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Im Lager Workuta  

 

 

 

   Politoffizier Terrassow spricht 

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"Wir werden den Lauf unserer großen Flüsse verändern, daß sich die Ströme nicht mehr nutzlos ins Meer ergießen. Wir werden sie zurücklenken ins Land in neue Flußbetten und ihre Kraft nützen. Wir werden Sibirien fruchtbar machen und braches Land erschließen und besiedeln zum Wohle unseres Volkes!"

Eine Gefangene erhob den Einwand: "Ihr werdet damit das Weltbild verändern, das Klima beeinflussen, die Welt buchstäblich aus den Angeln heben!" Man debattierte halblaut miteinander, erwog das Für und Wider der soeben vorgetragenen Zukunftspläne der UdSSR.

"Wir werden", so schloß Podpolkownik Terrassow — Politoffizier des NKWD — seinen Vortrag, zu dem er uns in die Prädurki-Baracke (Baracke der bevorzugten Gefangenen) in der Zweiten Ziegelei des Straflagers Workuta geladen hatte, er machte dabei mit den Händen eine beschwichtigende Geste und fuhr fort, indem er seine Stimme lauter erhob, um sich bei allen Gehör zu verschaffen: "Genossen Bürgerinnen! Wir werden das Eis des Nordpols zum Schmelzen bringen und fruchtbares, reiches Land gewinnen."

Seine schlanke Gestalt, sein blonder Haarschopf und sein Gesicht vermittelten den Eindruck eines Intellektuellen, zu dem allerdings die vor Begeisterung glühenden Augen nicht recht passen wollten; denn das waren Augen eines Fanatikers. Seine ganze Haltung drückte Siegesgewißheit aus, als sähe er vor seinem geistigen Auge bereits die Verwirklichung des Zukunftsbildes, das er eben vor aller Augen hatte entstehen lassen. Einen Augenblick lang trat tiefe Stille ein. Dann klatschten die Offiziere und Soldaten in den ersten Reihen der Zuhörer frenetisch Beifall, stampften vor Siegerfreude mit den Füßen und riefen: "Es lebe Rußland! Rußland! Rußland!"

Terrassow verließ nach diesem triumphalen Vivatgeschrei das Podium, und die Zuhörer zerstreuten sich. Auf den Wegen zwischen den einzelnen Baracken und Verwaltungsgebäuden sah man sie in Gruppen und Grüppchen stehen, sowohl die russischen als auch die ausländischen Gefangenen, die hier aus allen Nationen der Welt vertreten waren, vom fernen Osten bis zum tiefsten Süden, von Amerika bis Asien und Australien, von Afrika bis Europa.

Die Verständigung untereinander war — so man nicht englisch sprach — russisch, die Sprache, die jeder von uns recht und schlecht erlernt hatte, je nach Möglichkeit, Notwendigkeit, Interesse und Verstand. 

Diskussionen brandeten auf. Jene, die den Vortrag Terrassows nicht gehört hatten, kamen hinzu und wollten wissen: Was hat er gesagt? Was war los? Gibt es was Neues? Wann geht es los? Fragen — Fragen! Und allem voran immer wieder die eine Frage: Wann geht es los? Wann endlich? 

Das Leben im Lager war lockerer geworden für uns. Seit Tagen gingen wir Europäer (Deutsche, Tschechen, Polen, Rumänen, Ungarn, Franzosen, Staatenlose usw.) nicht mehr mit den Brigaden zum Arbeitseinsatz hinaus. Immer wieder gab es Zählungen.

Wir wurden sauber eingekleidet und mußten dafür unsere zerschlissenen Sachen abgeben. Jede Frau bekam eine Garnitur Trikot-Unterwäsche, orangefarben, lila, rot oder blau, ein Paar schwarze Mako-Strümpfe, ein schwarzes einfaches Baumwollkleid, einen Buschlag, wie die dreiviertellangen Wattejacken heißen.

Es war eine Wonne, nach dem Bad in so saubere Wäsche zu steigen. Und das Wort Freiheit bekam damit einen winzigen, fast spürbaren Vorgeschmack. Alle möglichen Gerüchte kamen auf: Wir werden verlagert. Morgen! Diese Woche! Nein, nächste Woche erst! Wohin? 

