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Ich höre die Trillerpfeife im Flur, fahre hoch, starre auf das Eisengeflecht der Matratze über mir, sehe zum Tisch hinüber, zu den Hockern, auf denen als dunkle Schatten die beiden «Päckchen» liegen aus Unterwäsche und Zeitungsseiten. Es ist Morgen. An die Fensterscheiben nicht das weißlich-gelbe Licht der Lagerstraßenbeleuchtung. Kalt ist es im Zimmer.

Karausche ist schon auf den Beinen, zieht den Schlafanzug aus mit einem Ruck, Trainingsjacke und Trainingshose an, die Lederturnschuhe dazu. Im Flur das Kommando:

«Nachtruhe beenden, fertigmachen zum Frühsport!»
«Beeil dich», sagt Karausche, «die warten nicht!»

Ich springe aus dem Bett, ziehe mich schnell an. Das ständige schnelle An- und Umziehen gehört zum «Programm der Ertüchtigung», wenn ich Spieß Flörchinger richtig verstanden habe ... Da ist schon die nächste Weisung, der enge Flur ist ein gutes Sprachrohr:
«Raustreten!»
Das hallt und scheppert in jedes Ohr.
Raus auf den Flur.
«Rechts beziehungsweise links ... um! Im Laufschritt ... Kommando zurück ... die Arme werden angewinkelt ... im Laufschritt!... Kommando zurück ... schlafen Sie? Im Laufschritt! Marsch!»

Weidauer ist heiser und verschlafen, er leiert schlecht gelaunt seine Sprüche herunter. Die Ermahnungen für die Anfänger gehören einfach dazu... Wir rennen in Zweierreihen auf die Lagerstraße hinaus, ins nasse, kalte Dunkel.

«Bewegung, Bewegung!»
So beginnt der Tag.

Und doch atmest du auf und pumpst die Lungen voll, bist froh, daß du diese stickigen, einstöckigen Häuser verlassen kannst für eine Weile. Es geht los, drei Runden ums Stabsgebäude. Andere kommen uns entgegen, schwitzend, weiße Fahnen vor den Mündern. Etwas Ungläubiges, Aufgeschrecktes liegt in ihren Gesichtern, soweit das unter den Lagerlampen zu sehen ist: So beginnt also ein Tag hier ... so ist es also bei der Armee ... raus aus den Betten, Tempo, Tempo, im Laufschritt, Kommando zurück, im Laufschritt, und jetzt halt...

«Liegestütze ... und eins und zwei und drei, zwanzig fürs erste!»

Im Dunkeln befolge ich prompt alle Kommandos. Ob ich in einigen Tagen schon ein wenig aus der Reihe hüpfen werde, wenn der «Entengang» befohlen wird oder «Häschen hüpf»? 

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Heute hüpfe ich und zucke zusammen ... einer wird angeschrien. Froh bin ich, daß ich nicht gemeint bin. Und doch bin ich gemeint. Immer sind alle gemeint, auch wenn es einen einzelnen trifft. Es trifft ihn stellvertretend für die anderen. Und doch trifft es ihn und die anderen nicht.

Alle tragen graue Trainingsanzüge. Auch Weidauer trägt einen neuen grauen Trainingsanzug.
«Noch zwei Runden ums Stabsgebäude!»

Wie wird es Biellau gehen mit seinen kurzen Beinen? Er läuft hinten, versucht mitzuhalten. Ich bin sportlich, gehöre zur Spitzengruppe, renne ohne viel Mühe. Aber Biellau wird keuchen und Seitenstiche haben ... Nicht an ihn denken, ich kann nichts tun ... Warum renne ich so schnell? Wer macht das Tempo? Weidauer?

Jetzt läßt er sich zurückfallen, sagt:
«Zurück ins Kompaniegebäude!»

Und drei, vier aus der Spitzengruppe nicken und wissen den Weg und bremsen nicht ab, werden eher noch schneller. Ich bin einer von ihnen. Ich bin sportlich. Ist das ein Wettkampf? Ist es die «Flucht nach vorn»? Will ich zeigen, wie schnell ich rennen kann? Wem will ich es zeigen? Weidauer, der jetzt am Ende des Zuges anderen Beine macht? Irgendeiner Stoppuhr, die nirgends zu sehen ist? Den trüben, hochmütigen Peitschenlampen? Oder ist es schön und beruhigend, gehorsam zu sein, sogar zur Spitzengruppe zu gehören, zu den Schnellsten der Kompanie?

