Hermann Benjes

Wer hat Angst 

vor Silvio Gesell?

Das Ende der Zinswirtschaft bringt Arbeit, Wohlstand und Frieden für alle

1995 im Bickenbach-Verlag

1996: 128 Seiten -- 2007: 353 Seiten

wikipedia Silvio Gesell  *1862 bis 1930 (68)

wikipedia H.Benjes *1937 in Niedersachsen bis 2007 (70)

DNB.Benjes (10 Publi)

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detopia:

G.htm   Utopiebuch  Sterbejahr 

K.Schmitt    B.Hercksen  

R.Steiner   Diesel,Rudolf *1858

 

9. Die Bodenreform 

Von Herman Benjes

 

Die nutzbare Oberfläche der Erde läßt sich kaum noch vergrößern. Da jedoch die Zahl der Menschen ständig zunimmt, die landwirtschaftlich nutzbare Fläche aber nicht mitwächst, wird der pro Kopf zur Verfügung stehende Boden immer knapper und kostbarer. Wäre es anders, würde die Zahl der Menschen beispielsweise durch Seuchen oder Kriege ständig abnehmen, wäre es umgekehrt: Der Ackerboden, aber auch das Grundstück für Haus und Garten, würden dann von Jahr zu Jahr billiger werden. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges waren in Mitteleuropa ganze Landstriche entvölkert. Land war im Überfluß vorhanden und dementsprechend preisgünstig. 

Wir sind heute geneigt, den Mangel an Land (durch Übervölkerung) für etwas weniger gefährlich zu halten als den durch Katastrophen geschaffenen Überfluß an Fläche (Atomkrieg, Seuchen). Das ist auch gut so, denn beide Perspektiven sind so furchtbar, daß es sich gar nicht lohnt, darüber zu streiten, welcher Alternative im Zweifelsfalle der Vorzug zu geben sei. Immer dann, wenn uns das Schicksal zwischen zwei Extremen im Stich zu lassen droht, bleibt uns aber - im Gegensatz zu Pflanze und Tier - der Ausweg, wenigstens vorübergehend unser Gehirn einschalten zu können. Wir kommen dann ganz von selbst darauf, daß auch in der Bevölkerungsfrage einen goldenen Mittelweg geben muß, der dem verfügbaren Boden die seiner Tragkraft entsprechende Zahl von Menschen gegenüberstellt.

Das Erstaunlichste am unvermehrbaren Boden auf diesem Planeten ist die eigenartige Neigung des Menschen, ihn besitzen zu wollen. Handelte es sich lediglich um jene Flächen, die der Besitzer mit seinem Hintern "besitzt" , wenn er sich einfach mal draufsetzt, könnte man es durchgehen lassen. Kritisch wird es jedoch, wenn Grundbesitzer ernsthaft meinen, auch hektargroße Flächen besitzen zu dürfen, obwohl sie doch mit ihrem Gesäß immer nur eine recht kleine Fläche wirklich besetzt halten können. Das ist nicht nur eigenartig, sondern auch relativ neu, denn in früheren Zeiten gehörte das Land allen; den sogenannten Privatbesitz am Boden gibt es erst seit der landesweiten Einführung des römischen Rechts - ab dem Ende des 15. Jahrhunderts.

Wer sich heute als junger Mensch fragt, wie denn die Großgrundbesitzer es wohl geschafft haben, sich so viel Land unter den Nagel zu reißen, das sie bis auf den heutigen Tag frech als ihr Eigentum betrachten, dem kann man nur raten, sich mit der Geschichte der letzten 1000 Jahre zu beschäftigen.

Wer im Mittelalter die meisten Bauern erschlagen, betrügen oder vertreiben ließ, sicherte seinen Nachkommen bis in die Gegenwart hinein eine mit Blut und Tränen gedüngte Erde. Von Motten zerfressene Grundbücher, die mit Hilfe einer Flasche Schnaps oder unter Androhung von Folter "geführt" wurden und den Besitz rein formal zu legitimieren scheinen, ändern nichts an der Tatsache, daß so gut wie jeder Großgrundbesitz die Folge eines längst verjährten Gewaltverbrechens ist.