Was hatte Terrassow gemeint, als er seinen Vortrag mit den Worten begonnen hatte: "Towarischi Graschdanini! — Genossen Bürger! Ihr seid nun nicht mehr Gefangene in der UdSSR. Ihr seid frei! Ihr werdet nach Hause kommen zu euren Leuten und ihnen berichten von unseren wissenschaftlichen Fortschritten ..." Und daran schloß er die ausführlichen Schilderungen der letzten Errungenschaften der UdSSR an und hatte seinen Vortrag mit der unwahrscheinlich klingenden Eröffnung geschlossen, man würde Berge versetzen und den Lauf der Flüsse verändern. Denn darauf lief es ja hinaus, was er gesagt hatte.

Wo habe ich das nur schon einmal gehört? Gelesen? – Wahnwitz! Berge versetzen. Das hieße doch in diesem Falle: Überschwemmungen auf der ganzen Erde erzeugen. Wahnsinn! – Richtig, Hans Dominik schildert in seinem Buch "Die Macht der Drei" den Versuch dreier Männer, den Nordpol zu schmelzen, um die Weltmacht zu erringen. — Hatten es seine Helden geschafft? War es nicht so, daß die Uneinigkeit über die Ausübung der Macht über die Menschheit der Grund zum Scheitern jener Idee gewesen war?

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Unwillkürlich war ich stehengeblieben, um besser nachdenken zu können. — Das hieße doch — grundsätzlich besteht die Möglichkeit? — Wenn sie es doch sagen? Quatsch! Als ob der Nordpol denen gehören würde.

»Sag mal, stimmt es, daß Terrassow gesagt hat, wir sind frei? Und die anderen Russen, die Offiziere und Soldaten, die Freien, die haben das gehört und nicht widersprochen? Was soll das bedeuten?« Rosl zuckte mit den Achseln, als sie der Fragestellerin antwortete: »Gesagt hat er's. Und die anderen haben es genauso gehört und nicht dagegen protestiert. Aber das hat ja vielleicht nicht viel zu bedeuten.« 

 

Es war August 1954. Mit leichten Hausschuhen an den Füßen, nur mit Unterhemd und Rock bekleidete Frauen standen oder gingen umher und genossen in der traumhaften Wärme des Mittsommers bei 35° Celsius die Sonne. Manche trugen hübsche, farbenfrohe Kleider oder bunte Röcke und Blusen. Es lockerte das einheitlich graue Bild unserer Lagerkleidung auf, als wären Blumen erblüht in einem karstigen Garten. Mit den ersten Paketen aus der Heimat, die wir seit Jänner 1954 erhielten, war ein Hauch von Luxus eingekehrt in unserem Lager. Zumindest bei jenen, die Pakete empfingen.

Mutter hatte mir in einem der seltenen Pakete, die sie aus der DDR schicken konnte, den gewünschten Kochtopf, und einmal Kartoffeln geschickt. Ein anderes Mal die Caprifischer-Hose, eine dunkelblaue, dreiviertellange Hose, die ich früher so gern getragen hatte, weil sie nicht nur modisch, sondern auch praktisch war — und an deren Anblick sich meine Mitgefangenen nach anfänglich nicht endenwollendem Gelächter letztlich gewöhnt hatten. — Dazu trug ich kornblumenblaue Kniestrümpfe und die olivgrüne Bluse, die Vera B. aus meinem Mantelfutter genäht hatte. — Sie hätte mir überall zur Ehre gereicht, diese schicke Hemdbluse, die im Gegensatz zu den schwarzen Kleidern, die im Laufe der mehrfachen Wäsche lichtgrau wurden, immer noch in derselben ursprünglichen Farbe seidig leuchtete. Dazu trug ich ein Paar cognacfarbener Halbschuhe, die Rosl G. in einem Paket empfangen hatte. Sie paßten ihr nicht. Auf dem Tauschweg waren sie meine geworden. 

Ach ja, damals, als Vera meinen Mantel verarbeitet hatte. Es ist lange her, dieses Damals.

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Wir kamen nach einer endlosen, stinkenden, stickigen Eisenbahnfahrt, die von Gorki aus vierzehn Tage gedauert hatte, in Workuta an.

