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Mittags kehren wir vom Geländemarsch zurück. Ausgiebig haben wir die Schutzbekleidung getragen. Im Kompanie­gebäude müssen wir als erstes die Masken reinigen, mit Wasser ausspülen, schrubben und trockenreiben. Dann das Marschgepäck verstauen, die Kopfbedeckung wechseln – der Stahlhelm kommt wieder auf den Schrank, seine Stelle nimmt das Käppi ein. Und ab geht es zum Essen. Für die halbe Stunde Mittagspause habe ich mir einen Gang in die Kantine vorgenommen. Karausche will mitkommen. «Wenn nichts dazwischenkommt», hat er gesagt.

Wir sind wieder in unserer Stube, das Essen hat mir nicht geschmeckt, es gab Fisch, Hering. Einer von den gegenüberliegenden Zimmern hat meine Portion gegessen, ich weiß seinen Namen noch nicht.

Die Kantine, das sagte mir Jugel, befindet sich im Erdgeschoß eines Hauses in der Nähe der Umzäunung. Wahrscheinlich dort, wo der Gasalarm stattfand am Vormittag.
Ich nehme mein Portemonnaie und gehe los.
Karausche kommt mit, ruft mich aber an der Treppe zurück.
«Willst du dich nicht abmelden?»
«Abmelden?» frage ich.

Karausche klopft an eine Tür, ein «Herein» ist zu hören, weg ist er. Ich stehe unschlüssig vor Weidauers Zimmer, klopfe dann aber auch.
Weidauer liegt auf dem Bett, Pohl ebenfalls.
«Na», sagt Weidauer und nimmt die Zigarette nicht aus dem Mund.
«Genosse Unteroffizier, ich möchte in der Kantine Kuchen holen.»
«Und?»
«Zwei Stück Kuchen.»
«Ist das alles?»
«Jawohl, ich wollte mich abmelden.»
«Ja.»
«Ich verstehe nicht...»

Weidauer nimmt die Zigarette aus dem Mund.
«In zehn Minuten sind Sie wieder hier.»
«Zu Befehl, Genosse Unteroffizier, in zehn Minuten wieder hier.»

Ich stehe stramm und verlasse das Zimmer. Wo ist Karausche? Schon gegangen? Soll ich warten? An der Tür zu horchen, hinter der er verschwunden ist, traue ich mich nicht. Vielleicht wartet er unten, sage ich mir und denke an die zehn Minuten, die mir Weidauer gegeben hat.

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Aus dem Waschraum tritt Jugel, er kommt mit.
«Hast du dich abgemeldet?» frage ich.
Er nickt.

Die Kantine liegt im Erdgeschoß. In Türnähe stehen einige Tische mit Decken aus Wachstuch, auf Stühlen sitzen Unteroffiziere und trinken Kaffee. Im hinteren Teil des Raumes, der mir groß erscheint, befindet sich der Ladentisch, hinter dem eine junge Verkäuferin steht. Eine Frau! Links und rechts sind Kästen mit Flaschen aufgestapelt. Davor steht eine Schlange, zehn, zwölf Personen werden es sein. Wir stellen uns an. Ich sehe auf die Uhr. Da steht auch Karausche.

Zwei Unteroffiziere gehen wie selbstverständlich an uns vorbei, lassen sich bedienen. «Na, Jutta», sagen sie und stopfen Zigarettenschachteln in ihre Taschen.

Ein älterer Mann kommt zwischen den Kästen hervor und bedient mit. Er beeilt sich, scheint zu wissen, daß wir wenig Zeit haben.
In der Schlange stehen Soldaten, «Neue» wie wir und einige «Pfeffis», die aussehen, als überlegten sie, ob sie auch einfach nach vorn gehen sollen.

Dominiak kommt an mit einer Bockwurst und einer Tasse Kaffee. Er läuft langsam, will nichts verschütten, sieht uns nicht.

Zwei sind noch vor uns. Die zehn Minuten sind um. Soll ich zurückgehen? Immerzu sehe ich auf die Uhr. «Schaffen wir noch», sagt Jugel, «erst dreiviertel eins.» Ich nicke und verschweige Weidauers Zehn-Minuten-Frist. Karausche verläßt mit schnellen Schritten die Kantine. Die Verkäuferin trägt einen blauen Angorapullover. Sie lächelt und weiß, daß alle sie anstarren. Etwa dreißig ist sie und hat einen goldenen Ring an der linken Hand. Es gibt Apfel- und Aprikosenkuchen, Limonade, Kekse, auch Wurst und Käse, Rauchwaren, sogar Kragenbinden, Schrankschlösser und Seife. Jugel zeigt auf ein Päckchen mit Präservativen.

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Ich kaufe zwei Stück Aprikosenkuchen, eine Flasche Limonade und eine Schachtel «Carmen» ohne Filter. Die hat immer mein Klassenlehrer geraucht. Auf der Packung ist ein Mädchen abgebildet, das einen großen, runden Ohrring trägt. Sie sieht aus, wie eine Zigeunerin aussieht auf solchen Abbildungen. Die Verkäuferin mustert die anstehende Reihe. «Die Neuen», wird sie denken, «sehr jung und ziemlich schüchtern.»

Kaum einer spricht. Nur die Unteroffiziere an ihren Tischen reden und lachen laut. Sie kennen sich aus, sind Vorgesetzte und sagen «Jutta».

Mit Jugel gehe ich zurück. Dominiak schließt sich an. Er hat Bohnenkaffee getrunken und eine Bockwurst gegessen. Jetzt schreitet er aus wie ein Held.

«Übrigens», sagt er zu mir, «der Siggi ist wahrscheinlich krank. <Geh zum Arzt>, habe ich gesagt. Aber der kann sich nicht entschließen. Morgen früh will er sich melden. Hat Angst aufzufallen, komisch. Ihr kennt euch?»

Ich nicke. Dominiaks Sorge ärgert mich. Auch daß er «Siggi» sagt. In seinen Worten ist etwas Feixendes, Unechtes. Aber vielleicht will er Biellau wirklich helfen.

«Was hat er denn?» frage ich zurück.

«Erkältung, Grippe wahrscheinlich. Und was mit dem Herzen. Das sagt er jedenfalls.»

Ich muß Biellau besuchen. Ich habe bei ihm übernachtet. Jetzt tue ich so, als ob wir uns kaum kennen. Vitamintabletten habe ich im Waschbeutel. Die werde ich ihm geben.

Als ich das denke, fühle ich mich plötzlich besser. Wie im Flur, als ich zuerst meinen Namen und dann den Dienstgrad nannte und angepfiffen wurde. Wie auf dem Rückmarsch vom Essengebäude, als Känguruhn herumbrüllte und Jugel leise und verächtlich «ja, ja» sagte. In solchen Augenblicken komme ich mir wieder wie ein Mensch vor.

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Mit meinem Kuchenpäckchen und der Limonadenflasche schleiche ich den Gang der 3. Kompanie entlang. Ob Weidauer auf die Uhr gesehen hat, ob er mich erwartet?

