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1. Das Ende unserer Zeit  

 

 

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Viele, vielleicht die meisten, der heute Lebenden werden das Ende unserer Zeit, das Ende einer wachs­tums­besessenen industriellen Zivilisation noch erleben. Wenn man bedenkt, daß die Wurzeln aller Zukunft in der Vergangenheit liegen, kann man auch sagen, die Zeit des Endes hat schon begonnen.

Ich meine dies gar nicht in einem pessimistischen Sinn. Eigentlich müßten wir das Ende unserer Zeit schnell herbeiwünschen, und nicht nur herbei­wünschen, sondern aktiv soviel wir nur können daran mitwirken, den zwar schon unaufhaltsam gewordenen Lauf der Zeitgeschichte noch mehr und kräftig anzutreiben und dabei, wenn irgend möglich, lenkend und Hindernisse beiseite räumend auf ihn einwirken, nicht nur, um den Fortgang der Ereignisse zu erleichtern, sondern um die schlimmsten Nebenwirkungen der Katastrophe zu mildern und uns eine Chance des Überlebens zu sichern.

 

Dieses letzte Jahrhundert der Weltgeschichte war einzigartig und unübertrefflich in jeder Dimension, phantastisch und atem­beraubend der Fortschritt von Wissenschaft und Technik, gräßlich, grauenhaft unmensch­lich das Hinschlachten von Abermillionen Menschen, die nicht Opfer von Natur­katastrophen wurden, sondern von Gesellschaftskatastrophen, Opfer von Verbrechen und Verbrechern, wie es sie nie zuvor gab. Jahrhundert der Atomenergie und des Mondfluges, aber auch der Konzentrations­lager und der Menschen­vergasung, der Bomben auf Hiroshima und Nagasaki und des Völkermordes, Jahrhundert des wachsenden Wohlstands für jene Minderheit der Menschheit, die in den Industriestaaten lebt, aber Jahr­hundert der Armut, des Elends, des Hungers und des Massensterbens für die übergroße Mehrheit der Menschen in den armen Ländern, die man teils geringschätzig, teils mit schlechtem Gewissen <die dritte Welt> nennt.

Zwanzigstes Jahrhundert, Jahrhundert von Auschwitz und Majdanek, des Vietnamverbrechens, des Archipels Gulag, mit Schmach und Schande bedecktes Jahrhundert, es muß das letzte seiner Art gewesen sein, wenn die Menschheit leben will.

In diesem Jahrhundert hat die Welt sich mehr und gründlicher verändert als zuvor in Jahrtausenden. Das Tempo der Entwicklung nimmt trotzdem auch heute immer noch zu. Man braucht kein Prophet zu sein, um mit Sicherheit sagen zu können, daß das nicht mehr lange so weitergehen kann. So hat z.B. die Erzeugung von Energie in den entwickelten Ländern in den ersten Nachkriegsjahrzehnten um etwa 7 % zugenommen. Da dies eine exponentielle Zunahme ist, heißt das, daß sich die Energieproduktion in 10 Jahren verdoppelt, in 20 Jahren vervierfacht, in 30 Jahren verachtfacht und in 100 Jahren mehr als vertausendfacht. Sie nimmt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zu wie die Weizenkörner auf dem Schachbrett des Sultans.

Selbst die Weltkriege haben diese Entwicklung nicht aufgehalten, sondern sie noch beschleunigt. Aber wenn man bedenkt, daß schon heute die ökologischen Auswirkungen der Energieerzeugung und die Beschaffung der benötigten Rohstoffe in vielen Ländern kritisch werden, kann überhaupt kein Zweifel daran bestehen, daß mit dieser Entwicklung Schluß sein wird – spätestens in den nächsten 20 Jahren und daß eine Vertausend­fachung der heutigen Energieproduktion im Jahre 2077 einfach absolut außerhalb jeder denkbaren Möglichkeit liegt.

 

In dem viel diskutierten Meadows-Bericht des Club of Rome wird die Unvermeidlichkeit eines radikalen Bruchs aller gegenwärtigen ökonomischen und technischen Entwicklungs­mechanismen an zahlreichen weiteren Beispielen nachgewiesen. Es ist dabei völlig nebensächlich, worauf im Meadows-Bericht übrigens auch ständig hingewiesen wird, ob die darin unter bestimmten Voraussetzungen errechneten Entwicklungslinien in dem Sinne »richtig« sind, daß sie die tatsächlich vor uns liegende Entwicklung auch nur in großen Zügen zutreffend beschreiben. Es ist sogar sehr unwahrscheinlich, daß sie das tun.

Aber zu einer ganz entscheidenden Aussage führen alle Berechnungen des Meadows-Teams, nämlich, daß wir bei Beibe­haltung unserer gegenwärtigen ökonomisch-technischen Verhaltens­weisen unrettbar auf eine ökonomische und öko­logische Krise losrasen, mit der verglichen selbst die Weltkriege und alle bisherige Barbarei unseres Jahrhunderts sich wie eine friedliche Idylle ausnehmen werden.

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Das heißt aber nichts anderes, als daß sehr einschneidende Veränderungen schon vorher eintreten müssen und auch eintreten werden, ob das den Betroffenen nun paßt oder nicht. 

In welcher Weise sich diese Veränderungen vollziehen werden, in welche Richtung sie führen werden und ob sie möglicherweise sogar nichts helfen und vielleicht alles noch verschlimmern werden, das wird überwiegend nicht von ökonomischen, sondern von politischen Entwicklungen abhängen. 

Aber wenn man sich die politischen Zustände unserer heutigen Welt mit Blick auf diese säkulare Krise vor Augen führt, dann kann man nur zu dem Ergebnis gelangen, daß unsere Zukunft dunkel und furchterregend ist. War die Menschheit je zuvor so schlecht gerüstet, ihre lebenswichtigen Probleme zu lösen? Diese Frage ist schwer zu beantworten und es hilft uns wenig, daß der »homo sapiens« auch in der Vergangenheit diesem selbstgewählten Namen wenig entsprochen hat. Sinnvoller ist schon die Frage: Was können wir tun? Oder noch bescheidener: Können wir überhaupt noch etwas tun?

Auf die letzte Frage gibt es eine sehr einfache Antwort, die ich mir übrigens in meinem Leben in hoffnungslos scheinenden Situationen immer gegeben habe: Ja, tun kann man immer etwas, ob es nun nützt oder nicht; es ist immer noch besser, als sich seinem Schicksal zu ergeben. Was noch nicht gänzlich entschieden ist, darauf kann man noch einwirken. Darum heißt, nichts zu tun, ein Stück der Freiheit, die man noch hat, vielleicht das letzte, sinnlos zu verschenken.

