Rudolf Diesel 

Ingenieur in München

Solidarismus

Natürliche wirtschaftliche
Erlösung des Menschen

 

 

Gesellschaftsidee/ Sozialutopie

1903 im Verlag von R. Oldenbourg

2007 im Maro-Verlag

2019 Reprint de Gruyter

1903    120 bis 220 Seiten 

wikipedia.Autor  *1858 in Paris bis 1913 (55)

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detopia:  D.htm   Utopiebuch

1900-Buch    Sterbejahr

Oskar Nagel 1909   G. Landauer 1911 

Paul Ernst 1929    Rudolf Bahro 1977

Robert Owen  

Steiner,Rudolf*1861    Gesell,Silvio *1862

 

2020   freiepresse.de/ratgeber/onkel-max/was-ist-von-rudolf-diesels-idee-des-solidarismus-geblieben  30.5.2020

 

 

 

 

"Daß ich den Dieselmotor erfunden habe, ist schön und gut. Aber meine Hauptleistung ist, daß ich die soziale Frage gelöst habe."

 

 

 

 

Im Unterschied zum Sozialismus sei der Solidarismus im Rahmen bestehender Gesetze, in friedlicher Entwicklung bei vollkommener individuellen Freiheit zu erlangen.

Im Unterschied zum Kapitalismus beruhe er nicht auf dem Spiel der Marktkräfte, sondern auf dem natürlichen Spiel der solidarischen Kräfte.


 

"Der Solidarismus ist die Sonne, welche - gleich­mäßig über alle scheinend - durch ihre milde Wärme und ihr glänzendes Licht die Mensch­heit aus ihrem Winter­schlaf zur wirt­schaftlichen Erlösung erwecken wird."  (Rudolf Diesel)

 


 

2007 by Maro-Verlag ==> Inhaltsverzeichnis 

heise.de 2013 Diesel-Utopie  R.Stumberger 

 

Rudolf Diesel - ein außerordentlicher deutscher Ingenieur - war auch ein Vordenker von Sozial- und Gesellschaftsreformen. 

1903 erschien sein Buch <Solidarismus> in einer Auflage von 10.000 Exemplaren, von denen leider nur einige hundert gekauft wurden. Heute sind 5 Exemplare in deutschen Bibliotheken erhalten. 

Im Gegensatz zum Sozialismus von Marx+Engels, der auf Abschaffung des Privateigentums, Enteignung und Vergesell­schaftung abzielte, wollte Diesel durch neue Wege Kapital aufbauen und damit andere soziale Bedingungen schaffen. Ohne Gewalt und Zwang basiert sein Modell auf Freiwilligkeit und auf der Überzeugungskraft seiner ökonomischen Berechnungen. Diesel erwartete die Unterstützung der Gewerkschaftsbewegung, die er jedoch nicht erhielt.

Seine Ideen werden alle interessieren, die heute ein Bürgergeld fordern, bzw. eine gerechte Gesellschaftsordnung jenseits des globalen Kapitalismus anstreben. 

 

 


 

Die Utopie des Solidarismus

von Rudolf Diesel 

ingenieur.de  Die-Utopie-Solidarismus-Rudolf-Diesel  12.08.2011 

 

 

Die Idee der Genossenschaft steht im Zentrum von Rudolf Diesels Utopie des Solidarismus. In so genannten Volkskassen wird Kapital gesammelt für Kredite an gemeinschaftliche Betriebe. 

Diese Betriebe sollen alle wichtigen Bedürfnisse decken. Im Solidarismus - so Diesels Utopie - fällt das Interesse des Einzelnen mit dem Interesse der Allgemeinheit zusammen.

<Solidarismus. Natürliche wirtschaftliche Erlößung des Menschen>, lautete der Titel einer Schrift, die von "Rudolf Diesel, Ingenieur in München" 1903 veröffentlicht wurde.

Darin legt er das Konzept einer solidarischen Wirtschaft vor, bei der die ehemals abhängig Beschäftigten die Finanzierung, Produktion und Verteilung von Gütern selbst in die Hand nehmen.

"Ihr seid in Deutschland 50 Millionen Menschen, die von Gehalt, Lohn, Salär abhängen", schreibt Diesel, und rechnet weiter vor: Wenn jeder einen Betrag von nur einem Pfennig pro Woche in eine "Volkskasse" einzahlen würde, ergäbe dies ein Kapital von einer halben Million Mark pro Woche. Würde gar jeden Tag ein Pfennig beiseite gelegt, "so habt ihr pro Jahr 182 Millionen und in zehn Jahren schon zwei Milliarden Mark zu eurer wirtschaftlichen Erhöhung zur Verfügung".

Solidarismus von Rudolf Diesel setzt Einzelinteresse mit Gesamtinteresse gleich 

Dieses Sparverfahren ist die Grundlage für das Prinzip des Solidarismus, den Diesel als die "vollkommene Gleichsetzung des Einzelinteresses mit dem Gesamtinteresse", "die freie Vereinbarung der Menschen zu gegenseitiger Gerechtigkeit durch Arbeit, Einigkeit und Liebe" versteht: 

"Der Solidarismus ist die Sonne, welche gleichmäßig über alle scheinend, durch ihre milde Wärme und ihr glänzendes Licht die Menschheit aus ihrem Winterschlaf zur wirtschaftlichen Erlösung erwecken wird."

Dreh- und Angelpunkt dieses Sonnenaufgangs ist die Gründung einer "Volkskasse", in der die Millionen Pfennige zusammengeführt werden. Diese Volkskasse mit ihrem angesammelten Kapital dient als Kreditgeber und Bürge für gemeinschaftliche Betriebe der Kassenmitglieder, die Diesel als "Bienenstöcke" bezeichnet: "Ebenso wie für Schuhe errichtet ihr unter dem Schutz der Haftung der Gesamtheit – der Volkskasse – noch andere Bienenstöcke für Kleider, Wäsche, Möbel, Hausgerät usw.", die schließlich die wichtigsten Lebensbedürfnisse der Mitarbeiter, den "Bienen" und anderer befrieden können.

