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Der Unterricht im Land Utopia 

 

 

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Mit dem ersten schulartigen Unterricht wurde schon im vierten Lebensjahr begonnen. Er fand bei den "Eltern" zu Hause statt und war für lange Zeit die Hauptaufgabe eines der beiden Eltern. Die älteren Kinder besuchten verschiedene Unterrichtskurse, wobei die Möglichkeit bestand, sich die Kurse und auch die Lehrer auszusuchen. Mit jedem neuen Jahr erweiterte sich die Zahl der verschiedenen Kurse, unter denen die Kinder wählen konnten.

Der Bildungs- und Wissensstand, der bis zum Verlassen des Kinderdorfs im 18. bis 20. Lebensjahr erreicht wurde, war sehr hoch, in vieler Hinsicht wahrscheinlich weit höher als bei uns nach mehrjährigem Universitätsstudium. Er war weder quantitativ noch qualitativ mit unseren Bildungszielen vergleichbar. Einen breiten Raum nahm die künstlerische Ausbildung ein. Malen, Zeichnen, Bildhauern, Töpfern, Musizieren und Komponieren, Tanzen und Pantomime, Singen, Theaterspielen, Filmen, Dichten, selbst erste Versuche, kleine Geschichten, Märchen und Romane zu erfinden, wurden in Kursen und kleinen Zirkeln gelehrt und geübt.

Es gab Unterricht in verschiedenen Sprachen und natürlich in der internationalen Weltsprache. Die große Literatur der Weltgeschichte wurde studiert und stand in einer reichlich ausgestatteten Bibliothek zur Verfügung. Geschichte und besonders die Kulturgeschichte gehörten zu den wichtigsten Fächern. Aber auch Mathematik und Naturwissenschaften wurden auf hohem Niveau gelernt, wofür auch reich ausgestattete Laboratorien und Werkstätten eingerichtet waren.

Um den Unterschied zu unseren Lehr- und Lernmethoden zu erklären, möchte ich sagen, daß das Ziel nicht die Anhäufung von Wissen ist. Es fanden auch keinerlei Prüfungen und Abfragungen statt und niemand erteilte Noten. Es gab ja auch keine Zeugnisse noch irgendwelche Diplome. In Utopia gibt es überhaupt keine Titel mehr, auch nicht für ältere noch so hoch qualifizierte Spezialisten. Das Ziel allen Unterrichts und der Erziehung war nicht Wissen, sondern Bildung. Also in erster Linie die Heranbildung von Menschen, die mit den kulturellen Werten der Menschheitsgeschichte, den großen Kunstwerken, Dichtungen und Weisheiten vertraut waren und sich mit ihnen ernsthaft und kritisch auseinandergesetzt hatten.

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Auf dem Gebiet der Naturwissenschaften war natürlich das Kennen­lernen der Welt und des Kosmos, wie er uns umgibt und wie er geworden ist und was ihn im Innersten zusammenhält, ein wichtiger Gegenstand des Unterrichts. Aber auch hier, wie auch in allen theoretischen Grundfächern der Natur­wissen­schaften, wurde neben den großen Grundlinien nicht nach der Methode des Nürnberger Trichters gelernt mit dem Ziel, den Inhalt von Lehrbüchern auswendig lernen zu lassen, sondern es wurde das Lernen gelehrt, d. h. wie man und mit welchen Hilfsmitteln man sich über jede konkrete Frage die zuständigen Informationen beschafft, um sich sowohl konkret sachlich als auch mit den theoretischen Methoden bekannt und vertraut zu machen. Es zeigte sich nämlich, daß der Zugang zum Verständnis der speziellen Informationen um so leichter und zuverlässiger ist, je besser und höher das allgemeine theoretische Niveau eines Menschen ist und je weniger sein Gehirn mit einem Wust lexikalen Wissens belastet ist.

Anna war vor acht Jahren im Alter von 23, nach Beendigung ihrer Ausbildung, in das Kinderdorf gekommen. Die heute neunjährige Betti war damals ein Jahr alt, Peter zwei und Christiane sieben. Die heute dreijährige Juliane kam erst vor zwei Jahren zur Familie und Felix, Annas Sohn, lebte von seiner Geburt an mit in Annas Familie. Christiane hatte in einer anderen Familie gelebt, wo sie Schwierigkeiten mit der Mutter gehabt hatte. Bernhard lebte schon seit 30 Jahren in Kinderdörfern, dies war sein fünftes.

Wir erfuhren, daß die "Familien" nicht die ganze Zeit ihrer Existenz im gleichen Dorf lebten. Schon um die Welt kennenzulernen, andere Sprachen als Umgangssprache zu lernen und die Kulturdenkmäler fremder Länder zu sehen, wechselten die Familien nach einigen Jahren ihren Aufenthaltsort. Anna hatte noch nie gewechselt. Aber sie wollte es jetzt bald unternehmen. Die ganze Familie war schon voller Erwartung. In der großen Sommerpause wollten sie viele hundert Kilometer weit wandern, unterwegs viele Kinderdörfer besuchen und schließlich bleiben, wo es ihnen gefiel. 

"Und Bertram?", war unsere Frage. "Ganz einfach, Bertram kommt mit, er übernimmt die Aufgabe des Vaters der Familie. Denn Bernhard, einer der wenigen älteren Kinderväter, hatte schon lange die Absicht, diese Arbeit zu beenden. Er wollte, wie viele andere Leute seines Alters, eine jahrelange Wanderung durch die Welt unternehmen, - in Begleitung eines Esels. "Ja, gibt denn nun Bertram seinen Beruf als technischer Physiker auf? Und nur, um mit Anna zusammenleben zu können?"

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"Was heißt nur?" Anna und Bertram riefen es wie aus einem Munde. Und dann lachten sie. "Das ist kein NUR, wenn wir zusammen leben, das ist das schönste und größte Glück des Lebens!"

"Außerdem", erklärte uns Anna, "gibt Bertram seinen Beruf nicht auf, wie ihr euch ausdrückt. Wir haben in Utopia keine ›Berufe‹, wir sitzen nicht auf ›Planstellen‹. Für einen Utopier wäre es beschämend, wenn er sein ganzes Leben lang nur zu einer Art von Tätigkeit befähigt wäre. Wir sagten euch schon früher einmal, in dieser neuen besseren Welt sind die Menschen nicht zu Berufskrüppeln verstümmelt, die womöglich wie die Arbeiter in euren Fabriken schließlich nur noch einen stereotypen Handgriff tun können. Bei uns gibt es, wie schon Vater Marx prophezeit hat, keine Maler, keine Dichter, - auch keine technischen Physiker, aber es gibt Menschen, die malen, die dichten und die als technische Physiker tätig sind und dabei nicht nur eine dieser Tätigkeiten ausüben, sondern womöglich die allerverschiedensten zugleich. Mit einem Wort, bei uns gibt es Menschen!"

"Und darum gibt es noch etwas sehr wichtiges. Es ist vielleicht das Wichtigste im Leben des Menschen, was ihn erst ganz zum Menschen macht", begann nun Bertram, und unisone fuhren die beiden fort: "Die Liebe."

