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Philosophie in Utopia 

 

 

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Es war spät geworden, Schlafenszeit. Anna entschied, wir sollten bei den Kindern schlafen. Franzi und Felix lagen ja schon lange zusammen mit Betti und Peter in tiefem Schlaf. "Ich schlafe mit unserer kleinen Juliane und meinen beiden Männern im anderen Zimmer. Ich muß mich nachts manchmal um Juliane kümmern, so seid ihr weniger gestört." Aber vorher gingen wir noch alle nach draußen in den Garten und badeten uns unter einer Dusche, mit erfrischendem, aber nicht kaltem Wasser. Anna gab uns Schwämme, mit denen wir uns abreiben sollten. Sie waren ganz leicht rauh, doch ohne die Haut zu verletzen. Seife war auch hier nicht im Gebrauch.

Wir waren alle sehr lustig, in angeregter Stimmung. Katja und ich fühlten uns sehr wohl. Wir waren ganz in den Kreis dieser Menschen einbezogen, ohne irgendein Gefühl der Fremdheit. Wir bewegten uns wie sie in der vollkommensten Ungezwungenheit. In keiner unserer Haltungen und Bewegungen war Scheu oder Scham, auch nicht bei körperlichen Berührungen. Alles an uns war offen. Wir rieben uns gegenseitig mit großen weichen Tüchern trocken und gingen ins Haus. Unser Kinderschlafzimmer war jetzt fast ganz mit Schaumstoffmatratzen ausgelegt und bildete so ein einziges riesiges Bett. Wir vier später Gekommenen suchten uns zwischen den schlafenden Kindern vorsichtig, um sie nicht zu wecken, unseren Platz, fanden auch Kopfkissen und leichte Decken und waren nach den vielen Erlebnissen des Tages schnell in den Schlaf gesunken.

 

Am Morgen gab es ein großes gemeinsames Frühstück im Garten. Nun kamen auch Freunde unserer Gastgeber, um den Zeitplan des heutigen Tages zu besprechen und noch über das geplante Fest zu beraten. Uns wurde eine ganze Palette von Vorschlägen gemacht, vom Besuch einzelner Kurse und Zirkel bis zur Besichtigung der technischen Anlagen. 

Wir entschieden uns für eine Unterrichtsstunde in Deutsch für Sechs- bis Siebenjährige, einen Bildhauerzirkel für Vierzehn- bis Achtzehnjährige und einen Philosophiekurs für Zehn- bis Vierzehnjährige. Auf eine Besichtigung der technischen Einrichtungen haben wir verzichtet. Sie waren ganz offensichtlich hervorragend und damit war das Wesentliche an ihnen für uns nach einigen Wochen Aufenthalt in Utopia nichts Neues mehr. 

Wir hätten ja sowieso mit Kenntnissen der technischen Details bei unserer Rückkehr in unsere alte Welt kaum etwas Praktisches bewirken können. Der enorm hohe Stand der utopischen Technik ließ sich zudem gar nicht an unserem alten Stand der Technik messen, weil ja nicht die technischen Lösungen das entscheidend Neue waren, sondern die der Technik gestellten Aufgaben. Aber diese neuen Aufgaben entstammten nicht der naturwissenschaft-technischen Sphäre, sondern ergaben sich aus den völlig neuen Zielsetzungen der utopischen Gesellschaft.

 

Der Deutschunterricht für die Sechs- bis Siebenjährigen, die also etwa unseren Schulanfängern entsprechen, wurde abwechselnd in zwei Formen durchgeführt: in ganz kleinen Gruppen von drei bis vier Schülern mit einem Lehrer und in gelegentlichen Zusammenfassungen dieser kleinen Gruppen zu größeren mit 20 bis 25 Schülern.

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Die Lehrkräfte der kleinen Gruppen wirkten bei diesen Gruppenzusammenfassungen alle mit. Wir nahmen zuerst an der Arbeit in einer kleinen Gruppe teil. Sie fand in einem kleinen hellen Raum statt. Die Lehrerin saß in der Mitte, die Kinder waren, jedes an einem kleinen Tischchen, um sie versammelt. Sie konnten alle bereits fließend neue Texte, die nicht zu schwierige Wörter enthielten, vom Blatt ablesen. Das hatten sie ja schon zu Hause mit fünf Jahren gelernt. Ein Kind las ein Märchen oder eine kleine Geschichte, ein Gedicht oder eine Parabel vor. Dann wurde über den Inhalt und über die Bedeutung aller wichtigen Wörter des gelesenen Textes gesprochen.

Die Lehrerin erklärte den Kindern auch in vielen Fällen, wie sich Wörter der Sprache im Lauf der Zeit sowohl der Form nach wie auch in ihrer Bedeutung entwickelt und verändert haben, z.B. wie aus der Magd die Maid und das Maidele und daraus das Mädchen wurde, wobei doch niemand mehr an die Magd denkt, die ihrem Herren dienen muß. Auch, wie die Wörter der einen Sprache ihre Verwandten in anderen Sprachen haben und dabei oft ihren Sinn stark verändern, z. B. wie das lateinische Wort major, was der größere heißt, sich in das deutsche Wort Meier verwandelt, was einen Mann bezeichnet, der bei den Kühen die Milch melkt, im Englischen und Französischen aber als mayor oder Maire einen Bürgermeister bezeichnet. Dabei wetteiferten die Kinder im näheren Erläutern und Beschreiben der vielfältigen Bedeutungen der Wörter. 

In den kleinen Gruppen wurde auch das Schreiben geübt und das Lesen handgeschriebener Texte. In der großen Zusammenkunft, an der die Schüler von sechs bis sieben kleinen Gruppen gemeinsam teilnahmen, wurden Gedichte aufgesagt, kleine Szenen gespielt, die sich ein Lehrer gemeinsam mit seiner Gruppe ausgedacht hatte, wurden um die Wette ähnlich einem Quiz Worträtsel gestellt und gelöst und auch sonst auf manche Weise halb im Ernst halb im Scherz ein Spiel mit der Sprache und ihrer vielfältigen Ausdruckskraft getrieben. Es wurden auch völlig selbst erfundene Märchen vorgetragen, die hinterher einer oft erbarmungslosen Kritik durch das Kollektiv unterzogen und schließlich durch derart kollektive schöpferische Arbeit in eine reifere, schönere Form gebracht wurden.

Der Bildhauerzirkel der 14- bis 18jährigen hatte zehn Mitglieder und wurde von zwei Zirkelleitern betreut, einer Frau von etwa 40 Jahren und einem Mann von knapp 50. Sie saßen alle um das Modell herum, einen jungen Mann von 18 Jahren, selbst Mitglied der Gruppe.

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Jeder, auch die Zirkelleiter, stellten sich im Lauf der Zeit als Modell zur Verfügung. Das Modell saß etwas erhöht auf einem runden, drehbaren Tisch, mit angewinkelten Beinen, die Arme um die Knie geschlungen und den Kopf mit der Stirn zwischen den gespreizten Oberschenkeln, die Füße eng beieinander. Er saß da wie tief in Gedanken versunken, auch von Traurigkeit und Schmerz erfüllt. Der Rücken leicht gekrümmt, von den breiten Schultern herab sich zu den Hüften dreieckig verjüngend, ein schmales Gesäß, schlanke kräftige Arme und Beine, dickes, dunkles, leicht gekräuseltes Haar. 

Die Zirkelmitglieder formten ihre kleinen Plastiken aus sehr verschiedenen Materialien: Aus Gips, Sandstein, Marmor, Holz, aus einer weißen lockeren schaumartigen Masse, die sonst als Isoliermaterial verwendet wird, aus schwarzem Wachs, Plastilin und farbigen Knetmassen. Sie hatten die Aufgabe, nicht nur die ganze Gestalt abzubilden, sondern auch einzelne Teile, den Kopf, das Gesäß mit den Oberschenkeln als Torso. Sie sollten versuchen, zuerst einmal naturalistische Treue in allen Formen und Proportionen – nicht dem Detail – zu erreichen, erst danach in freier Gestaltung bestimmte Grundlinien und Ideengehalte durch radikale Überbetonung und Umformung bis ins Nichtmehridentifizierbare sich vom gegebenen Modell lösen und ein selbständiges Kunstwerk zu schaffen suchen. Die kleinen Plastiken sollten auch nur Skizzen sein für spätere größere Ausführungen.

Katja war sehr stark von dieser Arbeit beeindruckt. Die Gestaltung kleiner Plastiken hatte sie oft mit den Kindern unserer Nachbarschaft und auch in einem Kinderheim in Grünheide geübt. Dabei verwendeten sie eine Knetmasse, die sich durch Erwärmen auf 100 Grad bis zur Härte gebrannter Keramik verfestigte und auch zu Formen führte, die Keramiken sehr ähnlich sind, weil das Material eine Plastizität sehr ähnlich dem Ton der Bildhauer hatte. Aber auch die holzgeschnitzten und die aus Sandstein gehauenen Arbeiten der Schüler fanden ihr größtes Interesse. Sie dachte dabei wohl auch an ihre jüngere Schwester Eva, die lange nach einem Beruf gesucht hatte, der ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprach und die schließlich, auch durch Teilnahme an einem Zirkel, zur Bildhauerei gelangt war. Aber vielleicht dachte sie auch daran, sich selbst diesem Gebiet der künstlerischen Gestaltung ernsthaft zuzuwenden.