Die Fenster der Zugabteile waren mit durchlöchertem Blech verkleidet. Man sah durch diese klitzekleinen Öffnungen immer das gleiche Bild, als handelte es sich um eine Geisterfahrt, die zurück anstatt vorwärts ging. — Schnee, Schnee, Schnee. Nur die wenigen Stationen unterschieden sich voneinander, wenn auch unwesentlich.

Hin und wieder stand ein Schlitten auf einer Station. Mitunter lud man etwas aus. Manchmal stiegen Menschen aus oder ein. Es fiel schwer zu beurteilen, ob es sich dabei um weitere Gefangene oder um Mitglieder der »freien Gesellschaft der UdSSR« handelte. Sie sahen alle gleich angezogen und vermummt aus. — Die Russinnen im Abteil sagten uns, daß es vorwärts gehe, Richtung Norden, in den vorderen Polarkreis. Hin und wieder gab es als Verpflegung einen Salzhering pro Person, auf den Stationen Wasser, das uns in geringen Mengen zugeteilt wurde.

Workuta. – Alles raus. Wenn man bedenkt, daß wir 14 Tage wie Vieh zu zwanzig Personen in einem Abteil zusammengepfercht waren, das normaler Weise sechs Personen aufnimmt, so kann man sich die Erleichterung vorstellen, die wir empfanden, als wir endlich einmal wieder die Glieder bewegen, uns strecken und recken, hüpfen und stampfen konnten. Das tat gut.

Rundherum war alles weiß. Unser Schuhwerk war ein Witz in dieser Kälte, so wie es unsere Kleidung war. Von einem Bein traten wir aufs andere. Es war Mai, und die Sonne schien – jedoch ohne die geringste Kraft, ohne uns wärmen zu können. – Wie es bedrückte, daß Männer, die zugleich mit uns ausgeladen worden waren und nun genau wie wir in Gruppen herumstanden, uns so sahen.

Mit einigen Handgriffen richteten wir die Haare, banden sie uns gegenseitig zu Zöpfen oder zu Pferdeschwänzen, um wenigstens etwas ordentlicher auszusehen. Aus meiner Handtasche, die man mir in Gorki vor der Abreise nach Workuta wieder aushändigte, nachdem man sie mir zu Beginn der Verschleppung in Deutschland abgenommen hatte, nahm ich die rotlederne Puderdose, öffnete den Reißverschluß und sah ein erbarmungswürdiges, elendes Gesicht mir aus dem Spiegel entgegenblicken. Verstohlen trug ich etwas Rouge auf, überpuderte alles, tief den wundervollen parfümierten Duft einatmend, den der Puder verströmte, und schminkte mit dem zyklamfarbenen Lippenstift meine Lippen. Ach. Plötzlich kam ich mir wieder etwas angezogener vor.

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Die mir zunächst Stehenden sagten: Gib uns doch auch mal den Lippenstift. So kam es, daß unsere kleine Gruppe durch die Zyklamfarbe des gemeinsamen Lippenstiftes äußerlich zu einer Einheit verbunden war. In Fünferreihen, je vier Glieder hintereinander, ordnete man den Einzug ins Lager an. — »Fünf vorwärts!« Unsere Reihe war dran.

Wir kamen in einen total überheizten Raum, in dem einige Leute umherstanden, andere saßen hinter Absperrungen und registrierten die (zum wievielten Mal?) gemachten Angaben der Neuankömmlinge: Name, Vatersname (warum diese Idioten immer nach dem Namen der Väter fragten?), Geburtstag, Paragraph, Urteil, Strafmaß.

»Hello! How do you do?« Eine klangvolle Frauenstimme sprach diese Worte. Überrascht wandte ich mich um. Wie es schien, meinte sie mich, denn sie wiederholte ihre Frage und nickte mir freundlich zu. Dann reichte sie mir ihre Hand, als ich schüchtern den Gruß mit einem leisen »Hallo« erwidert hatte, und sagte: »Ich bin Lolla Dobrschanskaja. Ich wohne in der Baracke gleich neben Ihnen. Besuchen Sie mich, wenn Sie ausgepackt haben. Ich bin ab 17.00 Uhr bereit. Wie heißen Sie?«

Überwältigt von dem Charme und der Liebenswürdigkeit jener Dame, von ihrem eleganten Aussehen, stotterte ich: »Annelise«.  »So long, Annelise«, winkte sie mir zu, wandte sich ab und ging von dannen. Ich war meiner Verwunderung, daß sie gerade mich angesprochen hatte, mehr noch, meiner Verwirrung über soviel Kultur und Zivilisation an einem solchen Ort überlassen. Es war, als hätte man sich eben in einer Hotelhalle kennengelernt, irgendwo in Europa, und eine Einladung erhalten.