So beginnt der zweite Tag.

Zwanzig Minuten Laufschritt und gymnastische Übungen, vor dem Einrücken noch einmal den «Hampelmann» ...

Ist das schlimm? Das ist Armee, nicht wahr. Auch in Ferienlagern gibt es Sport. So ist das. Und außerdem ist es gesund. Gesund und ein Befehl. 

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Warum denke ich an einen Dokumentarfilm, den ich sah, über das Jahr 36, das Jahr der Olympiade in Berlin: Fackelträger, Hitlerreden, begeisterte, «geschlossen mitwirkende Massen», neugierige, angenehm überraschte Touristen und wohlwollende, alle unnötigen Spitzen vermeidende ausländische Berichterstatter. Dazwischen im Film Fotomontagen von John Heartfield und Dokumentaraufnahmen aus deutschen KZs, in denen «extreme Elemente», «zwielichtige Gestalten» und «Vaterlandsverräter» umerzogen werden, wie der Sprecher sagte. Ein SS-Mann befiehlt Liegestütze, macht sie selbst vor, die Reihen der «Internierten» in Zivil, vielleicht wurden sie gerade verhaftet oder für diese Aufnahme hergerichtet, legen sich flach, stemmen die Oberkörper hoch, machen es dem SS-Mann nach, der es ihnen lachend vormacht: «Und eins und zwei ...»
Sport, Frühsport, Körperertüchtigung, hier heißt es «MKE», «Militärische Körperertüchtigung» ...
Daran muß ich denken. Das kann ich keinem sagen.

«Einrücken!»
Wir hetzen die Treppe hinauf.
«Im Anschluß waschen, mit freiem Oberkörper, verstanden? Oben ohne, fast wie am FKK!»

Biellau keucht vorbei, ist fertig, rot im Gesicht, taumelt zum nächsten Ereignis ... Karausche nimmt Handtuch und Waschbeutel, entblößt selbstsicher seine kräftige, behaarte Arbeiterbrust und nickt, als ich «so eine Hektik» sage. Er reibt sich das Kinn:

«Rasieren, hoffentlich gibt's warmes Wasser ... wünsche ansonsten einen wunderschönen guten Morgen!»
«Morgen.»
«Hast du einen Elektrorasierer mit?»
«Nein.»
«Bei deinen paar Härchen ...» Weg ist er. 
Weidauer und ein anderer Unteroffizier stoßen die Tür auf:
«Los, los, waschen, anziehen, Betten bauen, Oberkörper freimachen, etwas plötzlich!»

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Ich renne in den Waschraum, habe das Handtuch vergessen, sehe Biellau im Klo verschwinden, Karausche rasiert sich mit kaltem Wasser, schneidet Grimassen, schlägt dünnen, weißen Schaum, wäscht sich, gurgelt laut, als sollten alle hören und sehen, was er tut. Muß ich mich auch rasieren? Nein, nicht, Zähneputzen mit Chlorodont, kaltes Wasser ins Gesicht, nach links und rechts schielen, Karausche ist schon wieder unterwegs Richtung Tür, einer kommt herein mit Unterhemd und Turnhose.

«Was denn!» ruft es vom Waschbecken neben mir. Da steht ein nackter Oberkörper, weiß, zart, unbehaart, mit Sommersprossen, doch die Augen packen zu:
«Was ist denn!»

«Wieso?» fragt der andere zurück und stellt sich an ein freies Waschbecken, packt die Seife aus. Er sieht offenbar keine Veranlassung, diesem Mitmenschen Rechenschaft zu geben ...

«Name!»
«Was?»
«Name, Dienstgrad!»
«Hast du was zu sagen, oder wie ist das ...»

«Das werden wir ja sehen! Ich bin Leutnant Meier!» ruft der Oberkörper, richtet sich auf, schnappt nach Luft, seine Schultern zucken, als müßten jeden Augenblick die goldenen Sterne sichtbar werden.

«Woher soll ich denn das wissen?» sagt der im Unterhemd, nicht unbedingt kleinlaut, aber doch erschrocken über das Gebrüll am frühen Morgen. Auffallen wollte er nicht. Jetzt zieht er sein Unterhemd aus.
«Name, Dienstgrad!» Leutnant Meier gibt keine Ruhe.