Nein, er erwartet mich nicht.

Karausche sitzt im Zimmer und ißt Kuchen.
«Ich bin vorgegangen», sagt er.
Ich nicke und wickle meine Kostbarkeiten aus.
«Apfelkuchen schmeckt auch gut», sagt Karausche, knüllt das Einwickelpapier zusammen und verläßt das Zimmer.

Punkt eins ertönt der Pfiff im Flur. Als wir an der «Linie» stehen, geht Flörchinger von Kopf zu Kopf und begutachtet den Haarschnitt. Acht Soldaten findet er, die ihren Namen sagen müssen, den er in ein kleines Buch einträgt. Er befiehlt:
«Im Laufschritt zum Friseur, und zwar sofort. Trainingsanzug an und ab!»

In Begleitung von Krause, dem Unteroffizier aus Weidauers Zimmer, der bei meiner ersten Vorstellung so giftig «raus» gerufen hatte, traben wir durch das Lagertor ins Freie. Flörchinger hatte uns daran erinnert, daß «ein anständiger Haarschnitt auch Geld kostet». Ein Zweimarkstück hüpft in meiner Hosentasche. Ich stecke es unter das Taschentuch, damit es nicht verlorengeht. Zuerst nahm ich an, daß diese Prozedur im Lager vorgenommen wird. Doch jetzt sind wir auf der Straße und rennen ins Innere des Ortes, in Richtung Kulturhaus.

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«Aber meine Haare sind doch kurz, genügt denn das nicht», wollte ich sagen, als Weidauer aussortierte. Ich habe es gelassen, weil ich die Antwort schon kannte. «Wer zum Friseur muß, bestimme ich und sonst niemand. Diskutieren Sie nicht, ziehen Sie Ihren Trainingsanzug an und ab!»
Vielleicht hätte er noch hinzugefügt: «Oder wollen Sie einen Befehl verweigern?»
Nein, das wollte ich nicht.

Also renne ich jetzt zum Friseur, Krause rennt mit. Er auf dem Fußweg, wir auf der Straße, hart am Rinnstein.

Vor einem kleinen Laden machen wir halt. Krause öffnet die Tür und winkt uns herein. Da ist er wieder, der «Coiffeur»-Geruch, Haarwasser, Seife, Parfüm ...

Der Reihe nach werden wir von einem Mann, einem Friseurmeister – die Urkunde hängt an der Wand –, in einen Stuhl gerufen. Es geht ganz schnell. Er fragt nicht, wie wir es haben wollen. Er lächelt dem Unteroffizier zu und bindet das gelbe Cape um, das gelb ist wie Erbrochenes. Dort hängen die weißen Stoffumhänge für die anderen Kunden. Um meinen Hals wird jetzt das gelbe Wachstuchcape für Kinder und frisch gezogene Rekruten gebunden, die schwitzend angerannt kamen in grauen Trainingsanzügen.

Die Aufgabe besteht darin, uns einen «sauberen militärischen Haarschnitt» zu verpassen. Also schnippelt der Friseur los, seine Haare sind grau und fettig und ziemlich lang, Siegelringe trägt er an den Fingern. Er richtet uns zu und kassiert eine Mark, ich kann zusehen, wie unsere Köpfe kahl werden, wie unsere Ohren wachsen, die Spiegel sind groß genug. «Wenn das jemand sieht.» Und einer sieht es, einer sitzt still und gerade, einer, der hier nicht zählt, der nur ein paar Körperhaare verliert, die zusammengefegt werden auf dem blankgebohnerten Fußboden dieses Salons.

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«Jetzt seht ihr wenigstens wie Menschen aus!» sagt er.

Jetzt schlagen wir ihm die Fresse ein, denken wir und bezahlen eine Mark für «Fassonschnitt», dann im Laufschritt zurück, die Hauptstraße entlang, an den Schaufenstern vorbei und den Gesichtern einiger Leute. Und alle starren dich an, denkst du, und keiner sieht dich, nur einer, und das bist du selbst.

Vor mir rennt Glöckner, Harald Glöckner aus meiner Gruppe. Er tröstete mich. Als ich frisch frisiert aufstand und mich zu den anderen umdrehte, sah mich Glöckner an und sagte: «Sieht gut aus, wirklich, sieht gut aus, steht dir.» Dabei faßte er sich an die Brille, die nicht wegzudenken war aus seinem Gesicht, und strich über den mit Pflaster verklebten Bügel. Er tröstete mich.

Jetzt renne ich hinter ihm her und sehe seinen «sauberen militärischen Schnitt», den weit oben vollzogenen Übergang von Hals, Kopf und Haar, die helle Fläche der Haut, die sichtbar geworden ist und auch Flörchinger überzeugen wird. «Sieht gut aus, Glöckner, wirklich, sieht gut aus.» Danke, Glöckner, daß du es gesagt hast, als ich vom Stuhl des Meisters aufstand mit Fassonschnitt und gewachsenen Ohren. Ist das alles nicht so schlimm?

Als wir ins Lager zurückkommen, sehen wir Klammer, der von zwei Unteroffizieren am Stabsgebäude vorbeigeführt wird. In einer Hand hält er einen Eimer, in der anderen einen Schrubber. Er muß wohl etwas saubermachen. Als uns die Unteroffiziere bemerken, treiben sie Klammer zur Eile an. Er muß rennen. Er hat kurze Haare. Wo ist seine Gitarre?
Jetzt heißt es auch bei uns «dalli, dalli». Wir rennen weiter und sehen Klammer,

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wie er mit Eimer und Reinigungsgerät über den Appellplatz stolpert. Auch er also. Ich spüre ein kurzes Gefühl der Genugtuung. Und eine verquere Wut, die sich gegen das Opfer richtet: Er hat es auch nicht geschafft. Als hätte es Klammer allein schaffen können, als wären wir nur Opfer und nicht auch Brüder und künftige, befehligte Täter.

Vor dem Kompaniegebäude warten die anderen schon. Es gibt Zurufe:
«So ist es fein» ... «Fassonschnitt muß sein» ...

Wir müssen schnell die Dienstuniform anziehen und mit Käppi und halbhohen Schnürschuhen, den «Auschwitzern», auf die Lagerstraße rennen und uns in die Marschordnung einreihen. Es geht zum «Unterricht», wie ich höre.

In Zweierreihen rücken wir in ein Haus in der Nähe der Umzäunung ein, dicht neben der Kantine gelegen. Pohl führt uns in einen größeren Raum, in dem Tische und Stühle stehen. Wir setzen uns und warten auf den «Lehrer», nachdem Pohl sich auf den Flur verzogen hat und eine Zigarette raucht.