Nachdem man uns registriert hatte, wurden wir durch eine andere Tür ins Lager geschleust. Nun standen wir hinter dem Stacheldraht. Man bedeutete uns, immer geradeaus zu gehen bis zum Ende der Lagerstraße. Rechts und links hinter den Stacheldrahtzäunen standen Gefangene, teils Männer, teils Frauen. Manche blickten stumm zu uns her, andere riefen uns haßerfüllte Worte zu, und manche Frauen übertrafen die Männer darin. Aber wir hatten Glück, wir verstanden ihre Sprache nicht, und so traf uns die Kränkung auch nicht.

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Die Baracke war sauber. Ein Ofen darin, in dem ein herrliches Feuer bullerte. Und genauso schnell, wie die Russinnen und Ukrainerinnen unseres Transportes das Parterre der Schlafplätze, bestehend aus drei nebeneinanderliegende Brettern, im Deutschen als »Pritsche« bezeichnet, erobert hatten, nahmen wir Ausländer die oberen Plätze ein.

Die anderen Frauen bedrängten mich: Was wollte die Russin von Ihnen? Was haben Sie mit ihr gesprochen? Wer ist die Frau? Kannten Sie die? Sie sah toll chic aus.

 

Ich gab unser einseitiges Gespräch wieder, und man war sich einig, ja, man beschwor mich, ich müsse hinübergehn. Natürlich hatte auch ich schon längst beschlossen, der Einladung Folge zu leisten. In meiner nächsten Nähe hatte Rosa einen Platz belegt. Sie war Volksdeutsche aus dem Donezbecken. Eine resolute, praktische Frau die wie eine Pionierin aus dem »Wilden Westen« aussah. Sie war unsere Dolmetscherin geworden im Laufe der Fahrt. Russen kamen und forderten uns auf mitzukommen. Sie suchten Frauen zum »Saubermachen«.

»Geh nicht mit, Annelise«, hielt sie mich zurück. »Egal, was sie sagen. Sie müssen uns erst einkleiden, ehe sie uns zur Arbeit einteilen.« Als nachmittags die ersten von ihnen zurückkamen und erzählten, daß sie gut zu essen bekommen hätten, ist sicher bei mancher innerlich der Widerstand geschmolzen.

Aber Rosa sagte: »Na wenn schon.« — Sie hatte gerade ihren handgestrickten Pullover aus weißer Schafwolle gewaschen und auf die Leine gehängt, draußen, vor der Tür. »Lena«, wandte sie sich an eine Kameradin, »geh raus und paß auf, daß keiner den Pulli klaut. Ich komm gleich selber wieder raus und löse dich ab.« Kaum war Lena draußen, schaute sie schon wieder zur Tür herein und fragte:

»Rosa, wo hängt dein Pulli?«

Wie der Blitz war Rosa draußen. Fluchte und fluchte, verfluchte das ganze Rußland — es brachte die Wäsche und den Pulli nicht zurück. — Leise Zweifel meldeten sich mit meinem Hunger an Rosas Einstellung zum Leben.

Ich kletterte von der Pritsche hinunter und legte meinen Mantel um. Einmal hatte ich ihn mit so viel Freude anfertigen lassen bei dem besten Schneider unserer kleinen Stadt. Olivgrün, Kragen, Ärmelaufschläge und Taschenpatten mit schwarzem Persianer besetzt. — Das Problem waren meine Schuhe. Mit Fetzen hatte ich die ehemals eleganten schwarzen Wildleder-Trotteurs — Spitze und Absätze der damaligen Mode entsprechend viereckig — am Fuß festgebunden.

