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Industrie im Land Utopia 

 

 

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"Der Industrie?" —  Anna erklärte uns nun, daß sich hier zwar ein sehr großer landwirtschaftlicher Betrieb befindet, mit dessen Besichtigung wir gerade erst begonnen hatten, daß aber diese ganze ausgedehnte Landwirtschaft eigentlich nur ein Nebenprodukt ist, das sich dadurch ergeben hat, daß sich hier, unter unseren Füßen, ein großes, vollautomatisches Industriewerk, ja ein ganzes Ensemble solcher Fabrikationsautomaten befindet. Beim Bau dieser Anlagen ergab sich die Notwendigkeit, eine sehr große Fläche vollständig und bis in die Tiefe umzupflügen. 

Nicht mit landwirtschaftlichen Pflügen, sondern mit großen Erdbewegungs- und Baumaschinen mußte das Gebiet tief ausgehoben, planiert und mit einem komplizierten System von Betriebs- und Versorgungsleitungen versehen werden. "Als schließlich die riesige Anlage installiert war, der Bau dauerte acht Jahre, haben wir über alles eine hochwertige Bodenschicht gelegt, optimal für die landwirtschaftlichen Kulturen. Die Abwärme, die in dieser Fabrik entsteht, ist nicht groß. Aber sie muß beseitigt werden, da die gesamte Anlage bei absolut konstanter Temperatur arbeitet. Im Winter werden wir die anfallende Wärme fast gänzlich durch die Abgabe an den Boden der Gewächshäuser los. In den wärmeren Jahreszeiten leiten wir sie in das Meer, die Küste der Adria ist von hier ja nur 30 Kilometer entfernt."

Wir wollten wissen, was hier produziert wird und wieviel Arbeitskräfte in den Anlagen beschäftigt sind. "Ich sagte schon", fuhr Anna fort, "daß die Fabrikation vollständig automatisch ist. Auch die Überwachung bis hin zu einer Selbstregelung von Störungen und Ausfällen ist automatisiert. Arbeitskräfte im eigentlichen Sinne gibt es hier nicht. Die Anwesenheit von Menschen in den arbeitenden Anlagen wäre sogar eine Störung. Das ganze industrielle Zentrum wird von einem Forschungs- und Entwicklungsinstitut geleitet. Wir werden es später besuchen. Es liegt am westlichen Rand der Anlage, dort, wo die Steilküste felsig ins Meer abfällt. Man hat dort einen weiten Blick über das Meer und die vorgelagerten Inseln."

Wir stellten zu der unterirdischen und für uns unsichtbaren und unzugänglichen Industrie jetzt keine weiteren Fragen, wollten sie uns für den Besuch des Instituts aufheben. Wir vertrauten uns nun der Führung Ulrikes an, die uns mit ihrem lautlosen Jeep durch die endlosen Hallen ihrer Treibhäuser kutschierte. Die Luft war warm und tropisch feucht, die Vegetation von wuchernder Üppigkeit.

"Die Dächer unserer Treibhäuser bestehen aus einem Spezialglas, das nicht nur den Treibhauseffekt optimal hervorruft, indem es das langwellige Infrarot stark reflektiert, das kurzwellige aber durchläßt. Es hat noch eine zweite wichtige Eigenschaft: Je nach der Intensität der Sonnenstrahlung verfärbt sich das Glas, wird dunkler und grüner, wenn die Strahlung der Sonne bestimmte Werte überschreitet, und wird hell und durchsichtig, wenn sie wieder abnimmt. Dadurch vermeiden wir eine Überbelichtung der Pflanzen, die sehr schädlich sein kann. Außerdem ist in der Luft dieser Treibhäuser der Gehalt an Kohlendioxid künstlich erhöht. Ich hoffe, ihr werdet es noch nicht störend bemerkt haben. Aber das vermehrte Angebot an Kohlendioxid beschleunigt die Photosynthese und verbessert die Energieausbeute. Alle Erntearbeiten sind in den Treibhäusern — ebenso wie in den Freilandkulturen — vollautomatisiert. 

Auch die Aussaat wird durch Automaten bewerkstelligt. Sie arbeiten so, daß besonders einfache Ernteautomaten, die nur wenige Verluste haben, eingesetzt werden können. In den Fällen, wo die Jungpflanzen nach einer ersten Wachstumsphase vereinzelt werden müssen, machen wir das auch mit Maschinen. Der große Vorteil der Gewächshauskulturen vor den Freilandkulturen, durch den sie trotz der relativ großen Aufwendungen für die Anlagen in vielen Fällen schon sparsamer arbeiten als diese, besteht nicht nur in der Möglichkeit, drei bis vier Ernten im Jahr einzubringen, sondern ganz besonders darin, daß sie vollständig vor dem Befall durch Schädlinge und Pflanzenkrankheiten geschützt sind. Wir benötigen deshalb hier keine Insektizide oder Chemotherapeutika gegen Pflanzenkrankheiten. Dementsprechend ist die Qualität der Produkte denen der Freilandkulturen weit überlegen. Lohnend ist dieser Aufwand natürlich nur bei hochwertigen Gemüsen. Getreide, Zuckerrüben, Kartoffeln und andere Basisprodukte unserer Ernährung sind gegen diese Gefahren weitgehend — wenn auch nicht vollständig — dadurch geschützt, daß wir hochgezüchtete resistente Spezialrassen dieser Pflanzen anbauen. Das ist ganz ähnlich wie bei der Viehzucht, wo wir ja auch mit solchen Zuchtrassen arbeiten. Allerdings hält sich die angezüchtete Erbanlage nicht lange und wird oft nur unvollkommen auf die Samen übertragen.

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Mit Stecklingskulturen kann man die Lebensdauer der Erbinformation etwas verlängern. Aber selbstverständlich müssen wir in besonderen Pflanzenzucht­anlagen immer wieder neues hochwertiges Saatgut heranzüchten. Da wir die Erbgänge bei vielen Kulturpflanzen schon sehr gut kennen, arbeiten sogar diese Zuchtbetriebe in vielen Fällen automatisch. Aber es wird auch immer wieder experimentiert. Wir haben viele junge Leute, die sich für diese Technik interessieren und in großen Forschungsgruppen zusammenarbeiten."

Während Ulrike uns ganz stolz und begeistert Bericht gab, fuhren wir vorbei an wuchernden Artischockenbeeten, an endlosen Spargelpflanzungen, für weißen und auch für grünen Spargel, der sich frech aus der Erde hervorwagen darf, an Chicoreekulturen, Salatbeeten mit Kopfsalat, Endivien und Feldsalat. Viele der angepflanzten Köstlichkeiten waren uns ganz unbekannt, wohl erst ganz neu in Utopia gezüchtete Spezialitäten, von denen wir ja schon am ersten Tag — ohne zu ahnen, was wir aßen — von Anna und Bertram Kostproben vorgesetzt bekommen hatten.

Wir hatten eine weite Rundfahrt gemacht und gelangten nun zum Eingang, wo Ulrike uns begrüßt hatte, zurück. Wir fanden dort Bertram mit den beiden Eseln. Er schlief, und die beiden Esel weideten in ganz unzulässiger Weise in einem Kornfeld, dessen frische Saat gerade aufgegangen war. Aber Ulrike schien das nicht zu stören. Sie lud uns zu einem großen rein vegetarischen Essen zu sich ein, und wir folgten dieser Einladung gern und voller Erwartungen. 

Nachdem unsere Eselchen mit ihren Halftern an dafür vorgesehenen Haken angebunden waren, fuhren wir mit dem lautlosen Jeep auf einer zwar schmalen, aber glatten Straße zu Ulrikes Haus. Es lag auf einer felsigen Anhöhe. Wir konnten mit dem Wagen bis zum Haus fahren, wo Ulrike das Gefährt in einem offenen Verschlag abstellte. Das Haus bestand praktisch aus nur einem großen Raum. In der Mitte befand sich eine große steinerne Kochstelle, ein riesiger Herd, wie es sie in mittelalterlichen Häusern gegeben hat, mit einem großen Rauchabzug darüber.

Am Boden lagen farbige, handgewebte Teppiche, ein großes weißes Fell, verschiedene Sitzgelegenheiten, kleine Hocker und weiche Sessel, eine große quadratische Liege, mit dicken Wolldecken und bunten großen Kissen. An der Wand viele Bilder, meist Aquarelle, alle bis auf wenige, wie es schien, vom gleichen Maler. Es schienen Landschaften zu sein, aber beim näheren Betrachten zeigten sich nur unbestimmte ineinander übergehende Formen und Konturen, wie Wolkenbildungen, die der Phantasie freien Lauf lassen.

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Da sah man die schwellenden Linien weiblicher Gestalten, dort schien ein Satyr auf einer Schlange zu reiten. Aber tatsächlich war nichts von solch bestimmter Art in den Bildern zu finden, die am meisten durch den Rausch ihrer Farben das Auge anzogen und die Sinne erregten. Das Haus war auf einer Seite fast ganz offen, wodurch sein großer Innenraum mit der mit unregelmäßig geformten Steinplatten gepflasterten Terrasse und dadurch mit der ganzen weiten Landschaft verbunden war. Man konnte die breite Öffnung des Hauses wohl durch einen dicken, weichen, schwach gelblich gefütterten Vorhang verschließen. Aber eine Tür oder irgendeine andere Möglichkeit, das Haus nach außen abzuschließen, etwa eine Jalousie, konnte ich nicht entdecken. Jetzt zur Mittagszeit hatten wir die Sonne hoch über uns, aber ein kleines Vordach gab Schutz und Schatten. Die Terrasse ging nach Westen und wir sahen zum ersten Mal das Meer, die blaue Adria, vor uns liegen. Wir waren hoch über der Küste und konnten weit hinausblicken, auf die Staffage der vielen Inseln, die wie flache Wolkenbänke im Meer lagen, sie schienen hingemalt wie der Hintergrund auf chinesischen Holzschnitten.

Ulrike fing an zu kochen und zu bruzzeln und wollte von keinem dabei Hilfe annehmen. Sie hatte viele Töpfe und Kasserollen, Pfannen und Näpfe, einige aus Kupfer. Die meisten aber waren irden, feuerfest gebrannter Ton in braunen und hellgelben Farbtönen. Bald fing es an, köstlich zu duften, und Ulrike reichte uns die ersten Proben ihrer Kunst. Auf einem Tablett lagen runde grüne Bällchen, für jeden von uns eins, mit dem Finger zu nehmen, ohne Besteck. Beim Durchbeißen zeigte sich, daß die Bällchen innen feuerrot waren und lieblich schmeckten, — aber kaum hatte man diesen ersten Eindruck recht genossen, fing es an, im Mund, auf Zunge und Gaumen und sogar auf den Lippen zu brennen. Ulrike und Anna und Bertram lachten über unseren Schrecken, den sie erwartet hatten. Aber schon erschien Ulrike mit einem Tablett mit vier Gläsern, die mit einem goldgelben, glasklaren Wein gefüllt waren. "Trinkt und ihr werdet sehen, wozu die Schärfe meiner Tatsukis gut war!" Ich hatte noch nie in meinem Leben von Tatsukis gehört. Aber kaum benetzte der Wein unsere Kehlen und Gaumen, entstand ein phantastisches Gefühl von ganz kühler und dabei tropisch aromatischer Frische. Die Schärfe war so vollständig weggeblasen, daß man sich schon wieder nach ihr zurücksehnte, um sie aufs Neue mit dem herrlichen Wein zu ertränken.