Der Solidarismus von Rudolf Diesel setzt auf genossenschaftliche Selbsthilfe 

Unschwer ist hier die Idee der genossenschaftlichen Selbsthilfe zu erkennen. Diesel erweiterte allerdings die Idee der genossenschaftlichen Finanzierung und Produktion durch die Hinzufügung von genossenschaftlicher Konsumtion: "Eure Bienenstöcke tauschen also ihre Waren aus; in jedem derselben entsteht auf diese Weise ein Tauschlager, dessen Waren den Bienen und deren Familienmitgliedern ... zu den denkbar billigsten Preisen, da keinerlei Zwischenspesen darauf lasten", zur Verfügung stehen.

Diesel entwirft so einen geschlossenen Kreislauf von Finanzierung, Produktion und Konsum von genossenschaftlichen Gütern, die weder in Konkurrenz zu anderen Produzenten treten noch auf Märkten auftauchen: "Die wahre Genossenschaft tritt gar nicht in die allgemeine Konkurrenz ein, weder für die Produktion noch für den Konsum - sie arbeitet lediglich für ihren eigenen Bedarf." 

Es geht also nicht um Gewinn, sondern um Bedürfnisbefriedigung, eine Art industrieller Subsistenzwirtschaft.

An den zur damaligen Zeit bestehenden Produktionsgenossenschaften wie der Glashütte Albi kritisierte Diesel, diese seien als allgemeine Betriebsform einer Volkswirtschaft undenkbar. Dies einfach aus dem Grund, "weil sie sich wegen ihrer meist ungenügenden Mittel gegen die übermächtige Konkurrenz der verschiedenen Formen großkapitalistischer Produktion oder kapitalistischer Vereinigung nicht halten können". Sie seien nach innen zwar genossenschaftlich, nach außen aber kapitalistisch.

Rudolf Diesel: Sozialeinrichtungen ergänzen das Genossenschafts-Prinzip 

Rudolf Diesel ergänzt sein Modell genossenschaftlichen Arbeitens durch Sozialeinrichtungen. So habe jeder "Bienenstock", also jeder genossenschaftliche Betrieb, eine "geräumige, helle, gut ventilierte und geheizte Speiseanstalt" zu errichten, in denen wohlschmeckende Speisen zu "Bienenpreisen" angeboten werden, auch habe er für "gesunde, helle, luftige geräumige Wohnungen" zu sorgen. Zudem seien Krankenhäuser, Schulen, Lehrlingswerkstätten und Gesellschaftshäuser "mit Restaurant und möglichst mit Garten" zu errichten.

Es drängt sich hier die Idee des Betriebes als Lebensmittelpunkt auf, wie sie von realsozialistischen Ländern, aber auch von Großunternehmen in der Frühzeit des Kapitalismus bekannt ist. Doch der entscheidende Unterschied zu beiden ist die Freiwilligkeit

Im Unterschied zum Sozialismus sei der Solidarismus "im Rahmen bestehender Gesetze, in friedlicher Entwicklung bei vollkommener individuellen Freiheit" zu erlangen, im Unterschied zum Kapitalismus beruht er nicht auf dem Spiel der Marktkräfte, sondern "auf dem natürlichen Spiel der solidarischen Kräfte".

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Leseberichte

Solidarismus von Rudolph Diesel    2013   Von Allister  

Sehr lesenswert. Erstaunlich gründlich durchdachte Denkschrift zur Schaffung einer solidarischen Wirtschaftsordnung als Alternative zur Herrschaft des Kapitals. Dipl. Volksw. E. Weber  

 

Ausgesprochen verdienstvoll     2008   Von Wilhelm Liebhart  

Der Verlag ist zu beglückwünschen, ein unbekanntes und vergessenes Werk Rudolf Diesels wieder aufgelegt zu haben. Diesel versucht darin, die soziale Frage seiner Zeit zu lösen. Er schätzt dies höher ein als seinen Motor! Diesel als Weltverbesserer und Sozialingenieur! Wer es nicht glaubt, solch sich selbst davon überzeugen. Das Buch kommt gerade recht zum 150. Geburtstag 2008.

 

Mehr als eine Vision     2011   Von Piosol 

Dieses Buch ist meines Erachtens mehr als nur Utopie. Es zeigt einen Weg auf, wie die Menschen leben könnten. Natürlich ist sein verwendetes Menschenbild das eines Idealisten, der frei von Fehlern ist. Nichts desto trotz glaube ich, dass sein vorgeschlagenes Gesellschaftssystem mit einigen Modifikationen in die Tat umgesetzt werden könnte und eine wirkliche Alternative zum vorherrschenden Kapitalismus darstellen könnte. Denn der Kapitalismus kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. 

 

Diesel nicht nur ein Erfinder sondern auch ein Reformer   2009   Von Overdrive aus Südwest-Deutschland 

Rudolf Diesel nicht nur ein genialer Erfinder, sondern auch ein Sozialutopist. Wer wusste das? Sicher die wenigsten! Vielleicht liegt ja auch in diesem Buch ein Schlüssel zu seinem rätselhaften Tod? Immerhin waren ja Sozialreformer wie Martin Luther King oder John F. Kennedy bei den Kapitalisten nicht gerade beliebt und wurden beseitigt. In diese Reihe kann man sich auch noch John Lennon, Michael Jackson und Prinzessin Diana einreihen. 

Überdies ist ein Erfinder, der sich so für seine Erfindungen und das allgemeinwohl einsetzt vom psychologischen her ganz sicher kein Selbstmordkandidat. Sicher wäre nach einer Sozialreform nach Diesel, die ja auch immer wieder in Ansätzen diskutiert wird, eine Art von Gesellschaftsform, bei der der Einzelne nicht, wie heute üblich, nach jahrzehntelanger Arbeit und Einzahlung in die Arbeitslosenversicherung, darauf angewiesen, sein Erspartes zu versilbern um überhaupt leben zu können. Natürlich hat die eine oder andere Form von Solidarismus, wie etwa in der gesetzlichen Krankenversicherung auch zur Folge, daß sich einige als "Sozialschmarotzer" von den anderen mit durchziehen lassen. 