Unser Grundgesetz schützt diesen Besitz und damit die Besitzer, die traditionell immer selbst Einfluß auf die Gesetzgebung und somit auch auf das z.Z. geltende Grundgesetz genommen haben, das übrigens auch schon heute die Überführung von Privat­eigentum in Gemeinbesitz durchaus zuläßt.

Der hellhörige Leser merkt sicher schon, daß wir uns jetzt einer besonders delikaten Sache zuwenden müssen, um die zweite Stufe der Natürlichen Wirtschaftsordnung Silvio Gesells aus dem Marmor der Ahnungslosigkeit herausmeißeln zu können.

 

Erste Anfänge einer Bodenreform gehen u.a. auf den Unternehmer Michael Flürscheim zurück, der 1888 den Deutschen Bund für Bodenbesitzreform gründete und seinerzeit viele Anhänger fand, die das ehrenwerte Ziel verfolgten, den unverdienten Reichtum der Großgrundbesitzer gerecht zu verteilen. Diese Reformer haben möglicherweise deshalb keinen Erfolg gehabt, weil sie das Geld in seiner herrschenden Form unangetastet ließen; und so blieb es Silvio Gesell vorbehalten, die von Flürscheim initiierte Bodenbesitzreform auf eine tragfähigere Grundlage zu stellen, indem er sie mit einer Geldreform kombinierte. Gesell erkannte, daß mit der Zinszertrümmerung allein die Verteilungsgerechtigkeit der Geldvermögen noch nicht zu haben war, da die Geldbesitzer unverzüglich dazu übergehen würden, das Land restlos aufzukaufen, um sich dann über unverschämte Baulandpreise das zurückzuholen, was ihnen bisher an arbeitsfreien Zinsgeschenken wunderbarerweise zugeflossen war.

Die Bodenreform Silvio Gesells könnte sehr leicht damit eingeleitet werden, daß Staat, Land oder Kommune ab sofort kein Land mehr verkaufen, sondern nur noch verpachten. In einem zweiten Schritt, der natürlich ebenfalls einer gesetzlichen Grundlage bedarf, wird allen Grundeigentümern untersagt, ihren Grund und Boden an Privatpersonen, Firmen, Verbände oder Konsortien zu veräußern, sondern nur noch an den Staat. Schon durch diese Maßnahmen, die den Steuerzahler vermutlich keinen Pfennig kosten, bricht das Bodenspekulantentum wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Bisher war es doch so, daß z.B. ein Bauer sein vor München günstig gelegenes Ackerland so teuer verkaufen konnte (natürlich nur einmal in seinem Leben), daß die Mieter der anschließend darauf gebauten Mietshäuser bis an das Ende ihrer Tage mit schier unglaublichen und auch kaum noch zu bezahlenden Monatsmieten gequält wurden. Der Grundbesitzer machte also einmal den großen Reibach, zog sich mit seinen Millionen nach Teneriffa zurück und überließ die Mieter ihrem Schicksal. Wer das schön findet, normal oder unabänderlich, gehört wahrscheinlich zu den Krisengewinnlern. Die überwiegende Mehrheit der Menschheit hat unter dieser moralisch erbärmlichen Verrücktheit zu leiden und zwar lebenslänglich.

 

Viele Konflikte und Kriege wurden und werden ausgetragen, weil auf dieser Erde die Gattung Mensch das Bodenproblem nicht gelöst hat und den bedeutendsten Bodenreformer dieses Jahrhunderts - Silvio Gesell - einfach nicht zur Kenntnis nimmt. Wäre es so, daß durch Privateigentum am Boden die Bäche klarer, die Mädchen schöner und die Sandalen haltbarer würden, könnte man das absurde (weil gemeingefährliche) Festhalten an diesen Zöpfen ja noch verstehen. 

Der auch von mir geschätzte Ökologe, Politiker und Autor Herbert Gruhl (Ein Planet wird geplündert), der immerhin zwei ökologische Parteien aus der Taufe heben half, hätte für die Nachwelt noch viel mehr tun können, wenn er mit seiner völlig unbegründeten Angst vor Silvio Gesell fertig geworden wäre. Gruhl unterlief der gleiche Fehler wie vor einiger Zeit dem Ökologen Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker: Beide maßten sich über Gesell ein ablehnendes Urteil an, ohne sich mit der Natürlichen Wirtschaftsordnung nennenswert befaßt zu haben. Weizsäcker, immerhin Mitglied des Club of Rome, verschenkte in der Zeitschrift "natur" (ausgerechnet zum passenden Thema Geld) die günstige Gelegenheit, auf die unvergleichliche Bedeutung Gesells hinzuweisen, indem er vorgab, einen ökologischen (!) Grund für das Scheitern der Natürlichen Wirtschaftsordnung gefunden zu haben. Ich halte diese unqualifizierte Aussage eines Professors für erwähnenswert, weil sie ein schönes Beispiel dafür ist, daß auch ein berühmter Name weder vor Torheit schützt noch vor der Mühe, Gesell zu lesen, bevor man sich über ihn äußert.