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Im stillen wünschte ich es mir. Ich dachte an den Grübler, den sie mir schuf, der im fernen Grünheide auf dem hohen Bord meines Schreibtisches steht.

Dann kamen wir zu den jungen Philosophen. Ich war voller gespannter Erwartungen. Gab es denn überhaupt eine Philosophie, die in Utopia gelehrt werden konnte? Sollten gar unsere Philosophen, die den dialektischen Materialismus als Philosophie lehrten, sich in die Zukunftswelt Utopias hinübergerettet haben? Sollte das Ende der Philosophie sich in eine Philosophie ohne Ende verwandelt haben? Es grauste mir bei dem Gedanken.

Unser Philosophenzirkel hatte 15 Teilnehmer, acht Mädchen und sieben Jungen. Zu meiner großen Erleichterung erfuhr ich, daß dort keineswegs irgendeine alleinseligmachende philosophische Lehre gepaukt wurde. Der Leiter des Zirkels erklärte uns, daß die erste Hürde, die jeder philosophische Zirkel zu nehmen hatte, darin bestand, überhaupt erst einmal Verständnis dafür zu gewinnen, was unter dem Begriff Philosophie verstanden wurde. Dieser Begriff war den Utopiern längst zur Bezeichnung einer Denkweise geworden, die definitiv der Vergangenheit angehörte. Es war ihnen schwer verständlich, daß seit der ersten Entwicklung der Kultur für viele Jahrtausende die Menschen mit voller Überzeugung und sogar oft mit Fanatismus und Unduldsamkeit gegenüber Andersdenkenden an die phantastischsten Lehren und Geschichten geglaubt hatten und selbst dann noch an ihnen festhielten und sich an sie klammerten, wenn ihre Unvereinbarkeit mit den Erkenntnissen der Wissenschaft ganz offensichtlich geworden war.

Um diese scheinbaren Widersinnigkeiten nicht einfach als krankhafte Entartungen des menschlichen Denkens abzutun, was sie ja auch keineswegs waren, begann der Zirkel seine Arbeit damit, die historischen Ursprünge der Philosophie zu untersuchen. Um uns mit der Arbeit des Zirkels und seinen ersten Ergebnissen bekannt zu machen, schlug man uns vor, daß die Teilnehmer selbst uns erklären sollten, was sie über die Ursprünge der Philosophie gelernt hatten.

Ein 14jähriges Mädchen eröffnete die Stunde: "Alles begann damit, daß der Mensch der Urzeit an sich eine Fähigkeit entdeckte, über die er bis dahin nur unbewußt verfügt hatte, das Denken. Die Hauptschwierigkeit beim Denken besteht darin, die Gleichheit des Verschiedenen zu erkennen. Dieser Grundschritt muß getan werden, wenn wir in der unendlichen Vielfalt der Natur das Wiederkehrende

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vom Vergänglichen, das Dauernde vom Zeitlichen, das Wesentliche vom Zufälligen unterscheiden wollen und dadurch und damit auf den Begriff bringen wollen. Ohne die Erkenntnis der Identität des Verschiedenen können wir nicht nur nichts begreifen, wir können auch anderen Menschen nichts von dem mitteilen, was wir in Erfahrung gebracht haben. Dieser Grundschritt ist also auch die Voraussetzung für die Entstehung der Sprache. Jedes Wort, jeder Begriff ist eine Abstraktion, eine Verallgemeinerung, eine Simplifikation."

"Alle Bäume sind verschieden, aber jeder Baum ist ein Baum!", illustrierte ein 10jähriger Knabe diese Ausführungen und fügte noch hinzu, daß auch alle Menschen verschieden sind, alt und jung, groß und klein, männlich und weiblich, weiß und schwarz oder gelb oder braun, und doch alle Menschen sind, keine Tiere und Pflanzen.

"Die Entstehung der Begriffe und damit der Sprache hing eng damit zusammen, daß die Menschen es lernten, in Gruppen zusammenzuarbeiten, zuerst als Jäger, später beim Bau ihrer Hütten, bei der Herstellung von Jagdwaffen, von Werkzeugen, von Kleidung, beim Feuermachen und Kochen und so weiter und weiter bis zu den immer komplizierter werdenden Arbeiten der Neuzeit, die ja alle nur durch Kooperation von Menschen möglich sind. Die Sprache, das Denken und die kollektive Arbeit hängen unlösbar zusammen und sind bei der Verwandlung unserer tierischen Vorfahren in Menschen das bei der Menschwerdung entscheidende Neue."

"Der Begriff, das Abstrahierte, das Allgemeine erwies sich als die Grundlage des Zusammenhangs der Dinge. Aber die Urmenschen verstanden es noch nicht als etwas Gedachtes, sondern als eine geheimnisvolle Gewalt, schließlich als Gottheit, die, wie der Mensch auch, willkürlich handelt. Die Personifizierung der Naturerscheinungen in den Naturgöttern ist die erste Form der Philosophie. In dieser ersten Form bilden Naturerkenntnis, religiöser Glaube und Philosophie noch eine problemlose kindlich-naive Einheit."

"Bei der gedanklichen Verarbeitung unvollständiger Informationen spielt das induktive Schließen vom Bekannten auf das Unbekannte eine wichtige Rolle. Mit der reinen Deduktion bleibt man hinter dem zurück, was insgesamt in dem gegebenen Erfahrungsmaterial enthalten ist. Durch Induktion gelangt man über dessen Grenzen hinaus. Andererseits ist Induktion stets weitgehend an ein schon vorhandenes Denkschema gebunden. Es analysiert und wertet in Kategorien eines Modells.

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Aber dadurch gelangt es auch zur Entdeckung der Paradoxien des Modells und der daraus folgenden Unvereinbarkeit mit der Wirklichkeit."

"Die Philosophen haben immer geglaubt, sie könnten nicht nur vom Bekannten auf das Unbekannte, sondern auch vom Erkennbaren auf das Unerkennbare schließen, von Physik auf die Metaphysik, von der Materie auf den Geist, von der Natur auf ihren Schöpfer, vom Menschen auf Gott."

"In den Systemen der Philosophen wurde immer versucht, ein geschlossenes Bild der Welt, der Natur wie des Menschen, zu geben. Weil diese Systeme den Eindruck erweckten, daß durch sie alle wesentlichen Fragen gelöst seien, waren sie der Entwicklung der Erkenntnis nicht förderlich."

"Wie Marx in seiner berühmten 11. Feuerbachthese sagt: Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern."

So hörten wir unsere jungen Freunde über eine Stunde in der muntersten Art über die alte, nun längst beerdigte Dame Philosophie reden und lästern, daß es eine Freude war. Der Leiter des Zirkels, ein hochgebildeter Mann, hatte Kulturgeschichte und speziell Geschichte der Philosophie und der Religionen studiert. Im Alter von 30 Jahren war er mit seiner Frau nach der Geburt ihres ersten Kindes in das Kinderdorf gekommen, wo noch ein zweites Kind zur Welt kam und wo sie beide nun schon über zehn Jahre lebten. Wenn ich eben von "seiner Frau" sprach, so heißt das natürlich nicht, daß es in Utopia irgend etwas Ähnliches gab, von der Art der bei uns üblichen Eheschließung mit Papier und Siegel vor der Behörde. Das war schon darum unmöglich, weil es überhaupt keine Behörden gab oder sonst eine Instanz, die sich mit der Verwaltung von Menschen zu beschäftigen hatte. So gab es weder Hochzeit noch Scheidung; aber wenn wir unter Ehe die auf Liebe gegründete Gemeinschaft von Menschen verstehen, so war der Bestand der Ehen in Utopia unvergleichlich dauerhafter als in unseren vergangenen Zeiten.

Wir fragten den Zirkelleiter noch nach dem Schicksal der großen Religionen, des Buddhismus, des Islams und des Christentums.

Die rituellen Formen der religiösen Kulte und die damit verbundene bedingungslose Gläubigkeit ihrer Anhänger sind im Laufe längerer Zeit fast unmerklich eingeschlafen. Wir haben nie irgend etwas dafür oder dagegen getan.