Die Liebe! Wieder waren wir zu diesem unerschöpflichen Thema gelangt. Anna hatte schon vor längerer Zeit, schon in den ersten Tagen unserer Reise, von der Beseitigung oder besser Überwindung der Männerherrschaft gesprochen, von einem neuen Matriarchat, das keine einfache Wiederholung des prähistorischen sei. Das neue Matriarchat war also die Negation der Negation des alten, in den Begriffsformen der Hegelschen Dialektik ausgedrückt, also auf einer höheren Stufe die Wiederherstellung des Ursprünglichen. Engels hat sich mit diesen Fragen ja schon in seiner Schrift "Über den Ursprung der Familie und des Privateigentums" befaßt. Erst als es überhaupt Privateigentum gab - davor gab es nur Gemeineigentum der Gruppe oder des Stammes – erst dann wurde die Frau das erste und wichtigste Privateigentum des Mannes. Im Patriarchat wird also nicht etwa die Herrschaft der Frau über den Mann aufgehoben und durch die Herrschaft des Mannes über die Frau ersetzt.

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Im Patriarchat tritt das Privateigentum die Macht an. Es überwindet das Gemeineigentum, eignet sich die ersten durch Arbeit geschaffenen Mehrprodukte an, die sich nun in den Händen einer Gruppe von Auserwählten anhäufen. Zu Anfang sind es Häuptlinge, Anführer, die kriegerisch fremde Stämme überfallen, die Männer töten und die Frauen als Beute heimführen.

Dem prähistorischen Matriarchat lag eine natürliche Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau zugrunde. Die Frauen waren die Hüterinnen des heimischen Herdes, der Kinder und der wenigen Gerätschaften und Nahrungsvorräte des Stammes. Sie waren das soziale Zentrum. Es gab keine Einehe, sondern die Gruppenehe zwischen allen erwachsenen Gruppenmitgliedern einschließlich der erwachsenen Kinder, also kein Verbot des Inzests. Eine eindeutige Zuordnung der Kinder war unter diesen Bedingungen nur zur Mutter möglich. Wer der Vater war, war ohne Bedeutung. So herrschte die Frau am Herd, im Wigwam, am Lagerfeuer, im Hause, während die Sphäre des Mannes das Draußen war, die Jagd und Beschaffung der Nahrung, aber auch die Sicherung gegen tierische und menschliche Feinde.

Der Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat vollzieht sich nicht plötzlich, sondern in vielen einzelnen Stufen. Solche Übergangsformen finden wir heute noch bei vielen Naturvölkern in der Südsee und in Afrika. Es beginnt damit, daß die ersten, die Reichtümer – also Dinge, die man nicht unbedingt braucht – angehäuft hatten, etwa durch Aneignung der Beute von Überfällen, es nun auch verstanden, sich Vorräte an wichtigen lebensnotwendigen Nahrungsmitteln zu verschaffen. Der Reichtum wirkt auf den Armen wie ein dämonischer Fetisch. Bis auf den heutigen Tag in eurer alten Welt kann Reichtum und Macht nicht ohne zur Schau gestellten Protz auskommen. Er ist das Zeichen von Stärke und Sicherheit, das dazu dient, Menschen gefügig zu machen. Die ersten, die auf diese Weise gefügig gemacht wurden, waren Frauen, auch eine Praxis, die sich bis in eure jüngsten Tage erhalten hat. Sie waren auch der erste echte Reichtum; denn Reichtum, der nur der Herrschaft über Sachen dient, hat im Grunde seinen Zweck noch nicht erfüllt, sowenig wie das Geld des Geizigen in der Kiste. Reichtum soll Herrschaft über Menschen schaffen, wobei das Ziel dieser Herrschaft zuerst wie zuletzt nicht nur Ausbeutung und Versklavung anderer Menschen ist, sondern deren Dankbarkeit, Bewunderung und Liebe zu gewinnen. 

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So beginnt die Auflösung des Matriarchats mit der Vielweiberei der Häuptlinge und Stammesväter, nicht mit der Monogamie. Der Harem der Mächtigen und Reichen ist zuerst überhaupt nur die sichtbarste Form des vollkommenen Reichtums, der Herrschaft über Menschen, die in erster Linie dem Reichen als Arbeitskräfte gefügig sein müssen, als Gegenleistung für das Recht, am Leben des großen Gebieters teilnehmen zu dürfen. Das ganz besondere Vorrecht, auch Sexualpartner zu sein, wird nur wenigen dieser Frauen gewährt.

Noch bis in das 20. Jahrhundert gab es in Afrika diese in Auflösung befindlichen Formen des Matriarchats. Daß es noch kein Patriarchat war, geht einfach daraus hervor, daß nach wie vor die Kinder der Mutter zugeordnet sind und alle als Familiennamen den Namen der Mutter tragen. Die Vaterschaft bleibt noch weitgehend ungewiß und ist auch ganz unwichtig. Alle oder jedenfalls die meisten Frauen des Harems gebären Kinder. Wer die Väter waren, interessiert nicht. Das interessiert nur die einzelnen Frauen, aber als ganz privates Wissen und Erleben. Man kann so die uns unmenschlich erscheinende Sitte, einem geehrten Gast die schönste Frau des Harems für die Zeit seines Besuchs als Dienerin und Beischläferin zu übergeben, verstehen. Es ist sicher, daß die erwählte Frau dies nur als eine besondere Auszeichnung empfand, und keineswegs als Entehrung.

Der Übergang zum Patriarchat ist erst vollzogen, wenn alle Frauen Männereigentum und alle Männer Eigentümer von Frauen geworden sind. Weil es aus biologischen Gründen etwa gleich viele Männer und Frauen gibt, ergibt sich daraus die Monogamie, die Einehe. Aus der Herrschaft einiger Männer über einige Frauen ist die Herrschaft aller Männer über alle Frauen geworden. Dieser grundlegende Wandel im sozialen Verhältnis der Geschlechter, das ursprünglich auf sinnvoller Arbeitsteilung beruhende Kooperation ohne Vorherrschaft war, hängt unlösbar mit der Anhäufung von Eigentum in den Händen weniger und ihrer darauf gegründeten sozialen Macht zusammen. Damit die Kontinuität der vom Mann geführten Familie, die nicht mehr eine Familie vieler Mütter, sondern die Familie eines Mannes ist, gesichert ist, damit ihr Besitz und Reichtum über den Tod des Mannes hinaus dieser Familie erhalten bleibt — eine Bedingung, ohne die das System der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nicht gewährleistet ist — bedarf es der strikt gesicherten Einehe und des absoluten Verbots des Ehebruchs durch die Frau.

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Der elementare Satz: Mater semper certa, pater semper incertus (die Mutter ist immer gewiß, der Vater ist immer ungewiß) führt zur Einsperrung der Frau durch den Mann, weil nun die Frage nach der Vaterschaft der Kinder, die im Matriarchat ohne jede Bedeutung war, für den herrschenden Mann eine Prestigefrage ersten Ranges geworden ist.

Mit der patriarchalischen Monogamie wird aber nicht nur der Begriff des Ehebruchs geschaffen, der ja zuvor gar nicht existierte. Es werden noch weitere tief in das Leben der Menschen eingreifende sexuelle Tabus errichtet. Das wichtigste ist das Verbot des Inzestes, der als Blutschande verteufelt wird. Sexuelle Beziehungen selbst der harmlosesten Art sind zwischen "nahen Blutsverwandten", zwischen Eltern und Kindern und den Kindern untereinander verboten, sind schlimme Sünde und sogar "widernatürlich".