Es gibt schon Extreme und der Mensch ist am meisten motiviert, wenn sich der Erfolg für ihn selbst auszahlt und nicht alles, wie im Kommunismus, vom Staat einkassiert wird. Aber es ist was dran, an Diesels Visionen und wir werden nach einer Zeit der Kapitalvernichtungen an den Börsen (2000) und durch unverantwortliche Geldanlagen im Ausland wie im letzten Herbst wieder zu einer Normalität zurückfinden müssen. Es kann nicht sein, daß unverantwortliche Spekulanten mit der Vernichtung fremder Gelder in einem Jahr mehr Einkommen erzielen, als ein Handwerker oder Arbeiter in seinem ganzen Leben. Übrigens kann man doch Geld eigentlich nicht vernichten. 

Wo ein Verlierer ist, muß laut dem Gesetz der Buchhaltung auch immer ein Gewinner sein. Laut Rohschild ist das Geld nicht verschwunden, es hat lediglich den Besitzer gewechselt. Raubtierkapitalismus pur! Zeit zum Umdenken. Die Politiker sollten einmal Diesels Anregungen in die Tat umsetzen statt immer nur an ihre eigenen kurzfristigen Vorteile (Diäten, Pauschalen, Steuervorteile) zu denken. Eine Rückbesinnung an das Wohl des Volkes wäre dringend nötig. Es kann auch nicht sein, daß ein Beitragszahler von der Arbeitslosenversicherung oder Krankenversicherung weniger bekommt als einer, der niemals etwas eingezahlt hat. 

Solidarität ist keine Einbahnstraße. Sicher würde das Modell nach Diesel die Menschen von der Angst befreien, die heute jedem Arbeitnehmer (Arbeitslosigkeit) und Selbständigen (Pleite) im Nacken steckt.

 

Hundert Jahre alt und noch immer aktuell     2009   Von Gartenzwerg am Rhein 

Schon interessant, daß sich zwei namhafte "Automobilbauer" vor ca. 100 Jahren fast gleichzeitig um das "gemeine Volk" Gedanken gemacht haben. Neben Rudolf Diesel hat auch Henry Ford sich in seinen Büchern wie z.B. "Das Große Heute, das Größere Morgen" oder "Erfolg im Leben" Gedanken um den Kapitalismus und den kleinen Mann gemacht.

Henry Ford war auch so sozial eingestellt, daß bei ihm Arbeiter nicht nach Zeugnissen sondern nach Leistungen und Fähigkeiten bezahlt wurden. Leistungen machten sich da auch noch wirklich und im wahrsten Sinne bezahlt. Inzwischen hat man mehrere politische und gesellschaftliche Systeme ausprobiert. Vom Kommunismus über den Sozialismus der DDR und der sozialen Marktwirtschaft des Ludwig Erhart bis hin zum Raubtier-Kapitalismus ab der Maueröffnung. 

Bis auf den Ansatz der Sozialen Marktwirtschaft des Ludwig Erhart waren alle Systeme mehr oder weniger, direkt oder indirekt darauf aus, die arbeitenden Menschen auszubeuten und deren Arbeitsleistung den Konten der Kapitalisten oder Parteibonzen gutzuschreiben. Gerade heute, wo sich die Welt, inmitten einer Wirtschaftskrise befindet und sich täglich neue Milliardenlöcher bei Banken auftun, hundertjährige Unternehmen (Märklin, Schiesser, Grohe, Opel) reihenweise von "Heuschrecken" ausgesaugt oder hochbezahlten Managern in die Pleite manövriert werden, ist so ein Buch hochaktuell. Dieses Buch sollten vor allem einmal die Politiker lesen, die sich immer nur im Kreise drehen und nicht wirklich was zustanden bringen. Sicher würden sich hier einige Anregungen finden, wie man die Weltwirtschaft wieder auf die Beine bringt und vor allem: wie es künftig weitergehen soll. Das Buch also unbedingt zu empfehlen! 

 

Lesenswerte Sozialutopie     2008   Von Isy am Bodensee 

Rechtzeitig zum 150. Geburtstag Rudolf Diesels hat der MaroVerlag seine interessante Sozialutopie aus dem Jahr 1903 wieder aufgelegt. Diesel, der im Waisenhaus groß geworden ist, schätzte dieses Werk mehr als seinen Motor. Und ich möchte es als Zeitdokument wärmstens für die Hausbibliothek empfehlen. Wer sich gerne genauer mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Utopien beschäftigt, von Thomas Morus über die französische Revolution bis hin zur sozialistischen Planwirtschaft und auch die zeitgenössischen Nachhaltigkeitsbewegungen, findet in dem lesenswerten Buch viele interessante Aspekte, die zum Nachdenken anregen.

Diesels Idee beruht auf zwei Säulen: 

Zum ersten wird von jedem Mitglied ein geringer aber regelmässiger Sparbetrag in eine "Volkskasse" eingezahlt, aus der dann Betriebe gegründet werden sollen. Diese volkseigenen Betriebe führen ihren Ertrag an die Mitglieder der Solidargemeinschaft wieder ab, indem sie nur zum Selbstkostenpreis produzieren. Als Gegenleistung erwirbt das zahlende Mitglied, das Recht, Waren zum Selbstkostenpreis von anderen Betrieben zu erhalten, später auch Werkswohnungen zu beziehen, es erhält eine Gesundheits- und Rentenvollversorgung sowie kulturelle Angebote und regelmässige Erholungsreisen. Diesel errechnet für die Werktätigen, die in seinen Betrieben arbeiten, höhere Löhne und Gehälter als in normalen Wirtschaftsunternehmen. 

Außerdem wird laut Diesel das Verlustrisiko des Betriebes auf viele Schultern verteilt und so minimiert, was zu sozialer Absicherung des Einzelnen führt. Besonders schön an Diesels Utopie ist, dass bei ihm der Einstieg auf Freiwilligkeit basiert und auch jederzeit ein Ausstieg möglich ist. Sogar das "Streben nach Glück", das wir aus der amerikanischen Verfassung kennen, findet Eingang in das Buch. 