Die Beantwortung der Frage »Was können wir tun?« beginnt für mich mit der Frage: Wer sind »wir«? Ich möchte erreichen, daß der Leser dieses Buches sich zu diesem »wir« zählen wird. Und das fängt damit an, daß er den Ernst der Lage begreift. Von dem großen chinesischen Philosophen Lao-tse, der vor zweieinhalb Jahrtausenden lebte, stammt der Satz:

»Wenn die Leute das Furchtbare nicht fürchten,
so naht das große Fürchterliche.«

Wenn die Regierenden atomsichere Tiefbunker bauen, die mit allen technischen Mitteln ausgerüstet sind, um ihren Insassen ein Leben ohne jede Kommunikation mit der Außenwelt für Jahre zu ermöglichen, so kann man sagen, daß sie den Mord von Milliarden Menschen vorbereiten. Sollte man sie nicht rechtzeitig daran hindern?

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Wenn die Militärtechniker eines Landes ein elektronisches Beobachtungs- und Warnsystem aufbauen, mit dessen Hilfe anfliegende feindliche Raketen sofort erkannt und dadurch rechtzeitig Abfangraketen abgefeuert werden können, die alle anfliegenden feindlichen Raketen zerstören, bevor sie zur Wirkung gekommen sind, dann ist dies nicht etwa ein Unternehmen zur Stärkung der Selbstverteidigung, sondern es ist die gegenwärtig gefährlichste Form der Kriegsvorbereitung.

Wer nämlich als einziger oder eher als alle anderen über ein solches System verfügt, kann den atomaren Angriff wagen, ohne der Gefahr des tödlichen Gegenschlages ausgeliefert zu sein. Das jetzt bestehende atomare Patt, dem allein wir es verdanken, daß der dritte Weltkrieg noch nicht stattgefunden hat, wäre damit aufgehoben. Da die Kosten für den Ausbau eines solchen Systems immens sind, würde eine Macht, die es aufgebaut hat und Gewißheit darüber hat, daß nur sie es besitzt, ohne Bedenken und sofort mit der Vernichtung ihrer Gegner beginnen.

Täte sie es nicht, wäre ihr ganzes Unternehmen eine einzige sinnlose Geldverschwendung. Das Wettrüsten würde weitergehen, aber auf einer neuen, um Größenordnungen kostspieligeren Stufe. Schon jetzt verschlingen die Rüstungen in den Industriestaaten einen großen Teil aller Einnahmen des Staates. Schon jetzt ist der Militäretat zu einer schweren wirtschaftlichen Belastung selbst der reichsten Länder der Erde geworden und hat seine früher einmal wirkende Funktion als Stimulans für industrielle Investitionen verloren. Ein erfolgreicher Atomkrieg, aus dem eine einzige Macht als Sieger hervorgeht, würde zwar nicht das Militär abschaffen, aber er würde es zur reinen Polizeitruppe reduzieren. Denn eine Regierung, die eine Milliarde Menschenleben auf dem Gewissen hat, könnte wohl kaum auf eine schlagkräftige Polizei verzichten. Aber wäre es nicht doch lohnend, Regierungen, die solche Pläne verfolgen, rechtzeitig davonzujagen?

Um das große Fürchterliche zu fürchten, muß man wissen, daß es existiert und nicht etwa das Hirngespinst von notorischen Angstmachern ist. Eine Wasser­stoffbombe setzt bei ihrer Explosion in Bruchteilen einer Sekunde eine Energiemenge frei, die der von Tausend Hiroshima-Bomben entspricht. Es ist die gleiche Energiemenge, wie sie bei der Explosion von zwanzig Millionen Tonnen des chemischen Sprengstoffs Trinitrotoluol freigesetzt wird, das entspricht also 200 Millionen Hundert-Kilo-Bomben oder zwei Milliarden Zehn-Kilo-Granaten, also etwa fünf Kilo Sprengstoff auf jeden lebenden Menschen dieser Erde.

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Diese Menge übertrifft die Gesamtmenge allen Sprengstoffs, der von allen kriegführenden Staaten während des gesamten zweiten Weltkriegs zur Explosion gebracht wurde, um das Mehrfache. Von dieser Art Bomben existieren im Besitz der Atommächte schätzungsweise fünfzigtausend. Ein Bruchteil dieses Vorrats genügt, um unseren Planeten zu verwüsten und alles höher organisierte Leben auszulöschen. Die mörderische Wirkung dieser Bomben geht nämlich nicht nur von der gewaltigen Explosionsenergie aus, sondern außerdem von den freigesetzten radioaktiven Zerfallsprodukten, die in höherer Konzentration direkt tödlich wirken, in geringeren Konzentrationen ein schleichend wirkendes grausames Gift sind, das die Menschen zu jahrelangem Siechtum verurteilt.

Hinzu kommt noch, daß diese Stoffe die genetische Information in den Keimzellen beschädigen, so daß abnorme, größtenteils lebensuntüchtige Nachkommen entstehen können. Dabei bezeichnen die Experten diese Bomben noch als »saubere« Bomben, bei denen die freigesetzte Menge radioaktiven Ausfalls relativ gering sein soll. Mit Leichtigkeit kann man aber Bomben herstellen, bei denen die radioaktiven Nebenprodukte die Hauptsache sind. Es genügt schon, im Mantel einer Atombombe eine größere Menge des Elements Kobalt unterzubringen. Bei der Explosion bildet sich dann daraus das radioaktive Kobalt-60, dessen durchdringende Gammastrahlung erst nach fünf Jahren auf den halben Wert sinkt. Mit einer gar nicht sehr großen Zahl dieser Kobaltbomben könnte man die Erde für Jahrzehnte mit einer tödlichen Konzentration radioaktiv verseuchen. Ich will nicht behaupten, daß die Mächte, die gegenwärtig im Besitz von Atomwaffen sind, eine Garantie gegen die Anwendung der Kobaltbombe wären, weil bei ihrer Anwendung ja auch der Anwender Selbstmord begehen würde. Aber man stelle sich solche Bomben in den Händen von Erpressern oder Verbrechern vor!

Wenn in einigen Jahrhunderten die Menschheit noch existieren sollte, was mir wie gesagt fraglich erscheint, dann werden die Historiker jener glücklicheren Zeit es schwer haben, ihren Zeitgenossen verständlich zu machen, was die heute Lebenden bewogen hat, bei aller unbezweifelbar vorhandenen Intelligenz derart blind, unbelehrbar, kurzsichtig, habgierig, leichtfertig – und verantwortungslos zu sein.

Von den heute lebenden über vier Milliarden Menschen führen einige hundert Millionen in den USA und in Westeuropa und in einigen anderen industrialisierten Ländern ein Leben, das verglichen mit dem Leben der ganzen übrigen Menschheit ein Leben in verschwenderischem Luxus ist.

