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  In der Tundra

 

 

    Schneestürme  

59-86

In einer Nacht, in der wir in der Fabrik zum Schneeschaufeln eingesetzt waren, tobte ein Schneesturm durchs Land, eine der gefürchteten Purgas; dichtes Schneetreiben, -schütten, -blasen und -wehen verwehrte das Atmen. Das Schneetreiben war so dicht, daß man die Hand vor Augen nicht sehen konnte.

In jener Nacht arbeiteten Knopka und ich miteinander. Edeltraud war sehr zierlich, klein, darum hatte ich ihr den Namen Knopka (Knöpfchen) gegeben, aber: Witz und Energie hatte sie, wie man sie nur bei Großstadtpflanzen wie Knopka findet. Sie war eine waschechte Berlinerin, Herz und Mund auf dem rechten Fleck.

Die Sinnlosigkeit unserer Arbeit erkennend, beschloß Knopka: Wir streiken! Ist doch Blödsinn. Wir schaufeln mühselig vor uns zentimeterweise den Schnee von den Gleisen — und hinter uns türmt er sich schon wieder hoch auf. — Los komm, hauen wir ab in die Wärme. Sollen sie uns doch suchen. 

Immer muß einer den Mut für den anderen aufbringen. Dann schließt man sich an und ist froh, den Schritt gewagt zu haben. Man fand uns nach Stunden in der barackenartigen Halle, wo unsere Kleider zum Umziehen hingen, jedenfalls die Kleider derer, die in der Fabrik arbeiteten. 

Aus einer Ecke, in die dort hängenden Kleider gekuschelt, beobachteten wir die Lemminge, wie sie possierlich hier und dort auf einen Sprung huschten, an irgend etwas knabberten, einem Schuh, einem Fetzen Stoff; denn Lebensmittel gab es hier nicht — und doch wogte der Strom der Lemminge unaufhaltsam vorwärts, drängte, purzelte, lief Seite an Seite einem imaginären Ziel zu. Die Tiere belästigten nie die Menschen. Eher rannten sie erschrocken davon. 

Wir waren in dem warmen Mief, den die Kleidung verströmte, eingeschlafen und erwachten erst, als die Frauen aus der Trockenkammer ihre Schicht beendet hatten und sich nach dem Duschen umkleideten. Der Spektakel weckte uns. Es war ein Uhr nachts. Nun, sehr bald wurden wir der Strafe zugeführt. Man bestellte uns in das Leitungsbüro der Fabrik. Unsere Überraschung war unbeschreiblich, als uns der stellvertretende Betriebsleiter in deutscher Sprache ansprach.


Er war, wie wir von ihm erfuhren, Volksdeutscher. Wir hörten, daß er hier als Buchhalter arbeitete. Anstatt uns die Leviten zu lesen, sprach er gütig mit uns und erzählte bei einem Becher Tee, daß er eines Tages seinen Posten als Gymnasialdirektor in einer Stadt im Donezbecken aufgeben mußte (es war in den dreißiger Jahren anläßlich einer der berüchtigten Säuberungswellen Stalins) und als Volksdeutscher nach Workuta verbannt wurde.

Zehn Jahre Zwangsarbeitslager lagen hinter ihm. Inzwischen war seine Frau zu ihm nach Workuta gekommen. Nun mußte er sich und seine Familie ernähren, eben als Buchhalter. Er wohnte mit den anderen Freien (so bezeichneten wir Menschen, die entweder ihre Strafe abgearbeitet hatten oder strafversetzt hier Dienst verrichteten, oder jene, die sich freiwillig in diese Gegend meldeten, um zu verdienen oder den Verurteilten nahe zu sein). Sie lebten draußen vor den Toren unseres Lagers. 

Diese sogenannten Freien profitierten von den sozialen Einrichtungen des Lagers. Sie kauften in der Bäckerei ein, die von Gefangenen betrieben wurden. Sie konnten Arbeitskräfte anfordern, wenn es galt, das Haus zu restaurieren, zu säubern oder umzugestalten. Für alles und jedes waren Häftlinge zuständig. Und wenn man zu solchen Menschen kam, wie es Herr Schlicht, dieser Volksdeutsche Buchhalter bzw. nächtlich der stellvertretende Betriebsleiter war, dann konnte man für kurze Zeit vergessen, daß man Gefangene in dem Katorga-Lager, daß man nur eine Nummer unter vielen war. Herr Schlicht erzählte uns beim dampfenden Tee von seiner Familie, die nach seiner Freilassung zu ihm gekommen war und nun sein Los mit ihm teilte. Er bat uns: Wenn ihr je heimkommt, sprecht von uns. Erzählt, was ihr gehört habt. Denkt daran und vergeßt uns nicht.

Statt aller Strafe gingen wir getröstet, getrocknet und gestärkt erneut an die Arbeit. Der Sturm hatte inzwischen nachgelassen — und so war es angenehm für uns, in der Stille der dunklen Morgenstunden den Schnee von den Gleisen zu schaufeln, manchmal beim Plaudern zu verschnaufen oder über ein lustiges Wort zu lachen.

Daß wir später zu einigen Stunden Karzer verdonnert wurden, weil wir uns eigenmächtig von unserem Arbeitsplatz verdrückt hatten, erschütterte uns nicht. Denn es hielt uns ja auch von der Unbill des Wetters fern.

Zu anderer Zeit waren wir auf Besimenka eingesetzt. Einige unserer Frauen waren, nachdem die letzten deutschen Männer in das sogenannte Erholungslager beim sechsten Schacht abtransportiert worden waren, dort oben

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ständig untergebracht. Mir fallen Anne St. ein und Inge St. Inge, eine zierliche Person mittlerer Größe, arbeitete mit dem Preßlufthammer. Der gefrorene Lehm wurde damit gelockert.

Dann kam unser Einsatz. Wir hatten die diversen Erdschichten wie Kies, Sand, Gestein, Lehm mit der Hacke abzuschlagen und mit dem Karren abzutransportieren.

Natürlich gab es auch hierfür eine Norm an Kubikzentimetern zu leisten. Zumeist standen vier Personen in einem solchen von der Brigadiere bei Arbeitsbeginn abgesteckten Bereich. Eine hackte, eine schaufelte, belud die Karre, die beiden anderen karrten das ganze ab. Am Abend maß man den Haufen »Erde«, um gewiß zu sein, da wir unser Essen verdient hatten! Wie oft haben wir Bretter gesucht, Karren zerschlagen, wenn niemand in der Nähe war, um dieses Holz übereinander zu schichten, so daß sich ein größerer Hohlraum ergab. Die Erde wurde darauf geschüttet. Und wir hatten ein wenig Zeit erschwindelt, um zu verschnaufen.

Olli K., Waltraud H., Hildegard M. Immer noch sehe ich die einzelnen vor meinem geistigen Auge. Auch Vera B. gehörte zu dieser Brigade. Unsere Arbeitsplätze lagen oft 2 bis 10 km vom Lager entfernt. Die Wegzeit wurde nie mit einkalkuliert.