Diese Aspekte unterscheidet Diesels Solidarismus von den real existierenden sozialistischen Systemen, bei denen entweder die Beiträge zwangsweise eingezogen werden, das Recht auf Privateigentum nur eingeschränkt oder gar nicht vorkommt und die Mitglieder keine Möglichkeit haben, das System wieder zu verlassen. Neben der "Volkskasse" konstruiert Diesel als zweite Säule des Solidarismus eine Art Parallelwirtschaft der Betriebe untereinander: ein Tauschhandelssystem, das auf Warenmustern, Katalog und Bestellung basiert. Da die Einzahlung in die "Volkskasse" freiwillig erfolgen, hat auch nur das zahlende Mitglied Anspruch auf Leistungen daraus. Diesel glaubt, dass dadurch gleichzeitig noch das Strafrecht überflüssig wird, da sein System so klar aufgebaut ist.

Diesel geht die soziale Frage mit lobenswertem Idealismus an, unterschätzt aber meiner Meinung nach, die organisatorischen Schwierigkeiten, die sich aus zwei nebeneinander existierenden Wirtschaftssystemen ergeben. Gerade die attraktiven Sozialleistungen, die von den Betrieben nebenbei mitfinanziert werden sollen, bergen ein wirtschaftliches Gefahrenpotential. Es gibt schon in konservativen gewinnorientierten Großunternehmen mit eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, Kantinen und Betriebskindergärten regelmäßig Streit um die Bewertung dieser Kostenstellen in der internen Rechnungslegung. Wie wird es da erst bei der Bewertung ganzer Betriebe untereinander aussehen?

Auch ein psychologischer Fehler ist Diesel bei seinem Solidarismus unterlaufen. Ein großer Anteil an Gemeinschaftseigentum führt nämlich nicht zu höherer Verantwortlichkeit des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft. Gemeinschaftliches Eigentum wird tatsächlich weniger geschätzt und gepflegt als privates. Geld, welches von Fremden verdient wird und das wiederum für andere Fremde ausgegeben werden soll, wird am ehesten verschwendet, und deckt den konkreten Bedarf nicht vollständig weil das direkte Einzelinteresse längst nicht so ausgeprägt ist, wie bei Geld, welches ein Mensch verdient und für sich selbst ausgibt. Gerde dieses öffentliche Geld verführt dazu, es zu leicht auszugeben oder sogar, es in die Privatkasse umzuleiten. Wer soll garantieren, dass die Erträge von Diesels Volkskasse nicht von einzelnen Direktoren verschwendet oder verspekuliert werden - vor allem wenn kein Strafrecht dies mehr ahnden kann?

Diesel setzt als Grundlage für seinen Solidarismus einen integeren, arbeitsamen, bescheidenen und wirtschaftlich logisch denkenden Menschen voraus, der soziale Verantwortung besitzt, und der in seiner Freizeit nach Bildung und Kultur strebt. 

Durch Solidarismus soll der Mensch aus Armut, Existenzangst und Abhängigkeit erlöst werden und ein Besserer werden. Mit diesem idealen Menschentyp funktioniert allerdings jede Form der Gesellschaft. Wenn weise Regenten, edle und selbstlose Wirtschaftsführer und integere rechtschaffene Bürger brüderlich und in Nächstenliebe zusammenstehen und -arbeiten, lebt es sich auch in einer Diktatur angenehm und es entsteht automatisch Wohlstand für alle.

Mein Vater hätte allerdings dazu gesagt: "Oh, wenn doch älle so wäret, wie i sein sollt!" 

 

 

Solidarismus - Inhaltsverzeichnis

Inhalt.pdf

ERSTES BUCH.
Wesen, Organisation und Wirkungen des Solidarismus

Kapitel 1. Die Grundlagen des Solidarismus Eigentum am Arbeitsprodukt 13 Grundbegriff der Volkskasse 14 Grundbegriff des Bienenstocks 17

Kapitel 2. Organisation der Volkskasse. Volksvertrag Grundlagen und Zweck der Volkskasse 20 Finanzen der Volkskasse 23 Verwaltung und Leitung der Volkskasse 24 Pflichten und Rechte der Brüder 27 Bedingungen zur Errichtung von Bienenstöcken 31

Kapitel 3. Organisation der Bienenstöcke. Arbeitsvertrag Grundlagen und Zweck der Bienenstöcke 34 Verwaltung und Leitung der Bienenstöcke 35 Finanzen der Bienenstöcke 36 Die sozialen Einrichtungen der Bienenstöcke 39 für das körperliche Wohl 39 für das geistig-sittliche Wohl 41 Pflichten der Bienenstöcke zur Volkskasse 42 Pflichten und Rechte der Bienen 43

Kapitel 4. Gesamtorganisation 48

Kapitel 5. Solidarismus (55)

Kapitel 6. Beweis der praktischen Durchführbarkeit des Solidarismus Die Produktion 57 Die Warenverteilung 61 Die sozialen Einrichtungen 64 Die schiedsmännische Selbstentscheidung 66 Die Anlage der Ersparnisse 70 Die Aufbringung der Mittel für den Solidarismus 72 Mittel der Volkskasse 72 Mittel der Bienenstöcke 79 Schlußwort zu diesem Kapitel 84

Kapitel 7. Wirkungen des Solidarismus
Wirkungen des Solidarismus auf das Wohl der einzelnen 87 Materielles Wohl 87 Körperliches Wohl 89 Geistig-sittliches Wohl 90 Ethische Wirkungen des Solidarismus 92 Wirkungen des Solidarismus auf das Wohl der Gesamtheit 95 Schlußwort zu diesem Kapitel 102

Kapitel 8. Wem nützt der Solidarismus? Allen Abhängigen 104 Allen Selbständigen 106 Den Frauen 111 Dem Staate 115 Den Gemeinden 122 Der Kirche 122 Schlußwort zu diesem Kapitel 124