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Auch unsere beiden Kinder, Franzi und Felix, hatten von den Tatsukis geschleckt. Franzi liefen die Tränen über die Backen, und dabei wollte sie sich's auf keinen Fall anmerken lassen, wie höllisch es in ihrem Mund brannte. Aber sie durften das Feuer der Tatsukis auch mit dem wunderbaren Wein löschen. "Den dürfen auch die Kinder trinken", meinte Ulrike. "Der kleine Schwips, den er macht, geht schnell vorüber. Für einen richtigen Rausch muß man mehr davon getrunken haben, und dafür ist eigentlich dieser Wein auch zu schade, denn er gehört zu den Tatsukis. Kein anderer Wein lebt so von ihrem Feuer und ist so stark, ihr Feuer zu löschen."

Wir schwelgten bis in den Nachmittag in den kulinarischen Genüssen, die Ulrike uns zauberte. Das ganze Essen — es waren immer nur kleine, kunstvoll zubereitete Happen — aßen wir mit den Händen. "Wir könnten auch mit Stäbchen essen, aber wir sind ja keine Chinesen. Aber ich bin ganz mit ihnen einverstanden, daß man nicht mit Messer und Gabeln essen soll, wenn man mit Freunden speist. Messer und Gabeln, sagen die Chinesen, sind Waffen. Und wer wird beim friedlichen Mahl Waffen in der Hand haben!" Das war Ulrikes Philosophie des Gastmahls. Aber sie ließ sich auch nur mit den von ihr bereiteten Speisen verwirklichen. Während des ganzen Essens tranken wir verschiedene Weine, schlürften siedende Brühen, ließen zarte Pilze auf der Zunge zergehen, und einmal erschien Ulrike mit einem kleinen irdischen Töpfchen, aus dem sie zuerst Katja und Anna, später dann auch Bertram und mir, einen kleinen Löffel einer violett gepunkteten weißen Creme auf das Innere der linken Hand placierte. Nun mußten erst Bertram und ich die verabreichte Köstlichkeit aus den Handflächen unserer Frauen ablecken, und danach bekamen auch wir unseren Klacks Ambrosia in die Hand, und Katja und Anna mußten uns "aus der Hand" essen, nicht fressen, sondern genießen. Ulrike hatte den größten Spaß an solchen Dummheiten.

"Das sind keine Dummheiten", empörte sie sich. "Wenn ihr nicht gleich begreift, wie schön das ist — für beide —, dann müssen wir es eben noch einmal machen." Ich muß zugeben, es war ein merkwürdiges Spiel und hatte einen rätselhaften Reiz.

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Ulrikes Creme schmeckte eigenartig, es war Bitterkeit darin und dabei ein betäubender Geruch. Beim zweiten Mal mußte ich die Creme aus Annas Hand essen. Sie lachte dabei, als wenn ich sie gekitzelt hätte.

"Wenn wir uns ganz nahe sind, gibt es nichts Schöneres, als aus der Hand des Freundes zu essen — das ist eins meiner Geheimnisse", erklärte uns Ulrike. "Dann erst sind alle Barrieren gefallen, aller Zweifel und alles Mißtrauen überwunden."

Anna wandte sich ganz unvermittelt mit einer Frage an Ulrike, die ich nicht im Entferntesten für möglich gehalten hätte: "Liebst du Bertram immer noch?" "Ja, ich liebe ihn, wie eh und je." Anna und Ulrike umarmten sich, sie küßten und streichelten sich. In Annas Augen waren Tränen, man wußte nicht, ob aus Schmerz oder aus Glückseligkeit, denn ihr Gesicht lachte dabei. Dann kam Bertram zu den beiden Frauen. Er küßte Ulrike. "Gib mir noch etwas Creme in meine Hand", bat er. Aber da zeigte sich, daß der Cremetopf leer war.

Wir erfuhren dann, daß Bertram und Ulrike viele Jahre zusammengelebt hatten, hier in diesem Haus auf dem Berg. Bertram arbeitete damals in dem Forschungs- und Entwicklungsinstitut des industriellen Zentrums, das wir von der Terrasse aus sehen konnten. Vor zehn Jahren trennten sie sich. Keiner wußte den Grund. Bertram fand Arbeit in einem anderen Institut, weit von hier entfernt. Dort lernte er Anna kennen. Als Anna schwanger wurde, begannen sie zusammenzuleben. Als Felix geboren wurde, lebten beide ein Jahr lang in dem kleinen Haus, wo wir mit ihnen die erste Nacht verbracht hatten. Dann zog Anna wieder in ihr Kinderdorf, zu ihren vielen Kindern. Sie war von diesem Beruf ganz erfüllt. Dort lebte sie mit Felix. Bertram kam alle acht bis 14 Tage zu ihnen. Aber die vier Sommermonate lebten sie zusammen in ihrem verwunschenen Tal in den Bergen.

So war das geblieben bis heute und würde wohl auch so bleiben. Bertram und Anna wurden uns immer vertrauter, und wir genossen ihre liebenswerte Freundschaft um so bewußter, je mehr wir von ihrem Leben kennenlernten. Dabei gab es einen sehr merkwürdigen Umstand, der mir schon am ersten Tag aufgefallen war, ohne daß ich die beiden danach noch einmal gefragt hatte. Ich hatte den Eindruck, wir beide, Katja und ich, waren für sie wie ein offenes Buch. Sie wußten über uns alles, ohne auch nur ein Wort darüber zu reden. Vielleicht würde es doch einmal dazu kommen?

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Es war langsam Abend geworden. Ulrike bot uns an, bei ihr zu übernachten. "Das wird ein großes Nachtlager, aber unterbringen kann ich euch alle." Wir nahmen die Einladung an. Ulrike hätte uns auch zu einer nahen Herberge fahren können. Da wir aber am nächsten Vormittag das Industrie-Institut besuchen wollten, zu dem Ulrike uns fahren wollte, war es so viel bequemer. Ulrike wollte auch für den ganzen Tag die Kinder mitnehmen, die sich in dem Institut nur gelangweilt hätten.

Ulrike erzählte uns, daß sie oft daran gedacht habe, woanders zu leben. Hier erdrückten sie die vielen Erinnerungen. Mit den Leuten vom Industrie-Institut hatte sie nach Bertrams Weggang den Kontakt einschlafen lassen. Sie wollte nicht ständig die Zeugen ihres Unglücks bei sich haben. Zu Anfang kamen sie noch oft zu ihr. Mehrmals versuchte man sogar, ein fröhliches Fest für sie zu arrangieren, mit viel berauschendem Wein und lustiger Musik. Zwei sehr sympatische Männer, gute Kollegen Bertrams, bemühten sich um sie, wollten sie lieben. Aber mit keinem von beiden konnte sie glücklich werden. Das größte Glück für sie war, wenn Anna und Bertram sie besuchten. Die beiden rieten ihr immer wieder, doch wegzuziehen. Sie fürchteten mit Recht, daß sie immer mehr vereinsamen würde. Was sie aber wie ein Magnet hier festhielt, war ihre Arbeit bei den Pflanzenkulturen. "Ich finde woanders keine Arbeit wie hier, wo ich mit allem vertraut und verwachsen bin." Wir kamen auf das Thema der Arbeit. Es gab in Utopia keinerlei Zwang zur Arbeit. Wer sollte einen solchen Zwang auch ausüben? Es gab ja den Staat nicht mehr, die unbarmherzige Unterdrückungsmaschinerie, deren Hauptaufgabe darin besteht, die Menschen zu menschenunwürdiger Arbeit zu zwingen.

Aber kann denn ein Gemeinwesen existieren und alle seine Glieder versorgen, ernähren, behausen und bekleiden, wenn es keinerlei Zwang zur Arbeit mehr gibt? Die Leute werden sich doch einfach auf die faule Haut legen und sehen, daß es ein paar Dumme gibt, die für sie die Arbeit machen. Das sind Einwände, die immer wieder vorgebracht werden, um die Unentbehrlichkeit staatlichen Zwangs zu begründen. Manchmal hört man als Gegenargument, daß es ja in einer fortgeschrittenen und technisch hochentwickelten kommunistischen Gesellschaft einfach deshalb keinen Zwang zur Arbeit geben brauche, weil für die Erhaltung der Gesellschaft dann eben auch nur ganz wenig menschliche Arbeit erforderlich sei.

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Möglicherweise müsse man die Leute, die unbedingt arbeiten wollen, durch die Erfindung von Ersatzbeschäft­igungen davon abhalten. Das Hauptproblem wäre dann überhaupt nicht die Beschaffung von Arbeitswilligen, sondern die Organisierung der Freizeitbeschäftigung, damit die Leute sich nicht langweilen und auf lauter dumme Gedanken kommen, womöglich ihre Langeweile und den Stumpfsinn ihres unausgefüllten Lebens in gefährlichen Aggressionen auszutoben versuchen.

Bertram lächelte bei diesen meinen Argumenten. 

"Für uns in Utopia genügt natürlich unsere eigene Erfahrung, um zu wissen, daß alle diese Ansichten nicht stimmen. Aber ich habe mich seit langem sehr intensiv mit dem Studium eurer vergangenen Welt beschäftigt. Ich finde, ihr hättet selbst schon genug Erfahrungen zu eurer Zeit gemacht oder jedenfalls machen können, aus denen die Unsinnigkeit dieser Argumente hervorgeht. Schon zu eurer Zeit gab es zwei Arten von Arbeit: erzwungene Arbeit und freiwillige, notwendige Arbeit und nicht notwendige. Die notwendige Arbeit, die getan werden mußte, damit die Gesellschaft in der bestehenden Form weiter existieren konnte, mußte größtenteils erzwungen werden. Sie beanspruchte auch die Arbeitskraft der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung. 

Der Zwang zu dieser Arbeit wurde auf eine sehr einfache Weise ausgeübt: Die Arbeit wurde belohnt, es wurde Geld dafür bezahlt. Und ohne Geld konnte man in eurer Zeit nicht leben, sondern nur verhungern und erfrieren. Wer leben wollte, mußte gegen Lohn arbeiten. Nun gab es aber eine Menge Leute, die hatten Geld, ohne dafür gearbeitet zu haben. Sie waren einfach die Reichen. Die anderen, die arbeiten mußten, waren die Armen. Ich weiß, das ist grob vereinfacht, aber es trifft den Kern der Sache. Die Armen, die Arbeiter, oder wie man sagte: die Lohnabhängigen, sie müssen arbeiten, um Geld zu bekommen. Was sie arbeiten, interessiert sie dabei überhaupt nicht. Was bei ihrer Arbeit herauskommt, gehört ihnen nicht, es geht sie nichts an. Ihnen gehört nur der Lohn, den sie zum Leben und Überleben brauchen. Die Produkte ihrer auf diese Weise erzwungenen Tätigkeit werden ihnen entfremdet, sie sind in keinem Augenblick ihr Eigentum, sondern das Eigentum der Reichen, eben der Leute, die Geld haben, für das sie nicht gearbeitet haben. Sie sind die Eigentümer von allem, die Eigentümer der Maschinen, der Fabriken, aller Rohstoffe und der Häuser, die Eigentümer von Grund und Boden, von allem, was der Mensch braucht, vor allem von dem, was die Armen, die Arbeiter brauchen, um überhaupt arbeiten zu können und den kärglichen Lohn dafür zu erlangen. 