Ob Werlich hereinkommt, unser Zeichenlehrer? Das Mobiliar erinnert mich an den Zeichensaal, in dem wir auch den Abitur­aufsatz geschrieben haben. Und vorher die Bilder von Rembrandt, Repin, Picasso und Otto Dix betrachteten, das «Kriegstriptychon», von einem Projektor an die Wand geworfen ... Und die von Goya über Ungeheuer und Herrscherfamilien. Und die neuen strengen Herrscher eingerahmt an der Wand, die Mauer des Hauses hinter sich, vor sich unsere Gleichgültigkeit, unser Lachen, unser Ducken... Und in der Pause flog ein Schwamm an die Wand oder ein durchgekautes Löschblatt, das als Klumpen an der Decke festklebte ...

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Als Herr Werlich uns beibringen wollte, wie man Menschen malt, hat er das große Lineal genommen und mit Kreide einige waagerechte und senkrechte Striche gezogen. Dann hat er das Verhältnis Körper-Kopf abgemessen, ich glaube, mit einem Holzzirkel, eins zu sieben oder eins zu acht bei Erwachsenen ... Und dann hat er an den Linien entlang zwei Menschen gemalt, der eine still und aufrecht stehend, die Hand an der Hosennaht, die Finger zur Faust geballt, der andere machte einen Schritt nach vorn.
Lehrer Werlichs Menschen sahen wie Soldaten aus, vielleicht trugen sie auch Stahlhelme. Aber das kann ich mir auch nur einbilden, weil ich jetzt in einem militärischen Schulungsraum sitze, der unserem Zeichensaal ähnelt. Das will ich also nicht beschwören. Den Eid müssen wir erst noch leisten, den feierlichen Fahneneid ... Solche Menschen malte Herr Werlich an die Tafel. So sahen auch die Helden auf den Plakaten aus, von einem «Verdienten Künstler des Volkes» mit Schablonen gestaltet. Farben kamen hinzu, strahlende, optimistische Farben. Und auf den Gesichtern das Lächeln des Siegers. In Unterwellenborn, vor dem Bahnhof, habe ich solche gemalten Menschen gesehen. Und daneben die Zahlen des Sozialistischen Wettbewerbs, der übererfüllten Pläne. Und darunter, auf den Fußwegen und Bahnsteigtreppen, die Gesichter der Schichtarbeiter, ihre Witze, ihre Müdigkeit, ihre abwinkende Selbstsicherheit. Wenn man von ihnen aufsah zu den gemalten Menschen, wurde man traurig, sehr traurig. So leer und strahlend starrten die in einen verrußten Himmel. Unten ging das Leben weiter, da kamen sie aus den Toren der Maxhütte mit Campingbeuteln und abgeschabten Aktentaschen, schwangen sich auf Motorräder, Mopeds, einige auch auf Fahrräder, stiegen in kleine Autos. Schnell nach Hause wollten sie, die Kinder noch sehen vor dem Zubettgehen ...

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«Wochenende hab ich Nachtschicht ... ich hab frei ... wer geht noch einen zischen ... Zigarette?»

Gelächter, Flüche, Müdigkeit. Die gingen an den gemalten Menschen vorbei, an ihren Plänen und Zahlen, ohne hinzusehen. Da ging das Volk, die Arbeiterklasse, die nicht die Macht hat in diesem Staat... da ging sie zu den Vorortzügen und Bussen, die nach Pößneck und Kleinkamsdorf fahren ...

«Achtung!»
Wir springen auf.

Oberleutnant Patsch kommt herein mit einer Mappe unter dem Arm. Pohl macht Meldung und verläßt den Raum. Wir dürfen uns setzen. Patsch legt seine Mappe auf den Tisch vor die aufklappbare Tafel.

«Genossen Soldaten, wir werden uns jetzt mit einigen Problemen der Schießlehre beschäftigen. Was gibt es denn für Waffen, na ...» Patsch sieht in die Runde und spitzt seinen großen, runden Mund.

Dominiak meldet sich.
«Maschinenpistolen, Genosse Oberleutnant.»
«Ja, Maschinenpistolen, das ist richtig ... Und welche haben wir?»
Einige rufen:
« Kalaschnikow.»
«Melden», ruft Patsch, und sein vorher recht sonniges Gesicht verfinstert sich, «melden, das darf ich doch wohl in einer sozialistischen Armee erwarten!»

Dominiak meldet sich. Er winkelt dabei den Arm an, so daß zwischen Ober- und Unterarm ein rechter Winkel entsteht, die Finger preßt er flach aneinander. Er erinnert mich an die Stunden bei Herrn Zaradnik. Klasse 3 c und Klasse 40. Herr Zaradnik war ein großer, strenger Mann mit einem jungen, groben Gesicht. Er trug immer gebügelte Hosen und ein grünlich-graues Wolljackett, an dem ein ovales Parteiabzeichen befestigt war: Zwei Hände ga-

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bcn sich die Hand, er war Mitglied der «Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands». Wir fürchteten und liebten ihn. Er hatte als einziger Lehrer unserer Klasse keine Disziplinschwierigkeiten. Lerngruppen wurden gebildet, Punktbewertungen jedes einzelnen Schülers standen an der Wandzeitung. In seinem Unterricht war es still. Wir mußten geradesitzen und dabei die Arme auf dem Rücken verschränken. Wer sich melden wollte, mußte es so wie Dominiak tun. Er hatte dabei auf ruhige, ausgewogene Bewegungen des erhobenen Armes zu achten. Am meisten haßte Herr Zaradnik das aufgeregte, impulsive Armheben und womöglich noch Mit-dem-Finger-Schnipsen. Besondere Anerkennung fand der, dessen Arm einen rechten Winkel bildete und dessen Ellenbogen auf der Schreibfläche der Bank lagerte. Der Blick mußte nach vorn gerichtet sein, bei der Antwort kam es auf schnelles, geräuschloses Aufstehen und ruhiges Sprechen an. Herr Zaradnik war streng und sportlich. Er machte mit uns Geländespiele, entfachte abendliche Feuer und ließ uns über die Flammen springen. Wir waren begeistert. Ich gehörte zum «Gruppenrat» der Klasse. Im Unterricht erzählte er auch hin und wieder von anderen Ländern. In Amerika, hörten wir, laufen Frauen mit sehr hohen Stöckelschuhen herum. Im Absatz befindet sich ein kleines Aquarium mit richtigen Fischen, was natürlich Tierquälerei ist. Die Männer tragen Krawatten, auf denen nackte Frauen abgebildet sind. In der Sowjetunion tragen alle Kinder rote Halstücher, und die Väter sind Offiziere der Roten Armee. Am Nachmittag geht «Timor und sein Trupp» herum und hilft alten Menschen, trägt Kohlen in die Wohnungen und kauft ein. Wer einen Papierschnipsel auf die Straße wirft, wird verhaftet. Wir hörten mit offenen Mündern zu. Am Ende der vierten Klasse, wenige Wochen vor der

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Zensurenausgabe, erhielten wir plötzlich einen neuen Klassenlehrer. Herr Zaradnik kam an eine andere Schule. Als Familienvater war er von Schülern der Parallelklasse Arm in Arm mit Frau Bönisch gesehen worden, unserer Turnlehrerin, die auch prima war, weil sie uns jede Stunde «Völkerball» spielen ließ. Den Verrätern der feindlichen Klasse schworen wir Rache und prügelten uns bei jeder Gelegenheit mit denen, die uns unseren Herrn Zaradnik genommen hatten. Noch einige Tage nach seiner Versetzung meldeten wir uns mit rechtwinkligen Armen und saßen als ewig treue Kadetten in den Bänken, die Arme auf dem Rücken verschränkt. Dann ließ die Zaradniksche Zucht nach ... die Arme begannen wieder, wie beliebige, unordentliche Gliedmaßen an sich rekelnden und sich streckenden Schülerkörpern herunterzuhängen ... der Schliff ging verloren, Disziplinlosigkeiten und sogar Fingerschnipsen griffen um sich ...