Kapitel 9. Aufruf zum Solidarismus! (126)

Anhänge zum ersten Buch

1. Statistik der Einkommensverhältnisse in Deutschland .. 129 2. Statistik der möglichen Brüderbeiträge zur Volkskasse 132 3. Weniger wichtige Formen der Bienenstöcke. Der Bienenstock für Arbeitsleistungen 134 4. Einiges über Produktiv- und Konsumgenossenschaften 136 5. Statistik der Spareinlagen des deutschen Volkes 138 6. Ausschlaggebende Bedeutung der großen Masse auf allen Gebieten der Volkswirtschaft 140 7. Statistik des Getränke- und Tabakverbrauchs in Deutschland 145 8. Statistische Angaben über einige Trusts 147 9. Vergleich der Jahresabrechnungen verschiedener Aktiengesellschaften mit den Abrechnungen nach Bienenstockvorschriften 149

 

ZWEITES BUCH. Die solidaristischen Verträge.

Einleitung 151

I. Erklärung des Solidarismus 153

II. Volksvertrag 155

1. Teil. Grundlagen und Zweck des Volksvertrags §1. Grundlagen 155 §2. Zweck 155
Inhaltsverzeichnis.
2. Teil. Finanzen der Volkskasse §3. Vermögen der Volkskasse 158 §4. Stammfonds 158 §5. Anteilfonds 159 §6. Eigentumsrecht an den Bienenstöcken 159 §7. Sparkassenfonds 160 §8. Gewinne der Volkskasse 160 §9. Jahresabrechnung 161
3. Teil. Verwaltung und Leitung der Volkskasse A. Volksrat 161 §10. Bestellung des Volksrats 161 §11. Kompetenzen des Volksrats 161 §12. Sitzungsordnung des Volksrats 163 §13. Abstimmungsordnung des Volksrats 164 § 14. Abänderungen des Volksvertrags 165 §15. Bezüge der Volksräte 165 B. Präsident der Volkskasse 166 §16. Bestellung des Präsidenten 166 §17. Kompetenzendes Präsidenten 166 §18. Geschäftsordnung des Präsidenten 167 §19. Einkommen des Präsidenten 167 C.Direktorium der Volkskasse 168 §20. Bestellung des Direktoriums 168 §21. Kompetenzen des Direktoriums 168 §22. Geschäftsordnung des Direktoriums 169 D. Die Delegierten der Volkskasse 170 §23. Bestellung der Delegierten 170 §24. Kompetenzen der Delegierten 170 E. §25. Allgemeine Bestimmungen für alle Beamten der Volkskasse 172

4. Teil. Pflichten und Rechte der Brüder §26. Pflichten der Brüder 173 §27. Die Brüderbeiträge 174 §28. Brüderschein. Brüderakten 174 §29. Rechte der Brüder 175 1. Wahlen zum Volksrat 175 2. Errichtung von Bienenstöcken 175 3. Anstellung als Bienen 176 4. Warenbezüge 176 5. Warenlieferungen 176 6. Anlage der Ersparnisse 176 7. Allgemeine Rechte 176 8. Schiedssprüche 176 §30. Unterbrechung der Brüderrechte. Einziehung des Brüderscheins 176
5. Teil. Bedingungen zur Errichtung von Bienenstöcken §31. Anmeldebedingungen 178 §32. Form des Antrags 178 §33. Prüfung des Antrags und Beschlußfassung 179 §34. Ernennung der Vorstände 179 §35. Errichtungsurkunde des Bienenstocks 180
6. Teil. §36. Übergangsbestimmungen 181
7. Teil. Beilagen zum Volksvertrag Beilage 1. Wahlordnung für den Volksrat, zu §10 des Volksvertrags 181 Beilage 2. Muster eines Brüderscheins und Erklärung desselben 184

III. Arbeitsvertrag der Bienenstöcke 187

1. Teil. Grundlagen und Zweck der Bienenstöcke (187)   §1. Grundlagen 187 §2. Zweck 187

2. Teil. Finanzen der Bienenstöcke §3. Kapital 188 §4. Rechnungsmodus 189 §5. Jahresabrechnung 191

3. Teil. Verwaltung und Leitung der Bienenstöcke
A. Vorstand des Bienenstocks 191 §6. Bestellung des Vorstands 191 §7. Kompetenzen des Vorstands 192 §8. Geschäftsordnung des Vorstands 192
B. Vorstandsausschuß des Bienenstocks 193 §9. Bestellung des Vorstandsausschusses 193 §10. Kompetenzendes Vorstandsausschusses 194 §11. Geschäftsordnung des Vorstandsausschusses 195 § 12. Einkommen der Mitglieder des Vorstandsausschusses 196
C.Jahresversammlung des Bienenstocks 196 §13. Zusammensetzung der Jahresversammlung 196 §14. Geschäftsordnung der Jahresversammlung 196 §15. Kompetenzen der Jahresversammlung 197
4. Teil. Pflichten und Rechte der Bienen § 16. Pflichten der Bienen 198 §17. Die Bienenbeiträge 200 §18. Bienenschein. Bienenakten 200

§ 19. Rechte der Bienen 201

1. Wahlen zum Volksrat 201 2. Errichtung von Bienenstöcken 201 3. Anstellung als Bienen 201 4. Warenbezüge 202 5. Warenlieferungen 202 6. Anlage der Ersparnisse 202 7. Allgemeine Rechte 202 8. Schiedssprüche 202 9. Wahlen zum Vorstandsausschuß 203 10. Normaleinkommen 203 11. Urlaub 203 12. Ergänzungseinkommen 204 13. Krankheits- und Unfallszuschüsse 204 14. Invaliditäts- und Seniorenanteile 204 15. Witwen- und Waisenanteile 205 16. Erziehung von Doppelwaisen 206 17. Bestattung 206 18. Auszahlungen 206 § 20. Unterbrechung der Bienenrechte. Einziehung des Bienenscheins 206

5. Teil. Pflichten der Bienenstöcke zur Volkskasse und unter sich §21. Pflichten zur Volkskasse 207

§22. Gegenseitige und gemeinsame Bezüge von Waren und Leistungen 208 §23. Gegenseitige Tauschlager 208 §24. Allgemeine Gegenseitigkeitsverpflichtungen 209
6. Teil. Die sozialen Einrichtungen der Bienenstöcke §25. Allgemeine Grundsätze 209

§26. Einrichtungen für das körperliche Wohl (210)  a. Ernährung 210 b. Wohnung 211 c. Gesundheitspflege 211

§27. Einrichtungen für das geistige und sittliche Wohl 213 a. Erziehung, Unterricht und Fortbildung 213 b. Geselligkeit und Erholung 214 §28. Stipendienfonds 214
7. Teil. §29. Übergangsbestimmungen 215


 

Leseprobe

 

Eigentum am Arbeitsprodukt.