Gesell schlägt also vor, daß die jetzigen Grundeigentümer ihr Land nur noch an den Staat verkaufen dürfen. Die bisher gepflegte Praxis, sich selbst oder einen Strohmann in das Stadtparlament zu schleusen, um der Umwandlung des eigenen Ackers in Bauland Beine zu machen, wäre damit beendet. Innerhalb einer Generation würde so der ganze Boden in den Besitz der Allgemeinheit übergehen. Der Bauer wäre jetzt nicht mehr Eigentümer, sondern Nutzer des Bodens; also ein Pächter, der den Hof selbst­verständlich problemlos an seinen Hoferben weiterreichen könnte. Da sich der Verkauf des Bodens an den Staat über lange Zeiträume hinziehen wird, kann diese Reform so undramatisch abgewickelt werden wie die Umstellung der Ernährung von Hafer auf Hirse. Schade, daß Herbert Gruhl nie bis zu diesem Punkt vorgestoßen ist, andernfalls würden die Programme der ökologischen Parteien heute anders aussehen. Herbert Gruhl muß doch gewußt haben, daß man Acker und Wiese nicht mit ins Grab nehmen kann. Er scheint - wie so viele - befürchtet zu haben, Silvio Gesell würde ihm und den Bauern die Butter vom Brot nehmen.

Was ändert sich denn groß an der Situation der Bauern durch diese Bodenreform? Er kann seinen Acker wie bisher nach Lust und Laune bewirtschaften; niemand kann ihn vom Hof jagen. Sicher, er kann dann den Boden nicht mehr beleihen, aber wozu denn auch? Er bekommt doch das Geld auf der Bank auch ohne diese "Sicherheit", noch dazu fast ohne Zinsen! Anstatt den Banken die Zinsen in die Tresore zu schaufeln, zahlt er jetzt dem Staat eine angemessene Pacht und sonst gar nichts! 

Wie war denn das bisher? Hatte der Bauer mehrere Kinder, wurde er durch die Erbteilung zur Verzweiflung gebracht (von der Erbschafts­steuer ganz zu schweigen). Der Hoferbe ist heute gezwungen, seinen Geschwistern hohe Geldbeträge auszuzahlen, um als Erbe den Hof allein übernehmen zu können. Wie viele Bauernhöfe sind nicht allein durch diesen Wahnwitz ruiniert worden? Um die gesetzlichen Ansprüche der Geschwister befriedigen zu können, müssen in der Regel Kredite aufgenommen werden, die ihm bei hohen Zinskosten jahrzehntelang wie ein schwerer Stein am Halse hängen (und zum Halse heraushängen)! Oft reichen zwei schlechte Ernten oder eine Viehseuche aus, um die Zahlungsunfähigkeit des um seine Existenz ringenden und schuftenden Bauern zu besiegeln. Und das alles doch nur, weil er Eigentümer statt Nutzer des Bodens ist. Ein Pächter lacht sich doch halb tot über diese hausgemachten Probleme. Weit über eine Million Bauernhöfe sind allein in Westdeutschland nach dem zweiten Weltkrieg durch Existenzvernichtung verlorengegangen. Schuld war keineswegs immer die Bundesregierung oder die EU; in vielen Fällen dürften unlösbare Erbschaftsprobleme und die damit zusammenhängenden Zinsbelastungen den Ausschlag gegeben haben.