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Gleichzeitig leben mehrere hundert Millionen Menschen an der Grenze dessen, was man unter den jeweils obwaltenden Zuständen als das Existenzminimum bezeichnet. Und in den ärmsten Ländern sind viele ständig vom Hungertod bedroht. Obwohl also die Produktion von Nahrung in der Welt nicht ausreicht, um alle Menschen satt zu machen, wird in den Ländern, die die größte und bestfunktionierende Landwirtschaft haben, nämlich den USA und Kanada, die Produktion ständig gedrosselt, weil die Armen dieser Erde ja nicht das Geld haben, den Weizen der Reichen zu bezahlen. In Westeuropa türmt sich die Butter, die nicht verkauft werden konnte, obwohl niemand mit der Butter spart, zum Butterberg, der schließlich, nachdem die Butter ranzig geworden war, zu weniger als dem halben Preis an die Sowjet-Union verkauft wurde. Inzwischen hat man dafür jetzt einen Rindfleischberg. Niemand denkt dabei an die Hungernden. Wirklich niemand? Jedenfalls nicht die, denen die Butter, der Weizen und das Rindfleisch gehören. Sie fragen: Warum denn gerade wir?

In der Bundesrepublik Deutschland werden jährlich für Werbung und Marketing, für Verpackung und andere Verfahren der Überredung zum Konsum an die zwanzig Milliarden Mark ausgegeben. Neun Zehntel davon wenigstens sind überflüssig, um nicht zu sagen schädlich und belästigend. Die notwendige öffentliche Information über das Angebot an Waren und deren Eigenschaften ließe sich mit weniger als einem Zehntel dieser Summe leicht finanzieren. Wenn schon allein in der Bundes­republik Deutschland alljährlich Werte im Betrag von 18 Milliarden Mark für Reklame verschwendet werden, kann man sich leicht vorstellen, wieviele Milliarden es in allen reichen Ländern zusammen sein mögen, wohl kaum weniger als hundert Milliarden. Mit den Nahrungsmitteln, die man für diesen Betrag kaufen kann, könnte man alle Hungernden dieser Erde satt machen. Angesichts dieser Zahlen sind die Beträge, die von den Reichen für »Entwicklungshilfe« aufgewendet werden, lächerlich. Hundert Milliarden für Reklame! Viele hundert Milliarden für Alkohol, Tabak, Kosmetik, Kleidung und anderen Luxus inmitten einer Welt, die teils fast, teils ganz am Verhungern ist! Die moderne consumer society, deren wirtschaftlicher Wohlstand darauf beruht, daß sie vergeudet.

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Berge von Papier, Flaschen, Kunststoffabfällen, Blech, faulenden Lebensmitteln türmen sich auf den Müllkippen der Städte und verpesten Luft und Wasser. Kann das ungestraft immer so weiter gehen?

Tatsächlich kann es das nicht, aber nicht wegen der schrecklichen moralischen Belastung, die auf uns Reiche dieser Erde fällt. Sondern einfach deshalb, weil der rasenden Vergeudung natürliche Grenzen gesetzt sind. Wir verbrauchen heute viele natürliche Rohstoffe, die dadurch praktisch unersetzbar verloren gehen. Die Zahlen, die im Meadows-Bericht hierzu angegeben sind, sind beängstigend. Unter der Annahme, daß das gegenwärtige Tempo des industriellen Wachstums anhält und unter der weiteren, sehr optimistischen Annahme, daß sich im Laufe der Zeit noch fünfmal größere Reserven an diesen Rohstoffen finden werden, als gegenwärtig bekannt sind, errechnen sich die folgenden Verbrauchsdauern der Rohstoffe:

Aluminium 55 Jahre,  Chrom 154 Jahre,  Kohle 150 Jahre,  Kobalt 148 Jahre,  Kupfer 48 Jahre,  Gold 29 Jahre,  Eisen 173 Jahre,  Blei 64 Jahre,  Mangan 94 Jahre,  Quecksilber 41 Jahre,  Molybdän 65 Jahre,  Erdgas 49 Jahre,  Nickel 96 Jahre,  Erdöl 50 Jahre  Platin-Gruppe 85 Jahre  Silber 42 Jahre  Zinn 61 Jahre  Wolfram 72 Jahre  Zink 50 Jahre.

Diese Zahlen geben an, in wieviel Jahren diese Rohstoffe unter den gegenwärtigen Bedingungen vollständig aufgebraucht sein werden. Das bedeutet natürlich, daß sich der Preis dieser Rohstoffe in dem Maße, wie sich die Vorräte dem Ende nähern, steil ansteigen wird. Ihrer »wirtschaftlichen« Anwendung sind darum schon eher Grenzen gesetzt.

Der mit der zunehmenden Erschöpfung der Vorräte zusammenhängende Preisanstieg ist schon jetzt bei fast allen Rohstoffen zu beobachten. Er beruht nicht nur auf der mengenmäßigen Verknappung bei steigender Nachfrage, sondern auch darauf, daß schon heute die große Nachfrage nur befriedigt werden kann, wenn weniger wirtschaftliche Rohstoffquellen zur Produktion herangezogen werden, bei denen die Produktionskosten wesentlich höher sind.

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So ist z.B. die Produktion des arabischen Erdöls natürlich wesentlich weniger kostspielig als die Gewinnung von Erdöl mit Hilfe von Bohrinseln in der Nordsee. Aber der Preis auf dem Weltmarkt ist stets so hoch, daß auch an den kostspieligsten Produktionen noch Geld verdient werden kann.

Eine weitere folgenschwere Auswirkung der zunehmenden Rohstoffverknappung ist die Tendenz zur Bremsung der Produktion von Seiten der Rohstoffländer. In den arabischen Staaten, die mehr als die Hälfte aller Vorräte an Erdöl besitzen, sagt man sich sehr einfach, daß die »Verzinsung« ihres Kapitals – nämlich ihres Erdöls – unter der Erdoberfläche zu einem wesentlich höheren Zinssatz erfolgt, als die Dollars sich verzinsen, die sie als Verkaufserlös erhalten. Außerdem könnten die westlichen Währungen eines Tages sehr schnell ihren Wert einbüßen, schneller als heute schon bei Inflationsraten von 5-10 %. Aber das Erdöl bliebe Erdöl, ein Rohstoff, der immer gebraucht werden wird. Nur so kann man verstehen, warum ein Staat wie der Iran, der zu den erdölreichsten Ländern zählt, sich für die Dollarmilliarden, die er damit verdient, in Frankreich gleich zehn Kernkraftwerke kauft, deren Strom um ein Vielfaches teurer sein wird, als der von auf Erdölbasis betriebenen thermischen Kraftwerken.

Dabei ist es noch fraglich, ob es wirklich möglich sein wird, das Energieproblem in der Zukunft mit Hilfe der Kernenergie zu lösen. Nach wie vor ist die Technologie der Kernkraftwerke mit schwer übersehbaren Risiken verbunden, die hauptsächlich darin liegen, daß bei einer sehr schweren Havarie enorme Mengen radioaktiver Spaltprodukte entweichen können, deren Wirkung mit der eines Atombombenangriffs vergleichbar wäre. Aber selbst wenn es gelänge, dieses Risiko gänzlich auszuschließen, eine Steigerung der Energieproduktion in hundert Jahren auf das Tausendfache der gegenwärtigen liegt aus den verschiedensten Gründen einfach außerhalb des Bereichs jeder denkbaren Möglichkeit. Unter anderem würde die Aufheizung der Flüsse und der Luft im Bereich der Ballungsgebiete zu schweren klimatischen und ökologischen Störungen führen, die sich sogar jetzt schon in hochindustrialisierten Gebieten störend bemerkbar machen.