Stellst du durch deine Arbeit mit eigenen Werkzeugen und Materialien ein Produkt her, so ist dasselbe dein Eigentum.

Hast du nicht eigene Mittel zur Beschaffung der Materialien und Werkzeuge, so kannst du dieselben gegen übliche Verzinsung und ratenweise Rückzahlung entlehnen, wenn ein vermögender Freund, welcher Vertrauen in deine Ehrenhaftigkeit, Arbeitskraft und Fähigkeiten setzt, dafür haftet. Das Produkt deiner Arbeit oder der dafür erzielte Erlös ist auch dann dein unbestrittenes Eigentum.

Schafft ihr aber zu mehreren durch gemeinschaftliche Arbeit in einem Betriebe, mit Kapital, das ihr auf Grund der Haftung eines Kapitalisten entlehnt, verzinst und ratenweise rückzahlt, ein Gut und bringt es in den Konsum, so ist das Produkt eurer gemeinsamen Arbeit oder dessen Erlös Eigentum eurer Gemeinschaft, gleichgültig ob dieselbe aus wenigen oder Hunderten von Mitgliedern besteht. Der für euren Kredit haftende Kapitalist kann zur Sicherung gegen Verluste sich das Eigentumsrecht an eurem Betriebe vorbehalten und sich ausbedingen, von diesem Rechte unter gewissen Umständen Gebrauch zu machen, etwa wenn der Betrieb Verluste bis zu einem bestimmten Betrage herbeiführen sollte; er wird auch berechtigterweise für seine Haftung und die damit verbundene Mühewaltung eine mäßige Entschädigung, vielleicht in Form einer jährlichen Prämie, fordern können.

Ihr seid demnach unbestrittene Eigentümer eures Arbeitsprodukts, d. h. Selbstunternehmer, wenn ihr aus den Erträgnissen eures Betriebes die übliche Verzinsung und ratenweise Rückzahlung des geborgten Kapitals bewerkstelligt, und wenn gleichzeitig für letzteres in unanfechtbarer Weise gehaftet wird.

Dies entspricht den Sitten und der Moral, dem Rechtsgefühl und den Gesetzen.

Grundbegriff der Volkskasse.

Diese Haftung könnt ihr ohne fremde Hilfe selbst leisten, wenn ihr Arbeitenden alle als geschlossene Gesamtheit auftretet und einig handelt.

Ihr seid in Deutschland 50 Millionen Menschen, die von Gehalt, Lohn, Salär abhängen.[1] Wenn jeder von euch wöchentlich nur einen Pfennig in eine gemeinsame Volkskasse gibt, so werdet ihr als Gesamtheit in einer Woche eine halbe Million Mark besitzen; legt ihr dieselbe in unangreifbarer Form an, etwa in Hypotheken oder in sicheren Staatspapieren, so könnt ihr damit Bürgschaft leisten für einen Betrieb mit einer halben Million Mark Kapital, d. h. einige hundert eurer Brüder zu unabhängigen Selbstunternehmern machen, die über ihr Arbeitsprodukt frei verfügen.

Die allwöchentliche Wiederholung dieses unmerklichen Opfers führt in einem einzigen Jahre zu einem Besitz der Gesamtheit von 26 Millionen Mark, mit welchem ihr im Wege der Kredithaftung vielleicht 10000 Brüdern nebst ihren Familienangehörigen, im ganzen 20000 oder 30000 Menschen, unabhängig machen könnt. Entschließt ihr euch aber, statt in jeder Woche an jedem Tage einen Pfennig der Gesamtheit zu opfern, so habt ihr pro Jahr 182 Millionen und in 10 Jahren schon 2 Milliarden Mark zu eurer wirtschaftlichen Erlösung zur Verfügung.

Um dieses wundervolle Ziel zu erreichen, bedarf es nur einer winzigen, unfühlbaren Leistung jedes einzelnen für die Gesamtheit und des Eintretens, des Haftens dieser Gesamtheit für die einzelnen und deren Unternehmungen; die winzige Leistung muß aber von allen ohne Ausnahme vollbracht werden und sich unablässig wiederholen; führt ihr diesen Grundsatz mit eiserner Konsequenz durch, steht ihr zusammen wie ein Mann, handelt ihr zusammen wie ein Kopf, seid ihr unbeugsam gewillt, dieses Ziel zu erreichen, so habt ihr auch die Macht dazu; unaufhaltsam vermehrt sich die Wirkung, und in nicht zu ferner Zeit werdet ihr Brüder und Schwestern alle freie Herren eurer Arbeit sein.

Das Geld in eurer Volkskasse, euer Gesamtkapital, wird hierbei nicht ausgegeben; es hat das Wunder bloß durch sein Vorhandensein bewirkt; die Betriebe eurer Brüder sind mit dem Kredit geschaffen, welcher ihnen durch eure Gesamtbürgschaft zuteil wurde. Wenn diese Betriebe blühen und gedeihen und nach einigen Jahren in sich selbst die Sicherheit für ihr Kapital tragen, oder wenn sie es nach und nach zurückbezahlt haben, so kann die Gesamtheit mit der hierdurch frei werdenden Bürgschaftssumme neue Betriebe ins Leben rufen und so in immer wachsendem Tempo das Werk der wirtschaftlichen Erlösung beschleunigen.