Wie viele folgenschwere Enttäuschungen kindlicher Zärtlichkeitsbedürfnisse besonders in den ersten Lebensjahren hat dieses unmenschliche Tabu in den Jahrtausenden der Männerherrschaft zur Folge gehabt! Es hat dadurch in hohem Maße dazu beigetragen, die wunderbarste Befähigung des Menschen immer wieder zu verschütten und sogar moralisch zu diskreditieren: das Lieben.

 

Heute wissen wir, daß es überhaupt keine Beziehungen zwischen Menschen gibt, die frei von sexuellen Komponenten sind. Selbst negative Beziehungen, Abneigungen und Aversionen sind davon keineswegs frei. Wenn man von einem Menschen sagt: ich kann ihn nicht riechen, oder wenn man ein Gefühl des Ekels bei körperlicher Berührung durch ihn empfindet, so ist dies eine rein sexuelle Reaktion, zu der man nur fähig ist, weil man zu dem betreffenden Menschen keine sachliche, sondern eine emotionale Beziehung hat. Und wie oft ist diese emotionale Aversion nur die durch bestimmte Erlebnisse herbeigeführte Perversion ursprünglicher, sehr positiver Beziehungen zu diesem Menschen oder auch zu einem anderen, an dessen Stelle man ihn wegen oft nebensächlicher Identitäten gesetzt hat, etwa weil er einen bestimmten Namen trägt.

Ein weiteres Tabu, das mit der Männerherrschaft zusammenhängt, ist die moralische Diskreditierung der Homosexualität, wobei das gesellschaftliche Vorurteil auch noch in sehr bemerkenswerter Weise eine qualitative Differenzierung zwischen der männlichen und der weiblichen Form vollzieht. Die Liebe unter Frauen wird negativer beurteilt als die unter Männern. Ganz allgemein herrscht die Meinung, daß Homosexualität eine Abnormität ist, die auf einer angeborenen Fehlorientierung des Geschlechtstriebs beruhe.

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Diese falsche Ansicht entspricht einer allgemeinen Tendenz in der Ideologie der modernen Klassengesell­schaft, alle sozialen Erscheinungen auf biologische Gründe zurückzuführen. So wird auch behauptet, die Ausbeutung oder, etwas verschlüsselt ausgedrückt, die hierarchische Struktur der Gesellschaft sei nur das Ergebnis der ungleichen Verteilung der angeborenen Intelligenz der Menschen, die eben biologisch durch die Gene in den Chromosomen determiniert sei. Es gibt Menschen, deren hormonaler Haushalt teils schon vor der Geburt schwer gestört ist, so daß auch die Entwicklung des Körpers und der Geschlechtsorgane stark von der Norm abweicht. Es ist ganz natürlich, daß die sexuellen Erlebnisse und die Liebesgefühle bei diesen Menschen anders sind, als bei den meisten anderen Menschen. Aber in den seltensten Fällen sind diese Menschen Homosexuelle. Die Natur hat ihr Geschlecht nicht eindeutig organisch zur Entwicklung gebracht. Sie wissen nicht, ob sie mehr Mann oder Frau sind, möchten oft beides sein oder entscheiden sich für eine der Möglichkeiten und nehmen dazu die Hilfe von Drogen, von Hormonen, ja sogar die Hilfe von Chirurgen in Anspruch.

 

Bei der homosexuellen Liebe ist das ganz anders. Sie vollzieht sich im vollen Bewußtsein des naturgegebenen eigenen Geschlechts. So liebt ein Mann ganz bewußt einen anderen Mann und eine Frau eine andere Frau. Dafür, daß die Homosexualität nichts mit der Biologie zu tun hat, sondern daß ihre Tabuisierung der sozialen Sphäre entstammt, sprechen sehr eindeutige Tatsachen. "Wir in Utopia", erklärte uns Anna in lapidarer Einfachheit, "wissen, daß Liebe zwischen Männern und Liebe zwischen Frauen in keiner Weise etwas Unnatürliches, dafür aber etwas ganz Reines, ganz Menschliches ist und für die Menschen, die sie erleben, das gleiche wunderbare Glück bedeutet, wie die Liebe zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts, und daß wir alle, du und ich, zu solcher Liebe fähig sind." Es war nach diesen Worten ganz offensichtlich, daß in Utopia in der Frage der Homosexualität keine Probleme mehr bestanden. Aber wir wollten doch etwas hören über die Tatsachen, die den sozialen Charakter der Tabuisierung der Homosexualität erkennen lassen.

"Es handelt sich um Tatsachen aus der Vergangenheit", übernahm nun Bertram das Wort, "ihr wißt doch, daß in eurer Zeit, als es noch Militär und als es noch Gefängnisse und als es noch keine Koedukation gab, unter Soldaten und unter Strafgefangenen und auch an den

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Knaben- und den Mädchenschulen, überall also, wo Menschen des gleichen Geschlechts auf Gedeih und Verderb und meist auch gegen ihren Willen zusammengepfercht waren, die Homosexualität massenhaft in Erscheinung trat. Sie war oft die einzig mögliche Form des Protestes und auch der inneren Befreiung aus dem Zwang der staatlichen Knebelung des Individuums.

Aber, wie man auch darüber urteilen mag, eins ist sicher: Es waren alles — wie man so dumm sagt — lauter ›normale‹ Menschen, die sich da so widernatürlich verhielten. Vielleicht war, wie wir meinen, ihr Verhalten gar nicht widernatürlich, sondern einfach menschlich, wenn auch sicher nicht in einer sie wirklich erfüllenden Weise. Widernatürlich, das heißt in diesem Falle eigentlich barbarisch und unmenschlich, waren aber die Verhältnisse, unter denen diese Menschen lebten und aus denen sie verzweifelt einen versteckten Ausweg suchten. 

Doch es gibt noch ein sehr bemerkenswertes, ganz anderes Beispiel. Ihr wißt, daß in der griechischen Antike, als Sokrates und sein Schüler Platon lebten, die männliche Homosexualität die einzige Form der Liebe war, die in der hochkultivierten Oberschicht des Landes überhaupt unter dem Begriff der Liebe verstanden und anerkannt wurde. Alles was Platon in seinen unvergeßlichen Berichten seinen bewunderten und geliebten Lehrer Sokrates über die Liebe sagen läßt, darunter sehr vieles, was wir heute uneingeschränkt bejahen, bezieht sich ausschließlich auf die homosexuelle Liebe zwischen Männern. Von der Liebe zu Frauen ist niemals die Rede. Kann denn irgendein vernünftiger Mensch glauben, daß diese hochkultivierten Menschen der griechischen Antike alle eine biologisch verursachte Anomalität an sich hatten? 

Wie zu euren Zeiten die Verteufelung war eben zu jenen Zeiten die Verherrlichung der Homosexualität auch ein Ergebnis sozialer Verhältnisse und daraus sich ergebender menschlicher Beziehungen. Voraussetzung war offensichtlich die Herrschaft einer sehr breiten Oberschicht, der freien Griechen Athens, denen eine ganz von ihnen verschiedene und einem anderen Volksstamm angehörige Bevölkerung, die Heloten, als Sklaven diente. Die griechische Oberschicht war beinahe gar nicht hierarchisch gegliedert, sondern schuf als eine Gesellschaft von Gleichen und Freien in der Polis die ersten wirklichen Demokratien fast im modernen Sinne.