Wie oft aber auch erlebten wir an klaren Abenden auf dem Heimweg die Schönheit der Natur. Die endlose Gebirgskette des Ural, eingebettet in die bläulichen Schatten des Abends.

Zu Beginn meines Einsatzes in der Tundra, als ich noch lange nicht in der Lage war, eine Schaufel zu halten, hatte mich Sonja, unsere Schwester vom Santschaß, eine Finnin, ans Lagerfeuer gesetzt und mir befohlen, dieses Feuer zu unterhalten und ja nicht ausgehen zu lassen. 

Allein das Entzünden des Feuers. Welche Steinzeitmethoden wußten die Frauen, die schon länger im Lager waren, anzuwenden. Aus der Wattejacke wurden winzige Fetzen Watte gezogen, auf ein relativ trockenes Brett gelegt, darauf ein Stock gesetzt, den man mit den Händen hin und her quirlte, bis endlich nach dem ersten Qualm, Glimmen, Funken entstanden. Dann kam es auf die Behendigkeit an, trockene Holzspäne anzulegen und die Glut zu halten, bis die Brigaden Pause machten und sich dann um das Feuer scharten. Manche hatten sich Tulkis, winzige Fische, mitgebracht, von denen wir mitunter zum Frühstück jeder eine Handvoll bekamen. Dann wurden die Spaten mit Erde gereinigt, mit dem Kleid nachgewischt, dann die Tulkis darauf ausgebreitet, der Spaten über das Feuer gehalten - es war ein toller Schmaus.

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Manchmal flatterten schleierhaft die Figuren des Nordlichtes über den Himmel. Hoch, mächtig und erhaben erschien mir der Himmel des hohen Nordens immer, höher, als unser Himmel zu Haus. Vielleicht darum, weil wir zu Haus nie soviel Veranlassung haben, den Himmel zu betrachten? Dort war er ein tröstlicher Anblick. Seine Sternbilder, die man so gut von daheim kannte, strahlten größer und leuchtender. Und der magische Zauber des Nordlichtes mit der Vielfalt seiner Farben zog uns oft in seinen Bann. Die weißen Nächte, (»Belaja notsch«), waren wohl mit die eigenartigsten. Das Erlebnis der Mittsommernächte brachte Unruhe über die Menschen. Spät erst, gegen elf Uhr verließ uns die Sonne mit ihrem Strahlen, hinterließ milchigweiße Dämmerung, um dann nach ungefähr zwei Stunden sachte und sanft wieder Helligkeit, Licht, Strahlen, Wärme zu verbreiten. 

Die Natur bot uns wirklich einmalige Schauspiele, als wollte sie uns für so vieles, das wir entbehren mußten, entschädigen. Ich werde die Schönheit solcher Erlebnisse nie vergessen.

Wie froh bin ich jedoch heute, wieder zu Haus zu sein. Und — obgleich Herr Dr. Adenauer mich, Annelise F., nicht kannte: Ich danke ihm immer wieder, daß seine Intervention auch mich befreite. Wir kamen heim.

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Zurück in Wien
Workuta wirft Schatten

 

 

Wien, 16. August 1985. Ihr habt eine Lücke hinterlassen, Vera und Hannes, im Ablauf unseres täglichen Zeitgeschehens.

Am meisten fehlt mir die wunderbare Ausdehnung unseres Plauderfrühstücks, das so viele Schattierungen kannte — angefangen bei einem leisen »Weißt du noch ...« bis hin zur Steigerung lautstark vorgetragener politischer Meinungsverschiedenheiten.

Wie schön, wenn ihr von euren Wien-Erlebnis-Touren zurückkamt und davon erzähltet.

Wie schön war es auch, mit euch beim Heurigen zu sitzen in großer Runde und die einladenden Maiabende zu genießen.

Hannes, du hast so andere Erlebnisse aus Workuta geschildert, wie ich sie kannte. Waren deine Augen offener für deine Umgebung? War es deine Prädestination für das Pressewesen, die dich Situationen genauer erfassen ließ? Wir waren in der Zweiten Ziegelei wirklich abgeschlossen von allem. Streiks in anderen Lagern oder Schächten gingen an uns vorüber, ohne uns zu berühren. Wir wußten oft nichts davon. So konnten sie auch keine Spuren hinterlassen.

Die wenigen Kontakte mit der Außenwelt, der Stadt Workuta, beschränkten sich zumeist auf private Bett-Erlebnisse einzelner Frauen. Darum maß man den Erzählungen dieser Frauen nie sonderlich viel Wert bei. Immer wieder wird der Fluß der Erinnerung eingedämmt durch zufällige Unterbrechungen, durch das Geschehen der Gegenwart. Niemals mehr erlebte ich Zeit so abstrakt, so wesenlos, ereignisarm wie die Zeit damals hinter Stacheldraht. Zwischen Aufstehen und wiederum unruhig tiefem Erschöpfungsschlaf lag die stumme Verzweiflung des Bemühens, die vorgegebenen Normen zu erfüllen, um das tägliche Essen »zu verdienen«. Es ist nun schon so lange her, daß wir jenen Alptraum hinter uns ließen. Fast vierzig Jahre. Und doch ist dieser dumpfe Schmerz überforderter Kraft noch heute in allen Gelenken spürbar, den die Lagerärztin trotz sichtbarer Anschwellung abtat mit dem Bemerken: »Nitschewo! Daran gewöhnst du dich!«

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Hast du schon einmal die Erfahrung gemacht, wie schwer Schnee sein kann? Einen Würfel von 25 bis 30 Zentimeter im Quadrat feuchten, schweren Schnees abstechen, auf die Schaufel nehmen, hochwuchten und über einen Schneewall werfen, so daß ein Weg freigelegt wird!? Aber die Erfahrung lehrte uns: Man gewöhnt sich wirklich an die Praxis, hungrig und müde zu sein und mit schmerzenden Gliedern zu arbeiten. Am Morgen und am Ende des Tages winkte ja jeweils eine dampfende Schüssel Sauerkraut- oder Graupensuppe im täglichen Wechsel, eine Schale Kascha und ein Stück Brot. — Tierisch? — Menschlich! Nur allzu menschlich war jenes Leben.

 

 

Lautloser Tod in der Tundra

Erzählte ich euch von Asja Skrinik? Es war im Dezember 1952. Der Winter hockte hinter jeder Ecke mit klirrendem Frost und warf uns die scharfen, eisigen Winde entgegen, sobald sich jemand außerhalb der Baracke blicken ließ.

Polikarp Leonowitsch, der früher einmal Bürgermeister eines Dorfes in der Ukraine gewesen war und nun nach einem nicht begangenen Verbrechen (<Fraternisierung mit dem Feind>) in Workuta seine 25 Jahre absaß, jener Polikarp Leonowitsch bezeichnete diese Zeit als jene, in der »die Spucke zu einem Glasstock gefriert, bis sie den Boden erreicht hat«.