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Ihnen gehören die Arbeitsplätze, ohne die keine Arbeitskraft sich verkaufen kann. Diese erzwungene Arbeit macht den Arbeiter zum Sklaven, weil er nicht für sich, sondern für einen anderen, für dessen Geschäfte und zu dessen Vorteil arbeitet und an dem konkreten Ergebnis seiner Arbeit keinen Anteil hat. Es ist klar, daß zu solcher Arbeit niemand bereit gewesen wäre, wenn er sich ohne Arbeit das für sein Leben unentbehrliche Geld hätte beschaffen können. Außerdem sah man ja tagtäglich die Reichen in ihrem Müßiggang, wie sie ihre Zeit totschlugen und das Leben in Luxus und Freuden genossen. Daß man nicht zu ihnen gehörte und nicht ohne Arbeit leben konnte, war eben das Schicksal der Armen. Es gab aber schon damals bei euch auch die andere Art von Arbeit, die die Menschen freiwillig und mit Freuden leisteten. Das war die Arbeit, deren Ziel und Zweck nicht der Gelderwerb ist, sondern die Hervorbringung eines bestimmten Produktes oder einer bestimmten Leistung. Alle Menschen haben Freude an produktiver Tätigkeit. Jeder noch so anspruchslose Gegenstand, den wir mit eigener Hand gemacht haben, hat für uns einen Wert, der viel größer und von ganz anderer Art ist als der reine Gebrauchswert. Gekaufte Geschenke erfreuen den Beschenkten viel weniger als Gegenstände, die der Schenker selbst nach seinen eigenen Ideen geschaffen hat. Mit welcher Ausdauer und mit welchem Eifer und auch mit wieviel Erfindungskraft bauen und arbeiten die Menschen an einer Sommerlaube und in einem kleinen Schrebergärtchen, überhaupt bei der Betätigung der verschiedensten Hobbys, von feinmechanischen Arbeiten mit den kompliziertesten Werkzeugen bis zur autodidaktischen künstlerischen Betätigung als Maler, Bildhauer, Holzschnitzer, Keramiker oder auch als Musiker, der seinen Freunden zum Tanz aufspielt, Lieder zur Gitarre singt oder das Schifferklavier spielt. Alle diese Betätigungen sind eine Art Arbeit. Sie erfordern Kraft und Zeit, ihr Ergebnis sind sichtbare oder auch hörbare Leistungen, bei Leuten, die gern gut kochen, auch schmeckbare."

"Ja, alles zugegeben, aber kann denn ein großes und noch dazu mit hochqualifizierter Technik arbeitendes Gemeinwesen ohne die Gefahr ernster Störungen funktionieren, wenn es für die vielen und oft sehr hohe Qualifikation erfordernden Arbeiten auf die Leute angewiesen ist, die gerade an diesen Arbeiten Spaß haben? Es könnte ja auch geschehen, daß die Zahl der für bestimmte wichtige Arbeiten ge-

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brauchten Menschen aus irgendeinem Grund stark abnimmt, etwa weil das Interesse an dieser Art Arbeit eben immer geringer wird, sagen wir, weil diese Arbeit nichts Neues mehr bringt und deshalb einfach den meisten zu langweilig ist?

"Ihr habt vollkommen recht, Arbeit, die nichts Neues mehr bringt, verliert an Interesse!"

"Aber was sind denn das für Arbeiten?"

"Seht", übernahm Anna jetzt das Wort, "langweilig ist, was sich nicht mehr verändert, nicht mehr weiterentwickelt. Im Bereich der lebenswichtigen Produktion kann das ein Zweig sein, der technologisch seinen vorläufig optimalen Abschluß gefunden hat. Diese Prozesse oder auch Teilprozesse sind dann total automatisiert. Die Mitwirkung von Menschen erfordern sie nicht. Die Betätigung von Menschen ist nur da erforderlich, wo die Prozesse und ihre Technologie in ihrer Entwicklung noch nicht abgeschlossen sind. Wo noch dauernd neue Erfahrungen gemacht, ausgewertet und in Anwendung gebracht werden. Das sind die interessanten Arbeiten. Sie werden von großen Gruppen von Spezialisten der verschiedensten Fachrichtungen geleistet. Den Begriff des Teamworks kannte man ja schon zu euren Zeiten. Im Team arbeiten die Menschen mit Begeisterung, oft ohne jede Rücksicht auf ihre körperliche Belastung."

Wir sahen ein und mußten es unseren Freunden ja auch erst einmal glauben, daß es viele Menschen und für den Betrieb des Gesellschaftslebens auch genug Menschen gibt, die ohne jede Anwendung von äußerem Zwang freiwillig und noch dazu mit Freude und Begeisterung arbeiten. Aber da war immer noch eine Frage. Wenn die Industrie und auch die Landwirtschaft so weitgehend automatisiert sind und sich die <notwendige Arbeit> auf wissenschaftlich-technische Fortsetzungs- und Entwicklungsarbeit reduziert hat, dann muß doch jedenfalls die Zahl der Arbeiter, die man überhaupt noch braucht, auf einen winzigen Bruchteil verglichen mit unseren Beschäftigungszahlen abgesunken sein. Nur mit Verkürzung der Arbeitszeit könnte man diesen Wegfall von womöglich 99 % der <Arbeitsplätze> doch bestimmt nicht ausgleichen. Schon in unserer alten Zeit haben wir es ja erlebt, wie der technische Fortschritt die Zahl der Arbeitsplätze reduziert und dadurch Arbeitslosigkeit von Millionen Menschen zur Dauererscheinung machte. Es muß doch in Utopia eine riesige Zahl von Menschen geben, für die einfach keine Arbeit da ist. Was machen diese Menschen?

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Betätigen sie sich alle als Hobbyisten, als Heimwerker und Laien auf den Gebieten der Kunst und der Wissenschaft? Auf die Dauer müssen sich diese Menschen doch langweilen, und Langeweile kann leicht auf schlechte Gedanken bringen.

"Bei uns gibt es kaum Menschen, die sich langweilen", erklärte uns Anna, 

"und die wenigen, die dieses Unglück haben, sind Menschen, die durch körperliche oder psychische Leiden, durch Unfälle oder Krankheiten daran gehindert sind, sich zu betätigen. Und Faulenzer und Nichtstuer, wie es sie bei euch in der Klasse der Reichen gab, kennen wir in Utopia überhaupt nicht. Bei uns ist nämlich ein wichtiges Feld der menschlichen Tätigkeit, das für das Leben und die Kultur entscheidend ist und das ihr sträflich vernachlässigt habt, man kann schon sagen zum Hauptberuf für einen großen Teil unserer Bevölkerung geworden: Der Beruf des Lehrers und Erziehers. Ich übe diesen Beruf auch aus, seit vielen Jahren. Er macht mich glücklich."

"Die Tätigkeit der Lehrer und Erzieher schafft überhaupt erst die Grundlagen der utopischen Kultur. Psychologie und Pädagogik sind bei uns hochentwickelte Wissenschaften geworden. Wir halten sie für wichtiger als Physik und Chemie, jedenfalls sind sie viel reicher an schwierigen Problemen. Bei uns beginnt die wissenschaftlich begründete Erziehung schon mit den ersten Lebensjahren jedes Menschen. Und im Grund hören Lehre und Erziehung, Lernen, Forschen und Lehren im Leben der Utopier nie auf. Jeder Mensch ist von früher Jugend bis ins hohe Alter Schüler und Lehrer zugleich. Wenn wir das große Kinderdorf besuchen, wo ich arbeite, werde ich euch in unser Leben mit den Kindern und Jugendlichen einführen. Vielleicht werdet ihr da auch ein bißchen Schüler und Lehrer zugleich sein, ob ihr wollt oder nicht. Unsere Kinder werden nicht nur erzogen, sie erziehen sogar uns Lehrer und sich selbst natürlich. Aber jetzt denke ich, ist es Zeit sich schlafen zu legen."

Ulrikes Einraumwohnung verwandelte sich in ein riesiges Bett. Die großen Schaumstoffmatratzen, die, in mehreren Schichten aufeinanderliegend, die weichen Liegen gebildet hatten, auf denen wir den ganzen Abend gesessen und gelegen hatten, wurden im Zimmer ausgebreitet und bedeckten fast die ganze Fläche des Bodens. Ulrike verteilte leichte und großflächig gemusterte Nachthemden und steckte unsere Tageskleidung in einen großen Wasserzuber, der auf der Terrasse stand. 

"Da sind sie morgen wieder ganz sauber!" 
"Ja, aber auch trocken?" 

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"Das Trocknen unserer Kleidung dauert an der Luft weniger als eine halbe Stunde und pures Wasser genügt völlig, sie zu reinigen", bekam Katja zur Antwort. "Braucht ihr denn gar keine Waschmaschinen und Waschmittel?" "Für unsere tägliche Kleidung nicht. Das liegt an den neuen synthetischen Fasern, die wir entwickelt haben. Sie sind praktisch unverwüstlich und haben eine Oberfläche, auf der sich nur wasserlösliche Stoffe festhalten können. Das hängt irgendwie mit der Oberflächenspannung und auch mit elektrischen Eigenschaften der Oberfläche zusammmen. Das kann euch Bertram besser erklären, weil er daran wissenschaftlich gearbeitet hat. Meine Kleider, Hemden und Hosen, besitze ich größtenteils schon seit mehr als 15 Jahren. Sehen sie nicht schön und ganz sauber aus? Eure Nachthemden sind schon 30 Jahre alt und ich kann nicht mehr zählen, wieviel Leute darin schon geschlafen haben. Die einzige Schwierigkeit, die wir anfänglich mit diesen neuen Textilien hatten, war, daß sie nicht in der bisher üblichen Weise gefärbt werden konnten. Jetzt stellen wir Fasern her, die in der Masse gefärbt sind. Aber auch da gab es viele Probleme, bis wir heraushatten, wie man auch ganz leuchtend gefärbte Fasern erzeugen kann. Aber ich liebe die zarten Pastellfarben, die unsere Stoffe noch vor hundert Jahren hatten, sehr. Ich habe noch ein Kleid aus dieser Zeit und trage es oft."

Vor dem Einschlafen hörten wir noch Musik, Klänge mit wechselnden Rhythmen, erzeugt von einem uns unbekannten, wohl elektronischen Instrument, mit großen Variationen der Art und des Zeitverlaufs der Töne und Akkorde. Ihre Stimmung war schwermütig, dunkel, ohne jede Grellheit, endlos dahinlaufend in immer neuen Passagen, wie in Musik verwandelte Arabesken. Es war Ulrike. Sie spielte auf einem kleinen elektronischen Tasteninstrument, das sie vor sich auf den Knien hatte, ihre eigene Musik wie sie ihr gerade in den Sinn kam. Wir lagen zufrieden und wie eingehüllt von diesen Klängen, tranken noch Wein, umarmten uns und schliefen, bis die Morgensonne uns weckte.