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Ich stehe an der Tür, will diesen gefliesten, spannungsgeladenen Raum verlassen, höre und sehe aber noch, wie der Gemaßregelte sagt:

«Soldat Jugel», und Haltung annimmt. Die Brust streckt er heraus, halb gehorsam, halb unwillig, aber auch ein wenig triumphierend, er weiß wohl, wie er aussieht und wer er ist oder war.

Meier, blaß, jünger, ein Hänfling, wenn man ihn so sieht, sagt jetzt leise, aber gut hörbar, es ist still geworden, nur im Nebenraum jauchzt kurz eine Wasserspülung auf:

«Liegestütze, aber runter! Und dann noch mit Turnhose. Nackter Oberkörper war befohlen und kein Sportzeug, runter, aber los!»

Scharf und böse ist das gesagt, Jugel beugt sich widerspruchslos hinunter und berührt mit den Händen den nassen Betonboden.
«Aber los!»

Jugel macht Liegestütze. Ich trete auf den Flur hinaus, höre am anderen Ende eine Stimme:
«Im Laufschritt geht das, im Laufschritt!»
Ich renne zurück ins Zimmer, Karausche trägt schon Dienstuniform und baut sein Bett. Und Jugel? Ich kann jetzt nicht an Jugel denken, ich muß mich anziehen und mein Bett in die befohlene Form bringen.

Im Flur tönt ein neues Kommando:
«Küchendienste raustreten! Marsch! Marsch!»
«Küchendienste?» frage ich Karausche.

«Wir nicht, die sind schon eingeteilt, müssen Tische decken im Essenraum. So war es bei uns. Beeil dich mit dem Bettenbau gleich geht's weiter, wirst sehen.»

«Verfluchte Knobelbecher, hart und ausgelatscht!» 
Karausche bearbeitet mit einer kleinen Handbürste seine Stiefel.

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Ich ziehe mich schnell an, zerre wieder an den Bettbezügen herum, höre seine Mahnung «Käppi und Besteck nicht vergessen» und sehe aus dem Fenster. Es ist noch dunkel. Halb, dreiviertel sieben. Das Fenster öffnen, atmen, den Kopf in die kalte, feuchte Gebirgsluft halten. Ich bin hoch oben, auf einem Gipfel der Möglichkeiten, im schönen Erzgebirge, im Luftkurort Johanngeorgen-Stadt.

«Kompanie raustreten!»

Karausche sieht mich triumphierend an und stürzt zur Tür. Ich renne ihm nach. Wir müssen auf der Lagerstraße antreten. In Dienstuniform, mit Käppi, Stiefeln und Eßbesteck, einen zugeteilten Trinkbecher aus Plaste am Finger, in Sechserreihen.

«Stillgestanden! Im Gleichschritt ... was ist denn da hinten los ... Kommando zurück ... Nehm Se Aufstellung ... Kompanie stillgestanden! Im Gleichschritt ... Marsch! Links, links, links zwo, drei, vier!»

Ein Unterfeldwebel, den ich noch nicht gesehen habe, gibt die Befehle und den Takt an, den Marschtritt. Er benutzt dazu das Wort «links» und die Zahlen 2, 3 und 4. Mittelgroß, dünn, nach vorn geneigt, die Hände auf dem Gesäß und das Gesicht zu uns gewandt: oval, flach, mit einem hilflosen Sitzenbleiberblick, der jetzt zupackt. Sein Unterkiefer reicht weit hinunter, berührt fast die Kragenspiegel der Uniformjacke.

«Links, links, links zwo, dre-i-i-i, vier.»

Die «Drei» dehnt er wie ein Gummiband, das er rhythmisch und mit innerer Beteiligung zwischen unsere marschunkundigen Beine schnippen läßt. Ich laufe neben Jugel, Karausche hat sich weiter hinten eingereiht. Er ist kleiner, das Antreten der Größe nach, das endgültige Einordnen in die Kompaniemarschordnung sollte zwar erst noch kommen, aber Karausche weiß ja Bescheid und handelt als erfahrener Militär. 