Patsch weist mit der Hand auf Dominiak. Der erhebt sich, steht stramm und sagt laut und akzentuiert:

«Genosse Oberleutnant, es handelt sich um die Maschinenpistole KM, in Klammern Kalaschnikow.»

Einige lachen über das «in Klammern» und drehen sich zu Dominiak um, neben dem eine Abbildung von «Schützenwaffen» an der Wand befestigt ist. «Variante KM mit Kolben», kann man lesen, «KmS mit abklappbarer Schulterstütze. Kaliber 7,62mm, Masse 4,3/3,1 kg. Länge 870 mm. Feuergeschwindigkeit 90 bis 100 Sch/ min. Günstigste Schußentfernung bei Einzelfeuer 400 m, auf Gruppenziele 500 m.»

Patsch tritt an diese Abbildung heran mit einem Zeigestock, liest vor, was da geschrieben steht, dreht sich bei jeder technischen Angabe triumphierend um und pocht mit Nachdruck auf die anderen Waffen, die zu sehen

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sind, auf die «Pistole Makarow», auf das leichte und das «schwere Maschinengewehr SMG PK», auf die «Panzerbüchse RPG 7» ...

Ist das die Schrift an der Wand?

Oberleutnant Patsch geht zurück zur Tafel und verkündet mit feierlicher Stimme:

«Genossen Soldaten, auch Sie werden diese Waffen tragen! Das sind kampferprobte, großartige Waffen. Unsere Waffenbrüder tragen die gleichen, das erhöht unsere Kampfkraft entscheidend ... Möglicherweise haben Sie bereits in der schulischen Ausbildung oder im Rahmen der <Gesellschaft für Sport und Technik> mit Luftgewehren und gegebenenfalls mit Kleinkalibergewehren geschossen. Jetzt werden Sie lernen, mit hochmodernen Schützenwaffen umzugehen, wie sie die Soldaten unserer Nationalen Volksarmee im Gefecht tragen. Ah ... falls es dazu kommt. Äh ... jedenfalls im Dienst, an der Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik. Mit diesen Waffen werden wir jeden Gegner bezwingen ... Ja, was ist denn ...»

In der vorletzten Reihe meldet sich ein kleiner Soldat aus dem i. Zug, er springt auf, ist ganz aufgeregt.
«Aber, aber ... der Feind, Genösse Oberleutnant, der Feind hat doch auch Waffen ...»
Patsch stutzt, spitzt seinen Mund und beginnt dann energisch zu nicken.
«Jawoll, Genosse Soldat, der Feind hat auch Waffen, sogar gute Waffen!»
«Dann, wie soll ich sagen, dann ...» der kleine Soldat ist rot geworden im Gesicht, «... dann ist ja gar nicht gesagt, daß wir gewinnen ...»

Patsch macht eine abwehrende Handbewegung.

«Wir gewinnen! Und wissen Sie warum. Genosse Soldat?»

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Er macht eine Pause und sieht in die Runde, sein Gesicht entspannt sich, der kleine Soldat setzt sich langsam wieder auf seinen Stuhl... «Der Feind hat gute Waffen, jawohl, aber wir, Genossen Soldaten, wir haben die besseren Waffen ...» Oberleutnant Patsch prüft die Wirkung seiner Worte, ist offenbar nicht ganz zufrieden, beginnt wieder mit dem Kopf zu nicken, sein Kinn hackt mit großer Entschiedenheit Löcher in die Luft, jetzt hebt er den Zeigefinger der rechten Hand. «Aber unsere besseren Waffen müssen auch bedient werden, an ihnen muß man ausgezeichnete Schießergebnisse erzielen, wenn man im Gefecht oder bei Grenzprovokationen den Feind besiegen will! Es liegt an Ihnen, Genossen Soldaten, auf den Stand ihrer Gefechtsbereitschaft kommt es an ... das Beherrschen der Waffe ist von entscheidender Bedeutung.» Er tritt zur Tafel und nimmt ein Stück Kreide. «Sehen Sie ...» Er malt zwei Linien, die einen rechten Winkel bilden, «sehen Sie ...» Vom Schnittpunkt der beiden Linien läßt er eine Gerade steil ansteigen. «Das ist die angenommene Flugbahn des Geschosses. Was muß ein Schütze wissen? Ist das die Flugbahn des Geschosses?» Er sieht sich um, sein Gesicht ist in Besitz von Kenntnissen, das ist unverkennbar. «Na, keine Meldungen, weiß das keiner? Vormilitärische Ausbildung, na, na?»

Einer meldet sich und sagt, daß das Geschoß nur eine bestimmte Reichweite hat.

«Richtig!» Patsch tritt wieder zur Tafel. «Die eigentliche Bahn sieht etwa so aus.» Er malt eine ansteigende Linie, die nach dem Erreichen einer gewissen Höhe in einem sanften Bogen zur Waagerechten, zur Erde, zum Schlachtfeld zurückkehrt. «Warum ist das so? Ganz einfach: Luftwiderstand und Schwerkraft! Luftwiderstand und Schwerkraft! Verstanden? Nach unten wirkt die Erdanziehung ...»

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 Ein Kreidepfeil, von Patsch gezogen, zeigt Richtung Fußboden. «Und von vorn bläst dem Geschoß der Wind ins Gesicht! Nun kommt es darauf an, welche Geschwindigkeit die Kugel hat, welche Form, welche Oberfläche und ...» Patsch zögert, greift nach seiner Mappe, blättert, findet es, strahlt und verkündet mit sicherer Stimme: «Auf das Kaliber des Geschosses kommt es an ... und wie dicht die Luft ist, äh, die Dichte der Luft ... Physikunterricht, äh ... Ballistik ... wer weiß, was Ballistik ist?»

Keiner meldet sich. Von den hinteren Bänken ist ein leises «Pängpäng» zu hören, dazu ein wenig Gekicher. Oberleutnant Patsch läßt sich nicht stören, er erklärt uns jetzt, was es mit der Ballistik auf sich hat.

«Ballistik, das ist die Wissenschaft von den Bewegungsgesetzen.» Er spricht langsam und melodisch, Laut für Laut, Silbe für Silbe perlt aus seinem Mund. Die großen Zähne sind gut sichtbar. «... von den Bewegungsgesetzen sowie der Wirkung von Flugkörpern, das können Geschosse sein, die mit Hilfe von komprimierten Gasen oder Raketentriebwerken auf ihre Bahn gebracht werden...»