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"Sie werden das verstehen", betonte er, "denn es gibt in Utopia eben keine Instanz, die irgendein der Gesamtgesellschaft gegenüberstehendes ›Wir‹ repräsentiert, wie das zu euren Zeiten die Regierung oder die Partei oder das Politbüro war." Aber mit dem gedanklichen Inhalt der Religionen und natürlich mit ihrer Geschichte befaßte man sich in Utopia sehr intensiv und nicht nur historisch-analytisch oder ideengeschichtlich, sondern auch mit dem Ziel, nach verborgenen Schätzen menschlicher Weisheit und Erkenntnis zu graben. Man hatte bei solchen Forschungen schon erstaunliche Entdeckungen gemacht, die für andere Wissenschaften von erheblicher Bedeutung waren, für die Psychologie, die formale Logik und für die Sprachwissenschaft. Man hatte es längst als engstirnig und unsinnig erkannt, was Generationen von Atheisten früher als ihre wichtigste Aufgabe angesehen hatten, nämlich in den Lehrgebäuden der Religionen wie auch der Philosophen nach dem zu forschen, was darin offenkundig falsch und durch moderne wissenschaftliche Erkenntnis einwandfrei widerlegt ist, um daraus dann auf die Verfehltheit des Ganzen zu schließen. Diese Versuche sind nicht nur fruchtlos, denn sie liefern überhaupt keine neue Erkenntnis, sie werden auch schon deshalb dem Gegenstand nicht gerecht, weil ja gerade das Wörtlichnehmen dieser noch in bildhaften Gleichnissen ausgedrückten Gedanken und Erkenntnisse nur zu vollkommenen Mißverständnissen führen muß.

Die Zeit des Mittagessens war gekommen. Als wir zu Hause ankamen, fanden wir dort schon viele der erwarteten Freunde, alle gemeinsam mit vielen Kindern damit beschäftigt, eine lange aus vielen Tischen zusammengestellte Mittagstafel anzurichten, für die Erwachsenen, zu denen auch die älteren Kinder gerechnet wurden. Die kleinen, es waren nur acht, saßen an einer Extratafel mit zwei Erwachsenen, die sich um sie kümmerten. Im ganzen wurden 30 bis 35 Gäste erwartet, es kamen sogar mehr, denn mit den acht kleinen waren wir schließlich 42 Personen. Wir tafelten fast drei Stunden lang und verzehrten sehr viele verschiedene Gerichte, immer nur kleine Portionen. Alle Gerichte waren selbstgemacht nach eigenen Rezepten und waren von den Gästen mitgebracht worden. Anna, Bernhard und Bertram waren von dieser Arbeit befreit worden, weil sie ja an unseren vormittäglichen Besuchen im Kinderdorf teilgenommen hatten.

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Wie immer gab es leichte Weine und nach Aufhebung der Tafel Tee und Kaffee. Dann gingen wir zu einer Art Klubhaus, einem flachen Gebäude mit einer breiten Terrasse, wo die verschiedensten Stühle, Hocker, Sessel, Liegestühle und Liegen sich fanden. Man ließ sich nieder, wir wurden von unseren Freunden bald diesem, bald jenem der kleinen Kreise zugeführt, die sich zwanglos gebildet hatten, auch ertönte Musik und viele begannen zu tanzen. Ich habe selten so viele schöne Frauen gesehen, wie an diesem Tag im Kinderdorf, an dem wir ja nun auch Abschied feierten, noch nicht von Utopia, aber doch von unseren lieben Freunden Anna und Bertram. Auch die Männer waren schön, ergänzt in diesem Augenblick Katja meinen Bericht, und ich bestreite es nicht. Die Bekleidung war ohne jede Uniformität, im wesentlichen aber einfach und angenehm zu tragen. Es war alles selbstgeschneidert, zum Unterschied von den gewöhnlichen Tageskleidern. Ganz leichte Stoffe, in allen Farben, leuchtende und gebrochene, gemusterte und einfarbige, metallisch glänzende und irisierend glitzernde, elastisch um den Leib geschlungene Saris, lockere Blusen, tief ausgeschnittene, eng anliegende Kleider und locker wallende togaartige Hemden - und was mir sehr bemerkenswert erschien, kein Kleidungsstück, das in irgendeiner Hinsicht geschlechtsbezogene Merkmale haue, so daß man das Geschlecht des Trägers daran hätte erkennen können.

Kurz vor Einbruch der Dämmerung gingen wir in das Innere des Hauses, wo wir, ähnlich wie auf der Terrasse, reichlich bequeme Sitz- und Liegegelegenheiten vorfanden. An den Raum grenzte auch eine Art Bühne, die durch einen breiten Vorhang vom übrigen Raum getrennt war. Als dieser Vorhang beiseite gezogen wurde, erschien ein Bildschirm von der Größe der Projektionsfläche eines Kinos. Auf dem Bildschirm sah man, farbig, ein sehr helles und gestochen scharfes Bild eines größeren, saalartigen Raums mit einer Anzahl von Menschen, die sich bequem auf Sesseln und Liegen niedergelassen hatten. Alle lachten laut und winkten uns zu, hoben ihre Gläser — ja, dann erst begriff ich, daß der Saal und die Leute auf dem Bildschirm nur wir selber waren, aufgenommen von einer Video-Kamera, die sich über dem Bildschirm befand.

Das Bild auf dem Bildschirm erlosch, während die allgemeine Beleuchtung sich um mehrere Stufen verdunkelte. Der ganze große Bildschirm wurde nun an unsichtbaren Seilen in die Höhe gehoben und verschwand in einer Art Schnürboden.

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Mehrere Scheinwerfer leuchteten auf, die ihr Licht in scharfen Kegeln auf das Zentrum der Bühne konzentrierten. Dort stand ein phantastischer Harlekin, mit hohem spitzem Hut, blauweiß kariert und mit roten Troddeln, einem hellgelben Hosenkleid mit bauschig geblähten Ärmeln und Hosenbeinen und langen roten Schnabelschuhen. Gesicht und Hände waren schneeweiß grundiert und mit blauen und roten Linien bemalt, die im Gesicht strahlenförmig von der Nase als Mittelpunkt ausgingen und an den Händen vom Handrücken bis in die Fingerspitzen verliefen. Er hatte einen Taktstock in der Hand, den er nun erhob - und im gleichen Augenblick, als er anfing, mit ihm zu dirigieren, ertönte die Musik eines großen unsichtbaren Orchesters, eine merkwürdige Musik, mit leisen einschmeichelnden Klängen beginnend, dann aber immer lauter werdend mit schrillen Tönen und wilden, sich immer mehr beschleunigenden Rhythmen. 

Der Harlekin hopste und sprang, in wilder Ekstase sein unsichtbares Orchester zu immer schnellerem Spiel anfeuernd. Gleichzeitig erschienen nun, noch im Dunkel außerhalb der Lichtkegel, mehr und mehr kostümierte Gestalten, die den leidenschaftlich gestikulierenden Harlekin von allen Seiten umringten, bis dieser plötzlich mitten in der wildesten Bewegung stoppte wie ein im Lauf angehaltener Film, während zugleich ebenso schlagartig die Musik verstummte. Die Scheinwerfer verbreiterten jetzt ihre Kegel und bewegten ihre Strahlen in ständigem Wechsel über die ganze Bühne. Nun sahen wir alle die farbigen und wunderlich kostümierten Gestalten. Der Harlekin schritt gemächlich und gravitätisch von seinem bisherigen Platz im Zentrum der Bühne zu einem Podest im Hintergrund und setzte sich dort auf einen rotgepolsterten goldenen Thronsessel. Auf einen Wink seiner Hand ließen sich alle anderen Mitspieler zu seinen Füßen auf dem Rand des Podests nieder.

Dann riefen sie, halb sangen sie im Chor: "Weiser Pro-Ku-Ha, wir grüßen dich. Laß uns teilhaben an deiner Erleuchtung!"

Harlekin Pro-Ku-Ha lächelte süßlich mild und begann in salbungsvollem Ton: "Wieder seid ihr Vielgestaltigen zu mir gekommen, ihr Bunten, in allen Farben Schillernden. Ihr wißt doch, wie sehr ich dies launische individualistische Spiel verdamme! Keiner von euch ist mehr wie der andere. Darum sage ich das erste Gebot: Werdet gleich!"

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Jede der Masken zog sofort einen aufklappbaren Rahmen hervor, der mit durchscheinendem grauen Stoff bespannt einen Schild von der Form der Silhouette des menschlichen Oberkörpers bildete, an den unten, einen Rock vortäuschend, ein Stück in Falten gelegter Stoff befestigt war. Alle hielten ihre Schilder hoch, ihre Körper damit in Richtung auf Pro-Ku-Ha bedeckend und nur mit den Köpfen darüber hervorragend, und riefen wieder im Chor: "Pro-Ku-Ha! Wir sind alle gleich. Nur du bist nicht gleich!"

Pro-Ku-Ha erhob sich und sagte mit einer Stimme, die klang wie das Glucksen eines Puters: "Ich bin euch nicht gleich, weil ich gleicher bin, als ihr es sein könnt."

Alle sprangen auf und umtanzten, ihre grauen Schilde schwingend, den Harlekin. Viele der Masken hatten die Gestalt von Tieren, von merkwürdigen Vögeln, Käfern, Schmetterlingen, Affen, Eseln und Drachen. Auch phantastische menschliche Gestalten waren darunter, mit riesigen Köpfen, langen Schwänzen und ballonartig aufgetriebenen Bäuchen, alles in den buntesten Farben. Pro-Ku-Ha ließ wieder seine Stimme ertönen: "Wir wollen nun zum Schluß zur wichtigsten Weisheit kommen, zu der ich euch immer wieder hinführen muß, zur Grundlage eures ganzen Denkens und Handelns, zum -."