Vor hundert Jahren, in der ersten großen Blütezeit des Kapitalismus, noch vor den zwei Weltkriegen, hat sich niemand die Probleme auch nur im Traume einfallen lassen, vor denen wir heute in der Endphase stehen. Die reichen Industrieländer hatten sich die übrige Welt fast gänzlich in Form von Kolonien angeeignet.

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Ein Rohstoffproblem gab es nicht, denn man holte sie sich aus den Kolonien auf eigene Rechnung und besänftigte die »Eingeborenen« mit Tingel-Tangel oder verprügelte sie. Inzwischen sind die Kolonial­reiche aufgelöst. Die ehemaligen Kolonien haben sich in sehr selbstbewußte Nationalstaaten verwandelt. Einige von ihnen gehören jetzt dank ihrer großen Rohstoffvorräte zu den reichsten Staaten der Welt. Es zeigt sich nun zum Schrecken der Industrienationen, die ihren Reichtum eben noch für das Selbstverständlichste von der Welt gehalten hatten, daß die Natur das Füllhorn ihrer Schätze sehr launisch über unsere Erde ausgestreut und dabei die wirtschaftlichen Interessen der reichen Industrieländer nur in ganz ungenügender Weise beachtet hat.

Vorläufig sind die reichen Industrieländer zwar noch bereit, wenn auch nur zähneknirschend, die steigenden Rohstoffpreise zu bezahlen. Aber es ist ganz offensichtlich, daß es mit diesem Geldstrom in die Taschen der Rohstoffländer nicht ewig so weitergehen kann, ohne daß eine schwere Zerrüttung der Währungen die Folge ist.

Längst bevor es überhaupt zu einer krisenhaften Verknappung kommen wird, muß ein Weg für das »recycling« des Geldes gefunden werden. Die Rohstoff­länder haben dafür im Prinzip zwei Möglichkeiten: 1. Sie investieren ihre Gewinne in den großen Industriestaaten. Auf diese Weise gingen riesige Aktienpakete westdeutscher Konzerne in den Nahen Osten. Die Ölmagnaten wurden Teilhaber der Volkswirtschaften, in die ihre Ölströme fließen. Dies führt zu einer Interessenangleichung der Partner, aber nicht zu einer Lösung des Devisenproblems. 2. Sie investieren ihre Gewinne im eigenen Land.

In einigen der reichsten Ölländer breitet sich ein allgemeiner Wohlstand aus, der aber nur zum geringsten Teil auf eigener Leistung beruht. Das Geld kann gar nicht mit der gleichen Effektivität in Arbeitsplätze umgewandelt werden, wie in den großen Industrie­ländern, hauptsächlich deswegen, weil es noch keine arbeitserfahrene, qualifizierte Industrie­arbeiterschaft gibt. Sehr viel Geld wird einfach durch die verschwenderisch lebende Oberschicht ausgestreut und fließt auf dem Umweg des Konsums von Luxusgütern der Industrieländer nach dort zurück. Auf diesem Weg könnten sich reiche Rohstoffländer, wenn auch langsam, in moderne Industriestaaten umwandeln mit dem Ergebnis, am Ende dieser Entwicklung dann in den gleichen Schwierigkeiten zu stecken, allerdings eben in jenen immensen, heute kaum richtig vorstellbaren Schwierigkeiten, in denen sich der Kapitalismus in 20 bis 30 Jahren unweigerlich befinden wird.

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Man stelle sich vor, nur die Hälfte der jetzt armen Länder würde den Stand des Massenkonsums erreichen, der heute in den Industriestaaten gang und gäbe ist. Die sinnlose Verschwendung von Rohstoffen, die heute von vielleicht 500 Millionen Menschen betrieben wird, überstiege längst alle zulässigen Grenzen, wenn erst einmal zwei Milliarden die Lebensgewohnheiten der Wegwerf-Gesellschaft angenommen haben werden. Und das wäre dann immer noch nur ein Drittel der dann lebenden Menschheit.

Von irgendeiner Stabilität oder auch nur Tendenz zur Stabilisierung kann bei diesen Prozessen der relativen Umverteilung der Reichtümer dieser Erde nicht die Rede sein. Die arm werdenden Reichen werden versuchen, sich zu wehren. Neue technische Erfindungen, neu entdeckte Rohstoffquellen werden alle Berechnungen, alle Hoffnungen der einen und Befürchtungen der anderen immer wieder in Frage stellen oder zunichte machen. Und wenn schließlich einer der ganz großen Mächtigen sich in seiner wirtschaftlichen Existenz bedroht sehen wird, dann wird er nicht zögern, Gewalt anzuwenden. 

Der verflossene USA-Verteidigungsminister Schlesinger hat bereits ganz offen ausgesprochen, daß er bereit sei, bei weiter fortgesetzter Erhöhung der Ölpreise in den arabischen Staaten militärisch zu intervenieren. Sicher könnte er das tun. Die militärischen Machtmittel dazu besitzt er. Es wäre auch keineswegs sicher, daß er von der Sowjetunion oder von sonst wem daran mit militärischen Mitteln gehindert würde. Was er aber für die wirtschaftlichen Interessen der Vereinigten Staaten tatsächlich erreichen würde, wäre vielleicht sogar weniger als gar nichts. Die ökonomische Instabilität der westlichen Welt würde sich nur noch mehr verschärfen, von der politischen ganz abgesehen. Im Vietnam-Krieg, in dem es den Amerikanern nicht um Rohstoffe und materielle Reichtümer ging, sondern wo nur einfach nackte Machtpolitik dahinterstand, nämlich die Beherrschung Südostasiens durch die USA, hat sich aufs Deutlichste gezeigt, daß der Krieg kein praktikables Mittel der Politik mehr ist, und daß er selbst den reichsten Aggressor wirtschaftlich zermürben kann.

Die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise, die sich ja von allen früheren in sehr wesentlichen Punkten unterscheidet, wäre ohne den Vietnam-Krieg auch noch längst nicht so weit gediehen, wie sie es heute ist.

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Die interkontinentalen Atomraketen und die interkontinentale Krise des Kapitalismus haben den Krieg in seiner herkömmlichen Form ad absurdum geführt. Selbst wenn er nur mit konventionellen Waffen geführt wird, ist der militärische Sieg womöglich nur ein verlorener Friede. Die Deutschen verloren zwar den barbarischen Hitler-Krieg und auch noch ihre nationale Einheit, aber sie wurden doch die stärkste Wirtschaftsmacht Europas im Westen wie im Osten. Sie gewannen den Frieden.