Bei dem Wort «Raketentriebwerk» hat es den Anschein, als wolle sich Oberleutnant Patsch mit angelegten Armen auf eine Erdumlaufbahn begeben, so bewundernd-heftig kommt das aus seinem Mund ...

«Und noch etwas möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich betonen», setzt er hinzu. «Der sachkundige und schonende Umgang mit der Waffe erhöht die Trefferdichte und die Lebensdauer entscheidend. Entscheidend! Vor allem das tägliche Reinigen der Waffen ...» er sucht nach Worten, «entscheidet ... über Wohl und Wehe, äh, Wohl und Wehe im modernen Krieg. Kurz gesagt, Genossen Soldaten, ich erwarte nicht, daß jeder

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von Ihnen in der ersten Stunde weiß, welche Elemente der Flugbahn nach ballistischen Gesichtspunkten ...» er greift nach dem Hefter, «unterschieden werden: Mündungswaagerechte, Seelenachse, jawohl, Seelenachse, Erhöhungslinie, Abgangslinie, Visierlinie, verlängerte Visierlinie ... das erwarte ich nicht, das sind Spezialkenntnisse, die man sich erst nach und nach aneignen kann. Damit wären Sie überfordert! Aber! Was ich erwarte: Sorgfältiges Waffenreinigen! Und das», fügt er lächelnd und leise hinzu, «werden wir Ihnen beibringen, Genossen Soldaten! So ...» er sieht kurz auf die Uhr, «... verhalten Sie sich ruhig, ich komme gleich wieder.»

Oberleutnant Patsch verläßt den Raum.

Jugel, der neben mir sitzt, lehnt sich zurück und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. «Pitsch - Patsch», sagt er und sieht aus dem Fenster. Andere Soldaten stehen interessiert vor der Abbildung der Schützenwaffen und machen sich auf Details aufmerksam. Patsch kommt zurück und hält eine MPi in der Hand.

Sofort tritt Ruhe ein.
Alle sehen auf die glänzende, dunkle Waffe.

Oberleutnant Patsch lehnt sich an seinen Lehrertisch und hält die Kalaschnikow locker im Arm. Mit der Hand streicht er über ihren Gehäusedeckel. Auch Jugel hat sich nach vorn gebeugt. Ein gewisses Raunen geht durch die Reihen, das Überraschung und Interesse ausdrückt. «Sieh mal an», heißt das, «eine MPi... bald weiß ich, wie die funktioniert ... dann kann ich mit einer Kalaschnikow umgehen ...»

Ein Entgegenkommen ist plötzlich im Raum, eine Aufmerksamkeit, als ob ein Krimi begonnen und sich die Holzpistolen am Gürtel von uns Jungen in richtige Waffen mit scharfer Munition verwandelt hätten ...

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Nach dem ersten nahen Zeigen der Waffe müssen wir auf den Stuben Schuhwerk und Kopfbedeckung wechseln. An die Füße kommen die «besseren» neuen Stiefel, auf den Kopf der graue Stahlhelm, der mir immer schwerer vorkommt, mehr lastend als schützend, ein Ungetüm, das sich auf mir breitmacht, eisern und straff ... und die letzten eigenen Gedanken vertreibt...

Angesetzt ist Exerzieren, das «Laufenlernen», von dem schon mein Gothaer Großvater lachend und immer noch ein wenig furchtsam berichtete. Er war 1914 an «militärisches Auftreten und Disziplin» gewöhnt worden. Auch noch im hohen Alter zuckte es vorschriftsmäßig in seinen Gliedern, wenn entsprechende Kommandos und Marschrhythmen erklangen. Sein Gesicht wurde in solchen Momenten von einer merkwürdigen freudigen Starre heimgesucht, die auf Befehle wartete. Hinterher lachte er über sich selbst.

Und jetzt bin ich an der Reihe. Die Antreteordnung in größeren Gruppen habe ich schon begriffen, Flügel, Front, Zwischenraum, Abstand, das ist einigermaßen klar. Die 3. Kompanie hat einige Aktionen hinter sich, «In Marschordnung antreten! Marsch!», das kannte ich. Vertrauter war mir allerdings das «Im Laufschritt! Marsch!» Vor allem die Arme müssen zackig angewinkelt werden.

Wir marschieren auf den freien Platz neben das Stabsgebäude und teilen uns in Gruppen auf. Weidauer befehligt die 2. und 3. Gruppe. Er hat uns «Einzel- und Gruppenausbildung» zu erteilen. Oberleutnant Patsch läuft umher und bewahrt den Überblick, gibt Ratschläge und notiert sich zwischendurch irgendwelche Geistesblitze oder Beobachtungen (oder Namen) in ein kleines Buch. Die rechte Hand steckt nach Feldherrenart in der Öffnung der Uniformjacke, etwa in Herzhöhe.

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Weidauer erläutert als erstes die «Grundstellung», die auf das Kommando «Stillgestanden», «Achtung» oder «Raustreten» einzunehmen ist. Diese Stellung kennen wir, haben sie vom ersten Tag an vollführen müssen bei fast allen Anlässen. Wir kennen sie auch aus Filmen und von den traurigen oder unheimlich-heiteren Frontberichten unserer Väter und Großväter. Und haben sie geübt in der Schule, bei Fahnenappellen und Turnübungen. Weidauer hat die Aufgabe, sie uns noch einmal «ordentlich» – hatte Patsch nicht sogar «wissenschaftlich» gesagt? – zu erläutern und beizubringen.

Er läßt uns antreten und leiert ein Kurzreferat herunter, das er offenbar auf der Unteroffiziersschule gelernt und bis heute nicht vergessen hat. Die Sätze klingen eingepaukt:

«In der Grundstellung steht der Soldat in gerader Haltung still. Die Hacken sind aneinander- und die Fußspitzen eine Fußbreite auseinandergestellt. Das Körpergewicht ist gleichmäßig auf die Ballen beider Füße verteilt. Die Knie sind durchgedrückt. Der Oberkörper ist aufgerichtet und leicht nach vorn geneigt. Leicht, nicht wie im Bad vor dem Kopfsprung! Die Brust ist etwas vor, und die Schultern sind auf gleiche Höhe gebracht. Die Arme sind leicht angewinkelt und die Ellenbogen nach vorn gebracht. Die Hände sind zur Faust geballt und mit den Mittelfingern an die Hosennaht gepreßt. Die Daumen liegen an den Zeigefingern. Der Kopf ist leicht angehoben, das Kinn ein wenig angezogen, der Blick frei geradeaus gerichtet, und die Muskeln sind angespannt!»

Weidauer hat eine Rede gehalten. So viele Sätze hintereinander habe ich noch nicht von ihm gehört.