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Man hatte bei der Festnahme die Senkel entfernt und auch die Stahlstützen, die ich extra hatte einziehen lassen zwischen Absatz und Sohle, damit sie mein Gewicht länger tragen würden. Die Schuhe sahen noch immer hübsch aus, nur gehen konnte ich nicht mehr darin, so griff ich zu den Fetzen als Halt. Um den Kopf hatte ich mein grünes kariertes Wolltuch zu einem Turban geschlungen. In meiner Handtasche trug ich all meine Schätze, die man mir in Gorki ausgehändigt hatte: ein kleines Fotoalbum mit Fotos meiner Familie, meines Sohnes, ein Maniküre-Etui, eine Puderdose, Lippenstift, eine Kroko-Brieftasche, Taschentücher. — So, frisch gewaschen und für den Besuch hergerichtet, fühlte ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder etwas menschenwürdiger, trat hinaus und erreichte um 17.00 Uhr ungehindert den Eingang der anderen Barackenseite, wie Lolla Dobrschanskaja es mir geschildert hatte. Ich trat ein, nachdem niemand auf mein Klopfen reagiert hatte.

Was war das eine andere Welt! Auffallend war der Duft, der mich empfing. Ich schnupperte: Parfüms, mehrere. Fremde, süße Düfte. Die Betten — es gab hier keine Pritschen — waren zum Teil wie Himmelbetten verhängt mit großen überfallenden Tüllgardinen, von denen manche wundervoll bestickt waren, so daß sie aussahen wie Brüsseler Spitzen. An manchen Plätzen hingen bunte Bänder, Kronen, Papierblumen wie Faschingsschmuck, dachte ich. Alle Frauen waren irgendwie besonders hübsch. Sie trugen nette Kleider. Ich fragte die zunächst Stehenden nach dem Platz von Lolla Dobrschanskaja. Man wies mich weiter. —

Da saß sie vor einem Spiegel. Mittels einer Wimpernschere bog sie gerade ihre langen Wimpern aufwärts, lächelte mir zu, machte mit der linken Hand eine einladende Bewegung auf ihr Bett hin und sagte: »Wie schön, daß Sie gekommen sind. Ich freue mich sehr. Nehmen Sie bitte Platz dort. Ich bin sofort fertig«, damit wandte sie sich wieder ihrem Spiegelbild zu.

Ich antwortete: »Hallo«, dankte für die Aufforderung, Platz zu nehmen, und setzte mich vorsichtig auf die Bettkante. Ich schaute mich um und war fasziniert von dem bunten Treiben in der Baracke. In der Nähe übte eine sehr schöne junge Frau die Arie der Lisa aus Pique-Dame. Welch wunderschöne, kultivierte Stimme.

Lolla lächelte: »Sie war einmal Mitglied der Bolschoi Opera in Moskau«, erklärte sie, meinem bewundernden Blick folgend.

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Mit wenigen Handgriffen verwandelte sie den Schemel, auf dem sie gesessen hatte, in einen gedeckten Tisch und bot mir Tee in einer zauberhaften chinesischen Schale an und setzte sich zu mir auf ihr Bett.

»Nehmen Sie Konfitüre dazu«, forderte sie mich auf, »es schmeckt vorzüglich. Die Kekse sind hausgemacht«, fuhr sie in leichtem Plauderton fort, und sehr bald führten wir ein lebhaftes Gespräch, der Einfachheit halber in englischer Sprache; denn sie sprach nicht deutsch und ich nicht russisch.

Mir gegenübersitzend erzählte Lolla, daß sie einmal die Primaballerina des Bolschoi-Balletts in Moskau war. Wegen ihrer privaten Bindung zu einem Mitglied der Niederländischen Botschaft in Moskau hatte man sie zu zwanzig Jahren Zwangsarbeitslager nach Workuta verbannt. Sie war gebürtige Polin. »Ah«, sagte sie mit einer Handbewegung, die die ganze Verachtung für das Regime ausdrückte, das solche Urteile sprach — »so tanze ich hier in Workuta. Ich bin nun hier am Theater in Workuta die Primaballerina. Wir alle hier in dieser Baracke gehören zum Ensemble des Theaters von Workuta, das von Gefangenen erbaut und sehr schön gestaltet wurde und in dem wir für die freie Bevölkerung Vorstellungen geben. Wir sind hier relativ frei. Man kann ohnedies nirgendwo hin, wenn man in Workuta lebt. Es ist rundherum Schneewüste, darunter Tundra. Darum können wir gehen und kommen, wie wir wollen, zur Probe, zur Arbeit und zum Einkaufen. Wenn man Sie hier zur Arbeit einteilt, Annelise, gehen Sie nicht«, warnte auch sie mich. »Man muß Sie erst einkleiden, und das geschieht in dem Lager, wo Sie hinkommen werden, in Periodschachtny. Sie kommen dorthin zum Einsatz, soviel weiß ich schon.«