Nach dem Frühstück wurde der Jeep geholt, wir fuhren alle zusammen zuerst zum Industrie-Institut, wo Ulrike uns vier Erwachsenen absetzte, um dann mit Franzi und Felix zu ihren Gewächshäusern weiterzufahren.

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Im Institut hatte man uns schon erwartet. Bertram, der viele der Wissenschaftler noch aus der Zeit seiner früheren Mitarbeit kannte, hatte uns angekündigt. Wir wurden von einer kleinen Gruppe begrüßt, zwei Frauen und ein junger Mann von knapp zwanzig Jahren, die uns gleich in einen großen Saal führten, ein Vortragsraum mit großer Projektionswand und einer breiten, nur wenig erhöhten Bühne davor, auf der großflächige Tische standen. Das Auditorium war mit bequemen gepolsterten Sesseln in halbrunden Bögen ausgerüstet, vor denen sich kleine Tischflächen befanden, für Schriftstücke und anderes Material der Zuhörer. Platz war für hundert Teilnehmer.

Unsere freundlichen Gastgeber teilten uns zunächst ihr Bedauern darüber mit, daß wir – wir wußten es ja schon – leider nicht durch den arbeitenden Betrieb geführt werden konnten. Aber wir würden von ihnen trotzdem jede gewünschte Auskunft über die Fabrikation bekommen und eigentlich das Wesentliche viel besser zu sehen bekommen, als es bei einer endlosen und ermüdenden Betriebsbesichtigung möglich gewesen wäre. Außerdem wolle man uns das Institut zeigen und versuchen, die wichtigsten im Gange befindlichen Arbeiten zu erklären.

Die unterirdischen Produktionsanlagen von Slavonice – so hatte ein kleines Dorf geheißen, das hier vor langer Zeit einmal existierte – bedeckten eine Gesamtfläche von über 25 Quadratkilometern, etwa in der Form eines leicht geschwungenen Rechtecks von zwei km Breite und 12,5 km Länge. Das Werk ist durch eine unterirdische Transportstraße mit einem kleinen Hafen an der Küste verbunden. Von dort werden die für die Produktion benötigten Rohstoffe zugeführt und die Fertigprodukte und Abfälle abtransportiert. Die Transportstraße verläuft an der südlichen Längsseite der Werksanlagen. Sie ist durch kurze Abzweigungen mit den einzelnen Produktionsabteilungen verbunden. Gegenwärtig sind 21 von den insgesamt 25 Anlagen in Betrieb. Vier sind abgeschaltet, drei davon, weil die Abteilungen überholt werden, was auch vollautomatisch vor sich geht, an einer wird unter der Leitung des Instituts gearbeitet. Man will eine neue Technologie erproben. Die Arbeiten, im wesentlichen die Installation von neuen Maschinen, die dem Werk geliefert worden sind, werden von einem Spezialteam durchgeführt. Auch diese Arbeit kann von uns leider nicht an Ort und Stelle besichtigt werden. Aber wir bekommen sie doch zu sehen, über die Bildschirme der audiovisuellen Anlage, deren Kameras, Mikrofone und Meßwertgeber im ganzen Werk zu Tausenden verteilt sind.

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Unsere Gastgeber berichten uns mehrere Stunden lang über die erstaunlichen Leistungen ihres Werks. Es stellt etwa die Hälfte aller in Utopia gebrauchten mikroelektronischen Bauteile her. Außer Slavonice gibt es noch zwei Werke mit ähnlichem Produktionsprogramm, eins bei Bangalore in Südindien und ein kleines älteres in Denver in Nordamerika. In Slavonice werden außer mikroelektronischen Elementen (es ist inzwischen die sogenannte sechste Generation dieser winzigen Wunder erreicht) auch einige spezielle Fertigprodukte hergestellt, die in größeren Stückzahlen gebraucht werden. Besonders stolz sind die Leute von Slavonice auf ihre kleinen Telefonzentralen. Eine komplette Selbstwählzentrale für 50.000 Teilnehmer, allerdings ohne die Mikrowellen-Sendeanlage, die von einem anderen Werk produziert wird, ist in einem Volumen von knapp drei Litern untergebracht, könnte also in jeder normalen Aktentasche transportiert werden. Das Institut arbeitet seit mehreren Jahren daran, die gleiche Leistung auf noch viel kleinerem Raum unterzubringen, wenn erst einmal die siebte mikroelektronische Generation herangereift sein wird, die vorläufig nur in winzigen Experimentalserien der Labors existiert.

"Dabei sind wir immer noch weit hinter dem zurück, was die Natur in dem Zentralnervensystem selbst niederer Tiere leistet", erklärt uns Boris, der junge Mann unseres Empfangsteams. "Wir haben also noch einen weiten Weg vor uns und brauchen nicht zu fürchten, uns langweilen zu müssen, weil es nichts mehr zu tun gibt!"

Nachdem wir die geographische Lage der beiden Tochterwerke von Slavonice erfahren haben, wird uns zum ersten Mal richtig klar, was es bedeutet, daß in diesen drei Werken die Weltproduktion an mikroelektronischen Bauelementen geleistet wird. Wir hatten die Tatsache, daß Utopia die ganze Welt umfaßt und sich nicht auf eine kleine Insel im Meer der Unmenschlichkeit beschränkt, schon wieder fast ganz aus dem Bewußtsein verloren. Aber das mußte bedeuten, daß diese Werke enorme Mengen ihrer Produkte herstellten. "Nein", wurde uns erklärt, "der mengenmäßige Umfang unserer Produktion wie überhaupt aller Produktion in Utopia beträgt nur einen sehr kleinen Bruchteil von dem, was — rein quantitativ — zu eurer Zeit von der kapitalistischen Industrie produziert wurde. Außerdem nimmt in dem Maße, wie sich Wissenschaft und daraus abgeleitete Technologie weiter entwickeln, die Menge der produzierten Güter dauernd ab. 

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Der entscheidende Grund hierfür liegt einfach darin, daß wir die Lebensdauer der Produkte immer weiter verlängern. Das gilt für unsere Mikroelektronik ebenso wie für die Textilfasern, aus denen wir unsere Bekleidung herstellen. Die Lebensdauer unserer Kleidung beträgt heute schon weit mehr als die normale Dauer eines Menschenlebens. Dabei hat sich das Lebensalter der Menschen gegenüber euren Zeiten fast verdoppelt. Zu eurer Zeit waren alte Menschen Leute, die schon mit siebzig oder achtzig Jahren durch Krankheiten, Entbehrungen und psychische Belastungen schwer geschädigt waren. Erst in unserer Zeit erlebt die Menschheit das große Wunder des wirklichen Altwerdens der Menschen!"

Gegen Mittag wurden wir von Ulrike, Felix und Franzi wieder abgeholt, zum Mittagsmahl in Ulrikes Haus auf dem Berg. Nach allem, was wir gehört hatten, betrachteten wir die Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände in Ulrikes Wohnung mit ganz neuem und neugierigem Interesse. Sie mußte uns von jedem Stück ihres Hausstands sagen, wie alt es ist und woher es stammt. Wir waren so fassungslos, daß unsere drei utopischen Freunde den reinsten Spaß an uns hatten. Es gab nur wenige Gegenstände, die neueren Datums waren. 

Und das waren alles Dinge, die ganz offensichtlich nicht aus der industriellen Produktion stammten, sondern einzeln von geschickten Händen angefertigt waren, zum Beispiel ein Amulett, geschnitten aus einem aus zwei verschiedenfarbigen Schichten bestehenden Stein, das Ulrike an einer silbernen Halskette trug. Beides, Kette und Amulett hatte Bertram Ulrike geschenkt und mit eigener Hand hergestellt. Eine bunte holzgeschnitzte Maske: Ulrike hatte sie selbst aus weichem Pappelholz nach einer Zeichnung geschnitten, die sie auf einer Reise in Zentralafrika auf dem Zelt eines schwarzen Einsiedlers gesehen hatte. Ein handgetriebenes kupfernes Tablett: Es stammte von einem Freund Bertrams, der auch im Institut gegenüber gearbeitet hatte. Das Kupferblech war ursprünglich für die Verwendung im Labor des Instituts bestimmt gewesen, aber er hatte es aus Liebe zu Ulrike zweckentfremdet, umgeformt und ein großes flammendes Herz eingraviert.

Auch ein ganz gewöhnlicher Gegenstand war unter den Nicht-Industrie-Produkten und demnach wohl auch von geringerem Alter, ein Messer — das Messer, das Ulrike selbst für sich bei allen Gelegenheiten benutzte. Aber bei diesem Messer irrten wir uns doch, jedenfalls zumindest halb. Ulrike hatte das Messer beim Umgraben in ihrem Garten gefunden. 

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Nur noch der stählerne Teil des Messers war erhalten geblieben und auch gar nicht verrostet. Der Griff des Messers aber war unter ihren Fingern in ein graues Pulver zerbröselt. Sie hatte an diesem alten abgewetzten Messer, das ganz sicher aus der vorutopischen Zeit stammte, Gefallen gefunden. So erneuerte sie den Griff, indem sie zwei flache Halsstücke gehörig zurechtschnitzte, so daß man das Heft des Messers in eine besonders ausgearbeitete Kerbe legen und dann alles, Messer und Holzteile, durch starke Nieten miteinander verbinden konnte. Zum Schluß hatte sie den Holzgriff mit Kupferblech umhüllt, das sie der Form des Holzes durch viele vorsichtige kleine Hammerschläge angepaßt hatte.

Aber alle anderen Gebrauchsgegenstände und Möbel, Geräte, Teppiche, Vorhänge, selbst der Kühlschrank, die Badewanne, ihre Töpfe, Trinkgefäße und Geschirr aller Art, alles waren Industrieprodukte, das meiste aber 50, 80, ja vieles über 150 Jahre alt und dabei unversehrt, fast wie neu, nein schöner als neu, weil die Gegenstände durch ihren ständigen Gebrauch etwas von ihrer ursprünglichen Uniformität verloren, quasi menschliche Züge angenommen hatten. Wenn sie auch Industrieprodukte waren, so sorgte doch die Tatsache, daß sie so hohen und dabei unterschiedlichen Alters waren, dafür, daß sie nicht die Talmi-Eleganz modernen Designs hatten, sondern durch die äußerste Einfachheit ihrer Form, die einen hohen Grad von Vollkommenheit in der Erfüllung ihres Zwecks erkennen ließ, die Schönheit von lebendig gewachsenen Wesen besaßen, wie sie die Natur in Pflanzen und Tieren verwirklicht hat.