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Ich laufe neben Jugel, der seine Augen zu kleinen Beobachtungsspalten verengt hat, die Linie der Mundwinkel zeigt an, da genügt ein kurzer Seitenblick, wie gern er an diesem Novembermorgen marschierend unterwegs ist. Dem Vordermann nicht auf die Hacken treten, den Gleichschritt halten, das Eßbesteck nicht verlieren, sehen, wohin es geht ... darauf habe ich jetzt zu achten. Jugel ist nicht gern hier. Wer ist gern hier? Unteroffizier Zwodreivier? Strobel habe ich beim Raustreten gesehen, er läuft hinter mir, in der anderen Abteilung, im 1. Zug. Biellau trabt in Karausches Reihe, ganz außen, ganz in der Nähe des diensthabenden Kommandierers. Er versucht krampfhaft, Schritt zu halten. Seine kurzen Beine machen schlecht mit, das Käppi rutscht in den Nacken, ist wohl zu groß ... Jetzt kann ich ihn gut sehen.

«Linksschwenkt... Marsch! Gerade ... aus!»

Wir ändern die Richtung um 180 Grad, da kommt die erste an der letzten Reihe vorbei, wir überqueren den Appellplatz, passieren das Stabsgebäude.

«Nehm Se Gleichschritt auf, Sie galoppiern ja wie die Känguruhne in Afrika!»
Einzelne lachen auf, dieser Unterfeldwebel hat seinen Namen weg, er heißt ab jetzt «Känguruhn».
Jugel zischt etwas Abfälliges, «nicht mal sprechen können die...».

Ein verkrampftes Grinsen ist auf vielen Gesichtern, mit dem keiner weiß, wohin. Es endet als Husten oder verschlucktes Kichern, als abfälliges Zischen oder ungläubiges Staunen über diese zoologische Eröffnung, diese exakte Kenntnis von Brehm's Tierleben, fast richtig, nur ein Erdteil und eine Endsilbe, eine Pluralbildung, müssen noch erforscht werden.

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Ich bin aufmerksam, will schnell durchblicken. Will wissen, was Zwodreivier für einer ist. Will nicht aus dem Tritt kommen, will nicht auffallen, will keiner sein, der ermähnt wird, der bloßgestellt wird vor den anderen ... Mache ich mich so zum Idioten, zum Kuscher? Ich muß hinsehen, muß mich messen mit dem, was geschieht. Muß einen Weg finden.

«Links, links, links zwo, drei-i-i-i, vier.»

Was denn für einen Weg? Der über den Appellplatz führt, am Stabsgebäude vorbei, hin zu diesem Flachbau mit Laderampe und Küchengeruch?

«Auf der Stelle ... Kompaniiiie ... halt! Einrücken! Kommando zurück! Was soll denn das ... noch mal antreten! Nicht wie ein Sauhaufen, der Reihe nach, immer der Reihe nach, von links beginnend, wenn das Kommando <Einrücken> kommt. Das werden wir noch üben, darauf können Sie sich verlassen! Los jetzt!»

Wir rücken ein, werden an lange Tische dirigiert, an Holzbänke, sind nicht die ersten, eher die vorletzten, wie ich sehen kann: Viele sitzen schon und essen, andere Kompanien offenbar, frisch fabrizierte Soldaten sitzen gespenstisch still auf Bänken, kauen, trinken aus blauen, roten oder gelben Plastebechern. Im Hineingehen hatte ich für einen Moment den Eindruck, einen leeren Raum zu betreten ... es ist so still und abgedämpft, hier können nicht schon hundert oder zweihundert Menschen sitzen, wie ich mit den Augen sehe ... und doch ist es so ... da sitzen meinesgleichen, Unteroffiziere gehen durch die Reihen ... wie wohlerzogene, geduckte Kinder sitzen sie und nehmen Nahrung auf, «essen» kann man ja wohl dazu nicht sagen. An «unserem» Tisch angekommen läßt sich Jugel auf die Bank fallen, greift nach einer Brotscheibe und wird sofort angeherrscht: «Aber hoch!»

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Er steht auf, seine Augen sind wieder schmal, er gehorcht, kuscht aber nicht. Wir stehen und warten, starren auf die Blechkannen mit Malzkaffee, die die Tischdienste herantragen, auf die Wurstplatte, Rotwurst, Jagdwurst, die Margarine, die rote Erdbeermarmelade. Zwodreivier, das Känguruhn, der Genosse Feldwebel, steht im Gang:

«Keinen Muckser will ich hören!» und dann, im gleichen Ton: «Guten Appetit!»