Eigentum am Boden nagelt den Bauern praktisch für immer an die Scholle fest. Pächter genießen die gleichen Vorteile, ohne jedoch die Nachteile des Eigentums am Boden erleiden zu müssen. Sagt ihm im Alter das Klima nicht mehr zu, kann er sich im Süden nach einem Altersruhesitz umsehen, ohne einem ganzen Stab von Erben, Rechtsanwälten, Maklern und Spekulanten ausgesetzt zu sein. Nach der Bodenreform geht der Hof selbstverständlich völlig reibungslos an den Hoferben über. Die Geschwister des Hoferben sind nun allerdings keine Blutsauger mehr, sondern müssen - wie die Kinder eines Konzertgeigers - aus eigener Kraft zu beruflichen Ufern und finanzieller Absicherung vorstoßen. Will keines der Kinder - wie heute üblich - den Hof übernehmen, wird der Hof und die Pacht öffentlich an den Meistbietenden versteigert.

Heutzutage nisten sich gerne "doppelverdienende" Akademikerehepaare in zugrundegerichteten Bauernhöfen ein, während das Land von Großbauern übernommen wird, die es mit Kunstdünger, Gülle und Gift in ein Produktions­schlachtfeld verwandeln. Wer dieser perversen Besitzkultur eine Träne nachweinen will, soll das ruhig tun; wir richten unseren Blick derweil schon mal nach vorn: Freiland und Freigeld werden diesen wichtigsten aller Berufe auf der Erde, den des Bauern, wieder so attraktiv machen (und nicht nur so erscheinen lassen), daß ein Teil der von der Industrie auf die Straße geworfenen Arbeiter und Angestellten gerne in die Landwirtschaft zurückgehen wird. Dann werden Jungbauern auch wieder eine Frau zum Heiraten finden, anstatt - wie mir aus Nordhessen berichtet wurde - junge Frauen aus Polen einfliegen zu lassen, damit im Dorf endlich mal wieder die Hochzeitsglocken läuten!

Daß diese Landwirtschaft der Zukunft eine ökologische Landwirtschaft sein wird, also auf Kunstdünger und Gift völlig verzichtet, das Grundwasser wirklich schont und den "Naturschutz auf der ganzen Fläche" herbeiführt, liegt auf der Hand und ließe sich in einem Abwaschen gleich miterledigen.

 

Schon zu Gesells Zeiten wurde von Gegnern der Natürlichen Wirtschaftsordnung bezweifelt, daß der Staat in der Lage sei, den ganzen Ackerboden, Wiesen und Wälder, Kiesgruben und Bergwerke aufzukaufen. Natürlich wäre das in der heutigen Zinswirtschaft schwierig oder gar unmöglich, aber in einer Gesellschaft, die den Bodenwucher und die Zinsknechtschaft überwunden hat, ist es möglich. Bei schrittweiser Einführung der Boden- und Geldreform würden dem Staat ausreichende Geldmittel zur Verfügung stehen, um den Grundeigentümern die Entschädigungen auszahlen zu können. Lesen wir dazu Silvio Gesell:

"Unmittelbar gewinnt oder verliert niemand durch den Rückkauf des Grundbesitzes. Der Grundeigentümer zieht aus den Staatspapieren an Zins, was er früher an Rente aus dem Grundeigentum zog, und der Staat zieht an Grundrente aus dem Grundeigentum das, was er an Zins für die Staatspapiere zahlen muß. Der bare Gewinn für den Staat erwächst erst aus der allmählichen Tilgung der Schuld mit Hilfe der später zu besprechenden Geldreform. Mit Hilfe dieser Geldreform wird es im Laufe von etwa zwanzig Jahren möglich sein, den früheren Grundeigentümern die ihnen zustehenden Entschädigungen restlos auszuzahlen. Da die Schulden des Staates gegenüber den ehemaligen Grundeigentümern um so schneller abgebaut werden können, je tiefer die Zinsen auf dem allgemeinen Kapitalmarkt sinken, macht der Staat schon nach wenigen Jahren Gewinn, da ihm die Pachteinnahmen auf immer und ewig entgegensprudeln, während die Ausgaben zur Befriedigung der ehemaligen Grundbesitzer von Jahr zu Jahr abnehmen und nach ca. 20 Jahren ganz getilgt sein werden.