Aus allem, was wir nun gehört und erfahren hatten, ergab sich, daß der Konsum von Gebrauchsgegenständen im Sinne ihres Verbrauchs in Utopia nur einen kleinen Bruchteil dessen betragen konnte, was in unserer consumer-society als unvermeidlich gegolten hatte. Dadurch, daß Lebensdauer und Gebrauchswert aller produzierten Gegenstände enorm vermehrt worden waren, kam die Gesellschaft ohne jede Einbuße an Lebensstandard mit einem Bruchteil der laufenden Produktion dieser Gegenstände aus. Die Verminderung des Verbrauchs ermöglichte die Verminderung der Produktion. Aber es gab noch eine Reihe weiterer sehr relevanter Änderungen in der ökonomischen Verfassung. Eine ganze Reihe von Produkten des uns gewohnten Konsums gab es in Utopia einfach nicht mehr. Es gab keine Autos und keine Autostraßen, von bestimmten Ausnahmen, wie Ulrikes Jeep, einmal abgesehen. Das hing zuerst einmal damit zusammen, daß in

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Utopia keine der Voraussetzungen mehr bestand, die bei uns zur Zusammenballung großer Massen von Menschen in industriellen und administrativen Zentren geführt haben. Die Menschen leben direkt bei ihrer Arbeit. Niemand mußte jeden Morgen eine Stunde und länger in überfüllten Vorort- und S-Bahn-Zügen 20, 30 oder mehr Kilometer Weg zur Arbeitsstelle zurücklegen. Die Utopier lebten höchstens einen Fußweg von einer Viertelstunde von ihrem Arbeitsplatz entfernt, oder – wie es bei vielen Berufen ganz natürlich war – sie lebten einfach direkt am Ort ihrer gesellschaftlichen Tätigkeit. Autos, U- und S-Bahnen wurden einfach nicht gebraucht. Also auch keine Straßen und Autobahnen. Man bedenke, welche Mengen an Arbeit den Utopiern allein dadurch erspart blieben.

 

Auch den Flugverkehr, wie wir ihn kennen, gab es nicht mehr. Wenn man sich klar macht, welchen Zwecken der Flugverkehr in unseren vergangenen Zeiten gedient hat, wird sofort verständlich, warum es in Utopia das alles nicht mehr gab. In unseren Flugzeugen saßen hauptsächlich zwei Sorten von Passagieren: 1. Manager und Handelsvertreter und deren staatliches Pendant, die politischen Funktionäre und Regierungsbeamten. 2. Touristen. Die erste Sorte von Menschen gibt es in Utopia nicht mehr. Und den Tourismus unserer Tage gibt es auch nicht mehr. Niemand in Utopia hat es nötig, in wenigen Stunden halb um die Welt zu rasen, um dann 14 Tage oder drei Wochen irgendwo an einem von Menschen übervölkerten Strand zu hegen, der von den Abwässern aus den Kloaken der Wolkenkratzerhotels verunreinigt ist, die noch häßlicher sind als die Hochhäuser der Stadt, aus der er auf diese untaugliche Weise versucht hat zu fliehen. 

Niemand in Utopia reist, weil er vor irgend etwas fliehen will, sondern weil er die Welt kennenlernen will. Und für eine solche Reise nimmt er sich Zeit. Wer sich mit dem Flugzeug womöglich mit Überschallgeschwindigkeit von Kontinent zu Kontinent schleudern läßt, der reist im Grunde gar nicht. Er lernt nicht die Welt, ihre Landschaften und Menschen kennen, sondern wechselt nur den einen eng begrenzten Ort seiner Existenz aus gegen einen anderen, von meist kaum verschiedener Art, der in allen seinen Aspekten gleich armselig und gleich brutal ist. Die Utopier haben Zeit. Sie reisen langsam. Sie lieben den Weg nicht weniger als das Ziel und oft ist der Weg überhaupt das einzige Ziel ihrer Reise. Tourismus mit Flugzeugen gibt es darum in Utopia nicht mehr. 

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Es gibt noch Flugzeuge, kleine Spezialflugzeuge, Hubschrauber, Hilfsflugzeuge zur Rettung von Menschen aus Notsituationen, für wissenschaft­liche Expeditionen und noch manches andere mehr. Aber eine Flugzeugindustrie und weltweiten Düsenflugverkehr haben die Utopier einfach nicht nötig.

Auch der Personenverkehr mit der Eisenbahn existiert nicht mehr. Es gibt noch Eisenbahnen, Schienenbahnen, auf denen bestimmte Rohstoffe, Erze und andere Materialien transportiert werden, wenn dies aus technischen Gründen notwendig ist. Die meisten Güter werden auf dem Seeweg befördert. Von den Häfen führen besondere, in der Regel unterirdische. Transporteinrichtungen, die es in unseren Zeiten kaum gab, zu den großen und von da bis zu den kleinsten Verteilungszentren, den Supermärkten Utopias, wo man alles erhalten kann, was der Mensch an industriellen Produkten für sein Leben benötigt. In diesen großen, übersichtlich geordneten Vorratslagern gibt es weder Verkaufspersonal – es wird ja nichts verkauft, sondern jeder kann sich nehmen, was er braucht – noch irgendwelches Überwachungs- oder Kontrollpersonal. Auch die ständige Ergänzung der Lagerbestände erfolgt selbsttätig durch Abruf bei den vorgeordneten Verteilungszentren. Allerdings werden auch diese Anlagen in regelmäßigen Abständen von einigen Jahren durch ein Kontrollteam überprüft und eingetretene Mängel beseitigt.

Man muß auch bedenken, daß in diesen Supermärkten Utopias niemals ein größerer Andrang war. Man sah dort immer nur wenige Menschen. Das hatte einmal seinen Grund in der enormen Lebensdauer aller Gebrauchsgegenstände. Es gab nur selten etwas im Haushalt zu ergänzen oder zu erneuern. Außerdem war die Zahl der angebotenen Artikel viel kleiner als zu unseren Zeiten. Viele Gegenstände, die bei uns zum täglichen Bedarf gehörten, gab es ja gar nicht mehr, einmal ganz abgesehen von den unzähligen Artikeln, die uns immer wieder von geschäftstüchtigen Leuten in einer Flut immer neuerer Neuheiten aufgeschwatzt werden, damit man sie nach meist nur kurzem Gebrauch wieder wegwirft. 

Und von den Gegenständen, die im Gebrauch waren, gab es nicht hunderte verschiedene Ausführungen wie bei uns, mit denen die kapitalistischen Produzenten auf dem Markt konkurrierten, sondern meist nur eine einzige sehr hochwertige Ausführung. Anstelle unserer Radio-, Fernseh- und Tonbandgeräte und Plattenspieler hatten die Utopier nur ein einziges, den großen flachen Bildschirm an der Wand mit den verdeckt installierten Lautsprechern, den wir schon im Sommerhäuschen von Anna und Bertram am ersten Tag kennengelernt hatten.

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Anna zeigte uns auch eine wunderbare winzige Fotokamera. Man konnte sie mit verschiedenen Kassetten laden, von kleinen mit zehn Bildern bis zu Kassetten, die 100 und mehr Bilder aufnehmen konnten. Zu dem Apparat gehörte ein kombinierter Entwicklungs- und Vergrößerungsapparat, in den man die belichtete Kassette einlegte. Nach wenigen Minuten begann der Apparat die farbigen oder auch schwarzweißen Bilder in einem vorher eingestellten Format <auszuspucken>. Diese wunderbaren Geräte waren niemals Privatbesitz einzelner. Man lieh sie sich aus, wenn man eine Reise machen wollte oder auch, um zu Besuch gekommene Freunde zu fotografieren. Die Anlässe waren wohl sehr ähnlich wie bei uns, die Motive allerdings nicht immer.

 

Nach dem Mittagessen saßen wir unter großen Sonnenschirmen auf der Terrasse vor Ulrikes Haus. Von See her wehte ein leichter kühler Wind, der durch die über dem von der Sonne erhitzten Festland aufsteigende Luft angesogen wurde. Abends trat um die Zeit des Sonnenuntergangs zuerst eine Windstille und danach ein Umschlag der Windrichtung ein. Nun wehte der Wind seewärts, weil sich das Land schneller abkühlte als die See. So entstand ein sehr angenehmer Ausgleich der Temperaturen und die Temperatur sank auch nachts niemals unter 20 Grad. Im Winter konnte es allerdings auch hier empfindlich kalt werden. Oft gab es auch Schnee, langdauernde Regenfälle und orkanartige Stürme. Dann schloß Ulrike die große freie Öffnung ihres Hauses, die den Innenraum mit der Terrasse verband, durch ein großes durchgehendes Fenster ab. Wir hatten von seiner Existenz nichts bemerkt, weil es in den Boden eingelassen war. Es konnte mittels einer Handkurbel nach oben bewegt werden. Wir sahen diese Konstruktion in Utopia später noch öfter in kleinen Häusern, die neueren davon waren mit Motorantrieb. Man brauchte nur auf einen Knopf zu drücken.

Am frühen Nachmittag brachte uns Ulrike zurück zu unseren Eseln. Wir fanden dort an die 25 Leute, Frauen wie Männer, versammelt. 

"Ich muß euch doch mit meinen Mitarbeitern bekannt machen! Am ersten Tag, als ihr kamt, waren sie alle fort. Sie machten eine Wanderung an der Adria und badeten dort im Meer. Wegen unseres Arbeitsplans konnten sie den Ausflug nicht verschieben. Ich wollte

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natürlich auch mitkommen, aber als Bertram euch ankündigte, war es doch sehr günstig, daß ich nun Zeit hatte, mich euch ausführlich zu widmen. Doch eins möchte ich euch fragen: Warum habt ihr mich niemals nach meinen Mitarbeitern gefragt? Dachtet ihr, daß der Betrieb dieses riesigen agronomischen Zentrums von einem einzigen Menschen in Gang gehalten werden kann?"

"Warum eigentlich nicht?", wendete ich ein. "Schließlich ist doch das automatische Pflanzen, Pflegen und Abernten ein viel weniger komplizierter Prozeß als die Produktion in den Industriebetrieben, die darunter in der Erde liegen und die auch ohne jede Mitwirkung menschlicher Arbeitskräfte auskommen."

"Aber das große Forschungsinstitut gehört auch zu diesen Produktionsanlagen und bei uns ist das ganz analog. Wir sind auch im Grunde hauptsächlich ein Forschungsteam. Eine kleinere Gruppe beschäftigt sich mit der Bekämpfung von Pflanzenschädlingen durch Ausbreitung von Seuchen unter den Schädlingen. Bei diesen Methoden vermeidet man chemische Schutzmittel, die die Produkte verunreinigen oder sogar vergiften können.

Eine andere Gruppe arbeitet an der Verbesserung unserer Maschinen, in enger Zusammenarbeit mit den Konstrukteuren und Herstellern dieser Maschinen. Schließlich haben wir noch eine Gruppe von Studenten hier. Sie machen hier ihr Praktikum und lernen die moderne landwirtschaftliche Technologie in der Praxis kennen." Wir waren ziemlich betroffen, daß wir uns für die Arbeit unserer so liebenswürdigen Gastgeberin so wenig interessiert hatten. Aber sie beruhigte uns und meinte, daß ihre Arbeit doch sehr speziell sei und darum weniger von allgemeinem Interesse.

"Viel interessanter für euch wird sein zu erfahren, wie und auf welchem Wege das, was wir hier und anderswo erzeugen, schließlich in die Mägen der Utopier gelangt. Ich denke, darüber kann euch auf eurer bevorstehenden weiten Reise Bertram alles Wissenswerte erzählen." Mit diesen Worten eröffnete Ulrike die Zeremonie des Abschiednehmens. Sie war kurz und herzlich. Bertram und Ulrike küßten sich besonders liebevoll und zärtlich. Dann kam noch eine Überraschung für uns, ein kleiner gummibereifter Wagen, vor den unsere Esel gespannt werden konnten. Er bot uns allen bequem Platz, war ganz niedrig und schmal, doch mit ziemlich großen Rädern. Ulrikes Mitarbeiter hatten ihn im Laufe des Vormittags aus Ersatzteilen für landwirtschaftliche Maschinen zusammengebaut. 