Er wurde durch den lauten Zwischenruf eines Affen unterbrochen: "Zum Vergessen! Zum Alles Vergessen!" Pro-Ku-Ha entrüstete sich: "Woher hast du diese Kenntnis?" "Ich habe sie nicht vergessen, du selbst -" Pro-Ku-Ha schrie erbost: "- bist ein Affe, der alles nachplappert." Nach diesem merkwürdigen Dialog überfielen die Masken den Harlekin von allen Seiten, zogen ihm stückweise die Kleider vom Leibe und bekleideten ihn dann mit einem schwarzen Trikot, das ihm über den Kopf gestülpt wurde.

Das Spiel ging nun in eine einzige riesige Gaudi über. Die Darsteller kamen von der Bühne herunter in den Zuschauerraum. Alle fingen an zu tanzen. Es stellte sich heraus, daß die Darsteller Kinder und vier Eltern waren, mit denen wir schon seit dem Mittagessen zusammen gewesen waren. Es wurde viel darüber gerätselt, was mit der ganzen Geschichte wohl gemeint war. Einige sagten, daß Pro-Ku-Ha die Karikatur eines Lehrers sei, weniger eines bestimmten, aber jedenfalls eines Typs, den es gelegentlich noch gibt. Aber die Hauptsache wären doch die schönen Masken und die Tänze und der ganze harmlose Spaß gewesen.

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Das Spiel der Masken hatte uns alle sowohl nachdenklich gemacht, wie auch in eine angeregte Fröhlichkeit versetzt. Es gab wieder die köstlichen utopischen Weine, dazu Musik, alle tanzten, einzeln und in Paaren und Gruppen. Auf der Bühne sahen wir spät in der Nacht noch eine Tanzpantomime, Mond und Sonne, ihr Aufgang und Untergang und die Phasen des Mondwechsels wurden von einem tanzenden Paar dargestellt.

Es war lange nach Mitternacht, als wir heimkamen. Wir schliefen fest, wurden aber früh geweckt durch die Kinder. Nach dem Frühstück wollten wir aufbrechen. Unsere beiden Eselchen waren schon da und unser Wägelchen auch. Wir erhielten einige Eßsachen und Decken und Kleidung zum Wechseln eingepackt. Dann kam das Abschiednehmen von Anna, Bertram und Felix und von den anderen Kindern. Unser Führer durch das Wunderland Utopia war nun für die nächsten Wochen der lebenserfahrene Bernhard. "Wir sehen uns wieder!", rief Anna. Ich hatte mich in den Wagen gesetzt, rückwärts gewandt, und winkte ihnen noch zu und sah, wie ihre Gestalten kleiner und kleiner wurden und sich schließlich im Blau der Ferne auflösten.

Bernhard war ein guter Wanderer. So kamen wir schneller voran, als ich gedacht hatte. Franzi ritt lange Strecken auf einem der Esel oder saß mit mir auf dem Wagen. Wir nahmen unsere Mahlzeiten teils am Wege, teils in einer der kleinen Gaststätten ein, die reichlich mit Vorräten ausgestattet auf Selbstbedienung und auch für Übernachtungen eingerichtet waren. Wir kamen durch weite Ebenen mit riesigen bebauten Feldern mit Getreide, Kartoffeln und Rüben, durch Wälder und Heiden, weit ausgedehnte Wiesen mit Kühen und Schafen. Wir überquerten Flüsse und Bäche, Bergketten und Täler. Überall fanden wir kleine Wohnhäuser, einzeln gelegen und in Gruppen, manchmal auch in größerer Zahl zu kleinen Siedlungen vereinigt. Etwas, das wir Städte hätten nennen können, fanden wir nicht. Ich schätzte, daß wir täglich durchschnittlich an die 40 km zurücklegten. Nach zwei Wochen erreichten wir das Agäische Meer in der Nähe der Überreste der alten griechischen Hafenstadt Thessaloniki. Zahlreiche kulturhistorisch wertvolle Bauten waren gut erhalten. Sie wurden aber nicht benutzt, so daß sie den Eindruck eines Architekturmuseums machten. Von den Bauten aus der letzten Zeit der Stadt standen noch einige Ruinen von Betonhochhäusern. Man hatte sie wohl absichtlich stehen gelassen, um den Kontrast zwischen der Kultur der Antike und der Barbarei der Neuzeit den Besuchern deutlich zu machen.

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Im Hafen wurden wir von dem Kapitän eines Containerschiffes sehr freundlich aufgenommen, der auf unsere Bitte sofort bereit war, uns auf seine Fahrt ins Schwarze Meer mitzunehmen. Die Be- und Entladung der Containerschiffe war weitgehend automatisiert. Unser Schiff stach schon am nächsten Morgen in See und brachte uns in einer Woche nach Suchumi an der Ostküste des Schwarzen Meeres. Unser Reiseziel war der berühmte Berg Ararat, von dem es heißt, daß in der Zeit der Sintflut Noah mit seiner Arche auf seinem Gipfel landete, der als kleine Insel aus den Fluten herausragte. Der Ararat ist mit einer Höhe von über 5000 m der höchste der vulkanischen Berge dieses wilden Berglandes, das viele Jahrhunderte der Schauplatz erbitterter und mörderischer Kämpfe zwischen Armeniern, Kurden und Türken gewesen war. Wir wollten bis zum Wan-See in 1700 m Höhe kommen, wo drei Freunde Bernhards seit Jahrzehnten wohnten, die er als seine drei Weisen aus dem Morgenland bezeichnete. Er hatte sie vor 20 Jahren kennengelernt, als er durch die Türkei bis nach Persien gewandert war. Der Wan-See liegt inmitten einer steppenartigen Landschaft, das Klima ist ziemlich rauh, aber jetzt im Hochsommer war es sehr heiß. Der See liegt in einer Mulde, in die das Schmelzwasser der Firne und Gletscher der schneebedeckten Gipfelregion des Ararat fließt. Er hat keinen sichtbaren Abfluß, doch es muß unterirdische Abflüsse geben, da der See reines Süßwasser enthält. An seinen Ufern gedeihen auch Obstbäume, weil die Talmulde gegen die Stürme und Unwetter etwas Schutz bietet.

Die drei Weisen lebten seit mehr als 30 Jahren dort oben in einem geräumigen und sehr komfortablen Haus, das sie sich im Laufe der Zeit aus Fertigbauteilen selber aufgebaut hatten. Außer ihrem Haus gab es noch einige ähnliche, aber kleinere Häuser, die aber nur selten Bewohner hatten, da sie gewöhnlich nur während des Sommers dorthin kamen, um von da aus Wanderungen und Bergtouren in die Region des ewigen Eises zu unternehmen. Das Gebiet um den Wan-See war durch ein Kabel mit einer Elektrostation am Fuße des Berges verbunden. Dazu gab es die drahtlose Telefonverbindung, wie wir sie überall in Utopia kennengelernt hatten.

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Die drei Weisen waren alte weißhaarige Männer, deren Alter Bernhard auf weit über 120 schätzte. Weil sie nie davon und so gut wie gar nicht über ihre Jugend sprachen, war man auf Schätzungen angewiesen. Ha Wu, der Chinese mit schütterem Haar und dünnem langem Bart an den Backen, dem Kinn und den Lippen, schien der Älteste zu sein. Paradoxos, ein kräftiger Mann mit vollem Haarschopf und kräuseligem Bart, ein Grieche, war ständig in Unruhe und Bewegung, spielte die Rolle der fleißigen und eifrigen Hausfrau, während der viel kleinere und rundliche Dritte, der Araber Suleiman, die Ruhe und Bequemlichkeit noch mehr zu lieben schien als der Chinese Ha Wu. Ich will mich nicht lange mit der Schilderung des Hauses und der vielen interessanten Gegenstände und Merkwürdigkeiten aufhalten, die wir zu sehen bekamen. Ich will nur andeuten, daß sich in der ganzen eigenartigen Atmosphäre dieses Anwesens auf erstaunliche Weise Wesen und individuelle Eigenart seiner Bewohner widerspiegelten und unwiderstehlich in ihren Bann zogen. Ich will mich also in meinem Bericht auf das Wesentliche beschränken und versuchen, den Inhalt unserer Gespräche wiederzugeben.

 

Nachdem wir gebeten worden waren, selbst zu bestimmen, mit welchen Fragen wir unser Gespräch beginnen wollten, nahm Katja das Wort und eröffnete mit einem Thema, über das wir beide schon zuvor oft gesprochen hatten: "Wir sind nun schon einige Wochen in diesem erstaunlichen Land, in dem es so vieles nicht mehr gibt, wovon die Menschen unserer Zeit glaubten, es werde es geben, solange Menschen eine Gemeinschaft bilden, eben eine Gemeinschaft mit vielen oft grausamen Widersprüchen und furchtbaren Ängstigungen. Aber vielleicht haben wir manches nicht bemerkt, waren zu sehr von dem vielen Neuen geblendet, so daß es uns gar nicht recht zu Bewußtsein gekommen ist.