Der arabisch-israelische Konflikt ist überhaupt kein Krieg, sondern eine tragisch anachronistische Unglückssituation, die von außen für ganz andere Zwecke mißbraucht und in Gang gehalten wird, als die Beteiligten selbst wähnen. Wenn man von dem glatten Unsinn des Rassismus, der da tobt, die rationale Wurzel sucht, kommt heraus, daß die Juden zwar wie alle Völker am Mittelmeer ein buntes Gemisch sind, aber in erster Linie eben Araber wie die übrigen Araber auch. Sie verdanken es dem römischen Imperium, daß sich ihre Geschichte in den letzten 2000 Jahren so ganz anders abgespielt hat als die der übrigen Araber. Aber sie verdanken es auch der Tatsache, daß aus ihrer Religion das Christentum hervorging. Daß sie heute nicht zu den geistigen und politischen Führern der Gesamtheit der Araber geworden sind, die doch ihre Brüder sind, daß sie stattdessen in ihrer alten Heimat fast mehr als Bedrohung als selbst als Bedrohte leben, ist ein teuflischer Widersinn, der uns alle um ihr Schicksal fürchten macht.

Der einzige Zweck, dem die modernen konventionellen Waffen noch ungeschmälert dienen, ist die Unterdrückung der Bevölkerung durch die Machthaber des eigenen Staats. Ein dritter Weltkrieg mit konventionellen Waffen nach der Art der beiden vorangegangenen Weltkriege ist nicht mehr möglich. Jeder weiß, daß in dem Augenblick, wo eine der beiden Seiten einen womöglich kriegsentscheidenden Vorteil gewänne, die andere Seite zu den Atomwaffen greifen würde. Darum wird, solange das atomare Patt besteht, ein Weltkrieg auch mit konventionellen Waffen unmöglich sein. Seitdem sind Armeen nur noch reine Polizeitruppen für den Bürgerkrieg. Das ändert die gesellschafts­moralischen Wertmaßstäbe für die Bewertung des Armeedienstes von Grund auf.

Es gibt heute nur wenige Länder, in denen wesentlich mehr Nahrungsmittel erzeugt als verbraucht werden. Bisher ist es gelungen, mit Hilfe der Überschüsse dieser Länder die Defizite anderer einigermaßen zu decken, sofern diese Länder in der Lage waren, dafür auch zu bezahlen.

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Wir müssen damit rechnen, daß auch dieser Ausgleich der Bilanzen sehr bald nicht mehr funktionieren wird. In zwanzig Jahren wird es etwa doppelt soviel Menschen geben wie heute, im Ganzen acht bis neun Milliarden. Gelänge es, die Lebensmittelproduktion in dieser Zeit gleichfalls zu verdoppeln, so bliebe im günstigsten Fall die relative Verteilung des Hungers die gleiche wie heute. Wahrscheinlich würde sich aber die Zahl der Hungernden mehr als verdoppeln, weil gerade die armen Völker den größten Bevölkerungszuwachs haben. Er wird auch durch schärfste Maßnahmen der Geburtenkontrolle kaum zu bremsen sein, weil er weniger auf einer großen Geburtenzahl als auf einer schnellen Verminderung der Sterblichkeit infolge hygienischer Maßnahmen und erfolgreicher Seuchen­bekämpfung beruht. In diesen Ländern werden also in den kommenden Jahrzehnten viele Menschen leben bleiben, die bisher an Seuchen gestorben wären. Aber dafür werden sie hungern.

Der Hunger wird in der Welt zunehmen, wenn es nicht gelingen wird, die Nahrungsmittelproduktion zu verdoppeln oder gar zu verdreifachen, wie es notwendig wäre. Aber obwohl dies den Regierenden und den dafür zuständigen Kommissionen der Vereinten Nationen bekannt ist, ist von einem großzügigen weltweiten Plan zur Verhinderung einer zukünftigen Hungerkatastrophe keine Rede. Wenn ein solcher Plan überhaupt noch Aussicht auf Erfolg haben soll, müßte er ohne jeden Verzug sofort in Angriff genommen werden. Aber es geschieht nichts. Dabei ist es nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch eine arge Selbsttäuschung, wenn die Reichen meinen, der Hunger der Armen werde ihr Wohlleben nicht stören.*

Wenn der Hunger sich in Asien, Afrika und Südamerika weiter ausbreiten wird, werden auch die wirtschaft­lichen und politischen Spannungen dort zunehmen. Sie sind nicht ohne gefährliche Fernwirkung bis in die Zentren der Industrieländer. Der amerikanische Außenminister Henry Kissinger weiß sehr wohl, welche Gefahren für die USA von der politischen Entwicklung in Rhodesien und in der Südafrikanischen Republik drohen. Sein Ziel ist nicht die Befreiung der schwarzen Mehrheit von der Herrschaft der weißen Minderheit, sondern die Umwandlung der rassistischen Regime in stabile kapitalistische, die den Fortbestand der Herrschaft einer reichen Minderheit über eine Mehrheit der Armen garantieren sollen.

*  OD: Ich habe das Wörtchen "nicht" eingefügt; das scheint mir sinnvoller: nicht stören.

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Kissinger weiß, daß auch in einer parlamentarischen Demokratie reinsten Wassers die Macht nicht vom Volke ausgeht, sondern von denen, die im Besitz der wirtschaftlichen Macht sind. Darum sieht er in der Übergabe der Macht an die schwarze Mehrheit keine Gefahr, solange nur die Macht der Konzerne nicht angetastet wird. Die einzige große Gefahr, die wirklich bedrohlich ist, ist eine blutige Auseinander­setzung zwischen Schwarz und Weiß, bei der eine Verwicklung anderer Mächte in den sich ausweitenden Krieg sehr leicht möglich wäre.

Die Unterschiede im Bruttosozialprodukt, in der Arbeitsproduktivität und dementsprechend im Lebensstandard in den verschiedenen Ländern der Erde sind enorm. In diesen Unterschieden kommt nicht nur der Grad der politischen und wirtschaft­lichen Instabilität zum Ausdruck, sie sind auch in hohem Maße deren Ursache. So betrug das Bruttosozialprodukt je Kopf der Bevölkerung im Jahre 1960 in den armen Ländern 100 Dollar, während es in den USA bei 4000 Dollar lag. Dabei zeigt sich noch, daß die jährliche Steigerungsrate des Bruttosozialproduktes in den armen Ländern viel niedriger ist als in den reichen. Der Unterschied zwischen Arm und Reich wird also immer größer.

Wenn man bedenkt, daß außerdem die Bevölkerungs­zunahme in den armen viel größer ist als in den reichen Ländern, ergibt sich, daß in relativ wenigen Jahren diese Diskrepanz ein Ausmaß erreichen wird, das ein friedliches und ungestörtes Neben- und Miteinander von Arm und Reich einfach nicht mehr zulassen wird. Welcher Art und wie stark die unvermeidliche Auseinandersetzung sein wird, und ob sie nicht eine sehr ernste Gefahr für die ganze Kultur­entwicklung der Menschheit heraufbeschwören wird, kann heute noch niemand auch nur einigermaßen voraussagen. Aber daß das Ende dieser Zeit, in der wir heute leben, mit Riesenschritten heranrückt, daran kann nicht mehr der geringste Zweifel bestehen.