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Er erwies sich als ein geradezu ideales Fahrzeug auf den sonst für Fahrzeuge nicht gerade idealen Wegen Utopias. Die Utopier sind eben auch im hohen Alter sehr rüstige Leute, die gerne zu Fuß wandern. Viele Habe schleppt sowieso niemand mit, wenn er reist, und zu Fuß ist man der Erde und den Menschen, die darauf wohnen, viel näher. Daß so junge Leute wie ich schon Schwierigkeiten mit dem Atmen haben und es sehr schön finden, bequem gefahren zu werden, konnten unsere utopischen Freunde kaum recht verstehen. Aber sie dachten doch daran und bastelten uns den Wagen.

Unser Weg führte zunächst über eine weite, leicht gewellte Hochebene, dann ein allmählich enger werdendes Tal hinauf, in dessen Sohle sich ein blau schimmernder Fluß schlängelte. Erstaunlich war, daß der Fluß ständig sein Aussehen änderte. Eben noch ein reißend dahinjagendes Gebirgswasser, dann wieder fast unbewegt und spiegelglatt in viele kleinere und größere Arme zergliedert inmitten weißer, glatter, gewölbter Sandbänke, dann wieder zum kräftigen breiten Strom anschwellend, danach sich in eine seeartige Erweiterung ergießend, aus der nur ein kleines Rinnsal fließend alles war, was vom ungestümen Fluß geblieben, um schließlich sich doch zu besinnen und wieder mächtig anzuschwellen, bis alles rauschend und gurgelnd in einer riesigen Schlucht und dort zuletzt in einem gewaltigen Felsentor verschwand, um wer weiß wo anders und "wer weiß wie wieder zu Tage zu treten. Dieser ständige Wechsel von oberirdischem und unterirdischem Lauf war das Geheimnis unseres Flusses. Wenn tief im Bauche des Berges die Wasser in reißendem Strom sich durch Spalten und Höhlen zwängten, spielte unser oberirdisches Gewässer den Friedlichen und Sanften. Und wenn er uns oberirdisch in aller Kraft dahinjagend zu imponieren suchte, dann war es still in der Tiefe des Berges. Ich muß an diesen wunderbaren Fluß oft denken, wie an ein menschliches Wesen. 

Felix, Franzi und ich saßen schon lange im Wägelchen. Bertram führte die Esel am Halfter, denn er kannte den Weg gut. Die Frauen folgten und ich hatte die Muße und das Vergnügen, mich an ihren schönen Gestalten und Bewegungen zu erfreuen. Gegen Abend wurde es kühler. Das Tal war enger geworden und hohe Berge umschlossen uns. Wir gelangten noch vor dem Dunkelwerden zu einer geräumigen Holzhütte, die Bertram für die Übernachtung ausersehen hatte. Da wir alle sehr müde waren, sanken wir, kaum angekommen, so wie wir waren, in tiefen Schlaf. 

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Am Morgen fanden wir neben unserer Hütte eine in Stein gefaßte sprudelnde Quelle. Nachdem wir uns dort gewaschen und sehr wohltuend und vergnüglich erfrischt hatten, nahmen wir ein ausgiebiges Frühstück, wofür uns Ulrike mit vielen leckeren Speisen versorgt hatte. Bertram berichtete nun, daß nicht weit von hier sich eins der modernsten elektrischen Kraftwerke Utopias befindet, und machte den Vorschlag, dorthin einen Abstecher zu machen. "Ich habe selbst ein solches Kraftwerk noch nicht gesehen und weiß also gar nicht, ob es da viel zu sehen gibt. Es ist eins der kleinsten Thermofusionskraftwerke, die wir jetzt entwickelt haben und im Laufe des Jahrhunderts allgemein einführen wollen."

 

Mir fiel ein, daß ich schon lange danach fragen wollte, aus welchen Quellen und auf welche Weise in Utopia Energie gewonnen wird. Bertram berichtete, noch bevor wir zu unserem Besuch des Kraftwerks aufbrachen:

 

"Im ersten Jahrhundert nach dem Ende eurer Zeit benutzten wir noch weitgehend die bisher üblichen Energieträger, also Kohle und Erdöl, daneben natürlich Wasserkraft und, besonders für Heizzwecke, die Erdwärme. 

Die Kernkraftwerke eurer Zeit haben wir alle stillgelegt. Weniger wegen der Gefahr von Havarien, die bei vernünftiger Konstruktion und Betriebsweise fast gleich Null sein kann. Entscheidend war, daß das Problem der Entsorgung, d. h. die sichere Unterbringung des radioaktiven Mülls, sich bei einer zeitlich längeren Perspektive einfach nicht lösen ließ. Im Laufe einiger Jahrtausende hätte sich eine so große Menge dieser Spaltprodukte angehäuft, daß man schließlich doch keine Lösung für ihre Unterbringung auf der Erde hätte finden können. 

Wir konnten die Kernkraftwerke auch ohne Bedenken schon deshalb stillegen, weil schon in wenigen Jahren nach Beginn des utopischen Zeitalters der Energiebedarf rapide gesunken war. Allein die Einstellung der Rüstungsindustrie und der ganzen militärischen Anlagen senkte den Energiebedarf schlagartig um fast 50 %. Mit der weiteren Durchführung unserer ökonomischen Reformen verminderte er sich und sank auf knapp 10 % des Bedarfs, ohne den ihr in den letzten Jahren eures Daseins nicht mehr auskommen zu können glaubtet. Mit dieser enormen Verminderung der Energieerzeugung und durch den nun beginnenden Wegfall des Verbrauchs von Erdöl infolge der gänzlichen Abschaffung des Auto- und Flugzeugverkehrs waren erst einmal die Hauptquellen der gefährlichen Umweltverschmutzung eurer Tage beseitigt. 

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Es dauerte dann noch ziemlich lange bis wir den ersten, technisch brauchbaren Fusionsreaktor auf die Beine stellten. Er war, verglichen mit den heutigen, ein Gigant. Und das war auch seine Schwäche. Bevor wir ihn zünden konnten, mußten wir erst einmal umfangreiche Vorkehrungen treffen, um die gewaltige Menge Energie, wie gesagt Elektroenergie, die er lieferte, auch sofort loszuwerden. Zahlreiche in Betrieb befindliche Kraftwerke mußten stillgelegt werden. Ein großes Gebiet war für mehrere Tage ohne Stromversorgung. Außerdem mußten wir zahlreiche Speicherwerke der verschiedensten Art errichten, weil der große Reaktor noch sehr unelastisch war und seine Leistung dem Bedarf fast gar nicht anpassen konnte. 

Wenn auch der Bedarf bei uns schon damals weit geringeren Schwankungen unterworfen war als zu euren Zeiten, so mußten wir doch auf jeden Fall in der Lage sein, einen plötzlichen Abfall der Energieaufnahme im Netz auffangen zu können. Der Fusionsreaktor ist heute der Hauptproduzent aller Energie. Eine gewisse Rolle spielt dabei noch die Erdwärme, die an manchen Stellen der Erdoberfläche leicht zugänglich ist und sich als ideal für Heizzwecke erwiesen hat. Im Laufe der Zeit haben wir gelernt, immer kleinere Fusionsreaktoren zu bauen, wodurch es möglich ist, die Energieerzeugung weitgehend zu dezentralisieren, womit sich auch die Kosten für die Verteilung in den Stromnetzen sehr vermindern. Wir haben heute überhaupt keine Hochspannungsüberlandleitungen mehr, weder als Freileitungen noch als Kabel. 

Wir sind in der Lage, die Energie jederzeit an jedem beliebigen Ort, wo sie gebraucht wird, zu erzeugen. Der Energierohstoff, das Wasser, d. h. genau genommen der im Wasser enthaltene Wasserstoff, ist ja überall vorhanden und braucht nicht herangeschafft zu werden, wobei noch hinzukommt, daß ja wegen des enormen Energiegehalts des Wasserstoffs der Wasserverbrauch im Fusionsreaktor verschwindend gering ist."

Bertram berichtete uns noch Details der Konstruktion und Wirkungsweise des Fusionsreaktors. Sie arbeiten alle nach dem gleichen Prinzip:

"Eine im Plasmazustand befindliche Gaskugel wird in einem hochevakuierten Raum durch Magnetfelder zusammengehalten. Im Betriebszustand beträgt die Temperatur im Zentrum des Plasmas über 100 Millionen Grad. Trotz der sehr geringen Dichte des Gases ist wegen der hohen Temperatur der Druck sehr groß.

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Aus diesem hocherhitzten Plasma wird durch ein kleines Loch in der magnetischen Wand ein Plasmastrahl herausgelassen, der durch ein Rohr schießt. Dort wird der Strahl, in dem die Materie bis auf die Atomkerne herunter total ionisiert ist, durch ein starkes äußeres Magnetfeld in zwei Strahlen zerlegt, in einen der aus Elektronen und einen zweiten der aus positiv geladenen Helium- und Wasserstoffkernen besteht. Die beiden Strahlen laden zwei Elektroden auf, von denen direkt hochgespannter Gleichstrom entnommen werden kann. Die Zündung des Reaktors war ursprünglich das schier unlösbare Problem. Die Vorbereitung der Zündung ist auch heute noch eine aufregende Sache, fast wie zu eurer Zeit der Start einer Weltraumrakete. Sie erfolgt durch einen Laserblitz ganz extremer Energiedichte. In dem kleinen Reaktor, den wir uns nachher ansehen wollen, ist der Durchmesser der aktiven Plasmakugel kleiner als ein Millimeter. Sie befindet sich in einem gekühlten kugelförmigen Gefäß von einem Meter Durchmesser. Der erzeugte hochgespannte Gleichstrom wird durch einen Wechselrichter in Wechselstrom umgewandelt und auf 5000 Volt heruntertransformiert. Mit dieser Spannung wird der Strom durch Erdkabel zu den Verteilerstellen geleitet, wo seine Spannung wiederum herabgesetzt wird auf die übliche Spannung unserer Netze."

"Wie werden denn die Magnetfelder erzeugt, die das Plasma zusammenhalten?", wollte ich wissen.

"Durch Solenoide, also Drahtspulen, die aus einer Speziallegierung bestehen, die bereits bei 35° K, also 35 Grad über dem absoluten Nullpunkt der Temperatur supraleitend wird. In den Solenoiden fließen Ströme von mehreren Millionen Amperes. Das reicht für die Erzeugung der erforderlichen magnetischen Feldstärken."

 

Nach dem Frühstück wanderten wir zu dem Kraftwerk, ohne Anna, die mit den Kindern zurückblieb. Wir konnten ziemlich nahe an das Werk herankommen. Zu sehen war sehr wenig und hineingelassen wurden wir nicht. Bertram erklärte mir die Funktion der einzelnen Gebäude, d.h. der darin befindlichen Teile der Gesamtanlage. Verglichen mit einem Kraftwerk, wie wir es gewohnt sind, war es wirklich winzig, im Ganzen nicht größer als ein mittleres Kino. Es konnte eine elektrische Leistung von 25 Megawatt abgeben, d.h. 5000 Haushalte mit einer Anschlußleistung von fünf Kilowatt versorgen. Da Strom in Utopia kaum noch zu Heizzwecken verwendet wurde und außerdem alle kleinen Kraftwerke im Verbund arbeiteten, war das mehr als reichlich.