Aber in einer Beziehung war diese Gesellschaft von uns aus gesehen total rückständig: Die Frau war ein Mensch zweiter Klasse, der Mann der absolute Alleinherrscher in der Gesell-

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schaft, der einzig wirklich Freie, Schöpfer aller Kunst, Kultur und Philosophie, der Mittelpunkt des Lebens. In dieser Gesellschaft konnte es Liebe nur unter Gleichberechtigten geben, das heißt unter den Männern. Die Liebe zu Frauen war ein Spiel, rein sexuelle Vergnügung, für die die Götter das Weib dem Manne geschaffen hatten. Aber die wahre, menschlich reine Liebe, das war die homosexuelle Liebe, bei der das Sexuelle zwar vorhanden, aber ganz sekundär war."

"Die Liebe zwischen Frauen, ich mag die Bezeichnung ›lesbisch‹ nicht, ich sage lieber ›Frauenliebe‹", begann nun Katja, die wohl mit Recht fand, daß über diese Liebe zu wenig gesprochen worden war, "spielt ja in unserer Zeit eine bedeutende politische Rolle, nämlich in der Frauenbewegung und bei den verschiedenen organisierten und spontanen Emanzipationsströmungen bis zur militanten, die Männer verachtenden Feministenbewegung. Die männliche Homosexualität hat nie derartiges hervorgebracht, was in einer Männergesellschaft ja auch sehr merkwürdig gewesen wäre."

"Ich stimme dir zu", gab Bertram zur Antwort. Er meinte aber, daß man die Vorherrschaft der männlichen Homosexualität, ihre allgemeine Anerkennung als einzige reine Form der Liebe in der antiken Polis auch als eine politische Institution ansehen müsse.

"Der wesentliche Unterschied aber", erwiderte Katja, "besteht darin, daß die männliche Homosexualität es auch in diesem singulären Fall nur fertig brachte, sich zur herrschenden Liebesmoral der die Gesellschaft beherrschenden Männer aufzuschwingen. Die Frauenliebe bewegt sich in unserer vergangenen Zeit aber nur in der Opposition gegen diese Herrschaft. Sehr aktive Gruppen verstehen sich sogar als die wahren Revolutionäre unserer Zeit. Sie wollen eine Frauenherrschaft anstelle der Männerherrschaft begründen, weil sie meinen, daß die Frau von Natur friedfertiger, ausdauernder, vernünftiger sei und ich weiß nicht was noch alles für Eigenschaften habe, in denen sie den Männern, die bisher nur Unheil angerichtet haben, turmhoch überlegen sei. Laßt mal die Frauen regieren, und es wird keine Kriege mehr geben, ist ein Wort, das man viel zu hören bekommt. Der politische Irrtum, der diesen Bestrebungen zugrunde liegt, besteht nach unserer Meinung darin, daß die Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten der Männergesellschaft aus angeblich natürlichen Charaktereigenschaften der Männer hergeleitet werden.

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Sie denken deshalb, es genüge die Herrschaft der Männer zu brechen, und alle Widersprüche unseres Lebens heben sich wie von selbst auf. Sie haben nicht begriffen, daß alles Unrecht, alle Unmenschlichkeit, der immer neue Krieg innerhalb der Gesellschaft wie auch die immer neuen und immer furchtbareren Kriege zwischen den Staaten aus einer einzigen Quelle hervorgehen, aus der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Ohne sie zu überwinden kann man weder mit der Männerherrschaft noch mit irgendeiner anderen Unmenschlichkeit unserer Zeit fertig werden."

"Weibliche Liebespaare waren in eurer Zeit unter diesen Umständen wohl eine ziemliche Seltenheit?", fragte Anna. "Außer in den Kreisen von Künstlern und Intellektuellen. Aber auch da galten sie als eine Abnormität, die man zwar großzügig tolerierte, schon um sich von der herrschenden Kleinbürgermoral zu distanzieren und die eigenen Gewohnheiten auf dem Gebiet der Sexualität nicht rechtfertigen zu müssen. Selbst in diesen Kreisen war es eben sehr schwer, wenn nicht unmöglich, sich von den moralischen Wertungen und Abwertungen frei zu machen, die von der herrschenden Ideologie etabliert sind. Frauenliebe entsprang darum immer einem Protest gegen sie, überhaupt einem tieferen Mißtrauen gegenüber den nur scheinbar so evidenten Ideen der Herrschenden. Oft waren schwere Enttäuschungen in der Kindheit, Spannungen und Feindseligkeiten zwischen den Eltern, Schockerlebnisse in der Pubertät, auch unglückliche Erfahrungen in der heterosexuellen Liebe die Gründe dafür, daß entgegen dem gesellschaftlichen Zwang die Lösung der inneren Konflikte in der Frauenliebe gesucht und auch oft gefunden wurde."

"Wenn ich die Berichte aus eurer Zeit höre, und es fällt mir schwer, mir das wirklich vorzustellen, was ich da höre, - dann wird mir erst richtig klar, wie glücklich wir Menschen Utopias leben. Wir vergessen das nur allzu leicht, halten so vieles für selbstverständlich, wovon ihr nicht einmal wagen konntet, zu träumen. Bei uns gibt es überhaupt keine sexuellen Tabus, selbstverständlich auch nicht in der physischen Liebe. Wir betrachten sie nicht als Triebbefriedigung, sondern als eine Form der Kunst, als Feld der Erfindung, nicht des biologisch programmierten Instinkts, als höchste Form des Selbsterlebnisses durch das Erlebnis der Identität mit dem Partner. Und daß ihr beiden lieben Menschen auch etwas von diesem großen Glück erfahren und erfassen sollt, darauf wollen wir unsere Gläser, die frisch gefüllten, bis auf den Grund leeren.

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Gan-Be für Katja und Robert!", womit Anna aufstand, zuerst Katja und dann mich umarmte und küßte.

Wie lange hatte ich die chinesischen Worte Gan-Be nicht mehr gehört, die wörtlich bedeuten: das Glas trocken machen. Und wie oft habe ich sie damals im Jahre 1951 gehört, als ich als Vertreter der erst zwei Jahre jungen DDR für einige Wochen in der auch erst zwei Jahre jungen Volksrepublik China war, um an der Unterzeichnung eines Kulturabkommens zwischen dem großen China und der kleinen DDR mitzuwirken. Mit Trauer dachte ich an den unglückseligen Streit, der später folgte und der so schreckliche Verwirrung in die Welt brachte zu einer Zeit, wo wir nichts mehr brauchten als Klarheit und Einverständnis.

Wir ließen uns gleich ein zweites Glas einschenken und fühlten fast körperlich, wie ein berauschendes Glücksgefühl uns erfaßte. Es war keine Trunkenheit, kein Verlust der Selbstkontrolle, doch die Aufhebung jeder Selbstreflektion, darum eine schrankenlose Annäherung an alle Menschen, alle Anwesenden und in ihnen und durch ihre Vermittlung das Gefühl des Einssein mit allen menschlichen Wesen.

Nun wollten wir aber doch noch etwas mehr über das neue Matriarchat in Utopia hören. Alles bisher Gesagte war doch nur Vorrede gewesen.