Wie das jetzt im einzelnen geregelt werden soll, bleibt Expertenkommissionen überlassen, die übrigens schon heute zusammentreten könnten, wie die Tagungen der Freiwirte - so nennen sich die Anhänger Silvio Gesells - seit Jahren beweisen. Mit der sonst in Wirtschaftsfragen beauftragten Professorengarnitur wird dann allerdings nicht mehr viel Staat zu machen sein. Diesen Experten der herkömmlichen Nationalökonomie bleibt aber voraussichtlich noch eine ordentliche Verschnaufpause, in der sie - wie gewohnt - erneut beweisen können, daß ihnen außer dem Wirtschaftswachstum mit all seinen verheerenden Folgen nichts mehr einfällt.

 

Werden diese Kanzlerberater noch vor der Jahrtausendwende im Büßergewand durch die Straßen ziehen, an jeder Ampel Selbstkritik üben und ihre Studenten dafür um Verzeihung bitten, daß sie ihnen das Vermächtnis Silvio Gesells so lange verschwiegen haben? Sie werden es natürlich nicht tun, sondern sich von diesen beiden Möglichkeiten eine aussuchen. Erste Reaktionsmöglichkeit: Sie befassen sich endlich, wenn auch zähneknirschend und nur auf Druck der Studenten, wissenschaftlich mit der Natürlichen Wirtschaftsordnung - in der verzweifelten Hoffnung, deren Unmöglichkeit beweisen zu können.

Das wäre mir am liebsten; ist doch davon auszugehen, daß die Herren Professoren aus dem Staunen gar nicht wieder herauskommen werden und schließlich vom Saulus zum Paulus konvertieren. Von der zweiten Möglichkeit werden wohl die meisten Gebrauch machen; es ist ja auch die naheliegendste; seit Jahrzehnten übt man sich darin: Gesell wird einfach weiter ignoriert (Professoren sind in Deutschland unkündbar und können sich das leisten) und seine Anhänger als weltfremde Phantasten verhöhnt und jedes Experiment, das wie im österreichischen Wörgl die Überlegenheit der Reformen Gesells unter Beweis stellen könnte, als viel zu gefährlich für die Wirtschaft (und die Profite der Krisengewinnler!) abgelehnt. Mit dieser Einstellung ist man bisher gut über die Runden gekommen, weil sie den Erwartungen von Presse, Politik und Kapital entspricht.

Es muß also Druck gemacht werden. Rein zahlenmäßig sind die Krisengewinnler nicht besonders stark; überhaupt nicht zu vergleichen mit denen, die zur Miete wohnen (70 % Zinsen!), Sozialhilfe empfangen, arbeitslos sind oder um ihren Arbeitsplatz bangen. Da die Bodenreform - zusammen mit der Geldreform - die Arbeiter, Angestellten, Beamten, Künstler, Handwerker, Bauern, Unternehmer und alle sonstigen Personen begünstigen würde, die weniger als 250 000 DM pro Jahr verdienen, wird man von einer satten 90%-Mehrheit der Nutznießer ausgehen können. Das will allerdings so viel noch nicht besagen, denn die restlichen 10 % haben das Sagen und wälzen sich im Segen der Kirche, der Medien, der hohen Politik und des großen Kapitals (darunter verstehe ich Personen, die ohne Arbeit mehr als DM 10.000 pro Tag verdienen).

 

Es stehen also 90 geschwächte Mäuse zehn strammen Katzen gegenüber. Das ist die Ausgangslage, und die ist besorgnis­erregend, denn eine kerngesunde Katze läßt sich von neun Mäusen so schnell nicht vom Kurs abbringen, geschweige denn in die Flucht jagen. Man beginnt die Resignation derer zu verstehen, die sich nie dazu aufraffen konnten, der Übermacht des Geldes ein Bein zu stellen. Darum schlage ich vor, daß wir Schwierigkeiten, die uns zunächst überwältigend erscheinen, in unermüdlicher Arbeit überwinden. Die Pässe der Alpen waren doch auch einmal fast unüberwindlich. Erst als man daranging, Wege und Straßen sogar unter Inkaufnahme großer Umwege in Form von Serpentinen in die Felsen zu sprengen, wurde das Ziel erreicht. Welcher Autofahrer aus dem Flachland denkt schon an die mühsame, gefährliche, kostspielige und zeitraubende Arbeit dieser straßenbaulichen Meisterleistungen und Triumphe? Man tritt auf das Gaspedal und genießt die spektakuläre Aussicht. Das werden bestimmt auch jene einmal tun, die in den Genuß der Natürlichen Wirtschaftsordnung kommen. Arbeitslosigkeit, soziale Ungerechtigkeiten und Not werden dann vergessen sein.