Denn das ganz Hervorragende und uns hauptsächlich Beeindruckende ist die fast widerspruchslose Harmonie in den Beziehungen zwischen den Menschen. Zu unserer Zeit gab es bedeutende Wissenschaftler, die behaupteten, daß die Menschen ohne Aggressionen nicht existieren können, daß Aggressionen vielleicht sogar zu den uns angeborenen Verhaltensweisen gehören, oder daß sie zumindest die Form sind, in der wir die Repressionen und Enttäuschungen unseres Lebens aus ihrer uns schmerzhaften Verinnerlichung freisetzen und deshalb ohne die mannigfaltigsten Formen der Aggressivität nicht existieren können. Ich frage euch also, ist diese unglaubliche Harmonie, die uns hier fast erschreckt, nur eine Täuschung, und wenn sie das sein sollte, müßte es dann nicht auch im Leben der Utopier entsprechende, vielleicht gewandelte Formen der Aggressivität geben?"

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"Die utopische Harmonie", antwortete als erster Suleiman, 

"ist tatsächlich phantastisch, wie das ganze Utopia selbst. Ihr fandet hier in der Wirklichkeit, was ihr euch schon in eurer alten Zeit immer gewünscht habt. Utopia war das Land eurer Hoffnungen, in dem - wenn auch nur in euren Gedanken - alle Unmenschlichkeit eurer Zeit aufgehoben ist. Darum nahmt ihr als erstes und übergroß wahr, was in Utopia nicht ist und nicht mehr sein kann. Sehr viel schwerer ist es zu sehen, was in Utopia ist. So entspringt unsere utopische Harmonie eurer gedachten harmonischen Utopie. Bevor Utopia Wirklichkeit werden konnte, mußte es zuerst einmal gedacht werden. So kann man sagen, daß ihr mit zu den Schöpfern Utopias gezählt werden müßt, weil ihr mitgeholfen habt, es zu denken. Der Mensch kann immer nur verwirklichen, was er sich zuvor schon in Gedanken geschaffen hat. Aber wenn er dann ans Werk geht, so ist das entstehende Neue doch auch zugleich anders, nicht einfach ein Abbild seiner Gedanken. Unvermeidlich zeigen sich im Neuen unerwartete Erscheinungen, vom Standpunkt der Planer und Schöpfer oft schwer verständlich, - oft bleiben sie lange versteckt. So kommt es, daß ihr nur die Harmonie in unseren utopischen Verhältnissen wahrnehmt, nicht aber die neuen Disharmonien. Ob ihr sie je entdecken werdet, wage ich zu bezweifeln. Dazu braucht man ein ganzes Leben. Aber ich kann euch sagen, unsere utopischen Disharmonien erzeugen keine Aggressivität, keinen Haß, keine Rachsucht, weil es in Utopia eines nicht mehr gibt, was bei euch Grund und Quelle aller Disharmonie war: das Haben. In eurer Zeit war das ganze Leben der Menschen ein Kampf um das Haben, das Haben von Sachen und das Haben von Menschen. Darin wart ihr unersättlich. Haben ist sich nie genug und will immer mehr. In Utopia ist Nicht-Haben der Reichtum."

"Bei euch war Nicht-Haben Armut, bedeutete sogar Elend und Unglück", fügte nun Paradoxes hinzu. "Ihr wart alle von eurem Ich erfüllt. Darum standet ihr euch euer Leben lang selbst im Wege. Vor Jahrtausenden schon lehrte euch aber Lao-tse: ›Der Grund, warum ich große Übel erfahre, ist, daß ich ein Ich habe. Wenn ich kein Ich habe, welches Übel gibt es dann noch.‹"

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Nach einer längeren Pause, in der uns Paradoxes neuen Tee eingoß, nahm er den Faden des Gesprächs wieder auf: "Unsere Disharmonien gehen aber auch nicht aus dem Nicht-Haben hervor. Genügsamkeit und Verzicht sind für uns nicht Tugenden, sondern die Voraussetzung aller Lebensfreude. Unsere utopischen Disharmonien entspringen der Vielfalt und Mannigfaltigkeit der individuellen Selbstverwirklichung der Menschen. Jede individuelle Ausformung eines Menschen stellt ja zugleich eine Aufhebung seiner ursprünglichen Omnipotenz dar. Vieles von dem Reichtum an Möglichkeiten, mit denen er zur Welt kam, muß dabei verloren gehen, verkümmern und verformt werden. Das ist immer Gewinn und Verlust zugleich.

Die Selbstverwirklichung bringt neue Fremdheiten in unser Leben. Ich zitiere noch einmal Lao-tse, wo er die Grundsätze seiner Gedanken über das Leben formuliert: ›Das hohe Leben ist ohne Handeln und ohne Absicht. Das niedere Leben handelt und hat Absichten. Die Liebe handelt und hat nicht Absichten. Die Gerechtigkeit handelt und hat Absichten.‹

Man sieht, bei Lao-tse steht die Gerechtigkeit auf der niederen Stufe des Lebens. Aber auf der Stufe zwischen dem hohen und dem niederen Leben steht die Liebe. Indem sie handelt, gehört sie dem niederen, indem sie keine Absichten hat, dem hohen Leben an. Weil die Liebe ohne Absichten ist, kann sie die individuellen Fremdheiten überwinden und die Verschmelzung der Liebenden vollziehen. Weil sie aber handeln muß, tritt die individuelle Verschiedenheit und Fremdheit immer wieder hervor. In der Liebe entdecken die Menschen sich selbst, indem sie im anderen den Menschen, im Verschiedenen die Gleichheit, im Fremden das Vertraute finden. Aus diesen Widersprüchen des Menschlichen erwachsen unsere utopischen Disharmonien. Ihre Wirkung sind nicht Aggressionen, sondern Leidenschaft, Glück. Verzweiflung, Schmerz und Traurigsein."

"Katja hat zum Schluß ihrer Frage etwas gesagt, was ich sehr erstaunlich finde", begann nun der alte Ha Wu, "als sie danach fragte, ob die unglaubliche utopische Harmonie womöglich nur eine Täuschung sei. Sie sagte dabei, daß diese unglaubliche Harmonie sie erschreckt oder fast erschreckt. Zuerst will ich nun sagen, daß Suleiman und eigentlich noch deutlicher Paradoxes die Frage Katjas, ob die utopische Harmonie eine Täuschung sei, bejaht haben. Was euch Menschen der vergangenen Zeit in Utopia als Harmonie erscheint, ist nur das Nicht-Sein eurer vergangenen Disharmonien. Wie Suleiman sagte, ihr habt nur das Nicht-Sein gesehen, nicht das Sein. Nennt man es nicht eine Täuschung, wenn man etwas sieht, was nicht ist? Dies ist

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kein logisches Spiel, kein Paradoxon. Widerspruchsfreie Harmonie kann es nie geben und nirgends geben, es sei denn, die Zeitgeschichte ist an ihrem Ende angelangt und alles, was getan werden kann, ist getan. Harmonie war und ist immer eine Täuschung. Sie hat auch immer im Leben der menschlichen Gemeinschaft eine entsprechende Rolle gespielt, eben als beabsichtigte Täuschung anderer Menschen, der Ausgebeuteten durch die Ausbeuter, aber auch als Selbsttäuschung zur Beruhigung des Gewissens. Darum hatte Katja allen Grund, über unsere unglaubliche Harmonie erschreckt zu sein."

 

"Ich habe noch eine andere Frage", meldete sich Katja erneut, 

"die mich beunruhigt. Ich habe mich auch schon öfter mit Robert darüber unterhalten. Die enorme Veränderung der ökonomischen Basis der Gesellschaft verbunden mit weitgehender Automatisierung aller Produktionsprozesse bei gleichzeitiger Verringerung der Mengen der produzierten Güter und noch vieles mehr, - ich will es jetzt alles gar nicht aufzählen, jedenfalls wurden wir durch unsere Freunde über alles Wesentliche gründlich unterrichtet -, also alle diese Veränderungen haben dazu geführt, daß es keine Kooperation großer Massen von Menschen mehr gibt. 

Zu unseren Zeiten strömten tagtäglich, oft um in drei Schichten den ganzen Tag über die Maschinen zu bedienen, ganze Armeen von Arbeitern zu den Toren der Fabriken. Wegen dieser Kooperation von Hunderttausenden von Menschen lebten sie zu Millionen auf engstem Raum in den großen Städten. Aber diese großen Zusammenballungen von Menschen, die gewiß sehr viele scheußliche und barbarische ›Normalitäten‹ unseres Lebens gezeitigt haben, die zum Beispiel zu einer erschreckenden Verwahrlosung der Jugend führten mit Rauschgiftsucht und Prostitution, hatten doch neben dieser Schattenseite auch eine andere, eine positive Seite. 

Ich meine die vielen großartigen kulturellen Einrichtungen, die Theater, Konzertsäle, die Museen und Bibliotheken, die großen Sportforen, die Schwimmhallen und Bäder, die herrlichen Kinos, auch die Erholungsstätten in der Umgebung mit ihren Gaststätten, Cafes und Herbergen. Ist nicht Utopia mit der Auflösung der großen Städte - ich sehe ein, daß es keine ökonomische Notwendigkeit mehr für sie gibt - aber ist nicht Utopia doch auch um etwas ärmer geworden, das man doch auf irgendeine Weise sich hätte erhalten müssen. Könnten die Menschen es nicht vielleicht doch schön finden, gerade ohne ökonomischen Zwang, in großen Städten auf einer hohen Stufe der Kultur zu vielen, sehr vielen zusammenzuleben?