"Und wie haltet ihr Utopier des neuen Matriarchats es mit der Liebe?", wollte ich wissen. "Wie haltet ihr es mit der Treue? Wie leicht, wie schwer, wie oft wechselt ihr eure Partner? Liebt ihr euch nur zu zweit oder auch zu dritt, zu viert, zu vielen? Kennt ihr noch die Eifersucht, den Haß aus verschmähter Liebe und das Unglück des gebrochenen Herzens? Gibt es nur Liebespaare oder auch langdauernde Liebesverbindungen von drei oder auch mehr Menschen? Ihr spracht schon einmal davon, daß es auch in Utopia unter den Menschen tragische Konflikte gibt. Wo sind die gesellschaftlichen Widersprüche, aus denen sie hervorgehen? Ihr sagtet, die utopische Tragödie erfaßt tiefere Schichten unserer Seele? Erfassen Liebestragödien, wie wir sie kennen und in unseren Dichtungen besungen haben, nur äußere, oberflächliche Schichten der menschlichen Seele?"

Das waren viele Fragen, die sich nach allem, was wir gehört hatten, vor uns auftürmten.

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Unsere fünf utopischen Freunde beantworteten sie, wobei man ihnen anmerkte, welches Vergnügen sie daran hatten. Es war, als entdeckten sie bei der Beantwortung unserer Fragen selbst erst das Neue ihres Lebens, als käme ihnen, was sie schon wußten, doch erst dadurch eigentlich wahrhaftig zum Bewußtsein, daß sie es aussprachen, uns mitteilten und dabei es sich auch selbst mitteilten, indem sie es nun auf wunderbare Weise mit uns teilten. Alle fünf sprachen, denn Christiane und Bernd nahmen rege am Gespräch teil.

"Lieber Robert", eröffnete Anna das große Beantworten, "ich rede zuerst hauptsächlich dich an, denn ich bin sicher, wir werden noch Fragen von Katja hören, die du vergessen hast, – wie ich mich einmal freundschaftlich ausdrücken will. Du fragst, wie wir es mit der Liebe und der Treue halten. Wir betrachten die Liebe als das größte Glück, das Menschen miteinander haben und sich gegenseitig bereiten können. Bei uns gibt es euren Begriff der Treue nicht, weil es bei uns auch den Begriff der Untreue nicht gibt. Menschen, die das große unwiederbringliche Glück der Liebe haben, was könnte sie bewegen, insgeheim, hinter dem Rücken des geliebten Menschen andere Liebesbeziehungen einzugehen? Und wenn ein Liebender oder eine Liebende sehr großes Gefallen an einem anderen Menschen findet, so braucht dadurch doch die Liebe zu seinem Partner nicht zu zerbrechen. Es kann natürlich aus einer Freundschaft, die ja immer sexuelle Komponenten hat – darüber sprachen wir doch – eine immer engere und intimere Beziehung werden. Es kann dann zur Auflösung der alten Liebe kommen. Es kann aber auch eine Liebesgemeinschaft zu dritt daraus werden. Dann kann es geschehen, daß sie sich auch zu dritt physisch lieben. Warum nicht? Wenn sich alle drei richtig lieben, was wäre dann an solcher Liebe nicht gut? Aber die Form der Liebe zu dritt und das was ihr in eurer Zeit Gruppensex nanntet, das gibt es bei uns überhaupt nicht mehr."

"Und zwar nicht deswegen", setzte nun Bertram Annas Rede fort, "weil wir den Gruppensex und den rein sexuell motivierten Partnertausch moralisch verurteilen, sondern weil in unserer Gesellschaft die Motivationen nicht mehr vorhanden sind, die bei euch diese Erscheinungen hervorriefen. Es liegt daran, daß sich der Charakter menschlicher Beziehungen bei uns von vielem Unrat und Schmutz gereinigt hat, der unter den Bedingungen eurer von Habgier, Besitzstreben, Geltungstrieb und Machthunger vergifteten Gesellschaft alles Menschliche besudelte. Es gibt bei uns die Trennung von Liebe und Sexualität nicht mehr.

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Wir wissen außerdem, daß auch in eurer Welt die Verselbständigung der Sexualität immer nur eine Form der Prostitution war, nicht nur bei den Dirnen und in den Bordellen, auch in den ›normalen‹ bürgerlichen Ehen. Selbst die Ehefrau, die fremd ging oder die Frauen, die sich darauf einließen, sich von ihren Partnern gegeneinander austauschen zu lassen, waren tatsächlich alles andere als frei, waren Prostituierte der Männer.

Sex ohne Liebe bedeutet immer Unterwerfung. Daß sie in eurer Zeit fast die Regel war, hat einen einzigen sehr einfachen Grund: die materielle Abhängigkeit. Es gab so gut wie überhaupt keine Beziehung zwischen den Menschen, die frei war von materieller Abhängigkeit, oft gegenseitiger, bei Beziehungen zwischen Mann und Frau fast immer sehr einseitiger Abhängigkeit der Frau vom Mann. Dieses Grundübel eurer Zeit hat jede aufkeimende Liebe immer wieder zerstört und hat euch alle schließlich unfähig gemacht, zu lieben, hat das Schönste am Menschsein in euch verkrüppelt."

"Ich werde Christiane immer lieben, für mein ganzes Leben!", rief unser 17jähriger Bernd aus, kaum sich lösend aus der innigen Umarmung seiner Freundin. Christiane, zwar erst 15, aber als Frau körperlich vollkommen entwickelt, mit dem unerklärlichen Reiz der eben erblühten Blume, lächelte, meinte aber zu den überschwänglichen Worten ihres Liebhabers: "Was wirst du denn sagen, wenn ich mich in einen anderen verliebe?" "Dann werde ich trotzdem nicht aufhören, dich zu lieben." "Auch wenn ich dich bitte, nicht mehr zu mir zu kommen, weil ich -", sie zögerte und beendete den Satz nicht. Bernhard fragte sie nach dem Grund: "Heißt es nicht: Alle Menschen sind Geschwister. Und du willst deinem Bruder die Tür weisen?" "Lieber guter Bernhard, ich hab's ja gleich gemerkt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß ich den Bernd nicht mehr mögen könnte. Und selbst dann würde ich's nicht tun. Aber ich fand, Bernd hat mit dem Wort ›für mein ganzes Leben‹ nicht nur übertrieben, was er gar nicht zu tun brauchte. Er hat auch so eine Art endgültiger Beschlagnahme gegen mich ausgesprochen. Das darf er doch auch nicht?"

Anna nickte dazu, nahm Christianes Hand und sagte: "Was ein Liebender sagt, soll man zwar ganz ernst nehmen, aber nicht mit dem Maßstab der Vernunft messen. Man täte ihm sonst Unrecht. Außerdem hat Bernd beinahe schon eine von Roberts weiteren Fragen beantwortet, die Frage nach der Eifersucht.