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Bevor wir uns wieder auf den Weg machten, nahmen wir noch ein kräftiges zweites Frühstück zu uns. Wir durchwanderten ein Gebiet mit vielen kleinen Häusern, die sich um ein einzelnes größeres Gebäude gruppierten. Es handelte sich um ein Sanatorium für ältere Leute, meist weit über 100 Jahre alte, die aus irgendwelchen Gründen vorzeitig gealtert waren und hier nun wieder verjüngt werden sollten. 

Man wendete dabei verschiedene therapeutische Methoden an, darunter auch Methoden der Psychotherapie. Bei vielen Patienten beruhte die körperliche Schwäche in erster Linie auf psychischen Störungen.

Eigentlich wunderte es uns, daß es in Utopia Menschen mit exogenen psychischen Störungen überhaupt noch geben konnte. Alle sozialen Erscheinungen, die in unserer Zeit die Ursache psychischer Defekte gewesen waren, gab es ja hier nicht mehr. Die Kinder wuchsen praktisch von Geburt an in der Obhut fachlich hervorragend geschulter Lehrer und Erzieher heran. Auch die Eltern waren mit den modernen Methoden der Pädagogik vertraut. Niemand hatte Veranlassung, aufgestaute Aggressionen an seinen Kindern auszulassen, denn die soziale Quelle dieser Aggression war versiegt. Unmenschlichkeit und Willkür von Vorgesetzten und Behörden, denen so viele Menschen zu unserer Zeit hilflos ausgeliefert waren, waren mitsamt ihren Vollstreckern, die es nicht mehr gab, von der sozialen Bildfläche verschwunden.

Anna belustigte es, wie grenzenlos unsere Bewunderung Utopias geworden war: 

"Ihr denkt, weil die schlimmsten Übel eurer Zeit bei uns überwunden sind, sind nun ein für allemal überhaupt alle Widersprüche des menschlichen Lebens ausgeräumt. Die Beziehungen der Menschen untereinander und die Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft haben sich in eine ewige und selige Harmonie verwandelt, so meint ihr. Aber ich hoffe, ihr werdet noch sehen, daß es diese Harmonie, die keine Schmerzen und keine Tragödien, kein Traurigsein und keine Verzweiflung kennt, auch in Utopia nicht gibt und auch wohl überhaupt nie geben wird, solange Menschen und menschliche Kultur existieren. Eure unmenschlichen und in vielem, wie wir meinen, barbarischen Zustände haben nur zur Folge gehabt, daß auch eure Tragödien und auch eure Leidenschaften letzten Endes durch das niedrige Niveau eurer Gesellschaftsverhältnisse geprägt waren. Ich denke, die Tragödien der Leidenschaften unserer Zeit haben eine höhere Stufe erreicht. Sie kommen aus größeren Tiefen der menschlichen Seele."

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Vergeblich versuchten wir, Anna zu bewegen, uns mehr von den Tragödien des utopischen Zeitalters zu berichten. Bertram meinte, wir sollten nicht zu sehr in sie dringen, bevor wir nicht mit ihnen einige Tage wenigstens im großen Dorf der Kinder verbracht hatten, wo Anna arbeitete.

Wir brauchten fast eine Woche, bis wir anlangten. Unser Weg führte durch kleine Siedlungen, auch lange Strecken durch unbewohntes Gebiet, wo wir nur selten einzelne Anwesen fanden. Die Häuser waren sehr einfach in ihrer Bauweise, aber äußerst mannigfaltig in Aussehen und Stil. Sie waren aus vorgefertigten Bauteilen zusammengesetzt, deren Formen und Abmessungen eine scheinbar unerschöpfliche Anzahl von Variationen bei ihrer Kombination zu Bauwerken ermöglichte. Überall fanden wir Gärten, in denen Gemüse und Obst angebaut war, natürlich auch Blumen und phantastische Ziersträucher und exotische Bäume. Nicht wenige betrieben auch sehr respektable Gewächshäuser. Wir sahen sogar regelrechte Bauernhöfe, die in vielem den unsrigen sehr ähnlich waren. Dort wurden auch Tiere gehalten von Hühnern und aller Art anderem Geflügel bis zu Schweinen, Kühen und Pferden.

Zuletzt wanderten wir durch einen tiefen Wald mit uralten hohen Laubbäumen, Eichen, Rotbuchen, Ulmen und Birken. Als er sich zu lichten begann, durchquerten wir noch einen breiten Waldstreifen mit Edelkastanien und alten Linden. Dann lag das große Kinderdorf zu unseren Füßen. In einer leicht abfallenden Talsenke lagen hunderte Häuser und Häuschen der verschiedensten Art und Größe inmitten einer parkartigen Landschaft, in die ein fast kreisrunder See eingebettet war. Die Farbe dieses Sees war unbeschreiblich, ein helles Blau von großer Leuchtkraft. Genau in der Mitte des Sees lag eine Insel, auch kreisrund, und um sie wie als Einfassung ein schmaler schneeweißer Uferstreifen, danach waren auf der Insel selbst eine Reihe konzentrischer farbiger Ringe von leuchtendem Grün in Orange und Dunkelbraun übergehend mit einem leuchtend roten Punkt in der Mitte. Auch das den See umgebende Ufer war schneeweiß und bestand aus bizarren Kalksteinfelsen, auf denen wir nun zahllose Badende, Kinder und Erwachsene bemerkten, die von den Felsen ins Wasser sprangen oder auch nur in der Sonne herumtobten, sich balgten und spielten.

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Unser kleiner Wagen mit den zwei Eseln davor erregte großes Aufsehen. Wir hatten Mühe, in dem Trubel um uns voranzukommen. Als wir endlich am Haus anlangten, das Anna bewohnte, wurden wir von Annas Kindern stürmisch begrüßt. Es waren zwei Jungen und drei Mädchen: Juliane drei, Betti neun und Christiane 15 Jahre, und die Jungen: Peter zehn und Bernd 17 Jahre alt. Außerdem begrüßte uns auch ein Erwachsener, ein männlicher Kollege Annas, der mit Anna und den Kindern zusammen in dem kleinen, aber geräumigen, Häuschen wohnte, Bernhard. Wir schätzten sein Alter auf 40, erfuhren aber zu unserem Erstaunen, daß er fast doppelt so alt war. Er sah schön und gesund aus, und es war zu sehen, daß die Kinder ihn nicht weniger liebten als Anna. Das Haus bestand aus einem geräumigen Wohnraum, in den man direkt durch die breite Eingangstür gelangte. Rechts und links von diesem Raum lagen mehrere Zimmer, die Schlafzimmer der Kinder und der "Eltern". Anna und Bernhard waren die Eltern ihrer Kinder, nicht biologisch, von Felix abgesehen, der von Anna geboren worden und dessen biologischer Vater Bertram war.

Das Kinderdorf bedeckte mit seinen Häusern, Gärten und Parks eine Gesamtfläche von fast drei Quadratkilometern und beherbergte rund fünfeinhalb Tausend Menschen, davon über dreieinhalb Tausend Kinder aller Altersstufen vom einjährigen Kleinkind bis zu den 18jährigen. Die Zahl der "Eltern", die ja die Lehrer und Erzieher der Kinder waren, betrug 1200. Ein Elternpaar hatte also durchschnittlich sechs Kinder im Haus. Dann gab es noch weitere 500 Erwachsene, von denen ein Teil als Lehrer, andere mit der technischen Verwaltung, in der Küche und als Gehilfen in den wissenschaftlich-technischen Abteilungen und Magazinen tätig waren.

Bertram und Anna informierten uns über den enormen Umfang, den die Arbeit in den Kinderdörfern in Utopia angenommen hatte: "Bei einer Gesamtbevölkerung von etwa sechs Milliarden Menschen auf der ganzen Erde haben wir rund 750 Millionen Kinder unter 18 Jahren. Das sind knapp 13 % der Gesamtbevölkerung. Dieser Anteil an Kindern ist bei uns viel geringer als zu euren Zeiten. Das liegt aber an dem vollständig veränderten Altersaufbau der Bevölkerung. 

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Bis zum Alter von 100 Jahren haben wir nur eine sehr geringe Sterbequote, etwa 5 %. Das heißt, 95 % der Geborenen werden älter als 100 Jahre. Erst nach Überschreitung dieser Grenze steigt die Quote langsam an, so daß von den 100jährigen nur etwa 85 % über 120 Jahre alt werden. Dann nimmt die Sterblichkeit schnell zu. Nur relativ wenige werden älter als 150 bis 160 Jahre. Bei diesem Altersaufbau, der nur in seiner obersten Spitze die zu eurer Zeit schon unten beginnende Pyramidenform hat, ist der Anteil der Unter-20-Jährigen an der Gesamtbevölkerung etwa ebenso groß wie der Anteil der Altersklassen der Über-120-Jährgen. Etwa 20% der Bevölkerung sind im Alter von 20 bis 50 Jahren. Der Rest von fast 55 % ist von den Jahrgängen der 50- bis 12oJährigen besetzt. Diese erstaunliche Veränderung des Altersaufbaus hat sich erst im Laufe langer Zeit ergeben. Es war nicht leicht, die schrecklichen Folgen von Krieg, Massenelend und Seuchen zu überwinden, die ihr schon fast alle — rein materiell und technisch gesehen — mit Erfolg hattet bekämpfen können. Eine sehr entscheidende Wirkung schließlich hatte die Ausrottung der gefährlichsten Seuche, nämlich des Krebses, die uns schon im ersten Jahrhundert gelungen ist."

 

Die Gesamtzahl der Kinderdörfer oder ähnlicher Einrichtungen für jeweils 3 bis 4000 Kinder beträgt in Utopia demnach rund 220.000. Wenn, wie hier, im Schnitt 1700 Erwachsene in jedem Dorf beschäftigt sind, so sind das insgesamt fast 400 Millionen Menschen, also ein Drittel der 1,2 Milliarden Menschen im Alter von 20 bis 50 Jahren. Die meisten Lehrer und Erzieher gehören dieser Altersklasse an. Aber nur ein Teil dieser Menschen ist während dieses ganzen 3ojährigen Abschnitts ihres Lebens in den Kinderdörfern tätig. Die meisten bringen es auf zehn oder höchstens 15 Jahre. So ergibt sich, daß weit mehr als zwei Drittel der Altersklasse zwischen 20 und 50 als Kindererzieher tätig wird. Sehr viele dieser Menschen bleiben außerdem in diesem Abschnitt ihres noch jungen Lebens selbst Schüler, die an den vielen Hochschulen, Akademien und Forschungsinstituten Künste und Wissenschaften studieren, wo wiederum die meisten Lehrer sich aus den oberen Altersklassen von 50 bis weit über 100 rekrutieren. Da die Bevölkerungszahl in Utopia seit langer Zeit fast konstant ist, bedeutet dies, daß im Durchschnitt jede Frau im Leben zwei Kinder zur Welt bringt. Die meisten Frauen gebären ihre Kinder zwischen 20 und 40 und praktisch alle diese Frauen trennen sich nicht von ihren

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Kindern, sondern bleiben in den Kinderdörfern bei ihnen, bis die Kinder 10 bis 15 Jahre alt geworden sind. Fast in jedem Haus des Kinderdorfes war die Erzieherin auch die leibliche Mutter von ein oder zwei Kindern der "Familie", vorzugsweise der kleineren Kinder unter zehn Jahren. Auch viele der biologischen Väter dieser Kinder lebten im Dorf, teils mit den zu ihren Kindern gehörenden Müttern, teils mit anderen.