Wir lassen uns nieder, sind auf halbem Weg zur hölzernen Sitzfläche, haben die Bestecktasche geöffnet und das Messer in der Hand, wollen nun essen, einige murmeln «Guten Appetit», greifen nach einer Scheibe Jagdwurst, wollen sich Kaffee einschenken ... aber da meldet sich wieder die diensthabende Stimme zu Wort, gut hörbar, nicht unbedingt böse, eher erziehend, mit dem Anspruch des Erwachsenen, der Halbwüchsigen grobe Fehler begreiflich macht:

«Aufstehen, aber hoch! So unhöflich sind Sie also! Ich wünsche Ihnen guten Appetit und Sie? Guten Appetit, Genosse Feldwebel! Ist das klar? Guten Appetit, Genossen!»

«Guten Appetit, Genösse Unterfeldwebel!» tönt es im Chor in diese kauende, scharrende Stille hinein.

«Setzen, keine Gespräche! Hier herrscht Ruhe! Sie sind zum Essen gekommen, nicht zum Quatschen!»

Zwodreivier schlendert davon, wir setzen uns zögernd, erwarten eine neue Ermahnung. Wer kann sicher sein, nicht wieder etwas falsch zu machen? Die an den anderen Tischen sehen herüber wie erfahrene Frühstücksveteranen. Sie probten vor zehn Minuten diese Tischsitten und beobachten jetzt kauend, schluckend und etwas herablassend, wie anderen beigebracht wird, worauf es ankommt in geschlossenen Mannschaftsspeiseräumen.

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Es wird kaum gesprochen.

Die Wurst liegt in Scheiben auf einem großen, ovalen Teller, der herumgereicht wird, um die zwanzig Esser zu versorgen, die an diesem Tisch sitzen. Das geht nur zögernd, weil verboten ist, mit dem Nachbarn Kontakt aufzunehmen, ein Sprechverbot wurde ausgesprochen, jeder soll allein sein in diesem voll besetzten Raum. Ein Akt der Kooperation ohne ausdrückliche Weisung fällt schwer an diesem Morgen des zweiten Tages. Bei jeder Handlung schrillt es hoch, als Angst, als Blockade: «Darf ich das?»

Ich überlege jetzt nicht. Ich schmiere, kaue, halte Ausschau nach der Schmalzschüssel. Jugel fragt:

«Willst du meine Wurst?»
Ich nicke.
Jugel hat etwas gesagt. Jugel gab mir etwas ab von sich. Jugel übertrat ein Verbot.

Nach etwa zehn Minuten läßt Zwodreivier «raustreten», die Tischdienste räumen ab, wir stehen wieder auf der Lagerstraße. Ein heller Lichtstreifen liegt über den Bergen. Die Regenwolken sind weg, der Wind hat sich beruhigt. Wie gut, wie würzig die Luft ist. Zu Hause werden die Schornsteine der Textilfabriken das Tal schon wieder vernebelt haben mit ihrem nassen, schweren Dampf, der aus den Färbereien kommt. Und hier saubere Luft und eine herrliche Landschaft. Aber das Schöne wird kalt und höhnisch. Ich sehe weg. Ich trete an und ordne mich ein. Ich habe noch etwas gesehen. Im Hinausgehen warf ich einen Blick in die Küche, sah große Kessel und Regale, Schränke, Maschinen. Hier werden Kompanien versorgt und täglich abgespeist. Ich habe noch etwas gesehen. 

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Jugel stieß mich an, als wir hinausgingen: einen Raum mit kleinen Tischen, Tischdecken, Bohnenkaffeegeruch, Soldaten in weißen Kitteln bedienen Offiziere und Unteroffiziere: Ich habe den Offiziersspeiseraum gesehen.

An Brecht muß ich denken, an seine Zeilen über «Volksgemeinschaft» und «zweierlei Essen» aus der «Kriegsfibel». Wieder vergleiche ich die Nazizeit und die neue «Menschengemeinschaft». Das macht mir Angst. Darf ich Brechts Verse auf das hier anwenden? Im Literaturunterricht haben wir das nicht geübt...