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Hat nicht die Anonymität des einzelnen in der Millionenstadt auch einen eigenartigen Reiz? Dazu kommt, daß wirklich moderne – nach den Maßstäben Utopias gemessen – Schnellverkehrsmittel es ermöglichen würden, sich in kurzer Zeit mit Freunden zu treffen, die weit entfernt wohnen, oder auch schnell ohne Zeitverluste aus der Stadt heraus ins Grüne zu kommen? Und schließlich: Könnte nicht auch in Utopia für bestimmte Aufgaben, sagen wir für große kulturelle Vorhaben, die Kooperation großer Massen von Menschen etwas Gutes sein? Ist nicht das Zusammenwirken vieler Menschen für eine gemeinsame Aufgabe eines der großen positiven Grunderlebnisse der Menschheit, das ihr die Kraft gab, den Weg zu bahnen aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit?"

Es war wieder Suleiman, der als erster antwortete: "Die erste Kooperation großer Massen von Menschen gab es im Zweistromland des Euphrat und Tigris, wo als Macht- und Handelszentrum des babylonischen Reichs die Großstadt Ninive schon 700 Jahre vor Christi Geburt entstand. Don schufen die Menschen gewaltige Tempelbauten, darunter den berühmten Ischtar-Tempel, und viele andere Kultstätten und Paläste. Die zweite Kooperation großen Stils hatten wir dann in Ägypten beim Bau der großen Pyramiden. In beiden Fällen waren es große kulturelle Vorhaben – wie Katja sich ausdrückte –, die durch die Massenkooperation verwirklicht wurden."

Die große Fruchtbarkeit dieser Länder ermöglichte es, die Ernährung der Gesamtbevölkerung durch die Arbeit nur eines Teils davon zu gewinnen, wodurch die Arbeitskraft sehr vieler für andere Arbeiten frei verfügbar wurde. Objektiv war es Sklavenarbeit. Aber im Bewußtsein dieser schwer arbeitenden Menschen war ihre Arbeit nicht Arbeit für andere Menschen, sondern kultische Handlung. Sie war Gottesdienst. Diese Arbeit schuf keinen Fortschritt in den Methoden der Produktion der lebensnotwendigen Güter, sondern sie war - umgekehrt - durch die Fortschritte, die man hierbei vorher erreicht hatte, erst ermöglicht worden.

"Darum hat Katja vollkommen recht, wenn sie sagt, daß die enormen Fortschritte, die wir in Utopia bei der Produktion aller lebensnotwendigen Güter erreicht haben, so daß die notwendige Arbeit von sehr wenigen Menschen geleistet wird, in Utopia ebenso wie auch damals in Babylon und im alten Ägypten, die Freisetzung gewaltiger Massen von Arbeitskräften bedeutet.

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Es fragt sich nun, liegen diese Arbeitskräfte brach? Geben sich diese Menschen dem seligen Nichtstun hin? Könnten sie nicht auch in Massen zusammenarbeiten und bleibende kulturelle Werte schaffen? Ich glaube, zuerst müssen wir uns eins klar machen, nämlich warum in Babylon und Ägypten diese großen Sklavenmassen zusammen arbeiten mußten und wie sie es taten."

Die Arbeit dieser Menschen war weit überwiegend reine Muskelarbeit. Weil es keine krafterzeugende Maschinen gab, war man zur Absprengung, Formung und Bewegung der riesigen Felsquader, Säulen und sonstigen Bauelemente auf die menschliche und tierische Muskelkraft angewiesen. Die Notwendigkeit der kollektiven Massenarbeit ergab sich also aus der Rückständigkeit der angewendeten Produktionsmethoden.

"Wenn wir heute Pyramiden oder Tempel oder was weiß ich für gewaltige Kulturbauten errichten wollten, könnten wir das auch ohne die Kooperation von großen Menschenmassen bewerkstelligen. Und wozu sollten wir das tun? Etwa um der Nachwelt ein Zeugnis unserer Kultur zu hinterlassen? An so etwas haben ja nicht einmal die Erbauer der Pyramiden gedacht! Und wenn ihr bedenkt, daß die utopische Zeit erst am Anfang steht und ungezählte Jahrtausende, was sage ich: Jahrhunderttausende! vor uns liegen. Was sollen denn die kommenden Geschlechter noch alles bauen? Wollen wir die Erde in ein riesiges Museum verwandeln, in eine steingewordene Kulturgeschichte der Menschheit?

Ich glaube, es ist ganz klar, daß es in Utopia diese Art kollektiver Massenarbeit nicht geben kann. Alle Massenarbeit, die Zusammenarbeit von vielen Menschen in räumlicher Enge erforderte, wie etwa auch die Massenarbeit in der kapitalistischen Industrie, war im Grunde immer Sklaverei. Ein komplizierter Arbeitsprozeß wurde in tausend kleine primitive Handgriffe zerlegt, die Menschen ausführen mußten, nach strikten Anweisungen und ohne oft den Sinn und Zweck ihrer Tätigkeit überhaupt zu verstehen. Das führte im Kapitalismus zur endgültigen und vollständigen Entfremdung des Menschen von den Produkten seiner Arbeit. Es hat die Menschen stumpf und leer gemacht. Es war das Umschlagen von Qualität in Quantität, die Erniedrigung des Menschen durch seine Verwandlung in den Baustein einer ihm fremden und feindseligen Maschinerie. Ich frage euch also: Was sollten die Menschen in einer utopischen Großstadt, wie ihr sie euch denkt, tun, um sich in kollektiver Massenarbeit zu betätigen?"

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Da Suleiman seine Rede nicht fortsetzte und uns nur fragend ansah, während Paradoxon und Ha Wu schmunzelten, sagte ich: "Soll ich deine Worte nun so verstehen, daß es in Utopia keine Kooperation großer Kollektive gibt, daß sich die große Mehrheit der Menschen mit allen möglichen privaten Hobbys die Zeit vertreibt, wenn sie nicht einfach nur faulenzt, frißt, säuft und sich liebt, um über die lange Runde ihres Lebens zu kommen?" Wieder beschlich mich der Verdacht, daß die Disharmonien des utopischen Lebens doch einen anderen Charakter haben könnten, als den schönen Reden der drei Weisen zu entnehmen war. Mußte sich nicht eine schreckliche Langeweile ausbreiten, wenn die Menschen keine Aufgaben hatten, keine Arbeit, die ihrem Leben einen Sinn gab? Ich konnte mir nicht vorstellen, daß es da nicht zu Ausbrüchen und Aggressionen kommen mußte.

"Du meinst, daß das Leben der Utopier zwar frei von Sorgen, dafür aber verdammt langweilig ist", sagte nun Paradoxes, der meine Gedanken erraten haben mußte. "Und da kommt ihr beiden lieben Freunde nun gerade von einem der großen Zentren kollektiver Kooperation!"

"Du meinst das Kinderdorf?" fragte ich etwas unsicher. "Da lebten 4000 Kinder mit 1500 Erwachsenen zusammen, lauter Familien und Schulen, eine Art großes Internat. Wir dachten an größere Zentren der Kooperation."

"Du kennst das Wort", begann nun Paradoxes uns zu antworten, "daß manche den Wald nicht vor Bäumen sehen. Ihr habt sogar nur einen Baum gesehen, so daß man euch nun auch den Wald zeigen muß. Hattet ihr nicht schon gehört, daß es insgesamt fast 200.000 Kinderdörfer gibt, in denen 750 Millionen Kinder leben und ständig an die 400 Millionen Erwachsene im Alter von 20 bis 50 Jahren als Erzieher, Lehrer, Zirkelleiter und technische Mitarbeiter arbeiten? Diese Kinderdörfer stellen eine kollektive Kooperation von einem Ausmaß dar, wie es keine frühere Zeit kannte. Sie arbeiten nämlich nicht isoliert voneinander, sondern bilden eine große Einheit, auch schon dadurch, daß ja alle Familien im Lauf der 18 bis 20 Jahre ihres Zusammenlebens in einer ganzen Reihe von Kinderdörfern leben und dabei sogar die ganze weite Welt kennenlernen.

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Die Gesamtzahl der Erwachsenen Utopias, im Alter zwischen 20 und 50 Jahren – das sind unsere jungen Leute – beträgt über eine Milliarde. Fast alle arbeiten in diesem Abschnitt ihres Lebens in Kinderdörfern, manche zehn Jahre, viele 20 Jahre, andere auch 30 Jahre und länger. Auch sie ziehen ja in dieser Zeit mit ihren Kindern, nach einigen Jahren das Kinderdorf wechselnd, weit durch die ganze Welt. Die Erziehung und Bildung unserer Jugend ist die größte kooperative Unternehmung Utopias, an der nahezu alle Menschen im Laufe ihres Lebens für viele Jahre teilnehmen. Hinzu kommt, daß die Eltern der Familien und die Fachlehrkräfte während dieser Zeit selbst pädagogisch ausgebildet und fachlich geschult werden. Das geschieht teils in den Kinderdörfern, teils in besonderen Kursen in zentralen Hochschulen und Universitäten. 