Nach der neuesten Mode fragte sie, nach den Modefarben. »Geht man jetzt so?«, und sie zeigte auf mein fast knöchellanges Kleid, das rundum glockig geschnitten und hinten noch durch zwei Falten erweitert war, und auf den übergroßen modischen Kragen.

Ich bejahte und erläuterte ihr, daß man mir leider die goldenen Metallknöpfe, mit denen das Oberteil ursprünglich verschlossen war, im Arrest abgeschnitten hatte. Wahrscheinlich fürchtete man, daß jemand (ich?) damit Selbstmord verüben könnte. — Sie fand auch meinen Mantel sehr attraktiv und riet mir, gut auf alles achtzugeben, weil hier leider sehr viel gestohlen würde. Sie fragte dann, ob ihre Schneiderin mein Kleid kopieren dürfe. »Aber ja«, strahlte ich, »ich habe es selbst entworfen und bin gern bereit, Ihnen ein paar hübsche Modelle zu entwerfen. Haben Sie Stoffe? Zeigen Sie mir diese und sagen Sie mir dann, was Sie möchten.«

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Im Nu gab es einen kleinen Aufruhr unter den Damen, von denen jede vorher getan hatte, als sei sie mit sich selbst beschäftigt.

Lolla sagte, sie würden alle gern von meinem Angebot Gebrauch machen. »Wir werden uns revanchieren, Annelise, wenn Sie das für uns tun wollen. — Sie müssen heute leider wieder hinüber in Ihre Baracke. Es ist bald Zählappell bei Ihnen, und ich muß ins Theater. Sehen wir uns morgen wieder? Um dieselbe Zeit? — Hier, nehmen Sie das einstweilen mit.« Und sie gab mir ein halbes Kilo Mehl, ungefähr die gleiche Menge Zucker, der nicht wie unser Zucker raffiniert war, sondern aus Stücken bestand, groß wie eine Kinderfaust. Den Zucker hatte sie in eine Zeitung gewickelt, dazu legte sie Machorka, getrocknetes Brot und einen Brocken Butterschmalz. Letzteres ist, wie ich später erfuhr, eine Mischung aus Butter und Talg.

Viele Hände winkten mir zu »Auf Wiedersehen«. Und ich ging zurück, beladen mit Schätzen.

Es war inzwischen 19.30 Uhr geworden. Kaum hatte ich meinen staunenden Bettnachbarn unsere Schätze gezeigt, rief Rosa: "Antreten zum Zählappell! Kommt alle in die Mitte der Baracke! Prowerka."  

 

Das erste Mal hörte ich dieses Wort in Orscha. Dorthin hatte man uns gebracht, nachdem wir in Potsdam verurteilt worden waren. Hatte man uns zuvor in Einzelhaft gehalten, so wurden wir nach der Urteilsverkündung zu zwölf bis sechzehn Frauen in einer Zelle zusammengepfercht. Es wurde alles schwieriger.

In einer Ecke stand die Parascha, eine große ehemalige Milchkanne, nun zum Klo umfunktioniert. Es war jedoch nur in Ausnahmefällen gestattet, dieses Klo außer zur Zeit der morgendlichen Toilette zu benutzen. Nacheinander gingen wir morgens in die Ecke, verrichteten auf diesem Klo unsere Notdurft, just, bevor wir zellenweise zur Waschanlage hinausgeführt wurden. 