Kann man oder muß man deshalb heute sagen: Unsere Lage ist hoffnungslos. Ich glaube, daß es noch Wege gibt, um die unvermeidliche Katastrophe zu überleben. Selbstverständlich können wir nicht warten, bis die Armen – mit ein bißchen freundlicher Unterstützung von uns – reich geworden sind. Damit das überhaupt geschehen könnte, müßten die Industrie­nationen für Jahrzehnte zumindest auf jedes wirtschaftliche Wachstum verzichten, wozu sie unter den gegenwärtigen politischen und ökonomischen Bedingungen in keinster Weise bereit sind.

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Aber was wäre denn schließlich das Ergebnis eines solchen utopischen Prozesses, durch den der »Lebens«-Standard von sieben Milliarden Menschen auf das Niveau gehoben würde, auf dem wir in den reichen Ländern heute leben? Ganz abgesehen davon, ob das Leben, wie es die Menschen in den reichen Ländern heute führen, wirklich das einzig erstrebenswerte Leben ist, was mir sehr fraglich erscheint, daß sämtliche sieben Milliarden Menschen sich dereinst nach dem Stil unserer Wohlstands­gesellschaft einrichten, wird schon daran scheitern, daß unser Planet die damit verbundene Umwelt­verschmutzung einfach nicht verkraften könnte.

Außer der Rohstoff- und Energiekrise und der aus ihnen hervorgehenden Weltwirtschaftskrise bedroht uns noch die ökologische Krise. Die festen, flüssigen und gasförmigen Ausscheidungen, die die menschliche Zivilisation bisher unbedenklich in Form von Abwässern, Abgasen, Rauch, Staub, Giften, Herbiziden, Insektiziden, Antibiotika, Müllbergen und Abfallhaufen der freien Natur überließ, beginnen ein Ausmaß zu erreichen, das eine ernste Gefährdung des ökologischen Gleichgewichts auf der Erde darstellt. Ökologisches Gleichgewicht bedeutet, daß alle stofflichen und energetischen Umsätze sich im Bruttoergebnis aufheben.

Nehmen wir einige einfache Beispiele, um den Begriff zu erläutern: Die mittlere Temperatur auf der Erde bleibt über sehr lange Zeiträume (viele Jahrtausende) konstant, weil die der Erde von außen durch Sonnenstrahlung zufließende Energie und die aus dem Innern der Erde kommende eigene Erdwärme ebenso groß sind, wie die von der Erde in den Weltraum ausgestrahlte Energiemenge. Daß Zufluß und Abfluß im Durchschnitt einander genau gleich sind, wird dadurch ermöglicht, daß die Energie­strahlung sehr stark von der Oberflächentemperatur der Erde abhängt. Die Temperatur stellt sich gewissermaßen automatisch so ein, daß Zu- und Abfluß einander gleich sind. Denn solange sie es nicht sind, steigt respektive sinkt die Temperatur bis das Gleichgewicht erreicht wird.

Ein anderes Beispiel ist der Gehalt der Atmosphäre an Kohlendioxid, Sauerstoff und Ozon: Vor der Entstehung des Lebens enthielt die Atmosphäre unseres Planeten wahrscheinlich wenig oder gar keinen Sauerstoff und kein Ozon, dafür aber große Mengen Kohlendioxid. Wegen des Fehlens von Sauerstoff und Ozon konnte auch das kurzwellige Ultraviolett (UV) der Sonnenstrahlung die Atmosphäre ungeschwächt passieren.

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In den Urozeanen, die neben Salzen aller Art, Ammoniak, Amine und Karbonate enthielten, bewirkte dieses kurzwellige UV die Entstehung von Aminosäuren, später von immer komplizierteren Polypetiden, den chemischen Vorstufen der Eiweißstoffe. So entstand das Leben. Als es einen ersten höheren Organisationsgrad erreicht hatte, erwarb es die Fähigkeit, komplizierte organische Stoffe, Kohlehydrate, Fette und Eiweißstoffe direkt aus Kohlendioxid, Wasser und Aminen unter Ausnutzung der Energie des Sonnenlichts aufzubauen. Und zwar benutzte es dabei nicht mehr das kurzwellige UV, das nur einen kleinen Teil der Gesamtenergie der Sonnenstrahlung transportiert, sondern das längerwellige sichtbare und rote Licht. Bei diesem Vorgang, den man Photosynthese nennt, wird Kohlendioxid verbraucht und Sauerstoff freigesetzt. Im Laufe einiger hundert Millionen Jahre verschwand das Kohlendioxid fast gänzlich aus der Luft und wurde durch Sauerstoff ersetzt, der jetzt einen Gehalt von knapp 20 % in der Luft erreicht hat.

Mit dem Verschwinden des Kohlendioxids aus der Atmosphäre wäre es mit dem Fortbestand des Lebens auf der Erde ganz zweifellos zuende gewesen, wenn sich nicht bereits sehr bald eine neue Form des Lebens entwickelt hätte, das tierische Leben. Nur die Pflanzen leben nämlich durch die Photosynthese. Der tierische Organismus lebt von den Pflanzen. Er macht den Prozeß der Photosynthese wieder rückgängig. Unter Verbrauch von Sauerstoff verbrennt er die Fette und Kohlehydrate zu Kohlendioxid und Wasser. Erst dadurch, daß Pflanzen und Tiere mit ihren quasi umgekehrten Stoffwechselprozessen auf der Erde zusammen leben, war die Herstellung des ökologischen Gleichgewichts möglich. Die Tiere erzeugen ebensoviel Kohlendioxid wie die Pflanzen verbrauchen und die Pflanzen liefern dafür genau die Menge an Sauerstoff, die die Tiere zum Leben benötigen. In den höheren Schichten hat sich dabei unter dem Einfluß des kurzwelligen UV der Sonne aus dem Sauerstoff eine Ozon-Schicht gebildet, die selbst noch weit stärker UV absorbiert und auf diese Weise das Leben der höchst­entwickelten Lebewesen vor den für sie äußerst schädlichen Wirkungen dieser Strahlung schützt.

Die ungeheueren Mengen Kohlendioxid, die mit der zunehmenden Industrialisierung durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Kohle und Erdöl in die Atmosphäre gelangen, haben bereits zu einem Anstieg des Kohlen­dioxidgehaltes geführt, der heute etwa 8 % höher ist als um die Jahrhundertwende. Darin zeigt sich der Beginn einer Störung des thermischen und des atmosphärischen ökologischen Gleichgewichts.

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Beide sind nur Teilaspekte des ökologischen Gesamtsystems unseres Planeten. Jede Störung in einem Teilgebiet hat Rückwirkung auf andere und auf das Ganze. Gerade die Gleichgewichte im Bereich des Lebens sind gegen Störungen äußerst empfindlich. Mit Hilfe von Insektiziden wie DDT kann man ganze Obsternten vernichten, weil die Befruchtung durch die Insekten ausbleibt und der Wind womöglich in der entscheidenden Zeit nicht ausreichte, um die Bestäubung durch verwehte Pollen zu ermöglichen. Durch Entlaubungsmittel, wie sie die USA in Vietnam angewendet haben, kann das ökologische Gleichgewicht völlig zerstört und können blühende Länder in Wüsten verwandelt werden. Aber es ist ein Irrtum zu glauben, daß sich die Wirkung dieser Störungen örtlich beschränken läßt. Mit der Vernichtung der Vegetation in einem verhältnismäßig kleinen Gebiet kann eine fortschreitende Änderung des Klimas in sehr großen Gebieten eingeleitet werden, die wiederum das gesamte ökologische System der Tier- und Pflanzenwelt eines Kontinents aus dem Gleichgewicht bringt.