Und ich kann nichts gegen dieses Lager tun. Zwodreivier ist stärker. Ich komme hier nicht raus. Der Zaun ist bewacht. Ich wäre ein Fahnenflüchtiger. Das ist ein Schwerstverbrecher. Ich muß mich fügen. Ich muß aufpassen. Darf nicht alles Mögliche denken. Zum Schluß sage ich es auch noch ... An den Phrasen von «Frieden und Verteidigung des Vaterlandes» muß etwas Wahres sein, sonst verkrafte ich das hier nicht. Ich muß bejahen, sonst halte ich das nicht aus. Schuldig werde ich so und so. Außerdem ist kein Krieg. Mein Dienst bei der «Nationalen Volksarmee» ist etwas anderes. Ich muß auf der Hut sein, darf nichts falsch machen, darf keinem Spitzel aufsitzen. Karausche kann einer sein. Beim Essen nicht auffallen, keinen Befehl verweigern ... Ich kann sofort bestraft werden, in den Militärknast kommen, für Jahre, vielleicht für immer ... Aber wenn ich mir das auch vornehme, davon wird die Angst nicht kleiner. Ich will kein Waschlappen sein. Was ist richtig? Ich kann doch nicht alles hinnehmen? Jugel nimmt auch nicht alles hin, das sieht man an seinem Gesicht.

«Hast du gesehen?» fragt Jugel.
Ich nicke.
«Besseres Essen, Bohnenkaffee, Tischdecken ...»
«Ja», sage ich.

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Jugels Augen sind wieder ganz schmal.
«Sozialismus», sagt er.
«Woher kommst du?» frage ich.
«Freiberg, Fernsehmechaniker. Große Klasse hier, was?»
Ich nicke. Bin benommen. Jugel ist anders als Karausche.

«Im Gleichschritt! Marsch!» kommandiert Zwodreivier.
«Ja, ja», sagt Jugel leise und verächtlich.

Einer in der Reihe vor ihm dreht sich um. Er hörte wohl einen neuen Ton. Bisher gab es Kommandos, Schweigen, Pfiffe, dumpfe, devote Flüche und vorsichtige, belanglose Gespräche. Jugels leises «Ja, ja» klang anders. Ich marschiere in Reih und Glied nach Kängu-ruhns Anweisungen zurück zum Kompaniegebäude. Wortlos und seltsam erleichtert.

«Einrücken! Unterkünfte auf Vordermann bringen!»

Wie wird dieser zweite Tag ablaufen? Ich weiß es nicht. Würde ich fragen, bliebe ich ohne Antwort: «Das werden Sie schon sehen!» Ungewißheit, Anspannung, Auf-dem-Sprung-Sein. Damit ist jeder angewiesen auf Befehle, denn alle eigenen Wege und Handlungen sind außer Kraft gesetzt von dieser Lagerwelt und ihren Aufsehern.

«Unterkünfte auf Vordermann bringen» - Karausche beginnt die Stube zu kehren, zupft an seinem Bett herum, beauftragt mich, Staub zu wischen. «Womit?» frage ich. «Im Besenschrank liegt ein Lappen.» Ich finde ihn, wische an den Schränken herum. «So nicht», sagt Karausche, «gründlich, sie suchen, du wirst sehen.»

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Er steigt auf einen Hocker, reinigt die Lampe und die Eisenstäbe der Betten, kriecht unter den Tisch, fuhrwerkt mit dem Scheuerlappen hinter den Schränken herum.

«Alles muß blitzen. Und bring deinen Spind in Ordnung. Hast du das Eßbesteck abgewaschen? Da sehen sie immer gerne nach.»
Nein, habe ich nicht. Ich schüttle den Kopf.
«Dann mach hin, gleich geht's weiter.»
Ich tue, was er sagt, putze die Stiefel, ordne die Schrankfächer, stelle meinen Koffer mit den «Zivilsachen» auf den Schrank.
«Wozu ist das Fach da in der Mitte verschließbar?»

«Für persönliche Sachen. Auch für Essen», sagt Karausche.
«Sehen sie da auch rein?»
«Klar, überall sehen die rein.»
«Und was ist dann daran <persönlich>?»
«Was fragst du mich, so ist das eben.»

Karausche nimmt hin, wie es ist. Ich sehe öfters zur graugestrichenen Tür in Erwartung eines Vorgesetzten oder eines im Flur gerufenen Befehls. Die Tür hat ein Schloß, aber wir haben keinen Schlüssel. Alles ist offen und zugänglich: Wir stehen jederzeit zur Verfügung.

Ein Pfiff.
«Raustreten», sagt Karausche, «wahrscheinlich Morgenappell und Dienstausgabe.»
Raustreten, das heißt, alles stehen- und liegenlassen, auf den Flur rennen, an der «Linie» Aufstellung nehmen, auf die quadratischen Fliesen starren, nach links oder rechts sehen, sich «ausrichten».
«Raustreten heißt stillgestanden!»