Um uns herum kurven verschiedene Marschkolonnen. Sie biegen nach links oder rechts ab, stapfen auf der Stelle, Kommandos ertönen, es ist ein richtiger Käser-

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nenhof... Dazu das diesige Novemberwetter dieser Gebirgslandschaft; auf den Dächern der Unterkünfte liegt eine dumpfe, schwere Feuchtigkeit, die in uns dringt. Unter dieser Wolkenglocke steht Weidauer und bemüht sich, den eigenen Körper in Übereinstimmung mit den soeben referierten Anweisungen zu bringen. Es gelingt ihm. Da stören auch seine leichten 0-Beine nicht und die enorm großen Stiefel, möglicherweise eine Sonderanfertigung. Die gehören dazu. Und auch die flammende Röte seines Gesichts gehört dazu, die durch das grüne Grau der Uniform gut zur Geltung kommt trotz der einsetzenden Dämmerung.

«Kröhnke», ruft er. «Stillgestanden und Grundstellung gilt auch für Sie! Ich habe nichts von Rühren gesagt!»

Kröhnke kommt ebenfalls aus einem erzgebirgischen Dorf und hat etwa die Körpergröße von Weidauer, vor allem seine breiten Schultern, ist aber ansonsten dünn und blaß wie nach einer Abmagerungskur, die Gesichtszüge eingefallen, als habe er seine dritten Zähne verloren. Die eine Schulter ist stets auf dem Weg zum Hals, die andere hängt schlaff herunter. Von militärisch gespannten Muskeln ist bei Kröhnke nichts zu sehen. Muskeln hat er offenbar, auch seine großen, sehnigen Hände weisen darauf hin, daß er mit Schaufeln und Mistgabeln umgehen kann, aber von einer Grundstellung nach Weidauers Anweisungen ist Kröhnke weit entfernt. Er gehört zur 2. Gruppe. Jetzt ruckt er mit seinem Körper hin und her, verschiebt Arme und Beine in verschiedene Richtungen, aber eine «Grundstellung» will ihm nicht gelingen.

Weidauer läßt ihn vortreten und befiehlt: «Stillgestanden! Links um! Rechts um!» bis Kröhnke alle Himmelsrichtungen verwechselt und nur noch mit spitzer, nach oben zeigender Nase vor sich hin marschiert.

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«Soldat Kröhnke!» Weidauer droht. «Das werden Sie außerhalb des Dienstes üben! Ist das klar?»
Kröhnke antwortet nicht.

Er starrt in den dunkelgrauen abendlichen Himmel. Sein Mund ist ein schmaler Strich. Weiß er, wo er sich befindet?
«Ob das klar ist?» Weidauer steht dicht vor ihm.
Kröhnke nickt und macht eine unbeholfene Großerweisung, führt die rechte Hand zum Stahlhelm.

Weidauer winkt ab und läßt Kröhnke in die Reihe zurücktreten. Eine Viertelstunde scheucht er uns kreuz und quer über den Platz, gibt ein Kommando nach dem anderen. Auch das ist Weidauer: Er nervt, droht, fragt nach, brüllt und winkt dann ab. Ein anderer hätte Kröhnke über den Platz robben lassen oder wegen Befehlsverweigerung angezeigt. Weidauer verzichtet auf solche letzten Schikanen.

Wenn man sie beide ansieht, Kröhnke und diesen Unterfeldwebel mit den großen Stiefeln: Sie sehen aus wie muckige, verfeindete Brüder, die trotz allem aneinanderkleben, wenn sie samstags ins Kulturhaus tanzen gehen und an der Theke hängenbleiben aus Furcht, «Körbe» zu erhalten von den Mädchen, die kichernd und in Sonntagskleidern auf Kavaliere warten.

«Gruppe, halt!»

Wir sind beim Exerzieren. Jetzt hat uns Weidauer gezeigt, welche Ordnungsübungen sich vollführen lassen, wenn man sich abreagieren und einen einzelnen doch schonen will, auch wenn es schwerfällt.

Wir stehen im «Rührt euch!», dürfen also die Muskeln locker lassen. Kröhnke hat das wohl wieder überhört oder falsch verstanden, starr und krumm, nur für sich allein, obwohl in einer Reihe mit anderen, steht er da.

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Was soll nur werden, Kröhnke, wenn du gar nichts kapierst. Nicht einmal mitbekommst, daß du jetzt eine kleine Pause machen kannst wie alle anderen ...

«Ganz schön steif, dieser Junge», flüstert Bauer.
Ich nicke, meine das auch.

Marschieren muß man schon können, das heißt dieses Nicken. Noch dazu, wenn einer «so aussieht». Das ist eine Redensart, aber wenn man ihn sieht... Ich teile ein in solche und solche, urteile nach dem Äußeren. Das ist schlecht. Aber es ist so. In der ersten Reihe beim Fahnenappell in der Schule konnte auch nicht jeder stehen, das sahen wir ein, auch wenn das Rumstehen am Morgen als «Scheiße» und «langweilig» eingestuft wurde. Gruschwitz und Krause, ob mit oder ohne Halstuch, standen immer hinten. Auf das «Bild» kam es an, auf das, was Direktor Oelsner von vorn sah ... Nicht jeder konnte in die Schalmeienkapelle eintreten, ausgesprochene «Häßlinge» oder allzu X-Beinige bekamen kein Instrument, keine Notentasche und keine «Schwalbennester», sie konnten wieder nach Hause gehen. Das wurde ihnen ohne viel Worte bedeutet, da fand sich schon eine Ausrede. Und wenn es um die Chancen beim Finden einer Freundin ging, «Wer geht mit mir? Bin sexy! Bärbel, Klasse 6 a. Antwort nächste Pause», da galt dieses Auswahlkriterium ohnehin ... Wehe, einer hat vorstehende Zähne, ist dick, hat dünne Beine oder abstehende Ohren. Oder sieht aus wie Kröhnke. Vielleicht ist er so muffelig, wie er aussieht. Ordnungsübungen sind Mist, keine Frage, aber Gleichschritt halten können muß man schon ... Ein lascher Sack ist man nicht, das nicht. Ich lehne das Rumgebrülle ab. Aber mein Gefühl ist: Kröhnke ist auch selber schuld. Wer sich so anstellt...

Das wird Bauer gemeint haben, als er vorhin sagte: «Ganz schön steif, dieser Junge.» Weidauer läßt einrücken.

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Nach dem Abendessen, ich säubere gerade den Ofen im Zimmer der Unteroffiziere, wird auf dem Flur gepfiffen. Oberleutnant Patsch steht lächelnd an der Treppe. Er gibt keinen Befehl aus, nörgelt nicht an der Kleidung herum – einige tragen Turnschuhe, andere Filzlatschen, es ist Freizeit! –, er winkt nur geheimnisvoll und sagt:

«Gruppenweise mir nach.»

Im Erdgeschoß steht die Gittertür der «Waffenkammer» auf. In Holz- und Metallgestellen stehen Maschinenpistolen, Panzerbüchsen und Maschinengewehre, Kisten sind aufgestapelt, in denen sich offenbar Munition befindet. Weidauer winkt unsere Gruppe zu einem Ständer und drückt jedem eine Kalaschnikow in die Hand.