Während dieser ›Jugendzeit‹ vollzieht sich die individuelle Differenzierung der Menschen, ihre Hinwendung zu bestimmten Gebieten ihres Interesses. In dieser wichtigen Zeit entscheidet sich viel in unserem Leben. Die Zeit des Lernens und Studierens hört ja nie auf. Lernen, Lehren und schöpferische Arbeit bilden eine unlösbare Einheit. Da gibt es viele Unternehmungen, die durch das Zusammenwirken großer Kollektive überhaupt erst ermöglicht werden. Aber die größte und für die Entfaltung, unserer Kultur entscheidende Unternehmung ist die Erziehung unserer Kinder. Sie verwirklicht eine Einheit von individuellem Zusammenleben mit der Einbettung in ein umfassendes Kollektiv."

Nach Paradoxes sprach Ha Wu: "Ihr fragt uns noch, ob mit den großen Städten auch die Theater, Konzertsäle, Museen, Kinos, Sportforen und alle anderen kulturellen Einrichtungen aus dem Leben Utopias verschwunden sind. Man muß diese Frage mit Ja und mit Nein beantworten. Wir haben heute eine Vielzahl von Einrichtungen, die uns den gleichen Dienst tun, aber doch in vieler Hinsicht ganz anders sind.

Die meisten jener kostspieligen Theater, Opernhäuser eurer Zeit wurden doch nur von einer relativ kleinen Minderheit der Menschen besucht und genutzt. Es gab nur ein wirkliches Massenmedium, das Fernsehen. So wie es zu euren Zeiten betrieben wurde, konnte es zur Kultur nur wenig beitragen. Geschmackloser Kitsch und rührselige Lügengeschichten wechselten ab mit der Verherrlichung schießwütiger Cowboys oder der Darstellung von Morden und anderen schrecklichen Verbrechen in den Krimis. Ihr habt inzwischen kennengelernt, wie dieses großartige Medium der Ausbreitung der Kultur Utopias dient.

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Mit Hilfe des Telefons können wir uns jederzeit jeden bedeutenden Film und jedes Bühnenstück, jede Oper oder Operette auf den Bildschirm rufen. Das steht uns in aller Welt in den großen Audio-Video-Speichern zur Verfügung und wartet nur auf Abruf. Ihr werdet sagen, das sind alles nur Konserven. Aber das ist falsch; das meiste hört man und sieht man auf diese Weise besser, als original im Theater oder im Konzertsaal. Trotzdem haben wir natürlich auch große Theater, Konzertsäle und Filmstudios, wo die Aufnahmen für die Video- und Informationsspeicher gemacht werden. Dort kann man auch jederzeit als Zuschauer teilnehmen.

Aber wie ihr auch wißt, haben wir nicht nur diese großen Einrichtungen, um Theater und Musik zu machen. Überall gibt es Menschengruppen, die sich in kleineren oder auch größeren Kollektiven künstlerisch betätigen, Theater spielen, selbst verfaßte Stücke aufführen und Tänze und Pantomimen vorführen, wie es ja auch überall in Utopia Maler, Bildhauer, Sänger gibt, die sich diesen Künsten nicht als Beruf, wie zu euren Zeiten, sondern aus purer Neigung und Vergnügen widmen. Und unter ihnen sind viele, die ganz hervorragende Leistungen vollbringen. Zu euren Zeiten gab es davon viel weniger. In Utopia gibt es nicht einen Caruso, einen Paganini, einen Oistrach, sondern deren Hunderte, ja Tausende überall. In eurer Zeit waren alle schöpferischen Kräfte ständig tödlichen Gefahren ausgesetzt und erlitten tausend Tode und Verstümmelungen. Wie reich die Menschheit wirklich ist, das sehen wir erst jetzt."

Er hielt inne, fuhr aber nach einer Pause fort: "Ich habe gehört, daß ihr bald nach eurer Ankunft das Spiel einer kleinen Theatergruppe gesehen habt. Eure Freunde Anna und Bertram wirkten dabei mit. Es war der Versuch einer Umkehrung der Ödipussage, die ja hauptsächlich der Tabuisierung des Inzestes diente. Hier wird die Aufhebung dieses Tabus gezeigt, indem der geblendete Sohn durch die leidenschaftliche Vereinigung mit der Mutter wieder sehend wird. Auch tötet er seinen Vater nicht, sondern rettet ihn vor dem Tod, indem er das Gift der Schlange aus seinem Körper heraussaugt und fast selbst dabei stirbt. Mir hat diese Idee der Umkehrung der Ödipustragödie sehr gefallen. Unser utopisches Verhältnis zur Liebe kommt darin zum Ausdruck, nämlich, daß Liebe uns nicht blind, sondern sehend macht."

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Ich brachte dann als letztes Thema noch die Frage nach dem Schicksal der großen Religionen, des Buddhismus, des Islams und Christentums vor unsere drei Weisen aus dem Morgenland. Wir hatten darüber ja schon mit dem Leiter des Philosophenzirkels im Kinderdorf gesprochen.

Hierzu äußerte sich als erster Ha Wu: "Die Kirchen, Klöster und Tempel, die vielen heiligen Kultstätten, Moscheen und Synagogen wurden noch lange Zeit nach Begründung Utopias von vielen Menschen besucht, die an ihrem religiösen Glauben festhielten. Selbstverständlich wurden ihnen dabei von niemandem irgendwelche Schwierigkeiten bereitet. Aber die Priester und auch die wissenschaftlichen Theologen dieser Religionen mußten im Lauf der Zeit erkennen, daß sich sehr viele der ethischen Forderungen ihrer Lehren in Utopia scheinbar wie von selbst verwirklichten und dabei sogar oft ihren Sinn verloren. Man denke nur an das Gebot ›Du sollst nicht stehlen‹. In Utopia gibt es kein privates Eigentum. Alles gehört allen. Niemand kann sich durch Wegnahme einer Sache den geringsten Vorteil verschaffen. Das Stehlen hat seinen Sinn verloren. Oder das Gebot ›Du sollst nicht töten‹. 

Warum sollte in Utopia ein Mensch einen anderen töten? Um ihn zu berauben? Das wäre sinnlos wie das Stehlen. Aus Eifersucht? Wir kennen diese schändliche Leidenschaft nicht mehr, weil es auch in den menschlichen Beziehungen das HABEN nicht mehr gibt. ›Du sollst nicht die Ehe brechen‹. Wir kennen nur die Liebe zwischen Menschen. Aber sie kann nur ein Band sein, das freie Menschen verknüpft. Die Ehe als einen Besitzanspruch und Kontrakt kennen wir nicht. Liebe beruht doch gerade darauf, daß die Liebenden zu ihrer Liebe durch nichts verpflichtet oder gezwungen werden als durch die Kraft ihrer Gefühle, also durch freien Entschluß. Der Ehebruch, der zu euren Zeiten ja gang und gäbe war, vollzog sich doch immer erst dann, wenn die Liebe schon längst gestorben war und die Eheleute – meist wegen der materiellen Abhängigkeit der Frau vom Manne und wegen der Vorteile, die der Mann von der Arbeitskraft der Frau hatte – tatsächlich nur noch den Schein einer Gemeinschaft künstlich aufrecht erhielten. Überhaupt kommt man zu einer sehr merkwürdigen Feststellung: Gerade, was durch viele biblische Gebote verurteilt wurde, war tatsächlich nicht nur die tägliche Praxis jener Zeiten, so manches gehörte zu den Grundlagen der Gesellschaft. Ausbeutung des Menschen durch den Menschen – was ist das anderes als Diebstahl? 

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Aber der Diebstahl wurde nur den Ausgebeuteten verboten, nicht den Ausbeutern. Mord und Totschlag waren als kriminelle Delikte zwar häufig. Aber die Anzahl der Menschen, die hierbei den Tod fanden, verblaßt gegenüber den Millionen und Abermillionen, die bis in die letzte vorutopische Zeit in unmenschlichen und sinnlosen Kriegen ermordet wurden, die letzten Endes immer nur sterben mußten, weil die Herrschenden um ihre Macht fürchteten. Keine Macht konnte sich ohne den massenhaften Mord behaupten. Aber das Töten war verboten, – nämlich denen, die getötet werden sollten. Alle diese Gebote haben heute ihren Sinn verloren, weil Moralgesetze nur in einer unmoralischen Gesellschaft gebraucht werden."

Die sozialen Forderungen, die ja tatsächlich der Aufrechterhaltung der bestehenden unmenschlichen und in diesem Sinne unmoralischen Ordnung dienten, konnten von den Erniedrigten und Ausgebeuteten nicht eingesehen werden, solange sie nicht zur allgemeinen Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung erhoben waren. 