In der Künstlerbaracke malte Tschesja, unsere polnische Kunstmalerin, hingebungsvoll an einem Porträt, zu dem ihr Asja Skrinik Modell saß. Tschesja war eine wirkliche Künstlerin. Die Ausbildung an der Warschauer Akademie war unverkennbar. Ihr Können war Spitzenklasse. Sie plauderten über Belangloses miteinander, über die letzten Neuigkeiten im Lager, die immer irgendwie unwahr und wahr waren, beides zu gleichen Teilen.

Denn immer war bei jedem Gerücht, das sich verbreitete, Wunschdenken dabei. So veränderte sich jede Erzählung von Mensch zu Mensch, je nachdem, was er für sich selbst am meisten erhoffte. 

Asja war eine große, stattliche Erscheinung. Ihre Haltung war großartig. Das übliche schwarze Lagerkleid vergaß man, wenn man ihre Erscheinung betrachtete. Sie wirkte keineswegs damenhaft, sondern eher maskulin, stark. Prüfend blickte Tschesja zu Asja hinüber, hob den Daumen, um noch einmal Maß zu nehmen, und nickend bestätigte sie sich selbst die richtige Anlage des Porträts. 

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Einen leichten Schatten trug sie noch auf der Stirn des Frauenantlitzes auf der Staffelei auf, trat dann zurück, um das Gemälde zu betrachten - und erklärte Asja, für heute sei die Sitzung beendet. Geräusch entstand, wie immer, wenn es irgendwo einen Aufbruch gibt. Mit einer Umarmung und Küßchen rechts und links auf die Wange verabschiedete sich Asja von Tschesja und wandte sich dem Ausgang zu. Ala Peragowa wartete schon ungeduldig auf Asja, ihre intime Freundin. Beide warfen Tschesja, die Asja hinausbegleitet hatte, noch eine Kußhand zu, winkten, dann traten sie hinaus in die klirrende Kälte. Dicht zogen sie die Schubas um den Körper. Für so einen kurzen Weg bis zur Kantine knöpfte man den Mantel nicht zu. Wärmer war es, ihn übereinanderzuschlagen und festzuhalten mit den Händen, die man unter den Armen versteckte. Das Gesicht schützte der hochgeschlagene Pelzkragen. Wohl dem, dem die Gunst des Schicksals solch einen Schuba geschenkt hatte. Für uns »Fritzen«, wie wir spöttisch genannt wurden, gab es natürlich keine Pelze.

Ala hängte sich bei Asja ein. So stapften sie dahin durch den dicht wirbelnden Schnee. Asja riß die Tür zur Kantine auf und ließ Ala galant den Vortritt. Der Speisesaal war zu dieser Zeit leer, wirkte sehr sauber und war schon für die von der Arbeit heimkehrenden Brigaden leicht vorgewärmt. Ala rümpfte die Nase: »Igitt - Sauerkraut!«

Asja lachte, den Kopf dabei zurückwerfend, heftig auf mit ihrer tiefen, männlich wirkenden Stimme. Beide öffneten nun weit die Schubas, um der sie umgebenden Wärme Zutritt zu gestatten, sich davon einhüllen zu lassen, dann stapften sie hinter die Bühne, die sich an der Stirnwand der Kantine befand.

Die Mitwirkenden in der Inszenierung des Musicals »Die elf Unbekannten« erwarteten sie mit lärmender Fröhlichkeit. — Jeder begab sich auf den von Natascha Lawrowskaja - sie war Dramaturg, Orchester, Choreograph alles in einer Person - zugewiesenen Platz. Die Probe begann. Die Hauptdarsteller des Stückes waren Asja Skrinik als männlicher Held der Moskauer Fußballspieler. Ala Peragowa, das Weib schlechthin, mit einem wundervollen Koleratur-Sopran begabt (sie war früher Mitglied der Großen Oper in Kiew), der in diesem neuen Musical vortrefflich zur Geltung kam, hatte sich zwischen den Rivalen zu entscheiden.

Den Gegenpart von Asja spielte Erika F., eine Deutsche. Sie verkörperte Stanley McBlood, den »englischen« Fußballer-Snob.

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Erika hatte weniger Talent für Gesang, dafür war aber die Schauspielerei ihr Beruf, bevor man sie nach Workuta verschleppt hatte. Sie stammte aus Rathenow in Mitteldeutschland.

Erika war noch nicht ein Jahr bei uns, sprach und verstand — so wie wir zu Anfang — also kaum russisch. Sie hatte den Text einfach phonetisch aufgenommen und verstand es außerordentlich gut, den Inhalt wiederzugeben, so daß der Genuß dieser Probe eine gewisse Vorfreude bei allen hervorrief.

Regie führte Rima Luzik, Leningraderin und wohl die einzige intellektuelle, emanzipierte Frau Rußlands, der ich dort begegnet bin.

Eifrig war ich schon mit der Herstellung der Kostüme und Kulissen beschäftigt. Mull, den uns eine Russin wieder einmal aus dem Lazarett organisiert hatte, hatten wir je nach Bedarf kunstvoll eingefärbt. Vermittels Tinte bekamen wir ein wunderhübsches Hell- bis Dunkelblau; Streptomyzin-Tabletten sorgten für Gold- bis Orange-Farbtöne, und so gab es eigentlich für jede Farbschattierung eine Kombination aus Tabletten und Wasser. Alles wuchs und gedieh. Während ich die Pflanzen des Parkes, den ich auf die Rückwand der Bühne als Hintergrund gezaubert hatte, mit schwarzen Konturen versah, um das ganze plastischer hervorzuheben, stellte ich fest, daß mir eben die schwarze Farbe ausgegangen war. Ich brauchte ziemlich viel davon, denn alle Figuren, Blüten, Blätter und Brunnen wollte ich mit einer solchen Silhouette umgeben.

Nun, nitschewo. Machen wir neues Schwarz aus Ofenruß und Graupenstärkemehl, jedem Kunstmaler bestens zu empfehlen, tiefstes Schwarz! (Wer hat mir mal den Witz erzählt, Farben könne man nur mit Eiweiß binden!?) Allgemeine Unterbrechung der Probe. Ja, man gab auf für heute.

Die relative Ruhe war vorüber. Müde und frierend stapften die von der Arbeit heimkehrenden Frauen herein, stellten sich brigadeweise in der Schlange an, um Essen zu empfangen.

Die Brigadiere nahm jede Schüssel in Empfang, die aus dem Küchenschalter gereicht wurde, schöpfte aus dem bereitstehenden Vorrat mit einem fingerhutgroßen Löffelchen Öl über den Kascha, verteilte je nach Arbeitsleistung einen Würfel Fleisch oder Fisch, der ca. 50 g ausmachen sollte, dessen Portion aber sicher immer geringer ausfiel im Gewicht, da ja jeder überall versuchte, seine Vorteile zu wahren. 