«Mit auf die Stube nehmen und zehn Minuten streicheln, dann wieder abgeben. Auf die Nummer achten, auswendig lernen. Und hier», er weist auf das Gestell, «stehen noch die Namen, damit es am Anfang keine Verwechslungen gibt. So, ab ...»

Wir gehen mit den Waffen los, als habe man uns ein Stück Holz oder ein Metallrohr in die Hand gedrückt. Aber es handelt sich um eine Maschinenpistole, das kann keinem entgehen. Und dieser künstlich beleuchtete, fensterlose Raum gleich neben dem «Briefkasten», in den man keine Briefe stecken kann, ist die Waffenkammer. Das ist jetzt auch jedem klar. Auch wenn die einen Turnschuhe und die anderen Filzlatschen, auch wenn ich einen Trainingsanzug und Bauer die Dienstuniform trägt ohne Käppi...

Und auf dem Ständer steht mein Name, dort ist «ihr Platz», der Platz meiner Waffe, die das Wichtigste ist, wie ich gesagt bekam. 

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Sie muß ich mit meinem eigenen Körper schützen bei Beschuß, bei «Atomschlag von vorn» oder von hinten. Und jetzt wurde sie uns überreicht. Und jetzt halte ich sie in den Händen, ganz leger. Etwas Geheimnisvolles schwingt mit, etwas von Geburtstag und Weihnachten ... auch Vertrauen, Auftrag, Einbeziehen und Verantwortung ... sie geben uns Waffen ... Unter dem Ständer in der Waffenkammer liegen volle Magazine, das habe ich gesehen ... Hast du gesehen, Jugel, hast du gesehen, Karausche, volle Magazine mit scharfer Munition! Auch die werden wir bekommen, wenn es losgeht. Ich hätte auch ohne viel Mühe ein volles Magazin an mich nehmen können hinter dem Rücken von Patsch und Weidauer. Das wäre möglich gewesen. Und so gehe ich mit der Maschinenpistole die Treppe hinauf, über den Flur, über die Steinfliesen, in unser Zimmer. Das ist ein Ding ... die eigene Waffe, wohlgemerkt, die eigene. Wir sollen eine «Beziehung» aufnehmen, wie Weidauer sagte, sie «streicheln» ...

Karausche weiß schon wieder, wie der Gehäusedeckel abgenommen wird.

«Das ist das Schloß», erklärt er, «der Überströmkanal, der Waffenreinigungsstab, das Visier ...»

Na, daß das der Abzugshahn ist, weiß ich selber. Abzugshähne gibt es auch an Luftgewehren und Zündplättchenpistolen ... Ganz blöde bin ich nicht, Karausche, was soll denn das sonst sein. Ich habe auch Wildwestfilme gesehen.

«Der Kolben...»

Klar, das ist der Kolben. Und das ist der Lauf. Und hier unten kommt das Magazin rein, ach so, wird einfach reingeschoben...

«Klick, so einfach ist das», Karausche lädt durch, «diesen Hebel nach hinten, dann ist die Patrone dort, wo sie hin soll. Und hier läßt sich Einzel- und Dauerfeuer einstellen ... Und wenn der Hebel so steht, geht nix mehr, alles blockiert. Dann ist die Waffe gesichert.»

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Zielen, Kimme und Korn, das ist klar. Auf dem Volksfest habe ich an den Buden nicht geschossen. Ich habe abfällige Bemerkungen gemacht. Vielleicht hatte ich auch die Befürchtung, keine Blume zu treffen. Welche mit Zigarette und tätowierten Unterarmen zielten ganz lange und trafen. Ich sah zu. Zu Hause kritzelte ich dann ins schwarze Heft: «Ihr Blumen / in den Schießbuden / verwelkt nicht / sonst werden auf den Wiesen / die lebenden abgeschossen.» Auf dem Tisch liegt eine Maschinenpistole. Und das schwarze Heft ist weit weg. Ich habe es nicht mitgenommen. Ich kann das keinem hier sagen, daß ich Gedichte schreibe. Lyrik, da lachen sie sich schief. Aber eine Maschinenpistole ...

Stolz bin ich nicht auf sie, nein, das nicht. Aber ernst ist es schon, jetzt ist es ernst. Sie haben uns die Waffen gegeben. Mit diesen Dingern kann man schießen. Daran besteht kein Zweifel, darüber kann ich auch kein Gedicht schreiben ... Auf Karausches Gesicht, an der Art, wie er die Details erklärt, kann ich es ablesen... an meiner Aufregung: Wir fühlen uns stärker. Jetzt soll doch mal einer kommen. Später noch scharfe Munition. Das sind doch Möglichkeiten. Freue ich mich? Vielleicht schon ... Ich habe noch nie eine MPi in der Hand gehalten. Jetzt ist man irgendwie gleichgestellt, nicht mehr der letzte Arsch. Jetzt bin ich wie der Posten vor der Kaserne in Gotha, den ich sah, wenn ich mit der Straßenbahn vorbeifuhr. Als Junge wünschte ich mir einen Schäferhund ...
In den Ferien, wenn ich bei meinen Großeltern in Gotha war, fuhr ich in der Innenstadt mit der Straßenbahn an einer Kaserne vorbei. Wenn ich auf der falschen Seite saß, wechselte ich den Platz. Hinter dem Zaun, in der Nähe der Garagen mit den Panzern und Panzerspähwagen, stand

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der Posten mit der MPi vor der Brust. Grau, gefährlich und gut sah er aus. Er tat mir nichts. Er war einer «von uns», stand da auf Wache, auf «Friedenswacht», wie es in der Schule hieß. Die Kaserne war alt, sie stand schon vor dem Ersten Weltkrieg, wie ich erfuhr. Schon vor dem Ersten Weltkrieg stand einer auf Posten. Eine lange Wacht. Mal in der bösen, mal in der guten Uniform. Mal mein Großvater, mal mein Vater und jetzt ich.

Ich auf der endgültig richtigen Seite? Bald werde ich auch so am Zaun stehen ...

Und wenn es nicht die richtige Seite ist? Wenn es nirgendwo eine richtige Seite gibt, die Uniform trägt und mit Waffen hantiert? Sitze ich auch in der Falle wie die vor mir? Muß ich einmal von meiner Jugend erzählen wie die Eltern von ihrer? Traurig, enttäuscht, mit einem Seitenblick auf den, der nach Schuldigen fahndet mit jungem Gesicht?

Die Waffe liegt auf dem Tisch. Das sind nur Gedanken, die Realität ist anders. Karausche bastelt am Lauf herum, dieser Gegenstand ist ihm vertraut. Ich hebe die Maschinenpistole an.
«Gar nicht so schwer», sage ich zu Karausche.

«Na ja, auf den Märschen reden wir noch mal drüber ...» Er lächelt, sieht mich an wie einen Lehrling, der sich am ersten Tag an der Maschine des erfahrenen Arbeiters eingefunden hat.