Am Flurende, in der Nähe der Treppen, stehen Weidauer, das Känguruhn Zwodreivier und Flörchinger. Sie schicken einzelne zurück, die ihre Käppis vergessen haben.

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«Zwei Fingerbreit über der Nasenwurzel, Emblem nach vorn selbstverständlich - oder wollen Sie damit Ihre Haltung ausdrücken?»
Flörchinger setzt einem in seiner Nähe das Käppi zurecht. Jugel steht schräg gegenüber, ganz in meiner Nähe. Er nickt mir zu.

«Mal herhören», sagt Flörchinger. «Sie haben jetzt fast alle Ausrüstungs- und Bekleidungsgegenstände erhalten. Im Anschluß Stubendurchgang. Dann Umziehen, Kampfanzüge, Stiefel K1, Stahlhelm, kleiner Geländemarsch. Noch Fragen? Unterfeldwebel, lassen Sie wegtreten!»

Weidauer streckt die Brust vor, steht stramm und brüllt:
«3. Zug, wegtreten!»

Wieder stehen wir im Zimmer und warten. Die Tür bleibt geschlossen. Man hätte nachsehen können, wann sie kommen. Aber das tun wir nicht. Wir horchen und warten.
«Sollen wir uns gleich umziehen oder erst nach dem Stubendurchgang?»
«Danach», sagt Karausche.

Hinter grauen, dünnen Türen stehe ich und erkundige mich, wann ich mich umziehen muß. Und warte auf einen «Stuben­durchgang». Hier bin ich gelandet. Hierher habe ich mich begeben. Gleich kommen welche und beäugen dieses fremde Zimmer, «mein» Bett, das ich gebaut habe mit Karausches Hilfe. Karausche kennt sich aus und ist zum Kotzen, dienert, legt sich krumm. Ist wie Auf-Arbeit, muß immer was tun, ordnet sich unter, erfüllt Aufträge. 

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Und ich? Ich wollte mich doch weigern ... Ein Befehl kam per Einschreiben, der Gedanke an das Studium, das Ungewisse der möglichen Strafe ... Ich habe Borchert gelesen. Und jetzt, was ist jetzt? Der 4. November rückte näher, die Zeit raste, Coiffeur, Wehrkreiskommando ... Ein Buch habe ich mit, da im Spind, ein Buch. Soll ich es lieber wegstecken, vielleicht zu den Zivilsachen in den Koffer? Oder ins «persönliche Fach»? Alles sinnlos. Jetzt kommen sie. Ich höre ihre Stiefel, sie unterhalten sich. Bestimmt über unsere Blödheit, über «Fehler» und «Maßnahmen». Nachher ein «kleiner Geländemarsch». Flörchinger, ein dünner, ekelhafter Kerl. Spielt sich auf. Dumm, spießig, deutsch - ein Spieß! 

Weidauer geht noch. Sie kommen. «Gehen offenbar im Zickzack», weiß Karausche, der an der Tür horcht. «Erst ein Zimmer auf der einen, dann eins auf unserer Seite», sagt er. Sie werden mein Bett beanstanden. Die Kragenbinde. Vielleicht werfen sie meinen Spind um. Karausche wird ihnen dabei helfen. Ich habe gehört, daß sie Schränke umwerfen, wenn ihnen danach ist... Ich will nach Hause, ich will hier weg. Und bei Eva klingeln mit längeren Haaren. Nicht an Eva denken. Ihr Foto ist in der Brieftasche. Aufgenommen in Eisenach, auf dem Weg zur Wartburg. Sie lacht, kann sich leiden. Ob sie schreibt? Ich bin hier, warte auf den Stubendurchgang. Sie kommen. Im Schrank steht ein kleines dünnes Buch von Bobrowski. Ich schreibe Gedichte. Aber jetzt bin ich Soldat und lerne marschieren und schießen ... Ich will diese Befehle, diese gewalttätigen Worte nicht mehr hören, «stillgestanden, wegtreten, Ausrüstungs- und Bekleidungsgegenstände, zu Befehl», ich will das nicht hören.

«Soldat, Soldat in Uniform / Soldat, Soldat in grauer Norm ... / Soldaten sehn sich alle gleich / lebendig und als Leich.» Ob Biermann auch bei der Armee war? Hat er verweigert? Haben sie ihn freigestellt? Sie werden ihn dann nicht mehr genommen haben, wer solche Lieder singt, kommt davon oder ins Gefängnis.