Dann reichte sie die Schüsseln, zusammen mit einem Brötchen, so man seine Norm erfüllt hatte, der zunächst Stehen-

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den, und endlich zog man ab mit beiden Schüsseln, in einer die Suppe, in der anderen den Kascha, auf dem Bulka und Fleisch lagen. Bevor wir jedoch in der Früh vor dem Ausgang von dem Kascha zu essen begannen, tauchten wir meistens die Hände auf das Öl und »cremten« damit das Gesicht ein, um es gegen den eisigen Wind zu schützen, dem wir täglich ausgesetzt waren.

Die Feuchtigkeit, die die Frauen mit ihren Kleidern in den Speiseraum hereintrugen, ergab — in Verbindung mit den nunmehr überheizten Öfen und dem heißen Essen — solchen Dampf, als wäre man in einer Sauna. Ununterbrochen strömten weitere Brigaden herein in den Speisesaal. Während die Abgespeisten den Raum verließen, wechselte man die Plätze.

Es war eine der Aufgaben Asja Skriniks, dafür Sorge zu tragen, daß die Brigaden nacheinander zur Arbeit gingen und von der Arbeit heimkamen, damit durch Überfüllung keine Panik entstand. Sie leitete das Arbeitseinsatzamt, und sie machte ihre Sache gut. So daß sowohl die Mithäftlinge als auch die Lagerleitung zufrieden waren.

Einige Stunden würde der Trubel nun anhalten — und so verschwanden die Darstellerinnen eine nach der anderen von der Bühne, weil an Probe unter solchen Umständen nicht mehr zu denken war.

So schien jeder Tag gleich zu verlaufen. Für mich nur mit dem Unterschied, daß Nadjeschda Petrowna, die Zahnärztin (eine Mitgefangene aus Weißrußland, die hier im Lager ihren Beruf ausüben durfte) mich von der allgemeinen Arbeit befreit hatte, damit ich meine Arbeit für die Vorstellung hinter der Bühne in Ruhe vollenden konnte; denn die paar Nachtstunden, die mir sonst hierfür nach der Arbeit zur Verfügung standen, hätten keinesfalls ausgereicht. -

Der Trick war: ein gezogener Zahn - drei Tage von der Arbeit befreit. Natürlich wurden diese Zähne nur pro forma auf dem Papier gezogen, das ich meiner Brigadiere für die Befreiung von der normalen Arbeit vorweisen mußte. Und ich denke, das wußte auch die Lagerleitung; denn man hatte mir bestimmt schon 40 Zähne gezogen im Laufe der Jahre und mein Gebiß war immer noch vollständig. - Aber wie so oft im Leben, der Schein mußte gewahrt bleiben.

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Die Generalprobe verlief einigermaßen zufriedenstellend. Ganz glatt ging es ja nie. Jemandem fielen die abgestellten Seitendekorationen auf den Kopf, und mit vermehrtem Einsatz mußte alles erneuert sein bis zur Erstaufführung. Endlich war dann auch dieses Stück abgelaufen. Das Publikum tobte vor Begeisterung. Wir strahlten alle miteinander über den Erfolg. Als erste Zuschauer begrüßten wir - wie immer - die Offiziere der Bewachungstruppen, die Lagerleitung mit ihren Angehörigen, die Soldaten, die zu unserer Bewachung in den Hohen Norden abgestellt waren und die sonstige »Freie Bevölkerung«, die sich zusammensetzte aus freiwilligen Arbeitskräften der UdSSR und entlassenen Sträflingen.

Sie klatschten genauso begeistert Beifall wie später unsere Kameradinnen. Man konnte wirklich manchmal vergessen, daß man am Vorderen Polarkreis in einem Katorga-Lager war, daß man die Nummer N 714 in diesem Konzentrationslager war und dies auch gekennzeichnet hatte durch einen weißen Stoffetzen, der diese Nummer in schwarzer sichtbar großer Aufschrift trug. Aufgenäht auf dem linken Knie der Wattehose und auf dem Rücken des Buschlags.

Sowohl Asja Skrinik als auch Erika F. hatten die Frauen in ihren Hosenrollen begeistert. Sie waren beide stattliche Erscheinungen und hatten so manches Frauenherz in Erregung versetzt. War doch das, was man wohl am meisten entbehrte neben der Freiheit, der Mann! - Beide trugen es mit Fassung.

Wir hatten Januar 1953. Es war wieder ruhiger geworden im Lager und dieser Tag begann wie so viele andere Tage.

Leise stiebten Schneefetzen vom Stacheldrahtzaun, der das Lager in einer Höhe bis zu zwei Metern umschloß, dahinter lag die verbotene Zone, wo sich niemand aufhalten durfte, und abgrenzend noch einmal ein dicht gezogener Stacheldrahtzaun, der an jeder Ecke durch ein Wischka ergänzt wurde, eine Hütte auf Pfählen, ein Unterstand, in dem die Bewacher mit angeschlagenen Waffen aufpaßten, daß es nicht jemandem einfiel, das Lager unerlaubt zu verlassen oder zu betreten. Die Wischkas waren außerdem mit riesigen Scheinwerfern ausgerüstet.

Diese leichten Schneefetzen, die fielen, ohne daß ein spürbarer Wind den Draht bewegt hätte, waren immer sicherstes Zeichen einer beginnenden Purga, eines Schneesturms.

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Fröstelnd hatten wir uns in der Früh am Tor versammelt. Die Nummern wurden aufgerufen, Fünferreihen gebildet.

Die Brigadiere zählte zusammen mit dem wachhabenden Soldaten: eins, zwei, drei, vier. So verließen wir das Lager, immer in Fünferreihen und Vierergruppen. Da die Brigaden zumeist aus ungefähr 20 Personen bestanden, war dies wahrscheinlich die einfachste und sicherste Art der Zählung. Auf der anderen Seite des Tores empfingen uns die Soldaten, die zu unserer Bewachung als Geleit abgestellt waren. Noch einmal zählten sie das empfangene Menschenmaterial, nahmen dann die Nummernkarten der Brigade in Empfang und führten uns zum Einsatzort, der nur ihnen und der Brigadiere bekanntgegeben wurde.

An diesem Tag wurden wir zur Straße gebracht, die nach Periodschachtny führte. Schneeschaufeln hatten wir empfangen. Sie sind besonders groß, breit im Quadrat. Und dann kam die Parole: Schneeschaufeln in Perikitka, die Straße freischaufeln, die nach Workuta führt.

Perikitka heißt: vier Personen stehen in Abständen von einem Meter Höhe jeweils übereinander und werfen sich den Schnee schaufelweise auf die vorbereitete kleine Terrasse zu, bis die vierte, letzte Person hoch oben den Schnee endgültig über Bord des Schneehaufens wirft und die Fahrbahn dadurch frei wird. So arbeitete sich jedes Team ca. 10 Meter auf der Straße vor. - Wir waren eine Schwerstarbeiterbrigade.

Der Sturm war an diesem Tag so arg, daß man mit der Arbeit kaum nachkommen konnte.