Der Inhalt eurer Volkskasse aber, gebildet aus euren unaufhörlich fließenden einzelnen Pfennigen, immer vermehrt und niemals vermindert, wird mit der Zeit unermeßlich werden wie das von den unablässig fallenden Regentropfen gebildete Meer.

Ihr kennt das Beispiel eines zu Anfang unserer Zeitrechnung zu 5% auf Zinseszins angelegten Pfennigs. Derselbe wäre heute zu einer Summe angewachsen, zu deren Darstellung man 5000 Millionen massiv goldener Kugeln von der Größe unserer Erde brauchen würde; diese Rechnung, auf eure Brüderpfennige angewendet, zeigt, daß bei einer Kopfleistung von 1 Pfennig pro Woche die 26 Millionen eurer ersten Jahressammlung allein nach 100 Jahren schon 2¹/2 Milliarden Mark überschreiten, nach 200 Jahren 250 Milliarden Mark. Bei einer Kopfleistung von 1 Pfennig pro Tag aber wachsen die 182 Millionen eurer ersten Jahressammlung nach 100 Jahren auf 18 Milliarden und nach 200 Jahren auf 1800 Milliarden an. Diese an sich schon beinahe unfaßbar hohen Zahlen werden noch beliebig oft vervielfacht, wenn ihr nicht 1 Jahr lang, sondern 10, 20, 30 Jahre lang eure Pfennigsammlung fortsetzt. Wenn ihr also unentwegt Jahr auf Jahr, Jahrzehnt auf Jahrzehnt täglich euren Pfennig zur Volkskasse tragt, so werdet ihr in absehbaren Zeiten als Gesamtheit über ein Vermögen verfügen, für welches das Wort unermeßlich nicht übertrieben erscheint, auch wenn einige eurer Unternehmungen mißlingen und die Bürgschaft eurer Volkskasse von Zeit zu Zeit wirklich beanspruchen sollten.

Begreift ihr die Macht der Zahl und der Zeit? Begreift ihr, daß ihr euch selbst erlösen könnt, wenn ihr Zahl und Zeit richtig verwendet, die Zahl durch Einigkeit, die Zeit durch Beharrlichkeit? Begreift ihr aber auch, daß ihr diese Macht nur habt, wenn jeder von euch, ohne Ausnahme, für die Gesamtheit wirkt, und daß ihr sie nur behaltet, wenn ihr geschlossene Gesamtheit, d. h. einig bleibt?

Nehmt einmal an, ihr hättet alle während mehrerer Jahre einige Pfennige pro Woche und Kopf geopfert, dadurch eure deutsche Volkskasse gegründet und sie besitze bereits 100 oder 200 Millionen Mark; sie werde verwaltet von einem Ausschuß der Besten und Tüchtigsten unter euch, durch euer Vertrauen und von euch selbst berufen zu diesem Ehrenamt. Das Direktorium dieser eurer Volkskasse sei fest organisiert, ihre Gelder in sicherster Form zinstragend angelegt, mit der Bestimmung, daß kein Pfennig davon andern Zwecken dienen darf als ausschließlich der Haftung für den euren Betrieben gewährten Kredit.

Wie werdet ihr nun diese Betriebe ins Leben rufen?

Grundbegriff des Bienenstocks.

Ihr wollt z. B. einen großen Betrieb zur Herstellung von Schuhen errichten.

Unter denjenigen, welche durch ihre stets wiederkehrende brüderliche Leistung zur Volkskasse deren Bestehen ermöglichten – sie seien einfach Brüder genannt – sucht das Direktorium der Volkskasse diejenigen Männer als Leiter des künftigen Unternehmens aus, welche in diesem Fache den Ruf großer Fähigkeiten genießen und als Ehrenmänner bekannt sind; es schließt mit denselben einen Vertrag, welcher ihre Bezüge, ihre Rechte und Pflichten als Vorstände des Betriebes festsetzt und sie ermächtigt, das nötige Kapital – es sei 1 Million Mark – durch eine Anleihe aufzunehmen, welche aus den Geschäftserträgnissen zu verzinsen und innerhalb 50 Jahren in gleichmäßigen Raten an die Darleiher zurückzuzahlen ist.

Die Schuldscheine, welche für diese Anleihe von der neuen Unternehmung ausgegeben werden, sind mit der unbedingten Haftungsklausel der Volkskasse sowohl für Kapital als Zins versehen; ist der Zinsfuß etwas höher, etwa um 1% als üblich, so wird den Vorständen des zu gründenden Betriebes das Kapital von selbst zufließen, denn keine andere Geldanlage bietet gleiche Vorteile und Sicherheiten. Die Schuldscheine selbst können bei Beobachtung gewisser Formen wie Banknoten als Zahlmittel dienen.

Für ihre Haftung behält sich die Volkskasse das Eigentumsrecht an eurem Betriebe vor, und für ihre Bemühungen und Spesen erhält sie aus eurem Betrieb eine kleine jährliche Prämie, denn das Kapital der Volkskasse darf bestimmungsgemäß nicht angegriffen werden, also auch nicht für geschäftliche Auslagen.

Mit dem Gelde dieser Anleihe errichten die Vorstände ihren Betrieb, genau wie es die Direktoren einer Aktiengesellschaft mit dem ihnen anvertrauten Kapital zu tun pflegen. Sie bringen selbstverständlich die besten Maschinen und technischen Hilfsmittel zur Anwendung, suchen sich unter der Zahl der Brüder die besten als Beamten, Meister und Arbeiter; haben sie doch hieran das größte Interesse, da das ganze Betriebserträgnis Eigentum der Mitwirkenden ist und ihnen als Gegenwert ihrer Arbeit ausbezahlt wird. In einem solchen Betrieb wird jeder ganz von selbst, aus eigenstem Interesse seine höchste Leistung einsetzen; jeder wird sein ganzes Können, seine ganze Zeit und Kraft dem gemeinsamen Werke widmen, dessen Resultat gemeinsames Eigentum ist.

