt "ganz und heil" zu lassen.

Um so eherner ist die Konsequenz, mit der Jünger seiner Antipathie gegen die Technik freien Lauf läßt, mit der er alles durch ein schwarzes Sieb des Unheils und der Trübsal filtert. Es ist eine Konsequenz, aus der ein pessimistisches Weltbild voller makabrer Gerüche hervorgeht. Daß sich das nur mit denkerischer Gewalttätigkeit durchführen läßt, zeigt beispielhaft Fr. G. Jüngers Gegensatzschema "organisch-mechanistisch", und seine Anwendung auf den Zeitbegriff.

 

Mit Hilfe dieser Gegenüberstellung möchte Jünger die "umfassende Mechanisierung des Menschen" als "Ziel des wissenschaftlich-technischen Denkens" hinstellen. Er bemüht bei seinen Erörterungen über den hierfür grundlegenden Begriff der "Zeit" Newton, Kant und Calvin, ohne daß auch nur einmal der Name Bergson fällt, obwohl doch die Quintessenz in der Entgegensetzung einer "mechanischen" und einer "Lebenszeit" besteht. Die meßbare, exakt wiederholbare Zeit ist nun aber nicht, wie Jünger glaubt, eine teuflische Erfindung des rationalen Denkens, sondern ein elementarer Faktor in der organischen Natur. "Man kann sie (die "tote" Zeit der Wissenschaftler und Techniker) auch beliebig stückeln und zerstückeln, was bei der Lebenszeit ebensowenig möglich ist wie bei den Organismen, die in ihr leben ... deshalb arbeitet die Technik auch mit Stückzeiten .... Dies alles nämlich sind Verfahren, durch welche der in der Lebenszeit wachsende Organismus einem mechanischen Zeitdenken, der toten Zeit unterworfen wird ..." Aber selbst die Natur arbeitet mit "Stückzeiten", für wie tot Fr. G. Jünger die "sich wiederholende" Zeit auch halten mag. Das Prinzip des Filmstreifens beispielsweise ist weiter nichts als die Angleichung an den natürlichen Prozeß unserer Wahrnehmung, die sich durch Verbindung von Einzelstücken, durch Aneinanderreihung von wiederholbaren Reizen vollzieht. Diese Stückelung ist gegeben durch die Größe der Reizschwelle, unterhalb derer wir Umweltveränderungen nicht wahrnehmen können; sie beträgt beim Hören 16 Tausendstelsekunden, beim Tasten 28 Tausendstelsekunden, beim Sehen 47 Tausendstelsekunden.

Bei den Tieren haben diese Minimal-Wahrnehmungsstücke und die entsprechende physiologische Aktivität sehr unterschiedliche Größenordnungen.

Es wäre sicher verfehlt, wenn man all die krassen Widersprüche zur Wirklichkeit nur durch Wissenslücken Fr. G. Jüngers erklären wollte. Sie sind vielmehr durch die innere Struktur eines Denkens bestimmt, das einmal stark stimmungsbetont, zum andern hauptsächlich mit der Rechtfertigung vorgefaßter Meinungen beschäftigt ist, dem in seiner Feindschaft gegen rationale Klarheit weder an Nachprüfbarkeit noch Allgemeinverbindlichkeit oder sozialer Verantwortung gelegen ist. Einen aufschlußreichen Einblick in diese Art von "Logik" bietet Fr. G. Jüngers angebliche "Klärung" des Begriffs "Reichtum", den man nicht als "Haben", sondern als "Sein", als einen "Rang" verstehen müsse. 

In Verwandtschaft mit seinem Bruder Ernst spricht Friedrich Georg Jünger hochmütig vom "Pöbel" — das sind nämlich alle jene, welche die landläufige Vorstellung mit dem Wort "Reichtum" verknüpfen.

Fr. G. Jünger unterläßt es auch hier wieder, seinen Vorgänger zu erwähnen, obwohl er den autokratischen Spengler gut hätte zitieren können: "Ein Raubtier ist jedermanns Feind. Es duldet in seinem Revier niemand seinesgleichen — der königliche Begriff des Eigentums hat hier seine Wurzel." Ähnlich bemüht sich Fr. G. Jünger um den König; er verhilft ihm durch die philologische Hinterpforte der Herleitung von "reich" aus "rex" zur Legitimität. Jeder sozialgeschichtliche oder ökonomische Hinweis darauf, daß auch der Reichtum der Könige im Besitz bestand, wird von Fr. G. Jünger als vulgär abgetan.