Asja ging zu diesem Zeitpunkt selbst mit in den Einsatz. Es gab Schnee, Schnee, Schnee.

Einige Invaliden und Schwache hatte sie am Nachmittag hinausgeführt zu den Gleisen, die das Lager umgaben. Sie mußten schneefrei sein, damit der Zug, der uns Nachschub brachte, herankommen konnte. Die Purga machte den armen Alten und Schwachen grauenhaft zu schaffen. Purga heißt: eine Schaufel Schnee mühselig fortgeschaufelt, zwei weht der Sturm auf genau die gleiche Stelle hin. Ein eisiger, nasser, erbarmungsloser Sturm, der seine Schneeschleier so dicht vor sich hertreibt, daß man die eigene Hand, die die Schaufel hält, nicht zu erkennen vermag.

Wie es kam - keiner wußte es später genau zu berichten. Plötzlich war eine riesige Lok aufgetaucht, lautlos, aus dem Nichts. Alle Warnrufe verschlang der Sturm. Die als Schneepflug dienenden seitlichen Schaufeln der Lok hatten Asja erfaßt und sie vor die Räder gestoßen. Lautloser Tod in der Tundra.

Als wir heimkamen an diesem Tag, sah ich, daß Tschesja wieder vor ihrer Staffelei stand, beschäftigt mit Asjas Porträt. Immer wieder verstärkte sie den Schatten auf Asjas Stirn, als ahnte sie bereits den großen Schatten, der Asja Skrinik gerade erfaßt und ausgelöscht hatte. 

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     Frühling in Wien, Ostern 1953   

 

Am Ring blühen die Kastanien. Die Zugvögel sind längst zurückgekehrt. In den Parkanlagen paaren sich die Wildenten und Schwäne. Die Eichkatzerl schlagen Purzelbaum. Der Flieder duftet, und die Luft, die du atmest, ist wie Champagner.

Meine Gedanken gehen zurück in das Jahr 1953, als noch die russische Gefangenschaft unsere Tage überschattete.

Das kommunistische Regime scheint keine kirchlichen Feiertage zu kennen, zumindest nicht für Strafgefangene.

Nieselregen sank herab, als wir uns um sechs Uhr früh bei der Wache versammelten. Verschlafene, tief vermummte Gestalten.

Die Brigadieren waren verantwortlich, daß alles ordnungsgemäß vor sich ging. Sie übergaben dem Wachtposten die Nummernkarten, und dann kam der Befehl: »Also - in Fünferreihen angetreten!« Dann wurden wir durch das Tor gewinkt. - Auch Mascha Gawrielowas Stimme klang nicht laut und fordernd, wie wir es gewohnt waren, eher verzagt und leise. Flüche klangen auf.

So trat die Begleitmannschaft aus dem Wachgebäude und eskortierte uns. Wir hatten das Tor passiert, dann schlössen wir zur nächsten, bereits draußen wartenden Brigade auf, die zum gleichen Einsatzort ging, und stapften, die Schaufel geschultert, die andere Hand tief in der Tasche, angetrieben von den Flüchen der jungen Soldaten, stumm dahin.

Irgend jemand hatte die Parole weitergegeben: Wir gehen die Autobahn freischaufeln, die nach Periodschachtny führt. Leise wurde es weitergegeben, flüsternd, denn bei jedem lauten Wort verwies man uns grob zur Ruhe.

Ungefähr anderthalb Stunden dauerte der Marsch, bis wir die Stelle der Autobahn erreichten, die besonders hoch verweht war. Riesige Schneeverwehungen machten den Lastwagen und Personenkraftwagen das Passieren unmöglich.

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Noch dunkelte es, als wir lustlos begannen, den Schnee mit der Schaufel abzustechen, um ihn weiter fortzuwerfen, hinein in die Tundra.

Was uns an jenem Tag so besonders belastete? — Es war Ostern. Zu Haus blühten sicher die ersten Krokusse und Schneeglöckchen, Märzenbecher und Tulpen, Anemonen. Sonne würde die Luft seidig filtern und ... Und dieser verfluchte Schnee war naß und schwer, daß man nur kleine Würfel auf die Schaufel nehmen konnte, um ihn hochzuwuchten. Trotz der klammen Wattesachen war uns warm geworden durch die körperliche Anstrengung beim Arbeiten.

»Bei uns zu Haus...«, und damit waren wir bei unserem Lieblingsthema, »wird die Kirche zu Ostern ausgeschmückt mit blühenden Weiß- und Rotdornzweigen, Forsythien. Es sieht wunderschön aus. Alle Mädchen kommen in duftigen Kleidern, mit Kränzen im Haar, und die Buben tragen Blüten am Revers. Unsere Osterlieder sind Jubellieder, denn Jesus ist auferstanden«. »Ja«, wandte jemand ein, »du hast nur vergessen, daß vor der Auferstehung die Kreuzigung war.«

Wir hatten noch immer nicht gelernt, Gedanken auszutauschen und dabei weiter zu arbeiten. So standen wir, gestützt auf die Schaufeln und plauderten, bis uns die scharfe Stimme eines Soldaten zur Arbeit anhielt: »He! - Leise! - Weiterarbeiten!«

Bekümmert und schweigend warfen wir Schaufel auf Schaufel Schnee weit von uns in die Tundra.

Aus dem Schutz der Mulde hatten wir uns weiter vorgearbeitet bis zur Kehre der Straße, die erhöht lag und wo es relativ wenig zu schaufeln gab, weil der Wind uns schon die Arbeit abgenommen und den meisten Schnee fortgeblasen hatte.

Ein kleiner Windstoß fuhr zwischen uns. Das nieselnde Nässen der Luft ließ nach, und wir öffneten - lufthungrig - die Verschalung der Wattekleidung ein wenig, um aufzuatmen. Doch der Windstoß hätte uns warnen müssen.

Urplötzlich — es war gegen elf Uhr vormittags — setzte schneidende Kälte ein, die, vom aufkommenden Wind unterstützt, wie eine Gefriertruhe wirkte. Unsere feuchte Kleidung erstarrte innerhalb einer halben Stunde zu Eis.

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Wir traten von einem Fuß auf den anderen. Wir machten uns Mut durch Albereien und schütteten uns aus vor Lachen. Wir schlossen einen Kreis und tanzten Boogie und lachten uns krank, weil alles so grotesk wirkte. So jäh, wie das Wetter umgeschlagen hatte, so jäh schlug unser forciertes Lachen in Weinen um.

Die Soldaten hatten längst keine Macht mehr über unsere verzweifelten Gemüter. Lau und ungehört verklangen ihre Befehle, zu schweigen und zu arbeiten. Selbst ihre drohenden Gebärden mit dem Gewehrkolben blieben unbeachtet, erreichten uns nicht mehr.

»Bitte, helft mir, ich muß mal«, bat ich die mir zunächst Stehenden. Eng bildeten sie eine kleine Kreismauer mit dem Rücken zu mir, die mir Schutz bot vor dem Wind und vor den Blicken der Soldaten.