Abwechselnd trugen jeden Morgen zwei andere Gefangene aus unserer Zelle unsere Milchkanne mit den Exkrementen hinaus, entleerten und säuberten den Kübel. Ich habe mich oft gefragt, ob wohl die Menschen in Potsdam ahnten, welche Tragödien sich hinter jenen Mauern des Privathauses in der Lindenstraße abspielten, in dem Menschen festgehalten wurden aus nichtigen, windigen Gründen, gegen ihren Willen und gegen alle Menschenrechtsgesetze?

In jener großen Zelle, der sogenannten Abgangszelle, traf ich Waltraud P. wieder. Sie war Wochen vorher in Potsdam eines Tages zu mir in die Einzel­haftzelle verlegt worden. Nach vierzehn Tagen war ich wieder allein.

Eine hübsche, elegante Berlinerin aus Schönefeld. Lebhaft und das Mundwerk am rechten Fleck. Sie war länger als ich in Potsdam im Gefängnis, und die Anklage, derentwegen man sie festgehalten und verurteilt hatte, war ein Witz: Verführung zum Landesverrat.

Waltraud sprach russisch, und das war für uns oft sehr hilfreich. Als dritte kam Matrona Mathilde Nikorowna Bologowa zu uns in die Zelle.

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  Matrona Nikorowna Bologowa  

 

Die Zellentür öffnete sich an jenem Montag: eine alte Frau wurde hereingeschoben. Sie murmelte leise: »Seid gegrüßt.« Wir rückten zur Seite, um ihr Platz auf der Pritsche einzuräumen. Sie hielt uns eine Tüte voller Zuckerstücke hin und wollte, daß wir davon nahmen. Es wurde als Kostbarkeit geboten und es war auch etwas Köstliches für uns: ein Stück Würfelzucker. Der Bann des Fremdseins war gebrochen, und unsere Frage nach Woher und Wohin bekam Antwort.

Früher lebte sie mit ihrer Familie in einem Dorf in der Nähe von Kiew. Ihr Mann war Kulak, Großbauer. Genia war ihre gemeinsame Tochter, ihr einziges Kind. — Sie waren eine glückliche Familie, bis das Schicksal zuschlug. Das Dorf wurde in einen Kolchos umgewandelt und der Kulak Bologow — wie die anderen auch — enteignet.

Bologow begann zu trinken. Er begann damit, sein Leben, das seiner Frau und das seiner Tochter zu zerstören, indem er beide in seiner Volltrunkenheit oft bewußtlos prügelte. Wissend, daß es aus der Ohnmacht heraus geschah, in die sie der Staat gedrängt hatte, ertrugen sie ihr Los. Es war eine Erlösung, als Bologow eines Tages dem Suff erlag. 

1943 brachte der Krieg deutsche Soldaten ins Land. Es hatten in ihrem Dorf kaum Kampfhandlungen stattgefunden — und so war das Verhältnis zwischen Einwohnern und Besatzung nicht schlecht. Das Blatt wendete sich jedoch sehr bald zugunsten Rußlands. Die deutschen Soldaten mußten den Rückzug antreten. Matrona Mathilde rang mit sich. Dann glaubte sie, den rechten Weg gefunden zu haben. Sie würde bleiben, ausharren. Genia aber, ihre Tochter, die inzwischen 19 Jahre alt geworden war, sollte mit den deutschen Soldaten nach Deutschland gehen. Viele hatten sich zu dem Entschluß durchgerungen, mitzugehen.

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Man hatte ihnen gesagt, daß man für sie Arbeit finden würde und daß es ihnen in Deutschland sicher besser gehen würde. Der Abschied war schwer. Die Zeit drängte. Genia fand als Ostarbeiterin Arbeit bei einem Bauern. Sie schrieb der Mutter regelmäßig einmal im Monat und schickte ihr manchmal ein Päckchen. Immer wieder dankte Matrona Mathilde Gott, daß es Genia besser ging. Doch je mehr sich die russischen Truppen näherten, um so weiter nach Westen flüchteten die Menschen, so auch Genia. Die letzte Nachricht erhielt Matrona Bologowa aus dem Rheinland. Genia schrieb, es gehe ihr gut und bald werde der Krieg vorüber und sie wieder beieinander sein.