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Dafür sieht er den tieferen, wahreren Sachverhalt "durchschimmern": Reichtum ist untrennbar mit Freiheit verknüpft, "in diesem Sinne kann der Reichtum auch identisch mit der Armut sein".

Die altmodische Logik baute sich auf dem Satz der Identität auf, jeder Begriff mußte sich selbst gleichbleiben. Nach Fr. G. Jüngers neuromantischer Logik kann nun auch Sauberkeit identisch mit Schmutz sein (wenn man innere und äußere Eigenschaften durcheinanderwirft); auf jeden Fall aber sind Fr. G. Jüngers Definitionen "unsauber", denn es fehlt ihnen an Nüchternheit (philologische Herleitung von "sauber" aus "sobrius" = nüchtern).

Wer kraft mangelnder Nüchternheit zu "tieferen" Wahrheiten gelangt, dem ist mit allgemeinverbindlichen Argumenten nicht beizukommen. Jünger dekretiert: "Beweisbarkeit, Nachprüfbarkeit, Wiederholbarkeit sind keine Merkmale der Wahrheit." Somit sind alle gegen ihn vorgebrachten Beweise hinfällig — nachgewiesene Unwahrheit bleibt Wahrheit, Armut bleibt Reichtum und Schmutz bleibt Sauberkeit. Es gibt nur einen Weg: man muß widerspruchslos anerkennen, welche Wahrheiten Fr. G. Jünger vermittels tiefsinniger Symbolik erschließt und vermittelt. 

Uhrzeit ist tote Zeit; "wer die Darstellungen untersucht, in denen die Uhr als Todessymbol Verwendung findet, der wird einen reichen Stoff entdecken". Fort mit unserem Einwand, daß der Tod doch gerade mit einem Stundenglas dargestellt wird, worin der Sandstrom "organisch" fließt. "Wer vermag" — laut Fr. G. Jünger —, "wenn ihm diese Zusammenhänge bewußt werden, ohne Bewegung ein Rad zu betrachten, wen durchdringt nicht eine Empfindung der Kälte, wenn er es als Symbol der toten Zeit erkennt." Fort mit unserem Einwand, daß das Rad, Urform aller Bewegung, seit Jahrtausenden in Indien Symbol des Lebens ist! 

Fr. G. Jünger verkündet, daß "das Rad kein Symbol des Lebens, sondern des Todes ist, als solches auch immer angesehen wurde.

Der Techniker, der von Symbolen nichts weiß, verkehrt seine Bedeutung, obwohl ihm ein Blick in die Strafjustiz zeigen würde, daß man Verbrecher schon in der Antike durch Drehung des Rades tötete, späterhin aber durch das Rad zerschlug und auf das Rad flocht". Leider hat Fr. G. Jünger sich nicht noch weitere Symbole aus der Strafjustiz geholt. Wie leicht hätte er nachweisen können, daß das Öl — vermutlich infolge seiner Verwendung bei Maschinen — in falschen Zusammenhang mit Frieden, Segen, Linderung gebracht wird, während es in Wirklichkeit Qualen symbolisiert, denn unsere Vorfahren benutzten es mit Vorliebe in siedendem Zustand zu Folterungszwecken. Und mögen wir schließlich noch so sehr insgeheim den Verdacht hegen, daß sich Unverstand mit Bosheit paart: es bleibt uns nichts übrig, als Fr. G. Jüngers Einsichten zu bewundern, wenn er (in "Maschine und Eigentum" ) schlußfolgert:

"Granier de Cassagnac besaß ein Exemplar der Konstitution von 1793, das in Menschenhaut gebunden war. Dieses Faktum ist symbolisch, denn die Riemen zu den Verfassungen werden immer und überall aus der Haut des Menschen geschnitten. Woraus sollten sie sonst geschnitten werden?"