Die Handschuhe riß ich von den Händen — nichts konnte ich mehr tun. Die Knöpfe an der vereisten Hose zu öffnen gelang mir nicht. — Ich erinnere mich, daß von oben und unten Wasser aus mir strömte — und ich dachte voller Scham und Selbstmitleid: Es ist wohl die dunkelste Stunde meines Lebens, wie eine Kreuzigung des Menschlichen, der Menschlichkeit. Meine Kameradinnen hörten mich schluchzen und sahen, als sie sich mir zuwandten, die Bescherung. Und unsere gemeinsame Verzweiflung wuchs zu einer Kraft, die unseren Machthabern die Stirn bot. Wir weigerten uns, noch einen Handschlag zu tun. Alle!

Wir weinten nicht mehr; denn auch der Wunsch nach Erbarmen war nicht mehr in uns. Wir gingen einfach zurück ins Lager.

Folgten uns die Wachleute — gut. Taten sie es nicht — auch gut. Sollten sie doch schießen. Es war uns egal.

Aufgeregt fluchend rannten sie hin und her, versuchten, uns einzuschüchtern — letztendlich kapitulierten sie vor unserer Entschlossenheit. Wir kamen zurück ins Lager - und unsere Wachmannschaft wurde zur Lagerleitung befohlen.

Später, als wir alle schon wieder aufgetaut und durch herrlich heiße Sauerkrautsuppe gestärkt und gewärmt waren, erfuhren wir, daß diese jungen Menschen nie wieder mit Brigaden zum Arbeitseinsatz gehen würden. Es hieß, daß sie sich der Verantwortung für Menschenleben schlecht bewußt gewesen seien.

So kam es, daß das, was fast als Kreuzigung begann, Auferstehung wurde, für uns und für andere, die nach uns kamen. In solchen Augenblicken spricht sich ein Gebet leicht.

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Dichter in Workuta

 

Siegfried Rockmann 

 

Eines Tages - es war der 4. April 1956, im siebten Monat nach unserer Heimkehr aus der Gefangenschaft - begegnete uns in Berlin-Zehlendorf Siegfried R.

Soweit mir bekannt ist, stammt Siegfried aus Magdeburg und war dort Direktor oder Intendant des Stadttheaters, bevor er verschleppt wurde in die »Eismeer-Einöde Workuta«.

Siegfried R. hatte ein wahres Wunder vollbracht in Workuta. Er vermochte nicht nur neben aller physischen Anstrengung, die die Fronarbeit mit sich brachte, zu schreiben. Er verstand es auch geschickt, diese Manuskripte durch sämtliche Untersuchungen vor und während der Verlegungen, der Transporte durchzuschmuggeln.

Er dichtete in Workuta frei nach der Nibelungensage »Der Nibelungen Not - Aus tausend Nächten Workuta«.

Helmut Schmid, der ihn in Workuta im gleichen Schacht erlebte, schrieb dazu in seinem Buch, das nach der Heimkehr verlegt wurde, in seinem Vorwort:

»Diese Dichtung sah ich entstehen ohne Hoffnung, daß sie je anders als von Mund zu Mund überliefert werden könnte: 1952/53, in der ewigen Polarnacht Workutas, wo deutsche Sprache nur sporadisch hinter Stacheldraht im Heere russischer Zwangsarbeiter ein verfolgtes Dasein führte. Im 6. Schachtlager, an einem der nicht gebückten Tage, von den Russen Wychatnoi genannt, begegnete ich dem Autor. Aus der Trockenkammer drang eine tiefe, raumfüllende Stimme ... deutsche Verse ... der hungernde Geist war sofort hellwach ... vielleicht Schiller?, Börries Frh. von Münchhau-sen?, Isenstein?, Hebbel? -

»Die Welt ist so schlecht, daß der Ekel mich würgt / vor den Lügnern, Liebesdienern und Toren;/ beneidenswert der, den die Einsamkeit birgt,/schicksalsglücklich, wer niemals geboren./.../ Es brausen die nächtlichen Stürme herein,/zu Ende geht Lügen und Morden; / nichts Lebendes wird auf den Weiten mehr sein,/ denn alles ist schuldig geworden (aus Brunhilds Tod).«

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Es ist mir und meinem Mann trotz vieler Bemühungen nicht gelungen festzustellen, ob Siegfried R. heute noch lebt. 
Wie sehr würde ich es wünschen, ihm wieder zu begegnen.
Damals, im April, überreichte er mir einige Gedichte im Manuskript als Geschenk, mit einer Widmung versehen. 
Diese Gedichte möchte ich hier wiedergeben, weil ich glaube, daß sie sonst verlorengehen. 
Hier eine Auswahl aus den mir mit folgenden Worten gewidmeten Gedichten: 
»Für die Frau von Winnetou
, Siegfried R.«

 

 

Unsterbliche Tat

Nichts kann auf dieser Welt verloren gehn,
kein Wassertropfen, der im Meere schwimmt,
die Sterne nicht, die zu Myriaden stehn
und nicht der Funke, der im Hirne glimmt.

Der erste Wandel nur bewegt die Welt
nach göttlichen Gesetzes großem Lauf;
wieviel an Formen immer auch zerfällt,
aus ihrem Staub steigt neue Form herauf.

Nur eines, kaum gelebt, muß ewig ruhn:
Der Augenblick wird niemals mehr erweckt. -
So ist, fragt ihr mich, töricht alles Tun
und sinnlos jedes Ziel, das man gesteckt?

Lauscht nur bei allem, was ihr auch beginnt,
— ob es das Herz gebeut, ob der Verstand ersinnt —
in eurer Seele Raunen tief hinein.

Es ist das Göttliche, was ihr gewinnt.
Gott aber ist die Ewigkeit, — die Zeit nur rinnt
hinab ins Nichts, die Tat wird ewig sein.

76


Auferstehung  (eingeritzt in eine Zellenwand des Zuchthauses Halle/S)

Am Kerkerfenster singen
die Amseln mit hellem Schlag
als wollten Trost sie bringen
in meinen trüben Tag.

 

Was ist an diesem Klange,
das mich so tief betört?
Ich hör in ihrem Sänge,
was ich noch nie gehört.

 

Wohl kannt ich manche Weise,

die laut um mich erklang

doch nicht das Lied, das leise

mir in der Seele sang.

 

Wohl wüßt ich rasch zu ringen

in Kämpfen groß und klein,

doch drang ich bei den Dingen

nie in das Wesen ein.

 

Bis nun die schweren Jahre

vom Schicksal mir beschert,

die mich das wirklich Wahre

zu schauen erst gelehrt.

 

Nun sind wie neugeboren

mir Sinne und Gemüt,

neu klingt in meinen Ohren

nun selbst der Amsel Lied.

 

Jetzt weiß ich erst zu wägen,

was man so schwer ermißt,

daß alles Leid ein Segen

aus Gottes Händen ist. 