Die Erforschung der ökologischen Gleichgewichte und Regelsysteme der Erde steht noch in ihren Anfängen. So können wir heute noch keine sicheren Voraussagen über die Folgen der immer massiveren Eingriffe machen, die durch die bedenkenlose Ausweitung der Industrie und die mit ihr einhergehende Umweltverschmutzung in der Zukunft eintreten werden. Eins kann aber mit Sicherheit schon heute gesagt werden: Bereits der jetzt erreichte Grad der industriellen Umweltverschmutzung hat die zulässige Grenze erreicht, wenn nicht schon weit überschritten. 

Eine weitere Zunahme um den Faktor zehn oder zwanzig, wie er sich für die kommenden Jahrzehnte aus dem gegenwärtigen Trend ergibt, würde zu absolut unerträglichen Zuständen führen, die sogar dann noch eintreten würden, wenn man — aber eben zu spät — intensivste Gegenmaßnahmen eingeleitet hätte. Das liegt daran, daß die ökologischen Systeme auf Störungen nicht sofort, sondern mit erheblicher zeitlicher Verzögerung reagieren, so daß die Wirkungen selbst dann noch unabwendbar sind, wenn die Ursachen längst nicht mehr wirken.

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Im Meadows-Bericht über »Die Grenzen des Wachstums« kommen die Autoren zu folgenden wichtigen Feststellungen: Sie weisen darauf hin, daß allen ihren Berechnungen »die unausgesprochene Ansicht (zugrunde liegt), daß Bevölkerungszahl und Kapital die Möglichkeit haben sollten, möglichst unbeschränkt weiter­zuwachsen, bis eine natürliche Grenze erreicht wird. Diese Annahme ist ein wesentlicher Punkt der menschlichen Wertmaßstäbe, die das System der realen Welt in Gang halten.«

Wenn immer diese Wertmaßstäbe im Modell wirksam sind, jagt das Wachstum immer weiter gegen einen Grenzwert, schießt darüber hinaus und bricht dann zusammen ... Diese Verhaltensart, die stets zum Übersteigen von Maximalwerten und zum Zusammenbruch führt, ist recht einfach zu durchschauen. Überall in der Struktur der ineinander verflochtenen Regelkreise wirken zwischen den Ursachen und Wirkungen zeitliche Verzögerungen, im Modell ebenso wie in der realen Welt. »Deshalb rennen Bevölkerungszahl und Kapital unter dem Antrieb exponentiellen Wachstums nicht nur gegen die gesetzten Grenzen, sondern schießen darüber hinaus, bis entsprechend den zeitlichen Verzögerungen der Wachstumsvorgang abgewürgt wird. Exponentiell zunehmende Umweltverschmutzung kann über den kritischen Wert ansteigen, weil dieser bei den Auswirkungen erst nach Jahren bemerkbar wird, wenn effektiv schon sehr viel mehr Schadstoffe freigesetzt worden sind. Ein exponentiell wachsendes Industriesystem kann eine Kapitalmenge entsprechend einer bestimmten Rohstoffmenge bereitstellen, die schon gar nicht mehr vorhanden ist, wenn sich das Kapital auswirkt, weil während der Verzögerungszeit durch das Wachstum zuviel Rohstoffe verbraucht wurden.«

Die Autoren des Meadows-Bericht kommen zu der Schlußfolgerung, daß nur durch eine weltweite Wachstumsbeschränkung eine schreckliche Katastrophe von der Menschheit abgewendet werden kann. Sie schreiben:

»Wie dieser Verfall abliefe, ist schwer vorstellbar. Er könnte an verschiedenen Punkten der Erde zu verschiedenen Zeiten oder aber auch weltweit einsetzen, allmählich oder sehr plötzlich. Wird zuerst die Grenze der Nahrungsmittel­produktion erreicht, hätten die nichtindustrialisierten Länder die größten Bevölkerungsverluste. Bei einer Erschöpfung der nicht regenerierbaren Rohstoffe träfe es die Industrienationen. Möglicherweise würde die Fähigkeit der Erde zur Aufrechterhaltung von Fauna und Flora erhalten bleiben, sie könnte aber auch stark vermindert oder gar vernichtet werden. Mit Sicherheit besäßen die überlebenden Reste der Menschheit, wie groß auch ihre Zahl wäre, nicht mehr viel, um eine neue Form der Gesellschaft, die noch unseren Vorstellungen zugänglich ist, aufzubauen.«

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Gegen den Meadows-Bericht sind viele Einwände erhoben worden, teils sehr einfache, wie beispiels­weise von Herman Kahn, der einfach die Fakten bestreitet und im Glauben »wir werden sie schon finden« behauptet, daß es keine ernste Rohstoffkrise geben werde und genug da sei, um 20 Milliarden Menschen tausend Jahre lang mit einem Jahreseinkommen von 20.000 Dollar zu versorgen, und zwar auf der Basis der Technik von heute.

Kahn selbst berechnet die Größe der bewohnbaren Flächen nach Abzug der für Landwirtschaft und Industrie benötigten Fläche auf 20 Millionen Quadratkilometer. Bei einer Bevölkerungszahl von 20 Milliarden Menschen bedeutet dies eine mittlere Bevölkerungsdichte in den Siedlungsgebieten von 1000 Menschen je Quadratkilometer, und das auf der ganzen Erde. Das ist die Bevölkerungsdichte dicht besiedelter Ballungsgebiete. Aber selbst wenn man den erstaunlichen Optimismus von Herman Kahn einmal akzeptiert, bei der Fortsetzung des Wachstums im gegenwärtigen Tempo wäre die 20-Milliarden-Zahl der Weltbevölkerung jedenfalls noch vor Ablauf des 21. Jahrhunderts erreicht und das Kahnsche Wohlstandsjahrtausend müßte aus neun Jahrhunderten ohne jedes Wachstum bestehen. Noch vor Ablauf der vor uns liegenden nächsten hundert Jahre müßten sehr schwerwiegende Änderungen in den Entwicklungs­bedingungen auf der Erde eingetreten sein, die bewirken, daß die jetzige Phase des exponentiellen Wachstums beendet wird.