 

    Erkenntnis und Ethos   

 

Die selbstgefälligen Verkünder ihrer eigenen Weisheiten werden nie scheitern, denn sie haben Nachprüfbarkeit und Allgemein­verbindlichkeit als Kriterien von vornherein ausgeschlossen. Wenn etwas scheitert, wird es unsere Welt sein — falls diese Art unverantwortlichen Denkens die Oberhand gewinnen sollte. Angesichts drohender Katastrophen sind affektgeladene, romantische Gedankenspielereien nicht deshalb verwerflich, weil sie unnütz sind, sondern weil sie falsch sind und jede Falschheit bei der Beurteilung unserer Situation schweren Schaden anrichten kann. Wer nichts zur angemessenen Erkenntnis der Technik beiträgt, hat aber den mindesten Grund, einen Mangel an Ethos anzuprangern.

Denn es geht gar nicht um Technik und Ethos; sondern primär um Erkennen und Ethos.


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Max Bense hat diesen Zusammenhang sehr deutlich gemacht und dabei auf das Dilemma der modernen Welt hingewiesen; "Wir haben eine Welt hervorgebracht, und eine außergewöhnlich weit zurückreichende Tradition bezeugt die Herkunft dieser Welt aus den ältesten Bemühungen unserer Intelligenz. Aber heute sind wir nicht in der Lage, diese Welt theoretisch, geistig, intellektuell, rational zu beherrschen. Ihre Theorie fehlt, und damit fehlt die Klarheit des technischen Ethos, das heißt die Möglichkeit, seinsgerechte ethische Urteile innerhalb dieser Welt zu fällen. Und das scheint mir das Kriterium für die Diskrepanz zu sein. Zwischen dem konkreten Sein dieser technischen Welt und der konkreten Existenz, die gezwungen ist, mit allen Fasern und Schichten des Lebens und des Geistes in ihr zu wohnen. Wir perfektionieren vielleicht noch diese Welt, aber wir sind außerstande, den Menschen dieser Welt für diese Welt zu perfektionieren. Das ist die bedrückende Situation unserer technischen Existenz."(14)

14 <Technische Existenzen>, S. 202.

Bei Licht besehen, arbeiten die romantischen Pessimisten nur an der Vertiefung dieser Diskrepanz. Es ist ein Zeichen von Rückständigkeit, wenn in einer Situation, die vor allem klare, sachgemäße Erkenntnis fordert, mit unzureichenden, unangemessenen Denkmitteln vorgegangen wird. Wie unerfreulich ist allein die Fülle der immer wieder vorgebrachten offensichtlichen Denkfehler! Da werden Störungen, die aus den Bereichen des Politischen oder Sozialen stammen, als Krisen der Technik gedeutet, da werden Unzulänglichkeit oder Niedertracht der Menschen auf die Technik abgewälzt, da wird die Technik zu einer causa officiens erhoben.

Es wird abwechselnd der Vorwurf erhoben, die Technik habe die Zeiten oder die Menschen oder das Denken schlecht gemacht — dabei brauchte man sich nur einmal vorzustellen, was die Menschen des Mittelalters erst angestellt hätten, wenn ihnen die moderne Technik zur Verfügung gestanden hätte! In typisch romantischer Denkweise wird das Urteil über unsere Zeit durch Glorifizierung der Vergangenheit und Verunglimpfung der Gegenwart getrübt.

Der überall durchschimmernde Animismus trägt nichts zur Klärung der Tatsachen bei; das Grundübel liegt aber in seiner verwirrenden Nachwirkung auf das Denken der Autoren, wenn sie aller logischen Sauberkeit zum Trotz zur Personifikation vager Allgemeinbegriffe übergehen. Im Falle der Technik ist diese Personifizierung ein Kunstgriff, um die eigene Unzulänglichkeit hinter einer schimmernden Lohengrinrüstung zu verbergen, doch leider ist diese Rüstung nur aus einem Pappmaché von Grammatik und Wortgebilden verfertigt. Wie sehr die gehässigen Formulierungen über "die" Technik den Leser durch ihren Klang auch betäuben mögen — ihr Erkenntniswert bleibt gleich null. Die personifizierte Technik "verändert die Luft, verpestet die Wasser, vernichtet die Wälder und Tiere", sie denkt sogar, nämlich "kollektivistisch" (Jünger).