77/78

Mein Lied

Unterm Schattenkreuz der Gitterstäbe

singe ich des Leids Erkenntnislied

sieben Jahre schon, — mir ist, als gäbe

es nur Welt, durch die das Weinen zieht.

 

Alle hoffen sie und warten,

daß der Mensch zur Menschlichkeit erwacht

und die wunde Welt zu einem Garten

voll vom Gold der Friedensfrüchte macht.

 

Doch die Erde muß noch immer trinken

Muttertränen und der Söhne Blut, 

die mit Liedern auf den Lippen sinken, 

wirr von Wühlerwort und Würgerwut.

 

Wenn des Kerkers kalte Gittereisen

nicht mehr vor den heißen Augen stehn,

sollen frühlichtweisend meine Weisen

durch das Dunkel unsrer Tage gehn.

 

Und ich will sie singen, singen, singen,

bis sie auch der letzte Bruder kennt,

bis vor ihrem Mahnen, Klagen, Klingen

jedes Herz in heißer Scham erbrennt,

 

bis die alten, hemmenden Gewalten

in des Friedens Freiheitslicht zerbrannt

und die Hand, die nur das Schwert gehalten,

sich um Baustein, Buch und Spaten spannt.

78


Morgenlied

Löst euch vom Gestern,

ihr Brüder und Schwestern,

reißt von den Stirnen die Schleier der Nacht!

Purpurgefunkel

bricht durch das Dunkel,

schon ist gen Osten der Morgen erwacht.

In seinen Winden

muß alles schwinden

was noch an Düster die Erde beschwert.

Seht, wie den Himmel

Strahlengewimmel

siegenden Lichtes rotgolden verklärt!

Fort alles Zagen,

jetzt heißt es wagen!

Macht euch zum Kampf für das Heute bereit!

Seite an Seiten

wollen wir streiten,

vor uns die Fahnen der kommenden Zeit.

Und wenn die alten

Hassesgewalten

und ihre Burgen zu Scherben zerschellt,

werden wir zimmern

auf ihren Trümmern hellhohes Haus für den Frieden der Welt.

Brennen wird Bauen,

Argwohn Vertrauen,

Freiheitssang jubelt in jauchzendem Chor;

Glauben wird glühen,

Freundschaft erblühen, —

hoch hebt die Menschheit zum Licht sich empor.

79/80

Du ferne Heimat, wenn ich dein denke,

trübt mir die Träne der Sehnsucht Blick.

Was gelten alle des Lebens Geschenke

gegen dein mütterlich wärmendes Glück!

Worte der Wahrheit, schon früh mir geklungen,

Liebe der Frau, die am Herzen mich trug

Lieder des Volkes, die froh ich gesungen, —

alles Glück gabst du mir übergenug.

Kalt ist die Fremde, voll Hassen und Lügen;

du allein bist mir der Treue Gewähr.

Hätte ich Flügel, ich wollt zu dir fliegen

weit über Wälder, Gebirge und Meer.

Gebet der Mütter

Mutter Maria, du mit dem Scheine göttlicher Gnade im leuchtenden Haar,

du Auserwählte, du Gütige, Reine, die uns den Künder des Lichtes gebar;

Mutter Maria in flammenden Schmerzen

folgend dem Sohn, der den Dornenweg ging,

Gram ohne Grenze im blutenden Herzen

als er am Kreuze auf Golgatha hing;

du bist das Bild aller Mütter der Erde,

Mutter Maria, du kannst uns verstehn.

Flehe beim Vater, daß Friede nun werde,

laß keinen Sohn mehr nach Golgatha gehn!

Ostern

Dies ist die Zeit, da alle Knospen schwellen

und alle Matten glänzen bunt vor Blühn,

in jugendtollem Tanz und jubelhellen

Freiheitsgesängen frosterlöste Quellen

mit silbergrellen, golddurchwirkten Wellen

zu Tale ziehn;

80/81

da Hummeln duftberauscht zu Stocke tragen

was ein verschwenderischer Lenz beschert,

wo Lerchen lachen, Nachtigallen klagen,

wo sich die Menschen gute Worte sagen

und Winterzagen sich in Sonnentagen

zur Freude kehrt.

Ein neues Leben pulst in allen Landen,

und auch für uns, die noch in Ketten gehn,

und dennoch durch die Nacht zum Leuchten fanden,

kommt nun nach vieler Monde Schmach und Schanden

aus Hasses Banden, die die Dunklen wanden,

das Auferstehn.

Wintersonnenwende

Tief war die Nacht,

kaum schien ein Stern

und unser Auge war von Tränen schwer;

doch nun, ihr Brüder, jauchzt mit mir und lacht!

Das Licht erwacht.

Schon dringt von fern

ein Leuchten her voll Purpurpracht.

Ein frischer Mut

durchströmt das Herz,

bis in die letzte Lebensfaser loht

wie scharfer Balsam brennend junge Glut.

Es schäumt das Blut,

— solang von Schmerz

gedämmt und Not, —

voll Lebensmut.

Füllet den Wein,

den Gram gegärt,

nun in der Zukunft gläsern bunten Krug.

Er wird voll Duft und herber Süße sein,

von Schlacken rein,

durch Leid geklärt.

Trinkt tiefen Zug! Schenkt ein! Schenkt ein!

81/82

Du mein Heimatland

Wie ich dich liebe, du mein Heimatland, das können nicht die hehrsten Worte sagen.

Du bunter Garten, da an Mutters Hand

ich erstmals ging und mich ihr Arm getragen,

du holder Walddom, voll von Vogelsingen,

du Glitzerbaches herber Muschelduft.

Mein Heidehügel voller Märchenklingen

und Bienensummen in der süßen Luft!

Ihr Wiesen, wo vom Strom die Winde wehen,

wo Rinder ruhen und das Füllen tollt,

ihr braunen Äcker, wo die Pflüger gehen,

saatengrün leuchtend, funkelnd vor Erntegold.

Traulicher Waldweg voller Farnenfächelns,

wo ich den ersten roten Mund gespürt,

und den ich später leisen, wehen Lächelns

die eignen Kinder an der Hand geführt.

Du hohe Stadt, mit deinen schlanken Türmen,

du Roland, von Jahrhunderten gebleicht,

ehrwürdig Haus, da ich voll Jugendstürmen

an Geist und Schönheit meine Hand gereicht! —

Wie konnte ich mich jemals von euch scheiden?

Was gingen mich die fremden Türen an! —

Längst mag ich Ruhm und Reichtum nicht mehr neiden,

den aber neid ich, der euch schauen kann. —

Laß mich in deinen Schoß, o Heimat, sinken!

Ich will verharren, meines Glücks bewußt,

und will in tiefen, tiefen Zügen trinken

vom mütterlichen Kraftstrom deiner Brust.

82/83

An meine Mutter

Ich kann des Leides Last nun nicht mehr tragen, 

des Hasses Wüten schnürt die Brust mir zu;

du mußt mir wieder gute Worte sagen, 

wie du es einst getan, du liebe Mutter du!