Man wird sich dann auch nicht mehr vorstellen können, daß die Bauern einmal vor der Alternative gestanden haben, entweder den Hof zu zerstückeln und gleichmäßig auf die Zahl der Kinder zu verteilen, oder sich so hoch zu verschulden, daß der Hoferbe mit seiner Frau nur noch ein einziges Kind zu zeugen wagt, um wenigstens diesem Erben die endgültige Zerstückelung des Hofes zu ersparen. Wer wird sich nach erfolgreicher Durchführung der Boden- und Geldreform noch dafür interessieren, daß die Menschen in diesem Land einmal ihr halbes Leben lang nur für die Zinskassierer haben arbeiten müssen? Man wird diese zurückliegende Zeit zu verdrängen suchen wie den Holocaust. Bloß nicht mehr dran denken! Es ist schließlich auch ein bißchen peinlich, als erwachsener Mensch so dumm gewesen zu sein, den Reichen und Superreichen wie ein Sklave gedient zu haben, ihnen in den Auspuff gekrochen zu sein. An derart perverse Dinge werden die Leute mit Sicherheit nicht gern zurückdenken wollen; vielleicht mit Ausnahme derer, die namhaften Anteil an den Reformbewegungen gehabt haben.

Spricht es nicht für den Altruismus Silvio Gesells, daß er im Drehbuch dieser Reform so ganz ohne Gewalt auskommen konnte und trotzdem revolutionär blieb? Und spricht es nicht für den Gerechtigkeitssinn dieses Erneuerers, daß er sich wünschte, die Bodenrente (Pachteinnahme des Staates) möge den Müttern nach der Zahl ihrer Kinder ausgezahlt werden? Gerade Mütter, die ein bevorzugtes Opfer der Bodenwucherer und Grundstücks­spekulanten sind, und oft nur wegen der unbezahlbaren Mieten zwei bis drei Putzstellen annehmen müssen, sollen nach den Vorstellungen Silvio Gesells Nutznießer Nr. 1 sein. Ich gebe gerne zu, von dieser Absicht Gesells sehr überrascht gewesen zu sein und gehe davon aus, daß es manchem meiner Leser auch so geht. Die Argumente für ein derartiges Müttergehalt aus der Bodenrente sind jedoch so einleuchtend, daß man sich fast schon wieder schämt, nicht selbst auf diese Idee gekommen zu sein.

 

Es sind doch die Mütter, die mit ihrem Kindersegen die Nachfrage nach Wohnraum und damit die Nachfrage nach Bau- und Ackerland begründen! Anstatt sich wie bisher an dieser Nachfrage dumm zu verdienen, sie schamlos zu mißbrauchen, geht jetzt das Geld, das der Staat von den Pächtern erhebt, z.T. direkt auf das Konto der Mütter. Frauen, die bisher wegen finanzieller Abhängigkeit die Zähne zusammenbeißen mußten oder ins Frauenhaus flüchteten, werden dann frei darüber entscheiden können, wie, wo und mit wem sie die Zukunft ihrer Kinder gestalten. Auch den alltäglichen Zusammenhang zwischen Alleinerziehung und bitter arm sein wird es dann nicht mehr geben können.

Für Gesell war es selbstverständlich, daß der wertvolle Boden auf dieser Erde allen Müttern der ganzen Erde zur Verfügung gestellt werden muß und nicht etwa nur in Argentinien, der Schweiz oder Deutschland, den Ländern seines Wirkens. Zugegeben, es fällt viel leichter, die bisherige Misere weltweit für einen unveränderlichen Dauerzustand zu halten, als an die Durchführbarkeit dieser wünschenswerten Reformen im eigenen Land zu glauben; aber wer sagt denn, daß wir es uns leichtmachen sollen? Entscheidend ist doch, daß wir endlich einsehen, daß die gesellschaftlich geduldete Gewalt gegen Mütter aufhören muß: Auf der einen Seite arme, arbeitslose Mütter, die von der Sozialhilfe leben und aus der Rolle des Bittstellers oft erst im Rentenalter herauswachsen (oder auch nicht), obwohl sie Kinder aufziehen, also die Zukunft unseres Landes mit dem wertvollsten aller Beiträge gestalten, und auf der anderen Seite kinderlose Paare oder Singles, die wieder einmal einen herrlichen Urlaub auf den Fidschi-Inseln verleben und sich einen Dreck um die eigene Alters- und Pflegeversicherung kümmern, weil es doch zuhause in engen Wohnungen noch genügend Mütter gibt, die den Rentenzahlernachwuchs treu und brav heranfüttern.