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Daß er nicht aufhören wollte, dich zu lieben, auch wenn du dich einem anderen Liebhaber zuwenden würdest, heißt doch, daß ihm das Gefühl der Eifersucht fremd ist. Daß wir in Utopia die Eifersucht nicht mehr kennen, erklärt sich sehr einfach: weil es keine Männerherrschaft mehr gibt. Eifersucht ist ja im Grunde eine rein männliche Untugend. Sie ist eine Art Strafe dafür, daß die Männer die Frauen zu ihrem persönlichen Eigentum gemacht haben. Weil sie doch wenigstens hin und wieder deswegen ein schlechtes Gewissen haben, daß sie ihre Gewaltherrschaft über die Frauen errichtet haben, indem sie sie in materielle Abhängigkeit versetzt haben, plagt sie der Zweifel, ob diese bittere Medizin den Frauen vielleicht doch nicht schmeckt, so daß sie sich insgeheim hinter ihrem Rücken mit einem Liebhaber dafür schadlos halten. Und so ganz unbegründet war ja das männliche Mißtrauen auch gar nicht und die Kunst der Frauen im Bewahren ihrer Geheimnisse war groß."

"Wenn es keine Eifersucht mehr gibt, muß ich gestehen, daß sie mich in meinem Leben manchmal ganz schön gepeinigt hat, wobei die Hauptleidtragende ja die Frau ist und nicht der Mann, – wenn es diese unglückliche Leidenschaft nicht mehr gibt, heißt das denn, daß das wohl immer zuerst einseitige Ende einer Liebe mit Gleichmut und ohne Schmerzen von dem Verlierenden hingenommen wird?", war meine Frage.

"Nein, das Ende einer Liebe ist immer schmerzhaft, für beide. Es ist das Unglück in unserem Leben. Es bedeutet nicht Eifersucht und Haß oder gar Rachsucht. Aber es bedeutet Traurigsein, oft tiefe Verzweiflung. Auch die Tragödien Utopias sind schicksalhafte menschliche Konflikte, hervorgegangen aus dem Werden und Vergehen menschlicher Beziehungen. Bei euch war oft oder wohl immer die soziale Ungleichheit der Menschen und der verzweifelte Widerstand der Liebenden gegen die unmenschlichen Auswirkungen des sozialen Unrechts die Quelle des Konflikts. Bei uns ist alle soziale Ungleichheit aufgehoben. Nun tritt eine neue Ungleichheit auf den Plan. Denn die Aufhebung der sozialen Ungleichheit hat alle uniformierenden Tendenzen, die gerade von der sozialen Ungleichheit geschaffen wurden, ausgeschaltet und dadurch zu einer unerschöpflichen Vielfalt und Mannigfaltigkeit der menschlichen Individuen geführt. Erst in unserem utopischen Zeitalter lernen und erfahren wir, wie weit der Bogen unserer individuellen Variabilität gespannt ist.

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Diese Freisetzung der Existenzformen des Menschlichen ist der Grund für die neuen Möglichkeiten menschlichen Glücks, aber auch Unglücks."

"Mich beschäftigt schon seit Tagen eine Frage", meldete sich nun Katja, "die Frage nach der größeren menschlichen Gemeinschaft. Wir sind hier doch eine sehr kleine Gruppe, uns Besucher ausgenommen, auch Bertram, seid ihr zwei Erwachsene und sechs Kinder, eine Familie, deren Aufgabe es eben ist, den Kindern elterliche Liebe, Zärtlichkeit und Fürsorge zu geben. Das ist eine Funktion. Aber es muß doch auch größere Einheiten menschlicher Gemeinschaft geben, wobei ich nicht nur die durch Gegenstand und Methode bedingte Kooperation komplexer Teams meine, sondern auch frei gebildete Gemeinschaften, die enger oder lockerer miteinander leben und sich des Lebens in der Gemeinschaft erfreuen, die doch ganz andere, reichere Möglichkeiten bietet als der kleine enge Kreis der Familie. Wo sind sie, diese Menschen eurer Nachbarschaft, die ja nicht nur räumlich zu verstehen ist, eben die euch Nahen?"

Die kleine Pause des Schweigens, die auf die Frage folgte, veranlaßte Katja noch zu einer weiteren Frage: "Warum holt ihr eure Mahlzeiten zu euch in die kleinen Häuser und nehmt sie nicht in großer Gemeinschaft ein, in einer Kantine, wie wir das nennen? Das gemeinsame Mahl schafft doch und fördert doch menschliche Gemeinschaft. Man würde jeden Tag die Gelegenheit haben, viele Freunde, Bekannte und auch ganz neue Gesichter zu treffen und sich mit ihnen bekannt zu machen. Und dann noch eine ganz allgemeine Frage: Ich höre mit Freude und Bewunderung, wie vollständig ihr die Herrschaft der Männer überwunden habt und dadurch zu einer freien Gesellschaft gleichberechtigter Wesen geworden seid. Irgendeine Vorherrschaft weder der Männer noch auch der Frauen existiert nicht mehr. Warum also nennt ihr dies noch Matriarchat? Gibt dieses Wort nicht doch den Müttern, also den Frauen ein Übergewicht?"

Bernhard, der so jugendliche alte Familienvater der Anna-Familie antwortete als erster. "Katja, du hast die wichtigste Frage gestellt, die Frage nach dem Leben in der Gemeinschaft. Es wäre wirklich schlimm, wenn wir es nicht hätten. In der Urgesellschaft, die ja auch kommunistisch war, beruhte die enge Lebensgemeinschaft der Menschen auf der Notwendigkeit der gemeinsamen harten Arbeit. Es war eine Gemeinschaft der Not, die alle verband, weil alle sie teilten. Es war die Zeit des Reichs der Notwendigkeit, wie Marx den Ursprung der Gesellschaft nannte.

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Von diesem Reich der Notwendigkeit führt der Weg des Menschen durch Einsicht in die Notwendigkeit in das Reich der Freiheit. Die vollkommene Freiheit ist zwar etwas ebenso Unerreichbares wie die absolute Wahrheit. Aber eingetreten in dies neue Reich der Freiheit sind wir schon, weil wir eine Gesellschaft geschaffen haben, die die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nicht mehr als Triebkraft ihrer Entwicklung braucht. Unsere Gemeinschaften sind Gemeinschaften der Freiheit. Es sind nicht Gemeinschaften der notwendigen Arbeit, sondern der nicht notwendigen, schöpferischen Betätigung. Und der gemeinsamen Lebensfreude, der Freundschaft und Hilfsbereitschaft. Morgen, so war schon seit Tagen unser Plan, sollt ihr den Kreis unserer Freunde kennenlernen und in ihn aufgenommen werden. Morgen werden wir alle gemeinsam zu Mittag essen und unsere Freunde werden euch viel zeigen und erzählen. Und am Abend werden wir ein Fest feiern!"

"Im Anfang des utopischen Zeitalters", ergänzte ihn Anna, "hatten wir noch vieles aus eurer Zeit übernommen und versuchten es unseren Möglichkeiten entsprechend umzuformen. Es gelang nicht immer. Wir hatten auch das gemeinsame Essen der Menschen, die in größerer Zahl an einer gemeinsamen Arbeit zusammenwirken. Also das, was du Kantinenessen nanntest. Wir fanden aber, daß es nur eine organisierte Abfütterung war. Jeder war froh, wenn er sie hinter sich hatte. Gelegenheiten zum Kennenlernen gab es kaum, jedenfalls nahm niemand sie wahr. Und die Kultur des Eßgenusses war sehr gering. Das gemeinsame Genießen schöner Speisen und Getränke verlagerte sich immer mehr in die Freundeskreise und die kleineren und größeren Gruppen sich nahe stehender Menschen, die sich hierzu zu besonderen Gelegenheiten zusammenfanden und nicht nur die fertigen Gerichte, sondern immer mehr auch selbst zubereitete Spezialitäten aus selbst kultivierten Gemüsen und Früchten verzehrten."