 

Ich suchte Herzen und ich kam zu Steinen,

alles zerbrach, an was ich heiß geglaubt.

Nur deine Liebe ward mir nicht geraubt.

 

Leg nun die Hände auf mein schuldig Haupt

und laß mich — wie als Kind — noch einmal weinen!

Doch bist du schon in jene Flur gegangen,

die nicht von kalten Schatten mehr berührt,

dann will ich flehn, daß Gott mich aus dem Bangen

des Erdenleids ins Lichte zu dir führt.

 

Traum in der Tundra

Bin durch die blühende Heide gegangen,

alles war dort noch, wie früher es war:

Gelbfalter gaukelten, Heidlerchen sangen,

Jungbirken prangten im grünhellen Haar.

Über dem Moor tanzte goldenes Flimmern,

blau war der Himmel, die Wolken ganz weiß;

silbernen Wollgrases seidiges Schimmern

rahmte der Dorftümpel Sonnengegleiß.

Habe im Schatten der Kiefern gelegen,

um mich Gezirpe und Hummelgesumm;

Heuschreck und Käferchen krochen verwegen

mir im Gesicht und auf Armen herum.

83


Lang hielt dies Traumglück mich wärmend umfangen,

dann aber bin ich mit Frösteln erwacht;

Leere war in mir und gräßliches Bangen,

lauernd umschlich mich graudumpfige Nacht.

Schneegestürm kam von der Tundra geschossen, fuhr über Scheiben und Schindeln dahin, tiefer als je, seit die Türen sich schlössen fühlt ich, wie grenzenlos einsam ich bin.

 

Purga

Es lärmt in den Lüften wie Satansgesang

und wütet in Wirbeln hernieder,

es heult um die Hütten mit schaurigem Klang

und fegt auf den frostigen Flächen entlang

und hallt von den Höhen hohl wider.

Und Türe und Tore und Steige und Zaun

verweht es mit eisiger Weiße;

es wandelt sich Helle in dämmerndes Graun

und was die geblendeten Augen schaun

ist glitzerndes Hagelgegleiße.

Das wirft sich auf dich wie ein rasendes Tier,

reißt den röchelnden Atem vom Munde,

brämt Braue und Wimper mit silberner Zier

und greift nach den Gliedern voll wütiger Gier,

daß sie schmerzen wie schwärende Wunde;

Und dröhnt dir im Ohr wie das jüngste Gericht

und zerrt dich in irrem Gezause;

— und die Träne gefriert und die Lippe zerbricht.

Du hebst die Hände vors bleiche Gesicht:

Herrgott, führ uns gnädig nach Hause.

84


Wintertag in Workuta

Dick deckt der Schnee die Dächer düstrer Hütten,
in weißen Wällen rahmt er rings den Steg; 

kalt knirscht die Kufe unterm Ochsenschlitten, 
der mühsam hinschleicht auf verwehtem Weg.

Steil steigt der Rauch empor zum Riesenreigen 
des Nordlichts, das die Dämmerung durch flirrt;

die Tundra träumt in todesgleichem Schweigen  
von warmer Sonne, die sie wecken wird.  

Kein Laut liegt in der Luft, nur das Geflimmer  
von feinen Flocken fliegt im Lampenschein,

der aus den Fenstern winkt mit weichem Schimmer  
wie Heimat, Wärme und Geborgensein. 

Und unsre Sehnsucht wandert durch die Weiten  
in liebe Lande bis zum Vaterhaus;

die wunde Seele weint nach Haß und Streiten  
im Mutterschoße ihre Schmerzen aus.

 

Gebet

Gott, du Allweiser, schenke mir Erkennen 
was böse und was gut auf dieser Welt;

laß deines Geistes Abglanz in mir brennen 
aus dem der Menschheit Dunkel sich erhellt!

Gott, du Allmächtiger, gib mir die Stärke  
die du noch allen Suchenden verliehn, 

das Rechte stets zu tun in Wort und Werke  
und gegen Böses in den Streit zu ziehn!  

Gott, du Allgütiger, laß heiß dir danken  
daß du dich väterlich zu mir geneigt  

und mir trotz meines Wandels Schuld und Schwanken 
verzeihend doch den Weg zu dir gezeigt.

Gebet

Gott, du Allweiser, schenke mir Erkennen 
was böse und was gut auf dieser Welt;

laß deines Geistes Abglanz in mir brennen 
aus dem der Menschheit Dunkel sich erhellt!

Gott, du Allmächtiger, gib mir die Stärke  
die du noch allen Suchenden verliehn, 

das Rechte stets zu tun in Wort und Werke  
und gegen Böses in den Streit zu ziehn!  

Gott, du Allgütiger, laß heiß dir danken  
daß du dich väterlich zu mir geneigt  

und mir trotz meines Wandels Schuld und Schwanken 
verzeihend doch den Weg zu dir gezeigt.

 

Gebet

Gott, du Allweiser, schenke mir Erkennen 
was böse und was gut auf dieser Welt;

laß deines Geistes Abglanz in mir brennen 
aus dem der Menschheit Dunkel sich erhellt!

Gott, du Allmächtiger, gib mir die Stärke  
die du noch allen Suchenden verliehn, 

das Rechte stets zu tun in Wort und Werke  
und gegen Böses in den Streit zu ziehn!  

Gott, du Allgütiger, laß heiß dir danken  
daß du dich väterlich zu mir geneigt  

und mir trotz meines Wandels Schuld und Schwanken 
verzeihend doch den Weg zu dir gezeigt.

Gebet

Gott, du Allweiser, schenke mir Erkennen 
was böse und was gut auf dieser Welt;

laß deines Geistes Abglanz in mir brennen 
aus dem der Menschheit Dunkel sich erhellt!

Gott, du Allmächtiger, gib mir die Stärke  
die du noch allen Suchenden verliehn, 

das Rechte stets zu tun in Wort und Werke  
und gegen Böses in den Streit zu ziehn!  

Gott, du Allgütiger, laß heiß dir danken  
daß du dich väterlich zu mir geneigt  

und mir trotz meines Wandels Schuld und Schwanken 
verzeihend doch den Weg zu dir gezeigt.

 

Gewißheit

Solang ich bin, o Herr, hab ich gewußt,
daß deine Hand das Rad der Welten führt,
doch Zweifel marterten die junge Brust,
ob deines Geistes Strom mein kleines Sein berührt.

 

Dann ward mir durch das Glück der schweren Stunden
die Himmelsgabe, in mich selbst zu lauschen.
Ich höre tief in mir ein göttlich Rauschen
und alle Zweifelsnot ist überwunden.

 

Nun weiß ich, das Geringste dieser Welt 
ist warm von deinem Schöpferlicht erfüllt, 
und jedes Haar, das mir vom Haupte fällt, 
wird noch von deiner Liebe eingehüllt.

85-86

 

 

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