Diese zutiefst unsolidarischen, oft sicher auch nur gedankenlosen Beziehungen zwischen Bevölkerungsgruppen, die praktisch auf einer Stufe stehen und sich eigentlich gemeinsam gegen das große Kapital, den lachenden Dritten, zur Wehr setzen müßten, sind eine Tragödie und ein Skandal. Hören wir endlich damit auf, uns auf Nebenkriegsschauplätze und falsche Fährten locken zu lassen, die im großen Bogen an den Goldgruben der Zinsverniedlicher vorbeiführen. Es ist ein großer, ja ein entscheidender Irrtum, zu glauben, die Grundeigentümer und das Grundeigentum hätten mit der sozialen Ungerechtigkeit nichts zu tun. Dazu noch einmal Silvio Gesell: "Alle die kleinen, so selbstverständlichen Freiheiten, deren man sich heute erfreut, wie z.B. die Freizügigkeit, die Abschaffung der Leibeigenschaft und Sklaverei, mußten gegen die Grundrentner erkämpft werden, und zwar mit Waffen. Denn zu Kartätschen griffen die Grundrentner, um ihre Belange zu verteidigen. In Nordamerika war der lange, mörderische Bürgerkrieg nur ein Kampf gegen die Grundrentner".

 

Vor der Einführung des römischen Rechts gehörte das Land der Allgemeinheit, also allen. Heute gehört uns noch das Ziehen der Wolken, das Quaken der Frösche und das Zwitschern der Vögel; aber das Land gehört uns nicht mehr. Durch die Boden­verstaatlichung fallen dem Staat durch Pachteinnahmen enorme Summen zu, die das politische Hickhack in den Parlamenten überflüssig machen. Wo heute noch jahrelang lächerlichste Diskussionen über Selbstverständlichkeiten wie etwa das Recht auf bezahlbaren Wohnraum, das Recht auf einen Kindergartenplatz und das Recht auf eine angemessene Versorgung im Alter geführt werden müssen, werden künftig ehrenwerte Fachleute (also keine gekauften Experten) in Kommissionen zusammentreten und ein Problem nach dem andern zügig einer finanziell abgesicherten Lösung zuführen. Es ist eben ein Unterschied, ob das Volksvermögen über den Schleichweg Zins auf die Konten der Reichen gespült wird oder wirklich allen Menschen zur Verfügung steht.

Mit welcher Ruhe und Gelassenheit wird sich künftig eine Frau den Mann fürs Leben und den potentiellen Vater ihrer Kinder aussuchen können, wenn sie schon vorher weiß, daß ein Kind nie wieder zu einer finanziellen Abhängigkeit vom "Ernährer" führen kann, und mit welcher Kraft wird sie dem sich als unwürdig erweisenden Partner ggf. den Koffer vor die Haustür stellen, anstatt sich die schönsten Jahre ihres Lebens stehlen zu lassen!

Linke Kreise, die nicht darüber hinwegkommen, daß Karl Marx nur ökonomischen Murks hinterlassen hat (ich kann doch auch nichts dafür), haben den Marx-Entzauberer Silvio Gesell in die braune Ecke zu stellen versucht; u.a. wohl auch deshalb, weil in den zwanziger und dreißiger Jahren seitens einiger Anhänger Gesells ja auch tatsächlich versucht worden ist, den Nazis die interessante Zinszertrümmerung Gesells schmackhaft zu machen. Die Verherrlichung der Mutter und die Verwendung der (zutreffenden!) Bezeichnung "Zinsknechtschaft" durch die Nazis lassen bei sehr oberflächlicher Betrachtung durchaus so etwas wie einen gemeinsamen Nenner erkennen, immer vorausgesetzt, daß man sich in die eigene Tasche lügen möchte, denn die reichlich vorhandenen Fakten besagen das Gegenteil.

 

Wer hat denn damals die Juden gegen den auf sie gemünzten Vorwurf verteidigt, die Ursache der Zinsknechtschaft zu sein? 