Denkt ihr dabei nicht an einen Bienenstock, in welchem jede Biene in unausgesetztem, hingebendem Fleiß am gemeinsamen Werke mithilft und in welchem der gesammelte Honig gemeinsames Eigentum aller Bienen des Stockes ist als Nahrung, nicht nur für den Augenblick, sondern auch für die Zeit des unproduktiven Winters? Kommt ihr nicht von selbst auf den Gedanken, ein solches Unternehmen einen Bienenstocksbetrieb oder kurz Bienenstock und dessen Mitglieder Bienen zu nennen?

Ebenso wie für Schuhe errichtet ihr unter dem Schutze der Haftung der Gesamtheit – der Volkskasse – noch andere Bienenstöcke für Kleider, Wäsche, Lebensmittel, Möbel, Hausgerät usw., und in kurzer Zeit besitzt ihr einen Grundstock von Selbstbetrieben, welche die wichtigsten Lebensbedürfnisse nicht nur der darin Beschäftigten, sondern einer vielfach höheren Anzahl von Menschen herstellen können, und welche den Ausgangspunkt einer großartigen, auf Interessengemeinschaft beruhenden Organisation bilden.

Da nämlich eure sämtlichen Bienenstöcke einen gemeinsamen Ursprung und einen gemeinsamen Besitzer, die Volkskasse, haben, so werden sie sich nicht gegenseitig Konkurrenz machen, sondern sich aushelfen und unterstützen. Geradezu selbstverständlich ist, daß jeder Bienenstock den andern seine Produkte zusendet für den Absatz an ihre Bienen; denn jeder Bienenstock vereinigt durch seinen Betrieb eine große Anzahl von Menschen, deren Lebensbedürfnisse am einfachsten und bequemsten am Arbeitsorte selbst befriedigt werden. – Eure Bienenstöcke tauschen also ihre Waren aus; in jedem derselben entsteht auf diese Weise ein Tauschlager, dessen Waren den Bienen und deren Familienmitgliedern, aber auch den Brüdern im allgemeinen, zur Verfügung stehen, und zwar zu den denkbar billigsten Preisen, da keinerlei Zwischenspesen darauf lasten.

Der Bienenstock erhöht also eure Einnahmen, indem er euch sein ganzes Betriebserträgnis auszahlt, und er erniedrigt gleichzeitig die Ausgaben für eure gesamte Lebenshaltung, indem er euch eure Lebensbedürfnisse zu den niedrigsten überhaupt erreichbaren Kosten am Arbeitsorte überläßt.

Da ihr nun notwendigerweise durch eure Tätigkeit gezwungen seid, euch täglich in eurem Bienenstock zu vereinigen und eure Familien in der Nähe zu haben, so drängt sich von selbst der Gedanke auf, diese Versorgung nicht auf die materielle Seite eures Lebens zu beschränken, sondern auch auf eure sonstigen körperlichen, geistigen und sittlichen Bedürfnisse auszudehnen durch Einrichtungen, welche am besten als »soziale Einrichtungen« des Bienenstockes bezeichnet werden.

Auf diese Weise wird der Bienenstock nicht nur ein Produktionszentrum, sondern gleichzeitig ein Zentrum vollständiger wirtschaftlicher Versorgung für euch und die eurigen von der Geburt an bis zum Tode.

 

Kapitel 2.

Organisation der Volkskasse. Volksvertrag.

Inhaltsverzeichnis

Vorhin wurde vorausgesetzt, eure Volkskasse sei bereits gegründet und fest gefügt; nunmehr ist deren Organisation zu erläutern.

Grundlagen und Zweck der Volkskasse.

Die Volkskasse beruht auf einem Vertrag, den die freiwillig Beitretenden unter sich abschließen; letztere werden im einzelnen, je nach ihrem Geschlecht, Brüder oder Schwestern, in ihrer Gesamtheit aber ohne Unterscheidung Brüder genannt; ihr Vertrag heißt kurzweg Volksvertrag. Die Brüder vereinbaren darin, unter sich die Errichtung von Bienenstöcken zu veranlassen, zu unterstützen und zu fördern und möglichst zahlreiche Brüder zu Bienen, d. h. zu Mitgliedern von Bienenstöcken zu machen.

Bienenstöcke sind Betriebe, welche unter Ausschluß der Erzielung eines Gewinnes folgende Zwecke haben:

ihre gesamten Erträgnisse ihren Bienen als Gegenwert ihrer Arbeit auszuzahlen und durch richtige Organisation der Arbeit und der Güterverteilung die Einnahmen der Bienen zu erhöhen, deren Ausgaben zu vermindern und ihre materiellen Bedürfnisse vollständig und in möglichst vollkommener Weise zu befriedigen;

durch soziale Einrichtungen auch für die Befriedigung der körperlichen, geistigen und sittlichen Bedürfnisse der Bienen und ihrer Angehörigen, wozu auch ein ausreichendes Maß von Lebensannehmlichkeiten gehört, möglichst vollständig zu sorgen;

durch vorsorgliche Maßnahmen die Bienen und ihre Angehörigen von der Geburt bis zum Tode vor den Folgen der natürlichen Ungleichheiten (Verschiedenheit der Gesundheit, der physischen und geistigen Fähigkeiten, der Lebensdauer) und der sozialen Schädlichkeiten (Unfälle, Arbeitslosigkeit) zu schützen;

nicht zum Bienenstock gehörende Brüder in möglichst großem Umfange in den Mitgenuß der aufgezählten Vorteile zu setzen.

Zur Erreichung dieser Zwecke hat jeder Bienenstock in seinem Betrieb folgende Abteilungen:

einen Produktivbetrieb zur Herstellung von Arbeitsprodukten oder für bestimmte Arbeitsleistungen;

ein Tauschlager für Austausch und Verteilung der Güter;

die sozialen Einrichtungen;

die vorsorglichen Kassen, deren Führung und Kontrolle vertragsmäßig der Volkskasse zusteht, bzw. für welche dieselbe haftet.

 

 

 

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