Da aber die Gesellschaft in jenen vergangenen Zeiten sich ohne Ausbeutung und Unterdrückung, ohne Entrechtung und Entwürdigung der Mehrheit der Menschen nicht aus dem Elend der Urzeit erheben konnte, waren diese Geißeln der Menschheit doch gesellschaftliche Notwendigkeit. Sie waren die Form der Notwendigkeit, die nur von der herrschenden Klasse eingesehen werden kann, da sie ja auch deren Freiheit begründet, die aber von den Unterdrückten nur als Verletzung ihrer Menschenwürde erfahren werden konnte. 

So war es ganz selbstverständlich, daß in einer Welt, die alle Menschenrechte mit Füßen trat, die Forderung nach ihrer Verwirklichung aus dem Diesseits ins Jenseits verlegt wurde, in den Himmel der ausgleichenden Gerechtigkeit, die den Armen alles gibt, den Reichen aber den Zutritt verwehrt und sie in die Hölle verdammt. Die Einsicht in solche Notwendigkeit war dem rationalen Denken nicht möglich. Sie konnte nur mit den irrationalen Lehren und Denkweisen der religiösen Anschauungen und Riten begründet und erzwungen werden. So war die auf diese Weise erzwungene Einsicht in die Notwendigkeit von Unrecht und Unmenschlichkeit im Diesseits zugleich ein unentbehrliches Element des gesellschaftlichen Fortschritts. In den moralischen Forderungen der religiösen Lehren kommt trotz der immer erhobenen Forderungen nach Demut und Unterwerfung doch zugleich der Protest und Widerspruch gegen die herrschende Ordnung zum Ausdruck und bleibt wesentliches Element der Hoffnung auch auf ein besseres Diesseits.

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"In der utopischen Gesellschaft gibt es keine gesellschaftlichen Notwendigkeiten mehr, die nicht jeder Mensch einsehen kann, ohne dazu durch irrationale Glaubenssätze gezwungen zu werden. Man kann sehr vereinfachend sagen: Die moralische Gesellschaft bedarf keiner moralischen Gesetze mehr. Das ist der tiefere Grund für das Absterben der Religionen. 

Christus sagte zu seinen Jüngern: ›Mein Reich ist nicht von dieser Welt‹. Käme der Nazarener in unseren Tagen wieder herab von Gottes Thron zu den Menschen in Utopia, so würde er leben und nicht den Tod am Kreuz erleiden müssen, um die Menschheit von ihren Sünden zu erlösen, weil sie sich selbst und auch nicht ganz ohne seine Hilfe von ihnen erlöst hat. Und er würde sagen können: ›Ja, dies ist mein Reich, es ist von dieser Welt‹."

Paradoxes fügte noch hinzu: "Da es in Utopia keinen Staat, keine Partei, keine Polizei oder sonst eine Instanz gibt, die sich in das Leben und Denken der Menschen einmischen könnte, hat dieser Prozeß des Einschlafens der religiösen Kulte sehr lange gedauert. Er hatte ja sogar gegen Ende der vorutopischen Zeit schon begonnen. Man kann auch nicht sagen, daß er schon absolut zum Ende gekommen ist. Wir treffen in Utopia immer noch Menschen an, die sich den verschiedensten religiösen Ideen angeschlossen haben. Es sind darunter auch Wissenschaftler, die das Studium der Bibel, des Koran oder der Reden Buddhas ganz in den Bannkreis dieser Welten des Geistes gezogen hat. Da ist es mit den Religionen nicht anders als mit den philosophischen Lehren. Auch sie werden wohl nie gänzlich aussterben, wenn man darunter versteht, daß sie endgültig in Vergessenheit geraten. Und von Ideen, selbst den okkultesten und irrationalsten, geht eine merkwürdige Faszination aus, wohl weil in ihnen uralte Weisheiten verborgen sind."

"Willst du damit sagen", wandte ich mich nach diesen Worten an Paradoxes, "daß Ideen in Utopia ganz generell jeden Kurswert verloren haben? Sind nicht alle wissenschaftlichen Theorien auch Ideen in den Köpfen der Menschen? Und auch von ihnen wissen wir doch, daß sie nicht absolut wahr, nicht unbegrenzt allgemeingültig sind, und wir halten doch an ihnen fest."

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"Dasselbe habe ich ja von den alten philosophischen Lehren und den Schriften und Überlieferungen der vergangenen Religionen gesagt", antwortete Paradoxos. "Wie auch bei unserer kritischen Analyse wissenschaftlicher Theorien müssen wir uns bemühen, in den alten Lehren das Zeitliche vom Dauernden zu scheiden. Wir müssen die Weisheiten, die oft wie ein Vexierbild darin verborgen sind, sichtbar machen und nicht in den Fehler verfallen, wörtlich zu nehmen, was nur bildlich ausgedrückt wurde."

Wir hatten wohl eine Stunde zusammen gesessen, duftenden grünen chinesischen Tee aus durchscheinend dünnen, weißen Porzellantassen trinkend, als Suleiman sagte: "Wir drei Alten hier oben am Berge Ararat hatten Freude durch euren Besuch. Weil ihr aus der vergangenen Welt zu uns gekommen seid, um Utopia zu sehen und Gewißheit zu erlangen, daß Utopia kein Hirngespinst ist, sondern eure Rettung, haben wir im Gespräch mit euch wieder und neu begriffen, daß unser neues menschliches Sein tiefe Wurzeln hat, die bis in den Urgrund der Weltgeschichte reichen.

Darum will ich euch zum Abschied einen Sinnspruch Lao-tses sagen, der schon vor Jahrtausenden Utopia gesehen und den Weg gewiesen hat in das Land, das keinen Ort hat und nirgends liegt. Er sagt im 19. Spruch des Taoteking unter dem Titel ›Rückkehr zur Echtheit‹: ›Gebt auf die Heiligkeit, werft weg das bessere Wissen: Und das Volk wird hundertfach gewinnen. Gebt auf eure Gelehrsamkeit: So werdet ihr frei sein von Sorgen. Gebt auf die Sittlichkeit, werft weg die Pflicht: Und das Volk wird zurückkehren zu Familiensinn und Liebe. Gebt auf den Reichtum, werft weg den Gewinn: Und Diebe und Räuber wird es nicht mehr geben!‹" Und er fügt zur Erläuterung dieser utopischen Grundsätze hinzu: "In diesen Stücken ist der schöne Schein nicht ausreichend. So sorgt, daß die Menschen wirklich etwas haben, woran sie sich halten können! Zeigt Einfachheit, haltet fest an der Lauterkeit: so mindert sich die Selbstsucht, so verringern sich die Begierden."

 

Wir waren zwei Tage lang bei den Weisen am Wan-See. Dann kehrten wir mit unseren Eselchen und unserem kleinen Wagen mit den großen, elastisch federnden Rädern zum Fuße des Bergmassivs und schließlich zum Schwarzen Meer zurück. Nach einigen Tagen nahm uns wieder ein Container-Schiff an Bord. Von unserem Freund Bernhard nahmen wir Abschied. Er wollte ja weiter wandern durch Persien und Afghanistan nach Indien und Tibet. Mit dem Schiff fuhren wir acht Tage. Es lief mehrere Häfen an, wo es be- und entladen wurde. Unser Reiseziel war in Kroatien.

 

Als wir aus dem Schiff herausgeklettert waren, wurden wir mit großer Freude von Anna und Bertram begrüßt. Wir umarmten und küßten uns mit Glückseligkeit, in die sich aber auch Wehmut mischte, weil wir ja wußten, daß uns der endgültige Abschied von Utopia und unseren lieben utopischen Freunden bald bevorstand. Es folgten noch acht wunderbare Tage, in denen wir uns nahe kamen, wie Brüder und Schwestern, in demselben Häuschen, das uns in unserer ersten utopischen Nacht beherbergt hatte. Franzi und Felix schliefen wieder eng umschlungen in ihrem kleinen Bett. Wir genossen den Abend, tranken den berauschenden Wein, der uns in den Zustand des Schwebens und Gleitens versetzte, hörten Bachsche Musik, die Kunst der Fuge und die Violinsonaten, die Chaconne. 

Am Morgen stiegen wir mit unseren Eselchen den schmalen Pfad zur Paßhöhe hinauf. Da stand doch wahrhaftig noch unversehrt unser guter grüner Wartburg in der Felsnische. Erst nahmen wir noch alle ein Bad in dem kleinen klaren See, das uns erfrischte und unsere Haut ganz wohlig erwärmte.

Dann kam der Abschied. Da geschah etwas Unerklärliches: Ich umarmte Anna und Katja Bertram. Wir beide verspürten bei dieser Umarmung das gleiche, wie Katja mir gleich danach berichtete. Es durchströmte uns ein erregendes Glücksgefühl, das sich mehr und mehr steigerte, bis nahe an die Bewußtlosigkeit — aber als wir aus diesem Zustand wieder zu uns kamen, bemerkten wir, daß wir beide, Katja und ich, uns selbst in den Armen hielten. 

Anna, Bertram und Felix waren wie vom Erdboden verschluckt. Nur Franzi hörten wir sagen: "Wollen wir nicht wieder ins Auto gehen? Es wird mir kalt hier oben."

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