Industrialismus, Imperialismus, Kapitalismus, Sozialismus, zwei Weltkriege, millionenfacher Tod — alles hat seinen "letzten" Ursprung in "der" Technik; "die" Technik "zerstört blind und bedenkenlos", "sie versprach Fülle und brachte Mangel, sie versprach Komfort und brachte Primitivität, sie versprach Sicherheit und brachte Unsicherheit und Bedrohung", "die" Technik ist "von einer tiefen grundsätzlichen Menschenfeindlichkeit durchdrungen", "sie" hat sich "blind, gedanken- und bedenkenlos mit allen Mächten verbunden, die den Zustand der Auflösung in unserer heillos verworrenen Welt herbeigeführt haben" (Dvorak). 

Spätere Menschheitsgenerationen, die die Gefahren des Animismus für das klare Denken zur Genüge erkannt haben, werden beim Rückblick in die Vergangenheit kaum einen Unterschied zwischen solcher Redeweise und dem Wischiwaschi eines Schamanen bemerken.

 

Einer der häufigsten Denk-Kurzschlüsse der romantischen Pessimisten führt den politischen Mißbrauch der Technik auf einen angeblichen nihilistischen Kern von Wissenschaft und Technik zurück. 

Da sie an der falschen Stelle suchen, können sie natürlich nichts finden — sie verlangen ja tatsächlich, daß bei jeder Brotschneidemaschine ein guter Geist mitfabriziert und frei Haus geliefert wird. 

Sie haben keine Ahnung, daß das Ethos der Wissenschaft und Technik ganz woanders zu suchen ist, nämlich in den Methoden des Forschens und Denkens, und deshalb kümmert sie auch das oberste Gebot nicht, das hier herrscht: intellektuelle Redlichkeit. 

So haben sie schließlich der Weltaufgeschlossenheit des technischen Denkens nichts entgegenzusetzen als die Schreckgespenster ihres bizarren Gruselkabinetts.

Als Pessimisten leugnen, ja bekämpfen sie die positiven Möglichkeiten menschlicher Erkenntnis- und Gestaltungskraft (Borkenau wirft demgegenüber die Frage auf, ob der deutsche Eifer in dieser Angelegenheit vielleicht verkleideter altlutherischer Glaube an die Teufelsherrschaft über die Welt sei?); als Romantiker geben sie sich ihrem Fluchttrieb und ihren Todes- und Dämonenkomplexen in solchem Maße hin, daß ihnen Tatsachen und Objektivität nebensächlich werden.

Sie versündigen sich intellektuell, weil sie dem Irrtum alle Türen öffnen; sie versündigen sich sozial, weil sie die Aufgabenstellung der modernen Gesellschaft zu verwischen trachten; sie versündigen sich, weil sie falsch Zeugnis ablegen.

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Ende

 

 

 

 

DIE BRÜDER WAWILOW

Der Tod Sergej Iwanowitsch Wawilows, des Doyens der stalinistischen Naturwissenschaft und Präsidenten der Akademie der Wissenschaften der Sowjetunion, setzt den Schlußpunkt unter eine der erbärmlichsten Karrieren aus der gesamten Geschichte der Wissenschaft.

Sein älterer Bruder N. I. Wawilow, einer der hervorragendsten Wissenschaftler unserer Zeit, weigerte sich vor dem letzten Weltkrieg, die Entdeckungen Lyssenkos zu unterstützen, der damals vom Kreml als Sprecher der neuen stalinistischen Wissenschaft gefördert wurde. Er wurde daraufhin entlassen, aller seiner Ämter enthoben und nach dem Polargebiet verbracht, wo er während des Krieges bei Versuchen mit neuen Arten arktischer Pflanzen unter elenden Umständen gestorben sein soll.

Sein weit weniger begabter Bruder hing sich an Lyssenkos Fersen und erhielt zur Belohnung den höchsten Posten in der wissenschaftlichen Hierarchie der Sowjetunion. Und während seine Leiche in der Säulenhalle des Moskauer Gewerkschaftshauses aufgebahrt liegt, ruht sein Bruder, dessen Ruhm unsterblich sein sollte, in einem vergessenen Grabe irgendwo im Norden.

Aus THE OBSERVER (London) vom 28. Januar 1951

 

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