«Sieht doch ganz bescheiden aus, das Dingelchen», sagt er, «ist aber ziemlich robust und mit hoher Treffergenauigkeit.» Treffergenauigkeit, was für ein Wort. Ein technisches, ein zusammengesetztes Dingwort. Karausche macht es Spaß, mit Waffen und Werkzeugen umzugehen. Die Kalaschnikow, die Waffe, die MPi, sie faßt sich hart an. Wie der Lenker einer schnellen Maschine. Man muß gar nicht sehr zufassen, er läßt sich während

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der Fahrt ganz leicht dirigieren. Mit dem kleinen Finger kann man in die Kurven gehen... Alles ist auch ein Wunder, eine Leistung. Und eine Macht...
«Streicheln» hat Weidauer gesagt ... Da ist der Abzugshahn. Ich kann abdrücken, ich kann meinen Willen durchsetzen, ich kann gewinnen, wenn Patronen im Lauf sind ...

Das Magazin ist leer. Legt man es auf den Tisch, klingt es wie das Abstellen einer Blechbüchse. Wie füllt man die Patronen ein? Karausche wird es wissen. Ich frage ihn nicht ... Ob man vorsichtig sein muß? Oder passiert nichts, auch wenn was runterfällt?

Patsch war vorhin freundlich ... Wir mußten uns nicht umziehen ... Ob es auch gute Vorgesetzte gibt?

Weidauer ruft im Flur, wir müssen die Waffen zurückbringen. Bald beginnt das Stuben- und Revierreinigen. Ich stecke die Vitamintabletten ein. Nachher werde ich sie Biellau geben. Vielleicht treffe ich ihn vor der Waffenkammer. Er wird schon wieder im Zimmer sein und auf dem Bett liegen. Bestimmt wird er auf dem Bett liegen. Oder seiner Mutter schreiben. Er wird die Tabletten annehmen und «danke» sagen. Er wird mich ansehen mit seinen geröteten Augen und einen raschen, prüfenden Blick riskieren, ob Hoffnung besteht auf Freundschaft und Hilfe. Ich werde mich nicht lange aufhalten. Ich werde die Tabletten auf die graue Wolldecke legen und sagen, daß ein Vitaminstoß von vier bis fünf Tabletten zu empfehlen ist bei beginnender Grippe ...

Die Waffe steht wieder im Ständer. Meine Waffe. Biellau habe ich nicht gesehen. Ich gehe in sein Zimmer.
«Kompanie, Nachtruhe!»

Der Stubendurchgang ist vorbei, das Stiefelputzen, das Päckchenbauen. Ich mußte meine Kragenbinde an der Dienstuniform wechseln. Wie soll ich Strümpfe und Kragenbinden waschen? Aus der Kantine Waschpaste holen ... Im Zimmer ist es dunkel. Karausche atmet gleichmäßig, gleich wird er ein leises, pfeifendes Schnarchen beginnen.

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Ich bin umstellt. Zäune, dahinter leere Straßen. Posten an verschiedenen Toren. Meine Füße sind schwer, ich trage Filzstiefel. Es schneit. Ich will fliehen, aber die Eisbahn vor der Schule, den Kirchberg hinunter, ist glatt. Ich falle. Jemand streut Asche. Es ist der Pfarrer. Er lacht, winkt. In der Hand hält er eine kleine Schaufel, jetzt droht er, ich kann seine Zähne sehen. Warum zeigt er auf das Verkehrsschild? Ist es rund oder eckig? Ein Verbotsschild? Juliane kommt, sie trägt einen blauen Pullover. Ich bin im Gefängnis. Die Zelle sieht aus wie mein Zimmer. Die Tür ist verschlossen. Das Licht über dem Spülbecken geht an und aus. Ich weiß nicht, wer den Schalter bedient. Meine Mutter? Ich lege mich aufs Sofa, mit dem Gesicht zur Wand. Der Schlaf kommt. Ein Aufatmen, eine grüne, weiche Stille ist da. Neben mir liegt eine Waffe, eine Maschinenpistole. Ich berühre sie mit den Fingern. Ich bin nicht mehr wehrlos, wenn sie kommen. Jetzt kommt der Schlaf, der gute, barmherzige Schlaf. Ich bin in einem kleinen Haus in den Bergen, das keiner kennt. In einer bequemen, vermauerten Höhle liege ich. Die Waffe ist geladen. Sie ist mir wichtig, lebenswichtig wie mein Versteck. Es gibt auch gute Waffen. Nicht mehr wehrlos sein, einem Zustand entfliehen, in dem keine Hoffnung, kein Vorsatz, kein Wunsch, kein Gebet mehr hilft. Und Gott? Und das Schicksal? Jetzt kommt der Schlaf. Die Augen geschlossen halten. Sich anvertrauen, Ruhe haben. Es ist ganz egal, wer auf dem Flur entlangläuft mit eisenbeschlagenen Stiefeln.

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Darf sich der Wehrlose eine Waffe wünschen? Der Soldat, der Gefangene? Der Rekrut, der zum Posten, zum Täter ausgebildet wird? Ich bin wehrlos. Ich darf mir eine Waffe wünschen. Wenn ich sie tatsächlich in den Händen halte, muß ich mich weigern, sie zu bedienen. Weigern? Dann werde ich bestraft. Ich werde nicht treffen, nicht genau zielen ... Wieder nähern sich Stiefel.

Die Tür geht auf, das Licht an.

Weidauer steht im Zimmer, legt ein Buch auf den Tisch.

«Genosse Fuchs, ich bringe ein Buch. <Die Woloko...>, ach, ein Buch von Alexander Bek ... Möglichst schnell lesen. Jetzt nicht... morgen... Wenn Zeit ist. Zur nächsten Gruppenversammlung müssen Sie über den Inhalt berichten, einige Ausschnitte vorlesen...» Und mit einem Blick auf die Dicke des Buches: «Es eilt, vor allem der erste Teil ist wichtig, Ausbildung, Vorbereitung auf das Gefecht... Schon gelesen?»

Ich verneine.

«Handelt vom Ernstfall, Schlacht vor Moskau ... Sie müssen nicht alles lesen ... ziemlich dick ... bei Ihnen geht das schnell ... über 500 Seiten ... aber wichtig, auch die Details ... Wie heißt es doch ...» Er hat wieder sein undurchsichtiges, vieldeutiges Lächeln. «Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen! Also, Genosse Fuchs, lesen! Alles klar?»

«Zu Befehl, Genosse Unterfeldwebel!»

Er nickt, geht zur Tür und löscht das Licht. Seine Schritte hallen im Flur. Die Außentür schlägt zu, auf der Lagerstraße sind Stimmen zu hören. Sie werden leiser, entfernen sich. Auf dem Tisch liegt Weidauers Buch. Im Halbdunkel hat es Ähnlichkeit mit einem Karton, einer großen Brotbüchse ... Alexander Bek ... nie gehört... In den Schrank stelle ich es nicht, nicht in die Nähe von Bobrowski... Es soll auf dem Tisch liegenbleiben ... Ich bin müde. Wieder Schritte auf dem Flur. Ob es Alarm gibt? Karausche will etwas gehört haben.

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