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«Der Baum / größer als die Nacht / mit dem Atem der Talseen / mit dem Geflüster über / der Stille.» Bobrowski war im Krieg. Jetzt kommen sie. Stubendurchgang, nichts weiter. Aber ich bin zittrig. Karausche reinigt seine Fingernägel. Dort ist die graue Tür, dort das Fenster. Hell ist es, Tag. Der Appellplatz, das Stabsgebäude, der Fahnenmast. Nacht soll sein, immerzu Nacht. Wie kann die Sonne scheinen auf solche Verhältnisse? Sie kann. Sie scheint. Sieh hoch, da ist sie. Der Wald dort drüben, die Wolken reißen auf, zeigen den Himmel vor, blau, schön, ein Postkartenhimmel. Eine Märchenlandschaft. «Der Pfiff / lauter als das Wort / mit dem Atem der Tierwärter / mit dem Geschrei über / der Stille.» So müßte es heißen. Das könnte man aufsagen, wenn sie kommen. In ihre Gesichter könnte man das sagen. Solche Worte gegen ihre Reden. Und? Ich werde es nicht tun. Ich will nicht auffallen. Ich will studieren, ich will hier raus und nicht in den Knast. Und nichts aufschreiben. Wenn sie es finden, ist es «Hetze» oder «Spionage». Oder zum Lachen. Oder zum Weinen. Ob sie auch die Briefe kontrollieren? Sie kommen. Ich will sie nicht sehen. Und stehe bereit. Und frage Karausche, ob ich mich gleich umziehen muß oder erst danach. Solche Fragen stelle ich. Ich werde ein Feigling, ein Soldat, der sich etwas ausdenkt, was er dann nicht laut sagt. Sie kommen. Gedichte zählen hier nicht. Lieder und Liebe zählen hier nicht. «Durchzählen, auf den Zahn fühlen, einen Einlauf machen, Ruhe im Glied» zählen. Ich habe Angst vor Flörchinger, vor diesem drahtigen, uniformierten Kerl, vor seiner Schirmmütze und den hellen, nagenden Augen.


Der Stubendurchgang verläuft anders als erwartet. Flörchinger, Weidauer und Riedel, ein anderer Unterfeldwebel, klein, mit runden Beinen, der nur lächelt und seine militärische Rolle offenbar nicht besonders ernst nimmt, besehen sich kurz Schränke und Betten, werfen einen Blick auf den Fußboden, nicken, zerren an meinem Laken herum, befehlen, die Koffer unters Bett zu schieben, und gehen wieder. Karausche hatte, als sie hereinkamen, eine Meldung präsentiert, zackig und routiniert:
«Zimmer 27 mit zwei Mann belegt, gereinigt und gelüftet, zum Stubendurchgang bereit. Es meldet Soldat Karausche.»

Weidauer lächelt und winkt wohlwollend ab.
Wir sind ein «gutes Zimmer», fast keine Beanstandungen!

Jetzt steht die 3. Kompanie in Kampfanzügen, Stahlhelmen und Tragegerüsten auf der Lagerstraße und marschiert, nachdem die Befehle erteilt wurden, durch das eiserne, nicht sehr stabil wirkende Tor ins Freie. Ein Posten mit einer Kalaschnikow vor der Brust hat die beiden Flügel geöffnet und grinst, neidisch oder mitleidig, das ist nicht zu erkennen, vielleicht auch nur verlegen, als wir an ihm vorbeistapfen in unseren neuen, ungewohnt schweren Stiefeln, die rhythmisch und herausfordernd dumpf auf den Boden schlagen. So schreiten Eroberer über gepflasterte Straßen. Sie machen Angst und fühlen sich stark. Wer aber in unsere Augen sieht, kann erkennen, daß Gefangene aus einer Umzäunung geführt werden und nicht wagen davonzulaufen. «Links, links, links zwo, drei, vier.»

«Noch 546mal schlafen», hat Karausche errechnet.

Ich rechne nicht nach. Dahinten liegt das Tor. Ein breiter, schwarzer Schlackeweg führt Richtung Wald. Wir kommen an Gärten vorbei mit niedrigen Zäunen und sehen einzelne rote Äpfel an blattlosen Zweigen hängen. Regen liegt in der Luft und nasser, trostloser Schnee ohne Schlittenbahnen und Kindergeschrei.

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