Matrona Mathilde Nikorowna lebte nur für diesen Tag. Sie sparte Kopeke für Kopeke. Sie malte sich aus, wie Genia wohl jetzt aussehen würde. Dann kam das große Finale. — Deutschland war besiegt. Vernichtet. Es schien, als wäre damit auch jede Hoffnung auf eine Wiedervereinigung von Mutter und Tochter zerstört. Kein Lebenszeichen traf mehr von Genia ein.

Endlich raffte sich Matrona Mathilde auf, um die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Sie meldete sich zur Besatzungstruppe, die im Osten Deutschlands stationiert war, der die »russische Zone« geworden war, als Personal. Ihr Gesuch wurde bewilligt. Sie wurde dem Haushalt eines Generals zugeteilt und zog mit dessen Familie durch Ostdeutschland. Ihre Aufgabe war es, die Kinder der Familie zu hüten. Ihr Wunsch: Genia zu finden.

Eine der deutschen Putzfrauen, die Matrona Mathilde hin und wieder mit Lebensmitteln bedachte, versprach, Nachforschungen beim Deutschen Roten Kreuz anzustellen.

Das so aussichtslos scheinende Unternehmen gelang. Matrona Nikorowna Bologowa war überglücklich, als sie die schriftliche Nachricht des Roten Kreuzes in der Hand hielt. Man teilte ihr mit, daß Genia in Belgien sei, in Brüssel. Hoch schlugen die Wellen des Glücks über ihr zusammen, als Genia ihren Brief beantwortete. 

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»Mama«, schrieb Genia, »wir Ausländer wurden beim Zusammenbruch Deutschlands alle in Paris gesammelt. Ich lernte in dem Lager meinen jetzigen Mann kennen. Er ist Belgier. Er ist sehr gut zu mir. Ich besuche hier in Brüssel die Universität und studiere Sprachen. Albert, mein Mann sagt, du sollst zu uns kommen, so bald wie möglich.....« Und hier tropften immer wieder heiße Tränen auf den zerlesenen Brief, so oft sie ihn zur Hand nahm und las.

Damals sandte sie ein Dankgebet zu Gott, daß die Tochter lebte, dankte, daß es ihr gut ging und daß sie ihre alte Mama bei sich haben wollte. Und dann las sie uns den Nachsatz Alberts vor, und Waltraud übersetzte ihn mir: »Mama, ich begrüße Sie und freue mich, daß Sie bei uns sein werden. Albert.«

Heimlich packte sie ihre Habseligkeiten zusammen. Wäsche, Stoffe. Was immer sie auf dem Weg mit der Familie des Generals von Dresden bis Potsdam ertauscht, errafft hatte, und brachte die Pakete Stück für Stück zur Bahn. Gab sie auf nach Brüssel an Genias Anschrift. Die Adresse und den Brief Genias hatte sie mehrfach in der Hand zusammengeknüllt. Vom Mantel trennte sie den Saum auf und nähte das weich gewuzzelte Papier ein. Niemand würde es bei ihr finden bei einer Kontrolle. Ihre innere Erregung kannte damals keine Grenzen. Wie so oft, hatte sie sich von den Kindern des Generals verabschiedet, als ginge sie ins Kino oder dahin, von wo sie bald zurückkehren würde. Kaum war sie aus dem Haus, hetzte sie zum Bahnhof. Es war zu spät.

Matrona Nikorowna Bologowa hatte nicht bemerkt, daß man sie verfolgt hatte. So wenig, wie sie es nicht wahrgenommen hatte, daß man sie seit Tagen beschattete. Man verhaftete sie, nachdem sie das Billet gelöst hatte. Sie wurde in das NKWD-Gefängnis in Potsdam eingeliefert. Sie brachte uns den Zucker mit, den sie als Handgepäck, Wegzehrung für die Reise, bei sich hatte. Ihr Urteil lautete: Fünfundzwanzig Jahre Zwangsarbeitslager wegen Landesverrat.

Sie bat uns damals: »Wenn ihr je heimkommt, merkt euch meinen Namen, verständigt meine Genia.«

Waltraud P. und ich kehrten zurück. Von Matrona Nikorowna Bologowa hörten wir nie wieder. Der Belgischen Botschaft berichtete ich davon und bat, Genia zu verständigen.

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