"Wir haben hier in unserem Kinderdorf verschiedene Gebäude, die ausschließlich für diese Zusammenkünfte dienen. Aber ihr werdet ja morgen ein solches Haus besichtigen und dort mit unseren Freunden zusammen sein." Nach einigem Grübeln sagte Bertram dann zögernd: "Da ist noch Katjas letzte Frage. Was ist es mit dem Matriarchat? Ich bin ein Mann, und ich kann gewiß nicht sagen, daß ich mich als Opfer einer Frauenherrschaft oder Mütterherrschaft fühle. Aber ich finde doch, die Frauen haben im utopischen Leben ein größeres Gewicht als die Männer. Es fällt mir sehr schwer, das zu erklären, obwohl ich immer wieder darüber nachgedacht habe."

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"Es muß daran liegen", meinte nun Anna, "daß doch noch Reste der alten Männerherrschaft in den Winkeln unseres Bewußtseins modern. Ich meine nicht, daß Bertram auch nur die geringsten Tendenzen oder geheimen Wünsche nach Wiederherstellung der alten Ordnung hat. Auch denke ich nicht, daß diese Reste sich nur in den Schlupfwinkeln der männlichen Gehirne festgesetzt haben. Sie sind einfach noch verborgene Restbestandteile des alten versunkenen und zerfallenen Überbaus."

Bernhard, der mit einigem Abstand älteste unter uns, hatte den ganzen Abend in einem leichten, bequemen Gartenstuhl, der sich stufenweise in verschiedenen Neigungen verstellen ließ, etwas außerhalb unseres Kreises gesessen. Er stand jetzt auf, setzte sich zwischen Katja und Anna, um jede einen seiner kräftigen Arme schlingend, und, nachdem er Bertram und mich kritisch gemustert und danach Christiane und Bernd freundlich-verschmitzt zugeblinzelt hatte, hob er sein Glas, trank auf aller Wohl, gab noch den Frauen einen laut schmatzenden Kuß, und hub dann an, über die neue Mutterwelt zu reden:

"Wo, liebe Freunde, beginnt unser Leben? Im Leib der Mutter. Dort finden wir die erste Geborgenheit. Sie empfängt uns als erste mit ihrer Liebe, wenn wir aus ihrem Bauch herausgekrochen sind. Sie hört beglückt unsere ersten Schreie, weil sie das Leben bedeuten. Sie nährt uns an ihren Brüsten und fühlt mit Entzücken unsere ersten Liebkosungen, unser Saugen und Lutschen an ihren Brustwarzen. Nicht wahr, Robert, du hattest vor vielen Jahren einmal einen guten Freund, einen Rabbi aus Riga, der dreißig Sprachen beherrschte? Er hat dir erzählt, daß in dem Wort Liebe das L und das B das Entscheidende sind, die Konsonanten, die immer den Kern des Begriffs in den Worten bilden, während die Vokale das von ihnen angeschlagene Thema nur variieren. L und B, um sie zu bilden, braucht man beim L die Zunge, beim B die Lippen. Mit dem Lecken der Zunge und dem Saugen der Lippen beginnt die Liebe in unserem Leben, als die erste innige, ganz freie, ganz auf Vertrauen beruhende Glückseligkeit an der Brust unserer Mutter. Auch im Russischen sind L und B die Konsonanten des Wortes Liebe, im Englischen ist das B in ein V verwandelt, was wir sehr häufig – auch im Deutschen – finden, was keine

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wesentliche Änderung bedeutet, weil beim V bzw. W die Unterlippe und die oberen Zähne, die der Säugling noch nicht hat, zusammenwirken. Da gäbe es noch viel zu sagen über die Verwandtschaft der L-B-Worte Labe, Lob, Leib und Leben. Aber ich will über das Mütterliche als den Ursprung allen Seins sprechen. Gewiß, der Mann gibt den Samen, ohne den es keine Befruchtung gäbe. Aber die Mutter gibt mehr als die Eizelle, sie gibt uns das Leben. Sie gebärt. Sie ist der Boden, in dem wir wachsen als ein Teil ihres Leibes und zehrend von ihren Kräften unseren eigenen Leib aufbauen. Es ist ein tiefer Sinn darin, wenn wir von der Erde als unserer Mutter sprechen. Sie ist das Dauernde und Bleibende, dem wir vertrauen können. Der Begriff des Vaters findet sich nur in dem Wort Vaterland, wobei man zwangsläufig an Staaten und Grenzen denkt, alles Übel, die in der Zeit der Männerherrschaft entstanden sind. Aber selbst die Sprache, die uns doch alle verbindet und ohne die sich keine menschliche Kultur hätte entwickeln können, die Sprache unseres Volks, nennen wir Muttersprache. Wir haben ja auch die ersten Worte unseres Lebens in ihren Armen gelernt. Weil die unselige Herrschaft der Männer aufgehoben ist, die die Mütter zu Sklavinnen des Mannes machte, weil nun wieder die alte ursprüngliche Freiheit für alle in Kraft ist, in der die Mutter nicht mehr erniedrigt ist, sondern als Ursprung aller menschlichen Vollkommenheit verehrt und begehrt wird, weil wir nun in einer Gesellschaftsform leben, in der die Liebe nicht nur eine Hoffnung ist, die, kaum daß sie aufgekeimt ist, immer wieder grausam erdrosselt wird – und das auch noch durch die Hand der Liebenden selbst –, weil nun die Quelle allen Glücks das Weibliche ist, von dem Goethe sagte: ›Es zieht uns hinan!‹, nennt man die glückliche und zutiefst menschliche Form unseres Zusammenlebens mit Fug und Recht Matriarchat."

"Du meinst also auch", sagte Bertram sofort, "daß die Frauen in unserer Gesellschaft ein größeres Gewicht haben als die Männer? Daß sie der ruhende Mittelpunkt des Lebens sind, weil sie das Leben zur — Welt bringen, während wir Männer in steter Unruhe sind, angezogen und erregt vom Weiblichen, es ruhelos umkreisen, um darin einzudringen wie die Spermien unseres Samens in die Eizelle."

"Ich kann dir nicht uneingeschränkt zustimmen", war Bernhards Antwort, "in deinen Worten klingen wirklich noch Reste der Denkweisen der vergangenen Zeit. Durch den Vergleich mit den Geißelzellen des männlichen Samens hat man schon damals die doppelte Moral

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der Männergesellschaft zu rechtfertigen gesucht, die es den Männern gestattete, die Frauen wie Blumen zu pflücken, die man am Weg fand, das gleiche aber den Frauen zu verwehren und das, was man ihre Untreue nannte, moralisch zu verurteilen. Die Ansicht, die Männer seien von Natur unstet und schwankend in ihren Bindungen ist sowohl falsch in ihrer Begründung, weil sie ein soziales Verhalten auf eine biologische Determination zurückführt, als auch falsch, wenn mit ihr das Wesen unseres Matriarchats zu erklären versucht wird. Es ist eben nicht richtig, wenn du sagst, daß die Frauen ein größeres Gewicht in unserer Gesellschaft haben. Das hieße, daß sie – wie auch immer – soziale Vorrechte hätten, mehr Entscheidungsfreiheit, weniger Pflichten als die Männer, ich weiß nicht, was es noch sein könnte, was da hinter deinen Worten steckt, denn du weißt doch: die Frauen haben in unserer Gesellschaft keine sozialen Vorrechte, weil sie schon aus ökonomischen Gründen niemand hat und niemand haben kann. Aber in einem Punkt stimme ich dir zu, daß das Weibliche der Mittelpunkt unseres Lebens ist, weil aus ihm alles Leben und alle Liebe hervorgeht." "Ja, du Lieber, ja! Und du hast es ja auch vorhin schon viel besser gesagt als ich!", war Bertrams Antwort.