Und das ist die Frage, um die es überhaupt nur geht. Die Autoren des Meadows-Berichtes haben mit aller Entschiedenheit hervorgehoben, daß ihre Modell­rechnungen keine Vorhersage der wirklich vor uns liegenden Entwicklung ergeben. Sie haben nur auf Grund der heute bekannten Zahlen über Vorräte und Entwicklungstempo und unter Zugrundelegung verschiedener zusätzlicher Annahmen berechnet, wie sich bei Fortsetzung der gegenwärtigen Entwicklung ohne wesentliche Änderung sozialer und politischer Parameter, noch dazu unter der Annahme kaum realisierbarer günstiger Nebenbedingungen, die Entwicklung vollziehen würde. In allen Fällen ergab sich für das 21. Jahrhundert eine sehr schwere Krise, in deren Verlauf eine Milliarde Menschen oder sogar noch wesentlich mehr in wenigen Jahrzehnten an Hunger und Vergiftung durch Umweltverschmutzung sterben werden.

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Diese furchtbare Katastrophe läßt sich – nach gleichfalls von dem Meadows-Team durchgeführten Berechnungen – vermeiden oder jedenfalls sehr mildern, wenn sofort mit drastischen Maßnahmen der freiwilligen Wachstumsbeschränkung begonnen wird. Der Meadows-Bericht wurde 1973 veröffentlicht; außer einigen Konferenzen und teils zustimmenden, teils kritischen Publikationen war bisher das Ergebnis dieser sehr ernsten Warnung gleich Null.

 

Die Frage ist: Warum? Warum verhält sich die Menschheit wie ein Autofahrer, der auf einen Abgrund zurast und sich als einzige Gegenmaßnahme nur die Augen zubindet, statt auf die Bremse zu treten? Ist es etwa eine uns angeborene menschliche Schwäche, daß uns die Sorgen und die Leidenschaften der Gegenwart, ja des unmittelbaren Augenblicks für die Sorgen blind machen, die in der Zukunft liegen? Ich halte nichts von solchen Theorien. Sie erklären eigentlich gar nichts, sondern behaupten, was sie erklären wollen, sei in Wirklichkeit unerklärlich. 

Ich sehe in der Fähigkeit des Menschen, die Folgen seiner Handlungen – wenn auch nur in Grenzen – vorauszusehen, einen der ganz wesentlichen Unterschiede zwischen Mensch und Tier. Wenn man von geistigen Fähigkeiten des Menschen sprechen will, die ihm von Natur angeboren sind, so ist gerade diese eine der hervorragendsten. Die Tatsache, daß die Warnungen des Meadows-Berichts bisher ohne jede relevante Wirkung geblieben sind, daß keine Regierung, kein Parlament geschweige denn die UNO sich zumindest kritisch mit dem Problem befaßt hat, hat andere Gründe. Diese Gründe liegen in der politisch-ökonomischen Struktur der heute auf der Erde bestehenden Gesellschafts­systeme und in den großen Spannungen und Gegensätzen zwischen ihnen.

Eine weltweite freiwillige Wachstumsbeschränkung, die etwa im Verlaufe einer Sitzungsperiode der UNO beraten und beschlossen werden soll, klingt wie eine Sache, die nur von Vernunft und gutem Willen abhängt. Wie sollte aber eine solche freiwillige Wachstums­beschränkung aussehen? Außerdem müßte sie ja möglichst schnell zu einem totalen Stillstand des Wachstums, dem viel zitierten Nullwachstum, führen. Wie sollte das Leben der Menschheit nach Erreichung dieses Stillstandes aussehen? Sollten alle Armen durch Industrialisierung auf das ökonomische Niveau gehoben werden, auf dem die Reichen jetzt leben? Das hieße, daß die Industrieproduktion sich im Ganzen mindestens verfünffachen müßte.

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Von einer Abwendung der Rohstoff- und Energiekrise könnte unter diesen Bedingungen überhaupt keine Rede sein. Tatsächlich müßten die Reichen ihre Industrieproduktion möglichst in dem gleichen Maße abbauen, wie es gelingt, die armen Länder zu industrialisieren. Die Reichen, das wären in erster Linie die USA, die Staaten der EG, die Sowjet-Union und Japan.

Kann man sich vorstellen, daß diese Staaten sich darüber einigen, ihre Industrieproduktion abzubauen zugunsten eines Industrieaufbaus in China, Indien, Afrika und Südamerika? Kann man sich vorstellen, daß eins dieser Länder freiwillig, ohne Rücksicht darauf, was die andern tun, mit entschiedenen Maßnahmen des Wachstumsstops beginnen würde? Könnte sich auch nur die Regierung eines dieser Länder die Einleitung solcher Maßnahmen leisten? Bestünde nicht die Gefahr, daß die mit diesem Industrieabbau unvermeidlich einhergehende vorübergehende militärische Schwäche von den Gegnern dieses Landes zu einem Überfall ausgenutzt würde?

Und selbst wenn dies nicht geschähe, könnte eins der jetzigen großen Industrieländer durch solche Maßnahmen die weltweiten Folgen der Wachstumskrise in der übrigen Welt von sich fernhalten? Oder sollte man nur danach streben, das Wachstum in allen Ländern zu bremsen, ohne Rücksicht auf den erreichten Stand der Industrialisierung, was bedeuten würde, daß schließlich ein Zustand großer Gegensätze zwischen Arm und Reich, vermutlich noch größer als heute, auf Dauer eingefroren würde?

Alles Fragen, die uns deutlich machen, daß die katastrophale ökologische Krise von der Menschheit nur abgewendet werden kann, wenn sich in den vor uns liegenden Jahrzehnten große revolutionäre Veränderungen in der politischen und ökonomischen Struktur der menschlichen Gesellschaft vollziehen. Aber in welchem Teil unserer in Ost und West gespaltenen Welt werden sich die Kräfte entwickeln, die imstande sind, diese Umwälzung noch rechtzeitig in Gang zu setzen? Das Lager des Sozialismus, auf das so viele alle Hoffnung setzen, ist durch den Konflikt zwischen der Sowjet-Union und China sehr geschwächt. Die Faszination, die die weltweite internationale Einheit des »Friedenslagers« früher ausstrahlte, ist nicht mehr, seitdem es zwei Konzepte des Sozialismus gibt, die sich in unversöhnlicher Feindseligkeit bekämpfen, ja sogar mit Krieg bedrohen.

Wäre es denkbar, daß der hochentwickelte, moderne Kapitalismus mit seinem enormen Industrie- und Knowhow-Potential befähigt ist, den Ausweg aus der Krise zu finden?

Oder kann man zu hoffen wagen, daß die revolutionären Kräfte in den Zentren der kapital­istischen Welt mit der sich verschärfenden ökonomischen Krise wachsen und schließlich siegen werden, so daß bei aller Vielheit der politischen Vorstellungen eben doch jene »Einheit in der Vielheit« geschaffen werden könnte, von der Togliatti* träumte?

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* P. Togliatti (1893-1964) übernahm unter Mussolini die Leitung der illegalen KP Italien. Er verfolgte eine Strategie der nationalen Autonomie und des Polyzentrismus und setzte sich ein für die Erhaltung des revolutionären Kampfes innerhalb einer internationalen Solidarität, die die »Einheit der Vielfalt« bewahren muß.

 

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