Silvio Gesell war es, der sich gegen diese ungerechtfertigte Kritik an den Juden verwahrte, die Juden ausdrücklich in Schutz nahm und statt dessen die Finanzgewaltigen und Kriegsgewinnler zum Volksfeind erklärte. Daß sich unter diesen Leuten möglicherweise auch Juden befanden, gibt niemandem das Recht, Gesell braun einzufärben. Sein Freiheitsbegriff und seine Vorstellungen von der Würde des Menschen gehören zum Schönsten und Großartigsten, was in diesem Jahrhundert gedacht, gesagt und geschrieben wurde. Wäre ich nicht so ein hartgesottener Typ, ich hätte bei einigen Passagen seines Hauptwerkes (Die Natürliche Wirtschaftsordnung) weinen können vor Ergriffenheit, Begeisterung, Vorfreude und Wut; nicht jedoch aus Verzweiflung, denn die Verzweiflung setzt den Zweifel voraus, und gerade den läßt Gesell in seinen wesentlichen Aussagen nicht aufkommen.

Alles ist so klar bei ihm; es ist nicht unbedingt gleich zu verstehen, aber unübertroffen logisch und von erstaunlicher Aktualität. Andererseits war auch Gesell nur ein Mensch und ein Kind seiner Zeit. Seine völlig unbefangene Einstellung zu den heute als äußerst problematisch empfundenen Themen wie z.B. Rasse und Zucht, bringt stellenweise leider einen Mißklang in das ansonsten so großartige Werk. Dieses Werk ist eigentlich ein Bergwerk, ein Stollen, eine Goldader und eine Fundgrube zugleich. Je tiefer wir darin vorstoßen, desto größer die moralische Verpflichtung für jeden Eindringling, diese Schätze nicht nur zu bestaunen, sondern auch heben zu helfen.

Linke und grüne Erbsenzähler haben sich bei diesen Ausgrabungsarbeiten nicht hervorgetan, sind aber bei der Suche nach dem Haar in der Suppe fündig geworden. 

Nicht ohne Stolz präsentieren sie einem den Sozialdarwinismus eines 1930 gestorbenen Mannes und ziehen aus dieser Entdeckung die Konsequenz, sich mit der Natürlichen Wirtschaftsordnung schon aus ideologisch-moralischen Gründen gar nicht befassen zu dürfen. Was ich an dieser abstrusen Einstellung fast schon wieder sympathisch finde, ist die unausgesprochene Forderung nach dem Heiligenschein, den dieser bedeutende Pionier eben auch noch hätte haben müssen. Diese Moralapostel trennen in der heimischen Küche den Hausmüll liebevoll und vorschriftsmäßig in bis zu sechs verschiedene "Fraktionen", um anschließend mit dem Ozonlochfresser in den Urlaub zu fliegen.

 

So bastelt sich jeder sein Schlupfloch, um nicht in Gefahr zu geraten, an bevorstehenden Veränderungen auch selbst einmal mitwirken zu müssen. Sicher, man könnte die Meinung vertreten, den Geldsäcken noch ein paar schöne Jahre zu gönnen "und dann aber Schluß". Das hätte zumindest den Vorteil, jetzt im Moment nicht aktiv werden zu müssen; alles könnte zunächst so weiterlaufen wie bisher. 

Hat man jedoch das Schicksal arbeitsloser, alleinerziehender Mütter vor Augen, denen doch geholfen werden müßte, so lange die Kinder noch klein sind, dann fällt es schwer, einer ungerechten Verteilung des Volksvermögens durch Passivität eine völlig unnötige Dauer zu verleihen, anstatt diese Verbrechen an Kindern und Frauen so schnell wie möglich zu beenden. 

Jeder Tag, den wir im Bewußtsein unserer neuen Möglichkeiten ungenutzt verstreichen lassen, ist ein gestohlener Tag für ein Kind. Jede Woche, die wir im Bewußtsein der Notwendigkeit einer Geld- und Bodenreform tatenlos vergeuden, ist ein Schlag ins Gesicht der Frauen und Arbeitslosen. Jeder Monat, den wir durch zögerliches Abwarten sinnlos verschwenden, nagt an der Hoffnung eines Verzweifelten, dem - das wissen wir doch jetzt - so leicht geholfen werden könnte!

 

E n d e

 

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