"Und was sagt ihr dazu, ihr beiden Mittelpunkte unseres Lebens?", wandte sich nun Bernhard an die beiden Frauen. Während seiner Hymne auf das Weibliche schien er sie fast vergessen zu haben. Er hatte sich ganz seinem Freunde Bertram zugewandt, manchmal wie beschwörend auf ihn einredend. Aber jetzt nahm er seine beiden schönen Nachbarinnen wieder in die Arme und preßte sie an sich. Katja, indem sie versuchte, sich etwas aus seiner Umarmung zu lösen, fragte sofort: "Habe ich dich nun recht verstanden? Du hast doch gar nicht gesagt, daß wir Frauen der Mittelpunkt des Lebens sind. Sagtest du nicht und zitiertest sogar unseren alten Goethe, es ist das Weibliche, das uns hinanzieht? Was ja meint, das unter dem Weiblichen ein allgemeines Prinzip des menschlichen Seins begriffen wird, nicht aber die Gesamtheit der Menschen weiblichen Geschlechts?"

"Es ist auch schlecht vorstellbar", setzte Anna etwas spöttisch hinzu, "wie die eine Hälfte der Menschheit den Mittelpunkt der gesamten Menschheit bilden soll." Bertram versuchte sich noch einmal mit den Worten: "Für mich ist aber die Frau, die ich liebe, der Mittelpunkt. Ich könnte mich selbst nie als Mittelpunkt fühlen."

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"Für mich auch", stimmte nun der 17jährige Bernd begeistert zu und wollte gleich zum Beweis seiner Worte seine Christiane mit Liebkosungen überschütten. Aber Christiane widersetzte sich mit Entschiedenheit: "Aber hör mal, lieber Bernd, zuerst einmal – wenn schon – dann bist du für mich genau ebenso mein Mittelpunkt wie ich deiner bin. Aber was verstehst du unter Mittelpunkt? Soll das heißen, daß du dich in allem nach mir und meinen Wünschen richten willst? Na, da könntest du mir aber wenig und bestimmt nicht sehr lange gefallen. Außerdem denkst du ja auch gar nicht daran. Also was soll das mit dem Mittelpunkt eigentlich heißen?"

 

Bertram und Bernd machten ziemlich bekümmerte Gesichter. Sie hatten es so gut gemeint und konnten nun nicht einmal die Frage der 15jährigen Christiane beantworten. Jedenfalls trauten sie es sich nicht mehr zu. Aber Anna half ihnen und uns allen aus dem Dilemma heraus: "Nach allen diesen Reden könnte man fast meinen, es handle sich bei unseren Meinungsverschiedenheiten nur um Mißverständnisse, also nur um einen Streit um Worte. Ich glaube das aber nicht.

Bertram und Bernd haben genau und richtig gesagt, wie es in ihrem Innern aussieht. Sie sind Liebende. Das Denken der Liebenden kreist um den geliebten Menschen, ist immer mit ihm beschäftigt, ist immer in Sorge um ihn, wird unaufhörlich zu ihm hingezogen und sucht in jeder Stunde die Gemeinschaft mit ihm. Der geliebte Mensch ist sein Mittelpunkt. Und wenn ich dir, lieber Bertram, wie Christiane ihrem Bernd, sage, daß du ganz ebenso mein Mittelpunkt bist, dann ist das einfach die Erwiderung deiner Liebeserklärung, die mich sehr glücklich gemacht hat. Oder dachtest du, ein Mann könnte nicht der Mittelpunkt im Leben einer Frau sein? Wenn du sagst, du könntest dich nicht als Mittelpunkt fühlen, so ist das etwas ganz anderes. Sein und Sich-Fühlen sind so verschieden voneinander, daß man fast sagen muß, sie schließen sich aus. Wer sich stark fühlt, ist schwach, wer sich klug fühlt, ist dumm, wer sich schön fühlt, ist häßlich, wer sich groß fühlt, ist klein. Und ganz gewiß gilt in der Liebe wie auch in allen guten Beziehungen zwischen Menschen der Satz: Nur wer sich nicht im Mittelpunkt fühlt, kann Mittelpunkt sein. Christiane hat auch darin recht, daß sie nicht will, daß du in der Liebe zu ihr deine Freiheit und Unabhängigkeit aufgibst, die Liebe also in der Form einer Unterwerfung vollziehst. Wenn jemand kommt mit dem Angebot, sich dir zu unterwerfen - aus welchem Grund auch immer, mag es Bewunderung sein oder Liebe - so sei wachsam!

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In neun von zehn Fällen plant er nur deine eigene Unterwerfung, die er schneller, als du denkst, als Gegenleistung einfordern wird. Aber Liebe ist kein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Liebe muß man schenken und kann sie nicht fordern. Liebe ist die höchste Form des Vertrauens. Sie ist das bedingungslose Sich-Anvertrauen, das jeder Mensch zuerst in seinem Leben bei der Mutter und mit der Mutter erfährt. Darum gilt für sie der alte Spruch, den Lao-tse unter dem Titel ›Reinheit des Wirkens‹ zitiert: Schenkst du kein Vertrauen, so findest du kein Vertrauen. Also auch: Schenkst du keine Liebe, so findest du keine Liebe. Es ist ja eigentlich dasselbe. Ohne Vertrauen keine Freundschaft, ohne Freundschaft keine Liebe."

"Ich möchte euch auch einige Sätze aus dem Taoteking des Lao-tse zitieren", meldete ich mich nun. "Ich verehre diesen chinesischen Weisen, der vor Jahrtausenden lebte und aus seiner Heimat vertrieben wurde. Wäre nicht ein Zöllner an der Grenze gewesen, der ihm seine Weisheit abverlangte und ihn zwang, alles niederzuschreiben, wäre die Menschheit heute ärmer. 

Also: Es heißt da unter dem Titel ›Das Werden der Formen‹: 

›Der Geist der Tiefe stirbt nicht. Das ist das Ewig-Weibliche. Des Ewig-Weiblichen Ausgangspforte ist die Wurzel von Himmel und Erde. Endlos drängt sich's und ist doch wie beharrend. In seinem Wirken bleibt es mühelos.‹ 

Und unter dem Titel: ›Rückkehr zum Ursprung‹ lesen wir: ›Der Anfang des Seins der Welt heißt die Mutter der Welt. Wer seine Mutter findet, um seine Kindschaft zu erkennen, wer seine Kindschaft erkennt, um seine Mutter zu bewahren, der kommt beim Aufhören des Ichs in keine Gefahr.‹ 

Und noch ein einziges Wort von ihm: ›Wen der Himmel retten will, den schützt er durch die Liebe‹." 

Bei diesen letzten Worten fühlte ich von Katjas Hand, die ich hielt, einen leisen Druck.

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