Es ergibt sich, daß in Utopia Erziehung, Unterricht und Studium die Hauptbeschäftigung der Menschen geworden war, wobei jeder fast sein ganzes Leben abwechselnd und auch gleichzeitig Lehrer und Schüler war. Erst im höheren Alter nehmen andere Interessen im Leben der Menschen einen größeren Raum ein.

Wir fragten Anna, wie denn die Beschränkung auf durchschnittlich zwei Kinder im Leben jeder Frau ohne empfängnisverhütende Mittel wie die Pille überhaupt möglich ist.

Anna erinnerte uns an unser erstes Gespräch über diese Frage:

 "Die Frauen eurer vergangenen Zeit hatten weniger Angst vor der Schwangerschaft. Denn Schwangerschaft ist im Leben einer Frau ein großes und wunderbares Erlebnis. Und erst die Geburt und die Mutterschaft, das Glücksgefühl, wenn das Baby trinkt, zu sehen, wie das kleine neue Leben, das einem da aus dem Bauch gekommen ist, sich entwickelt und die Welt entdeckt. Das war zu allen Zeiten, auch zu euren, nichts als Glück. Daß die Frauen trotzdem davor Angst hatten, lag einfach daran, daß in sehr vielen Fällen die Geburt eines Kindes der Beginn einer Zeit großer Not und der schwersten Enttäuschungen war. Was die Frauen nicht haben wollten, weil sie einfach nicht wußten, wie sie es rein materiell schaffen würden, das war eben das Kind. Bei uns bedeutet Schwangerschaft nicht, daß die Frau das Kind auch bei sich behalten muß. Die meisten tun es. Aber es gibt auch Frauen, die aus Gründen, die jeder Kritik standhalten, ihr Kind nicht behalten wollen und auch nicht behalten können, ohne aus der Bahn ihres Lebens geworfen zu werden. Wir haben auch solche Kinder hier, nicht einmal wenige. Sie leben hier ebenso glücklich wie alle anderen Kinder und haben ja auch uns hier als ihre Eltern, ihre großen Brüder und Schwestern. Also, diese Motivation für die Pille, weil sie der Frau die Angst nimmt, fällt weg. Diese Angst hat ja viele Frauen damals zu sexuellen Krüppeln gemacht. Es gibt Berichte aus eurer Zeit, daß die Frauen nur selten, manche fast niemals das Glück des Orgasmus erlebten.

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 Weil die Männer damit kaum Schwierigkeiten hatten, erlebten sich die Frauen in der Liebe nur als passive Lustobjekte des Mannes, — und sie waren es ja auch objektiv; aber keineswegs, wie viele eurer Feministinnen behaupteten, weil der Mann von Natur gefühllos, brutal und aggressiv war, weil etwa schon durch die Funktion und den Bau des männlichen Gliedes die Liebe für den Mann eine nach außen gerichtete Aktivität seines Körpers ist, bei der etwas aus seinem Inneren nach außen, nach außerhalb gebracht wird, während die Frau die empfangende, passive ist, bei der alles innerlich und rezeptiv ist, im Vorgang der physischen Vereinigung wie auch im Fühlen und Erleben der eigenen Rolle."

Nicht diese natürliche Verschiedenheit der sexuellen Funktionen ist die Ursache der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, bei der die Frau in jeder Weise die Unterlegene war. Die Ursache liegt nicht in der Natur des Menschen, sondern in der sozialen Struktur seiner Gesellschaftsform.

"Alle Regeln und alle moralischen Wertungen, alle Tabus und Gebote, sogar fast alle Formen des sexuellen Lebens einschließlich der unmenschlichen Perversionen, der Sadismen und Masochismen haben ihren Inhalt aus der sozialen Sphäre erhalten, waren also zu eurer Zeit grundlegend geprägt durch die mit dem Beginn der Ausbeutung der Menschen durch den Menschen errichtete Herrschaft des Mannes über die Frau. Weil der herrschende Mann sich seiner Vaterschaft sicher sein wollte, sperrte er sein Weib im Haus ein, ließ, wenn er weggehen mußte, vor den Fenstern die Jalousien herunter, ein Wort, das nicht zufällig im Englischen und Französischen inzwischen Eifersucht bedeutet. ›Du sollst nicht begehren Deines nächsten Weib, Knecht, Magd und Vieh oder alles, was sein ist‹, heißt ein biblisches Gebot. Es heißt nicht: ›Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Mann!‹ Für diesen Fall war ein anderes Gebot vorgesehen: ›Du sollst nicht ehebrechen.‹ Das war selbstredend an die Ehefrauen gerichtet. Ein Mann konnte seine eigene Ehe gar nicht brechen, höchstens die eines anderen. Und in diesem Fall war auch nicht er, sondern die Frau des anderen die eigentliche Ehebrecherin. Mit der Errichtung der Männerherrschaft begann ein Niedergang der Liebe. Liebe und Sinnenlust klafften immer weiter auseinander. Das späte Christentum, nicht das ursprüngliche, hat die Frau und mit ihr die Sexualität erniedrigt. Keine Frau hatte bis in eure Tage das Recht, in der katholischen Kirche Priesterin zu werden.

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 Und den Geistlichen war das Zölibat auferlegt, das Verbot, eine Ehe zu schließen. Fleischeslust war nach diesen Lehren Teufelswerk und alle Sinnlichkeit Sünde. Jede ungewollte Schwangerschaft war nach diesem barbarischen Moralkodex eine Strafe für die sündhaft genossenen Liebesfreuden. Dann kam die Pille und damit die Straffreiheit. Viele Frauen warfen sich ungehemmt jedem Mann in die Arme und fühlten sich zum ersten Mal frei — frei von Angst und frei in ihren Entscheidungen, unabhängig zu leben wie die bis dahin von ihnen beneideten Männer. Man nannte das die ›Sex-Revolution‹ und manche glaubten, sie wäre sogar der Motor der wirklichen großen Umwälzung der Gesellschaft. Heute wissen wir, daß diese Emanzipation der Frau in Wirklichkeit weder eine Umwälzung der Gesellschaft noch eine wirkliche Befreiung der Frau aus ihrer sozialen Abhängigkeit vom Mann gebracht hat und es auch gar nicht konnte. Das eigentliche Grundübel bestand vor der Pille und ebenso danach, nur dann tatsächlich in noch verschärfter Form, darin, daß die Menschen in den Jahrtausenden der Männerherrschaft eine der wunderbarsten Möglichkeiten und Fähigkeiten, das Menschsein als Einheit von Natur- und Gesellschaftswesen zu erleben, verloren und verschüttet hatten: die Fähigkeit zur Liebe."

"Ich bin, liebe Anna, wieder und wieder erstaunt", sagte nach dieser langen Rede Katja und legte einen Arm liebevoll um Annas Schultern, "wieviel du über die Probleme unserer Zeit weißt. Robert und ich haben über alle diese Fragen oft gesprochen. Viele der Ansichten und Urteile, zu denen du gelangt bist, sind ganz in Einklang mit dem, was wir dachten. Aber zu unserer Zeit war vieles nur Hoffnung, wie es heißt: von des Gedankens Blässe angekränkelt, und in unserem eigenen Leben hatten wir uns selbst Schmerzen und Enttäuschungen bereitet, über deren tiefere Ursache wir uns eigentlich längst ziemlich klar waren und ihnen trotzdem erlagen."

Und sie fuhr nach einer Pause fort: 

"Es ist eben nicht möglich, sich mit noch soviel Verstand und theoretischer Erkenntnis privat, als einzelne, aus den Klammern der Gesellschaft zu befreien, gewissermaßen sich aus ihr davonzustehlen in eine kleine eigene utopische Zukunftswelt. Man muß zu denen gehören, die den ganzen sich auflösenden und unser Leben bedrohenden Gesellschaftskoloß umwerfen, und wenn man dabei selbst schmerzhaft verwundet und mit Füßen getreten wird."

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"Gerade das denken wir auch", stimmte Anna zu, "wir haben es heute leicht, das zu sagen, doch nicht ganz so leicht, wie ihr vielleicht denkt. Vieles aus der Vergangenheit, die eure Gegenwart war, lebt in tausend Formen, oft ganz versteckt bis in unsere Tage in uns fort. Dazu kommen die neuen Widersprüche unseres Lebens. Ohne uns gründlich mit eurer Zeit zu beschäftigen und ohne sie wirklich zu verstehen, hätten wir sie nie überwinden können und wären heute nicht hier in Utopia, sondern in einer grausamen Barbarei."

Ich muß noch berichten, daß dies Gespräch im Garten von Annas Haus stattfand. Wir saßen um einen großen niedrigen runden Tisch und tranken utopische Erfrischungsgetränke. Die 15jährige Christiane und der 17jährige Bernd waren bei uns, die anderen Kinder waren mit Franzi und Felix zum Baden gegangen. Gegen Abend kamen sie heim zum Abendessen, das wir gemeinsam um den runden Tisch versammelt einnahmen. Die kleineren Kinder und ganz besonders Franzi und Felix waren sehr müde. Sie wurden in einem der Schlafzimmer untergebracht, wo sie in einem großen Bett gemeinsam schliefen. Wir Großen gingen auch ins Haus und setzten unsere Gespräche vom Nachmittag bis spät in die Nacht fort. Anna kredenzte uns einen leichten Wein, der eine angenehm anregende Wirkung hatte. Es schien uns, daß er die Gedanken beflügelte, ohne zu berauschen oder die kritische Kontrolle zu beeinträchtigen, ohne die wir nicht imstande sind, uns verständlich und vernünftig auszudrücken.

Unsere von der Reise staubige Kleidung hatten wir schon bald nach unserer Ankunft gegen weite, bis zu den Knien reichende farbige Hemden ausgetauscht. Sitzgelegenheiten aller An und weiche Liegen waren reichlich vorhanden. In diesem Raum traf ja Annas achtköpfige Familie täglich zusammen und wenn Besuch kam, wie wir sechs heute, mußte schon Platz sein für wenigstens 15 bis 20 Menschen.

Zuerst gaben uns Anna und Bernhard weitere Informationen über das Leben im Kinderdorf: Das Essen für die beiden Hauptmahlzeiten, zu Mittag und am Abend, wurde in einer großen hochautomatisierten Küche teils aus frischen Gemüsen und frischem Fleisch, teils auch aus vorgefertigten Speisen und Konserven zubereitet. Es wurde in Einzelportionen in durchsichtige Behälter abgepackt, die in thermisch isolierten Containern zu zwanzig verschiedenen Verteilungsstellen durch eine unterirdische Transportanlage gelangten. Dort holten sich die Familien ihr Essen mit kleinen Wägelchen ab, mit denen sie auch die leeren und gereinigten Behälter beim Abholen der Speisen zurückbrachten. Es gab immer ein breites Angebot der verschiedensten Speisen und Gerichte. Viele ernährten sich fast nur vegetarisch. Der Fleischkonsum war relativ niedrig.

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